Daniel Bormuth
Neue Perlen aus dem
Schatz der Bibel 52 geistliche Impulse
Inhaltsverzeichnis 1 – Stille Zeit ..................................................................................... 7 2 – Kein Multitasking.....................................................................10 3 – Bedroht – Bewahrt ...................................................................13 4 – Alter Frust und neue Lust .......................................................17 5 – Augen auf!.................................................................................20 6 – Der erste Schritt .......................................................................23 7 – Selbstverständlich! ...................................................................26 8 – Ganzer Einsatz!.........................................................................29 9 – Erholungspause ........................................................................32 10 – Heilsame Tränen ....................................................................35 11 – Ich übergeb’s meinem Anwalt ..............................................38 12 – Letzte Worte............................................................................41 13 – Eine neue Mission ..................................................................44 14 – Doppelleben............................................................................47 15 – Bewährtes Rezept ...................................................................50 16 – Helfer in der Not ....................................................................53 17 – Einfacher als gedacht .............................................................57 18 – Die große Frage ......................................................................60 19 – Automatisch ............................................................................63 20 – Vorfahrt für Kinder ...............................................................66 21 – Sehenswert ..............................................................................69 22 – Ich bin so frei! .........................................................................72 23 – Ahnungslos .............................................................................75 24 – Aufruf zum Leben ..................................................................78 25 – Leicht ent!ammbar! ..............................................................81
26 – Lauter Liebesbriefe................................................................. 84 27 – Mund auf! ............................................................................... 87 28 – Kein Recht zum Richten! ...................................................... 90 29 – Schöne Aussicht ..................................................................... 93 30 – Ganz zwanglos........................................................................ 96 31 – Einfach zum Lachen ............................................................ 100 32 – Bringen Scherben Glück?.................................................... 103 33 – Frieden auf Erden ................................................................ 106 34 – Befremdlich .......................................................................... 109 35 – Entlastung ............................................................................. 113 36 – Keine Widerrede .................................................................. 117 37 – Geschwister ........................................................................... 121 38 – Das Größte von allem.......................................................... 124 39 – Nicht wie ich will … ............................................................ 127 40 – Ich will nicht mehr! ............................................................. 130 41 – Ein Mensch, ein Wort! ........................................................ 133 42 – Mein Leben sei ein Wandern.............................................. 136 43 – Nur ein Wort! ....................................................................... 140 44 – Bewährtes Rezept ................................................................. 143 45 – Genug .................................................................................... 146 46 – Sich an den gedeckten Tisch setzen................................... 149 47 – Kraftquelle............................................................................. 152 48 – Der Freudenmeister ............................................................. 155 49 – Endlich ein Machtwort ....................................................... 158 50 – Aus lauter Lust und Freude................................................. 161 51 – Einem geht ein Licht auf ..................................................... 164 52 – Alles neu! .............................................................................. 167
Unseren Kindern C!nelius, Hanna-Maria und Emanuel
Liebe Leserinnen und liebe Leser, ich bin dankbar, dass ich nach einer ersten Veröffentlichung vor vier Jahren ein weiteres Andachtsbuch mit ähnlichem Format und Titel verfassen konnte: »Neue Perlen aus dem Schatz der Bibel«. Die darin enthaltenen 52 geistlichen Impulse wollen einmal mehr die Kraft und Schönheit des biblischen Zeugnisses vor Augen führen. In meinem Bemühen habe ich mich leiten lassen von einem Vers aus dem 119. Psalm, den mir mein Vater einst als Spruchkarte anvertraut hatte: »Ich freue mich über dein Wort wie einer, der große Beute macht« (Vers 162). Solche im guten Sinne des Wortes diebische Freude wünsche und erhoffe ich bei der Lektüre der vorliegenden Andachten. Es empfiehlt sich, diese in langsamen Schritten, am besten in wöchentlichem Abstand zu lesen. Denn eine wirklich »große Beute« will behutsam gesichtet und ausgepackt werden. Erst dann ermessen wir ihren Wert und lassen der Freude darüber ihren entsprechenden Raum. Die jeder einzelnen Andacht zugeordneten Impulse mit dem entsprechenden Gebet dienen dabei der persönlichen Aneignung und geistlichen Vertiefung des Gelesenen. Von Herzen danke ich Hannelore Mann, die sich erneut die Mühe des sorgfältigen Korrekturlesens gemacht hat, eine Hilfe von unschätzbarem Wert. Und ich danke dem Lektorat des Francke-Verlags, das mich zu einem weiteren Andachtsbuch ermutigt und den Gestaltungsprozess besonders in seiner Endphase hilfreich begleitet hat. Widmen möchte ich mein Buch unseren Kindern Cornelius, Hanna-Maria und Emanuel. Was für eine kostbare Beute uns der Schöpfer mit ihnen anvertraut hat, vermag diese persönliche Widmung nur ganz zart anzudeuten. Bad Sooden-Allendorf, im Frühjahr 2026 Daniel Bormuth
6
1
Stille Zeit Psalm 62,2
»Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft.« Verzweifelt sucht der Bauer seine Taschenuhr, ein kostbares Erbstück seines Vaters. Ihr leises, regelmäßiges Ticken begleitet ihn überall hin. Irgendwo muss sie ihm jetzt beim Strohau!aden in der Scheune aus der Jackentasche gefallen sein. Nach Stunden vergeblichen Suchens kommt sein Sohn durchs Tor, setzt die Kopfhörer ab und bietet dem Vater seine Hilfe an. Er ist sich sicher, dass er die Uhr schnell finden wird. Der Vater weiß zwar nicht so recht, ob sein Junge hier etwas ausrichten kann, lässt ihn aber schließlich gewähren. Skeptisch wartet er draußen. Aber tatsächlich, schon nach wenigen Minuten kommt dieser freudestrahlend und stolz mit der Uhr in der Hand wieder heraus und spricht: »War doch ganz einfach. Man muss sich nur solange ins Stroh legen und stille sein, bis man die Uhr leise ticken hört. Dann ist der Rest ein Kinderspiel.« 7
»Wer höret, der findet«, könnte man in Abwandlung eines bekannten Wortes Jesu hier mit Fug und Recht behaupten. Wer darin geübt ist, der kann wie dieser Junge überraschende Entdeckungen im Leben machen. Dies gilt vor allem in Bezug auf unser geistliches Leben und die kostbaren Schätze, die es hier zu finden und zu bergen gibt. Es trifft zu auf die Worte Gottes, die als Perlen aus dem reichen Fundus der Heiligen Schrift für uns bestimmt sind. Wie das Ticken einer Taschenuhr dringen sie ebenso beständig wie leise an unser Ohr und unser Herz. Christen sprechen in diesem Zusammenhang gern von »Stiller Zeit«, die sie sich nehmen, um zu beten, in der Bibel zu lesen, um auf diese Weise Gottes Stimme nachzuspüren. Und beides braucht es in unserem oft viel zu lauten und betriebsamen Alltag tatsächlich: Stille und Zeit. Wer durch einen entsprechenden Lebensstil sorgfältig und konsequent darauf achtet, dass keines davon zu kurz kommt, der gibt Gott die Ehre. Denn er schenkt ihm und seinem unaufdringlichen Reden das nötige Gehör und die angemessene Aufmerksamkeit. Aber nicht nur um Gottes willen, sondern auch um unseretwillen halten wir »Stille Zeit«. Uns tut und bekommt es nämlich gut, wenn wir unseren Schöpfer endlich zu Wort kommen lassen, statt durch das unmäßig ober!ächliche Gerede und den Lärm um uns herum abzustumpfen und unempfänglich zu werden. Wir wollen doch Kostbarkeiten finden, die von unvergänglichem Wert sind, und uns nicht mit billigem Ramsch die Ohren verstopfen lassen. Welchen Kopfhörer müssen wir also zuerst absetzen und wie viel Zeit uns zum Lauschen nehmen? Am besten so viel, bis wir fündig werden. Denn Gott tickt leise.
8
Impulsfragen: • • •
Welche Erfahrungen habe ich bisher mit der Stille gemacht? Welche Geräuschquellen möchte ich abstellen, um »das Leben wieder leise zu lernen« (R. M. Rilke)? »Wer höret, der findet.« – Wo habe ich die Wahrheit dieses Satzes in meinem geistlichen Leben entdecken können? Gebet: Lieber himmlischer Vater, lass mich stille werden vor dir, um auf dich und deine Stimme zu hören. Schenke mir dazu die nötige Ausdauer und Gelassenheit. Hilf mir zu warten, bis du redest und mir hilfst. Amen.
9
2
Kein Multitasking Lukas 10,38-42
Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist Not. Die arme Marta erscheint hier bemitleidenswert. Da kommt Jesus in ihr Dorf und sie lädt ihn zu sich ins Haus ein. Bei so seltenem Besuch ist es für sie selbstverständlich, dass sie alles auf den Kopf stellt, um ihn angemessen zu empfangen. Wer die Welt des Orients nur etwas kennt, der wird wissen, welch herausragende Bedeutung hier die Gastfreundschaft einnimmt. Und was tut ihre jüngere Schwester Maria währenddessen? Sie macht es sich bequem, vergisst die Welt um sich herum und lauscht andächtig, was Jesus zu sagen hat. Es dauert nicht lange, da platzt Marta der Kragen. Vielleicht hat sie schon zuvor demonstrativ mit dem Geschirr geklappert, um ihrem Unmut Luft zu machen und ihre Schwester zum Anpacken zu bewegen. Vergeblich. »Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir 10
helfen soll!«, fordert Marta Jesus dazu auf, ein Machtwort zu sprechen. Doch der reagiert ganz anders als erwartet: »Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe.« Die auffällige doppelte Anrede signalisiert Ernst und Dringlichkeit. Marta befindet sich offenbar in einer Gefahr, die sie selbst noch gar nicht sieht. »Viel Sorge und Mühe« hat sie und macht sie sich. Das ist typisch für sie. Ganz sauber muss das Haus sein und ein einfacher Eintopf tut es nicht, es muss schon ein mehrgängiges Menu sein. Aber das viele, das Marta sich vornimmt, wird schnell zum allzu vielen. Der hohe Anspruch an sich selbst lässt die Dinge, an die es zu denken gilt, immer länger werden. Sorge, Unruhe und das Gefühl des ständigen Getriebenseins nehmen schnell überhand. Maria hingegen ist ein Bild der Ruhe und Gelassenheit. P!ichtvergessen sitzt sie Jesus zu Füßen und ist ganz Ohr. Ist uns dieser Anblick sympathisch oder ärgern wir uns darüber? Jesus jedenfalls ergreift hier eindeutig für die jüngere der beiden Schwestern Partei: »Eins aber ist Not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.« Entscheidend ist das Wort »Eins«. Es steht in bewusstem Kontrast zu dem vielen, was sich Marta au!ädt. Ich kann und soll immer nur eines tun und das mit voller Hingabe. Maria hat sich in dieser Situation dazu entschieden, ungeteilt bei Jesus zu verweilen und ihm zuzuhören. Marta hingegen ist gespalten und zerrissen. Ihr ist Jesus wichtig. Darum hat sie ihn eingeladen. Aber am Ende hat die arme Frau gar keine Zeit für den, den sie doch offenbar gern mag. Vor lauter P!ichtgefühl kann sie nicht einmal in seiner Gegenwart von ihrer Betriebsamkeit lassen. Die viel gepriesene Tugend des Multitasking ist jedenfalls kein Ideal, das Jesus hochhält. Eins nur gilt es zu tun, nicht mehrerlei gleichzeitig.
11
Was das eine konkret ist, lässt Jesus bewusst offen. In diesem Fall ist es das Hören und Beten, die Kontemplation. In einem anderen Fall ist vielleicht gerade das Gegenteil dran: tätige Nächstenliebe, beherztes Zupacken, die Aktion. Dies lehrt die Geschichte vom Barmherzigen Samariter, die nicht zufällig dieser Erzählung vorangeht (Lukas 10,25-37). Entscheidend ist allein, dass wir das, was die Situation jeweils verlangt, ungeteilt verrichten, im Hören also ganz Ohr, im Ruhen ganz Ruhe, im Tun ganz Tat sind. Wer es lernt, ganz bei der Sache zu sein, der hat nach Jesu Worten »das gute Teil« erwählt. Es wird ihm – und seiner Umwelt – wirklich guttun. Impulsfragen: • • •
Kenne ich Begebenheiten, in denen ich ganz in meinem Tun aufgehe? Wann und warum stellt sich ein Gefühl des Zerrissen- und Getriebenseins bei mir ein? Wie kann ich mich darin üben, nur eines zu tun und anderes bewusst zu lassen? Gebet:
Lieber himmlischer Vater, du bist kein Freund des zweigeteilten Lebens und siehst uns nicht gern zerrieben und auf der Flucht. Der du selbst der eine Gott bist, ganz und ungeteilt, hilf auch uns, eins mit uns und dem zu werden, was gerade dran ist. Amen.
12
3
Bedroht – Bewahrt Lukas 22,31-32
Simon, Simon, siehe, der Satan hat begehrt, euch zu sieben wie den Weizen. Ich aber habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre. Und wenn du dereinst dich bekehrst, so stärke deine Brüder. »Bedroht – Bewahrt« – so lautet der Titel der Autobiografie Gottfried Bermann-Fischers, dem in seinem bewegten Leben als Buchverleger während der Nazizeit beides widerfuhr. Dieses Bekenntnis fasst prägnant zusammen, was Jesus den Jüngern kurz vor seiner eigenen Verhaftung anvertrauen möchte. Dabei ist die Situation nicht nur für ihn, sondern auch für seine engsten Gefolgsleute dramatisch. An ihren Anführer Simon, der deswegen auch den Beinamen Petrus (zu Deutsch: Fels) erhält, richtet Jesus deshalb auch stellvertretend für alle das Wort. Die doppelte Namensanrede signalisiert bereits höchste Dringlichkeit. Treue und Mut stehen jetzt auf dem Prüfstand. Kein 13
Geringerer als der Böse selbst, der Satan, wird jetzt alles dafür tun, um die Jünger als völlig ungeeignet für künftige Aufgaben zu erweisen. Sie sollen nach seinem Willen der Menge derer gleichen, die sich während des Leidensweges Jesu schnell und enttäuscht von ihm abwenden. Erschütternd ehrlich berichten uns die Evangelien, wie sich die Jünger dann auch tatsächlich in der Passion verhalten. Im Garten Gethsemane schlafen sie, anstatt mit Jesus zu wachen und zu beten; bei seiner Gefangennahme ergreifen sie die Flucht; unter dem Kreuz fehlen sie ganz. Hat Satan also sein Ziel erreicht? Ist es ihm gelungen, die Spreu vom Weizen zu trennen, indem er die Untauglichkeit der Jünger schonungslos aufdeckt? Jesus ist anderer Meinung. Betend tritt er für die Jünger ein, besonders für Petrus. Denn ausgerechnet er, ihr Kopf, erlebt den tiefsten Fall von ihnen. Blind für die Gefährdung seiner eigenen Standfestigkeit verspricht er vollmundig, sogar mit Jesus sterben zu wollen. Jesus sagt ihm hingegen prophetisch voraus, dass er nicht weniger als dreimal abstreiten wird, ihn überhaupt zu kennen. Jesu Gebet bewahrt weder ihn noch die anderen vor dem völligen Versagen. Es erspart Petrus nicht den jähen Absturz aus seiner übergroßen Selbstgewissheit. Bittere Tränen der Scham werden noch !ießen, wenn der Jünger beim Krähen des Hahns an Jesu Worte erinnert wird. Und trotzdem erweist sich in dieser dunklen Stunde das Gebet Jesu stärker als die Macht des Satans. Denn sein Scheitern wird Petrus nicht von Jesus forttreiben, sondern umso mehr zu ihm hinziehen. Der in der Stunde der Versuchung so jäh zerplatzte Traum von eigener Stärke und Standfestigkeit wird seinem Leben eine völlig neue und völlig entgegengesetzte Ausrichtung geben. Jesus nimmt diese entscheidende Weichenstellung voraus, wenn er Petrus prophezeit: »Wenn du dereinst dich bekehrst.« In der Tat wird Petrus sich zu einem ganz anderen Menschen wandeln. 14
Das unbedingte Vertrauen auf sich selbst wird ihm über seiner Schuld vergehen, der Glaube hingegen an den, der um sein Versagen weiß und ihn dennoch liebt, wird in ihm von Neuem erwachen. Dieser Glaube wird Petrus einmal zu Großem befähigen. Er wird in der Lage sein, seine Schwestern und Brüder zu »stärken«, wie Jesus ihm aufträgt. Er wird sie gerade dadurch stärken, dass er sich zu seiner Schwäche bekennt. Erst sie hat ihm die Augen dafür geöffnet, wie groß die Macht der Vergebung Jesu ist. Konkret erfährt er sie, als sich ihm Jesus am Ostermorgen erneut zeigt und zuwendet. Derjenige, der Jesus am meisten enttäuscht hat, ist zugleich derjenige, dem der auferstandene Herr vor allen anderen Jüngern als Erster begegnet (1. Korinther 15,5). Petrus wird sich so tatsächlich als »Fels« erweisen. Er wird anderen nicht trotz, sondern wegen seines Scheiterns Halt im Glauben geben. Die Alten sprachen in diesem Zusammenhang von der »felix culpa«, der glücklichen Schuld. Sie erst treibt uns voller Tränen über das eigene Versagen in Jesu Arme und entfacht unser Zutrauen zu ihm. Wie bedroht unser schwacher Glaube auch sein mag, Jesu Gebet bewahrt uns. Impulsfragen: • • •
Kenne ich Situationen in meinem Leben, in denen mir mein Glauben zu entschwinden drohte? Jesus – mein Anwalt: Wo möchte ich mich von Neuem der Kraft seiner Fürbitte und seines Beistands anvertrauen? Wie kann gerade auch mein Versagen dazu beitragen, andere in ihrem Glauben zu stärken? Wo habe ich solche Stärkung selbst erlebt?
15
Gebet: Herr Jesus Christus, beständig trittst du für mich und meinen so bedrohten Glauben ein. Auf dein Gebet vertraue ich. Bewahre mich vor dem Bösen. Amen.
16
4
Alter Frust und neue Lust 4. Mose 11,4b-17
»Und auch Mose verdross es.« So ist es tatsächlich von dem großen Anführer Israels überliefert. Aber wer die Geschichte liest, der wird den Verdruss dieses Gottesmannes gewiss verstehen. 40 Jahre führt er das Volk allein durch die Wüste und erntet dabei nichts als Undank und Nörgelei. In diesem Fall geht es um die als eintönig empfundene Kost, mit der das Volk täglich treu versorgt wird. Es hat das Manna mit einem Mal satt und sehnt sich stattdessen nach den vermeintlich guten alten Zeiten in Ägypten zurück, als es noch Obst und Gemüse in Hülle und Fülle gab. Dabei vergessen die Israeliten völlig, dass sie dort als Sklaven harte Frondienste leisten mussten und sich nichts sehnlicher als die Freiheit wünschten. Aber mit dem Geschenk der Freiheit wissen sie nichts anzufangen und sehen stattdessen nur auf das, was momentan fehlt: ein abwechslungsreicherer Speiseplan. Mose muss sich ihr Gejammer täglich von Neuem anhören, aber nicht nur vereinzelte Stimmen, nein, »alle Geschlechter miteinan17
der, einen jeden in der Tür seines Zeltes«, wie es ausdrücklich heißt (Vers 10). Kein Wunder, dass er völlig zermürbt ist. Dabei behält er seine tief sitzende Frustration nicht für sich. Er klagt Gott seinen Kummer. Dabei nimmt er kein Blatt vor den Mund, sondern fragt stattdessen vorwurfsvoll: »Hab ich denn all das Volk empfangen oder geboren?« (Vers 12). Ja, er geht sogar so weit, dass er Gott bittet, ihn lieber auf der Stelle sterben zu lassen, als noch einen Tag länger dieses Elend ertragen zu müssen. Mose wirft die Brocken unmissverständlich hin, aber – und das ist das Entscheidende – er wirft sie Gott vor die Füße. Und Gott? Wie reagiert er in dieser zugespitzten Situation? Wirklich beachtlich! Zunächst einmal hört er Mose zu, lässt ihn ausreden, fällt ihm nicht ins Wort, erträgt auch die ganze Wut, die ihm durch seinen abgekämpften Gefolgsmann entgegenschlägt. Darüber sieht er ein, dass es so tatsächlich nicht weitergehen kann. Gott ist eben kein strenger, unerbittlicher Vorgesetzter, der kein kritisches Wort zulässt und gleich zurückblafft: »Stell dich nicht so an, das ist normale Härte!« oder gar »Wenn du, Mose, nicht mehr willst, dann gibt es genügend andere, die gerne bereit sind, deinen Leitungsposten zu übernehmen. Du bist jederzeit ersetzbar.« Gott hat nicht nur Verständnis für Moses Überforderung, er verschafft ihm auch spürbar Abhilfe. Er ist ein Gott der Tat, der nicht nur von notwendiger Entlastung redet, sondern sie gleich gewährt – und zwar dauerhaft und langfristig. 70 Älteste soll Mose aus dem Volk berufen. Sie sollen künftig mit Mose gemeinsam die Last der Verantwortung für das Volk tragen. Und damit nicht am Ende doch wieder alles an Mose hängen bleibt, werden diese Ältesten mit dem gleichen Amtscharisma wie Mose ausgestattet. Gottes Geist, der bisher allein auf Mose ruhte, wird unter ihnen geteilt. Und mit diesem Geist ruht auch die Leitung des Volkes künftig nicht länger nur auf einer, sondern auf vielen Schultern. 18
Und Mose? Seine Reaktion ist nicht weniger beachtlich. Er lässt sich helfen. Er gibt Verantwortung ab. Er gesteht anderen zu, dass sie in gleicher Vollmacht und Kompetenz das Führungsamt mit übernehmen. Er muss nicht länger derjenige sein, bei dem alle Fäden zusammenlaufen und der letztlich allein alles richtet. Wie oft stöhnen wir wie Mose darüber, dass alles zu viel ist, aber wenn uns dann wirklich Hilfe angeboten wird, weisen wir sie stolz und eigensinnig ab. Mose weist uns einen anderen Weg, einen vielversprechenden Weg, der tatsächlich zum Ziel führt. Am Ende steht nicht der Frust, sondern neue Lust. Impulsfragen: • • •
Kenne ich Situationen, in denen ich mich überfordert fühle und nicht mehr weiter kann und will? Kann ich mir meine Leere eingestehen und traue ich mich, sie Gott gegenüber offen zu beklagen? Wo steht spürbare Hilfe längst vor meiner Tür und ich zögere noch, tatsächlich Verantwortung abzugeben? Gebet: Barmherziger, menschenfreundlicher Gott, hilf mir, mich dir mit allem, was auf mir lastet, anzuvertrauen. Stelle du mir Menschen an die Seite, die mit mir tragen und mich so entlasten. Erfülle mich und meine Mitmenschen erneut mit der belebenden Kraft deines Geistes. Amen.
19
5
Augen auf! Psalm 119,18
»Öffne mir die Augen, dass ich sehe die Wunder an deinem Gesetz.« »Augen auf!« – Diese häufigen Worte meines Fahrlehrers haben gewiss nicht nur im Straßenverkehr ihre Berechtigung, wenn es darum geht, möglichst vorausschauend zu fahren. Sie gelten auch immer wieder für unser Glaubensleben, für die P!ege unserer Frömmigkeit, besonders für unser Bibellesen. Hier gibt es in der Tat vieles zu sehen und zu beachten. Der Beter des 119. Psalms führt uns in immer neuen Anläufen das Erstaunliche der Heiligen Schrift vor Augen, die er als Gesetz, hebräisch Tora, bezeichnet. Dieser längste aller Psalmen mit seinen stolzen 176 (!) Versen trägt die passende Überschrift: »Die Herrlichkeit des Wortes Gottes«. Um diese wirklich zu entdecken und zu ermessen, bedarf es offener Augen, um die der Psalmist Gott an!eht: »dass ich sehe die Wunder an deinem Gesetz«. 20
Selbst ein so überzeugter Atheist wie der Schriftsteller Bertolt Brecht konnte seine Augen nicht vor dessen Wundern verschließen. Auf die Frage nach seinem Lieblingsbuch antwortete er frei heraus: »Sie werden lachen, die Bibel.« Doch was macht die Bibel auch zu meinem Lieblingsbuch? Wodurch wird sie mir tatsächlich zur Heiligen Schrift, also zu einem herausragenden, unvergleichlichen Wort? Zwei Pfade möchte ich hier einmal legen, die uns beim eigenen Betreten Wunderbares entdecken lassen. Der erste führt uns zu den vielen Mutmachgeschichten, die uns die Bibel erzählt. Gelähmte werden aufgerichtet und gehen, Blinde sehen wieder, ein versklavtes Israel entkommt dem Tyrannen, ein Hirtenjunge besiegt einen Riesen, ein feiger, gestrauchelter Jünger wird nicht etwa von Jesus verstoßen, sondern darf ganz neu anfangen und, und, und. Ich kenne viele von ihnen vielleicht schon gut und lese sie trotzdem, als hörte ich sie zum ersten Mal. Ich versetze mich in ihre Figuren hinein und entdecke in ihnen meine eigene Geschichte. Durch diese einfache Identifikation erwächst mir ungeahntes Zutrauen. Als ich meiner Mutter sehnsüchtig den Wunsch nach einem weiteren Geschwisterchen vortrug, wiegelte sie ab mit dem Hinweis auf ihr Alter. Doch diesen Einwand ließ ich nicht gelten und konterte: »Aber Sara, Abrahams Frau, war noch viel, viel älter und brachte noch Isaak zur Welt.« Sicherlich, kindlich-naive Einfalt drückt sich hier aus, aber gerade sie zeigt, wie be!ügelnd biblische Mutmachgeschichten wirken. Sie öffnen uns ganz neue Horizonte. Ein weiterer Weg, den ich beschreiten kann, bringt mich dazu, der tiefen Menschlichkeit vieler biblischer Gestalten nachzuspüren. »Hier siehst du allen Heiligen ins Herz«, urteilt Luther über die Art und Weise, wie diese dargestellt werden. Wir lesen immer wieder von ihrer Müdigkeit und Frustration, ihrer Angst und Verzagtheit, von Zweifeln bis hin zu völligem Lebensüberdruss. »Wer von den Großen der Bibel ist krisenfrei und fehlerlos durchs Leben gekom21
men? Gibt es nur einen unter ihnen, der ein leichtes Leben gehabt hätte oder ein p!egeleichter Charakter gewesen wäre?«, fragt der Theologe Reinhard Deichgräber mit Recht. Zum Glück für uns wird sich da keiner und keine finden. Gerade das erschütternd Menschliche, Allzumenschliche, wie es uns schonungslos offen in der Heiligen Schrift begegnet, erlöst uns von der zwanghaften Vorstellung, dass Abstürze, Tiefs oder Durststrecken in meinem Christsein nicht sein dürften. Der Bibel sei Dank, braucht auch in meinem Leben nicht alles zu glänzen. Ich kann mich als gläubiger Mensch mit meiner Normalität und Durchschnittlichkeit anfreunden und versöhnen. Ist diese befreiende Einsicht nicht ebenfalls ein Wunder, für das mein oft so getrübter Blick erst geöffnet werden muss? Augen auf, also! Es lohnt sich. Impulsfragen: • • •
Welches sind meine Lieblingsgeschichten oder -verse aus der Bibel? Aus welchen schöpfe ich viel Mut und Zutrauen, welche von ihnen sprechen mich aufgrund ihrer tiefen Menschlichkeit besonders an? Was kann mir dabei helfen, mit Ausdauer und Freude Neues in der Bibel zu entdecken? Gebet: Lieber himmlischer Vater, wir danken dir für die vielen ermutigenden und tröstlichen Geschichten aus der Bibel. Öffne uns für ihre Wunder von Neuem die Augen; zeige uns, wie wir uns in diesen Geschichten immer wieder selbst finden und entdecken können. Amen.
22