Irene Hannon
Wer die
Zweifel sät
1 Das war merkwürdig. Als Lindsey Barnes ihr Auto die imposante Auffahrt hinauflenkte, die zu dem vornehmen Haus ihrer Kundin führte, ging sie vom Gaspedal und musterte den leeren Stellplatz in der Garage, in der drei Wagen Platz fanden. Dort stand sonst immer der Wagen von Heidi Robertson. Sie und ihr Mann waren ein äußerst erfolgreiches Zweierteam. Nur, warum hatte sie nicht das Garagentor geschlossen, wenn sie doch nicht zu Hause war? Egal – Lindsey war es ganz recht, dass sie nicht da war. So würde es einfach sein, schnell hineinzulaufen, ohne dass jemand etwas davon erfuhr, um sich die Tasche mit ihren Küchenmessern zu schnappen, die sie gestern hier vergessen hatte. Es sei denn, der Ehemann war zu Hause. Aber das war unwahrscheinlich. Denn bei ihrem Einstellungsgespräch vor vier Monaten, als sie sich auf die Stelle als Privatköchin beworben hatte, hatte Heidi ihr gesagt, dass ihr Mann als Chef einer Immobilienentwicklungsfirma rund um die Uhr im Einsatz war und quasi im Büro lebte. Also war es wahrscheinlich eine Sache von wenigen Minuten – in die Küche gehen, die Messer holen und wieder raus. Trotzdem fuhr Lindsey an der Garage vorbei nach hinten, wo die Angestellten parkten. Wenn Heidi während dieses kurzen Besuchs zurückkommen sollte, würde sie nicht begeistert sein, ein Auto zu sehen, das hier nicht hingehörte. Die Dame des Hauses mochte es, wenn man ihren Anweisungen ganz genau Folge leistete – eine Lektion, die sie in einer scharf formulieren E-Mail gelernt hatte: Die neue Köchin hatte nämlich bei der Anleitung zum Aufwärmen des Essens vergessen, Mrs Robertsons bevorzugte Schriftart zu verwenden. 7
Lindsey verdrehte die Augen und bog um die Garage. Zum Glück hatte sie mit der Frau – abgesehen von den E-Mails zur Menüplanung – nichts zu tun. Sie musste nur einmal die Woche in der Küche erscheinen, ihr Ding machen und dann wieder gehen. Außerdem bezahlten die Robertsons ihre Rechnungen pünktlich – ein wichtiger Aspekt, wenn man noch dabei war, das eigene Unternehmen aufzubauen, und die Liquidität manchmal ein Problem war. Lindsey parkte ihren alten Ford Focus neben einem Pick-up, auf dem der Name Baugeschäft Allen prangte. Chad musste irgendwo auf dem Grundstück sein. Lindsey gönnte es ihm. Nach all dem, was Chad durchgemacht hatte, verdiente er jeden guten Auftrag, den er an Land ziehen konnte. Lindsey zog die Handbremse an, griff zum Handy und rief Heidi an. Wie bei ihrem ersten Versuch vor einer halben Stunde sprang sofort die Mailbox an. Aber Heidi hatte gesagt, sie solle einfach hineingehen, wenn sie kam – und Lindsey brauchte diese Messer. Außerdem hatte die Frau ihr versichert, dass keiner der Robertsons sich freiwillig in der Küche aufhielt. Sie steckte ihr Handy weg, öffnete die Wagentür und stieg aus. Der leise Klang von Popmusik drang vom Pool herüber und sie hörte den gleichförmigen Beat durch die für Anfang November ungewöhnlich kalte Luft pulsieren. Offenbar hatte Chad heute dort zu tun. Lindsey schob die Hände in die Taschen ihres wattierten Steppmantels, der ihr fast bis ans Knie reichte, und beschleunigte ihre Schritte. Der hellen Mittagssonne war es kaum gelungen, die vorwinterliche Kälte in St. Louis zu durchdringen, und nach Jahren in dem milderen Klima von South Carolina hatte Lindsey sich hier auch nach achtzehn Monaten noch nicht an die strengen Temperaturen gewöhnt, die hier im Herbst und Winter herrschten. Am Hintereingang kramte sie ihren Schlüssel hervor, steckte ihn ins Schloss und machte sich bereit, den Sicherheitscode einzugeben. Aber das hohe Fiep, Fiep, Fiep, das sonst immer er8
klang, blieb aus, als Lindsey den Türknauf drehte und das Haus betrat. Hm. War doch jemand zu Hause? Sie blieb auf der Schwelle stehen und lauschte. Alles war still. Vielleicht hatte Heidi vergessen, die Alarmanlage einzuschalten. Oder sie könnte sie extra deaktiviert haben, wenn Chad auch im Haus etwas machen sollte. Während sie in Gedanken die Rezepte durchging, die sie an diesem Nachmittag für eine Kundin zubereiten sollte, eilte sie durch den großen Hauswirtschaftsraum, vorbei an der Gästetoilette und weiter in die geräumige Küche mit ihren Granitarbeitsflächen und Hightecgeräten. Lindsey vermutete, dass dort nur an den Tagen, an denen sie hier war, vernünftig gekocht wurde. Obwohl … Sie blieb stehen und schnupperte. Der unverkennbare Geruch von verbranntem Brot – gemischt mit einer anderen, schwachen Note, die wegen des stärkeren Geruchs nicht klar zu erkennen war – ließ vermuten, dass jemand gerade erst den Toaster benutzt hatte. Lindsey warf einen Blick auf die Kücheninsel und die Spüle. Genau. Ein Teller mit Krümeln darauf stand neben dem Spülbecken. Aber die Küche der Robertsons aufzuräumen, stand heute nicht auf Lindseys To-do-Liste. Sie ging zur Kochinsel, wo sie immer die Speisen zubereitete. Und gestern waren das viele gewesen dank des komplizierten Menüs, für das Heidi sich entschieden hatte. Aber alle Zutaten vorab zu hacken, zu schneiden, zu schälen und zu reiben, war ausgesprochen effizient. Eine der vielen wertvollen Lektionen, die Lindsey bei ihrer Ausbildung zur Köchin gelernt hatte. Sie suchte die lange Arbeitsfläche neben der Spüle ab. Keine Messertasche. Lindsey stützte die Hände in die Hüfte und sah sich einmal im ganzen Raum um. Ah. Da war sie ja. In der Kaffeeecke hinter der zweiten Kücheninsel mit den hohen Hockern, die als Frühstücksbar fungierte. Sie musste die Tasche beim Saubermachen dort hingelegt haben. 9
Mit lautlosen Sneakern auf dem gefliesten Fußboden eilte sie durch den Raum. Den Umweg hierher hätte sie sich gern erspart. Er raubte ihr wertvolle Zeit für ihre nachmittäglichen Kochaktivitäten. Aber eine Köchin ohne ihre Messer war wie ein Chirurg ohne sein Skalpell. Lindsey bog um die zweite Kücheninsel und ging auf die Kaffeebar zu – doch dann blieb sie wie angewurzelt stehen, während ein Schrei aus ihrer Kehle aufstieg. Zwischen der großen Kücheninsel und der Spüle lag ein Mann bäuchlings auf dem Boden, sein Kopf war zur Seite gedreht und der leere Blick genau auf Lindsey gerichtet. Unter seinem Oberkörper hatte sich eine rote Blutlache auf den weißen Fliesen ausgebreitet. Neben ihm lag ein halb gegessener Bagel. Nach den Fotos, die sie bei ihren Internetrecherchen über das Ehepaar gefunden hatte, handelte es sich hier um James Robertson. Und er war tot. Aber nicht nur das. Das Blut ließ vermuten, dass er keines natürlichen Todes gestorben war. Lindsey griff nach der Arbeitsplatte, um sich festzuhalten. Sie musste den Notruf betätigen. Und das würde sie auch tun. Sobald der Raum sich nicht mehr drehte und sie … In diesem Augenblick wurde die Spülung der Gästetoilette betätigt. Während Lindseys Gehirn die Fakten verarbeitete, überkam sie der nächste Schock. Die Person, die für James’ Ableben verantwortlich war, musste noch hier sein. Und der Mörder befand sich zwischen ihr und dem Hinterausgang. Mit stockendem Herzen sah sie sich in der Küche um. Konnte sie zur Haustür rennen? Versuchen zu … Der Knauf der Badezimmertür drehte sich und Panik presste alle Luft aus Lindseys Lunge. Zu spät. Sie saß in der Falle. Ihrem Instinkt folgend sank sie auf die Knie, schob die letzten beiden Hocker enger zusammen und kroch unter die Kücheninsel. Bitte, Gott, lass ihn mich nicht finden! Während diese Bitte um Bewahrung in einer Dauerschleife 10
durch ihren Kopf jagte, machte Lindsey sich so klein wie möglich und versuchte, etwas zu erkennen. Eine Gestalt betrat die Küche, aber ein langer Mantel, eine Skimaske, Latexhandschuhe und Stiefel waren die perfekte Tarnung. Als die Person auf sie zukam, hörte Lindsey auf zu atmen. Der Mörder bog um das Ende der anderen Kücheninsel. Blieb stehen, als etwas polternd zu Boden fiel und in Lindseys Richtung über den Boden glitt. Weniger als einen Meter von ihr entfernt blieb der Gegenstand liegen. Lindsey erstarrte, als der Killer näher kam, sich bückte und etwas Glänzendes aufhob. Mit ausgestrecktem Arm hätte sie ihn fast berühren können. Er ging zu dem Toten. Von ihrem Versteck aus konnte Lindsey nur sehen, dass die Person eine Jeans trug und mit der Stiefelspitze die Leiche berührte. Keine Reaktion, als James’ tote Augen sie anstarrten. Jeder Nerv in Lindseys Körper vibrierte, als sie eine Hand in Richtung eines Regals ausstreckte und sich ihre zitternden Finger um den Rand einer Kristallvase krallten, die mehr als viertausend Dollar gekostet hatte. Heidi hatte sie ihr bei der Hausbesichtigung gezeigt. Aber da ihre Messer auf der Kaffeebar lagen, also außer Reichweite waren, war das teure Schmuckstück die einzige Waffe, die ihr zur Verfügung stand. Besser, den Zorn ihrer Klientin zu riskieren, wenn sie das Teil zertrümmerte, als den sicheren Tod, wenn der Killer sie entdeckte und sie sich nicht verteidigen konnte. Im besten Fall hatte der Mörder seinen Auftrag erledigt und verschwand durch den Hinterausgang. Wenn der Täter jedoch noch andere Dinge im Haus machen wollte … wenn er an der Kücheninsel und damit an Lindseys Versteck vorbeiging … dann würde sie auffliegen, egal, wie klein sie sich machte. Und wenn das geschah, würde ihre Karriere als Privatköchin abrupt enden. Und ihr Leben auch.
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W Detective Jack Tucker vom Bezirk St. Louis hob das gelbe Absperrband hoch, das um das riesige Anwesen gezogen worden war, um es als Tatort zu kennzeichnen, und ging auf den Polizeibeamten zu, der als Erster hier gewesen war. Meyers drehte sich zu ihm um, als er näher kam. »Sie waren aber schnell.« »Ich war in der Nähe, als der Sergeant sich gemeldet hat.« Leider. Eine halbe Stunde später wäre er meilenweit von diesem schicken Viertel entfernt gewesen und hätte zu Hause die Füße hochgelegt. Das hätte er definitiv lieber getan, nachdem er wegen einer Schießerei in einem Einkaufszentrum, bei der ein Mensch ums Leben gekommen und drei weitere verletzt worden waren, achtzehn Stunden am Stück im Einsatz gewesen war. Aber bei seinem Job gab es keine festen Arbeitszeiten. »Da haben Sie aber das große Los gezogen.« Ach was. Bei Tatorten, die nach Macht und Geld rochen, war das Interesse der Öffentlichkeit groß. Zweifellos würde die Presse jeden Augenblick eintreffen. »Dann erzählen Sie mal.« Er hörte zu, während der uniformierte Beamte ihm die wichtigsten Eckdaten nannte und die beiden Berichte, die er aufgenommen hatte, zusammenfasste. Einen von der Frau, die das Verbrechen gemeldet hatte, den anderen von dem Handwerker, der sich zeitgleich auf dem Grundstück aufgehalten hatte. »Wo sind die beiden?« »Die Frau sitzt in meinem Wagen. Sie ist ziemlich erschüttert.« Er zeigte auf seinen Streifenwagen, der am Rand der geschwungenen Auffahrt parkte, die zu der riesigen Villa führte. »Der Typ wollte lieber draußen warten, trotz der Kälte. Er ist auf der Terrasse. Auch erschüttert, aber anders.« Jack wurde hellhörig. Nach mehr als zwei Jahrzehnten auf der Straße konnte Meyers die Leute gut einschätzen. »Das müssen Sie mir erklären.« 12
Der Polizist zuckte mit den Schultern. »Erschrocken ist vielleicht zutreffender. Ich habe ihn überprüft und er ist sauber. Aber er wirkt ziemlich nervös. Könnte eine normale Reaktion darauf sein, dass er plötzlich mitten in einem Mordfall steckt, vielleicht aber auch mehr. Das zu untersuchen, fällt nicht in meine Zuständigkeit. Dafür ist eine andere Gehaltsklasse verantwortlich.« Er grinste. »Danke für die Infos.« »Gern geschehen. Soll ich den Streifenwagen aufschließen?« Er zog seinen Schlüssel heraus. »Noch nicht. Ich will erst eine kurze Runde drehen.« »Machen Sie am besten schnell, bevor Hank Sie in die Finger kriegt.« Er zeigte auf den Wagen der Spurensicherung, der gerade mit quietschenden Reifen viel zu schnell um die Ecke gebogen kam. Ja, das war Hank. Der mürrische Kollege war der einzige Ermittler der SpuSi, der wie ein Henker fuhr. Wäre er nicht so gut in seinem Job gewesen, hätten sie ihn schon vor Jahren gefeuert, weil er ständig irgendwelche Fahrzeuge lädierte – und wegen seiner nicht vorhandenen sozialen Kompetenz. »Alles klar. Halten Sie Hank auf, wenn Sie können.« Meyers schnaubte. »Ich kann’s versuchen, aber an Ihrer Stelle würde ich mich nicht darauf verlassen.« Jack begab sich im Laufschritt zum Haus und blieb am Hintereingang stehen, um sich ein Paar Überschuhe und Einmalhandschuhe anzuziehen. Als er das Haus betrat, war alles still. Kein Wunder. Die Beamten, die das Gelände abriegelten, waren so schlau, nicht in dem Gebäude herumzulaufen und den Tatort zu verunreinigen. Zwei Polizisten bewachten die Küche und unterhielten sich leise. Jack nickte ihnen zu und ging dann um die Kücheninsel herum. Das Szenario war genau so, wie Meyers es ihm beschrieben hatte, und wenn die Frau, die das Verbrechen gemeldet hatte, 13
recht hatte, war das Opfer der Besitzer des Hauses. Eine Brieftasche würde dabei helfen, das zu bestätigen, aber bis jemand von der Gerichtsmedizin kam und Hank die Spuren am Tatort gesichert hatte, war es sicherer, die Leiche nicht anzufassen. Jack griff zu seinem Handy. Heutzutage war jeder im Internet zu finden. Vor allem einflussreiche Leute, die in Anwesen wie diesem hier wohnten. Identität bestätigt. Bei der Leiche handelte es sich um James Robertson. Vorsichtig näherte Jack sich der Leiche. Eine Mordwaffe lag offensichtlich nicht herum, aber die Menge an Blut ließ auf eine Stich- oder Schusswunde im Bauch schließen. Nachdem er die Blicke kurz über die restliche Küche hatte schweifen lassen, winkte er einen der Beamten zu sich und ging mit ihm durch das Haus. Nichts außer dem Schlafzimmer ließ irgendwelche Alarmglocken schrillen. Dort waren Kommodenschubladen herausgezogen, ein paar Kleidungsstücke lagen unordentlich auf dem Boden und die Tür des begehbaren Kleiderschranks war leicht geöffnet. Jack trat näher. Die Türen eines frei stehenden Schmuckschränkchens standen offen und viele der Haken im Innern waren leer. Es war möglich, dass der Eigentümer des Hauses einen Räuber überrascht hatte und … Stimmen drangen aus der Nähe der Küche herüber und Jack ging dorthin zurück. Als er eintrat, funkelte Hank ihn an. »Ich hoffe, Sie versauen mir nicht meinen Tatort.« »Würde mir nicht im Traum einfallen. Ich habe Überzieher und Handschuhe an.« Er hob einen Fuß und wackelte mit den Fingern. »Hmpf.« Hank nahm eine Baseballkappe aus seinem Koffer und zog sie auf. »War Lacey schon hier?« »Ich habe sie nicht gesehen.« Aber seiner Erfahrung nach würde die Pathologin nicht mehr lange auf sich warten lassen. »Dann muss ich um die Leiche rumarbeiten.« »Sie könnten im Schlafzimmer am Ende des Ganges anfan14
gen.« Jack deutete in die entsprechende Richtung. »Da gab es Aktivitäten.« »Haben wir schon einen Durchsuchungsbeschluss?« »Ist in Arbeit.« Hank nahm seine Tasche und schob sich an Jack vorbei. »Verschwinden Sie, wenn Sie fertig sind. Ich will keine Verunreinigung hier drin. Sie auch.« Im Vorbeigehen bohrte er einem der Beamten den Zeigefinger in die Brust. »Wir brauchen keine zwei von euch.« Der Mann wartete, bis Hank im Flur verschwunden war, bevor er sich an seinen Kollegen wandte. »Tja, ich bin rausgeflogen. Dann stell ich mich mal draußen vor die Tür, wenn du dem Kerl Gesellschaft leisten willst.« Er deutete mit dem Daumen in die Richtung, in die Hank gegangen war. »Na, vielen Dank.« »Ich bin dann auch mal weg.« Jack ging zum Hintereingang. »Leute befragen.« Er trat ins Freie, streifte seine Schutzkleidung ab und ging anschließend um das Haus herum. Nachdem er Blickkontakt zu Meyers hergestellt hatte, gab er ihm ein Zeichen, den Streifenwagen aufzuschließen. Der Beamte war vor ihm am Fahrzeug. Die hintere Tür ging auf und eine Frau in den Dreißigern stieg aus. Jack verschaffte sich einen schnellen, aber gründlichen Eindruck. Sie war schlank, etwa zwanzig Zentimeter kleiner als er selbst mit seinen eins achtzig – und umwerfend. Nicht einmal ihre blasse Haut oder ihr rotbraunes Haar, das zurückgekämmt war und im Nacken von einer Spange zusammengehalten wurde, konnte von den feinen Zügen, den vollen Lippen und den hohen Wangenknochen ablenken, die sie zu einer klassischen Schönheit machten. So eine Köchin hatte er noch nie gesehen. Aber das Aussehen konnte täuschen. Also ging er auf sie zu, wie er es bei jeder anderen Person an einem Tatort machte – mit einem gesunden Maß an Misstrauen. 15
Als er näher kam, trat Meyers zurück. »Ms Barnes, ich bin Jack Tucker vom zuständigen Bezirksbüro für Gewaltverbrechen.« Er streckte ihr die Hand hin. Anstatt sie zu ergreifen, öffnete sie die Lippen ein wenig und starrte ihn an, ihre Augen ein wenig getrübt. Nachwehen? Würde sie ohnmächtig werden? »Sie können sich ruhig wieder hinsetzen, wenn Sie wollen.« Jack trat vor, um ihren Arm zu nehmen und ihr ins Auto zu helfen. »Nein.« Sie wich vor ihm zurück. »Nein. M-mir geht es gut.« Das war gelogen. Sie zitterte am ganzen Körper und jetzt war sie noch blasser als vorher. »Ich würde mich gerne kurz mit Ihnen unterhalten. Sollen wir uns einen wärmeren Ort suchen?« »Hier ist gut. Aber ich habe dem Beamten schon alles erzählt, was ich weiß.« Als er die Kälte in ihrer Stimme hörte, musterte Jack sie. Angst … Unsicherheit … Nervosität … all diese Emotionen waren in einer solchen Situation verständlich. Aber was hatte diese subtile Feindseligkeit ausgelöst? Wieder etwas, das ihn misstrauisch machte. »Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich es gerne von Ihnen selbst hören.« Er zog Notizbuch und Stift heraus und unterdrückte ein Frösteln, als ein eisiger Windstoß vorbeiwehte. Mann, für diese Art Kälte war es doch noch viel zu früh. »Erzählen Sie mir, warum Sie heute hier sind und was seit Ihrer Ankunft geschehen ist.« Die Frau schien noch tiefer in ihre Jacke zu kriechen und wiederholte die gleiche Geschichte, die er schon von Meyers gehört hatte. Jack ließ sie ausreden, bevor er das Wort ergriff. »War die offene Garage ungewöhnlich?« »Mir kam es komisch vor, aber ich arbeite noch nicht so lange für die Robertsons.« »War die Garage schon mal offen, als Sie vorher hier waren?« 16
»Nein.« »Dieselbe Frage, was die deaktivierte Alarmanlage betrifft.« »Dieselbe Antwort. Aber James Robertson war zu Hause. Er muss sie selbst ausgeschaltet haben.« Nicht unbedingt. Der Mörder konnte sich Zugang verschafft haben, bevor Robertson nach Hause gekommen war. Die Frage war nur, wie. »Wissen Sie, ob noch jemand den Zugangscode hat, abgesehen von Ihnen und den Eigentümern?« »Nein. Und ich hatte einen eigenen Code. Ich nehme an, jeder hat einen anderen. Ms Robertson hat mir erklärt, dass die Anlage die eingegebenen Codes speichert und sie sehen könnten, wenn jemand unerlaubt hereingekommen ist.« Sie bibberte jetzt noch mehr. »Sind wir bald f-fertig?« »Erst mal ja. Aber reden wir noch ein bisschen über die Person, die Sie in der Küche gesehen haben.« »Ich weiß leider nur das, was ich dem Beamten bereits gesagt habe. Die Gestalt war von Kopf bis Fuß verhüllt. Die Kleidung habe ich beschrieben.« »Was würden Sie sagen, wie groß die Person war?« »Ich weiß nicht.« Als sie zitternd ausatmete, bildete sich ein kleines Wölkchen vor ihrem Mund. »Von meiner Position aus hatte ich einen merkwürdigen Blickwinkel und ich habe die ganze Gestalt höchstens ein paar Sekunden lang gesehen.« »Versuchen Sie trotzdem eine Einschätzung.« Zwei tiefe Falten erschienen auf ihrer Stirn. »Gemessen an dem Gefrierschrank, an dem die Person vorbeigegangen ist, vielleicht eins fünfundsiebzig?« Für eine Frau eher groß, aber der Täter könnte weiblich gewesen sein. »Irgendein Hinweis auf das Geschlecht?« »Nein. Der Mantel war neutral und reichte fast bis zu den Knien. Die Füße waren ziemlich groß« – Ms Barnes runzelte die Stirn – »aber wenn ich jetzt darüber nachdenke, sahen die Stiefel 17
eher aus wie Überschuhe und nicht wie echte Stiefel. Wie man sie bei schlechtem Wetter trägt.« Oder um Fußabdrücke am Tatort zu kaschieren. Und diese Überzieher waren meist groß, sodass die Größe des Fußes auch keinen rechten Aufschluss über das Geschlecht des Täters gab. »Die Person ist aus dem Bad gekommen und durch den Hinterausgang verschwunden. Wie lange hat es dann gedauert, bis Sie die Polizei gerufen haben?« »Ein paar Minuten. Ich wollte sicher sein, dass die Person weg war.« Jack klappte sein Notizbuch zu. »Das war’s für heute.« »Kann ich vielleicht meine Messertasche holen? Sie liegt auf der Kaffeebar in der Küche. Ich habe eine Kundin, die mich heute Nachmittag erwartet.« Bis die Todesursache klar war, würden ihre Messer sich nicht vom Fleck rühren. »Tut mir leid. Sie müssen heute Nachmittag ohne die Messer auskommen. Und vielleicht sollten Sie den Termin mit Ihrer Kundin lieber absagen.« »Warum?« Sie strich eine Haarsträhne zur Seite. Anstatt zu antworten, betrachtete Jack ihre Hand. Sie folgte seinem Blick zu ihren zitternden Fingern, die sie schnell zur Faust ballte, bevor sie die Hand wieder sinken ließ. »Meine Kundin verlässt sich auf mich.« »Angesichts der momentanen Umstände werden die Leute bestimmt gerne auch mal Pizza oder Chopsuey essen.« »Aber ich habe doch alle Zutaten schon in meinem Wagen.« Ihr Kinn hob sich kaum merklich. »Und ich versuche immer, Absprachen einzuhalten.« Ihre Bemerkung hing in der kalten Luft, während ein Schatten über ihr Gesicht huschte. Was hatte es damit wohl auf sich? Da die Antwort auf seine Frage für die Ermittlungen nicht relevant war, schob Jack sie beiseite. »Wo wir gerade von Ihrem Wagen sprechen – wir müssen ihn uns ansehen.« 18
Einen Moment lang sah sie ihn verständnislos an, doch dann wich die Verwirrung einem entsetzten Ausdruck. »Verdächtigen Sie mich etwa?« »Jeder, der mit einem Verbrechen zu tun hat, ist für uns von Interesse.« Ms Barnes tastete hinter sich und hielt sich an dem Wagen fest. »Das darf doch wohl nicht wahr sein.« »Wenn Sie uns die Erlaubnis geben, Ihr Fahrzeug zu untersuchen, kann ich Sie schneller hier rausbringen, weil wir dann nicht auf einen Durchsuchungsbeschluss warten müssen.« »Machen Sie ruhig.« Sie deutete mit einer Handbewegung hinter das Haus. »In meinem Auto gibt es nichts Belastendes außer dem Schokoriegel, den ich mir heute Mittag geholt und nicht mal ganz aufgegessen habe.« »Wollen Sie wieder im Streifenwagen warten, wo es nicht so kalt ist?« Sie warf einen Blick auf das Auto und es war offensichtlich, dass sie nur ungern wieder in das Polizeifahrzeug einsteigen würde. Doch am Ende beugte sie sich der Vernunft. »Ja. Danke.« Jack gab Meyers ein Zeichen, sich wieder zu ihnen zu gesellen. »Ms Barnes braucht noch mal Ihren Rücksitz, während wir uns ihren Wagen ansehen.« Als der Mann die Tür aufschloss und öffnete, streckte Jack der Köchin, deren Ton immer noch so eisig war wie die Luft, erneut die Hand hin. »Danke für Ihre Hilfe.« »Meine Hände sind eiskalt. Sie wollen sich keine Frostbeulen holen.« Sie schob sich an ihm vorbei und schlüpfte in den Wagen. Meyers schloss die Tür hinter ihr und drehte sich zu Jack um. »Was haben Sie denn gemacht, dass sie so giftig ist?« »Nichts. Ich habe nur in meiner üblichen höflichen Art ein paar Standardfragen gestellt.« »Hm. Obwohl die Sache sie ziemlich mitgenommen hat, war sie vorhin nicht unfreundlich. Vielleicht holen die Ereignisse sie jetzt erst richtig ein.« »Könnte sein.« 19
Aber während Jack ums Haus ging, überlegte er, dass ihm diese Erklärung nicht einleuchtete. Natürlich war man nach einer lebensbedrohlichen Erfahrung erschüttert, aber das konnte nicht der Grund sein, warum Lindsey Barnes so frostig zu ihm gewesen war. Aus irgendeinem Grund hatte sie gleich beim ersten Kontakt eine Abneigung gegen ihn. Und das gefiel Jack gar nicht. Er unterdrückte die aufsteigende Verärgerung und schlug den Kragen seines Mantels hoch. Warum sollte er sich Gedanken darüber machen, was eine Fremde von ihm hielt? Er sollte diese Begegnung beiseiteschieben und sich auf die bevorstehenden Mordermittlungen konzentrieren. Hinter den Mauern dieses schicken Hauses lag ein toter Mann und den Killer zu finden, verlangte seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Wenn er Lindsey zu nah getreten war, dann war es eben so. Solange sie nicht tatverdächtig war, würde er sie ja auch nicht wiedersehen. Doch anstatt darüber erleichtert zu sein, ertappte er sich dabei, dass ihn diese Tatsache enttäuschte. Seltsam. Aber über dieses Thema konnte er nicht nachdenken, wenn er Fahrzeuge durchsuchen, Nachbarn befragen, Aufzeichnungen von Überwachungskameras auswerten und Gespräche führen musste – unter anderem mit der Frau des Toten, sobald man sie gefunden und der Polizeiseelsorger die schlimme Nachricht überbracht hätte. Eine Aufgabe, an die man sich nie gewöhnte, selbst nach mehr als einem Jahrzehnt bei der Polizei. Und eine Aufgabe, nach der Jack an diesem kalten Novembernachmittag überhaupt nicht zumute war.
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2 Der Polizist, der die Schlüssel zum Streifenwagen hatte, kam auf sie zu. Endlich. Lindsey holte zitternd Luft und versuchte, ein Frösteln zu unterdrücken, das nichts mit dem kalten Wind zu tun hatte, der um das Fahrzeug pfiff. Aber nach allem anderen, was heute geschehen war, half es ihrem Gemütszustand nicht gerade, auf dem Rücksitz eines Polizeifahrzeugs eingesperrt zu sein. Und die ganze Tatorterfahrung auch nicht. Besonders wenn man ihre Vorgeschichte bedachte. Wenigstens war es nicht Jack Tucker, der sie rausließ. Dem wollte sie am liebsten nie wieder begegnen. Immerhin hatte er sie an ihrem Namen nicht wiedererkannt. Falls Clair sie ihm gegenüber erwähnt hatte, dann offenbar nur ihren Vornamen. Das Schloss klickte und gleich darauf schwang die Wagentür auf. Officer Meyers beugte sich zu Lindsey hinunter. »Ma’am? Sie können jetzt zu Ihrem Auto gehen und nach Hause fahren.« »Danke.« Sie stieg aus und fröstelte, als ein bitterkalter Windstoß sie erfasste. »Vorsicht.« Der Beamte streckte die Hand aus, als sie wankte. »Alles in Ordnung.« Nicht wirklich. Aber später würde es ihr wieder gut gehen. Wenn sie ihre Arbeit für heute erledigt hatte und nach Hause fuhr, die Tür hinter sich schloss und ein heißes Bad nehmen würde – und dann beten, dass die Albträume, die sie endlich überwunden hatte, nicht zurückkehrten und ihr den Schlaf raubten. Und wenn doch, dann hatte sie wenigstens die Karte von Dr. Oliver und auch seine private Handynummer. Sie würde auch 21
diese Sache überstehen, schließlich war es ihr ja schon einmal gelungen, mit einer Traumaerfahrung fertigzuwerden. Als sie dem Polizisten noch einmal dankte, wurde gerade Heidis roter Tesla durch die Polizeiabsperrung auf der Straße gelassen. Während der Wagen die Auffahrt hinaufrollte, erschien ein Mann in der Kleidung eines Geistlichen an der Haustür, als wäre er von der Ankunft der Frau unterrichtet worden oder hätte nach ihr Ausschau gehalten. Lindseys Kehle war wie zugeschnürt. Heidi war vielleicht nicht gerade ihre Lieblingskundin, aber die nächsten paar Minuten würde sie nicht mal ihrem ärgsten Feind wünschen. So traumatisch ihr eigener Tag auch gewesen war, sie hatte wenigstens nicht einen geliebten Menschen verloren. Die Frau fuhr an ihr und dem Beamten vorbei bis zum Eingang und stieg dort aus ihrem Wagen. Sie warf Lindsey einen Blick zu und ließ sich dann von dem Geistlichen hineinführen. Erst als Heidi durch die Tür verschwunden war, ging Lindsey um das Haus herum zu ihrem Wagen. Leider stand Jack Tucker zwischen ihr und dem Fahrzeug. Sie verlangsamte ihre Schritte … aber als offensichtlich wurde, dass er auf sie wartete, ging sie entschlossen auf ihn zu. Je schneller sie diese Begegnung hinter sich brachte, desto eher konnte sie von hier verschwinden und versuchen, diesen ganzen Albtraum zu vergessen. Das galt auch für die unschöne Begegnung mit einem gewissen Detective aus St. Louis. »Officer Meyers hat gesagt, ich kann gehen.« Sie blieb einige Schritte entfernt vor ihm stehen. Er sah gut aus, hatte blondes Haar, war durchtrainiert und unter anderen Umständen hätte sie seine himmelblauen Augen als attraktiv bezeichnet. »Ja. Wir sind fertig.« »Ich nehme an, Sie haben nichts Belastendes gefunden.« »Nur die Reste des Schokoriegels.« Er zog leicht einen Mundwinkel nach oben. 22
Lindsey verzog keine Miene. »Ich muss zur Arbeit.« Sie versuchte, an Tucker vorbeizugehen, aber er trat ihr in den Weg. »Sind Sie sich sicher, dass Sie fahren können?« Er warf einen vielsagenden Blick auf die weiß hervortretenden Knöchel der Hand, mit der Lindsey den Autoschlüssel umklammerte. »Ja. Bitte lassen Sie mich vorbei.« Nach ein, zwei Sekunden zog er eine Visitenkarte heraus und hielt sie Lindsey hin. »Wenn Ihnen noch irgendetwas einfällt, was hilfreich sein könnte, rufen Sie mich bitte an.« Er wartete, bis sie die Karte genommen hatte, und machte dann einen Schritt zur Seite. Mit der Karte in der Hand ging Lindsey zu ihrem Wagen, vorbei an dem Truck von Chad. Entweder war er noch nicht befragt worden oder sie waren jetzt gerade dabei. Jedenfalls war keiner von ihnen der Täter dieses Verbrechens, das heute in diesem Haus begangen worden war. Und es sollte eigentlich nicht allzu lange dauern, bis Detective Tucker das herausfand. Vorausgesetzt, er verstand etwas von seinem Job. Und was den wahren Mörder betraf? Diese Person zu finden, würde schwierig werden, es sei denn, sie hatte Spuren hinterlassen. Aber das war Jack Tuckers Problem, nicht ihres. Lindsey wollte so schnell wie möglich die vergangenen Stunden aus ihren Gedanken verbannen. Und sie würde dafür beten, dass sie durch die heutigen Ereignisse nicht in ihrem Heilungsprozess zurückgeworfen wurde. Schließlich hatte sie vor einundzwanzig Monaten eine albtraumhafte Erfahrung gemacht, die ihr ganzes Leben auf den Kopf gestellt hatte.
W »Erde an Jack. Komm rein, Kollege.« Als er seinen Namen hörte, drehte Jack sich von Lindsey Barnes’ kleiner werdenden Rücklichtern zu der Frauenstimme um. 23
Detective Cate Reilly-Sloan stand mit verschränkten Armen und ihren zu einem Pferdeschwanz gebundenen langen dunklen Haaren neben der immergrünen Hecke, die den geteerten Platz hinter der Garage vom Garten trennte. Ihre belustigte Miene war schwer zu deuten. Aber Frauen waren ihm manchmal einfach ein Rätsel. So wie die Frau, die gerade weggefahren war. »Sorry.« Jack ging zu seiner Kollegin. »Seit wann bist du denn hier?« »Seit ein paar Minuten. Ich bin deine Verstärkung.« »Du Glückliche.« »Das werden wir ja sehen.« »Ist Lacey schon hier?« »Ja. Sie ist drinnen. Die Ehefrau ist auch da. Erzählst du mir, was passiert ist?« Er gab Cate einen kurzen Bericht. »Mit Ms Barnes habe ich schon gesprochen. Als Nächster ist Chad Allen dran. Wir können ihn gemeinsam befragen.« »Hast du von der Zeugin irgendwas Interessantes erfahren?« »Nichts außer der ungefähren Größe des Täters. Von ihrem Versteck aus konnte sie nicht viel sehen.« »Ganz schön heikle Situation für sie. Ist sie okay?« »Behauptet sie jedenfalls. Sie wollte wieder arbeiten gehen. Wir konnten sie nicht davon abhalten.« Cate grinste. »Ich glaube, ich mag sie.« Dann wurde sie wieder ernst. »Was wissen wir über Allen?« »Nichts außer der Tatsache, dass er nicht vorbestraft ist. Meyers hat ihn überprüft.« »Warum?« »Intuition.« »Er hat ein gutes Gespür.« »Ich weiß. Schauen wir mal, welchen Eindruck wir uns von ihm machen. Allen ist auf der Terrasse.« Er zeigte zur Rückseite des Hauses und folgte Cate, die vorausging. Der Mann saß auf einem Gartenstuhl ohne Auflage. Zu dieser 24
Jahreszeit waren die Polster eingelagert, aber er sprang sofort auf, als er Jack und Cate erblickte. Der Beamte, der mit ihm gewartet hatte, entfernte sich ein Stück, als sie näher kamen. Jack ging an Cate vorbei, streckte dem Mann die Hand hin und stellte sich vor, während er ihn musterte. Etwa eins fünfundsiebzig groß, um die dreißig, dunkelbraune Haare, schlank, aber muskulös, einen Hauch frühes Grau an den Schläfen. Und Augen, die den Eindruck erweckten, als hätten sie zu viel gesehen und fürchteten, noch mehr zu sehen. Meyers hatte recht. Der Mann hatte etwas Angespanntes, Nervöses an sich. Wie jemand, der auf das dicke Ende wartet. Jack beschloss, Nachforschungen über Chad Allen anzustellen, sobald er die Gelegenheit dazu hatte. Im Gegensatz zu Lindsey zögerte Allen nicht einzuschlagen. Auch Cate gab er die Hand. »Wir haben ein paar Fragen, Mr Allen, aber wir hätten nichts gegen einen wärmeren Ort für unser Gespräch.« Jack deutete auf das Haus. »Vielleicht gibt es drinnen einen Raum, den wir dafür nutzen können.« Wenn Hank gut drauf war. Der Mann zögerte, schüttelte dann aber den Kopf. »Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich lieber hier draußen bleiben.« »Cate, was denkst du?« Von früheren Fällen wusste Jack, dass sie bei kaltem Wetter nicht mehr Zeit als nötig draußen verbrachte. »Was halten Sie davon, wenn wir wenigstens dichter ans Haus gehen zu dem überdachten Teil der Terrasse? Da ist es nicht so windig.« »Kein Problem.« Allen ging ihnen voraus zu einer Stelle, wo auf beiden Seiten Büsche als Windschutz dienten. Dort war es wärmer, wenn auch nicht viel. »Möchten Sie sich setzen?« Jack zeigte auf mehrere Stühle, die um eine Feuerschale herumstanden, und widerstand der Versuchung, den Gasbrenner einzuschalten, der sie wenigstens mit einem Hauch Wärme versorgen würde. 25
»Mir macht es nichts aus zu stehen. Es sei denn, es dauert lange.« »Wir wollen Sie nicht länger als nötig aufhalten.« Jack zog sein Notizbuch wieder heraus und bewegte seine Finger, um die Durchblutung anzuregen. »Ich weiß, dass Sie bei dem Polizeibeamten schon eine kurze Aussage gemacht haben, aber erzählen Sie uns bitte noch mal, warum Sie hier sind und was Sie gesehen haben, während Sie auf dem Grundstück waren.« Allen schob die Hände in seine Taschen. »Ich verlege den Boden im Gartenhaus neu. Oder Gästehaus. Ich glaube, sie benutzen es für beides.« Er zeigte auf ein Gebäude weiter hinten im Garten, auf der gegenüberliegenden Seite des großen beheizbaren Pools. Der Zugang zu dem Gartenhaus führte von der Terrasse aus über einen gepflasterten Weg. »Ich war gegen 9 Uhr hier und habe mich an die Arbeit gemacht. Dann war plötzlich überall Polizei.« »Haben Sie jemanden gesehen, als Sie angekommen sind? Oder danach?« »Nein.« »War das Garagentor offen oder geschlossen?« »Geschlossen.« »Wie sind Sie ins Gartenhaus gekommen?« »Die Eigentümerin hatte gesagt, dass sie die Tür offen lässt.« »Sind Sie auch ins Haupthaus gegangen?« »Nein. Das wollte ich aber später machen. Ms Robertson hat mich gebeten, mir eine Tür anzusehen, die klemmt. Ich habe ihr gesagt, dass ich das zum Schluss machen würde, aber sie sagte, sie würde die Alarmanlage auslassen nur für den Fall, dass ich früher reinwill.« »Haben Sie heute Morgen irgendwas Ungewöhnliches gehört?« »Nein. Ich höre immer Musik, während ich arbeite, und zwar ziemlich laut.« Jack stellte noch ein paar Fragen, aber es war offensichtlich, dass Chad Allen entweder wirklich nichts beitragen konnte oder aber nicht alles sagte, was er wusste. 26
»Haben Sie was dagegen, wenn wir Ihren Pick-up durchsuchen? Wir können einen offiziellen Beschluss bekommen, aber wenn Sie uns die Erlaubnis geben, kommen Sie hier deutlich schneller weg.« Auf Allens Stirn trat eine Ader hervor. »Ich habe mit dem, was hier passiert ist, nichts zu tun.« »Dann dürften Sie ja auch nichts dagegen haben, dass wir uns Ihren Wagen ansehen.« Nach einem Moment zog er den Autoschlüssel aus der Tasche und reichte ihn Jack. »Okay. Ich will so schnell wie möglich los. Ich warte hier.« »Cate.« Jack gab ihr ein Zeichen, damit sie ihm folgte. Seine Kollegin verließ den geschützten Bereich der Terrasse sichtlich widerwillig und schloss sich ihm an. »Ich hasse dieses eisige Wetter. Anfang November sollte es nicht so kalt sein.« »Warum ziehst du nicht irgendwohin, wo es wärmer ist?« »Ich finde es schön, in der Nähe meiner Schwestern zu sein. Außerdem ist mein Mann extra zu mir gezogen. Was hältst du von Allen?« »Er ist nervös.« »Stimmt. Aber das ist an sich noch nicht verdächtig. Die meisten Menschen, die plötzlich in einen Mordfall verwickelt werden, sind …« Cate blinzelte zu der Hecke hinüber, die ihnen die Sicht auf den geteerten Bereich hinter der Garage versperrte. »Ich glaube, da will uns jemand etwas zeigen.« Jack folgte ihrem Blick. Einer der Beamten gab ihnen zu verstehen, dass sie hinkommen sollten. Er eilte weiter, die Kollegin an seiner Seite. »Was ist?« Er blieb neben dem uniformierten Beamten stehen. »Einer unserer Leute hat etwas entdeckt.« Er führte Cate und Jack um die Hecke herum und zeigte auf das Trittbrett von Allens GMC Sierra. Jack trat näher, bückte sich und sah, dass etwas in einer der Ritzen funkelte. 27
Bei näherem Hinsehen entpuppte sich das Funkeln als diamantener Ohrstecker, der in einer Trittstufe klemmte. Die Durchsuchung des Wagens hatte auf einmal oberste Priorität. »Wir müssen Hank holen, sobald er drinnen fertig ist.« Jack richtete sich auf. »Er wird begeistert sein.« Cate beugte sich ebenfalls über den Ohrring. »Er hasst die Kälte genauso wie ich.« »Mal sehen, was wir finden, während wir auf ihn warten.« Jack streifte sich ein frisches Paar Einmalhandschuhe über. »Kommt dir das nicht ein bisschen plump vor?« Cate zog sich ebenfalls Handschuhe an, während sie mit dem Kopf in Richtung Ohrstecker deutete. »Du glaubst, das ist eine Finte?« »Ich würde es nicht ausschließen.« »Das tue ich auch nicht. Aber Verbrecher sind nicht immer die Hellsten. Ich habe mal bei einem bewaffneten Raubüberfall ermittelt, bei dem der Angestellte den Dieb davon überzeugt hat, dass er die Geldschublade nur aufmachen kann, wenn er die Kreditkarte des Typen benutzt. Ob du’s glaubst oder nicht, der Kerl hat die Karte rausgerückt.« »Wir haben alle schon solche Fälle erlebt. Also los.« In der nächsten Viertelstunde durchsuchten sie den Pick-up. Sie fanden keinen Schmuck außer dem Ohrring, den sie bereits fotografiert und in einer Asservatentüte verstaut hatten. Entweder hatte Cate recht, dass es sich um eine falsche Fährte handelte, oder Allen hatte den Rest seiner Beute woanders versteckt, um sie später zu holen. Was bedeutete, dass sie das Gelände und den Rand des Parks, der an den Garten grenzte, durchsuchen mussten. Wenn Allen der Killer war, konnte er sich nicht weit entfernt haben, um seine Beute zu verstecken, denn als die Polizei wenige Minuten nach Lindseys Notruf eingetroffen war, hatte der Mann sich noch auf dem Grundstück befunden. 28
Jack suchte den Unterboden des Wagens ab, kroch dann wieder unter dem Fahrzeug hervor und stand auf. Nachdem er dem Polizisten die Stablampe zurückgegeben hatte, klopfte er sich den Staub von der Hose und wandte sich an Cate. »Dann wollen wir Allen mal die schlechte Nachricht überbringen.« Als sie sich der Terrasse näherten, auf der sie ihn zurückgelassen hatten, kam er schon auf sie zu. »Dann kann ich jetzt fahren?« »Ja. Aber nicht mit Ihrem Wagen.« Jack baute sich direkt vor Allen auf. »Warum nicht?« »Weil wir das hier gefunden haben.« Er hielt sein Smartphone hoch, um ihm das Foto zu zeigen, das er von dem Ohrstecker gemacht hatte. Allen beugte sich vor. »Was ist das?« »Ein Diamantohrring, der in Ihrem Trittbrett steckte. Irgendeine Ahnung, wie der da hingekommen ist?« Allen schreckte zurück und alle Farbe wich plötzlich aus seinem Gesicht. »Nein.« Jack wartete ab, während die ersten Graupeln auf seine Wange trafen und die Ankunft des Schneeregens verkündeten, vor dem die Meteorologen gewarnt hatten. »Hören Sie, ich habe mit dem, was hier passiert ist, nichts zu tun. Ich kann den Ohrring nicht erklären, aber ich habe im Gartenhaus gearbeitet, bis die Polizei kam. Das ist die Wahrheit, auch wenn es keine Zeugen gibt, die das bestätigen können.« Der Mann wirkte ehrlich. Aber die Verzweiflung in seinem Blick erweckte den Eindruck, als rechnete er nicht damit, dass jemand ihm glauben würde. Was für eine Geschichte hatte Chad Allen? Damit würde Jack sich später befassen, nachdem er mit der nächsten Person auf seiner Liste gesprochen hatte. Der Frau des Opfers. »Wenn Sie nicht auf Ihren Wagen warten möchten, können Sie 29
gehen und später zurückkommen, um ihn zu holen. Ich kann jemanden bitten, Sie nach Hause zu fahren.« »Nein, ich rufe meine Frau an.« Mit hängenden Schultern zog er sein Handy heraus. »Sie müsste inzwischen von der Arbeit zurück sein.« »Wir melden uns, wenn wir noch Fragen haben. Und wenn Ihnen noch etwas einfällt, was Sie uns sagen wollen, rufen Sie an.« Jack gab ihm eine Karte. Der Mann nahm sie, wandte sich ab und trottete zum anderen Ende der Terrasse. »Ich habe nicht das Gefühl, dass er schuldig ist.« Cate beobachtete ihn. »Ich auch nicht. Aber es wäre nicht das erste Mal, dass ich mich in jemandem täusche.« »Verstehe. Soll ich Nachforschungen über seinen Hintergrund anstellen, während du mit der Frau des Opfers sprichst?« »Oder du könntest mit ihr reden und ich mache den Backgroundcheck.« »Nee, sorry. Du hast hier den Hut auf. Die Drecksarbeit landet auf deinem Schreibtisch.« »Vielen Dank.« »Wenn es andersrum wäre, würdest du es genauso machen.« Dagegen konnte er nichts sagen. »Lass uns reden, sobald ich fertig bin. Wo finde ich dich?« »Irgendwo, wo es warm ist. Ich werde Hank bitten, mir ein Plätzchen zu zeigen, an dem meine Finger auftauen können.« »Viel Glück. Du weißt ja, dass er seine Tatorte wie eine Löwin verteidigt. Wahrscheinlich hätte er uns nicht mal für die Befragung von Allen reingelassen.« »Er und ich haben einen Deal.« »Ach ja? Wie hast du das denn hingekriegt?« »Wir haben beide griechische Vorfahren. Außerdem macht meine Schwester das beste Baklava der Welt – und ich gebe Hank manchmal was davon ab.« 30
»Das ist Bestechung.« »Nein, das ist einfach nur nett.« »Hey, aber ich bin doch auch nett zu ihm.« »Kann sein. Aber du bist nicht Grieche und du bringst auch keine Süßigkeiten mit.« Cate lief zum Haus. »Gehen wir ins Warme.« Jack folgte ihr deutlich langsamer. Wärme war relativ und er hatte heute wenig davon gespürt. Nicht von Mutter Natur und auch nicht von Lindsey Barnes. Die bevorstehende Befragung der frisch verwitweten Frau war auch nicht dazu angetan, dass ihm warm ums Herz wurde. Und der Gedanke an den Killer, der an diesem Wintertag einen Mann in seiner eigenen Küche ermordet hatte und dann verschwunden war, ließ auch keine Wärme aufkommen. Jack konnte nur hoffen, dass es bald einen Durchbruch gab, der sie schnell zum Täter führte, bevor die Spur erkaltete. Aber ohne einen soliden Hinweis oder irgendeine Information über den Killer, die Lindsey Barnes durch den Schock vielleicht vergessen hatte, würde dieser Fall ebenso hartnäckig sein wie die Schuldgefühle, die ihn schon seit drei Jahren plagten … und kein Ende in Sicht.
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