ANNEMARIE BLENK
I am
Prolog
FBI-Profiler arbeiten in den meisten Fällen rückwärts – vom Opfer zum Täter. Dass ein Täterprofil ein Opfer rettet, ist dagegen selten.
Das von anderen Tatorten allzu vertraute Gefühl der Ohnmacht überkam ihn bereits, während er aus seinem Auto stieg. Agent Smith fand das Baby in Mullwindeln gewickelt ungefähr dreißig Fuß entfernt von dem toten Körper der Mutter. Es lag inmitten eines großen Feldes mit dem Gesicht nach unten. Die stundenlange, kräftezehrende Suche nach den beiden Entführungsopfern war beendet. Smiths Studium der Psychologie und seiner jahrelangen Erfahrung beim FBI war es zu verdanken, dass sie dem Täter innerhalb weniger Stunden auf die Schliche gekommen waren. Und doch waren sie zu spät gewesen. Er war zu spät gewesen. Die Leiche der Frau war entkleidet und von oben bis unten mit Blutergüssen übersät – genug Informationen, um zu erahnen, was sie vor ihrem Tod hatte durchleiden müssen. Ein Blick auf die Überwachungsvideos hatte ausgereicht, um zu erkennen, aus welch niederen Motiven heraus der Täter gehandelt haben musste. Aber das Baby ... das Baby. Es war unschuldig, hatte nichts mit der Sache zu tun und trotzdem lag es ebenfalls hier auf diesem sonnenverdorrten Acker. Zurückgelassen. Nein, weggeworfen. Mit jedem Schritt, den Smith näher an das kleine Bündel herantrat, beschleunigte sich sein Puls. Wut und Trauer führten einen erbitterten Kampf um die Vorherrschaft in seiner Gefühlswelt und er spürte, wie sich ein verzweifelter Laut tief aus seinem Innern den Weg an die Oberfläche suchte. Gerade als Verzweif5
lung und Machtlosigkeit lauthals aus ihm herausbrechen wollten, registrierte er eine winzige Bewegung. Eine Bewegung, die alles veränderte. Smith hielt inne. Fassungslos starrte er auf das Baby hinab, das sich in den Mullwindeln zu winden begann. Es fing nach nur wenigen Sekunden an zu weinen, da es sich in den Tüchern verheddert hatte. Erst sein schrilles Kreischen katapultierte den Agenten aus seiner Starre. Einem Instinkt folgend, hob er das Baby hoch, drückte es sich schützend unter dem Jackett gegen den Oberkörper und rannte an der Leiche und den übrigen Ermittlern vorbei zu dem am Wegesrand parkenden Rettungswagen. Es lebt. Es lebt. Es lebt. Er sagte es sich immer wieder, doch glauben konnte er es nicht. Erst als er es dem Sanitäter übergeben wollte, es sich jedoch erbittert an ihm festklammerte und dabei in seine empfindliche Haut an der Brust kniff, drang die Erkenntnis zusammen mit dem Schmerz zu ihm durch. Und er sprach es laut aus: »Kathrine Thompson lebt.« Smith blieb die ganze Zeit bei ihr. Von dem Moment an, als man sie aus den Tüchern schälte und sie erneut schrie, weil man ihr damit auch Teile ihrer Haut abriss. Er hielt das kleine Händchen, als der Arzt dazukam und stirnrunzelnd die Brandblasen begutachtete, die sich an den Stellen gebildet hatten, die nicht vor der Sonne geschützt gewesen waren. Das Gesicht war am stärksten betroffen. Smith begleitete Kathrine sogar auf der Fahrt zum Krankenhaus, summte leise Melodien, die er von seiner Nichte kannte. Dabei lauschte er besorgt dem medizinischen Personal, das wild diskutierte und furchtbare Prognosen aufstellte, die der Special Agent nicht akzeptieren wollte. In einem unbeobachteten Moment bei der Ankunft legte er seine Hand auf ihren Kopf. Man hatte sie aufgrund der enormen Schmerzen narkotisiert. Dem Himmel sei Dank.
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»Du wirst das schaffen, Kleines«, flüsterte er. Smith wollte noch so viel mehr sagen, doch schon im nächsten Moment wurde die Liege mit ihr herausgezogen und er blieb allein im Wagen zurück. Hier war Endstation für ihn. Aber für sie war es erst der Anfang. Langsam kletterte auch er aus dem Wagen. Als er um das Fahrzeug herumtrat und zum Klinikeingang blickte, war das Team bereits im Inneren verschwunden. Eigentlich hätte das Mädchen tot sein müssen. Mehrere Stunden bei dieser Hitze und ohne Flüssigkeit in der prallen Sonne ... Er schüttelte fassungslos den Kopf. Sie lebte und das war ein unfassbares Wunder. Gott musste ihr einen mächtigen Schutzengel zur Seite gestellt haben. »Er hat einen Plan für dich, Kathrine Thompson«, flüsterte er. Hinter dem Klinikgebäude leuchtete die Abenddämmerung blutrot. »Und deshalb wirst du heute Nacht nicht sterben.«
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Kapitel 1
Kat Die erfolgreichste Methode zu lernen, mit den Gefühlen anderer umzugehen, ist, die eigenen zu kennen und zu verstehen.
Gott, hilf mir zu akzeptieren, was ich nicht ändern kann. Mit diesem Gebet startete ich meine Tage, seit ich denken konnte, meist noch bevor ich die Augen aufschlug. Gerade in letzter Zeit betete ich es auch über dieses Ritual hinaus so häufig, dass es beinahe schon zu einer Floskel geworden war. Und schuld daran war die Blaue Hortensie, die Seevilla – laut Maddie nur eine Angelhütte, aber das sah ich anders –, die meine beste Freundin von ihrem Vater geerbt hatte. Oder besser das, wofür sie stand. Für Maddies Abreise aus Seattle. Für Natur. Allein bei dem Gedanken an dieses Haus zog sich mein Brustkorb zusammen. Das war aber nur einer von mehreren Gründen, warum ich so schnell wie möglich fortmusste. Noch hatte ich ja keine Ahnung, dass hier in Kürze der Sheriff aufkreuzen und alles auf den Kopf stellen würde. Seufzend öffnete ich die Augen und ließ den Blick über die Maserung der Holzdecke über meinem Bett schweifen. Es passte nicht zu mir, hier auf einer viel zu harten Matratze zu liegen, die weder meiner Körperkontur angepasst war noch den Anschein erweckte, jemals für erholsamen Schlaf sorgen zu können. Noch weniger passte es zu mir, mir Sorgen über die Risse in der Deckenvertäfelung zu machen – einer Decke, die nicht einmal meine eigene war. Und dennoch machte ich mir eine mentale Notiz, Maddie darauf anzusprechen. Es war erst wenige Wochen her, dass meine beste Freundin 8
beschlossen hatte, in der Blauen Hortensie wohnen zu bleiben, anstatt nach der Renovierung mit mir in die Stadt zurückzukehren. Ich sollte mich freuen, dass sie endlich begann, ihre schwierige Teenagerzeit aufzuarbeiten. Auch, dass sie mich dafür nicht brauchte, denn das hieß, dass meine Anwesenheit hier nicht länger erforderlich war und ich mein eigenes Leben in Seattle wieder aufnehmen konnte. Ich sollte endlich akzeptieren, dass Maddie keine Therapeutin brauchte. Vielleicht war in Wahrheit ja auch ich die ganze Zeit über diejenige gewesen, die sie gebraucht hatte? Womöglich fiel es mir deshalb so schwer, sie hier zurückzulassen. Bei ihrem Angelfreund Matt und der Gärtnerin Grace war sie gut aufgehoben. Ich dagegen – ich würde in Seattle ganz allein sein. Ich wohnte zwar in der Nähe meines Elternhauses, doch mein Vater war so gut wie nie zu Hause. Aber in der Stadt – oder besser gesagt in deren Anonymität – fühlte ich mich wohler. Auch nachdem ich einige Zeit hier verbracht hatte und die Vorzüge des Landlebens durchaus erkannte, blieb es mir ein Rätsel, wie man dauerhaft so abgeschieden und naturnah leben wollen konnte. Hier roch es so sehr nach Erde, Moos und an manchen Tagen auch nach Algen, dass sich der Inhalt meiner Parfümflasche, mit dessen Duft ich es zu übertünchen versuchte, schon jetzt dem Ende neigte. Als die Erinnerungen hochkamen, die mit diesen Gerüchen einhergingen, begann ich schnell, die Risse über mir in der Decke zu zählen. Dabei lauschte ich auf Geräusche, die mir verrieten, ob Maddie zu Hause war. Zu dieser frühen Uhrzeit war sie meist am See. Die Stille im Haus bestätigte meine Vermutung. Was mich zum nächsten Punkt führte, warum es mir am Storm Lake nicht gefiel: Es war viel zu ruhig. So ruhig, dass ich gezwungen war, meinen eigenen Gedanken zuzuhören. Aber plötzlich vernahm ich doch ein Geräusch. Ein Schaben am Flurfenster, das mich aufgrund der Serie von mysteriösen Einbrüchen in der Gegend im Bett hochfahren ließ. Lautlos schob ich die Decke von mir, kam auf die Beine und schlich auf
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Zehenspitzen zur Tür, die auf den Gang hinausführte. Mit angehaltenem Atem lugte ich durch den Spalt und stieß die Luft aus, als ich den Zweig entdeckte, der gegen die Scheibe schlug. Kein Einbrecher, der sich gewaltsam Zutritt verschaffen wollte. Dass mir dieser Baum das Herz kurzzeitig aus der Brust hatte springen lassen, hätte für mich schon als Grund ausgereicht, ihn zu Brennholz zu verarbeiten. In der Blauen Hortensie konnte man schnell die Schatten tanzen sehen. Wer baute auch ein Haus mitten im Wald? Noch dazu praktisch aus Glas statt mit Wänden? Selbst jetzt bekam ich eine Gänsehaut, obwohl die Sonnenstrahlen warm über meine Arme strichen. Wie war es da erst Maddie vor meiner Ankunft ergangen – ganz allein in diesem großen Haus? Der Grund, aus dem ich hergekommen war, war meine Sorge um sie gewesen. Als es einen Alarm gegeben hatte und Maddie nicht zu erreichen gewesen war – was sich zum Glück als Fehlalarm herausgestellt hatte –, war ich sogar mit dem eigenen Auto angereist. Eine ziemliche Zumutung, wenn man mich fragte, aber selbstverständlich für eine beste Freundin. Geblieben war ich, als sich herausstellte, dass Maddie einen Mann kennengelernt und sich ihm gegenüber als Anglerin ausgegeben hatte. Irgendjemand hatte da ja ein Auge auf sie haben müssen! Aber ich hatte ihr auch bei ihrem Trauerprozess beistehen wollen, der an diesem Ort, der ihrem Vater so viel bedeutet hatte, schmerzhaft, aber sehr heilsam verlaufen war. Außerdem hatte ich ein bisschen Abstand zu meinem Leben und meinen Zielen in Seattle gebraucht. Um mir selbst darüber klar zu werden, was ich wirklich wollte. Aber mit jedem weiteren Tag hier am See konnte ich diese Frage noch weniger beantworten. Ein Beweis dafür, dass es Zeit wurde zurückzufahren. Was hielt mich also noch davon ab? Fahren. Das war das Stichwort. Allein die Vorstellung engte meinen Brustkorb ein und ich bekam kaum noch Luft. Ich ließ meine feuchten Hände an meinen Schlafshorts entlangfahren, um sie vom Zittern abzuhalten. Ich wünschte, es gäbe eine ein-
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fache Möglichkeit, die Angst vor dem Autofahren loszuwerden. Dank jahrelanger Therapie konnte ich mittlerweile zumindest ohne Schnappatmung als Beifahrerin in ein Auto steigen – oder eben in Notfällen eine überschaubare Strecke bewältigen. Ganz so ein hoffnungsloser Fall war ich also nicht. Da stimmte ich ausnahmsweise mal mit Aron, Matts weltallbegeistertem Freund, überein, wenn er mich gegenüber Grace verteidigte. Auch wenn er es in Bezug auf ein ganz anderes Thema meinte. Die beiden hatten es sich nämlich zur Aufgabe gemacht, aus dem Stadtmädchen ein Landmädchen zu machen. Ich wusste, warum sie sich so um mich bemühten. Grace, weil sie einfach Grace war und die ganze Welt für sich gewinnen wollte. Und Aron, weil er sich einredete, verliebt in mich zu sein. Und da wären wir auch bei dem dringendsten Punkt angelangt, der mich zur schnellstmöglichen Abreise drängte: der Sternensänger. Allein, dass ich ihn als das größte Problem einstufte, obwohl es einen Kriminalfall direkt vor der Haustür gab, verdeutlichte mir das Ausmaß meiner beunruhigenden Lage. Der Umstand, dass ich mir einen Spitznamen für ihn überlegt hatte, zeigte, wie sehr mich seine Person einnahm – und ablenkte. Warum musste sich Matts bester Freund auch in den Kopf gesetzt haben, mir ... wie würde es in Maddies Lieblingsbüchern heißen ... mir den Hof zu machen? Manchmal war seine Aufmerksamkeit so sanft, dass ich glatt vergaß, warum sie mir unangenehm war. Arons liebenswürdig verschmitzte und gleichzeitig nervige Art, mir die Stirn zu bieten, sorgte zu oft dafür, dass ich nachts vor dem Einschlafen noch lange an ihn dachte. Ich wusste, was er suchte und was ich ihm nicht geben konnte. Nicht, wenn die harte Arbeit der letzten zehn Jahre nicht umsonst gewesen sein sollte. Maddie hatte vollkommen recht, als sie neulich angedeutet hatte, ich hätte keine Kapazitäten für eine ernsthafte Beziehung. Entweder würde mein Partner zurückstecken oder ich meine Träume aufgeben müssen. Es war bisher eine Art Geheimnis gewesen, das ich vor mir selbst verborgen hatte.
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»Denk mal darüber nach, was ich gesagt habe«. Maddies Worte der vergangenen Woche, als wir noch mal auf das Thema zu sprechen gekommen waren, weil mein letztes Prüfungsergebnis immer noch auf sich warten ließ, hallten in mir nach. Jenes, bei dem meine Dozentin mir auf meine Nachfrage hin einen abwärts gerichteten Daumen gezeigt hatte. Maddie zufolge könnte ein Nichtbestehen ein Zeichen Gottes dafür sein, dass meine Zukunft woanders als beim FBI liegen könnte. Zum Beispiel hier – und das »bei Aron« war unausgesprochen geblieben. Ihre Augen hatten sich zu Schlitzen verengt, als wüsste sie genau, dass ich über die Möglichkeit schon längst nachgedacht hatte. Doch ich behielt meine Gedanken darüber für mich. Außerdem änderte das Bedürfnis nach Zweisamkeit nichts an meinem Wunsch, zum FBI zu gehen. Aber für eine Beziehung war jetzt einfach der falsche Zeitpunkt. Und wäre ich wirklich dazu fähig, jemanden so nah an mich heranzulassen? Wollte ich nicht gerade deswegen Psychologin werden – um mich mit den Problemen anderer zu befassen anstatt mit meinen eigenen? Wie könnte ich da einem Partner den Blick auf etwas erlauben, das ich mir nicht einmal selbst gestattete? Ich hatte mir meine Vergangenheit nicht ausgesucht. Das Leben war kein Wunschkonzert – auch nicht als Christin. Oft genug dachte ich, wenn ich nur genug für eine bestimmte Sache betete, dann würde ich sie auch bekommen. So einfach war das mit dem Glauben aber nicht. Gott und seinem Plan zu vertrauen, selbst in schwierigen Zeiten, das war die Herausforderung. Die Begegnung mit dem Sternensänger hätte ich mir jedenfalls gern erspart. Wirklich. Sein Grinsen war wie ein Sturm, der alles in seinem Umfeld erfasste und mitriss. Sobald er einen Raum betrat, nahm er ihn für sich ein. Seine bloße Existenz stellte so einige meiner früheren Entscheidungen infrage. Erst recht seine Worte – humorvoll, charmant und auf den Punkt genau. Entwaffnend ehrlich, so unangenehm wie er selbst. Er konnte Kritik wie ein Kompliment klingen lassen oder sie aber so beiläufig fallen lassen, dass man erst Stunden später die wahre Bedeutung erkannte.
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Dann jedoch fehlte ihm in anderen Momenten wieder jegliches Feingefühl. Ich erinnerte mich noch gut an den Moment, als er sagte, dass ich »wohl keine echte Psychologin« sei. Noch immer traf mich diese Aussage wie ein Splitter ins Herz. Obwohl ich tief im Innern wusste, dass er nur die Wahrheit ausgesprochen hatte, hatte ich es damals nicht hören wollen. Ich brauchte ihn nicht, um zu wissen, dass ich mich ohne bestandene Prüfung nicht offiziell als solche bezeichnen konnte. Aber dass ich wahrscheinlich versagt hatte, hatte ich ihm in einem schwachen Moment anvertraut und er hatte dieses Vertrauen missbraucht, indem er das gegen mich verwendet hatte. Durchgefallen oder nicht, ich war sehr wohl in der Lage einzuschätzen, ob der Abschiedsbrief ihres Vaters Frank meiner Freundin bei der Trauerverarbeitung geholfen hatte. Erst recht, weil diese Prüfung nichts mit dem Psychologiestudium an sich, sondern nur mit meinem FBI-Wunsch zu tun hatte. Seitdem schlichen wir irgendwie umeinander herum. Besser gesagt, er schlich um mich herum, ich versuchte eher zu fliehen. Wechselte den Raum, wenn er ihn betrat, und richtete nur dann das Wort an ihn, wenn es unbedingt nötig war. Es schien ihn nicht weiter zu stören. Manchmal hoffte ich, er hätte das Interesse verloren oder die Situation akzeptiert. Wenn ich so darüber nachdachte, verhielt er sich schon seit der Fair so – dem Festival, das Maddie, Matt, Grace, er und ich besucht hatten. Konnte es wirklich so einfach gewesen sein? Doch dann reichte wieder eine ganz einfache zuvorkommende Geste von ihm aus, um meine Hoffnungen zu zerstören, und ich wollte wissen, was genau er für mich empfand. Ich sollte nicht so leicht auf seinen Charme hereinfallen. Zu oft erwischte ich mich in letzter Zeit dabei, wegen einem seiner vielen Sprüche heimlich in mich hineinzulächeln. Ausgerechnet in diesem Moment hörte ich seine Stimme vor dem Haus, tief und ruhig. Er und Matt wollten heute das Gestrüpp wegmachen. Sie hatten sich extra einen kühleren Tag dafür ausgesucht, um lange Kleidung tragen zu können. Schnell floh ich zurück in mein Zimmer und in das angren-
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zende Bad. Auf keinen Fall durften mich die Männer so sehen. Ein Blick in den Spiegel genügte als Bestätigung dafür, dass das Leben nicht fair war. Ungeschminkt sah man auch nach all den Jahren noch die Stellen, an denen mich die Sonne damals verbrannt hatte. Meine Finger bewegten sich wie von selbst über die Haut, die dort anders – dünner – und immer leicht gerötet war. Ich fuhr die feine, längliche Erhebung, die dank der Operation verhältnismäßig unscheinbar war, von meiner linken Schläfe entlang bis hinauf zum Haaransatz nach. Sie und die Flecken ließen sich gut unter einer soliden Schicht Make-up verbergen. Aber wenn Aron mich ansah, fühlte es sich so an, als könnte er darunter blicken. Als sähe er die Narben – die körperlichen, aber auch die seelischen. Als sähe er auf den Grund meiner Seele. Deswegen durfte ich keine Nacht länger hierbleiben. Mein Entschluss stand endlich fest. Auch wenn das hieß, allein in die Stadt zurückzukehren.
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Kapitel 2
Kat In der Psychologie nennt man es die IntentionsVerhaltens-Lücke. Im Volksmund würde man sagen: Vorsätze haben ein Verfallsdatum.
Ich habe Studien dazu gelesen. Wenn man einen Vorsatz nicht innerhalb von zweiundsiebzig Stunden umsetzt, sinkt die Wahrscheinlichkeit, zum gewünschten Erfolg zu gelangen, auf unter 1 %. Also hieß es für mich: Keine Zeit verlieren! Der Entschluss, unverzüglich nach Seattle zurückzukehren, gab mir das Gefühl, fliegen zu können. Frisch geschminkt und mit Laptop und meiner Mappe mit gesammelten alten FBI-Fällen unterm Arm trat ich aus dem Zimmer, das bald nicht mehr meins sein würde, und tänzelte beinahe den Gang hinab. Die Stimmen vor dem Haus waren lauter geworden. Aron und Matt unterhielten sich, aber nun war auch Grace᾿ Lachen zu hören, das sich mit Maddies Stimme vermischte. Einen Moment lang stoppte ich angesichts des unbeschwerten und fröhlichen Klangs. Ein dicker Kloß bildete sich in meinem Hals und ich musste den Blick von den Umrissen hinter der Jalousie abwenden. Es würde nicht einfach werden, meine beste Freundin über meine Abreise in Kenntnis zu setzen. Allein der Gedanke ließ meinen Herzschlag beschleunigen. Aber Grace᾿ Lachen schenkte mir auf eine bittersüße Art Trost. Sie und die anderen würden dafür sorgen, dass Maddie mein Fehlen nicht so sehr zusetzen würde. Vielleicht war sie ja sogar ein bisschen froh, dass ich verschwand. Schließlich musste auch sie längst verstanden haben, dass ich nicht in ihre neue Welt gehörte. »Madison Clark?« 15
Die Person, die das fragte, sorgte dafür, dass die Unterhaltung meiner Freundinnen auf der anderen Seite der Haustür abrupt verstummte. Die Stimme war männlich und klang irgendwie vertraut. Nach einem Moment der Stille fragte der Mann erneut nach Maddie. »Wer will das wissen?« Das war Matt. Sein Tonfall war bestimmt und unmissverständlich. Manchmal konnte er ein nerviger Macho sein, aber gerade jetzt war ich sehr dankbar für diese Seite an ihm. Er würde immer für Maddie einstehen, komme, was wolle, und ohne zu zögern. »Mein Name ist Robert Palmer«, antwortete der andere. »Ich dürfte ihnen durch die jüngsten Ereignisse durchaus bekannt sein.« Sofort rümpfte ich die Nase. Vor meinem inneren Auge erschien das Bild des Sheriffs, der wegen der Einbrüche ermittelte. Diese selbstgerechte, fast schon spöttische Art, mit der er sich vorstellte, so als müsse man ihn kennen! Schon seine Fernsehauftritte hatten mich mit diesem Eindruck zurückgelassen – als ob er sich für etwas Besseres hielt. Leider war er mit Sicherheit nicht in Begleitung zweier bewaffneter Deputys hier, weil ihn die Blaue Hortensie als nächstes Urlaubsziel faszinierte. Mein Griff um den Knauf war fester, als unbedingt nötig gewesen wäre, und ich zog die Haustür mit zu viel Schwung auf. Der Luftzug kühlte weder meine Haut noch meine Emotionen. »Und was wollen Sie von Maddie?«, verlangte ich zu erfahren. Mit gekreuzten Armen platzierte ich mich neben Matt hinter meiner besten Freundin. Zusammen gaben wir ihr Rückendeckung, während mir mein Laptop aus der Hand zu gleiten drohte. »Ist das Ihr Haus, Miss?«, fragte er sie, ohne mich weiter zu beachten. Das verärgerte Funkeln in Palmers Augen verriet mir jedoch, dass er meine Frage sehr wohl gehört hatte. Maddie senkte langsam das Kinn. Eine Geste, die der Sheriff als Bestätigung wertete, obwohl sie ganz abwesend wirkte, ein bloßer Automatismus, dem Maddie folgte. »Wir haben einen Durchsuchungsbeschluss ...«
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Einen was? Das konnte nicht stimmen. In meinen Kursen, die mich aufs FBI vorbereiten sollten, hatte ich gelernt, dass selbst die Polizei nicht einfach so ein Haus durchsuchen durfte. Nur mit hinreichendem Tatverdacht und richterlichem Beschluss duften sie gegen Maddies Willen ihr Eigentum betreten. Ohne einen schriftlichen Beweis ... Bevor ich jedoch nach Luft schnappen konnte, um etwas dagegen vorzubringen, schnippte Robert Palmer mit den Fingern, um genau diesen zu liefern. Maddie nahm das Schreiben von einem seiner Begleiter entgegen, doch schon nach kürzester Zeit sah sie wieder auf. Über ihre Schulter hinweg überflog ich die ersten Zeilen. Das klang ernst ... und begründet. »Ich ... verstehe nicht.« Während Maddie noch immer nach den richtigen Worten suchte, durchforstete ich bereits meinen Verstand danach, wie wir uns am besten verhalten sollten. Keine Fragen beantworten, schoss es mir als Erstes durch den Kopf. »Worum geht es hier?«, fragte Maddie mit bebender Stimme. Ob wir einen Anwalt kontaktieren sollten? »Wir haben Grund zu der Annahme, dass Ihr Haus Tatort eines Verbrechens geworden ist.« Oh ja, wir sollten definitiv einen Anwalt einschalten. Maddie keuchte. Sie trat mit einem Fuß zurück und schwankte dabei so sehr, dass ich für einen kurzen Moment befürchtete, sie könnte umkippen. Doch ehe ich eine Hand nach ihr ausstrecken konnte, hatte sie sich wieder gefangen. »Unsere bisherigen Ermittlungen deuten darauf hin, dass der Hauptverdächtige im sogenannten Konditor-Fall im Frühjahr dieses Jahres die Blaue Hortensie gemietet hat. Die Nachlässigkeit bei der Verwaltung der Mietobjekte ist uns ebenfalls aufgefallen – auch das wird Teil unserer Ermittlungen sein. Mehr kann ich Ihnen im Moment nicht sagen.« Neben mir rührte sich Matt. »Und … wer ist Ihr Hauptverdächtiger?«, fragte er. Auf einmal klang seine Stimme nicht mehr ganz so fest. Hatte der Sheriff etwa Matt gemeint, als er von Nach-
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lässigkeit sprach? Maddies Reaktion sprach Bände: Im Augenwinkel beobachtete ich, wie sie ihre Hand nach hinten streckte, um die ihres Freundes zu ergreifen. »Das Department wird keine Informationen über den mutmaßlichen Täter oder die Täter herausgeben, solange keine aussagekräftigen Beweise vorliegen«, entgegnete Palmer. »Und die hoffen Sie in meinem Haus zu finden?«, platzte es aus Maddie heraus. Ich war mir nicht sicher, ob sie überrascht oder wütend klang. Sheriff Palmer nickte. In unterkühltem Ton erklärte er, was nun passieren würde und wie wir uns während der Durchsuchung zu verhalten hatten. Doch wenn ich Maddie so von der Seite ansah – bleich und ausdruckslos –, glaubte ich kaum, dass sie auch nur ein einziges Wort davon mitbekam. Bemerkte dieser Mann denn nicht, dass meine Freundin unter Schock stand? »Sie haben das Recht –« Weiter kam der Sheriff nicht. »Ich stimme dieser Durchsuchung nicht zu!«, verkündete Maddie und faltete das Schriftstück demonstrativ zusammen. Mit dem Zusammenziehen seiner Augenbrauen verriet der Sheriff, was er von Maddies Einspruch hielt. Innerlich applaudierte ich meiner besten Freundin. Zwar konnte sie mit diesen Worten die Durchsuchung nicht stoppen, doch es war immer gut, in solchen Fällen den eigenen Standpunkt deutlich zu machen. Sollte sich die Polizei auch nur den kleinsten Fehler bei dieser Aktion leisten, würde sie das vor Gericht teuer zu stehen kommen. Bei unseren unzähligen Medical-Detectives-Abenden hatte Maddie offenbar auch etwas lernen können. Sheriff Palmers Hände ballten sich zu Fäusten und er machte einen Schritt auf uns zu. Matt reagierte sofort und tat es ihm gleich. Es war nur eine kleine Bewegung, doch ihre Wirkung war unmissverständlich. Palmers zorniger Blick wanderte von Matt zu Maddie. »Sie haben mich unterbrochen«, presste er zwischen zusammengepressten Kiefern hervor. »Ich war gerade dabei, Ihnen Ihre Rechte aufzuzählen, Ms Clark.«
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»Was ist Ihr Problem?«, platzte es aus mir heraus. »Warum behandeln Sie meine Freundin wie eine Verbrecherin? Haben Sie etwa vor, sie zu verhaften? Andernfalls ist es wohl kaum notwendig, sie über die Miranda Rights in Kenntnis zu setzen.« Robert Palmer wandte sich mir nun endlich zu. Die Deputys tauschten einen vielsagenden Blick – nur mir sagte er nichts. Waren sie überrascht? In Alarmbereitschaft? Amüsiert? Ich fuhr unbeirrt fort: »Selbst wenn sich Ihr Verdacht erhärten sollte, dass das Haus Tatort war, war das alles noch vor Maddies Ankunft.« »Und Sie sind?« Palmers gelangweilter Tonfall täuschte nicht über das Beben seiner Unterlippe hinweg. »Kathrine Thompson.« Die Augen des Mannes – dunkelblau und unergründlich – verengten sich und einen schrecklichen Moment lang befürchtete ich, dass er meinen Fall kannte. Aber das war praktisch unmöglich, denn auf Dads Wunsch hin waren in der Berichterstattung für die Öffentlichkeit mein Name und sogar das Geschlecht geändert worden. »Sie wird zum FBI gehen«, mischte Grace sich ein. Ich schloss kurz die Augen, um tief durchzuatmen. Wenn der Mann so professionell war, wie er tat, würden er und sein Team sich jetzt noch mehr vor Fehlern hüten, die sie später eventuelle Beweise kosten konnten. Nicht, dass ich glaubte, dass die Durchsuchung zu irgendetwas führen würde und wir zu solchen Mitteln wie dem Beweisverwertungsverbot würden greifen müssen. »Ist dem so?« Er wandte sich mir nun mit neu gewonnenem Interesse zu. »Sind Sie bereits angenommen, Ms Thompson?« Ich hielt seinem scharfen Blick mit geübter Mühelosigkeit stand. »Nein.« Mir das Zähneknirschen zu verkneifen, war da schon etwas herausfordernder. »Dann würde ich vorschlagen, dass Sie sich Ihre Chance darauf nicht wegen einer Angelegenheit ruinieren, die Sie nicht einmal betrifft. Nicht wahr?«
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Nicht wahr? Für wen hielt sich der Typ? König Salomo? Bevor ich meinen Ärger in Form einer Erwiderung kundtun konnte, trat Aron neben mich und strich sanft mit der Rückseite seiner Finger über meinen Handrücken. Die Berührung war ganz flüchtig – und doch sandte sie einen elektrischen Impuls durch meinen gesamten Körper. Jedes weitere Wort blieb mir in der Kehle stecken. »Kümmern Sie sich besser um Ihre Freundin«, riet der Sheriff mir und wandte sich von uns ab. Verwirrt über die heftige Reaktion meines Körpers auf Arons kleine Geste, drückte ich Maddie an mich und forschte anschließend in ihrem Gesicht. Langsam kehrte die rosige Farbe auf ihre Wangen zurück. »Da hat aber jemand gut aufgepasst!«, lobte ich sie, um die Situation ein wenig aufzulockern. »Vielleicht sollte ich nächstes Mal mit dir statt mit Malcom meine Testfragen durchgehen.« Malcom war der einzige andere Kommilitone aus meinem Jahrgang, der auch zum FBI gehen wollte. »Sind Scherze in solchen Situationen angebracht?«, hörte ich Aron Grace zuflüstern. Was diese darauf antwortete, wurde vom lauten Gebell der eintreffenden Hundestaffel übertönt. Es kostete mich einiges an Selbstbeherrschung, nicht vor den an ihren Leinen zerrenden Vierbeinern zurückzuweichen. »Pepper. Hierher!«, wies Matt seinen eigenen Hund an. »Platz!« Fasziniert davon, wie gut er seinem Herrchen gehorchte, kraulte ich Pepper hinterm Ohr. Der Australian Shepherd war mir auf jeden Fall um einiges sympathischer als die Drogenspürhunde der Polizei. Obwohl Sheriff Palmer uns nicht mehr über die Ermittlungen sagen wollte, verriet mir ihre Anwesenheit bereits genug. Hier ging es um illegale Substanzen. Mit dieser Erkenntnis betrachtete ich alle Hinweise in einem ganz neuen Licht. Warum wurden bei den Supermarkteinbrüchen nur Backzutaten wie Mehl und Zucker entwendet – was
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schließlich in der Presse zu dem Täternamen Konditor geführt hatte? Ging es hier in Wahrheit gar nicht um Lebensmittel, sondern um versteckte Drogen? Inwieweit war die Blaue Hortensie in all das verstrickt? Hatte sie nur als Unterkunft gedient oder war hier Handel betrieben worden? Was bedeutete das alles für Maddie? Für Matt als Verwalter und für uns anderen, die geholfen hatten, das Haus zu renovieren? Waren wir unfreiwillig mit in die Sache hineingezogen worden, weil wir Beweise zerstört hatten? Wer war der Mieter gewesen? Wir mussten unbedingt Einsicht in das Mietverzeichnis erhalten, denn einer der Namen darauf gehörte dem Hauptverdächtigen. Konnte er uns gefährlich werden? In meinem Studium und bei den Vorbereitungen auf meine Laufbahn als FBI-Agentin hatte ich so viel gesehen und gehört, dass meine Fantasie nun ganz von allein mit mir durchging. »Alles in Ordnung bei dir?« Arons Stimme riss mich sowohl aus den Horrorszenarien als auch aus den unliebsamen Gedanken an meine Vergangenheit. Bei der Entführung waren damals auch Spürhunde eingesetzt worden. Nachdem ich davon erfahren hatte, hatte ich mir zu jedem Geburtstag einen eigenen Hund gewünscht. Doch mein Vater, so gerne er mir sonst auch jeden Wunsch von den Lippen ablas, blieb in dieser einen Sache streng: keine Hunde. »Du wirkst ganz abwesend«, fügte Aron hinzu. Matt, der mittlerweile in einiger Entfernung mit dem Handy am Ohr auf und ab lief, warf uns einen genervten Blick zu. Ich wusste nicht, mit wem er telefonierte, aber sein aufgebrachter Tonfall war nicht zu überhören. Zögerlich trat ich ein paar Schritte auf Aron zu, der lässig an einem Baum lehnte und mich aufmerksam betrachtete. »Mit wem telefoniert Matt?«, überging ich seine Frage. »Mit seinem Chef.« »Wusste er etwa von der Durchsuchung?« Matts Chef Roger, ein alter Bekannter von Maddies verstorbenem Vater, hatte vor seinem Tod die Vermietung der Blauen Hor-
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tensie für Frank übernommen. Wenn er von der Durchsuchung Kenntnis hatte, wäre eine Warnung durchaus angebracht gewesen. Diese Meinung vertrat scheinbar auch Matt. Sein hochroter Kopf war nicht zu übersehen. Immer wieder fuhr er sich durch das zu lange Haar, während er kein einziges Mal stehen blieb. »Was sollen wir nur tun, Kat?« Ich zuckte zusammen. Wann war denn Grace zu uns herübergekommen? Eben hatte sie noch bei ihrem Auto gestanden und wie wild irgendetwas in ihr Handy getippt. Maddie war vor einiger Zeit mit Palmer im Haus verschwunden, um zu überprüfen, was dort vor sich ging. Ich hätte sie gerne begleitet, doch jedem anderen von uns war der Zutritt untersagt. In Grace᾿ Frage schwang pure Verzweiflung mit. Aber ich war es gewohnt, nach Lösungen gefragt zu werden. Mein Verstand war darauf ausgerichtet und ließ mich auch heute nicht im Stich. »Wir können nur eine Sache tun«, erklärte ich und zog im selben Moment mein Handy aus der Gesäßtasche. Während ich mit einem Seitenblick zu Aron demonstrativ den Entsperr-Code eintippte, fing ich kurz seinen Blick auf. Trotz oder gerade wegen der angespannten Lage ließ er es sich nicht nehmen, mir ein ironisches Augenzwinkern zu schenken. Bloß nicht lächeln!, ermahnte ich mich und konzentrierte mich stattdessen auf das Display. »Wen rufst du da an?«, wollte Grace sofort wissen. Von unserem stummen Zwiegespräch schien sie nichts mitbekommen zu haben. Woher sollte sie auch wissen, dass mir Aron heimlich seine Nummer eingespeichert hatte, als er mir bei einem unserer Lagerfeuerabende das Handy abgenommen hatte? Und dass ich erst seitdem mein Handy mit einem Code sicherte. Ich hätte seine Nummer blockieren sollen – stattdessen schrieben wir nun manchmal miteinander. Obwohl es das Wort »schreiben« nicht einmal annähernd traf. Es waren keine echten Gespräche, die wir führten. Es war ein Spiel aus Nähe und Distanz. Er flirtete, ich antwortete – und löschte die Nachrichten wieder, noch bevor ich sie abschickte. Manchmal auch erst danach, aber schnell genug, dass
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er sie nie zu lesen bekam. Er schickte mir Fragezeichen, ich ihm Ausrufezeichen. Wir kreisten umeinander, ohne uns je wirklich näherzukommen. Ich erinnerte mich an eine seiner Nachrichten: Ob ich dir näherkommen kann, hängt nicht von mir ab, Kätzchen. Sondern davon, wie schnell du dich um dich selbst drehst. Er sprach von Planeten, Umlaufbahnen und Gravitation. So, wie ich es verstanden hatte, konnten sich zwei Himmelskörper einander nur dann annähern, wenn ihre Eigenrotation stimmte. War das Physikerromantik oder eine versteckte Belehrung? Jedenfalls hatte ich ihm nie auf diese Nachricht geantwortet. Ich hatte versucht, darüber zu lächeln und sie zu ignorieren. Aber in Wahrheit war sie mir noch lange nachgegangen. »Meinen Vater.« »Ist er Anwalt?« Arons Verstand arbeitete schnell. Nicht zum ersten Mal beeindruckte mich seine blitzschnelle Auffassungsgabe. Die Art, wie er Zusammenhänge erfasste und analysierte. Umso mehr genoss ich meine Antwort: »Nein, aber er hat ganz Seattle in der Hand.«
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Kapitel 3
Kat Menschen bauen Mauern dort, wo Angst und Unsicherheit wohnen.
Dad kontaktierte den renommiertesten Anwalt der Stadt, David Feldman. Und der war innerhalb einer Stunde an der Blauen Hortensie. Wie ihm das gelungen war, war mir zwar ein Rätsel, aber ich hatte mir im Laufe der Jahre abtrainiert, unnötige Fragen zu stellen. Er hatte uns bereits telefonisch über seine Sekretärin ausrichten lassen, dass wir keine Aussage machen sollten. Daran hielten wir uns und nach der dritten Abfuhr stellte der Sheriff dann auch endlich die Versuche ein, uns – und besonders Matt – zum Reden zu bringen. Inzwischen wusste Palmer, dass Matt jener Verwalter war, dessen Verhalten ihm verdächtig vorkam. Er hatte ihn mehrmals gefragt, ob er die Gäste absichtlich nicht genauer überprüft hatte. Am Ende hatte er ihm sogar mit einer Vorladung durch den Staatsanwalt gedroht. Aber da hatte ich Matt schnell beruhigen können. Denn auch wenn dem Sheriff dieses Mittel rein theoretisch zur Verfügung stand, würde eine Grand Jury einer Subpoena – einer Vorladung – ohne einen hinreichenden Beweis darauf, dass Matt in die Sache verstrickt war, kaum zustimmen. Trotzdem war ich erleichtert, als David endlich in seinem schicken Anzug und den Lackschuhen vor dem Haus erschien. Maddies Gesichtsfarbe war mittlerweile wieder normal, auch wenn meine beste Freundin unablässig auf ihren Nägeln herumkaute. Sie stand seit ein paar Minuten mit dem Sheriff auf der Brücke, die ins Haus führte. Eine Maniküre war bei meiner Freundin zum Fenster hinausgeworfenes Geld. Manchmal fragte ich mich 24
selbst, warum ich sie immer wieder mit dorthin schleifte – wozu ich, wie eine Stimme in meinem Hinterkopf mich gnadenlos erinnerte, in Zukunft kaum noch Gelegenheit haben würde. Die Situation ging Maddie näher, als sie sich anmerken lassen wollte. Es schmerzte mich, dass sie, nachdem sie all die Anfangsschwierigkeiten überwunden hatte, nun mit neuen Problemen konfrontiert wurde. »Haben Sie etwas gefunden?« David sprach nicht mit uns, sondern richtete gleich das Wort an Sheriff Palmer, dessen Ohren beim Auftauchen des Anwalts puterrot geworden waren. Dadurch, dass ich zum FBI wollte, konnte ich ihn ja verstehen. Er wollte nur seine Arbeit erledigen und für ihn wäre es eben am einfachsten gewesen, wenn Maddie und Matt mit ihm geredet hätten. Aber Palmer musste auch unsere Sichtweise verstehen. Wir hatten zu oft Medical Detectives geschaut, um zu ignorieren, dass selbst Unschuldige ins Gefängnis kommen konnten, nur weil sie psychisch nicht in der Lage waren, einer polizeilichen Befragung standzuhalten. Auf den ersten Blick war es schwer vorstellbar, dass man sich schuldig bekannte, nur um einer Situation zu entfliehen. Doch in meinem Studium hatten wir dieses Verhalten analysiert und tatsächlich kamen falsche Geständnisse erschreckend oft vor. Sie traten häufig auf, wenn die Verdächtigen während der Vernehmung erheblich unter Druck gesetzt wurden. Dazu konnte es durch lange Verhöre, psychische und physische Erschöpfung oder durch leere Versprechungen kommen. Besonders häufig wurden falsche Geständnisse bei fehlendem Rechtsbeistand beobachtet. Was mich wieder dorthin zurückführte, warum ein Anwalt in unserem Fall von großer Bedeutung war. Der Sheriff knirschte mit den Zähnen. »Bisher nicht. Aber ich bin sicher, das werden wir.« »Ach ja? Was macht Sie da so sicher?«, blaffte Matt. In den vergangenen Wochen habe ich ihn bereits als Beschützer kennengelernt, aber die impulsive Art, die er heute an den Tag
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legte, war selbst für ihn ungewöhnlich. Wenn er nicht aufpasste, könnte sie ihm zum Verhängnis werden. »Madison Clark.« David ließ den Sheriff auf der Brücke links liegen und wandte sich an Maddie. Er legte ihr eine Hand an den Oberarm und führte sie zu uns herüber. Wie besprochen, hatten wir etwas abseits gewartet, um niemandem im Weg zu stehen. Seine Sekretärin hatte uns aber gebeten, alles genau zu beobachten. »Sie haben hoffentlich keine Aussage gemacht?« Maddie schüttelte den Kopf und irgendwie taten wir anderen ihr das automatisch nach. »Bravo. Ich rate Ihnen nun, sich einen ruhigen Ort zu suchen und auf meinen Anruf zu warten. Ich übernehme die weitere Aufsicht und werde Sie über Neuigkeiten unverzüglich informieren.« Meiner Freundin war die Erleichterung anzusehen. Und auch ich atmete auf. »Kathrine«, David wandte sich mir stirnrunzelnd zu, »kümmern Sie sich um Ihre Freundin. Für heute Nacht werden Sie eine Unterkunft benötigen, sofern Sie nicht nach Seattle zurückkehr–« »Natürlich bleibe ich hier!«, unterbrach ihn Maddie. Matt legte ihr beruhigend einen Arm um die Schulter. Alles an seiner Haltung zeigte, wie stolz er darauf war, ihr Freund zu sein. Als ich kurz seinen Blick auffing, zeichnete zumindest auch so etwas wie Reue seine Züge. Denn er hatte unser wortloses Duell um Maddie gewonnen. Gerade deswegen konnte ich mir den nächsten Satz nicht verkneifen: »Es wäre besser, die Situation in Seattle auszusitzen.« »Wieso?«, fragte Aron und ich hätte ihn am liebsten weggestoßen. Es gab keinen sinnvollen Grund, warum Seattle besser geeignet war als der Storm Lake. Zumindest für Maddie. Von mir wollte ich nicht schon wieder anfangen. Sie wäre höchstens deshalb in der Stadt besser aufgehoben, um mehr Distanz zum Geschehen zu gewinnen. Aber das würde wiederum Distanz zu Matt bedeuten und das war wohl das Letzte, was meine Freundin
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wollte. Mein Mund klappte wie von selbst auf, um irgendeinen an den Haaren herbeigezogenen Grund vorzubringen, doch mir fiel keiner ein. Beinahe hätte ich trotzig mit dem Fuß aufgestampft und »Darum!« geantwortet. Aron brachte öfter diese kindische Seite an mir zum Vorschein. »Willst du nach Seattle zurückkehren?«, hakte er nach, als ich nichts erwiderte. »Auf keinen Fall!«, antwortete ich prompt. »Wenn Maddie bleibt, dann bleibe ich natürlich auch.« Auch wenn sich alles in mir dagegen sträubte. Aber wie sollte ich nach alldem noch abreisen und meine beste Freundin allein lassen? Weder Matt noch Grace konnten ihr die Unterstützung bieten, zu der ich in der Lage war. Das klang eingebildet, aber es war nicht von der Hand zu weisen. Schließlich war ich diejenige mit dem Master in Psychologie. Noch nicht ganz, erinnerte mich die kleine fiese Stimme in meinem Kopf, die seit Neuestem nach Aron klang. Dass er meine Kompetenz infrage gestellt hatte, machte mich immer noch so wütend, dass ich selbst jetzt die Hände zu Fäusten ballte. Fakt war jedoch, dass es nur mir zu verdanken war, dass Maddie und auch Matt der beste Anwalt zur Seite stand. »Soll meine Sekretärin Ihnen dann also ein Hotel buchen?«, hakte David nach. Maddie nickte. »Ihr könnt doch einfach bei mir übernachten«, mischte sich Grace ein, bevor ich ebenfalls zustimmen konnte. Das genervte Stöhnen entwich mir, ehe ich es zurückhalten konnte. »Hast du ein Problem damit, Stadtmädchen?«, fragte sie feixend. Doch der Schatten, der kurz über Grace᾿ Gesicht huschte, ließ erkennen, dass ich sie verletzt hatte. »Für drei Personen hast du zu wenig Platz«, erklärte ich schnell. Und das war die Wahrheit. Sie wohnte in einem kleinen Trailer, der auf eine Person ausgelegt war. Einmal war ich gezwungen
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gewesen, bei ihr zu übernachten, weil Maddie Zeit für sich gebraucht hatte, um den Abschiedsbrief ihres Vaters zu lesen. Kuschelig war noch das netteste Wort, das mir dazu einfiel. »Dann geh du doch ins Hotel.« Grace sagte das ganz neutral, aber ihre Worte drangen wie eine Klinge in mein Herz. Schnell fuhr ich meine Mauer aus Gleichgültigkeit nach oben. »Ihr könnt auch bei mir schlafen und ich ziehe vorübergehend zu Matt. Meine Hütte hat ein Gästezimmer, somit hat jede von euch ein eigenes Bett und ihre Privatsphäre«, schlug Aron vor und studierte anschließend meine Reaktion. Da war er wieder – dieser Ausdruck auf seinem Gesicht, gepaart mit der Intensität seines Blickes, der sich in meinen bohrte. Ich hasste es, wie nackt ich mir dabei jedes Mal vorkam. »Klären Sie das unter sich und lassen Sie mich anschließend einfach wissen, ob ich etwas für Sie tun kann.« David machte kehrt und verschwand mit Sheriff Palmer, den er im Gehen einsammelte, im Haus. »Ist dir das denn recht?«, fragte Maddie an Aron gewandt. »Matt hat erzählt, dass deine Hütte einer Sternwarte gleicht.« Bei ihren Worten kniff Aron ein Auge zusammen, was eher einem Zucken glich. Während er sich im Nacken kratzte, räusperte er sich. »Es ... kommt nicht infrage, dass jemand von euch ins Hotel geht, wenn wir doch eigentlich genug andere Möglichkeiten haben. Ihr fasst einfach nichts an, was kompliziert aussieht«, erwiderte er, ohne dabei auf ihre Frage zu antworten. »Also alles«, scherzte Matt. Tatsächlich glaubte ich, dass Aron nur mir zuliebe dieses Angebot unterbreitete. Weil er erkannt hatte, wie sehr mich Grace᾿ Worte getroffen hatten. Eigentlich hätte ich sehr viel lieber in einem Hotel geschlafen als bei einem fast fremden Mann – auch wenn dieser nicht zu Hause war. Geld spielte dabei keine Rolle – ich hätte es mir locker leisten können. Doch ausgegrenzt wollte ich mich auch nicht fühlen. Lieber Himmel, warum musste selbst die simple Frage nach der Unterkunft so kompliziert sein?
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»Kat?« Maddie stupste mich leicht an der Schulter an. »Ist es okay für dich, wenn wir bei Aron übernachten?« Als würde ein Nein von mir helfen. »Na klar, ich wollte schon immer mal sehen, wie so ein Astrophysiker lebt und arbeitet.« »Wunderbar«, verkündete Aron, als verstünde er den Sarkasmus nicht. Vielleicht überging er ihn aber auch mit Absicht. »Dann wäre das also geklärt und alle sind glücklich.« Das war seine Lösung, um alle glücklich zu machen? Manchmal erstaunte es mich, wie sehr ihm die Gefühle seiner Umwelt verborgen blieben, während er meinen so gezielt auf den Grund gehen konnte. Möglicherweise war er aber auch einfach ein Schauspieler. Jedenfalls sahen weder Grace noch Matt sehr erfreut aus und ich bezweifelte, dass es mir gelang, eine zufriedene Miene vorzutäuschen. So gut war selbst ich nicht. Die privaten Räume eines Menschen erzählten sehr viel über dessen Charakter. Meine sorgsam errichtete Mauer bröckelte mit jedem weiteren Tag in Arons Gegenwart mehr. Den Zeitpunkt zum Abreisen hatte ich allerdings verpasst. Es kam mir unmöglich vor, Maddie bei den laufenden Ermittlungen, die plötzlich auch sie und dieses Haus, das ihr so wichtig war, betrafen, zurückzulassen. Dabei war die Abreise ja nicht abgeblasen – nur verschoben. Ich musste also nur noch ein klein bisschen länger die Unnahbare spielen. Eine meiner leichtesten Übungen. Was waren schon ein paar Wochen mehr oder weniger?
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