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Delia Holtus (Hrsg.) • Katja Hogh

Man liest nur mit dem Herzen gut Eine kleine Liebeserklärung an die Welt der Bücher


Inhalt Mit dem Herzen lesen – und das Leben verändert sich – Delia Holtus ............................................................... 7 Einfangen, was flüchtig ist – Katja Hogh ............................ 8 »Siehste, Lesen geht doch« – Christine Schlagner ............. 11 Von leuchtenden Augen zum ersten Buch – Felicitas Brandt .................................................................. 19 Wie ein Roman zum Seelentröster wurde – Monika Schutte................................................................... 24 Die Kraft der Geschichte – Lynn Austin ........................... 29 Das richtige Buch zur rechten Zeit – Andrea Bleiker....... 35 Zart besaitet, tief verwurzelt – Irene Bircher ................. 41 Wenn Romanfiguren zu Wegbegleitern werden – Maya Knodel ...................................................................... 47 Wo sich Fantasie und Glauben berühren – Deborah Pulverich .............................................................. 53 Auf der Suche nach Wahrheit – Paulina Gabel................... 59 Klaudia – mit K geschrieben – Klaudia Schönhoff............. 65 Schreiben mit Gott: Von Tränen, Trost und Inspiration – Annette Spratte................................................................ 69 Wenn Bücher Spuren hinterlassen … – Delia Holtus....... 79


Für die liebe Ulle, danke für deine Freundschaft! Katja Hogh


Mit dem Herzen lesen – und das Leben verändert sich.

E

s gibt Momente, da reicht ein einziger Satz. Ein Gedanke, der bleibt. Eine Geschichte, die sich in unser Innerstes schreibt – leise und tief. Dieses Buch ist eine Liebeserklärung an das Lesen. An Bücher, die begleiten, trösten und aufrichten. An Worte, die ermutigen – manchmal sogar zu einem Neuanfang. Elf Frauen erzählen sehr persönlich von ihren Leseerfahrungen – davon, wie ein Buch zum Wendepunkt wurde, eine Romanfigur zum Vorbild oder ein Bibelvers zum Trostspender. Inspiriert von dem klassischen Motiv der lesenden Frau – oft mit einer Katze auf dem Schoß – hat die Künstlerin Katja Hogh wunderschöne Illustrationen geschaffen. Ihre Bilder schenken Ruhe und Tiefe, laden zum Verweilen und Eintauchen ein. Möge dieses Buch ein stiller Begleiter sein – und vielleicht selbst ein Lieblingsbuch werden. Denn: Man liest nur mit dem Herzen gut.

Ihre Delia Holtus

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Einfangen, was flüchtig ist

E

in Buch, eine Tasse Tee, eine Katze. Diese Motive vermitteln eine bestimmte Atmosphäre – einen Raum, der auch die Seele zur Ruhe kommen lässt. In einer solchen Stimmung sind die Bilder in diesem Buch entstanden. Was Inspiration eigentlich ist, kann ich kaum beschreiben. Sie »küsst« mich, sie »überfällt« mich. Und dann versuche ich, die inneren Bilder festzuhalten – bevor sie verblassen und verloren gehen. Mich inspiriert Schönheit – eine heilsame, von Gott gegebene Kraft. Schönheit zeigt sich in allen Facetten des Daseins: in einer Moosflechte am Baumstamm, in einer Liedzeile im Gesangbuch oder in einem Tanz, den eine Freundin spontan improvisiert. Gerade der Überraschungseffekt macht die Inspiration aus – sie ist nicht planbar und nicht machbar. Sie kommt unerwartet, mitten im Alltag. Ein Geschenk! Wenn eine Inspiration frisch ist, ist es ein Glück, wenn man Zeit hat, ihr nachzugehen – sie aufzuschreiben, sie aufzuzeichnen. Meistens verspüre ich sofort den Drang, genau das zu tun. Am nächsten Tag kann das ganz anders sein. Offenbar muss man eine Inspiration »heiß essen« – so wie eine Dampfnudel mit Vanillesoße, die am nächsten Tag nur noch halb so reizvoll ist. Ist sie ein Geschenk des Himmels? Oder nur ein Gedan8


ke in meinem Kopf? Oder etwas Lebendiges, das kurz an mir vorbeistreift? Ich wäre töricht, dieses filigrane Gespinst nicht einzufangen ... Schon oft ist daraus etwas Gutes entstanden! Mit Inspiration malt es sich unsagbar besser als ohne. Ohne Inspiration arbeite ich einen Auftrag ab. Mit Inspiration fließt es fast wie von selbst – weil mir ein inneres Bild vor Augen steht, das ich umsetzen möchte. Gelingt mir das, dann ist das Ergebnis vielleicht nicht mehr als ein »kläglicher Abglanz« des ursprünglichen inneren Bildes – denn die Bilder in meinem Kopf sind größer, schöner und lebendiger als das, was schließlich auf der Leinwand erscheint. Vielleicht ist es genau das, was heute jemand braucht. Von einem guten Bild kann man lange leben! Genau das wünsche ich auch Ihnen für die Bilder in diesem Buch: dass Sie darin etwas entdecken, das Sie anspricht. Etwas, das Sie heute brauchen – Stille, Ruhe, Geborgenheit, Gemütlichkeit, literarische Anregungen. Eine kleine Auszeit. Vielleicht mit einer Tasse Tee, einer Katze und einem Buch.

Ihre Katja Hogh

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((Bild)) ((Seite 9–14))

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»Siehste, Lesen geht doch!« Christine Schlagner

S

cho-ko-la-de!« » Ich versuchte, die einzelnen Silben dieses Wortes zu erkennen und zeichnete sie mit meinem Zeigefinger nach. Das Lesen und Begreifen des Sinns nötigte mir mächtig viel Konzentration und Übung ab. Wie konnte ein so leckeres Wort so unnötig schwer und fürchterlich lang sein? Wer hatte sich ein SCH ausgedacht? Nächstes Wort. Es ging um einen Jungen namens »A-xel«. Warum musste man für diesen Namen einen Extra-Buchstaben lernen? Ein X. Man hätte einfach »Aksel« schreiben können. K und S hatten wir doch schon gelernt. Das X hätte man sich sparen können! In Schreibschrift verlangte mir das X viel Feinmotorik ab. Das war nicht lustig! Das war anstrengend! Und auch irgendwie gemein. Denn alle anderen 35 Kinder in meiner Klasse schienen das flott zu begreifen. Mir hingegen fiel es bereits schwer, mich mit so vielen Kindern um mich herum auf die Aufgabenstellung zu konzentrieren! Und die kleine hübsche Maria, meine Sitznachbarin, hätte ich am liebsten geschubst, weil sie unentwegt im Unterricht redete und ich mich dadurch noch schlechter fokussieren konnte. 11


Ein schwerer Verkehrsunfall, der mich – Gott sei Dank – nicht aus dem Leben, aber für mehrere Monate aus dem Schulalltag gerissen hatte, machte mir das Lernen zusätzlich schwer. Es galt, vieles aufzuholen.

Reihum mussten wir Kinder einen Text laut vorlesen. Jedes Kind immer einen Satz. Meine Hände wurden feucht vor Aufregung und Anstrengung. Mit verkrampften Händen fuhren meine Finger unter den Sätzen entlang, damit ich im entscheidenden Augenblick meinen Satz finden und lesen konnte. Die Angst zu versagen, war so groß, dass sich das Papier des Buches unter der Feuchtigkeit meiner Hände wellte. Vor lauter Nervosität stotterte und stolperte ich durch meine Textzeile dahin. Ich schämte mich. Schule war für mich der allergrößte Stress. Und lautes Vorlesen blieb viele Jahre einfach nur grausam.

Papa versuchte mir liebevoll das Lesen schmackhaft zu machen. Er las mir abends coole Kinderbücher vor und motivierte mich, auch selbstständig zu lesen. Das war anfänglich nicht von Erfolg gekrönt, weil ich mich seinem Angebot, ihm vorzulesen, fast immer entzog. Doch Papas Vorlesezeit ließ meine Seele leichter werden, denn ich konnte mich entspan12


nen. Meine Gedanken flogen in andere Welten. Das tat mir gut. Lesen bereicherte mich und machte sogar richtig Spaß – wenn Papa las. Es war ein gemeinsames Erlebnis mit ihm. Premiumzeit! Als Teenie las ich Papas Asterix-Comics. Er machte ein Spiel daraus, indem wir uns gegenseitig Zitate aus den Comics nannten und der andere musste raten, aus welchem Heft sie stammten. Das war lustig. Aber so richtig dicke Bücher lesen? Nein danke! Lesen war für mich lange nur ein Werkzeug, um mir Inhalte zu erschließen: für den Unterricht, die Ausbildung, die Arbeit oder um durchs Leben zu kommen. Doch Papas Vorbild, eine entspannte Vorlesezeit miteinander zu verbringen, habe ich später für meine eigene Familie übernommen – und auch unsere Kinder haben schließlich gemeinsame Vorlesezeiten in ihren Familien etabliert.

Für mich persönlich brauche ich auch heute noch Stille zum Lesen mit Tiefgang. Was meistens bedeutet, dass ich allein sein muss. Nur dann kann ich Texte genauer durchdenken, über Gedichte, deren Inhalt und die Schönheit ihrer Sprache staunen, über Zitate nachsinnen und auch selbst Texte schreiben. In solchen stillen Stunden bin ich auf zwei Zitate gestoßen, die mich besonders zum Nachdenken brachten. Eines 13


stammt von Blaise Pascal: »Es ist nicht auszudenken, was Gott mit den Bruchstücken unseres Lebens anfangen wird, wenn wir sie ihm ganz überlassen.« Das Zitat erinnert mich an meine Kindheit, in der ich nur bruchstückhaft Worte und deren Inhalte erfasste und mit schweißnassen Händen durch Textzeilen stolperte. Eine Zeit, in der ich bereits spürte, dass ich anders war als andere Kinder. Ich nahm mehr Kleinigkeiten und Unterschwelliges wahr, hatte andere Ideen und Fragen im Kopf, machte mir über vieles sehr lange und ernsthaft Gedanken. Und durch die Menge an Sinneseindrücken war ich oft erschöpft oder überfordert. Heute würde man so ein Kind mit der Fragestellung nach Neurodivergenz vielleicht genauer in den Blick nehmen, um es zu unterstützen, aber damals war die Forschung noch nicht so weit. (Unter Neurodivergenz versteht man heute, dass die neurologischen Gehirnfunktionen eines Menschen anders ablaufen, als es allgemein als typisch gilt.) In jener Zeit lehrte meine Mutter mich beten. Sie ermutigte mich, mit Gott über meine Schwierigkeiten zu sprechen und ihn um Hilfe zu bitten. Heute würde ich sagen: Ich habe gelernt, Gott meine Bruchstücke hinzuhalten, um mit ihm durchs Leben zu kommen. Der zweite Gedanke stammt von dem Liederdichter Manfred Siebald und dreht sich darum, dass es Mut braucht, um der Mensch zu sein, den Gott im Sinn hatte, als er uns im Bauch unserer Mütter gemacht hat. Als junge Frau lernte ich langsam, mich selbst anzunehmen. Einmal habe ich halb 14


lachend, halb weinend gesagt: »Gott hat mich mit einem anderen Strickmuster gestrickt als andere. Nicht zwei rechts, zwei links, sondern mit Zopfmuster!« Wozu hat er das getan, fragte ich mich, wo liegt mein spezielles Potenzial und was möchte er, dass ich daraus mache? Ja, es braucht Mut und mein Einverständnis, die Person zu sein, die Gott sich dachte, als er mich schuf. Ich darf lernen, versöhnt mit meinen Stärken und Schwächen zu leben. Und manchmal ist das sogar ein schönes Abenteuer!

So war es seit langer Zeit mein Herzenswunsch, eine Lesung mit meinen Texten zu machen und dazu Bekannte, Nachbarn und Freunde einzuladen. Eine Lesung! Eine Lesung vor Publikum! Gott schenkte mir liebevolle und tatkräftige Unterstützung. Es kamen sechzig Personen und es wurde für uns alle eine Vorlesepremiumzeit! Hätte ich das je für möglich gehalten – da mir das Lesen doch früher so viel Not bereitet hat? Das Feedback einer Nachbarin lautete: »Der Abend hat mir gut gefallen. Und du wirktest so gelöst.« Dieses Kompliment habe ich mit einem herzlichen Dank an Gott weitergeleitet. Denn ich konnte tatsächlich ohne verkrampfte Finger, schweißnasse Hände und Lampenfieber lesen und moderieren. Es war ein befreites, frohes Sein. 15


Und was mich besonders freute: Ich habe durch meine Texte von Gott erzählt, denn irgendwo blinzelt aus ihnen immer meine Beziehung mit ihm durch. Ja, es macht mir mächtig Spaß, die Frau zu sein, die Gott sich dachte, als er mich schuf. Denn dann kommt mein Strickmuster voll zur Geltung. Ich stelle mir vor, das sind Momente, in denen Gott vor Begeisterung in die Hände klatscht und sagt: »Siehste, Lesen geht doch! Genauso gelöst und befreit hatte ich mir das für dich gedacht!«

Christine Schlagner arbeitete viele Jahre in einem Seniorenzentrum und genießt nun ihren Ruhestand. Als engagierte Oma, Geschichtenerzählerin und begeisterte Vorleserin teilt sie in ihren Texten persönliche Erfahrungen, geistliche Impulse und liebevolle Beobachtungen.

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»Bücher sind ein Garten zum Mitnehmen.« Alphonse Karr

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