SWANTJE SCHÖNIGER
Isländer im Iller tal 3
Wind
in der Mähne
Prolog Einzelne Schneeflocken wirbelten durch die kalte Winterluft und verwandelten das Illergries über Nacht in ein atemberaubendes Winterwonderland. Die kahlen Bäume wurden mit weißen Kleidern geschmückt und auch die welken Herbstwiesen verschwanden unter einer gleichmäßigen weißen Puderzuckerschicht. Unzählige der einzigartigen herumwirbelnden Eiskristalle zierten die Mähnen und Haarspitzen der plüschigen Ponys, während die Kälte den aus ihren Nüstern strömenden Atem in weiße Nebelschwaden verwandelte. Eng zusammengedrängt standen die Pferdchen in ihrem Auslauf und warteten auf ihr Frühstücksheu. Zwischen den Bäumen hörte man eine Krähe laut krächzen und ein Specht klackerte gegen einen Stamm. Die flauschigen Ohren der Stute zuckten erwartungsvoll vor und zurück. Ihre wachen schwarzen Augen beobachteten den Innenhof. Auf den einzelnen Pflastersteinen hatten sich kleine Schneetürmchen aufgehäuft. Die Hühner gackerten und pickten in ihrem verschneiten Freigehege. Doch die Stute stand völlig ruhig und wartete. Sie wartete auf ein Fahrrad, das sich heute nur langsam seinen Weg durch die weiße Winterlandschaft erkämpfte.
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Kapitel 1 Ich erwachte ganz plötzlich durch ein ohrenbetäubendes Krachen. Mein Rollladen schlug mit unregelmäßigem Klappern und Scheppern laut an mein Fenster und durch seine Rillen fiel kein bisschen Licht ins Zimmer. Ganz steif und unbeweglich lag ich in meinem Bett und lauschte in die Nacht. Es war stockfinster, draußen und in meinem Zimmer. Ich runzelte die Stirn, als ein weiterer Windstoß laut aufheulte und den Rollladen erneut zum Scheppern brachte. »Lina, bist du wach?«, flüsterte eine leise Stimme in die Dunkelheit. Steffi, meine Bestie, die bei mir übernachtete, war ebenso von diesem Naturspektakel aus dem Schlaf gerissen worden. Ich drehte mich auf die Seite und mein leises »Ja« ging beinahe im Heulen des Windes unter. Ich streckte mich nach meinem Handy. 3 Uhr morgens. »Ich muss mal«, murmelte ich und kroch aus dem warmen Bett. Als ich über den Flur lief, sprang das Licht vom Bewegungsmelder nicht wie gewohnt an. Im Halbschlaf eilte ich weiter ins Bad und drückte dort auf den Lichtschalter. Nichts passierte. Ich versuchte es erneut, jedoch ohne Erfolg. Stromausfall?! Der Wind vor dem Fenster heulte und brauste. Louis und meine Eltern aber schienen zu schlafen. Das Heulen klang nicht mehr nur nach einem heftigen Wind, eher bereits nach einem richtigen Sturm! Mir war etwas unheimlich zumute. Schnell erledigte ich meinen Toilettengang, drückte die Spülung und lief zurück in mein Zimmer. Steffi hatte sich im Bett aufgesetzt. »Hammermäßig!«, sagte sie leise. »Klingt ja, als ob euer Haus gleich zusammenbricht!« 8
Ich testete den Lichtschalter in meinem Zimmer. Nichts. Dann zog ich den Rollladen ein Stückchen nach oben. Unsere gesamte Straße lag im Dunkeln. Alle Laternen waren ausgefallen. »Der Strom ist weg!«, stellte ich fest. Im schwachen Mondlicht sah ich, wie sich die winterkahlen Bäume im Sturm bogen. Das Knarren und Ächzten der knorrigen Äste war sogar durch das geschlossene Fenster zu hören. Kleinere und größere Zweige lagen verstreut auf dem Gehweg und der Wind wirbelte den pulverigen Schnee ohne Unterlass durcheinander. »Schau mal!«, sagte ich leise zu Steffi. Sie kroch aus dem Bett und stellte sich neben mich ans Fenster. Eine Mülltonne lag quer auf der Straße und der herausgefallene Inhalt wurde vom Wind in alle Richtungen gepustet. Ich deutete auf die umgestürzte Deko vom Haus nebenan. Gegenüber funzelte jemand mit der Taschenlampe im ersten Stock herum. »Wie gut, dass du dein Fahrrad gestern Abend noch in unsere Garage gestellt hast.« Nun war ich doch etwas dankbar für Mamas meiner Meinung nach oft übertriebenen Sinn für Ordnung. Steffi nickte zustimmend. Irgendwo draußen knallte eine Tür. Es schepperte erneut und ein lautes Krachen folgte. Unweigerlich musste ich an Kathe und die Ponys denken. Hoffentlich ist auf dem Zieglerhof alles in Ordnung! Mit einem Mal ertönte die laute Sirene der Feuerwehr. Oh! Ich erschrak und zuckte zusammen. Irgendwas war passiert! Wie immer bekam ich von dem schrillen Klang der Sirene eine Gänsehaut. Auch Steffi fröstelte. Schnell ließen wir den Rollladen wieder nach unten und kuschelten uns zurück unter die warmen Decken. Die Sirene heulte noch einige Male auf und erstarb dann. Da öffnete sich meine Zimmertür einen schmalen Spaltbreit und Louis schlüpfte mit verstrubbelten Haaren herein, gefolgt 9
von Findus, unserem Kater. Mit einem Hops landeten beide auf meinem Bett. »Jetzt wird’s aber eng«, kommentierte Steffi. Sie hatte ihre Handytaschenlampe angeschaltet und beleuchtete mein Zimmer. Louis sah mich mit seinen großen blauen Augen an und ich konnte nicht widerstehen. Also hob ich die Decke von meinem 1,20-Meter Bett ein Stück an und mein kleiner Bruder schlüpfte sofort zu mir. Eng kuschelte er sich an mich. »Da ist bestimmt was Schlimmes passiert!«, flüsterte er und seine Augen waren vor Sorge geweitet. Ich strich ihm sanft über den Kopf. Findus machte es sich am Fußende gemütlich und rollte sich zusammen. Draußen brauste und heulte es ohne Pause wie bei einem Orkan. »Schlaf Louis, wir passen auf dich auf!«, versuchte ich ihn zu beruhigen, obwohl mir selbst ein wenig mulmig zumute war. Ich drückte ihm einen Kuss auf die Wange. Langsam entspannte sich sein kleiner Körper. »Echt krass, kann mich nicht daran erinnern, wann es jemals so furchtbar gewindet hat!« Steffi tippte auf ihrem Handy herum und las dann: »Sturmwarnung für Bayern. Besonders starke orkanartige Sturmböen werden in den Landkreisen Neu-Ulm, Günzburg, Schwaben und dem Unterallgäu erwartet.« Na, das haben wir jetzt auch gemerkt!
»Da hat ja nicht einmal der Sturm Sabine so viel im Städtchen angerichtet!«, meinte Papa am nächsten Morgen. Er war für unser Ferien-Familien-Frühstück zum Bäcker geradelt und heute irgendwie besonders gut drauf, was mich im Hinblick auf die wilde Nacht wunderte. Aber vielleicht lag es auch daran, dass er die freien Tage zwischen Weihnachten und Dreikönig genoss. Zusammen mit dem leckeren Duft aus den beiden Bäckertüten 10
brachte Papa auch eine große Portion eisige Winterluft und einige Schneeflocken auf seiner Winterjacke von draußen mit in die Küche herein. Das wütende Brausen um unser Haus herum hatte sich mit dem Beginn des neuen Tages gelegt und auch der Strom funktionierte zum Glück wieder. Steffi und ich hatten eben den Tisch gedeckt. Mama stellte eine Kanne heißen Tee in die Mitte und aus der Kaffeemaschine plätscherte ein Cappuccino für Papa, der noch schnell aus der Jacke schlüpfte. Nicht nur er, auch meine Mutter war heute Morgen so erstaunlich gut gelaunt. Immer wieder zwinkerten die beiden sich zu und ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Auch Steffi zog die Augenbrauen hoch und warf mir einen fragenden Blick zu. Ich zuckte nur mit den Schultern. Eltern sind manchmal einfach komisch! Dann berichtete Papa von seinem kurzen Ausflug ins Städtchen: »Vom Ahorn an der Hauptstraße ist ein großer Ast abgebrochen und mitten auf die Straße gefallen. Die Feuerwehr sägt ihn gerade klein, um ihn dann wegzuräumen. Dort ist die halbe Fahrbahn gesperrt. Die großen Werbeplakate an den Bauzäunen bei der Waschstraße vom Baumarkt sind alle auf den Radweg und teilweise auf die Straße gefallen und ein Baum ist auf ein geparktes Auto gestürzt«, Papa holte Luft, »und ihr kennt doch das kleine alte Haus vorne am Eck zur Metzgerei? Da hat der Sturm das halbe Dach abgedeckt und die heruntergefallenen Ziegel haben mehrere Autos beschädigt.« Er hielt kurz inne und ich musste sofort an Oma Annemies kleines und altes Häuschen im Vorort von Illertissen denken. Ob bei Oma alles okay ist? Ich blickte Mama an und sie schien meinen Gedanken zu lesen. »Ich habe heute früh mit Oma telefoniert, bei ihr ist alles in Ordnung!« Erleichtert atmete ich durch. Gott sein Dank! Ich liebte meine großartige coole Omi, die mit ihren grünen Augen und ihren un11
zähligen runzeligen Lachfältchen immer einen klaren Blick auf alle Dinge des Lebens hatte, die mir von Zeit zu Zeit doch eher unklar oder schwierig vorkamen. Und allein bei dem Gedanken, ihr oder ihrem Zuhause, das ich so liebte, könnte etwas zugestoßen sein, bekam ich eine Gänsehaut. »Ach ja«, fügte Papa noch hinzu, »das Trampolin im Garten von Melanie ist umgestürzt und hat den Holzzaun zum Nachbarn eingedrückt.« Bei der Erwähnung von Melanies Namen zog Steffi eine Grimasse in meine Richtung. Melanie war etwas älter als ich und sie wohnte mit ihrer Mama im Neubaugebiet am anderen Ende unserer Spielstraße. Früher hatten wir uns oft zum Spielen oder später dann zum Abhängen getroffen. Seitdem ich aber mit Jonas aus ihrer Jahrgangstufe zusammen war, hatte sich das radikal geändert. Unsere lose Freundschaft hatte sich in Luft aufgelöst, als sie ziemlich fies versucht hatte, uns auseinanderzubringen. Steffi und ich machten seitdem einen Bogen um sie, und falls unumgänglich, begegneten wir ihr neutral und unverbindlich. Und vor allem mit dem nötigen Sicherheitsabstand. »Da können wir Gott wirklich dankbar sein, dass bei uns nichts passiert ist!«, meinte Mama und seufzte. Es war kurz still am Tisch. Ich musste sofort wieder an Kathe und die Ponys denken. Auch das Dach ihres Wohnhauses und das der Scheune waren alt. Oft schon hatte sie erwähnt, sie erneuern zu müssen … Der Auslauf der Ponys hingegen war in einem Topzustand. Das wusste ich so genau, weil Papa und ich einen davon im vergangenen Jahr sogar selbst gebaut hatten. Ich schluckte, denn bei diesem Gedanken sah ich sofort die windfarbene Stute Stjarna mit ihrem frechen Fohlen Vina vor mir. Die beiden hatten den Zieglerhof im vergangenen Herbst verlassen müssen und es hatte mir beinahe mein Herz gebrochen. Ich schluckte, um diesem Gedanken keinen weiteren Raum zu geben. Schnell schickte ich ein kleines Stoßgebet nach oben. Lieber Gott, bitte lass auch auf dem Zieglerhof alles in Ordnung sein! Am liebsten hätte ich 12
mein Handy gezückt und Kathe geschrieben oder sie angerufen, aber Handys am Esstisch waren bei uns tabu. Und da gab es keine Ausnahmen. Gut, dass ich nachher sowieso auf dem Hof sein und bald mehr wissen würde. Steffi nutzte die entstandene Stille. »Kann ich bitte auch einen Cappuccino bekommen?«, fragte sie mit einem koketten Augenaufschlag in Richtung der Kaffeemaschine. Mama runzelte die Stirn. »Du trinkst schon Kaffee?« Ich rollte mit den Augen und warf meiner Bestie einen entschuldigenden Blick zu. Manchmal fragte ich mich wirklich, in welcher Welt meine Mama lebte. Ja, fast alle in meinem Alter konsumierten regelmäßig Koffein, und zwar in allen möglichen Formen. Wobei Cappuccino neben den verschiedenen Energydrinks wahrscheinlich noch die mildeste Zufuhr beinhaltete. Als Steffi überzeugend nickte, stellte Mama widerstrebend eine weitere Tasse unter den Vollautomaten und klickte auf »Cappuccino«. »Die Nuss-Nougat-Creme fehlt noch!«, bemängelte Louis mit Blick auf den gedeckten Tisch. »Ist leer«, erwiderte Mama und mein Bruder schmollte. Er liebte Brezel mit Schokoaufstrich. Nach dem Frühstück musste Steffi leider nach Hause. »Eigentlich hab ich keine große Lust auf das Kaffeetrinken mit der Verwandtschaft!«, murrte sie und wir vereinbarten, später noch zu telefonieren. Der Himmel war grau verhangen und eisig wehte der Wind in den Flur herein. Ich fröstelte an der Haustür. Der glitzernde Schnee knirschte unter Steffis Winterstiefeln und kaum war sie mit dem Rad abgefahren, schloss ich bibbernd die Schleuse in dieses Winterwonderland und verschwand in mein Zimmer. Mit dem Handy chillte ich mich quer auf mein Bett. Kathe war heute noch nicht einmal online gewesen und mein Bauchgefühl sagte mir, dass das eher ein schlechtes Zeichen war. Aber eine Nachricht von Jonas wartete auf mich. Und das war definitiv gut. 13
Ein Lächeln huschte über mein Gesicht wie immer, wenn ich an meinen Freund dachte. alles klar bei euch? Er war immer fürsorglich, ohne aufdringlich zu sein oder mich einzuengen. Das mochte ich an ihm. Außerdem verband uns etwas ganz Besonderes. Oft konnte ich es nicht genau in Worte fassen, aber ich war mir sicher, dass es mit Jesus, Gott und unserem gemeinsamen Glauben zu tun hatte. jaaaaaa 🖤 bei euch auch? eine große fichte in unserem garten ist umgestürzt und auf die garage gefallen … muss papa helfen, sie klein zu sägen und wegzuräumen … 🙈 das dach ist auch etwas kaputt. wird wohl den ganzen tag dauern. Ich war schockiert. Bei Jonas im Garten war ein ganzer Baum umgestürzt! Und unser Treffen heute Abend? das tut mir voll leid! … bleibt es trotzdem bei heute abend? hoffe ich … bin dann wohl den restlichen tag draußen … melde mich später. Das klang nicht so ganz überzeugend. Ein »ja klar« wäre mir eindeutig lieber gewesen. Ich schickte ihm einen Kuss zuwerfenden Smiley. Das alles fiel wohl unter höhere Gewalt und ich war wirklich dankbar, dass meine Familie und unser Zuhause die Nacht völlig unbeschadet überstanden hatten. Ich klickte erneut auf Kathes Kontakt, doch mein Handy 14
konnte keine Verbindung aufbauen. Ihr Mobiltelefon musste aus sein. Während der Schulzeit hatte ich feste Stalltage, an denen ich Kathe auf dem Hof unterstützte und zum Reiten ging. In den Ferien war es anders. Da war jeder Tag ein Stalltag. Das liebte ich! Und unter diesen Sturmumständen hatte ich es jetzt natürlich besonders eilig, zum Zieglerhof zu kommen. Eigentlich hatte ich geplant, nach meiner Arbeit mit Fjalar noch einmal den Ablauf meiner Dressuraufgabe durchzugehen. Jeder Reitschüler hatte eine kleine Darbietung vorbereitet und gemeinsam wollten wir nächstes Wochenende unseren Familien unsere reiterlichen Fortschritte präsentieren. Im Anschluss sollte es Punsch, Zimtschnecken und Kuchen geben. Kathe hatte dafür extra die Heizpilze und Pavillons der Kirchengemeinde ausgeliehen. Als ich an meine Vorführung dachte, kribbelte es vor Aufregung in meinem Bauch und ich musste unweigerlich an Emma denken. Dabei huschte ein Grinsen über mein Gesicht. Hätte mir jemand vor einem halben Jahr erzählt, dass ich mal zusammen mit Emma Harder ein Pas de deux auf dem Zieglerhof reiten würde, hätte ich ihn für verrückt gehalten. Noch vor ein paar Monaten hätte ich sie einfach umhauen können und sie, sie hätte mich sicherlich mit ihren perfekt gestylten und ständig überheblich hochgezogenen Augenbrauen von oben herab belächelt. Doch der vergangene Sommer hatte vieles verändert. Sehr vieles. Auch wenn ich Emma nach wie vor nicht als »Freundin« bezeichnen würde, so hatten wir uns in den vergangenen Wochen gegenseitig gepusht, um in puncto Reiten und Pferd nicht aufzugeben. Nach und nach hatten wir das Kriegsbeil begraben – durch unerklärliche, nein, eigentlich eher durch göttliche Führung. Und seitdem unterstützten wir uns gegenseitig, um über den Verlust eines geliebten Vierbeiners hinwegzukommen. Emma trauerte um ihr verunglücktes Springpferd Highlight und ich motivierte sie zum Springtraining mit Frekja. Im Gegenzug ermutigte sie mich, auch ohne meine geliebte Stjarna dem Zieglerhof treu zu bleiben. 15
In meinem Kopf ging ich nochmals unser einstudiertes Pas de deux durch, während ich in meinen winterlichen Zwiebellook schlüpfte und mir Schal, Wollmütze und die dicken Handschuhe schnappte. »Tschüss, Mama, tschüss, Papa, bis später!«, rief ich, stieg im Flur in meine Winterstiefel und huschte durch die Haustür nach draußen. »Bis später!«, erwiderten sie fröhlich, und rums, fiel die Tür hinter mir zu. Heute sind Mama und Papa aber echt besonders komisch!
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Kapitel 2 Die eisige Luft stach mir erbarmungslos wie ein Messer in meine noch müden Lungenflügel. Brrr! Ich schob meine dunkelgrüne Wollmütze tiefer in die Stirn. Auch den Schal zog ich weit über die Nase. Unschön, dachte ich bei mir und versuchte flacher zu atmen. Wie unschön! Energisch schob ich mein Fahrrad aus unserer Garage und schwang mich in den Sattel. Meine Hände umfassten den Lenker mit festem Griff und mein Blick fiel auf meine überdimensional großen Yeti-Hände. Unweigerlich musste ich hinter meinem Schal grinsen. Ich war wirklich sehr dankbar über Oma Annemies perfektes Weihnachtsgeschenk: Winterreithandschuhe. Die gefütterten schwarzen Fingerhandschuhe mit Grip waren innen kuschelig weich und außen wasserabweisend. Und vor allem hielten sie meine im Winter sonst immer kalten Hände warm. Der wolkenverhangene Himmel war heute grau und trist. Eine dicke gefrorene Schicht weißen Winterzaubers bedeckte die Gärten, Autos und Zäune, was wunderschön aussah. Kräftig trat ich in die Pedale und malte mir in meiner Fantasie alles Mögliche an Schäden aus, die auf dem Hof passiert sein könnten. Aber als ich mir endlich meinen Weg durch die Winterlandschaft gebahnt hatte, traf mich beinahe der Schlag. Ich bremste scharf neben einer Schneewehe und mein Fahrrad stoppte jäh. Das gibt’s doch nicht! Was für ein Anblick! Was für ein Chaos! Meine Fantasie von eben wurde bei Weitem übertroffen. Ich schluckte, als mein Blick über den Innenhof meines geliebten Zieglerhofes schweifte. Das Durcheinander war einfach zu groß, um alles auf einmal zu erfassen. Fröstelnd wagte ich mich 17
einige Schritte vor, den Lenker mit beiden Händen fest umklammert. Das Kopfsteinpflaster war übersät mit zersplitterten Dachziegeln. Ich hatte große Mühe, das Fahrrad um die unzähligen Scherben herumzuschieben. Mein Blick hob sich vom Boden und ich schaute aufs Dach der Scheune. Oh nein! Gar nicht gut! Der Sturm hatte es fast komplett abgedeckt. Durch die schmale Holzlattung hatte ich nun freie Sicht auf das Heulager. Als Nächstes registrierte ich einen großen Ast, der vom Kastanienbaum abgebrochen und in die Umzäunung des Auslaufs gekracht war. Der Holzzaun war zersplittert und einige Latten waren durchgebrochen. Ich kniff die Augen zusammen. Aber wo um alles in der Welt sind die Ponys? Keiner der flauschigen Vierbeiner war zu sehen. Der Paddock der sechs Ponys war leer. Dafür waren Kathes Hühner auf dem ganzen Hof verteilt und pickten gackernd zwischen den Scherben herum. Als ich mir ihr Gehege genauer ansah, stellte ich fest, dass ein weiterer Ast vom Walnussbaum auf den Hühnerstall gefallen war und die Umzäunung eingedrückt hatte. »Oh nein«, flüsterte ich. Wo ist nur Kathe in all diesem Durcheinander? Ihr tarngrüner Jeep stand auf dem Parkplatz. Seine Scheiben waren vereist und er hatte ein Schneehäubchen auf dem Dach und der Motorhaube. Das Fahrzeug war heute ganz offensichtlich noch nicht bewegt worden. Ich stellte mein Fahrrad wie immer an der Außenwand vom Stübchen ab und stieg über die kaputten Latten in den Ponyauslauf. Der Pferdemist der Nacht lag noch haufenweise auf dem Boden des Auslaufs herum und die Bollen waren angefroren und von einer eisigen Kristallschicht überzogen. Ich spähte ums Eck in den Unterstand der Ponys. Aber auch dort war keine Flauschnase zu erblicken. Er stand leer. Ich schob mich erneut durch den Zaun und lief zum Stübchen. 18
Im hinteren Eck standen die drei Heizpilze und die verpackten Pavillons für nächste Woche. Aber in diesem Chaos konnte doch keine Neujahrsfeier stattfinden! Da war ich mir sicher. Ansonsten war das Stübchen ebenso leer und verlassen wie der Ponyunterstand. Neben der Scheune entdeckte ich frische Spuren im Schnee. Ich folgte ihnen um die Scheune herum in Richtung Reitplatz. Ich lief schnell, rutschte und schlitterte und mein Atem hinterließ kleine weiße Wölkchen in der kalten Luft. Von hier aus konnte ich die Koppeln sehen und dort entdeckte ich mit klopfendem Herzen zu meiner Erleichterung die im Schnee tobenden Ponys. Mein Magen zog sich etwas zusammen, als meine Augen wie selbstverständlich nach Stjarna Ausschau hielten. »Reiß dich zusammen!«, ermahnte ich mich selbst und seufzte laut. Meine beste Freundin war nicht mehr hier. Ich wusste es doch und trotzdem tat das Loch in meiner Brust, das die windfarbene Stute hinterlassen hatte, wieder unendlich weh. Jedes Mal, wenn ich auf dem Zieglerhof war, kam dieser Schmerz aufs Neue hoch. Ich vermisste meine Seelenverwandte auf vier Hufen, der ich immer mein Herz ausgeschüttet hatte, schrecklich! Ihre dunklen wachen Augen und ihr begrüßendes Brummeln fehlten mir so. Obwohl ich alles in meiner Macht Stehende versucht hatte, war es Kathe, meinen Eltern und mir nicht gelungen, sie ihrem Besitzer Jonte abzukaufen. Obwohl es dabei um seine und Kathes gemeinsame Vergangenheit gegangen war, war nun ich es, die am meisten darunter litt. Wird das jemals wieder aufhören? Ich fröstelte und Tränen schossen mir in die Augen. Entschlossen wischte ich mir mit dem großen Yeti-Handschuh übers Gesicht. Doch, Moment mal. Eins, zwei, drei … Ich kniff die Augen zusammen und zählte noch einmal. Brúni, Fjalar und Frekja wirbelten den lockeren Schnee auf. Von Thokkadís, Kathes Fuchsstute, und den beiden Shettys Max und Moritz fehlte jedoch jede Spur. Die drei Ponys wirkten alle munter und zufrieden im aufgewühlten Schnee. Doch wo sind die andern? 19
Eilig drehte ich mich um. Als ich um die Ecke bog, hatte ich freie Sicht auf das Dach von Kathes kleinem Häuschen oder vielmehr auf das, was von diesem Dach noch übrig geblieben war. Ich schluckte. Oh nein! Der Sturm der vergangenen Nacht hatte auch am Wohnhaus einen großen Schaden angerichtet. Ich bemühte mich, nicht auf die Tonscherben zu treten, und klingelte an der Tür. Als niemand öffnete, drückte ich einfach die Klinke herunter. Kathes Haus war selten abgeschlossen, so auch heute nicht. Ich steckte meinen Kopf in den Flur. »Kathe? Bist du da?« Meine laute Stimme verhallte und es blieb still. Vielleicht ist Kathe ja mit ihrer Stute unterwegs? Also lief ich in die Sattelkammer. Und meine Vermutung wurde bestätigt. Sowohl der Sattel als auch das Zaumzeug von Thokkadís fehlten. Dafür strich mir die schnurrende Köttur um die Beine. »Du weißt auch nicht zufällig, wo dein Frauchen ist?«, fragte ich die graue Katzendame mit dem weißen Latz und strich ihr über den Rücken. Doch sie machte nur einen eleganten Buckel und schnurrte weiter um meine Beine. Für einen Moment war ich überfordert. So ein Durcheinander! So ein furchtbares Durcheinander! Ich versuchte noch einmal, Kathe auf dem Handy zu erreichen – erfolglos. Es war entweder aus oder sie war in einem Funkloch. Was soll ich denn nur tun, Gott? Ich fühlte mich hilflos. Alleine in diesem Chaos. Doch dann ploppte plötzlich eine Idee in meinem Kopf auf. Ich zog mein Handy erneut aus der Jackentasche und öffnete WhatsApp. Dort suchte ich den Chat der »Zieglerhof-Gang«. Alle waren Gruppenmitglieder: meine Reitfreundinnen Jana und Tina sowie Mathias, Tessa, Svenja, Ella, Matilda, Nora und Eva, die seit dem Sommer regelmäßig bei Kathe auf dem Hof zum Reiten kamen. Und natürlich auch Emma. 20
Schnell tippte ich: SOS. notfall bei den ponys. der sturm hat viel schaden angerichtet und kathe ist verschwunden. hier ist chaos. wer kann helfen??? Ich entschied mich, als Erstes den Auslauf abzumisten, was ab heute sowieso meine Aufgabe gewesen wäre, sich allerdings bei diesen Temperaturen wieder mal als gar nicht so einfach erwies. Die einzelnen Bollen waren festgefroren und beinahe untrennbar mit dem Boden des Auslaufs verschmolzen. Ich keuchte vor Anstrengung und die dünnen Plastikzinken der Mistgabel drohten abzubrechen. Also tauschte ich sie gegen den massiven Bollenkratzer, der bei den Besen am Putzplatz lehnte. Kathe hatte den großen Metallabstecher so getauft. Aber eigentlich wusste ich von Papa, dass dieses monströse Werkzeug Stoßscharre hieß, und er verwendete es, um unsere Rasenkante im Frühjahr abzustechen. Egal. Welcher Name nun auch immer korrekt war, damit klappte es ohne Probleme. Ich arbeitete mit all meiner Kraft, um den Boden frei zu bekommen, sodass ich trotz der kalten Temperaturen ins Schwitzen geriet und eine meiner vielen Klamottenschichten ausziehen musste. Da verspürte ich einen Juckreiz an meinem linken Handgelenk. Genau dort, wo das Armband saß, das mir Kathe zum Geburtstag geschenkt hatte. Ich schob meinen Ärmel etwas nach oben und blickte auf das filigran geflochtene Schmuckstück mit dem silbernen Herzen, das sie für mich aus Stjarnas Schweifhaaren gefertigt hatte. Vielleicht vom Schwitzen?, wunderte ich mich. Ich kratzte mich ein wenig und schob dann wieder die Jacke darüber. Mein Handy vibrierte. Tina hatte meine Nachricht gelesen. was?!? mama bringt uns. holen noch Jana ab. bis gleich. 21
Super. Jede helfende Hand war mir willkommen. Denn alleine ging hier kaum etwas voran und ich fühlte mich komisch und einsam auf dem still daliegenden Hof. Von Kathe und den vermissten Shettys immer noch keine Spur. Da summte mein Handy erneut. Emma. bin heute mit meinen eltern unterwegs. sorry … 😉 Schade! Aber immerhin hatte sie sich gemeldet. Ich schob mein Handy zurück in die Jackentasche und wollte den vollen Schubkarren über den Hof in Richtung Misthaufen schieben, als mir auffiel, dass mir der Weg dorthin durch die unendlich vielen Scherben versperrt war. Blöd! Das geht ja gar nicht! Wie sollte ich denn jetzt mit der schweren Ladung durch das Meer von scharfkantigen Ziegelscherben kommen? Ich stellte den Schubkarren ab und begann, die großen Ziegelteile mit der Hand aufzusammeln, um mir so einen schmalen Weg freizuräumen. Ich kam nur langsam voran und wollte eben aufgeben, aber in diesem Moment fuhr ein Auto vor. Endlich war Unterstützung in Sicht! Ich atmete erleichtert auf. »Lina!«, riefen Tina und Jana und kamen mir mit großen Augen entgegengelaufen. Das heißt, sie staksten eher wie ein Storch im Salat, in kleinen Kringeln und großen Ausfallschritten um die ganze Bescherung herum, auf mich zu. »Bin ich froh, dass ihr da seid!« Neben der Hecke am Parkplatz hatte ich bereits einen kleinen Haufen der kaputten Dachziegel zusammengetragen. Gerade ließ ich meine nächste Ladung mit lautem Poltern daraufkrachen, da fuhren zwei Fahrräder um die Ecke und bremsten scharf. Mathias und Tessa starrten ungläubig zu uns in den Innenhof. Spitze! Mein SOS-Ruf war erfolgreich gewesen. Mathias und Tessa waren genauso entsetzt über die Sturmschäden wie Jana und Tina. 22
»Krass, Mann. Das Dach ist einfach weggepustet!« Tessa war bestürzt. »Da wird’s wohl eher nichts mit unserer Neujahrsvorführung!«, meinte Mathias. Aber am meisten beunruhigte uns alle das Verschwinden von Kathe und den drei Ponys. »Wo können sie nur sein?«, wunderte sich Tina. Wir waren ratlos. Mathias nahm den großen Ast, der die Umzäunung des Auslaufs beschädigt hatte, genau unter die Lupe. »Da braucht man eine Motorsäge. So können wir nichts machen!« Ich überlegte. »Damit kann ich leider nicht dienen. Aber so leicht lassen wir uns nicht unterkriegen! Lasst uns als Erstes das Kopfsteinpflaster im Innenhof von den Tonscherben befreien!« »Wir haben aber nur zwei Besen«, sagte Jana. »Und eine Schneeschaufel«, fügte Tessa hinzu. »Okay. Dann sammeln wir die großen Scherben eben von Hand ein«, schlug ich vor. »Und wohin damit?«, fragte Tessa. Ich zeigte auf meinen schon gar nicht mehr so kleinen Haufen und dann legten wir voller Tatendrang los. Als später noch Matilda, Nora, Ella und Eva unter lautem »Hallo« dazukamen, breitete sich nach der anfänglichen Hilflosigkeit etwas Zuversicht aus. Gemeinsam würden wir unseren geliebten Zieglerhof wieder auf Vordermann bringen! Schweigend arbeiteten wir vor uns hin, da begann es leise in der Ferne zu rattern, dann immer lauter, und wenig später kam ein rotes Auto über den verwehten Schnee den Feldweg entlanggefahren. Ein roter Caddy parkte. Alex, der Hufschmied, mit dem Kathe zusammen war. Er stieg aus. Bei seinem Anblick seufzte ich tief. Irgendwie war ich sehr froh über die Anwesenheit eines Erwachsenen. Zugegeben hätte ich das aber natürlich niemals. Bestimmt weiß er, wo Kathe steckt. 23
Alex betrachtete das allgemeine Durcheinander. »Mannomann«, brummte er und zog besorgt die Augenbrauen zusammen. Langsam überquerte er den Hof und kam zu uns hinüber. »Hi, Leute, hi, Lina!«, rief er uns entgegen. »Was macht ihr denn hier?« Er sah zwischen uns, den abgedeckten Dächern und dem abgebrochenen Ast vom Walnussbaum hin und her. Ich stellte den Schubkarren, der gerade voll mit Schutt beladen war, auf dem Boden ab. »Ordnung«, antwortete ich. »Ihr seid ja spitze!« Alex war beinahe gerührt. »Kathe hat mich heute früh angerufen und mich gebeten, mit der Motorsäge vorbeizukommen. Aber«, er wies mit der Hand einmal rund um den Hof, »davon hat sie nichts erwähnt! Und das gerade jetzt …« Sturmschäden kamen nie zur passenden Zeit! Da war ich mir sicher. Auch die anderen grüßten den Hufschmied, der sich weitersuchend umblickte. »Und wo ist Kathe?«, fragte er. »Keine Ahnung.« Tina zuckte mit den Schultern. »Wir haben gehofft, du wüsstest vielleicht Bescheid«, sagte ich verwundert. Irritiert schüttelte er den Kopf und warf einen Blick über den Hof. »Dann hat sie die Shettys also noch nicht gefunden?« Sein Murmeln war sehr leise und er sah sich nochmals suchend um. Nicht gefunden? Die Shettys sind also wirklich verschwunden? »Ich glaube, sie ist mit Thokkadís unterwegs. Ihr Sattelzeug fehlt«, meinte ich. Mir kroch eine Gänsehaut über den Rücken und ich tauschte einen vielsagenden Blick mit den anderen aus. »Aber was macht ihr denn eigentlich hier auf eigene Faust?« Alex’ Stimme war nun wieder laut und fest. »Lina hat uns ein SOS geschickt«, erklärte Jana. »Svenja kommt nachher auch noch«, gab Tessa Auskunft. 24
Und Mathias fügte hinzu: »Sonst können wir das mit dem Neujahrsritt nächste Woche vergessen!« »Dann komme ich ja genau richtig!« Alex lief zum Caddy und holte die Motorsäge aus dem Kofferraum. Gemeinsam mit Mathias begann er, die großen und kleinen Astteile zu zersägen, während wir Mädchen mit den unzähligen Ziegelsplittern am Boden weiterkämpften. Und ein mühsamer Kampf war es wirklich! Es war so bitterkalt, dass ich trotz der Handschuhe meine Finger kaum mehr spürte, und vom ständigen Bücken tat mir bereits der Rücken weh. Die Hühner gackerten und staksten um uns herum und stoben das eine oder andere Mal aufgescheucht durch den Schnee. Im Auslauf der Ponys war der Boden wieder in seinen Urzustand zurückversetzt und scherbenfrei. Aber unsere Bemühungen glichen nur einem Tropfen auf den heißen Stein, wenn ich das Gesamtausmaß der Zerstörung betrachtete. Als Nächstes nahmen wir uns den Bereich vom Putzplatz vor. Da pickte plötzlich eines der Hühner Tina von hinten in den Unterschenkel. »Autsch!«, rief sie erschrocken aus, rieb sich die Wade und scheuchte das freche Federvieh von sich weg. »Zum Glück hast du eine Schneehose an!«, rief ich ihr zu. So ein Hühnerschnabel konnte nämlich ganz schön feste zwicken. Das wusste ich aus Erfahrung, denn oft schon hatte ich die Eier im Gehege für Kathe eingesammelt. »Lasst uns zuerst den Zaun von diesen verrückten Hühnern reparieren«, meinte Tina deshalb. »Dann gehen sie uns nicht ständig im Weg rum.« Gesagt, getan. Denn niemand hatte Lust darauf, das nächste Opfer eines pickenden Schnabels zu werden. Gemeinsam versuchten wir, den eingedrückten Maschendrahtzaun vom Hühnergehege in eine sinnvolle Form zurückzubiegen. Doch es gestaltete sich schwieriger als gedacht. »Hier ist der Draht sogar auseinandergebrochen!«, stellte Tina fest. 25
Kurz waren wir entmutigt und auch die Hühner beäugten unsere Arbeit kritisch. Doch da kam mir eine Idee. Ich lief in die Scheune und kam gleich darauf mit blauen Schnüren wieder zurück. »Hier, die sind von den Heuballen.« Ich hielt ein Bündel blaues Pressgarn in die Höhe. »Vielleicht können wir den eingedrückten Zaun damit irgendwie befestigen?« »Super Idee!« Die anderen Mädchen stimmten zu und gemeinsam knoteten wir die losen Elemente zusammen. Wir knüpften und fixierten und scheuchten dann die streunenden Hühner zurück in ihre provisorische Behausung. »Geschafft!« Zufrieden schloss ich die Zauntür hinter dem letzten Huhn. »Sieht aber schon etwas schräg aus«, meinte Jana lachend mit Blick auf den unförmigen Hühnerauslauf und die vielen blauen Bänder, deren Enden wie die Dekoration eines Maibaumes herumbaumelten. »Wahrscheinlich muss Kathe einen neuen Zaun kaufen«, befürchtete Jana. Während wir noch unser Werk betrachteten, stieß Svenja zu uns. »Krass! Wie sieht es denn hier aus?« Obwohl wir bereits einige Stunden gearbeitet hatten, waren unsere Fortschritte nur mäßig. Aber Svenja brachte nicht nur zwei weitere helfende Hände und gute Laune mit, sondern auch die vermutlich letzten Lebkuchen für diese Saison. Lecker! Mein Magen knurrte laut. »Das ist eine wirklich gute Idee!«, meinte Alex mit Blick auf die Lebkuchenpackungen und verordnete uns eine Pause im Stübchen. »Kommt, Leute, wir brauchen alle eine Auszeit«, rief er und trommelte uns zusammen. Und diesen Break hatten wir wirklich mehr als nötig! Erst jetzt merkte ich, wie ausgetrocknet mein Mund war. Ich war durstig. Köttur lag zusammengerollt wie ein Plüschtier auf der Eckbank. Alex drehte die kleine Heizung auf, die sofort unter lautem 26
Gurgeln und Blubbern ansprang. Ich startete den Wasserkocher. Bald schon zog der Duft von Früchtetee durch das Stübchen und wir schälten uns aus unseren Klamotten. »Ich hab so ’nen Hunger!« Mathias griff als Erster bei den Lebkuchen zu. »He«, sagte Tessa, »Ladys first!«, und klopfte ihm auf die Finger. Alle lachten. Vorsichtig nippte ich am heißen Tee und genoss Svenjas beinahe lebensrettenden Lebkuchen. Alex stellte noch eine Packung Butterkekse auf den Tisch, setzte sich auf einen Stuhl und checkte gefühlt alle fünf Minuten sein Handy auf neue Nachrichten. Aber es gab wohl keine. Langsam mache ich mir wirklich Sorgen! Auch die anderen Zieglerhof-Kids wurden immer unruhiger. »Ich repariere noch den Zaun vom Ponyauslauf und dann gehe ich sie suchen«, entschied Alex. Er trank die Tasse in einem Zug leer, schob sich einen weiteren Lebkuchen in den Mund und verließ das Stübchen. Wir sahen uns ratlos an. »Hoffentlich ist ihr nichts zugestoßen!« Gestärkt durch diese Zuckerschockpause folgten wir Alex und machten uns wieder an die Arbeit. Einige von uns kümmerten sich als Nächstes um das Durcheinander der Blumentöpfe vor Kathes Wohnhaus. Den ganzen Sommer lang bis in den späten Herbst hinein hatten die vielen bunt blühenden Pflanzenkübel Bienen und Schmetterlinge angezogen. Jetzt, im Winter, hatte Kathe die Blumenstöcke dicht zusammen an die Hauswand gestellt und mit Frostschutzhauben und Abdeckvlies zugedeckt. Viele der großen Pflanzengefäße waren zerbrochen und die Schutzvliese vom Sturm weggeweht worden. Einige Kübel waren lediglich umgefallen. Wir anderen sammelten weiter monoton Tonscherben auf und trugen sie auf den inzwischen deutlich angewachsenen Scherbenberg neben den Parkplatz. »Lina, weißt du, wo Kathe die Ersatzlitzen aufbewahrt?«, rief 27
Alex vom Ponyauslauf herüber. Er hatte mit Mathias die zerkleinerten Äste vom Walnussbaum an die Seite der Scheune getragen und die zersplitterten Zaunlatten am Auslauf abgeschraubt. »Ja, in der Scheune. Ich geh sie holen.« Ich überquerte vorsichtig den teils vereisten Hof und verschwand im Gebäude. Tageslicht fiel durch die fehlenden Dachziegel zwischen den Heuballen hindurch und ein leichter Luftzug wehte pulvrigen Schnee zu mir hinunter. Gar nicht gut! Schnell schnappte ich mir ein Bündel vom aufgerollten Stromzaun und brachte es zu Alex. Geschickt ersetzte er die fünf fehlenden Latten durch die breiten weißen Litzen, die er an den Pfosten festband. »So, das müsste fürs Erste reichen«, meinte er zufrieden. »Jetzt können die Ponys von der Koppel geholt werden.« Dankbar stillten die Vierbeiner sogleich ihren Durst an der Tränke. »Ich soll daheim sein, bevor es dunkel wird«, sagte Tessa mit bedauerndem Blick. Und Mathias, ganz Gentleman und Begleitschutz, wollte sie natürlich nicht alleine fahren lassen. Das ist eigentlich ziemlich süß!, fand ich und vermutete insgeheim, dass die beiden zusammen waren. Oder zumindest auf dem besten Wege, ein Paar zu werden. Auch Mathilda, Nora, Ella und Eva schüttelten bedauernd die Köpfe. »Meine Mama kommt gleich und holt uns alle ab«, sagte Mathilda und klang etwas enttäuscht, während sie ihren Blick über den Zieglerhof schweifen ließ. Obwohl wir mit vereinten Kräften fleißig viele Stunden gearbeitet hatten, würde es noch Tage und Wochen dauern, bis hier wieder alles beim Alten war. Das war uns allen nun klar. Mit meiner SOS-Hilfsaktion hatten wir nur an der Oberfläche der Verwüstung gekratzt. Mein Blick fiel auf den Heuvorrat, der ungeschützt unter freiem Himmel lag. 28
Wie soll Kathe das nur alles schaffen? Alex bedankte sich bei uns für unseren großartigen Einsatz und blickte auf die Uhr. Er schien von Minute zu Minute unruhiger zu werden. Ich war mir sicher, er machte sich große Sorgen um Kathe. Allerdings wusste er auch, dass der Handyempfang im Illergries nicht überall gut oder überhaupt vorhanden war. »Wird bald dämmrig …«, brummte Alex. Auch Tina und Jana blickten sich unruhig an. »Wie wäre es, wenn wir Kathe gemeinsam suchen gehen?«, schlug ich vor. Alex blickte mich nachdenklich an, schüttelte dann aber energisch den Kopf. »Nein«, entschied er, »aber ihr könnt den Ponys noch ein wenig Heu als Zwischensnack füttern. Ich denke, dann habt ihr für heute wirklich mehr als genug geholfen. Ich nehme Kathes Jeep und fahre im Illergries die Hauptwege ab. Ich werde sie schon finden!« Alex holte den Schlüssel von Kathes Auto. Mit seinem Caddy wäre er bei diesem Winterwetter sicherlich nicht weit gekommen. Er befreite den Jeep notdürftig von Schnee und Eis und ließ den Motor an. Bevor er die Fahrertür schloss, rief er: »Ich melde mich bei dir, Lina, und gebe euch Bescheid! Ihr könnt nach dem Füttern wirklich heimfahren.«
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