ben Tag zur Armee gegangen. Sie waren gemeinsam in ein Militärflugzeug gestiegen, das sie nach Vietnam gebracht hatte. Er und mein Bruder hatten an das geglaubt, was sie getan hatten. Mark hatte meine Kritik am Krieg toleriert, aber Nash hatte sie abgelehnt.
Jetzt war er zu Hause und Mark war tot.
Ich sagte kein Wort und stieg ein. Nash schlug die Tür zu und ging um den Wagen herum auf die Fahrerseite. Der Motor erwachte dröhnend zum Leben und wir fuhren in nördlicher Richtung los. Die Pferdefarm meiner Familie befand sich fünfzehn Kilometer außerhalb der Stadt. Diese Strecke hatte ich unzählige Male zurückgelegt – auf dem Weg zur Schule, zu einer Freundin oder zu Marks Footballspielen. Heute erschien mir jeder Kilometer erdrückend und endlos.
Im schwächer werdenden Herbstlicht wirkte alles vor dem Fenster sonderbar fremd und gleichzeitig beruhigend vertraut. In diesen Häusern wohnten Menschen, die mich schon von klein auf kannten. Auf den Wiesen weideten Pferde oder Black-Angus-Rinder. Nach einem Jahr in Kaliforniens riesigen Großstädten weckte dieser friedliche, ländliche Anblick etwas tief in mir.
Eine Sehnsucht, die ich ignoriert hatte, seit ich vor allem und jedem weggelaufen war.
Eine Sehnsucht, die in Tullahoma nie würde gestillt werden können.
Ich warf einen verstohlenen Blick auf Nash. Vor vier Jahren hatte ich ihn das letzte Mal gesehen. Als er und Mark in den Krieg gezogen waren. Da war er ein schlaksiger Teenager gewesen. Der Krieg hatte ihn verändert. Jetzt war er kräftig und muskulös und seine jungenhaften Gesichtszüge waren hart geworden. Er war zwar schon immer eher ein stiller Typ gewesen, aber sein eisiges Schweigen gab mir deutlich zu verstehen, dass er mir nichts zu sagen hatte. Mich interessierte trotzdem, warum er am Busbahnhof gewesen war.
»Warum hat Papa dich gebeten, mich abzuholen?«
Als ein Wagen auf der schmalen Landstraße an uns vorbeiraste, verkrampften sich seine Finger um das Steuer. Schlagartig fiel mir wieder ein, dass er ja nur eine Hand hatte, um das Auto zu lenken. Als er den Gang eingelegt hatte und losgefahren war, war mir das gar nicht aufgefallen.
»Ich arbeite für deine Eltern«, sagte er, ohne den Blick von der Straße abzuwenden.
»Du arbeitest für meine Familie? Aber du bist doch …«
Ich verstummte, aber es war zu spät.
»Mechaniker.« Er warf mir einen kurzen Blick zu und konzentrierte sich dann wieder auf die Straße. »Niemand ist wild darauf, einen einarmigen Mechaniker einzustellen. Man hat mir meine alte Stelle in der Kfz-Werkstatt nicht wiedergegeben.«
Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte. Ja, ich hatte gehört, dass einige Soldaten, die aus dem Krieg heimkehrten, zu Hause nicht gerade mit offenen Armen empfangen wurden. Wie viele andere vertrat ich die Meinung, dass sie überhaupt nicht nach Vietnam hätten gehen sollen, aber ich hätte auch nicht gewollt, dass man Mark nach seiner Rückkehr schlecht behandelte. Natürlich war es völlig fehl am Platz, Nash jetzt zu erklären, dass ich recht gehabt hatte mit meiner Meinung über den Krieg. Und ich empfand es auch nicht als angemessen, ihm wegen seiner Verwundung mein Mitgefühl auszudrücken. Daher entschied ich mich erneut für Schweigen.
Wir fuhren an der Farm der Allyns vorbei. Ich fragte mich, ob Paula, Marks Freundin, immer noch dort bei ihren Eltern wohnte. Mama hatte sie in den wenigen Briefen, die ich von ihr bekommen hatte, seit ich aus Tennessee weggegangen war, nicht erwähnt. Ich hatte in den letzten zwölf Monaten in so vielen verschiedenen Wohnungen, Parks und Kommunen gelebt, dass es nicht leicht gewesen war, Post zu bekommen. Aber ich wusste, dass sich Mama Sorgen machen würde, wenn sie nicht hin und wieder ein Lebenszeichen von mir bekäme, und deshalb hatte ich immer einen Ladenbesitzer oder einen freundlichen Nachbarn
gebeten, seine Adresse vorübergehend benutzen zu dürfen. Sonst hätte mich Papas Telegramm nie erreicht.
Nash nahm den Fuß vom Gas und bog von der Hauptstraße auf eine private Zufahrtsstraße. Es war eine holprige Fahrt über den Schotter und durch die Schlaglöcher und wir zogen eine Staubwolke hinter dem Pick-up her, während sich mein Magen nervös zusammenzog. Die ersten Sterne tauchten am Himmel auf und die sanften Hügel und die herbstgrünen Wiesen waren mit den Farben der Abenddämmerung getränkt. Erst als ich beim Anblick des getünchten Bauernhauses tief ausatmete, merkte ich, dass ich die Luft angehalten hatte.
Unser Haus.
Aber mein Zuhause war es nicht mehr.
Nash brachte den Pick-up neben dem Haus zum Stehen und stellte den Motor ab. Keiner von uns machte Anstalten auszusteigen. Mein Blick wanderte zum Fenster im ersten Stock über der Veranda. Mamas Fenster. Gedämpftes gelbes Licht drang durch die Vorhänge.
Liegt sie wirklich im Sterben?
Diese Frage vermied ich seit vier Tagen. Ich weigerte mich, darüber nachzudenken. Ich ging sogar so weit, meinen Vater zu verdächtigen, er hätte gelogen, nur um mich nach Hause zu locken. Aber als ich hier vor dem Haus zum Schlafzimmerfenster hinaufblickte, konnte ich nicht länger so tun, als wüsste ich nicht, was los war.
»Wie schlimm steht es um sie?« Ich schaute Nash nicht an, da ich die Antwort in seinen Augen nicht sehen wollte.
Er antwortete nicht sofort. Schließlich kam ein schweres Seufzen über seine Lippen, dann sagte er: »Der Arzt glaubt nicht, dass sie Weihnachten noch bei uns ist.«
Bei dieser ernüchternden Wahrheit atmete ich scharf ein. Ich hielt mir die Hand vor den Mund, um das Weinen, das in meiner Kehle aufstieg, zu unterdrücken.
Bis Weihnachten waren es nur noch sieben Wochen.
»Aber sie ist eine Kämpferin«, sprach Nash weiter. »Sie wollte nicht, dass dein Vater dir schreibt. Bis, nun ja, bis kurz vor dem Ende.«
Ich drehte mich zu ihm herum. »Warum? Ich wäre früher nach Hause gekommen. Wie lange ist sie denn schon krank?«
»Sie haben den Krebs vor drei Monaten entdeckt, aber da hatte er schon gestreut.«
Ich saß da wie benommen. Drei Monate? Dauerte es nicht Jahre, bis eine Krebserkrankung zum Tode führte? »Kann man denn nichts dagegen machen? Tumore entfernen? Die Krankheit irgendwie behandeln?«
»Das haben sie schon versucht, aber wie ich schon sagte: Es war bereits ziemlich schlimm. Eine Chemotherapie könnte ihr Leben maximal um zwei Monate verlängern, aber dafür gibt es keine Garantie. Angesichts der Kosten und der Fahrten zum Krankenhaus in Nashville …« Er brach ab. »Das wollte sie nicht.«
Ich starrte ihn an. »Sie hat also beschlossen, direkt vor Weihnachten zu sterben?«
Seine Miene wurde hart. »Deine Mutter hat sich den Krebs nicht ausgesucht, Mattie. Es ist doch nicht ihre Entscheidung, dass sie stirbt. Dein Vater und sie haben über die verschiedenen Optionen gesprochen und sich für die entschieden, die sie für die beste hielten.«
Ich wurde wütend. »Genauso wie er mit Mark über Vietnam gesprochen hat. Und wie ist das ausgegangen?«
Ein Muskel an Nashs Kinn zuckte. »Ich weiß, du und Kurt wart nicht einer Meinung, bevor du weggegangen bist …« »Ich bezweifle auch, dass wir jetzt einer Meinung sind.«
Er schüttelte genervt den Kopf. »Mattie, seine Frau liegt im Sterben. Er hat seinen Sohn verloren. Du bist einfach abgehauen. Kurt ist nicht mehr der Mann, der er früher einmal war.«
Ich schnaubte. »Ich war doch nur ein Jahr weg, Nash. So schnell kann sich niemand verändern.«
Er schaute mich lange durchdringend an. »Da irrst du dich.«
Ohne ein weiteres Wort stieg er aus und knallte die Tür zu. Er nahm meine Tasche und stapfte auf das Haus zu.
Mit einem Seufzen atmete ich aus.
Das fehlte mir gerade noch, dass Nash McCallum mir Ratschläge erteilte, wie ich mit meinem Vater umzugehen hatte. Mit seinem eigenen Vater kam er auch nicht gut aus. Mr McCallum trank zu viel und war die meiste Zeit arbeitslos. Mein Bruder hatte mir einmal erzählt, dass sich Nash für Vietnam entschieden hatte, um von seinem alten Herrn wegzukommen. Ich hatte aufgebracht argumentiert, dass dies kein guter Grund sei, seine Freiheit aufzugeben, aber Mark hatte nur gemeint, dass ich das nicht verstehen könne, und mich dann einfach stehen gelassen.
Ein schweres Grauen drückte mich fast nieder, als ich aus dem Wagen stieg und das Haus anstarrte. Ich betrachtete die grünen Fensterläden, die Veranda, die einmal um das komplette Haus herumging, und Mamas Rosensträucher. Bittersüße Erinnerungen wurden wach. Wie viele Stunden hatten Mark und ich auf dieser Veranda verbracht, miteinander gespielt, Bücher gelesen oder unseren Träumen nachgehangen, während wir Seite an Seite auf der Holzschaukel gesessen hatten? Mama hatte immer gesagt, wir wären unzertrennlich, und Mark hatte gemeint, dass neun Monate gemeinsam im Bauch eben zusammenschweißen, und mich damit jedes Mal zum Lachen gebracht.
Diese Erinnerung war von einer erdrückenden, abgrundtiefen Leere begleitet, die mich quälte, seit das Telegramm mit der Nachricht vom Tod meines Bruders eingetroffen war. Nichts, was ich im letzten Jahr versucht hatte, konnte diese Leere füllen. Drogen und freie Liebe hatten sie eine Weile überdeckt. Yoga und buddhistische Meditationen hatten Frieden versprochen, aber die Leere war immer da gewesen. Dunkel. Gefährlich. Mit dem Drang, den Schmerz schnell zu beenden.
Bruchstückhafte Erinnerungen an die Nacht, in der ich der Dunkelheit nachgegeben hatte, jagten mir einen Schauer über
den Rücken. Wenn Clay nicht ins Zimmer gekommen wäre und mich gefunden hätte …
Ich atmete stockend ein.
Jemand schaute aus dem Küchenfenster. Ich konnte nicht erkennen, wer es war, aber er fragte sich wahrscheinlich, ob ich den ganzen Abend auf dem Hof stehen bleiben wollte.
Die rostigen Scharniere der Hintertür quietschten und kündigten meine Entscheidung, ins Haus zu gehen, an. Die Wärme der Küche hüllte mich ein, jedoch folgte keine Umarmung zur Begrüßung. Einen kurzen Moment lang kam ich mir wieder vor wie damals als Kind, wenn ich mit Mark ins Haus gelaufen war, nachdem wir die Pferde gefüttert hatten. Mama hatte Plätzchen gebacken, Gemüse aus dem Garten eingekocht oder das Abendessen zubereitet, aber sie hatte ihre Arbeit immer unterbrochen, um uns, je nach Jahreszeit, eine Tasse heiße Schokolade oder eine Limo zu geben. Mark hatte lustige Geschichten erzählt und Mama und mich zum Lachen gebracht, während wir Haferkekse geknabbert hatten.
Aber jetzt wurde ich nicht von Mama begrüßt.
Papa stand an der Spüle und trug wie gewöhnlich seinen ausgewaschenen Overall aus Jeansstoff. Trotzdem erkannte ich ihn kaum wieder. Er hatte stark abgenommen und sah mindestens zehn Jahre älter aus. Sein Haar war deutlich ergraut und sein Gesicht war viel hagerer, als ich es in Erinnerung hatte. Als junges Mädchen hatte ich ihn für den attraktivsten Mann der Welt gehalten, aber diese abgemagerte, ausgemergelte Person hatte wenig Ähnlichkeit mit dem Vater, den ich kannte. Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte.
»Du hast bestimmt einen langen Tag hinter dir.«
Die steifen Worte waren offenbar die einzige Begrüßung, die ich von ihm erwarten konnte.
Ich antwortete genauso steif: »Drei lange Tage.«
Nach einem kurzen Moment deutete er mit dem Kopf zum Ofen. »Wir haben schon gegessen, aber wir haben dir etwas warm gehalten.«
Mein Blick wanderte zu dem mit Folie bedeckten Teller. »Danke.«
Schweigend blickten wir uns an, so wie wir es in der Vergangenheit zigmal getan hatten. Ich wappnete mich für die scharfe Zurechtweisung, die er mir zweifellos schon seit einem Jahr geben wollte. Daraus konnte ich ihm keinen Vorwurf machen. Ich wusste, dass ich sie verdiente. Schließlich hatte ich meine Familie in ihrem größten Schmerz und Kummer im Stich gelassen. Und auch wenn ich mit meiner Meinung zum Vietnamkrieg recht gehabt hatte, war es abscheulich von mir gewesen, eine Woche nach der Beerdigung meines Bruders von zu Hause wegzugehen. Mamas verzweifelte Bitten und ihr schmerzerfülltes Weinen würden mich für den Rest meines Lebens verfolgen.
Aber die strengen Worte, auf die ich mich innerlich schon eingestellt hatte, kamen nicht. Papas Schultern hingen nach unten, als würde ihn ein schweres Gewicht niederdrücken. Während ich sah, wie mein Vater offenbar mit sich rang, bevor er weitersprach, ging mir Nashs Bemerkung durch den Kopf. Kurt ist nicht mehr derselbe Mann, der er einmal war. Hatte er recht?
»Deine Mama …« Die Stimme versagte ihm und er kniff mit zitterndem Kinn die Lippen zusammen. Die Wanduhr über der Spülte tickte einige Male, bevor er weitersprach. »Deine Mama schläft gerade. Hat Nash dir erklärt, was die Ärzte gesagt haben?«
Ich nickte, da meine Gefühle so aufgewühlt und verwirrt waren, dass ich nicht sprechen konnte.
Nach einem weiteren langen Schweigen sagte er: »Du bist bestimmt müde. Wir reden morgen.« Er ging zur Tür, die in den Flur führte. »Dein Zimmer ist noch genau so, wie du es verlassen hast.«
Im nächsten Moment war ich allein.
Ich war mir nicht sicher, was da gerade passiert war, aber ich war froh darüber. Mein Verstand hätte eine Standpauke nicht verkraftet, egal ob ich sie verdiente oder nicht. Ich war enttäuscht, dass ich Mama heute Abend nicht mehr sehen konnte, aber viel-
leicht war es auch besser so. Die äußeren Veränderungen meines Vaters waren schon aufwühlend genug. Was mich bei Mama erwartete, wollte ich mir lieber gar nicht erst vorstellen.
Ich schaute mich in der Küche mit den hellgelben Wänden und weißen Schränken um. Es war ein sonderbares Gefühl, wieder in diesem Haus zu sein. Ich kam mir wie eine Fremde vor und nicht wie jemand, der früher dazugehört hatte. Was wurde nun von mir erwartet? Ich wusste es nicht. Ohne Mamas herzliche Umarmung und Marks fröhliche Ausstrahlung war alles irgendwie falsch.
Eine große Müdigkeit übermannte mich plötzlich. Ich wollte nur noch schlafen. Obwohl ich in den letzten vier Tagen nur sehr wenig gegessen hatte, hatte ich keinen Appetit. Ohne die Folie hochzuheben, um nachzusehen, was sich darunter befand, stellte ich den Teller in den Kühlschrank und bemerkte, dass er mit Milch, Käse und frischem Gemüse gefüllt war. Ich konnte mich nicht erinnern, dass mein Vater je in die Stadt gefahren wäre, um Lebensmittel zu kaufen, aber offenbar hatte sich nicht nur sein Aussehen verändert.
Ich schaltete das Licht in der Küche aus und machte mich auf den vertrauten Weg nach oben. Als ich jedoch an der geschlossenen Tür von Marks Zimmer am Fuß der Treppe vorbeikam, stockten meine Schritte.
Mein Herz raste, während ich das Holz anstarrte, dessen weiße Farbe an einigen Stellen abgeblättert war. Die verschiedensten Erinnerungen schossen mir durch den Kopf. Ich konnte Mark förmlich hören, wie er auf der anderen Seite der Tür auf seiner Gitarre spielte oder mit Nash lachte, während sie über ihr letztes Footballspiel fachsimpelten.
Ohne nachzudenken, legte ich die Hand auf den Türgriff.
Schwaches Licht aus dem Flur beleuchtete den vertrauten Raum. Ein staubiger Geruch stieg mir in die Nase, als wäre die Tür lange nicht geöffnet worden. Als sich meine Augen an das Dämmerlicht gewöhnt hatten, entdeckte ich eine Handvoll Footballpokale und ein halbes Dutzend von Marks Lieblingsbüchern
im Regal. Das Zimmer sah wie ein gewöhnliches Schlafzimmer aus. Alles, was diesen Raum früher zu Marks Zimmer gemacht hatte – seine Kleidung, seine Schallplattenalben, er selbst –, war fort.
Ich machte einen vorsichtigen Schritt hinein. Dann noch einen. Fast glaubte ich, dass ich es schaffen könnte, doch dann drehte ich mich nach rechts. An der Wand über seinem Schreibtisch hing ein neues, großes Porträt von Mark in seiner Uniform. Saubere, dunkle Jacke. Leuchtend weißer Hut. Der Gesichtsausdruck ernst. Gut aussehend. Genauso hatte er an dem Tag ausgesehen, an dem er vor vier Jahren dieses Zimmer verlassen hatte.
Doch als mein Blick auf die gefaltete amerikanische Flagge hinter dem Glas eines Holzrahmens fiel, brach ich zusammen. Zwei Medaillen lagen daneben.
Meine Knie gaben unter mir nach und ich sank zu Boden. Der Schmerz in meinem Herzen war genauso durchbohrend wie an dem Tag, an dem jenes verhasste Telegramm gekommen war. Genauso vernichtend wie in dem Moment, in dem ich mit unerträglicher Klarheit begriffen hatte, dass ich meinen Bruder nie wiedersehen würde.
Ich lag auf dem harten Boden und weinte, bis ich innerlich völlig leer war.
Gunther
New York City, Bundesstaat New York
Dezember 1941
Ein lautes Hämmern an seine Wohnungstür riss Gunther aus dem Schlaf. Verschlafen tastete er nach der Uhr auf dem kleinen Tisch neben dem schmalen Bett und stieß dabei ein halb volles Wasserglas um. Dann hielt er die Uhr in das schwache Licht, das durch das einsame Fenster fiel.
5 Uhr.
Wer klopfte so früh am Morgen an seine Tür?
Gunther setzte sich auf, stellte die Uhr wieder hin und rieb sich das Gesicht. Er war bis weit nach Mitternacht auf gewesen und hatte für die Anatomieprüfung gelernt, die an diesem Tag anstand. Er hatte höchstens zwei Stunden geschlafen.
»Wer ist da?«, rief er mit schläfriger, rauer Stimme.
Es wäre nicht das erste Mal, dass jemand nach einer durchzechten Nacht nach Hause torkelte und sich in der Wohnungstür irrte. Er hätte sich so gern eine bessere Wohnung gesucht, aber mehr als die Miete in diesem voll gepferchten Mietblock im Stadtteil Queens konnte er sich nicht leisten. Wenn er im nächsten Semester sein Praktikum bei Dr. Sonnenberg absolvieren konnte, würde er sich eine Wohnung suchen, die näher beim Krankenhaus lag. Das kleine Gehalt, das mit der Praktikumsstelle verbunden war, würde den mageren Lohn aufbessern, den er sich abends nach den Vorlesungen mit Geschirrspülen im Hofbräuhaus, einer deutschen Kneipe, verdiente.
Die Person auf dem Flur hämmerte erneut an die Tür. »Aufmachen!«, rief eine harte Männerstimme. »Polizei.«
Gunthers leerer Magen zog sich zusammen – mehr vor Sorge als vor Hunger.
Er hatte Gerüchte gehört, dass seit dem Überfall auf Pearl Harbor am vergangenen Sonntag mehrere Ausländer verhaftet worden waren, besonders Ausländer mit japanischen Wurzeln. Er und einige seiner deutschen Freunde hatten sich am Abend des Überfalls im Hofbräuhaus getroffen und über die Situation diskutiert. Am Ende waren sie zu dem Schluss gekommen, dass sie wegen ihres Status als Studenten, die sich legal im Land aufhielten, sicher waren. Schließlich hatte nicht Deutschland die Vereinigten Staaten angegriffen, sondern Japan.
Und wenn sie sich geirrt hatten?
Sein Blick raste zu dem kleinen Fenster, sieben Stockwerke über der Erde. Eine rostige Feuerleiter bot einen möglichen Fluchtweg, aber er hatte nie versucht, sie zu benutzen. Würde er alles nur noch schlimmer machen, wenn er versuchte zu fliehen und es nicht schaffte?
»Aufmachen oder wir treten die Tür ein!«
Gunther atmete tief ein und wieder aus.
Er hatte nichts Unrechtes getan, rief er sich ins Gedächtnis. Vielleicht verwechselte die Polizei seine Wohnung mit der eines anderen Bewohners.
»Ich komme«, sagte er.
Da er fast die ganze Nacht gepaukt hatte, war er immer noch vollständig bekleidet und tapste barfuß über den kalten Linoleumboden des winzigen Appartements. Als er den Schlüssel im Schloss drehte, hörte er, wie eine Ratte über die Arbeitsplatte huschte, auf der das Geschirr und eine Kochplatte standen.
Er öffnete die Tür und ein schwacher Lichtschein fiel aus dem schmalen Flur in seine Wohnung. Drei Männer standen vor seiner Tür. Einer von ihnen, ein bulliger, uniformierter Polizist, richtete eine Waffe auf ihn.
»Sind Sie Gunther Schneider?«, fragte ein zweiter Mann in Zivil.
»Ja, das bin ich«, antwortete er vor Nervosität auf Deutsch. Als der Mann finster die Miene verzog, wiederholte Gunther den Satz auf Englisch. »Ich bin Gunther Schneider. Stimmt etwas nicht?«
Die Stirn des Mannes blieb gerunzelt. »Ich bin Special Agent Malone vom FBI. Mein Kollege, Brock. Wir haben einige Fragen an Sie.«
Gunthers Herz hämmerte heftig und er befürchtete, dass sie das hören konnten und daraus schließen würden, dass er schuldig war. Was man ihm vorwarf, wusste er nicht. »Bitte kommen Sie herein.«
Weiter unten auf dem Flur wurde eine Tür ins Schloss gezogen, als die Männer die Wohnung betraten. Einer seiner Nachbarn hatte wohl das laute Klopfen gehört. Die meisten Bewohner in dieser Mietskaserne waren in einer ähnlichen Situation wie er: Sie waren Ausländer und hofften, sich in Amerika, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, ein besseres Leben aufbauen zu können.
Das Zimmer schien zu schrumpfen, als vier erwachsene Männer fast Schulter an Schulter darin standen. Nachdem Gunther Special Agent Malone seinen Reisepass ausgehändigt hatte, forderte dieser ihn auf, sich auf die Bettkante zu setzen. Der FBIMann überprüfte den Pass, dann zog er ein Notizbuch und einen Bleistift aus seiner Manteltasche, während sein Kollege und der Polizist die Wohnung durchsuchten und in Gunthers Studienbüchern und Papieren, die auf dem kleinen Tisch und Boden ausgebreitet waren, wühlten.
»Wann sind Sie in die Vereinigten Staaten eingereist?«, fragte Malone und ließ Gunther nicht aus den Augen.
Das Datum seiner Einreise stand in seinem Reisepass, aber Gunther wollte nicht auf das Offensichtliche hinweisen, um nicht als schwierig zu erscheinen. »Ich bin 1937 gekommen. Im Mai, an Bord der SS New York. Ich …«
»Wo wurden Sie geboren?«
Gunthers Unbehagen wuchs. »In Krefeld, in Deutschland.«
»Was ist der Grund für Ihren Aufenthalt in den USA?« Die anderen Männer hörten auf, das Zimmer zu durchsuchen, und warteten auf Gunthers Antwort.
»Ich bin Student an der medizinischen Fakultät der Columbia University.«
Die Männer in Zivilkleidung wechselten einen Blick, bevor sie die Befragung fortsetzten.
»Warum haben Sie sich eine Wohnung so nahe am East River genommen?«
Diese Frage verblüffte Gunther. »Es … es war die einzige, die ich mir leisten konnte.« Er verriet nicht, dass ihn der Fluss an den Rhein erinnerte, an dem er als Junge schöne Zeiten mit seinem Vater verbracht hatte.
»Sie sprechen überraschend gut Englisch für einen Krau...« Der Mann brach ab, verzog hämisch das Gesicht und sprach dann weiter. »Für jemanden, der in Deutschland geboren wurde. Wo haben Sie Englisch gelernt?«
Gunther vermutete, dass dem Mann eine abfällige Bezeichnung für Menschen deutscher Herkunft auf der Zunge gelegen hatte. Er hatte alle Schimpfwörter schon gehört, besonders in den letzten Monaten, seit Deutschland mit eiserner Faust andere Länder in Europa angriff.
»Ich hatte als Kind Unterricht in Englisch und Französisch. Meine Mutter war Lehrerin. Meinen Eltern war eine gute Schulbildung sehr wichtig.«
»Wie lautet der Geburtsname Ihrer Mutter? Ist sie ihrem Land gegenüber loyal?«
Gunthers Sorge wuchs. Würde er mit der Beantwortung dieser Fragen seine Mutter in Gefahr bringen? Sie hatte schon so viel verloren. Er wollte ihr nicht noch mehr Probleme bereiten.
»Was hat meine Mutter damit zu tun? Warum stellen Sie mir diese ganzen Fragen? Ich bin in dieses Land gekommen, um hier
Medizin zu studieren, und ich bin seit meiner Ankunft ein gesetzestreuer Bürger.«
»Bürger?« Special Agent Malone schüttelte den Kopf. »Nein, Mr Schneider. Sie sind kein Bürger dieses Landes. Sie sind ein feindlicher Ausländer. Wissen Sie, was das bedeutet?«
Als Gunther nicht antwortete, sprach Malone weiter: »Sie erinnern sich, dass Sie sich im letzten Jahr gemäß dem Registrierungsgesetz für Ausländer registrieren ließen?« Er wartete nicht auf Gunthers Antwort. »Da wir jetzt im Krieg sind, können wir nicht zulassen, dass potenziell gefährliche Ausländer frei herumlaufen. Deshalb erachten es der Präsident und das Justizministerium als entscheidend für die nationale Sicherheit, jede Bedrohung für unsere Bürger auszuschalten.«
Seine brutal offenen Worte verblüfften Gunther. »Ich bin Student, kein gefährlicher Krimineller. Außerdem sind die Vereinigten Staaten mit Deutschland nicht im Krieg.«
Malone schnaubte. »Sind Sie wirklich so naiv? Aber da ich ein großzügiger Mensch bin«, grinste er und entlockte seinen Begleitern damit ein süffisantes Schmunzeln, »verrate ich Ihnen ein Geheimnis: Wir werden Deutschland sehr bald den Krieg erklären.«
Gunther bekam Angst. »Verhaften Sie mich jetzt?«
Der Mann ignorierte seine Frage und stellte ihm eine Gegenfrage: »Wie heißt Ihr Bruder?«
Schlagartig ging Gunther ein Licht auf und sein Entsetzen wuchs noch mehr. »Darum geht es also? Sie meinen, ich wäre wie mein Bruder? Das ist völlig abwegig. Meine Mutter hat mich nach Amerika geschickt, um mich von meinem Bruder und von den Dingen, auf die er sich eingelassen hat, fortzubringen. Sie wollte mich schützen.«
»Auf welche Dinge hat er sich eingelassen?«
Gunther wandte sich ab.
Er hatte zu viel verraten und musste jetzt aufpassen. Schließlich konnten sie seine Worte gegen ihn verwenden, die Wahrheit verbiegen.
»Auf was für Dinge hat sich Ihr Bruder Rolf in Ihrem Vaterland eingelassen?«
Gunther erwiderte Malones kalten Blick. »Warum vergeuden Sie Ihre Zeit damit, mir diese Fragen zu stellen, wenn Sie die Antworten ohnehin schon wissen?«
»Ihr Bruder, Rolf Schneider, ist Mitglied der NSDAP und der SS«, sagte der Special Agent mit tiefer Verachtung in der Stimme. »Er ist mit vierzehn in die Hitlerjugend eingetreten. Ihr Name war im Mitgliederverzeichnis unmittelbar nach seinem aufgeführt.«
Gunther schüttelte den Kopf. »Nein. Das stimmt nicht. Ich war nie Mitglied der Hitlerjugend. Rolf wollte, dass ich eintrete, aber meine Mutter hat es nicht erlaubt. Sie wollte, dass ich Arzt werde, wie mein Großvater, und nicht Soldat.«
»Wie Ihr Vater.«
Gunther hatte sich nie für den Militärdienst seines Vaters im Ersten Weltkrieg geschämt, aber hier, in diesem Zimmer, in dem seine Freiheit auf dem Spiel stand, schluckte er seinen Stolz hinunter.
»Mein Vater war ein guter Mann. Er hat Fehler gemacht, wie jeder Mann. Er starb, bevor ich hierherkam.«
Malone wirkte nicht beeindruckt. »Planen Sie, nach Deutschland zurückzukehren?«
»Nein, ich will in Amerika bleiben. Ich hoffe, dass ich die amerikanische Staatsbürgerschaft beantragen kann.«
»Warum haben Sie das nicht schon längst gemacht?«
Gunther dachte an den Brief, den er letztes Jahr von den deutschen Behörden bekommen hatte. Darin war er aufgefordert worden, nach Deutschland zurückzukehren und sich zum Kriegsdienst zu melden. Der Brief hatte ihn aufgewühlt und er fürchtete um die Sicherheit seiner Mutter.
»Ich hielt es für das Beste zu warten, bis der Krieg in Europa zu Ende ist.«
Durchdringend und mit versteinerter Miene schaute der Mann
Gunther an, dann wandte er sich den anderen zu. »Die Wohnung durchsuchen! Alles mitnehmen, was verdächtig aussieht!«
Die Männer begannen, jeden Quadratzentimeter der winzigen Wohnung zu durchsuchen, und warfen Papiere, Kleidungsstücke und Geschirr auf den Boden, während sie Gunthers spärliche Habseligkeiten durchwühlten. Sie schauten unter Möbel, klopften auf Fußbodenbretter und öffneten das Fenster, um die Feuerleiter zu überprüfen. Der Polizist holte einen Pappkarton vom Flur und Special Agent Brock belud ihn mit Gunthers deutschen Büchern, den wenigen Bildern, die er von seiner Familie hatte, und einem Stapel von Briefen, die ihm seine Mutter geschrieben hatte, seitdem er in Amerika war. Er war versucht, sie nach einem Durchsuchungsbeschluss zu fragen, überlegte es sich aber anders. Wahrscheinlich war es besser, wenn er kooperierte.
Während er dabei zusah, wie sie seine Wohnung auseinandernahmen, fragte er sich, woher sie so viel über seine Familie wussten. Ja, er war letztes Jahr zum Astoria-Postamt gegangen, um sich als Ausländer registrieren zu lassen, da er gesetzlich dazu verpflichtet gewesen war, aber er erinnerte sich nicht daran, über seinen Bruder mehr Informationen als seinen Namen preisgegeben zu haben. Rolf war nur ein Jahr älter als Gunther, aber sie waren so verschieden, wie es Brüder nur sein konnten. Während Gunther schüchtern und lernbegierig war, war Rolf laut, arrogant und gemein. Er verhöhnte und drangsalierte jeden, dem er sich überlegen fühlte, und machte auch vor seinem Bruder nicht halt. Als in ihrer Schule für die Hitlerjugend geworben worden war, hatte Rolf diese Gelegenheit begeistert ergriffen, obwohl ihre Mutter diese Organisation nicht guthieß.
Sagte Special Agent Malone die Wahrheit und war Rolf tatsächlich in die SS eingetreten? In den Nachrichten wurde in letzter Zeit immer mehr über deren brutales Vorgehen berichtet. Rolf war nach der Hitlerjugend zum Militär gegangen, aber Gunther war kurze Zeit später nach Amerika ausgereist. Seine Mutter
schrieb nur, dass Rolf in Berlin war, obwohl sie in ihrem letzten Brief keinen Hehl aus ihrer Sorge um ihn gemacht hatte.
Wir müssen für deinen Bruder beten, hatte sie geschrieben. Ich fürchte, er hat alles vergessen, was ich ihn über Recht und Unrecht gelehrt habe.
Als der Polizist die Bibel hochhob, die Gunthers Mutter ihm an dem Tag gegeben hatte, an dem er Deutschland verlassen hatte, stand er auf. »Diese Bibel gehörte meinem Vater. Ich habe sie von meiner gottesfürchtigen Mutter bekommen. Bitte nehmen Sie sie mir nicht weg.«
Special Agent Malone nahm das Buch. Nachdem er in den Seiten geblättert hatte, reichte er es Gunther. »Sie können sie behalten. Packen Sie einen Koffer mit Kleidung und persönlichen Dingen, die Sie mitnehmen wollen.«
Gunther erstarrte. »Sie verhaften mich?«
Brock und der Polizist warfen weiterhin Gunthers Sachen in den Karton.
»Sie werden interniert«, erklärte Malone. »Für weitere Befragungen.«
Verhaftet. Interniert. Welche Rolle spielte es schon, wie sie es bezeichneten? Er wurde als gefährlich eingestuft, als jemand, der eingesperrt und von den amerikanischen Bürgern ferngehalten werden musste. Man stufte ihn als Feind des Landes ein, dessen Bürger er eines Tages werden wollte.
Wenige Minuten später wurde Gunther aufgefordert, Schuhe und einen Mantel anzuziehen, bevor er in Handschellen aus seiner Wohnung geführt wurde. Auf dem Flur ging eine Tür quietschend auf und Mrs Koslowski, seine polnische Nachbarin, streckte den Kopf heraus, um zu sehen, was hier vor sich ging. Sie konnte nur sehr wenig Englisch und Gunther hatte mit der älteren Frau nur einfache Freundlichkeiten ausgetauscht, seit sie im letzten Jahr hier eingezogen war. Allerdings schien sie über sein Kommen und Gehen immer genau informiert zu sein, wie sie jetzt unter Beweis stellte. Er dachte, sie würde vielleicht mit-
fühlend nicken, aber ihre Oberlippe verzog sich zu einer hässlichen Fratze.
»Brudny Nazista«, fauchte sie und bespuckte Gunther, als er an ihr vorbeiging.
Die FBI-Männer und der Polizist lachten hämisch und gingen unbeirrt weiter.
Gunther hatte keine Zeit, um sich über das sonderbare Verhalten der Frau Gedanken zu machen. Er wurde zur Astoria-Polizeiwache gebracht, wo man ihn fotografierte und seine Fingerabdrücke nahm. Mit zig anderen deutsch sprechenden Männern, von denen er keinen kannte, wurde er in eine überfüllte Zelle gesteckt. Sie schienen genauso wenig wie er zu begreifen, was mit ihnen passierte. Es wurde keine Anklage verlesen und er bekam auch keine Erklärung für seine Festnahme. Die Verzweiflung drohte ihn zu übermannen, aber er zwang sich, ruhig zu bleiben. Das Ganze war bestimmt nur ein Irrtum, der sich bald aufklären würde. Wenn er Dr. Sonnenberg eine Nachricht schicken könnte, würde ihm der Professor sicher helfen.
Irgendwann am Nachmittag wurden Gunther und die anderen in vergitterte Gefängniswagen geladen und zum New Yorker Hafen gebracht. Als sie eintrafen, standen dort bereits mehrere ähnliche Fahrzeuge mit weiteren Gefangenen. Gunther folgte dem Mann, der vor ihm ging, stieg vorsichtig aus dem Wagen und drückte trotz der Handschellen die Tasche mit seinen wenigen Habseligkeiten an seine Brust. Bewaffnete Wachleute trieben die Männer über einen Landesteg auf das Deck eines wartenden Schiffs der Küstenwache.
»Wo fahren wir hin?«, fragte jemand.
Ein Wachmann, der neben Gunther stand, rief zurück: »Ellis Island. Jeder Fluchtversuch ist zwecklos.«
Das Schiff fuhr los und entfernte sich vom Anlegesteg. Der letzte Hoffnungsfunke, an den sich Gunther seit seiner Verhaftung geklammert hatte, erstarb, während er über das dunkle Wasser zu dem schmalen Landstreifen blickte, auf dem er zum ersten
Mal amerikanischen Boden betreten hatte. Ellis Island war der Ort, an dem seine Träume, Arzt zu werden und weit weg vom Naziregime in Deutschland ein Leben in Frieden zu führen, Wurzeln geschlagen hatten. Sobald er genug Geld gespart hatte, hatte er seine Mutter nachholen wollen. Jetzt war er Gefangener des Landes, das in den letzten drei Jahren sein Zuhause gewesen war. Ein Feind des Volkes, dem er eines Tages als Arzt hatte dienen wollen.
Die Freiheitsstatue stand mit siegreich erhobenem Arm in der Ferne, während sie die Bucht durchquerten. Sie war für jeden Einwanderer, der in New York ankam, ein Symbol der Freiheit und Gunther erinnerte sich, wie er sie bei seiner Ankunft aus Deutschland zum ersten Mal gesehen hatte. Ihre Schönheit und alles, was sie repräsentierte, hatten ihm an jenem Tag Tränen der Dankbarkeit in die Augen getrieben. Er war oft in den Battery Park gegangen, hatte sich auf eine Bank gesetzt, zu ihr hinübergeblickt und sich erinnert, dass er eines Tages einer ihrer Söhne werden wollte.
Aber heute begrüßte die Freiheitsstatue Gunther und die Männer an Bord des Schiffes nicht mehr freundlich. Sie hatte ihnen den Rücken gekehrt und sie in einem grausamen Krieg, mit dem Gunther nichts zu tun haben wollte, zu Feinden erklärt. Diesem Krieg hatte er entfliehen wollen, als er in das Land der Freiheit gekommen war.
Das Schiff legte am Dock an und ein Landesteg wurde ausgefahren. Die stattlichen Backsteingebäude auf der Insel erhoben sich vor ihnen und erschienen ihm mehr wie ein Gefängnis als wie der Ort, an dem er bei seinem letzten Besuch die Unabhängigkeitserklärung in vielen Sprachen gehört hatte.
Etwas erstarb in Gunther, als er an Land ging.
Waren es seine Hoffnungen und Träume von einem glücklichen Leben in Amerika oder etwas, das viel tiefer reichte? Er konnte es nicht sagen, aber er wusste ohne jeden Zweifel, dass es nie wieder zum Leben erweckt werden konnte.