Er lockerte seinen Griff und streckte sich nach einem festeren Halt aus. Als er den Fels umfassen konnte, wagte er sich zu einem anderen Vorsprung vor – dieser war so breit, dass er bequem darauf stehen konnte.
Von dem Aufstieg noch ganz außer Atem, drehte er sich um, presste den Rücken gegen das Vulkangestein, das sich auf seiner erhitzten und schweißnassen Haut kühl anfühlte, und atmete lange aus. Das war knapp gewesen. Er lächelte. Wieder ein Abenteuer geschafft.
Christian blieb einen Augenblick lang stehen und genoss das Morgenlicht, das sich über einen scheinbar endlosen Himmel erstreckte. Mann, wie er diese Aussicht liebte. Schmale Sonnenstrahlen drangen durch den Morgennebel und ließen das gelb-orangefarbene Laub aufleuchten. Alle sprachen von den herrlichen Herbstfarben in New England, aber für ihn gab es nichts Schöneres als den Herbst in New Mexico und jetzt war die Hauptsaison.
Er versank in der Stille. Nur ein gelegentliches Vogelzwitschern in den Bäumen unter ihm drang in der kühlen auffrischenden Brise an sein Ohr.
Die leuchtend orangefarbene Sonne stieg über dem Horizont höher und ihre Strahlen brachen sich in dem rauschenden Wasser des schnell dahinfließenden Baches am Grund des Tals – sie vertrieben die nachlassende Kühle der Nacht und ersetzten sie durch die neue Wärme des kommenden Tages.
»Ain’t Worried About It« von OneRepublic durchbrach die Stille mit seiner Melodie. Wer in aller Welt rief ihn denn da so früh an? Er hoffte, dass nichts passiert war. Das war der einzige Grund, warum er beim Klettern sein Handy dabeihatte – für den Fall, dass es einen Notfall gab und seine Familie ihn brauchte.
Er schob das Telefon aus der aufgesetzten Hosentasche an seinem rechten Oberschenkel und hielt es sich ans Ohr, ohne nachzusehen, wer der Anrufer war. »O’Brady.«
»Ich brauche Sie auf der Stelle hier!« Tad Gaimans Stimme bebte vor Zorn.
Wieso rief Tad ihn so früh an? Warum rief er überhaupt an?
Tads hitzige Worte überschlugen sich. »Meine Galerie ist ausgeraubt worden!«
»Was?« Christian blinzelte. Das konnte nicht sein. Die Upgrades, die er gerade erst installiert hatte, machten das Sicherheitssystem undurchdringbar, das hatte er zumindest bis jetzt gedacht.
»Haben Sie nicht verstanden? Meine Galerie wurde ausgeraubt!«
»Doch, das habe ich verstanden.« Er sprach ganz ruhig. Tad war so aufgeregt, dass es für sie beide reichte. »Welche Galerie?« Der Mann besaß drei davon.
»Jeopardy Falls.«
Die in ihrer Heimatstadt? In der kleinen, ländlichen und in letzter Zeit zunehmend touristischen Stadt mit ihren fünfhundert Einwohnern gab es so gut wie keine Kriminalität. »Holen Sie tief Luft und beruhigen Sie sich, damit Sie sich konzentrieren können.«
»Beruhigen?«, kreischte Tad und Christian hielt das Handy etwas von seinem Ohr weg. Selbst seine Schwester Riley konnte nicht so hoch quieken. »Haben Sie nicht gehört? Meine Galerie ist ausgeraubt worden.«
»Ich habe Sie gehört. Und ich rufe Sie gleich zurück.«
»Wie, Sie rufen zurück? Das ist nicht Ihr Ernst, oder?«
»Ich stehe gerade auf einem Felsvorsprung in den Manzano-Bergen.«
»Aber klar!«, schnaubte Tad.
»Ich rufe Sie an, wenn ich wieder im Wagen sitze.«
»Und wie lange wird es dauern, bis Sie hier sind? Das ist eine DEFCON-5-Situation.«
Christian schüttelte den Kopf. Tad benutzte zwar Militärsprache, hatte aber offensichtlich keine Ahnung davon. DEFCON 5 war die niedrigste Alarmstufe und gleichbedeutend mit einer minimalen Einsatzbereitschaft in Friedenszeiten.
»O’Brady! Wie lange?«
»Ich muss runterklettern und in die Stadt zurückfahren. Wir sehen uns in einer Stunde.«
»In einer Stunde!«
»Und auf dem Weg können wir alles besprechen.«
Nachdem er so schnell, wie er konnte, die Felswand hinuntergeklettert war, kam Christian zu seinem Oldtimer Ford Bronco. Er stieg ein und tippte auf das Bluetoothgerät, das er eingebaut hatte. Es hatte eine Menge gekostet, aber in seinem Job musste er reden können, während er auf den Spuren eines Falls unterwegs war. Jetzt schüttelte er den Kopf, immer noch erstaunt darüber, dass jemand sein Sicherheitssystem geknackt hatte.
Er wählte Tads Nummer.
Normalerweise beruhigte ihn die Fahrt über die gewundenen unbefestigten Straßen in den Bergen, aber heute nicht.
Tad ging beim dritten Klingeln dran.
»Okay«, sagte Christian, während er die Kreide von seinen Händen an den Hosenbeinen abwischte – sein Handtuch war außer Reichweite. »Jetzt der Reihe nach. Wurde der Alarm ausgelöst?«
»Von der Sicherheitsanlage, die angeblich niemand überlisten kann? Nein!«
Christian atmete scharf ein. Wie in aller Welt war jemand ohne den Transponder durch die Tür gekommen? Der Anhänger … »Tad, haben Sie Ihren Schlüsselanhänger noch?«
Es herrschte Schweigen in der Leitung, während Christians Wagen über die löchrige Piste holperte, der Abhang nur wenige Zentimeter von seinen Reifen entfernt. Er bog um die Kurve und die Straße – falls man das so nennen konnte – wurde breiter.
»Tad?«, drängte er.
»Na gut, okay. Ich hab ihn nicht.«
»Wo ist er?«, fragte Christian, während er auf die Hauptstraße zusteuerte, die nach Jeopardy Falls führte.
Tad schluckte und das glucksende Geräusch war über die Freisprechanlage zu hören. »Ich glaube, die Frau, mit der ich nach der Gala gestern die Nacht verbracht habe, hat ihn genommen.«
»Riley hat erwähnt, dass sie zu der Gala wollte, aber dann hat sie es doch nicht geschafft.«
»Die Veranstaltung war gut besucht.«
»Und die Frau, die Sie erwähnt haben?«
»Die habe ich bei der Gala kennengelernt.«
»Sie ist nicht von hier?«
»Vor gestern Abend habe ich sie noch nie gesehen.«
»Sie ist also einfach bei der Gala aufgetaucht?«
»Ja. Es war eine halb private Feier. Ich habe Einladungen verschickt, aber auch andere Leute reingelassen, schließlich war es ein offener Freitagabend.«
Ihre Kleinstadt hatte diese geschäftsoffenen Abende an einem Freitag im Monat vor etwa einem Jahr eingeführt und das hatte den bunten Läden in der Innenstadt gute Umsätze beschert.
»Noch mal zurück zur Galerie«, sagte Christian. »Ich nehme an, Sie haben Alex’ Transponder benutzt, um ins Gebäude zu kommen?«
»Nein. Ich komm nicht rein.«
»Warum nicht?« Christian bog auf die geteerte Straße ab.
»Ich kann Alex nicht erreichen, trotz der Tatsache, dass sie heute Morgen aufmachen sollte.«
»Okay … also erklären Sie mir der Reihe nach, was mit dem Transponder passiert ist.«
»Ich bin aufgewacht und diese … Frau war weg und der Transponder war nicht mehr da, wo ich ihn hingelegt hatte. Ich habe meine Wohnung auf den Kopf gestellt, aber er ist nicht mehr da, also bin ich zur Galerie. Auf dem Weg bin ich bei Alex vorbei, aber sie hat nicht aufgemacht. Sie ist so –«
»Langsam, Tad. Überlegen wir mal. Glauben Sie, Martha würde Sie in Alex’ Wohnung lassen, wenn Sie ihr die Situation erklären?« Vielleicht verstand die Vermieterin ja das Problem. Jeopardy Falls war so klein, dass jeder jeden kannte – etwas, woran Christian sich noch immer nicht ganz gewöhnt hatte. Dass man ihn kannte. Oder jedenfalls das von ihm, was er zeigte, auch wenn das nicht viel war.
»Ich lass meine Galerie nicht unbewacht. Ich will erst rein und sehen, wie groß der Schaden ist.«
Christian runzelte die Stirn. »Wenn Sie nicht in die Galerie
kommen und die Alarmanlage nicht angegangen ist, woher wissen Sie dann, dass sie ausgeraubt wurde?«
»Weil ich durch die Fenster in der Tür sehen kann, dass die ersten drei Vitrinen offen stehen und leer sind.« Ein Schluchzer entrang sich Tads Kehle, aber er versuchte, ihn mit einem Husten zu verdecken.
Christian seufzte. »Na gut. Ich rufe Martha an, aber es kann sein, dass sie uns nicht reinlassen wird.« Es war ja auch ziemlich viel verlangt. »Genau genommen glaube ich, dass es besser wäre, wenn Sheriff Brunswick sich an Martha wendet.«
»Das ist eine gute Idee«, erwiderte Tad. »Rufen Sie ihn an.«
»Moment mal.« Christian trommelte mit den Fingern auf das Lenkrad. »Ist er noch nicht da?«
»Nein.«
»Hat er gesagt, wann er kommt?« Vielleicht war Joel bei einem anderen Einsatz. Ihr Bezirk war ziemlich groß, und da es nur ihn und einen Untersheriff gab, hatten sie alle Hände voll zu tun.
»Ich habe ihn noch nicht angerufen.«
Christians Augenbrauen schossen in die Höhe. »Sie haben mich angerufen, bevor Sie die Polizei informiert haben?« Was sollte das denn?!
»Sie haben doch dieses angeblich so unüberwindbare Sicherheitssystem eingebaut. Ich will wissen, was schiefgegangen ist. Und Sie müssen dafür sorgen, dass ich reinkomme, falls wir Alex’ Transponder nicht kriegen.«
»Ich?« Christians Finger trommelten weiter auf das Lenkrad.
»Sie haben das System eingebaut, also wissen Sie doch sicher auch, wie Sie es austricksen können. Und abgesehen davon ruft der Sheriff sowieso immer Sie an, wenn er bei einem Fall einen Schlosser oder Tresorknacker braucht. Obwohl Sie ja mehr sind als ein gewöhnlicher Schlosser, oder?«
Christian erstarrte. »Was soll das denn heißen?«
»Der Täter kannte sich offensichtlich mit dem System aus.«
»Und …?« Christian umklammerte das Lenkrad fester, bis seine Knöchel weiß hervorstanden.
»So, wie ich das sehe, ist das Ganze Ihre Schuld.«
Christian schluckte die scharfe Bemerkung hinunter, die ihm in den Sinn kam, und atmete stattdessen tief ein. »Ich bin in zwanzig Minuten da.«
Er beendete das Telefonat, bevor Tad ihm noch eine Gehässigkeit an den Kopf werfen konnte. Er wusste nur zu gut, wie sich diese Sticheleien anfühlten, aber diesmal war er unschuldig.
Die Aufregung des nächsten Raubüberfalls kribbelte in Andis Gliedern, als sie ihre Schotterauffahrt hinunterraste und den Weg nach Jeopardy Falls einschlug.
Ihr Boss hatte gesagt, er würde sie anrufen und ihr die Einzelheiten mitteilen, die er in Erfahrung gebracht hatte, sobald sie zu der hübschen Kleinstadt unterwegs war, die ungefähr auf halber Strecke zwischen Santa Fe und Taos in den Sangre-de-Cristo-Bergen lag. Er hatte ihr auch mitgeteilt, dass der Katalog zu Tad Gaimans Sammlung bereits durch FedEx als Expresslieferung abgeschickt worden war.
Während sie das Gaspedal durchdrückte, rannte ein Kojote auf die Straße und seine Augen leuchteten im Licht der aufgehenden Sonne. Andi trat in die Eisen und Staubwolken wirbelten auf, als ihr Pick-up ruckelnd zum Stehen kam – während ihr das Herz bis zum Hals schlug.
Das Tier erstarrte, seine Beute noch im Maul.
Andis Mobiltelefon klingelte und ließ sie zusammenfahren und auch das Tier erwachte aus seiner Starre und lief auf dürren Beinen davon, um kurz darauf zwischen Steppenläufern und Unterholz zu verschwinden.
Es klingelte immer noch. Andi fischte das Handy aus ihrer Handtasche. »Hi, Boss.« Ihr Atem ging flach und hektisch, während sie die Freisprechanlage einschaltete.
»Du klingst erschrocken. Ist was passiert?«
»Nein. Ich wäre nur fast mit einem Kojoten zusammengestoßen.«
»Alles in Ordnung?«
Andi hatte ihre Fassung inzwischen wiedergewonnen und gab jetzt erneut Gas, nur diesmal nicht ganz so viel. »Ja. Kannst du
mich jetzt auf den aktuellen Stand bringen?« Sie bog auf die Straße ab, die in nördlicher Richtung nach Jeopardy Falls führte. Die Stadt war seit einiger Zeit sehr angesagt – es gab mehrere Galerien, hübsche Restaurants und Läden mit herrlichen Schmuckstücken und anderen Werken indigener Künstler. Genauso war die Stadt aber auch von der Viehzucht und ihren traditionellen Ranches bestimmt, was für einen interessanten Kontrast sorgte. Gut, dass Andi Kontraste mochte.
»Ich habe gerade Näheres von Mr Gaiman erfahren.«
»Ist die Polizei schon vor Ort?«
»Nein. Der Sheriff und der Untersheriff waren im Einsatz in einem Ort namens Truchas, aber sie sind jetzt unterwegs.«
»Okay.« Andi war nicht erpicht darauf, sich mit den Hütern des Gesetzes abzugeben. Sie betrachteten das, was sie tat, nur selten als Ermittlungen. Aber genau das unterschied sie von den Sachverständigen. Sie arbeitete an einem Fall genau so, wie ein Detective es tun würde. »Also, was wissen wir?«, fragte sie, während die Zehen ihres linken Fußes auf und ab wippten.
»Nur, dass Mr Gaiman drei offene und leere Vitrinen sehen kann.«
»Was heißt das: Er kann sie sehen?«
»Offenbar kommt er nicht in die Galerie rein, aber die Schlüsselfirma ist unterwegs. Klingt so, als würdet ihr alle zur gleichen Zeit eintreffen.«
Alle zur gleichen Zeit … na toll. Andi atmete tief ein. Ihre Nerven lagen schon bei dem Gedanken an das, was gestern Nacht hätte geschehen sollen, blank, aber dafür hatte sie jetzt keinen Kopf. Für ihn hatte sie keinen Kopf. Auch wenn es ihr leidtat, dass Mr Gaiman bestohlen worden war, bedeutete der Fall für Andi eine schöne Ablenkung. Selbst wenn sie sich dafür mit der Polizei unterhalten musste.
»Gaiman sagt, die Juwelen in diesen drei Vitrinen seien ungefähr eine Million wert.«
Andis Kinnlade fiel herunter. »Eine Million in drei Vitrinen? In einer Galerie in Jeopardy Falls?« Es gab mehrere Nobelgalerien in der Stadt, aber für so vornehm hätte Andi sie nicht gehalten.
Am anderen Ende der Leitung raschelte Papier, gefolgt von Fingern, die auf einer Tastatur tippten. »Tad Gaiman ist für zehn Millionen Dollar versichert.«
»Im Ernst?«
»Ja, aber dabei sind auch seine Galerien in Albuquerque und Taos berücksichtigt«, sagte Grant.
Andi beschleunigte, nachdem der Wagen vor ihr abgebogen war und die Straße jetzt frei war. »Ich rufe dich an und gebe dir alle Einzelheiten durch, sobald ich mit der ersten Bestandsaufnahme fertig bin.«
»Oder du könntest mir persönlich berichten. Zum Beispiel … heute Abend in Albuquerque?«, erwiderte Grant.
Bitte nicht. Andis Finger schlossen sich fester um das Lenkrad. Nicht schon wieder.
»Natalie will unbedingt, dass du für die Ballon-Fiesta nach Hause kommst. Wir werden alle am Wochenende da sein. Das sind keine zwei Stunden Fahrt, Bells.«
Andi musste unwillkürlich lächeln, als sie den Spitznamen hörte, den Grant ihr gegeben hatte, als sie höchstens fünf Jahre alt gewesen war und kleine Glöckchen an ihren roten Lackschuhen getragen hatte. Aber …
»Es macht mich echt nervös, wenn du meine Mom Natalie nennst.« Obwohl Grant praktisch zur Familie gehörte – der beste Freund ihres Bruders, seit Andi denken konnte.
»Ich bin zweiunddreißig. Da kann ich das ›Miss‹ weglassen, glaube ich. Aber zurück zum Thema: Deine Mom besteht darauf, dass du kommst.«
Ihre Mom konnte darauf bestehen, so viel sie wollte, aber Andi würde nicht nach Hause fahren. Ihre Heimat war kein sicherer Zufluchtsort mehr, seit ihr Leben in die Brüche gegangen war.
Als Andi Jeopardy Falls erreicht hatte, reduzierte sie die Geschwindigkeit, weil man auf der Juan Tabo Road nicht schneller als achtzig fahren durfte. Dann nahm sie die zweispurige Straße durch die Innenstadt. Das letzte Mal war sie mit ihrer besten Freundin Harper hier gewesen. Nachdem sie einen Tag lang durch die urigen Geschäfte gezogen waren, hatten sie auf der Terrasse eines gemütlichen Restaurants gegessen, umgeben von Lichterketten, die über ihnen aufgespannt waren. Gute Erinnerungen. Wenigstens gab es davon auch nach der Katastrophe ein paar und diese Erinnerung gehörte dazu.
Sie ließ den Blick über die Fassaden der Häuser und Geschäfte schweifen und hielt nach Gaimans Galerie Ausschau. Wenn sie sich richtig erinnerte, befanden sich die fünf Kunstgalerien der Stadt an den vier Ecken der Kreuzung von Juan Tabo und Comanche Street, sodass die Einwohner sie »Künstlereck« getauft hatten.
Als sie an dem Futtermittelhändler vorbeikam, sah sie Cowboys ein und aus gehen. Sie hielt am Zebrastreifen und ließ einen gut aussehenden, kräftigen Cowboy über die Straße. Er dankte ihr, indem er sich an den Hut tippte und ihr zuzwinkerte. Andi musste unwillkürlich lächeln. Sie fuhr weiter, vorbei an dem einzigen italienischen Restaurant der Stadt und einer ganzen Reihe mexikanischer Restaurants, die lokale Küche anboten. Andi ging am liebsten zu Sadie’s, denn der mexikanische Eintopf mit grünen Chilis dort schmeckte himmlisch.
Schon bei dem Gedanken daran fing ihr Magen an zu knurren. Andi war losgefahren, ohne zu frühstücken, aber das Essen musste warten. Sie hatte einen Auftrag, den sie Grants Mitleid oder Mitgefühl zu verdanken hatte. So oder so war sie ihm eine
Menge schuldig. Er hatte ihr einen Lebenssinn gegeben, als ihrer gestorben war.
Als sie am »Künstlereck« rechts abbog, bemerkte sie, dass mehrere Personen Frannie’s Diner betraten. Es hieß, dort gebe es zum Frühstück die besten Brötchen mit Hacksauce westlich von Charleston.
Schräg gegenüber entdeckte Andi die Gaiman-Galerie. Sie war auch nicht zu übersehen mit ihrem prunkvollen Äußeren. Das Gebäude war kobaltblau gestrichen, aber die Spiegel in unterschiedlichen Formen, die überall angebracht waren, gaben der Fassade einen luxuriösen Anstrich. Ganz zu schweigen von den Wandgemälden – alle künstlerisch ausgeführt in einem picassoartigen Stil in leuchtenden Farben. Dafür, dass dieses Gebäude eine so teure Kunstsammlung beherbergte, besaß es eine recht ungewöhnliche Optik.
Als Andi auf den Parkplatz fuhr, sah sie einen silbernen Porsche Panamera und den Wagen eines Sheriffs.
Nachdem sie tief eingeatmet hatte, in der Hoffnung, dass es ihre Nerven beruhigen würde, flüsterte sie ein Gebet und stieg aus. Die Strahlen der aufgehenden Sonne hüllten sie ein und umgaben sie nach der kalten Nacht mit einer herrlichen Wärme. Sie hatte den Parkplatz noch nicht ganz überquert, als sie stehen blieb, weil sie plötzlich ein ungutes Gefühl beschlich und sich ihr die Nackenhaare sträubten. Merkwürdig. Sie ignorierte das Gefühl und setzte ihren Weg über die neuen Pflastersteine fort, aber schon nach wenigen Schritten lief ihr ein Schauer über den Rücken. Wieder blieb sie stehen, aber diesmal sah sie sich um. Die einzigen Personen, die sie entdeckte, waren die Besucher bei Frannie’s und keiner von ihnen schien sich besonders für Andi zu interessieren. Also schob sie das Unbehagen auf ihre angespannten Nerven, ging weiter auf das Gebäude zu, bog um eine Steinmauer … und wäre beinahe mit dem Sheriff zusammengestoßen.
»Ups. Tut mir leid. Ich wusste nicht …«
Der Sheriff berührte seine Hutkrempe. »Alles gut.«
Andis Blick huschte zu dem Mann an seiner Seite, der orientalisch anmutende Hosen und ein lilafarbenes Satinhemd mit bunten geometrischen Mustern trug. Er lief unruhig vor dem mit Terrakottafliesen versehenen Eingang auf und ab wie ein Kojote, der auf der Suche nach seiner nächsten Beute ist.
Die Sonne beschien das blondierte Haar des Mannes, das zu einer 70er-Jahre-Frisur gestylt war. Oder 80er? Was auch immer es war, es war nichts aus diesem Jahrhundert. Andi schätzte den Mann auf Anfang bis Mitte fünfzig, sodass der Stil zu seiner Jugendzeit in den 80ern passen mochte.
»Sheriff Brunswick.« Der einen Meter achtzig große Mann mit den blauen Augen, einer wettergegerbten Haut und einem faltenreichen Lächeln streckte die Hand aus.
»Andi Forester. Ist mir ein Vergnügen.« Wenigstens hoffte sie, dass es eins sein würde. Die Gesetzeshüter behandelten sie in der Regel entweder mit professioneller Höflichkeit oder sie machten sich lustig, aber bei Brunswick hatte sie ein gutes Gefühl – obwohl das merkwürdige Unbehagen und der Verdacht, dass sie beobachtet wurde, sich in ihrem Bauch festgesetzt hatten. Sie versuchte, das Gefühl abzuschütteln, aber ohne Erfolg. Jetzt wandte sie sich an den anderen Mann. »Mr Gaiman, nehme ich an.«
Er starrte sie an und seine grünen Augen blinzelten.
»Ich bin die Ermittlerin von der Versicherungsgesellschaft Ambrose Global.«
»Ermittlerin?« Er runzelte die Stirn. »Ich dachte, sie schicken einen Sachverständigen.«
»In solchen Fällen nicht.«
Gaiman zog die Augenbrauen hoch. »Solchen Fällen?«
»Kunstraub. Ich arbeite wie ein Detective, um der Sache auf den Grund zu gehen. Und die Täter zu finden.«
»Ich dachte, das wäre mein Job«, warf Sheriff Brunswick ein.
»Natürlich, aber meiner auch«, erwiderte Andi und wappnete sich für die Reaktion des Sheriffs. Als die ausblieb, fuhr sie fort: »Meine Aufgabe ist es festzustellen, wer den Raub geplant hat.«
Sie wandte sich wieder an den Sheriff. »Ich hoffe, wir können einander auf dem Laufenden halten.«
Der Mann nahm seinen Stetson ab und fuhr sich mit der Hand durch das dunkle Haar. »Ich wüsste nicht, warum das ein Problem sein sollte, solange gewisse Grenzen eingehalten werden.«
Andi stieß die Luft aus, die sie angehalten hatte. »Natürlich.«
Dann ging sie aufs Ganze und sagte: »Ich hätte gerne eine Kopie des Polizeiberichts, wenn er fertig ist, und ich gebe Ihnen gerne alle meine Notizen.« Ihre Worte kamen schnell und dringlich heraus, weil sie den letzten Teil vorbringen wollte, bevor er ihre Bitte ablehnen konnte.
Brunswick setzte seinen Hut wieder auf. »Das dürfte kein Problem sein.« Er blickte auf, als Motorengeräusch ertönte.
»Endlich«, sagte Tad und seine angespannten Schultern lockerten sich ein wenig.
Brunswick ging zum Parkplatz. Andi streckte den Kopf um die Ecke und sah einen grünen Ford auf den Parkplatz fahren.
»Wer ist das?«, wollte sie wissen.
»Der Mann, der dafür sorgt, dass wir ins Gebäude kommen«, erwiderte Tad. »Er hat das Sicherheitssystem installiert, also kann nur er es knacken.«
Hauptverdächtiger Nummer zwei. Der Elektriker. Tad war Nummer eins. Das waren die Galeriebesitzer immer. Es war verrückt, wie viele von ihnen ihre eigenen Galerien ausraubten oder ausrauben ließen, um das Geld von der Versicherung zu kassieren – jedenfalls bei Grants weltweiten Fällen. Einer war sogar so dumm gewesen, die »gestohlenen« Werke bei sich zu Hause zu verstecken.
Andi riss sich zusammen und konzentrierte sich wieder auf die Gegenwart. »Warum können Sie nicht in Ihre Galerie?«
»Also, ich …« Er verstummte, als Sheriff Brunswick um die Ecke kam, gefolgt von einem anderen Mann.
»Da ist der Verantwortliche«, sagte Tad.
»Das bin ich wohl kaum.« Die Sonne schien immer noch und es dauerte einen Moment, bis der Techniker aus dem grellen Licht trat, sodass Andi ihn betrachten konnte. Als sie es tat … wow!
Muskulöse Figur, mindestens eins fünfundachtzig groß … vielleicht eins neunzig, mit braunen Haaren, die bis auf seine breiten Schultern fielen. Er trug Wanderklamotten – nein, Klettersachen, wie die Kreidespuren auf seiner Hose verrieten. Andi spürte eine peinliche Hitze in ihre Wangen steigen.
»Wer ist das?«, fragte der Mann Tad und deutete mit dem Kinn in ihre Richtung.
»Andi … irgendwas«, erwiderte Tad. »Sie ist von der Versicherungsgesellschaft.«
»Ah. Die Sachverständige.« Er streckte den muskulösen rechten Arm aus und gab ihr die Hand, die noch Spuren von Kreide aufwies. »Christian O’Brady.«
»Andi Forester«, antwortete sie. »Und ich bin keine Sachverständige.«
O’Brady zog eine dunkle Augenbraue hoch. »Nicht?«
»Ich bin Versicherungsermittlerin.«
»Ermittlerin. Echt?«
»Ja.«
O’Brady lächelte. »Das ist ziemlich cool.«
»Ja, ja«, sagte Tad und schwenkte den Arm, sodass sein Hemdsärmel sich im Wind blähte. »Sehr cool. Können wir jetzt in meine Galerie gehen, damit ich sehe, was sie sonst noch mitgenommen haben?« Er schüttelte den Kopf, der Ausdruck in seinem gebräunten Gesicht verwirrt.
»Alles in Ordnung?«, fragte Brunswick.
»Ich hoffe nur, dass sonst nichts gestohlen wurde.«
»Das bezweifle ich«, sagte Christian.
»Warum?«, wollte Andi wissen.
»Sie haben ein nahezu unbezwingbares System bezwungen. Und ich fürchte, dadurch haben sie alle Zeit der Welt gehabt, um zu nehmen, was sie wollten.«
»Na, fantastisch!«, schnaubte Tad. »Können Sie uns jetzt bitte hier reinbringen?«
Christian sah Brunswick an. »Konnten Sie Martha fragen, ob sie uns in Alex’ Wohnung lässt?«
»Sie hat gesagt, ja, nachdem sie versucht hat, Alex zu erreichen – aber nur ich darf rein als Beamter.«
Tad stemmte die Hände in die Hüften und an beiden Handgelenken klirrten Armreifen. »Warum haben wir dann auf ihn gewartet?« Sein Blick in Christians Richtung war fast drohend.
»Weil Martha einen Arzttermin in Albuquerque hat. Sie hat gesagt, dass sie mir Bescheid gibt, wenn sie zurück ist und ich in die Wohnung kann. Das heißt, im Moment brauchen wir dich« –er sah Christian an – »damit du tust, was du kannst.«
»Das verstehe ich nicht«, warf Andi ein. »Wer ist Alex und was hat er mit dem Zutritt zu diesem Gebäude zu tun?«
»Alex ist eine Frau«, sagte Brunswick. »Und sie hat den anderen Transponder.«
Andi runzelte die Stirn. »Transponder?«
»So kommt man ins Gebäude.« Tad zeigte auf O’Brady. »Das kann er Ihnen später erklären, aber können wir jetzt bitte die Tür zu meiner Galerie aufmachen?«
»Ich habe meine Ausrüstung im Wagen«, sagte Christian. Andi beobachtete ihn, während er zu seinem Auto lief und dann sein Werkzeug vor dem Eingang deponierte. Sheriff Brunswick und Tad machten ein paar Schritte zurück, um ihn arbeiten zu lassen, aber Andi blieb stehen, wo sie war. Der Mann war entweder sehr eingebildet oder sehr gut – oder auch beides. Sie vertraute nicht mehr auf ihr Bauchgefühl, aber wenn sie es täte, hätte sie gewettet, dass es ihm gelingen würde, sich Zugang zu verschaffen.
Er kniete sich vor die Tür und zog etwas heraus, das aussah wie zwei filigrane Dietriche. »Die muss ich gleichzeitig auf beiden Seiten neben der Vertiefung einführen, ohne versehentlich irgendetwas anderes zu drücken.« Das tat er. »Jetzt … drücke ich mit gleicher Kraft nach oben, bis sie sich voneinander lösen und …« Ein Klicken ertönte. »Voilà!«
»Das war’s?«
O’Brady stand auf und klopfte sich die Hände an der Hose ab. »Das war ein Teil der Schatzkarte.«
»Wie bitte?«
»Um reinzukommen, sind mehrere Schritte nötig.« Christian legte die Hand auf den Türknauf. »Normalerweise ertönt jetzt ein schriller Alarm.« Er sah den Sheriff an. »Ich habe die Firma angerufen und ihnen gesagt, dass der Alarm losgehen könnte.«
»Moment mal«, sagte Andi. »Die Alarmanlage ist gar nicht angesprungen?«
»Offenbar nicht«, erwiderte Christian. »Und das bedeutet, sie haben irgendwie die Bewegungsmelder umgangen und waren rechtzeitig bei der Tastatur.«
»Tastatur?«, fragte sie nach.
»Von dem Augenblick an, wenn man den Transponder benutzt, hat man zwei Minuten, um zu Tads Büro im hinteren Teil der Galerie zu gelangen, den Safe zu öffnen und den Code einzugeben, bevor der Alarm losgeht.«
»Das Tastenfeld ist im Safe?«, fragte Andi. Er nickte.
Genial. »Und die Chancen, dass jemand ohne vorheriges Wissen all diese Schritte auf der Schatzkarte, wie Sie es genannt haben, schafft, sind wie hoch?«
»Eins zu einer Million«, antwortete Christian.
»Okay.« Dann musste es ein Insider gewesen sein oder jemand, der Kontakt zu einem Insider hatte. Andi blickte zwischen ihm und Tad hin und her und fragte sich, wer der Schuldige war.