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bänken lange grüne Pflanzen die Hauswand hinunterrankten. Sie erkannte die Bilder von Hostelworld und hievte ihren Koffer die letzten Meter hinter sich her, bevor sie vor dem Holzschild mit der Aufschrift Jungle Jam – Bed & Breakfast stand, das über der Eingangstür prangte.

Endlich.

Sie ging zur Rezeption – eine Konstruktion aus weißen Paletten – und musste schmunzeln, als sie sich umschaute. Dieses Hostel machte seinem Namen alle Ehre. Überall hingen Hängepflanzen in kleinen Körben aus Sacktuch von der Decke. An den Stellen, wo sich keine Pflanzen befanden, waren die Wände mit bunten Holzschildern mit Städtenamen übersät. In einer Ecke standen drei riesige Töpfe mit Palmen und anderen exotischen Gewächsen. Es fehlte nur noch, dass sie Vogelgezwitscher und das Zirpen von Grillen über die Lautsprecher laufen ließen. Stattdessen erklang im Hintergrund sanfte Popmusik. Überall an den umstehenden Cafétischen saßen Leute, tranken Kaffee und unterhielten sich angeregt oder saßen vor ihrem Laptop, um zu arbeiten. Ein Grinsen machte sich auf Miris Gesicht breit und sie stieß die Luft aus, die sie anscheinend angehalten hatte.

Ich bin tatsächlich hier. Sie konnte es immer noch kaum fassen.

»Ich bin gleich bei dir, Süße«, erklang eine helle Stimme hinter ihr. Eine junge Frau Mitte zwanzig mit kurzen braunen Locken und einem gelben Haarband huschte an Miri vorbei. Sie stellte ein Tablett mit schmutzigem Geschirr auf dem Tresen ab und rief ihrem Kollegen in der Küche etwas auf Spanisch zu.

Miri zog ihr Handy aus der Tasche und schrieb eine kurze Nachricht in die Familiengruppe.

Bin gut angekommen. Melde mich die nächsten Tage.

Sie wusste noch nicht, wie viel sie sich tatsächlich melden würde. Früher hätte ihr Vater bei so einer großen Chance mitgefiebert und sich mindestens so verrückt gemacht wie Miri selbst. Aber

das war lange vorbei. Er hatte mit Volleyball abgeschlossen. Und manchmal beschlich sie die leise Angst, dass er es auch mit ihr getan hatte.

Die Bedienung wirbelte an Miri vorbei, wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab und schob sich hinter das Palettengestell, die Rezeption.

Miri schmunzelte. Wenn sie nicht die Bilder online gesehen hätte, hätte sie niemals vermutet, dass dieses Café gleichzeitig der Eingang zu einem Hostel war.

»Möchtest du ein Zimmer?« Die junge Frau blickte Miri mit ihren großen braunen Augen an, aus denen Wärme und Lebensfreude strahlten. Miri war kurz überrascht, dass diese hübsche Brünette, die genau so aussah, wie sie sich eine Spanierin vorstellte, deutsch sprach.

»Ja … also ich habe letzte Woche ein Zimmer reserviert. Ich bin Miri«, sagte sie, während eine Horde Teeniemädels durch die Tür und zur Theke stürmte, um die Kuchen zu begutachten.

Die Bedienung warf einen flüchtigen Blick auf die quiekenden Mädchen, ließ sich aber nicht aus der Ruhe bringen. »Alles klar, dann schauen wir mal.« Sie blätterte wild in dem Notizbuch hin und her und Miri fragte sich, warum sie die Reservierungen in dieses Buch hineinkritzelten, wenn direkt daneben ein glänzendes MacBook lag. Aber irgendwie passte diese Tatsache zu der Einrichtung. Hipster-Vibe trifft Nostalgie hätte der Werbeslogan lauten können.

»Okay super, hab dich gefunden und … oh, wow, du bleibst drei Wochen?«

Miri beobachtete das Nasenpiercing der jungen Frau, das sich auf und ab bewegte, während sie sprach.

»Dann hast du ja genug Zeit, um die ganze Costa del Sol unsicher zu machen.« Ein fröhliches Glucksen drang aus ihrer Kehle. »Sag Bescheid, wenn du Tipps brauchst. Ich bin übrigens Carly.«

Miri erwiderte ihr Lächeln. Sie mochte ihre lustige, ungezwungene Art sofort. Und Strand und Volleyball hin oder her: Es wür-

de bestimmt Momente geben, in denen sie sich nach ein wenig Gesellschaft sehnen würde. »Cool, danke dir. Darauf komme ich gerne zurück«, sagte sie und rückte ihren Rucksack zurecht, der allmählich schwer wurde.

»Aaalso, hier sind deine Schlüssel und … oh, dieses Monsterding muss wahrscheinlich in dein Zimmer?« Carly deutete auf den überdimensionalen Koffer, der neben Miri stand.

Die Hälfte der Klamotten darin waren Beachtrikots und andere Sportsachen. Miri war sich nicht sicher gewesen, ob sie im Hostel eine Waschmaschine würde benutzen dürfen, und hatte keine Lust gehabt, alle paar Tage ihre Zeit in einer Wäscherei totzuschlagen und zu warten, bis sie wieder saubere Klamotten hatte. Daran, das unhandliche Ding durch halb Málaga zerren zu müssen – geschweige denn die Treppe hoch in ihr Zimmer –, hatte sie nicht gedacht.

Welches Hostel hat denn bitte heutzutage keinen Aufzug?

»Okidoki, komm, ich helfe dir. Zu zweit kriegen wir das Ding schon nach oben.« Carly kam hinter dem Tresen hervor und schnappte sich einen Griff des Koffers. Miri griff nach dem an der anderen Seite und gemeinsam hievten sie das Monstrum die schmale Holztreppe nach oben bis in den zweiten Stock.

Völlig durchgeschwitzt, aber glücklich ließ Miri sich wenig später auf das Bett fallen und starrte an die Decke. Auch diese war mit Pflanzen behangen. Es verlieh dem Raum etwas Gemütliches. Ansonsten war die Einrichtung schlicht und pragmatisch – ein großes Bett mit bunten Kissen, einem kleinen Nachttisch und ein runder weißer Tisch mit einem Hocker in der Ecke vor dem Fenster. An der Kopfseite des Bettes hing ein großes Holzschild mit der Aufschrift Tu hogar. Dein Zuhause, las Miri, nachdem sie es in ihre Übersetzungs-App eingegeben hatte. Eine Welle der Vorfreude ergriff sie, als sie ihren Kopf in Richtung des bodentiefen Fensters drehte, das die Sicht auf eine kleine Kathedrale freigab. Ja, an diesem Ort könnte sie sich tatsächlich in den nächsten Wochen heimisch fühlen.

Sie erhob sich von der erstaunlich weichen Matratze – hatten Hostels nicht den Ruf, furchtbar unbequeme Betten zu haben? – und inspizierte das kleine Badezimmer, das an ihr Zimmer grenzte. Sie hätte nicht darauf bestanden, ein Zimmer mit eigenem Bad zu haben, aber nun war sie doch ganz froh, dass sie nicht im Schlafanzug durch den Flur tappen musste, um nachts aufs Klo zu gehen. Das Bad war klein und auch hier hing eine riesige Kletterpflanze von der Decke, sodass Miri einer Ranke ausweichen musste, als sie ans Waschbecken trat.

»Hier bin ich also«, sagte sie leise zu ihrem Spiegelbild und kicherte in sich hinein.

Sie hatte heute die bisher wichtigste Reise ihres Lebens angetreten. Es fühlte sich noch ganz unwirklich an. Sie schloss die Augen und dachte an die Gesichter der Profis, die sie bald persönlich zu Gesicht bekommen würde. Ihre Träume waren auf einmal zum Greifen nah. Jetzt musste sie nur noch Julian zeigen, dass er die richtige Wahl getroffen hatte. Sportlich gesehen. Aber es könnte ja sicherlich nicht schaden, wenn sie sich auch außerhalb des Spielfeldes gut verstanden …

Kapitel 2

Der Sand knirschte unter Miris Turnschuhen und ein Windstoß jagte ihr eine Gänsehaut über den verschwitzten Rücken. Sie war heute Morgen schon um 7 Uhr aufgestanden, weil sie nicht mehr hatte schlafen können. Kurzerhand hatte sie sich ihre Laufschuhe geschnappt und war zum Strand gejoggt. Die Gassen der Altstadt waren um diese Zeit noch herrlich leer gewesen und Miri war förmlich über den beigefarbenen Marmorboden geflogen. Die Palmen, die in kleinen Grüppchen aus dem Sand hervorstachen, wiegten sich sanft im Wind. Vögel mit grünem Gefieder und länglichen Schnäbeln stolzierten auf den kleinen Rasenflächen darum herum oder hatten es sich zwischen den Blättern bequem gemacht. Bereits jetzt war es angenehm warm und Miri trug nur eine kurze Sporthose und ein Shirt. Auch der Strand war bisher fast menschenleer. Lediglich ein paar Hunde- spaziergänger waren in der Ferne zu sehen, warfen für ihre Vierbeiner Bälle in die sanfte Brandung oder schauten zu, wie sie sich im Sand wälzten. Miri blickte aufs Meer. Die Morgensonne spiegelte sich auf seiner Oberfläche, sodass das spiegelglatte Wasser funkelte wie Kristall. In der Ferne trieb ein Fischkutter langsam vor sich hin und außer einem einsamen Stand-up-Paddler, der sein Paddel im immer gleichen gemütlichen Rhythmus ins Wasser tauchte, war niemand da draußen. Dieser Anblick hatte etwas Beruhigendes und Miri spürte, wie sich die Anspannung der letzten Tage ein wenig legte. Sie war in den vergangenen Wochen mit ihren Gedanken ununterbrochen bei diesem Trip gewesen. Sie hatte stundenlang darüber nachgedacht, was sie alles einpacken musste, war durch die völlig überfüllte Kölner Innenstadt gelaufen, um die letzten Besorgungen zu machen, und hatte nächtelang darüber gegrü-

belt, wie es wohl sein würde, Julian persönlich gegenüberzustehen. Bisher hatten sie noch gar nicht miteinander gesprochen, sondern die Kommunikation war immer über ihren Trainer gelaufen. Miri hoffte nur, dass sie sich in seiner Gegenwart nicht allzu ungeschickt anstellen und ihn beim Training und dem Turnier nicht enttäuschen würde. All diese Gedanken, die in ihrem Kopf ununterbrochen hin und her gerast waren und ihr schlaflose Nächte bereitet hatten, drosselten nun ihre Geschwindigkeit und sie hatte zum ersten Mal seit Wochen das Gefühl, ein wenig durchatmen zu können.

Eine Möwe flog an ihr vorbei und landete auf dem nassen Strand, wo sanfte Wellen den Sand überspülten und mit sich trugen. Miri zog ihre Schuhe aus und tauchte ihre Zehenspitzen in das kühle Wasser. Ein wohliger Schauer lief ihr über den Rücken. Herrlich. Wie hatte sie dieses Gefühl vermisst. In den letzten Jahren hatte sie mit ihren Mitbewohnerinnen einige Städtetrips gemacht – Paris, Stockholm, Rom –, aber das letzte Mal am Strand gewesen war sie mit ihren Eltern, bevor sie ausgezogen war. Doch das war auch nicht mehr dasselbe gewesen wie früher.

Bevor sich diese dunkle Decke über unsere Familie gelegt hat, dachte sie. Erst jetzt merkte Miri, wie sehr ihr all das gefehlt hatte: das Meeresrauschen, der Wind, der sanft mit ihren Haaren spielte, und der Sand unter ihren Füßen, der fast ein wenig kitzelte, wenn sich die feinen Körnchen zwischen ihre Zehen schoben. Sie ärgerte sich, dass sie ihr Handy im Hostel gelassen hatte, denn sie hätte diese herrliche Morgenstimmung gerne eingefangen – als kleinen Trost für graue Regentage in Deutschland, wenn sie auf dem Sofa sitzen und dem Sommer hinterhertrauern würde. Sie schüttelte den Kopf und schob den Gedanken an Deutschland beiseite. Für Fotos habe ich in den nächsten Wochen noch genug Zeit. Sie schlüpfte aus Schuhen, Shirt und Shorts, legte sie in den Sand und lief ins Wasser. Sie hatte sich extra den Bikini druntergezogen, um eine Runde schwimmen zu können, aber als das eiskalte Wasser ihre Knöchel umspülte, spielte sie ein paar Sekun-

den mit dem Gedanken, einen Rückzieher zu machen. Ihr Körper war vom Joggen noch ganz aufgeheizt – ganz im Gegenteil zum Wasser, trotz der hohen Juni-Temperaturen. Miri schimpfte in Gedanken mit sich. Sie war es gewohnt, ihren inneren Schweinehund zu überwinden und ihren Körper zu pushen, wann immer es sein musste. Jeden Tag schleppte sie sich zum Training, egal wie schwer ihre Beine vom Vortag waren. Seit Jahren hatte sie es kein einziges Mal ausfallen lassen, auch wenn es sie an manchen Tagen Überwindung gekostet hatte.

Mit schnellen Schritten watete sie ins Wasser und ließ sich fallen, bevor sie es sich anders überlegen konnte. Die Kälte drang gefühlt in jede Pore und kurz hatte Miri das Gefühl, einen Herzinfarkt zu bekommen. Sie schnappte nach Luft, stieß aber gleichzeitig ein fröhliches Glucksen aus und schwamm, so schnell sie konnte, drauflos, um sich aufzuwärmen. Sie erblickte eine Mauer aus großen Gesteinsbrocken, die einige Meter ins Meer hineinragte, und steuerte auf die Felsen zu. Wenn man ein Ziel vor Augen hatte, ließen sich Strapazen sehr viel leichter ertragen – das galt eben nicht nur für Volleyball.

Miri wusste nicht, wie lange sie im Wasser gewesen war, aber als sie sich wieder dem Strand näherte, spürte sie, dass etwas nicht stimmte. An der Stelle, wo sie ihre Klamotten ausgezogen hatte, stand ein junger Mann und schaute in ihre Richtung. Er hatte die Hand zu einem Schirm geformt und kniff die Augen zusammen, um nicht von der Sonne geblendet zu werden. Neben ihm lungerte ein Golden Retriever mit klitschnassem Fell und abgesenktem Oberkörper, der aussah, als wolle er jeden Moment zum Angriff ansetzen. In seiner Schnauze hatte er etwas Weißes, das aussah wie …  oh nein! Das kann doch nicht wahr sein! Ihr T-Shirt! Miri schwamm die letzten Meter zum Strand und stapfte ein wenig unbeholfen durch den tiefen Sand auf den Fremden zu.

»Hey, es tut mir sehr leid. Ist das deins?«, fragte dieser, als Miri fast vor ihm stand und fröstelnd die Arme um sich legte.

»Ähm, ja. Und ich nehme an, der ungezogene Vierbeiner gehört dir?«

Der junge Mann setzte ein gequältes Lächeln auf, bei dem ein paar ziemlich weiße Zähne zum Vorschein traten. Er hatte kurze hellbraune Locken, die vom Wind zerzaust waren, und trug Sneaker, eine kurze Hose und ein weites Shirt. Erst jetzt wurde Miri bewusst, dass er deutsch mit ihr sprach.

Meine Güte, gibt es hier in Málaga denn nur Deutsche? Ich dachte, dieses Phänomen gäbe es nur auf Mallorca.

Ihre blonden Haare, Sommersprossen und den leicht honigfarbenen Teint schienen die Leute jedenfalls sofort als deutsch einzuordnen, wenn sie es gar nicht erst mit einer anderen Sprache versuchten.

Der Hund meldete sich mit einem gedämpften Kläffen zu Wort und riss Miri aus ihren Gedanken. Er hatte immer noch ihr T-Shirt in der Schnauze. Sie schaute auf den fröhlich wedelnden Vierbeiner hinunter und ging langsam ein paar Schritte auf ihn zu. Doch als sie nach ihrem Shirt greifen wollte, machte der Golden Retriever einen Sprung zur Seite und rannte los.

Na toll! Das kann ja was werden.

Wie von der Tarantel gestochen, lief sein Besitzer hinter ihm her und rief mit wütender Stimme: »Paco! Paco, komm her!«

Auch Miri setzte sich in Bewegung und sprintete den beiden nach. Das war barfuß auf dem tiefen Sand gar nicht so einfach.

Als sie den Hund eingeholt hatten – er war irgendwann stehen geblieben und schaute sie mit erwartungsvollen Augen an –, näherten sie sich ihm von zwei Seiten und der Typ versuchte, sich sein Halsband zu schnappen. Aber keine Chance. Wann immer sie kurz davor waren, ihn zu erwischen, zischte der Hund zwischen ihnen beiden durch und lief ein paar Meter, nur um dann wieder stehen zu bleiben und zu gucken, ob sie ihm folgten. Ihm schien dieses Spiel riesigen Spaß zu machen. Miri hingegen kam

sich mit jeder Minute immer dämlicher vor, halb nackt hinter diesem Vierbeiner herzurennen.

»Macht er so was öfter?«, rief sie dem Kerl zu, der mittlerweile mindestens genauso wenig Zuversicht ausstrahlte wie sie.

»Bei Fremden hat er das noch nie gemacht.«

Das konnte sie sich kaum vorstellen. Dieses Tier war ein spielwütiges Monster. Ihr T-Shirt war mittlerweile wahrscheinlich völlig verdreckt und voller Hundesabber. Nach weiteren fünf Minuten, in denen sie hinter ihm hergerannt waren und Miri fast über einen Sandhügel gestolpert wäre, hatten sie den Golden Retriever diesmal endlich in eine Ecke gedrängt, denn hinter ihm begann die Felsmauer und er hatte keine Möglichkeit auszuweichen.

Eine Welle der Erleichterung durchströmte Miri. Gleich hat dieses peinliche Spektakel ein Ende.

Doch als der Typ nach dem Halsband greifen wollte, machte der Hund einen Satz zurück und sprang auf den untersten Felsbrocken, der etwa einen Meter hinter ihm hochragte.

Er will doch nicht ernsthaft auf den Felsen balancieren? Das ist doch kein Affe, sondern ein Hund!

Einen Moment starrte der Typ dem Vierbeiner verdutzt hinterher und kletterte dann ebenfalls auf die Mauer. »Paco, es reicht. Komm her!«

Er machte sich mittlerweile wahrscheinlich mehr Sorgen, dass der Hund sich die Pfoten in den Felsspalten einklemmen würde, als dass ihn das T-Shirt interessierte. Aber das war Miri egal. Hauptsache, dieses Biest gab ihre Klamotten wieder her und sie konnte in Ruhe zurück zum Hostel laufen.

Auf dem letzten Felsen, der in Richtung Meer ragte, blieb Paco endlich stehen. Wieder näherten sie sich von zwei Seiten und Miri war froh, dass der Köter keine Anstalten machte, sich rücklings ins Meer zu stürzen.

Mittlerweile würde ich ihm alles zutrauen.

Ganz so wichtig schien ihm seine Errungenschaft dann wohl doch nicht zu sein. Der Typ bekam endlich das Halsband zu fas-

sen und in dem Moment ließ der Hund das T-Shirt los. Es glitt zu Boden und rutschte zwischen zwei Felsen. Bevor Miri reagieren konnte, war der weiße Stoff bereits aus ihrem Sichtfeld verschwunden. Das kann doch nicht wahr sein!

»So ein Mist!«, schimpfte Miri und kniete sich hin, um zu schauen, ob sie das Shirt irgendwo sehen konnte. Doch der Spalt war zu schmal, als dass ihr Arm durchgepasst hätte, und ging mindestens zwei Meter tief.

»Oh nein, das ist weg. Keine Chance, glaub mir«, sagte der Typ, der mittlerweile seinen Hund an die Leine genommen und sich ebenfalls vorgebeugt hatte.

»Und jetzt?«, fragte Miri vorwurfsvoll, während sie sich aufrichtete und die Arme vor der Brust verschränkte – zum einen, weil sie ihren Ärger theatralisch untermauern wollte, zum anderen aber auch, weil ihr in dem nassen Bikini durch den Wind allmählich ganz schön kalt wurde. Sie war vom Schwimmen noch immer völlig durchgefroren. Das hatte auch die lächerliche Verfolgungsjagd nicht geändert.

Pacos Herrchen richtete sich auf und schaute sie verlegen an. »Es tut mir mega leid. So was ist echt noch nie passiert.« Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare und schaute sich kurz unschlüssig um. »Ich bin übrigens Max«, sagte er mit einem angedeuteten Lächeln und streckte Miri seine Hand entgegen.

Sie musterte seine schlanken gebräunten Finger und holte tief Luft. Sie wüsste nicht, wie eine kleine Vorstellungsrunde jetzt die Situation retten sollte. Entrüstet schaute sie zu ihm auf und musste – jetzt, wo er ihr so nah gegenüberstand – feststellen, dass er ziemlich krasse Augen hatte. Das funkelnde Blau bildete einen starken Kontrast zu den braunen Locken. Er war zweifelsohne attraktiv. Vielleicht nicht so, dass man sich auf der Straße nach ihm umdrehen würde, aber der intensive Blick aus seinen Kristallaugen jagte ihr unweigerlich eine Gänsehaut über den Rücken. Vielleicht war es aber auch einfach die Kälte ihres nassen Bikinis.

»Hast du noch andere Klamotten dabei, die du anziehen

kannst? Ich kaufe dir später natürlich ein neues Shirt«, sagte er. Obwohl ihm die Situation anscheinend auch sehr unangenehm war, strahlte er ein natürliches Selbstbewusstsein aus, als er sich erneut durch die Haare fuhr und sie mit einem durchdringenden Blick musterte.

Miri schluckte und wandte ihren Blick ab. Sie war viel zu sauer, als dass er sie mit seinem Dackelblick besänftigen könnte. Sie schaute zu ihren Shorts, die immer noch einsam am Strand lagen, und merkte, wie ihre Schultern langsam anfingen zu zittern.

»Nein, ich habe keine anderen Sachen dabei. Und ich hatte eher weniger vor, im Bikini durch die ganze Innenstadt zu laufen. Ich wäre auch unter anderen Umständen nicht besonders scharf darauf, mir eine Lungenentzündung zu holen, aber gerade kann ich es mir wirklich überhaupt nicht leisten, krank zu werden, weil ich …«, Miri fuchtelte mit ihren Händen in der Luft und suchte nach den richtigen Worten, »… wichtige Sachen vorhabe«, stieß sie schließlich hervor. Sie merkte, wie ihre innere Anspannung wuchs.

Wie soll ich ihm klarmachen, dass die nächsten drei Wochen über mein ganzes Leben entscheiden könnten und alles davon abhängt, wie ich performen werde? Und ob die Chemie zwischen Julian und mir stimmt ...

Max’ Kiefermuskeln spannten sich an, während er anscheinend angestrengt nachdachte. Miri fühlte sich immer unbehaglicher – zum einen durch die Kälte, die sich in ihrem ganzen Körper ausbreitete, und zum anderen durch seinen Blick, bei dem sie das Gefühl hatte, dass er damit ihr gesamtes Inneres scannen wollte.

Sie schüttelte den Kopf und wandte sich um, doch Max berührte ihren Arm und rief: »Warte! Hier.« Er klemmte die Hundeleine zwischen seine Knie und zog sein Shirt über den Kopf. Mit einem unsicheren Lächeln hielt er es ihr entgegen.

Miri starrte erst auf das beigefarbene Bündel in seiner Hand und dann auf seinen braun gebrannten Oberkörper. An seinen

Schultern und Oberarmen zeichneten sich wohlgeformte Muskeln ab, die an seinem Bauch zu einem angedeuteten Sixpack zusammenliefen.

Puh, dieser Kerl ist echt nicht hässlich. Miri ärgerte sich über sich selbst, dass sie sich von etwas so Oberflächlichem aus dem Konzept bringen ließ. Sie kam sich lächerlich vor und überlegte einen Moment, ob sie das T-Shirt ablehnen und Max eine Ansage machen sollte, dass er sich gefälligst wieder anziehen sollte. Aber der Gedanke, sich etwas Warmes, Trockenes überzuziehen, war zu verlockend.

»Ähm … okay. Und wie soll das Shirt wieder zu dir zurückkommen?«, fragte sie und ließ den Blick über den Strand gleiten, um nicht Max’ Oberkörper oder seine blauen Augen anschauen zu müssen.

»Ach, passt schon. Das Shirt ist eh schon alt. Du kannst es gerne behalten oder verschenken.« Wieder fuhr er sich mit seinen Fingern durch die kurzen Locken und Miri fragte sich, ob das eine Angewohnheit war, um seine Unsicherheit zu verbergen, oder ob er einfach nur cool wirken wollte. Da sie jedenfalls kein großes Interesse daran hatte, ihn wiederzusehen, nickte sie nur und zog sein Shirt über. Eine Wolke Aftershave stieg ihr in die Nase und sie widerstand dem Drang, tief einzuatmen. Eine Gänsehaut überzog ihre Arme und sie sehnte sich nach einer warmen Dusche.

»Tja, dann … ähm … auf Wiedersehen.« Miri hob kurz die Hand und balancierte etwas unbeholfen auf den Felsbrocken zurück zum Strand. Gerne hätte sie einen etwas eleganteren Abgang gemacht, aber sie musste sich so sehr konzentrieren, nicht zwischen die Felsen zu rutschen, dass sie nur sehr langsam vorankam. Am Strand zog sie ihre Shorts und Turnschuhe an und joggte los, ohne sich noch einmal umzudrehen.

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