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ihrem feuchten Unterhemd und ihrer Unterhose ankam, legte sie bibbernd die Arme um sich.

Sie hatte nicht daran gedacht, auch frische Unterwäsche einzupacken. Sie war zwar wagemutig, aber es wäre trotzdem zu verwegen, auch noch ihre Unterwäsche auszuziehen. Sie müsste in der feuchten Wäsche ausharren.

Mit kalten Fingern nestelte sie an ihrer Tasche, um ihr Mieder und ihren Rock auszupacken.

Plötzlich hörte sie schwere Schritte auf dem Stroh und den Steinen, die durch die Hintertür in den Stall kamen, und erstarrte. Als sich die Schritte näherten, rührte sie sich keinen Millimeter und hielt die Luft an, um keine ungebetene Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Die Schritte blieben neben ihrer Box stehen. Einen Moment später wurde der Riegel hochgehoben.

Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie blickte sich panisch um, ob sie sich irgendwo verstecken könnte. Aber da nur ein Futtertrog in die Wand gebaut war und einige Geräte zum Striegeln der Pferde an den Haken hingen, gab es kein Versteck.

Die Tür öffnete sich langsam.

Oh nein! Sie hatte es wieder getan. Sie hatte sich wieder in eine prekäre Situation gebracht.

Kapitel 2

Riley wusste selbst nicht genau, warum er Finola Shanahan in den Stall gefolgt war.

Trotzdem schob er die Tür weiter auf. Warum hatte sie sich als Nonne verkleidet? Und warum hatte sie ihn nicht verbessert, als er sie mit Schwester angesprochen hatte?

Vielleicht wollte er Antworten. Vielleicht faszinierte ihn aber auch eine Frau, die so kühn war, ihn in die Wange zu kneifen und als »lieben Jungen« zu bezeichnen.

Diese Erinnerung ließ ein Lächeln auf seinen Lippen erscheinen. Erneut sah er sie vor sich, wie sie vom Gehweg auf die matschige Straße getreten war, als er gerade die Bank verlassen hatte. Das Schrillen seiner inneren Alarmglocke, die er selten ignorierte, hatte ihn veranlasst zu verfolgen, wie sie sich durch den Matsch kämpfte. Und er hatte die Panik in ihrem Gesicht gesehen, als ihr bewusst geworden war, dass ihr die Zeit davonlief und sie von der Droschke überfahren werden würde.

Zu diesem Zeitpunkt hatte er sich bereits in Bewegung gesetzt. Er hatte gewusst, dass er nicht genug Zeit hatte, um sie aus der Gefahrenzone zu bringen. Deshalb hatte er das Einzige getan, was ihm eingefallen war: Er hatte versucht, zwischen den beiden Pferden und zwischen den Droschkenrädern zu bleiben. Die Pferdehufe hatten ihn zwar getroffen und er hatte entsprechende Blutergüsse davongetragen, aber es war nicht so schlimm gewesen, wie er erwartet hatte, und er hatte sie gerettet. Allein darauf kam es an.

Selbstverständlich war er während der Rettungsaktion davon ausgegangen, dass sie eine Nonne wäre. Er hatte sich keine weiteren Gedanken über ihre Identität gemacht, bis ihr Bruder aufgetaucht war und ihren Namen gerufen hatte.

Danach hatte er sie schnell einordnen können. Auch wenn sie

nicht die gleiche rote Haarfarbe wie ihr Vater hatte, wiesen sie und ihr Bruder unverwechselbare Shanahan-Gesichtszüge auf –besonders das markante Grübchen am Kinn.

Die Shanahans waren für ihre Wohltätigkeit und ihre Freundlichkeit stadtbekannt – besonders gegenüber Einwanderern.

James Shanahan gehörte ein großer Teil des Stadtteils Kerry Patch und er hatte den Einwanderern anfangs erlaubt, kostenlos auf seinem Land zu wohnen.

In den letzten Jahren hatte James Shanahan Wohnblöcke gebaut und verlangte eine niedrige Miete, die sich selbst die ärmsten Neuankömmlinge leisten konnten. Soweit Riley es beurteilen konnte, gehörte James Shanahan zu den besseren Vermietern und ließ seine Gebäude tatsächlich auch renovieren und sanieren.

Riley legte seine Hand an die Boxentür. Vielleicht war das der Grund, warum er Finola gefolgt war. Weil er Angst hatte, dass irgendein anderer Mann, der erkannt hatte, dass sie die Tochter eines Millionärs war, sie vielleicht entführen würde.

Vielleicht war er aber auch nur von ihr fasziniert.

Normalerweise wiesen ihn Frauen nicht so achtlos ab. Erst recht nicht hübsche junge Frauen. Nicht, dass er sich etwas aus hübschen jungen Frauen gemacht hätte! An dem Tag, an dem Helen auf der Monarch flussabwärts gefahren war und ihr Leben gelassen hatte, war in ihm der Wunsch gestorben, je wieder mit einer Frau zusammen zu sein. Seit sie nicht mehr da war, hatte er sich als alleinstehender Mann im Grunde ganz wohlgefühlt. Und er hatte nicht die Absicht, daran etwas zu ändern.

Als die Boxentür weiter aufging, hielt er inne. Er sollte eigentlich auf schnellstem Weg in die Werkstatt zurückkehren. Auf ihn wartete eine Unmenge an Arbeit. Die Rafferty-Stellmacherei hatte mehr Aufträge für Kutschen und Wagen als der Mississippi Stechmücken. Jetzt, Anfang 1849, hatten sie doppelt – wenn nicht sogar dreimal – so viele Bestellungen wie in der gesamten ersten Hälfte des letzten Jahres.

Die Nachfrage wuchs mit dem Zustrom von Einwanderern in

die Stadt, die als Tor zum Westen bezeichnet wurde. Als sein Vater und er in den 1830er-Jahren nach St. Louis gezogen waren, war die Stadt noch relativ klein gewesen und hatte nur vierzehntausend Einwohner gehabt. Knapp zwanzig Jahre später war die Bevölkerungszahl auf dreiundsechzigtausend angestiegen.

Die Stadt wuchs immer noch. Jeden Tag kamen Dampfschiffe aus New Orleans an und brachten Einwanderer, die sich ein Stück Land im Westen sichern wollten. Und jeden Tag kam ein Teil dieser Leute in die Rafferty-Stellmacherei und suchte ein zuverlässiges Fuhrwerk, das ihnen bei der Verwirklichung ihrer Träume helfen sollte.

Die Gerüchte, dass im Sacramento-Tal in Kalifornien Gold gefunden worden sei, erhöhten die Nachfrage nach Kutschen und Planwagen noch mehr. Die Männer sprachen von nichts anderem; das ging sogar so weit, dass es inzwischen nicht nur Einwanderer in den Westen zog. Scharen von Männern warteten, bis die dicke Eisschicht auf dem oberen Mississippi und dem Missouri schmolz, und hatten die feste Absicht, nach Kalifornien zu ziehen und dort reich zu werden.

Die Rafferty-Stellmacherei kam mit der Produktion kaum hinterher, obwohl sie neue Lehrlinge und mehrere Wandergesellen eingestellt hatten.

Riley trat einen Schritt zurück. Die Pflicht rief. Es hatte ihn genug Arbeitszeit gekostet, mehr Holz und Eisen zu bestellen und andere geschäftliche Dinge zu erledigen. Ihm blieben nur noch zwei Stunden, um die Unterseite der Achsen an seinem aktuellen Wagenprojekt fertigzustellen, bevor er am Abend in seinem Wahlkampfbüro erwartet wurde.

Er wollte sich schon abwenden, doch ein Rascheln in der Box ließ ihn zögern. Er hatte gesehen, wie Finola ihren Bruder fortgeschickt hatte und dann durch die Hintertür in den Stall gehuscht war. Steckte sie schon wieder in irgendwelchen Schwierigkeiten?

Es gab nur eine Möglichkeit, das herauszufinden. Er schob die Tür vollständig auf.

Ein Hufeisen flog auf ihn zu und traf ihn an der Brust. Dank seinem dicken Wollmantel fühlte er das Eisen kaum, das von ihm abprallte und auf dem Boden landete, der mit Stroh ausgelegt war.

Etwas anderes flog auf ihn zu: ein Hufhammer. Er wich dem Hammer aus, bevor er ihn treffen konnte. »Was zum Kuckuck soll das?!«

Als sie seine Stimme hörte, erstarrte Finolas Arm, mit dem sie ausgeholt hatte, um wieder etwas auf ihn zu werfen – dieses Mal eine Hufzange. Ihre Augen waren groß und wild, das Blau war genauso leuchtend und faszinierend wie vor wenigen Minuten, als er sie gerettet hatte. Diese Farbe war wie der Himmel am östlichen Horizont über dem Fluss, wenn die Sonne aufging.

»Riley Rafferty?« Die Überraschung in ihrer Stimme war echt. Schwang eine gewisse Erleichterung darin mit? »Was machen Sie hier?«

Ja, was machte er hier? Er wusste es selbst nicht.

»Dieser Stall gehört meinem Vater«, sprach er das Erste aus, was ihm in den Sinn kam. Neben der Wagnerei in der Front Street hatte sein Vater in mehrere Mietställe investiert, um Pferde und Maultiere zu haben, die er zusammen mit seinen Wagen als Zugtiere verkaufen konnte.

Wer eine weitere Strecke zurücklegen wollte, brauchte jedoch Ochsen. Da William Rafferty ein geschickter Geschäftsmann war, hatte er im Süden der Stadt Land gekauft, um dort Ochsen zu züchten.

Finola ließ die Hand sinken, da sie offenbar zu dem Schluss gekommen war, dass Riley keine Bedrohung darstellte und sie nicht versuchen musste, ihn mit Werkzeug zu bewerfen, um ihn zu vertreiben.

»Und was machen Sie hier?«, ahmte er ihre Frage nach, doch dann wanderte sein Blick von ihrer erhobenen Hand nach unten und er stellte fest, dass sie nur in ihrer Unterwäsche vor ihm stand. Seidenunterwäsche, die wenig der Fantasie überließ.

Gütiger Himmel! Er konnte nicht umhin, ihre schöne Figur zu

bewundern und die helle, von Sommersprossen übersäte Haut zu bemerken.

Er wollte den Blick von ihr losreißen, aber es gelang ihm nicht.

Endlich zwang er sich dazu, seinen Blick auf ihre zierlichen Füße und Zehen zu richten.

Offenbar wurde ihr erst in diesem Moment bewusst, wie spärlich sie bekleidet war. Ihr Blick raste panisch durch die Pferdebox. Sie suchte einen Fluchtweg, eine Decke oder vielleicht einen Umhang, mit dem sie sich bedecken könnte. Als sie nichts fand, blickte sie auf das Werkzeug, das sie immer noch in der Hand hielt, und schleuderte es auf ihn.

Er wusste, dass er ausweichen oder wenigstens eine Hand heben sollte, um das Geschoss abzuwehren. Aber er konnte sich nicht bewegen und war zu benommen, um etwas anderes zu tun, als wie ein seniler alter Mann regungslos stehen zu bleiben. Im nächsten Moment landete die Hufzange schmerzhaft an seinem Kinn, bevor sie neben den anderen Sachen, die sie geworfen hatte, auf den Boden fiel.

Das Brennen an seinem Kinn verriet, dass das Werkzeug seine Haut verletzt hatte. Er berührte die Stelle mit der Hand, und als er sie wegzog, klebte Blut an seinen Fingern.

»Oh gütiger Himmel!« Sie schlug die Hände vors Gesicht. »Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist.«

Er wusste genau, was in sie gefahren war: eine berechtigte Entrüstung, weil er sich wie ein Elefant im Porzellanladen benahm. Er hatte es verdient, mit Werkzeug beworfen zu werden. Eigentlich verdiente er einen Schlag mit dem Vorschlaghammer, weil er sie in ihrer spärlichen Kleidung angestarrt hatte, statt sofort wieder zu verschwinden.

Er drehte sich auf dem Absatz um und schloss die Tür hinter sich.

»Es tut mir sehr leid. Entschuldigen Sie bitte.« Ihre Stimme war vor Sorge ganz dünn.

Er lehnte sich an die Tür und holte tief Luft, um seine Lunge

und sein Herz wieder in Bewegung zu setzen. Dann rieb er sich die Augen, als könnte er damit auslöschen, was er gesehen hatte.

Aber das Bild verschwand nicht. Er sah sie immer noch ganz deutlich, wie sie nur spärlich bekleidet in der Pferdebox stand. Zum Kuckuck! Er musste an etwas anderes denken. Und zwar schnell.

Der bestellte Wagen. Die Achse. Das flache Eisenband, das er anbringen musste, um dem Wagen die Stabilität und Robustheit zu verleihen, die er brauchte, um den langen Weg auf dem Santa Fe Trail schadlos zu überstehen.

Als er das Rascheln von Stoff hörte, ging er davon aus, dass sie sich wieder ankleidete. Dem Himmel sei Dank!

Sie schnaubte leise und sofort kehrten seine Gedanken wieder zu ihr zurück.

Die Räder. Sie mussten noch in heißes Leinöl getaucht werden. Danach müsste einer der Lehrlinge sie streichen. Grün. Dieses Mal würde er die Räder grün streichen lassen.

»Riley?« Finola schien beim Ankleiden eine Pause einzulegen.

Er schloss die Augen. »Ich bin hier.«

»Gehen Sie noch nicht.«

Das sollte er aber. »Nein, ich gehe nicht.«

Das Rascheln setzte wieder ein.

Finola hatte die schönste helle Haut, die er je gesehen hatte. Ihre Sommersprossen machten sie sogar noch reizvoller.

Er richtete sich auf und rieb sich wieder die Augen. Was war nur mit ihm los? Er musste sich beherrschen. »Vielleicht sollte ich lieber gehen.« Seine Stimme klang rau und er musste sich räuspern.

»Warten Sie bitte nur eine Minute.« Sie sprach in dem irischen Akzent, den viele in Amerika geborene Kinder von Einwanderern hatten, obwohl sie nie in Irland gelebt hatten.

Seine Muskeln spannten sich an und forderten ihn auf zu fliehen. Gleichzeitig wollte er sie nicht allein lassen.

Bevor er sich entschließen konnte, ob er gehen oder bleiben sollte, ging die Boxentür auf. »Ich bin fast fertig.«

Er starrte geradeaus auf das Licht, das von der Rückseite in den Stall fiel. Aus dem Augenwinkel konnte er sehen, dass sie vollständig angekleidet war und die Nonnenkutte in ihren Beutel stopfte.

Seine Anspannung ließ nach und er drehte sich langsam zu ihr um.

Sie ließ von dem Beutel ab, obwohl die Kutte nur halb darin steckte, und richtete sich auf.

Sein Blick wanderte zu ihr und er stellte fest, dass die Knöpfe an ihrem Mieder nur halb zugeknöpft waren.

Oh Mann. Er musste den Stall verlassen und fort von dieser Frau!

»Es sieht so aus, als wäre bei Ihnen alles in Ordnung. Ich kann also gehen.« Er drehte sich um und steuerte auf den vorderen Bereich des Stalls zu, da er sicher war, dass sie ihm nicht folgen würde.

»Gehen Sie nicht.« Ihre nackten Füße folgten ihm nur einige Schritte, dann blieben sie stehen. »Ich möchte Ihre Wunde versorgen.«

»Es ist nur ein kleiner Kratzer.« Wenigstens hoffte er das.

»Ich habe Verbandssachen dabei, die mir die Schwestern der Barmherzigkeit gegeben haben.«

»Nicht nötig.« Ohne seine Schritte zu verlangsamen, ließ er die Boxen hinter sich und betrat den Heuboden. Tom Dooley, der mit seinem Vater den Mietstall betrieb, unterhielt sich gerade mit einem Mann, der mit einem Paar brauner Morgan-Pferde unmittelbar vor der breiten Doppeltür stand. Tom brach mitten im Satz ab. Der Junge war schlaksig und seine abgetragene Kleidung hing viel zu locker an seinem dürren Körper, da er in seinem letzten Jahr in Irland so wenig zu essen bekommen hatte.

Als Tom und sein Vater im vergangenen Sommer in der Wagnerei aufgetaucht waren und um eine Arbeit mit Pferden gebeten hatten, hatte Riley die beiden eingestellt, obwohl er damals keine zusätzlichen Leute benötigt hatte. Aber dies war das Mindeste

gewesen, was er hatte tun können, um die Not der Menschen zu lindern. Sie waren vor der furchtbaren Hungersnot in Irland geflohen, die durch die Missernten infolge der Kartoffelfäule ausgelöst worden war.

»Lass dich von mir nicht stören, Tom.« Riley wagte es nicht, einen Blick hinter sich auf Finola zu werfen. Er wollte keine Aufmerksamkeit auf sie lenken, da sie immer noch nicht ganz angezogen war. Obwohl Tom ein guter Mann war, würde ein Blick auf Finola genügen und er würde ihr wie ein Schoßhündchen nachlaufen.

»Ich habe nicht damit gerechnet, Sie zu sehen.« Tom schob das Schild seiner flachen Stoffmütze hoch. Etwas in den Augen des jungen Mannes veranlasste Riley, seine Schritte zu verlangsamen.

»Ich bin schon wieder fort.«

»Big Jim sucht Sie.«

Riley hatte plötzlich ein ungutes Gefühl. »Big Jim?«

»Ja.«

Der Mann verließ die Wagnerei so gut wie nie. Er hatte jedes Recht dazu, da er ein freier Mann war. Außerdem war er ein meisterhafter Handwerker. Aber er bevorzugte ein ruhiges, schlichtes Leben und blieb lieber für sich.

»Spuck es schon aus, Tom.« Es musste etwas Ernstes passiert sein, wenn Big Jim ihn suchte.

Tom zögerte. »Es geht um Ihren alten Herrn. Er hat Probleme.«

Rileys Körper spannte sich an. »Was für Probleme?«

»Er hatte einen Herzinfarkt.«

Herzinfarkt? War sein Vater …?

»Er hat den Löffel noch nicht abgegeben.« Tom sah offenbar die besorgte Frage in Rileys Augen. »Aber so wie es klingt, bleibt ihm nicht mehr viel Zeit.«

Ohne auf weitere Erklärungen zu warten, stürmte Riley aus dem Stall und lief mit weit ausholenden Schritten nach Hause.

Kapitel 3

Während sich Finola dem Hintereingang des großen Hauses ihrer Familie in der Third Street näherte, spielte sie im Kopf verschiedene Entschuldigungen für ihre Unpünktlichkeit durch.

Nach einem vorsichtigen Blick nach beiden Seiten, um sich zu vergewissern, dass sie von niemandem beobachtet wurde, lief sie über die Schotterstraße, die zur Rückseite des Hauses führte, wo sich das Kutschhaus, die Sommerküche und die Toilette befanden.

»Finola!«, ertönte Madigans Ruf vom Balkon, der rund um das erste Stockwerk führte.

Sie hob den Blick und sah, dass er an einer der großen, weißen Säulen lehnte. Jetzt im Winter waren alle Fenster geschlossen.

Aber in der Sommerhitze bewahrten der Säulengang im französischen Stil und die Fenster, durch die der kühlende Wind vom Fluss in die Räume wehen konnte, das Haus davor, sich wie ein glühender Ofen aufzuheizen.

Madigan beugte sich über das Eisengeländer. »Ich habe Mama und Papa gesagt, dass du einer neuen Familie geholfen hast, ihre Wohnung einzurichten, und dabei die Zeit vergessen hast.«

Das meiste davon entsprach der Wahrheit. Wenigstens war es die Version der Wahrheit, die Mama und Papa akzeptieren würden: Finola war so sehr in ihre Wohltätigkeitsarbeit vertieft gewesen, dass sie die Kirchenglocken, die verkündet hatten, dass es 4 Uhr war, gar nicht gehört hatte.

»Danke, Madigan. Ich weiß nicht, was ich ohne dich tun würde.«

Er deutete auf sein Kinn und dann auf seine Nase. »Du bist hier noch schmutzig.«

Während sie die Flecken aus ihrem Gesicht wischte, eilte sie die Stufen zum Hintereingang hinauf. Nach ihrer zweiten Begegnung mit Riley Rafferty im Stall war sie völlig durcheinander ge-

wesen. Deshalb war sie schon froh, dass es ihr gelungen war, den Stall angekleidet zu verlassen; auf die Matschspritzer hatte sie in ihrer aufgewühlten Verfassung nicht auch noch achten können.

Sie hatte furchtbare Gewissensbisse, weil sie ihn verletzt hatte. Das hatte sie nicht gewollt. Sie hatte völlig übertrieben reagiert.

Schließlich hatte er nicht wissen können, dass sie sich in der Pferdebox umzog. Er hatte sie für eine Nonne gehalten und sicher nicht damit gerechnet, sie unbekleidet hinter der geschlossenen Tür vorzufinden.

Ja, vielleicht hätte er sie nicht ganz so lange anstarren sollen. Aber das entschuldigte nicht, dass sie mit Werkzeug nach ihm geworfen hatte. Als ob das nicht genügen würde, hatte er auch noch traurige Nachrichten über seinen Vater erhalten.

Sie blieb mit der Hand auf dem Türgriff stehen und schickte ein weiteres stummes Gebet für die Gesundheit seines Vaters zum Himmel. Nachdem Riley ihr heute das Leben gerettet hatte, war es das Mindeste, dass sie für ihn und seine Familie betete.

Mit einem letzten kurzen Gebet zwang sie sich, die Tür aufzumachen und einzutreten. Das Klappern von Töpfen und das sorglose Plaudern der Köchin und der Küchenmagd drangen aus der Küche, begleitet vom Geruch nach gebratenem Hähnchen und Kartoffeln mit einem Hauch von Rosmarin und Thymian.

Am liebsten wäre sie auf dem Flur stehen geblieben und hätte die vertrauten Klänge und Düfte noch länger genossen, aber sie kam ohnehin schon viel zu spät. Es wurde höchste Zeit, sich zu ihren Eltern zu gesellen.

Sie stieg die wenigen Stufen hinauf, die zum großen Flur im ersten Stock des Hauses führten. Der lange Teppichläufer auf dem Kachelboden dämpfte ihre Schritte, wodurch sie sich unbemerkt dem Salon im vorderen Teil des Hauses nähern konnte.

Winston, der langjährige Butler ihrer Familie, der an der Salontür stand, nickte ihr zur Begrüßung zu. In seinem wie gewohnt tadellosen schwarzen Anzug betrachtete der große Mann mit dem silbernen Haar sie mit einem strafenden Stirnrunzeln.

Sie antwortete mit einem breiten Lächeln und einem unschuldigen Achselzucken, als wäre ihr nicht bewusst, wie unpünktlich sie war. Aber sie hatte dem älteren Mann noch nie etwas vormachen können – das war keinem der Shanahan-Kinder je gelungen.

Aus dem Salon drang die lebhafte Stimme von Oscar McKenna, der eine seiner unzähligen Geschichten, wie er Paaren zu ihrem Glück verholfen hatte, zum Besten gab.

»Als sie dieses alte Bauernhaus zum ersten Mal betrat«, erzählte Oscar gerade, »schlug ihr ein furchtbarer Gestank entgegen. Die junge Ehefrau hielt es keinen Tag darin aus, ohne zu ihrem Mann zu laufen und ihm zu erklären, dass es im Stall besser riechen würde als im Haus und dass er etwas dagegen unternehmen sollte. Gleich am nächsten Tag ging der Bauer daran, die Löcher in den Stallwänden mit Kuhdung und Kalkmilch auszubessern, genauso wie er es im Haus gemacht hatte. Als er fertig war, sagte er, dass sie sich jetzt nicht mehr beschweren könne, im Stall würde es besser riechen als im Haus.«

Papas grölendes Gelächter vermischte sich mit Mamas Lachen. Finolas Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, aber sie verdrängte es schnell, da sie jetzt ihre ganze Kraft brauchen würde, um sich dagegen zu wehren, verkuppelt zu werden.

Sie trat durch die breite Tür in den Salon, den elegantesten Raum im Haus der Shanahans, der geschmackvoll im Rokokostil eingerichtet war. Mit hellen Tapeten in Frühlingsgrün und Gold und dazu passenden grünen Vorhängen, die das große Fenster umrahmten, strahlte der Raum an diesem Winternachmittag freundlich und einladend. Große, goldene Spiegel und Kehlungen schienen den Sonnenstrahlen Konkurrenz machen zu wollen.

Im Kamin, dessen weißes Marmorsims, das aus Frankreich importiert worden war, zu den schönsten in ganz St. Louis gehörte, brannte ein Feuer. Ihr waren solche Dinge eigentlich nicht wichtig, aber sie zeigten jedem, wie schwer ihr Vater gearbeitet hatte, um sich in Amerika etwas aufzubauen und zu Wohlstand zu kommen.

Ihr Vater saß in einem Ohrensessel, der mit Seidendamast in

einem grünen Blumenmuster überzogen war. Als er sie erblickte, stand er auf und begrüßte sie mit einem Lächeln, bei dem wie immer das Grübchen an seinem sauber rasierten Kinn zum Vorschein kam. »Da ist sie ja!« Seine Augen schauten sie herzlich an. »Unsere Finola. Sie hat wieder einmal die Welt gerettet.«

Ganz der erfolgreiche Geschäftsmann, trug er einen marineblauen Anzug mit Gehrock und sein gestärkter, hoher Stehkragen wurde durch eine dunkle Seidenkrawatte betont, die zu einer flachen Schleife gebunden war. In den Augen der meisten anderen Menschen war er ein eindrucksvoller Mann mit kräftigen Muskeln, über denen sich seine Kleidung spannte, und mit einem leidenschaftlichen Temperament, das seinem feuerroten Haar entsprach.

Aber für Finola war er immer ein liebevoller und großzügiger Vater. »Es tut mir leid, dass ihr auf mich warten musstet.« Das war ihr Ernst. Sie enttäuschte ihren Vater nur ungern. Und sie enttäuschte auch Mama nur ungern. Wenn sie nur wüsste, wie sie den beiden klarmachen könnte, dass ihre eigenen Zukunftspläne das Beste für sie waren. Aber ihre Bemühungen, es ihnen tatsächlich zu sagen, hatten ihr nicht weitergeholfen. Ihr blieb also keine andere Wahl, als es ihnen zu zeigen.

»Wenn es dir leidtut, Mädchen, weißt du ja, was du zu tun hast.« Er deutete auf seine Wange.

Sie ging zu ihm, stellte sich auf Zehenspitzen und drückte ihm einen Kuss auf die Wange.

Er wiederum kniff sie in die Nase, das Zeichen, dass alles vergeben war.

Mama, die auf dem Sofa saß, das ebenfalls ein grünes Blumenmuster aufwies, deutete auf den freien Platz an ihrer Seite. Ihre Miene war weniger herzlich als Papas. Ihre in Falten gelegte Stirn passte ganz und gar nicht zu ihrem hübschen Gesicht und verriet ihren Unmut. »Wir haben auf dich gewartet. Der arme Mr McKenna ist seit fast einer Stunde hier.«

Alle sagten, Finola sehe mit ihren zarten Gesichtszügen, ihrer

cremeweißen Haut und ihrem kastanienbraunen Haar ihrer Mutter sehr ähnlich. Papa erklärte, dass Mama das schönste irische Mädchen gewesen sei, das er je in seinem Leben gesehen habe, als sie über den Landesteg des Dampfschiffs an Land gegangen war. Es hatte keine Rolle gespielt, dass sie gerade erst in St. Louis angekommen war und dass er zehn Jahre älter gewesen war als sie mit ihren siebzehn Jahren. Er war geradewegs auf sie zugegangen und hatte ihr erklärt, dass er sie heiraten wolle.

Mama hatte ihm eine Ohrfeige verpasst und ihn dann stehen gelassen. Aber genauso wie die meisten Menschen hatte sie James Shanahans Bemühungen nicht lange widerstehen können. Einige Monate später hatte Papa ihr Herz erobert und sie hatten geheiratet. Ein knappes Jahr danach war Finola geboren worden.

Finola nickte Oscar McKenna zu, der gegenüber ihrem Vater in einem zweiten Armsessel saß, und danach Bellamy, seinem jüngsten Sohn, der hinter dem Sessel seines Vaters stand. Gerüchten zufolge sollte der zweiundzwanzigjährige Bellamy die Aufgabe des Heiratsvermittlers von seinem Vater übernehmen, da spekuliert wurde, dass Oscar allmählich zu alt wurde, um die Bedürfnisse der jüngeren Generation zu verstehen.

Mit seiner rot geäderten Nase, die aussah, als hätte er in seinem Leben einige Gläser Guinness zu viel getrunken – was gut möglich war, da er Eigentümer und Betreiber eines beliebten Pubs in St. Louis war – und seinem dichten grauen Haar sah Oscar tatsächlich ziemlich alt aus.

Wenn Finola raten müsste, würde sie ihn auf sechzig schätzen. Vermutlich war er in jüngeren Jahren ein genauso attraktiver, dunkelhaariger Herzensbrecher wie Bellamy gewesen. Obwohl Bellamy, der vor zehn Jahren mit seiner Familie aus Irland ausgewandert war, durch und durch Ire war, besaß er den Teint eines Italieners und bräuchte bestimmt keinen Heiratsvermittler, um eine Frau zu finden.

Mama stieß Finola unauffällig in die Seite und deutete mit dem Kopf auf Oscar.

Ihre Mutter hatte recht: Sie musste sich bei Oscar entschuldigen. »Es tut mir leid, dass ich mich verspätet habe, Mr McKenna.«

Sie bedauerte es wirklich. Sie hätte die Älteren nicht warten lassen sollen. Diese Taktik war einfach zu unhöflich. Sie musste bei der Methode bleiben, die sie perfekt beherrschte: glühende Verehrer vergraulen.

»Ach, zerbrich dir darüber nicht den Kopf«, winkte Oscar ab. »Bellamy und ich haben mit deinem Vater schon viele Details in Bezug auf deine Mitgift und den Typ Mann, den wir für dich finden sollen, besprochen.«

»Für was für einen Typ haben Sie sich entschieden?« Sie bemühte sich um einen ruhigen Tonfall, obwohl sich ihr Magen bei der Aussicht auf die Heiratsvermittlung nervös zusammenzog. Sie hatte Oscar bei anderen jungen Paaren gesehen und wusste, dass er sein Geschäft beherrschte.

Genau das war ihr Problem. Sie wollte nicht, dass er gut war. Vielleicht sollte sie darauf bestehen, dass der unerfahrene Bellamy ihren Fall übernahm. Oscars Sohn hatte seine Aufmerksamkeit auf das große Gemälde gerichtet, das über dem Klavier hing, und war von den ganzen Verhandlungen sichtlich gelangweilt.

Oscar wechselte einen vielsagenden Blick mit ihrem Vater. »Ich sage immer, eine der wichtigsten Aufgaben eines Heiratsvermittlers besteht darin, euch jungen Leuten die Augen für die positiven Eigenschaften des anderen zu öffnen, die ihr sonst vielleicht übersehen würdet.«

»Tatsächlich?« Finola tippte mit einem Finger an ihre Lippe, um den Anschein zu erwecken, sie würde über seine Worte nachdenken. »Bellamy kennt bestimmt einige geeignete Männer mit Eigenschaften, die ich vielleicht übersehen könnte. Habe ich nicht recht, Bellamy?«

Er drehte sich um, verschränkte die Arme vor seiner Brust und richtete seinen attraktiven dunklen Blick auf sie. Seine Augen waren hellwach, als durchschaue er ihre Taktik, noch bevor sie Gelegenheit hatte, ihre Pläne in die Tat umzusetzen.

Sie zögerte nur einen Moment, bevor sie weitersprach. »Ich fände es gut, wenn Bellamy die möglichen Kandidaten aussucht. Ich denke, er würde das sehr gut machen.«

Oscars buschige Brauen zogen sich nach oben.

»Das soll natürlich nicht heißen, dass Sie das nicht auch sehr gut machen würden, Mr McKenna. Aber ich finde, dass Bellamy ein wenig Berufserfahrung sammeln sollte. Sie sollten ihm erlauben, meinen Fall zu übernehmen. Das würde seinen Ruf in der Gemeinde fördern und ihm erleichtern, in Ihre Fußstapfen zu treten.«

Bellamy schaute sie unverwandt an.

Sie senkte den Blick auf ihren Schoß und saß, wie sie hoffte, unterwürfig und unschuldig neben ihrer Mutter auf dem Sofa.

»Was sagen Sie dazu, Oscar?« Der Tonfall ihres Vaters verriet, dass er dieser Idee nicht abgeneigt war. Er unterstützte immer gern junge Männer bei der Verfolgung ihrer Ziele und betrachtete dies wahrscheinlich als Möglichkeit, Bellamy zu helfen.

»Ich weiß nicht recht«, setzte Oscar an. »Bellamy ist noch so jung.«

Bellamy schnaubte leise. »Ich schaue seit Jahren zu, wie du und Großvater Ehen vermittelt.«

»Das stimmt natürlich.« Oscar rieb seine großen Hände aneinander und erwärmte sich sichtlich für diese Idee. »Bellamy ist ein waches Kerlchen. Und er ist so schlau wie ein irischer Kobold.«

Nach einem weiteren Stoß von Mama nahm Finola eine aufrechtere Haltung ein.

»Wirst du mit Bellamy kooperieren?«, fragte Mama ohne Umschweife. Zweifellos hatte sie den Verdacht, dass Finola beabsichtigte, die Bemühungen des Heiratsvermittlers zu torpedieren.

»Natürlich werde ich mit Bellamy kooperieren.«

»Du machst ihm keine Probleme?«, hakte Mama nach.

»Ganz bestimmt nicht.«

»Finola Shanahan, hör mir jetzt gut zu.« Der irische Akzent,

der sich trotz ihrer Jahre in Amerika unvermindert gehalten hatte, war in Mamas Stimme deutlich zu hören. »Wenn wir Bellamy beauftragen, einen Mann für dich zu finden, musst du versprechen, dass du genau das tust, was er sagt.«

Finola faltete die Hände auf ihrem Schoß. »Das werde ich.«

Sie würde sich weder bei Bellamys Planungen einmischen noch die Auswahl seiner Kandidaten manipulieren, aber sie hätte wie immer viele Tricks auf Lager, um den ausgewählten Männern zu zeigen, dass sie für sie völlig ungeeignet war. Aber darum ging es im Moment nicht.

Im Salon wurde es so still, dass man die Schritte im Zimmer über ihnen und Enyas Gesang hören konnte.

Schließlich trat ihr Vater auf Bellamy zu und reichte ihm die Hand, um die Abmachung zu besiegeln. »Dann ist sie in deinen Händen, mein Junge. Ich habe vollstes Vertrauen, dass du für Finola den idealen Mann finden wirst.«

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