sich schon einige Male den Kopf gestoßen, bis er gelernt hatte, dass der Türrahmen für Dienstmädchen und Köchinnen gebaut war und nicht für Männer seiner Statur.
»Wie wäre es stattdessen mit Speck und Eiern?«, fragte er. Mit wenigen geschickten Bewegungen hängte er seinen Gehrock über einen Stuhl, nahm die gusseiserne Bratpfanne, legte einige Scheiben Speck aus dem Kühlfach hinein und stellte sie auf den Herd. Vor ihrer Hochzeit hatte er allein gelebt und war in Haushaltsdingen viel besser als Adelaide.
»Wirst du nicht zu spät zur Arbeit kommen? Ich kann versuchen, mich um das Frühstück zu kümmern, wenn du mir sagst, was ich tun muss.« Der skeptische Blick, mit dem er sie ansah, während er eine Augenbraue hochzog, ließ sie lächeln. »Na ja, früher oder später muss ich es sowieso lernen.«
»Das hier geht schnell.« Der Speck brutzelte schon. Jack beobachtete Howard, während der herrliche Duft durch die Küche zog. Addy sah ihrem Mann ebenfalls zu, entschlossen, von ihm zu lernen. Howard schlug zwei Eier in eine Schüssel und verquirlte sie mit einer Gabel, während der Speck briet. Ab und zu trank er einen Schluck von dem Tee, den Addy ihm eingeschenkt hatte. »Möchtest du auch Rührei, Liebling?«, fragte er.
»Nein danke.«
Als er fertig war, gab er Jack den Teller und nahm sich selbst ein Stück von dem knusprigen Frühstücksspeck. »Wie alt bist du eigentlich, Jack?«
»Acht.« Sein linker Arm war schützend um den Teller gelegt, so als fürchtete er, jemand könnte ihm das Essen wegnehmen, wenn er es nicht schnell genug zu sich nahm.
»Und deine Schwester ist fast vier, hast du gesagt?«
»Sie redet nur mit mir. Mit niemandem sonst.«
»Warum das denn?« Jack antwortete nicht. »Weißt du denn, wo ihr gewohnt habt, bevor du ins Waisenhaus gekommen bist?«
Jack zögerte, als versuchte er, sich zu erinnern. Dann beugte er sich über den Teller und schaufelte das restliche Ei in den Mund,
bevor er sprach. »In einem hohen Gebäude mit vielen Treppen und vielen Leuten. Da hatten wir unser eigenes Zimmer, mit einem Herd und Betten und so.«
»Das klingt nach einem Mietshaus«, sagte Addy. Davon gab es in der Stadt mehrere Hundert. »Weißt du noch, in welcher Straße ihr gewohnt habt?« Jack schüttelte den Kopf.
Die Uhr im Obergeschoss schlug zur vollen Stunde. Addy zog Howards Jacke von der Stuhllehne und hielt sie ihm so hin, dass er nur noch hineinschlüpfen musste. »Du musst zur Arbeit, Mr Forsythe. Ich überlege mir etwas für Jack.«
Howard schob die Arme in die Ärmel und nahm sich eine Scheibe Toast. »Fahr nicht allein zum Waisenhaus, Addy. Versuch, jemanden zu finden, der mitgeht.«
»Das mache ich.« Er zog sie an sich, um ihr einen Kuss zu geben, aber Addy war das vor dem Jungen unangenehm. Sie konnte sich nicht daran erinnern, jemals gesehen zu haben, wie ihre Eltern sich geküsst hatten, obwohl sie wusste, dass die beiden sich geliebt hatten. Ihre Eltern hatten in einem riesigen Herrenhaus gelebt. Wie anders doch ihre Ehe mit Howard in diesem schlichten Stadthaus war. Als Howard gegangen war, setzte Addy sich an den Tisch und trank ihren Tee, während sie dabei zusah, wie Jack löffelweise Erdbeermarmelade auf die restlichen Brotscheiben schaufelte. Sie überlegte gerade, wie sie beide später zum Waisenhaus fahren konnten, als es an der Küchentür klopfte. Addy öffnete und stand einer gepflegten, freundlich aussehenden Frau Mitte fünfzig gegenüber, die sie anlächelte. Die Frau war ganz in Schwarz gekleidet – von dem Umschlagtuch, das sie über ihr graues Haar und ihre Schultern gelegt hatte, bis zu ihrem langen Kleid, den Wollstrümpfen und den praktischen Arbeitsschuhen.
»Mrs Forsythe?«, fragte die Frau.
Addy zögerte, weil ihr neuer Name sich immer noch so ungewohnt anfühlte. »Ja. Ja, das bin ich.«
»Guten Morgen. Ich bin Mrs Gleason. Ich bin wegen der Stelle als Köchin und Haushälterin hier.«
»Ja, natürlich. Bitte kommen Sie doch herein.« Ein Schwall kalte Luft begleitete die Frau in die Küche, gefolgt von einem schüchtern dreinblickenden Mädchen von vielleicht sechzehn oder siebzehn Jahren. »Bitte setzen Sie sich doch«, sagte Addy und zeigte auf den Küchentisch. Der Toast war verschwunden und das Gleiche galt für Jack. Mrs Gleason und das Mädchen blieben stehen.
»Wie ich gehört habe, suchen Sie jemanden, der für Sie kocht und das Haus sauber hält«, sagte die Frau lächelnd.
»Ja, das stimmt.«
»Dann komme ich gleich zur Sache. Ich habe mehr als dreißig Jahre lang als verantwortliche Köchin für die Familie Hall gearbeitet. Zusammen mit mehreren Bediensteten habe ich alle regulären Mahlzeiten zubereitet und darüber hinaus auch das Essen für abendliche Einladungen und Bälle und andere Anlässe. Sie können Mrs Hall oder ihre Haushälterin nach Referenzen fragen.«
»Ich war mehrmals bei den Halls zu Gast«, erwiderte Addy, »und bin sicher, dass Sie hoch qualifiziert sind. Das Essen war immer ausgezeichnet. Aber ich denke, ich sollte erklären, dass mein Mann und ich eine so erfahrene Köchin gar nicht brauchen. Wir sind nur zu zweit, müssen Sie wissen, und wir werden keine Feierlichkeiten veranstalten.«
»Ich weiß«, sagte Mrs Gleason mit einem noch breiteren Lächeln. »Genau eine solche Stelle suche ich auch. Ich bin mit meiner Arthrose zu alt, um den ganzen Tag auf den Beinen zu sein und riesige Mengen Essen zu kochen. Das ist jetzt vorbei und ich wohne bei meiner verwitweten Schwester, sodass ich keine Stellung mit Unterkunft brauche. Ich werde nur an Werktagen arbeiten, aber für das Wochenende bereite ich natürlich Mahlzeiten vor. Allerdings bin ich nur Köchin und sonst nichts. Wenn Sie mich einstellen, wird meine Großnichte Susannah die Hausarbeit übernehmen.« Sie zeigte auf das Mädchen, das halb hinter ihr stand und wie ein ängstliches Kaninchen zitterte. Susannah hatte blondes Haar und ein rundes, gesundes Gesicht, das man als hübsch bezeichnen könnte, wären ihre Wangen nicht so rau
von der Kälte und ihre Haare nicht so streng zurückgekämmt gewesen.
»Freut mich, dich kennenzulernen, Susannah.«
»Ma’am.« Das Mädchen machte einen Knicks.
»Susannah ist auf einem Bauernhof aufgewachsen und lebt erst seit Kurzem bei meiner Schwester und mir. Sie war noch nie irgendwo angestellt, also erwartet sie keinen üppigen Lohn. Aber sie ist fleißig und ich werde ihr alles beibringen, was sie wissen muss. Sie müssen uns beide zusammen nehmen, Mrs Forsythe, oder gar nicht.«
Addy hatte ihr Leben lang Erfahrung mit Dienstmädchen und Hausangestellten gesammelt und erkannte eine gute Gelegenheit, wenn sie sich bot. Mrs Gleason schien ihr die Art von Frau zu sein, die vernünftig und besonnen war; eine Frau, auf die man sich in einer Krise verlassen konnte, weil sie ruhig und überlegt reagierte. Ihr Lächeln war herzlich und ihre glatte Stirn ließ vermuten, dass eine mürrische Miene nicht zu ihrem Wesen gehörte.
»Sie haben die Stelle, Mrs Gleason. Ich schätze mich glücklich, Sie und Susannah bei uns zu haben.«
»Sehr gut«, nickte Mrs Gleason. »Dann fangen wir gleich an.« Sie legte ihr Tuch ab und zog eine gestärkte weiße Schürze aus ihrer Tasche. Dann forderte sie Susannah auf, es ihr gleichzutun.
»Oh! Ich habe nicht erwartet, dass Sie heute schon anfangen.«
»Warum denn nicht? Wo wir doch schon hier sind? Oder spricht etwas dagegen? Wir könnten die nächsten Mahlzeiten besprechen und dann erledige ich heute Vormittag die nötigen Einkäufe. Susannah, dieses Frühstücksgeschirr wäscht sich nicht von allein ab, und – hallo! Wer ist das denn?«
Jack war ebenso lautlos wieder aufgetaucht, wie er verschwunden war, und stand in der Küchentür, von wo aus er die Frauen musterte. »Das ist Jack. Er hat sich gestern in der Kutsche meiner Mutter versteckt, als wir das Waisenhaus besucht haben, in dem er lebt. Wir werden heute dorthin fahren, um die Angelegenheit zu regeln.« Der Junge machte erneut den Eindruck, als wollte
er weglaufen, aber Mrs Gleason streckte mit erstaunlicher Geschwindigkeit den Arm aus und packte Jack am Kragen.
»Gut, Mrs Forsythe. Machen Sie, was Sie heute zu tun haben, und überlassen Sie alles andere uns. Susannah wird dafür sorgen, dass Jack ordentlich geschrubbt und gekämmt ist, wenn Sie loswollen.«
Addy kämpfte mit gemischten Gefühlen, als sie nach oben ging, um sich anzuziehen. Sie wusste, was für ein Glück sie hatte, eine fähige, erfahrene Angestellte wie Mrs Gleason zu haben. Mit ihr und Susannah würde der Haushalt erledigt werden, ohne dass Addy einen Gedanken daran verschwenden musste, so wie es ihr ganzes Leben lang gewesen war. Und doch … dieses Leben in dem riesigen Anwesen ihrer Eltern war mit einer solchen Oberflächlichkeit und Leere verbunden gewesen, dass sie entschlossen war, noch einmal von vorne anzufangen und mit Howard ein sinnvolleres Leben zu führen. Er war in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, als Sohn eines Pastors, mit einer Mutter, die den Haushalt führen, Kinder großziehen und trotzdem Zeit für wohltätige Zwecke finden konnte. Addy wollte gerne sein wie sie und alles im Haus selbst machen, damit Howard stolz auf sie war. Aber wie sollte sie jemals lernen, ihm die Ehefrau zu sein, die er brauchte, wenn Bedienstete all das Kochen und Putzen für sie erledigten? Sie musste Mrs Gleason dazu bringen, ihr das Kochen und andere Pflichten im Haushalt beizubringen, während sie Susannah unterrichtete.
Was die Fahrt zum Waisenhaus heute betraf, wäre es schwierig und gefährlich, den ganzen Weg dorthin mit der Straßenbahn zurückzulegen, also beschloss Addy, mit Jack eine Bahn zum Haus ihrer Mutter zu nehmen und sich deren Kutsche und Fahrer auszuleihen. Wenigstens war das ihr Plan. Als es Zeit wurde aufzubrechen, war Jack nirgends zu finden.
»Aber – er war doch gerade noch hier«, sagte Susannah. »Er ist einfach verschwunden!« Addy rief seinen Namen und zusammen mit Susannah suchte sie überall, aber ohne Erfolg.
»Er ist ein ziemlich gerissener kleiner Kerl, nicht wahr?«, sagte Mrs Gleason. »Und sehr gut darin, sich zu verstecken, das muss man ihm lassen.«
Adelaide blieb nichts anderes übrig, als ohne ihn zu gehen, denn sie war entschlossen, heute etwas zu erreichen. Vielleicht konnten die Leute vom Waisenhaus später kommen und ihn holen. Addy fuhr in den Stadtteil, in dem ihre Mutter jetzt wohnte, und traf Mrs Stanhope bei einem morgendlichen Kaffee an. Addy setzte sich, um alles zu erklären, während das Mädchen ihr eine Tasse holte. »Jack hat unmissverständlich klargemacht, dass er nicht in das Waisenhaus zurückwill«, beendete sie ihren Bericht.
»Er hat Angst, dass man ihn in einen der Waisenzüge setzt. Deshalb will ich ohne ihn zum Waisenhaus fahren und versuchen, die Sache zu klären. Darf ich mir für den Rest des Vormittags deine Kutsche mit Fahrer ausleihen?«
»Wenn du wartest, bis ich angezogen bin, komme ich mit.«
»Das musst du nicht.«
»Ich weiß. Aber die Stanhope-Stiftung unterstützt mehrere Waisenhäuser in dieser Stadt und es beunruhigt mich, dass Geschwister voneinander getrennt werden oder zur Adoption freigegeben werden, obwohl sie eine Familie haben.«
Kurz darauf waren sie unterwegs. »Ich werde froh sein, wenn Howard und ich uns irgendwann eine eigene Kutsche leisten können.« Addy seufzte. »Es ist noch eine Unannehmlichkeit, die ich nicht gewohnt bin, aber im Moment sind die Ausgaben für Pferd, Kutsche und Fahrer von Howards Gehalt einfach nicht zu bestreiten.«
»Ich weiß, wie sehr du Howard liebst«, sagte Mutter. »Und es ist klug von dir, nicht mehr von ihm zu verlangen, als er sich leisten kann. Sonst würdest du seinen Stolz verletzen.«
»Aber warum kann eine Frau nicht mehr Geld zu den laufenden Kosten beitragen als ihr Ehemann? Das ist dieses rückständige Denken, das die Frauenbewegung zu ändern versucht. Wenigstens haben wir Fortschritte gemacht seit der Zeit, als eine
hat sich an uns gewendet. Es gab keine Hinweise auf andere Verwandte und von seinem Vater fehlte jede Spur. Die Nachbarn sagten, sie hätten ihn schon seit Monaten nicht mehr gesehen. Da mussten wir davon ausgehen, dass er die Familie verlassen hat.«
»Jack sagt, dass sein Vater auf einem Schiff arbeitet und zu Weihnachten nach Hause kommt. Und er behauptet, er hätte eine dreijährige Schwester namens Polly.« Mr Drayton studierte die Unterlagen erneut.
»Eine Schwester wird hier nicht erwähnt.«
»Könnte es sein, dass sie auch gestorben ist?«
Er blätterte in der Akte. »Im Polizeibericht steht nichts von einem verstorbenen Kind. Hier ist nur der Tod der Mutter, Krystyna Thomas, registriert. Sie wurde in einem Armengrab bestattet. Wie es scheint, hat der junge Jack sich gewehrt, als sie ihn hierhergebracht haben. Es tut mir leid, aber in dem Bericht steht nichts von einer Schwester.«
»Könnte es sein, dass sie in eine Einrichtung für kleinere Kinder gekommen ist?«, wollte Mutter wissen.
»Das ist möglich. Aber es ist nicht ungewöhnlich, dass Kinder, die ein traumatisches Erlebnis zu verkraften haben, Geschwister oder Freunde erfinden, damit sie sich nicht so einsam fühlen. Wenn er eine Schwester hätte, hätten wir uns darum bemüht, sie zusammen unterzubringen.«
Addy sah ein, dass Polly möglicherweise Jacks Fantasie entsprungen war. Aber noch war sie nicht bereit, die Suche aufzugeben. »Angenommen, sie wurde erst später gefunden – wohin hätte man sie dann gebracht?«
»Sie könnten die Polizei in dem zuständigen Revier fragen«, schlug Mr Drayton vor.
»Könnten Sie uns bitte Jacks letzte Anschrift geben?«, bat Addy.
»Natürlich. Ich schreibe sie Ihnen auf. Das Mietshaus ist nicht gerade in einem angesehenen Stadtviertel. Ich würde Ihnen nicht empfehlen, dass Sie, meine Damen, allein dorthin fahren.« Er schrieb die Adresse auf einen Zettel.
»Wann wurde Jack denn ins Waisenhaus gebracht?«, fragte Addy, nachdem Mr Drayton ihr den Zettel gegeben hatte.
»Warten Sie … am 26. Oktober dieses Jahres.« Es war der Tag, an dem Addy und Howard geheiratet hatten.
»Werden Sie Jack heute noch herbringen?«, wollte Mr Drayton wissen.
Addy zögerte. »Ich bin mir nicht sicher, wie viel Erfolg wir damit haben werden. Er weigert sich zurückzugehen, weil er sagt, dass er nicht in einem Waisenzug enden will.«
»Oh, bis zum nächsten Frühjahr wird es keine Züge mehr geben«, antwortete der Heimleiter. »Aber Sie werden mir doch sicherlich zustimmen, dass es für die Kinder besser ist, Familien für sie zu suchen, die sie aufnehmen, als sie dauerhaft in einem Waisenhaus unterzubringen.«
»Ja, da haben Sie recht«, nickte Addy. Dann traf sie eine Entscheidung. »Wäre es möglich, dass Jack bei meinem Mann und mir bleibt, bis wir etwas über seinen Vater und seine Schwester herausgefunden haben?« Sie hatte im Vorfeld nicht darüber nachgedacht und hoffte, dass sie diesen Vorschlag später nicht bereuen würde. »Denn es ist so, dass Jack angedroht hat, wieder wegzulaufen, wenn wir ihn hierher zurückbringen, und ich fürchte, die eisigen Temperaturen würde er nicht überleben.«
Mr Drayton zog die Augenbrauen hoch und nahm seine Brille ab. »Sie können das tun, wenn Sie wollen, aber ich würde es Ihnen nicht empfehlen, Mrs Forsythe. Diese Kinder können sehr manipulativ sein und Sie zu Tränen rühren, nur um ihren Willen zu bekommen. Und Sie müssen auch bedenken, dass er die Schule verpassen wird. Sie werden mir sicher zustimmen, wenn ich sage, dass Bildung für Waisenkinder der Schlüssel für eine bessere Zukunft ist.«
»Ich werde dafür sorgen, dass er jeden Tag lernt. Jack scheint ein helles Köpfchen zu sein.« Adelaide sah an Mr Draytons gerunzelter Stirn, dass er über ihre Entscheidung nicht glücklich war. Mutter stellte noch ein paar Fragen über die Waisenzüge, die
Grundsätze in Bezug auf Geschwisterkinder und dazu, wie genau es Jack möglich gewesen war, aus ihrer Obhut zu entkommen.
Wenige Minuten später verabschiedeten sie sich.
»Ich hätte es mit Howard besprechen sollen, bevor ich anbiete, Jack bei uns wohnen zu lassen«, sorgte Addy sich auf dem Heimweg. »Ich weiß nicht, was ich mir dabei gedacht habe. Ich habe doch gar keine Ahnung, wie man für ein Kind sorgt.«
»Ich glaube nicht, dass Howard etwas dagegen haben wird, oder hast du da Sorge? Er hat ein sehr großes Herz.«
»Das ist wahr.« Howard wollte gerne selbst eine Familie gründen, aber der Gedanke machte Addy schreckliche Angst. »Es ist nur so, dass Howard und ich noch so vieles übereinander lernen müssen, und ich weiß immer noch nichts darüber, wie man einen Haushalt führt, und wie es aussieht, habe ich jetzt auch noch die Verantwortung für einen kleinen Jungen übernommen.«
»Geh nicht so hart mit dir ins Gericht, Addy. Das braucht Zeit.«
»Wie sollen wir denn Jacks Schwester finden – falls sie überhaupt existiert? Es gibt bestimmt Dutzende Waisenhäuser in der Stadt.«
»Ich kann dir die Adresse von den Einrichtungen geben, die unsere Stiftung unterstützt. Wenn das Mädchen erst drei Jahre alt ist, konnte es den Behörden vermutlich noch nicht viel über seine Familie erzählen.«
»Jack hat schon mehrmals gesagt, dass sie mit niemandem redet außer mit ihm – oder etwas in der Art. Glaubst du wirklich, dass er sich das alles nur einbildet?«
Mutter lachte. »Nun, so etwas habe ich noch nicht erlebt. Aber möglich ist es wohl.« Sie waren fast bei Addys Haus angekommen, als Mutter sagte: »Übrigens, wie war denn eure große Sitzung zum Frauenwahlrecht gestern Abend?«
»Wir haben unsere Wahlziele nicht erreicht, obwohl wir so viel dafür getan haben. Es ist frustrierend.«
»Ihr kämpft gegen jahrhundertealte Überzeugungen und falsche Vorstellungen an, was die Rolle und die Fähigkeiten von Frauen betrifft. Aber denk nur an die Fortschritte, die dei-
ne Großmutter in ihrem Leben erreicht hat. Sie hat eine große Wohltätigkeitsorganisation gegründet und geleitet. Wir beide bauen auf ihren Erfolgen auf.«
»Hast du noch etwas Zeit, Mutter?«, fragte Addy, als die Kutsche vor ihrem Haus hielt. »Komm doch kurz mit rein, dann stelle ich dir unsere neue Köchin und unser Dienstmädchen vor. Ich glaube, dass sie sich sehr gut machen werden. Und du kannst Jack kennenlernen, falls er aus seinem Versteck kommt. Ich wüsste gerne, was du von ihm hältst.«
Mutter willigte ein und Mrs Gleason, die bereits eingekauft hatte, bereitete ihnen ein leichtes Mittagessen zu. Jack war wieder aufgetaucht. Er hatte gebadet und war sauber geschrubbt – etwas, woran Addy gestern Abend gar nicht gedacht hatte. Jetzt stand er vor ihnen, die Haare ordentlich gekämmt und Susannahs Hand fest auf seiner Schulter.
»Sie sind die Penny-Lady!«, sagte Jack, als er Mutter sah.
»Ja, das bin ich wohl. Es freut mich, dich kennenzulernen, Jack. Ich habe gehört, du bist aus dem Waisenhaus fortgelaufen. Ist es wirklich so schlimm dort?«
»Sie schicken Kinder mit dem Zug weg und dann sieht man sie nie wieder.«
»Aber diese Kinder finden ein neues Zuhause in einer guten Familie, die sich um sie kümmert. Dort sind sie dann viel glücklicher als im Waisenhaus, meinst du nicht auch?«
»Ich hab doch schon eine Familie. Wenn wir Polly gefunden haben, können wir nach Hause und auf Papa warten. Er kommt an Weihnachten nach Hause. Das hat er versprochen.«
»Wie sieht Polly denn aus?«, fragte Addy, während sie wieder überlegte, ob das Mädchen ein Hirngespinst war. Jack zuckte mit den Schultern und streckte dann etwa einen Meter über dem Boden die Hand aus.
»Sie ist klein. Und hat braune Haare wie ich.«
»Und du hast gesagt, dass sie nur mit dir redet? Wieso denn das?«
Wieder zuckte Jack mit den Schultern, als wäre das eine dumme Frage. »Weil nur ich sie verstehe.«
Addy seufzte. »Wir haben gerade mit dem Leiter des Waisenhauses gesprochen. Er hat sich Sorgen gemacht.«
»Haben Sie ihm gesagt, dass ich kein Waisenjunge bin?«
»Nun, sie glauben das aber. Wir haben ihnen aber gesagt, dass du erst einmal hierbleiben kannst. Doch es war ungezogen von dir, wegzulaufen und die Menschen, die für dich sorgen, zu beunruhigen. Wenn wir dir helfen sollen, darfst du nicht mehr weglaufen und du musst damit aufhören, dich vor uns zu verstecken. Du kannst nicht ständig verschwinden, denn draußen ist es viel zu kalt, um sich dort aufzuhalten. Hast du mich verstanden?«
»Ja, Ma’am.« Er wirkte betreten, aber nur einen Augenblick lang. »Papa hält sein Versprechen, das weiß ich.« Addy und ihre Mutter wechselten einen Blick.
Mrs Gleason servierte das Mittagessen oben im Esszimmer und es war wie ein Ausschnitt aus Addys früherem Leben, als sie mit ihrer Mutter von den feinen Porzellantellern mit Goldrand aß, die Howard und sie zur Hochzeit geschenkt bekommen hatten, und mit dem silbernen Besteck. Jack, der in der Küche aß, war fasziniert von dem handbetriebenen Speisenaufzug, mit dem das Essen von der Küche ins Esszimmer hinaufbefördert wurde.
Susannah versprach ihm, dass er den Aufzug betätigen durfte, wenn das schmutzige Geschirr nach unten geholt wurde.
»Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, was Jack betrifft«, flüsterte Addy, als sie ihre Mahlzeit beendet hatten. »Ich habe versprochen, mit ihm zu lernen, aber wie ich das machen soll, weiß ich doch gar nicht.«
Mutter schienen ihre Befürchtungen zu amüsieren. »Ich würde sagen, er könnte neue Kleidung und ein ordentliches Paar Schuhe gebrauchen. Das Kaufhaus Dixon wäre da ein guter Anfang. Und sobald ich wieder zu Hause bin, schicke ich dir die Liste der Waisenhäuser. Lass mich wissen, wie ihr mit eurer Suche vorankommt.«
Als Howard an diesem Abend nach Hause kam, wartete Adelaide schon in der Diele auf ihn. Er nahm sie in die Arme und küsste sie, bevor sie Zeit hatte, ihn zu warnen, dass ihr neues Mädchen vielleicht in der Nähe war. Als sie sich voneinander lösten, schnupperte er. »Irgendetwas riecht hier sehr gut. Hast du etwa gekocht?«
»Ich habe doch heute eine Köchin eingestellt. Mrs Gleason hat uns etwas zum Abendessen zubereitet.«
»Wunderbar. Ich hoffe, es schmeckt so gut, wie es riecht.«
»Das sollte es. Sie ist eine sehr erfahrene Köchin. Und ihre Nichte Susannah wird das Putzen und den Haushalt übernehmen.« Howard wirkte etwas überrascht, deshalb sprach Addy schnell weiter. »Ich hoffe, du hast nichts dagegen, dass ich sie beide eingestellt habe und dass sie ein bisschen teurer sind als eine Person …«
»Ich vertraue auf deine Erfahrung, Liebling. Sind sie noch hier? Ich würde sie gerne kennenlernen.«
»Wenn du dich mit dem Umziehen beeilst, werden sie gleich das Abendessen auftragen.«
Auf seinem Weg zur Treppe warf Howard einen Blick ins Esszimmer, in dem Susannah den Tisch mit einer Leinentischdecke, Servietten und ihrem besten Geschirr gedeckt hatte. »Du liebe Güte! Es sieht ja so aus, als würden wir stilvoll speisen. Soll ich meinen Smoking anziehen?«
Addy stieß ihn spielerisch mit dem Ellbogen an. »Sei nicht albern. Mrs Gleason war die verantwortliche Köchin in einem Herrenhaus und ich vermute, dass sie an ihrem ersten Tag einen guten Eindruck machen will.«
Diese Verbindung zweier Lebensstile erwies sich als ganz schön kompliziert. Würde Howard es anmaßend finden, dass sie zwei Dienstboten eingestellt hatte? Glaubte er, dass sie versuchte, das Leben als verwöhnte Erbin wiederzubekommen, anstatt als
seine Ehefrau zufrieden zu sein? Vielleicht hätte sie zu Mrs Gleason Nein sagen und stattdessen eine gewöhnliche Haushälterin engagieren sollen, so wie sie es ursprünglich verabredet hatten.
Als sie ihrem Mann die beiden Frauen vorgestellt hatte und sie sich dann zu zweit an den Tisch setzten, machte Addy sich immer noch Sorgen. Sie hielt die Luft an, während sie Howard dabei beobachtete, wie er das Essen probierte, und war erleichtert, als er ins Schwärmen geriet. »Das ist besser als in einem vornehmen Restaurant, Addy. Du hast eine hervorragende Wahl getroffen.«
Addy wurde es ganz warm ums Herz vor lauter Stolz, weil Howard ihre Entscheidung guthieß. »Ich hoffe, Mrs Gleason wird mir Unterricht geben, damit ich auch lerne, für dich zu kochen …«
»Du weißt doch, dass mir diese Dinge nicht wichtig sind. Ich …« Ein lautes Scheppern aus der Richtung des Speisenaufzugs unterbrach ihn. »Gibt es noch mehr zu essen?«
»Ich glaube nicht. Jack betätigt gerne die Kurbel und Susannah hat ihm versprochen, dass er helfen kann, wenn sie das Geschirr abräumt.«
»Moment mal. Ich dachte, du wolltest Jack heute ins Waisenhaus zurückbringen.«
»Das konnte ich nicht. Als wir loswollten, hatte er sich irgendwo versteckt und wir konnten ihn nicht finden. Stattdessen ist Mutter mit mir hingefahren. Ich hoffe, es macht dir nichts aus, aber ich habe dem Waisenhaus gesagt, dass Jack bei uns bleiben kann, bis wir mehr über seine Familie wissen.«
»Natürlich. Der arme kleine Kerl.«
»Mutter hat vorgeschlagen, dass ich mit ihm einkaufen gehe und ihm einen wärmeren Mantel und neue Schuhe kaufe.«
»Gut. Die braucht er.«
»Ich versuche, mich an unseren Haushaltsplan zu halten, Howard, und ich weiß, dass die zusätzlichen Ausgaben für zwei Bedienstete und für einen neuen Mantel und Schuhe für Jack nicht darin vorgesehen sind, aber …«
»Für Wohltätigkeit ist in unserem Budget immer Platz. Erzähl
mir, was ihr beim Kinderhilfswerk erfahren habt.« Howard nahm sich von den Stampfkartoffeln nach.
Addy senkte die Stimme, damit Jack sie nicht hören konnte. »Sie haben bestätigt, dass Jacks Mutter vor einem Monat gestorben ist, aber sie haben keine Informationen über seinen Vater oder irgendwelche anderen Verwandten, deshalb haben sie ihn ins Waisenhaus gebracht. Von einer Schwester wurde auch nichts berichtet, deshalb frage ich mich, ob er sie vielleicht nur erfunden hat. Wenn das tatsächlich der Fall ist, wird unsere Suche natürlich ergebnislos sein.«
»Klingt nach einer Menge Sackgassen.«
»Aber sie haben uns die Adresse des Mietshauses gegeben, in dem Jack gewohnt hat.«
»Gut. Dann fahren wir am Samstag dorthin und unterhalten uns mit den Nachbarn.«
»Denk daran, dass wir am Samstagabend zur Verlobungsfeier meiner Freundin Felicity eingeladen sind.«
»Wir werden auf jeden Fall rechtzeitig wieder zurück sein, um uns für das Essen umzuziehen.«
Addy aß noch ein paar Bissen und erstarrte dann. »Oh nein! Was machen wir denn mit Jack, während wir weg sind? Mrs Gleason und Susannah arbeiten an den Wochenenden nicht.«
»Ich werde mir etwas überlegen.«
Addy hatte ihr einfaches Leben durch ihre Impulsivität komplizierter gemacht. Das musste sie wiedergutmachen. »Es tut mir leid, dass ich dich nicht gefragt habe, bevor ich heute all diese Entscheidungen getroffen habe. Ich weiß, dass wir verabredet haben, alles als Eheleute zusammen zu entscheiden, aber …«
Howard legte die Gabel zur Seite und griff nach Addys Hand. »Ich habe mich in dich verliebt, weil du eine intelligente, fähige Frau bist, die keine Erlaubnis braucht, um ihrem Herzen zu folgen.«
Addy kamen die Tränen. Wie hatte sie nur einen so wundervollen Mann gefunden? Sie drückte seine Hand. »Ich liebe dich sehr, Howard Forsythe.«