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Advent und Weihnachten ist wie ein Schlüsselloch,

durch das auf unsren dunklen Erdenweg ein Schein aus der Heimat fällt.
Friedrich von Bodelschwingh

Willkommen am Weihnachtstisch

Lesezeit: ca. 12 Minuten

Es ist Heiligabend. Alle sind schick gekleidet ins Gemeindehaus gekommen. Kinder laufen aufgeregt umher, denn gleich kommt ihr großer Auftritt im Krippenspiel. Unter die vielen Hundert Besucher haben sich einige ausländische Gäste gemischt. Neugierig wollen sie miterleben, wie Christinnen und Christen Weihnachten feiern und was daran so besonders ist.

Der Gottesdienst und vor allem das Krippenspiel begeistern sie. Danach machen sich die meisten eilig auf den Weg nach Hause, denn nach dem besonderen Essen wird dort die Bescherung stattfinden.

Mein Mann und ich stehen nach dem Gottesdienst noch eine Weile vor dem Haus und grüßen viele zum

Weihnachtsfest, die ihre Kinder einsammeln und auf dem Weg zu ihrer Feier im Kreis der Familie sind. Dabei entdecken wir noch einige ausländisch aussehende junge Leute, die anscheinend noch nicht so genau wissen, wo sie jetzt hingehen sollen. Wir laden sie ein, mit zu uns nach Hause zu kommen. So kommen spontan noch zwei muslimische Iranerinnen und ein christlicher Brasilianer mit. Auch wir gehen bald nach Hause, denn dort erwarten uns schon andere Gäste, die sich zu unserer Feier angemeldet hatten.

Seit mehr als vierzig Jahren feiern mein Mann und ich Heiligabend mit Freunden und Fremden bei uns zu Hause. Wir künden es im Gottesdienst an und ermutigen, es weiterzusagen. Wir leben in Marburg, einer Universitätsstadt. Von den mehr als 21.000 Studierenden kommen etwa 4.700 aus dem Ausland. Viele von ihnen haben einen christlichen Hintergrund und besuchen an Weihnachten ihre Familien. Andere nutzen die kurzen Ferien für Reisen in Deutschland oder Europa. Aber viele bleiben auch in Marburg und manche von ihnen hoffen, einmal Weihnachten in einer deutschen Familie zu erleben.

Inspiriert zu der Idee eines offenen Hauses am Heiligen Abend hatte uns zu Beginn unserer Ehe die

Geschichte eines christlichen Studenten aus Asien. Er erzählte uns Folgendes: Er war im Weihnachtsgottesdienst einer deutschen Gemeinde gewesen, die er auch sonst sonntags zum Gottesdienst besuchte. Er hatte sich besonders schick angezogen und freute sich auf den Gottesdienst. Fest rechnete er damit, dass ihn im Anschluss jemand zu sich nach Hause einladen würde, denn so war es in seinem Heimatland üblich. Doch am Ende des Gottesdienstes lichteten sich die Reihen und schon bald stand er allein da. Enttäuscht und traurig ging er zurück zu seinem Studentenheim, zog sich um und verbrachte den Heiligabend allein. Als mein Mann und ich von seinem Erlebnis hörten, stand für uns fest: Niemand soll den Heiligabend allein feiern müssen!

So sind wir jedes Jahr auf viele Gäste vorbereitet.

Gern können zu den bereits angemeldeten Gästen noch welche spontan dazukommen. Es kommen Singles, Menschen in Rufbereitschaft, etwa in medizinischen Berufen, frisch Getrennte und einfach junge Leute, die gern mal anders Weihnachten feiern wollen. Alle angemeldeten Gäste können etwas zum Essen, Knabbern und Trinken mitbringen. Das Hauptgericht kochen wir, meistens einen Auflauf mit Hühnchenfleisch, denn das können auch Menschen mit muslimischem Glauben essen. Wir bereiten viel vor und freuen uns über spontane Gäste. Letztes Jahr waren es drei Deutsche, eine Amerikanerin, ein Russe, ein Brasilianer, eine Frau aus

Uganda und vier junge Leute aus dem Iran. Eine bunte Truppe, die eine Menge Freude mitbrachte!

Im Laufe der Jahre haben wir ein kleines Ritual für unsere Feier entwickelt. Es wird Englisch und Deutsch gesprochen. Wir singen deutsche Weihnachtslieder und lassen die Weihnachtsgeschichte jeweils in den Sprachen der Anwesenden vorlesen. So kam es einmal, dass eine Marokkanerin zum ersten Mal in ihrer Muttersprache einen Bibeltext las. Sie übernachtete bei uns und am nächsten Morgen hatte sie sich schon vor dem Frühstück die arabische Bibel genommen und weitergelesen. Sie ist dann einige Zeit später durch das Anschauen des Jesus-Films zum Glauben gekommen. Ihr erster Kontakt mit Gottes Wort in ihrer Muttersprache war bei unserer Weihnachtsfeier. Welch ein Geschenk!

Zu Beginn des Abends bitten wir einen der Gäste, die Kerzen am Baum anzuzünden. Für viele, auch für viele Deutsche, ist es das erste Mal, dass sie echte Kerzen am Baum sehen. Das Anzünden der Kerzen wird mit der Kamera festgehalten und stolz an Verwandte und Freunde in aller Welt versendet. Danach essen wir gemütlich und spielen im Anschluss einige Spiele in kleineren Gruppen. Dabei suchen wir vor allem solche Spiele aus, die keine großen Deutschkenntnisse

voraussetzen, beispielsweise Uno. Gegen Ende gibt es eine Bescherung, denn wir haben für jeden Gast – auch für jeden Überraschungsgast – ein kleines Geschenk und eine Tüte mit typisch deutschen Weihnachtssüßigkeiten vorbereitet.

In einem Jahr hatten wir vier Wissenschaftler aus der Volksrepublik China zu Gast. Sie schenkten uns eine mit Nikolausmotiven bestickte Tischdecke und erklärten uns freudig, dass Weihnachten jetzt auch in China angekommen sei. Durch sie wurden wir mit einem Brauch aus ihrer Region bekannt gemacht: Wer beim Spiel verliert, muss unter dem Tisch durchkriechen.

Ein großer Spaß!

In einem anderen Jahr war ein chinesischer Student unter den Gästen. Er wurde später Christ und war einige Jahre mit seiner deutschen Frau in einem missionarischen internationalen Kreis in unserer Gemeinde aktiv. Ein weiterer besonderer Gast, der zu einem Freund unserer Familie wurde, ist ein ehemaliger Salafist aus dem Nahen Osten. Er hatte in seinem Heimatland Christen beobachtet, die, wie er berichtete, eine besondere Liebe für Menschen hatten. Sie sprachen nicht direkt über ihren Glauben, bezeugten ihn aber mit ihrem Leben. Als andere Salafisten mitbekamen,

dass er Kontakte zu Christen hatte, drohten sie, ihn zu töten. Nach seiner Flucht kam er nach Deutschland. Hier erfuhr er mehr über den Glauben und wurde selbst Christ. Jetzt lebt er mit seiner Familie in einer deutschen Kleinstadt, hat seine Ausbildung in einem Supermarkt erfolgreich beendet, seine Sprachkenntnisse perfektioniert und hofft darauf, eingebürgert zu werden. Er hat seine islamistische Vergangenheit hinter sich gelassen.

Ein anderes Mal war eine junge Iranerin zu Besuch, die mit ihrem Handy unser Weihnachtsliedersingen aufnahm und im Netz postete mit dem Kommentar: »Einer der besten Abende meines Lebens.« Auch sie wurde später Christin.

Kann man Muslime überhaupt an Weihnachten einladen? Ja, unbedingt! Sie sind ja frei, die Einladung abzulehnen. Außerdem empfinden sie es vielleicht als eine Ehre und besondere Freude, in eine christliche Familie eingeladen zu werden. Das jedenfalls haben uns viele unserer Gäste so gesagt. Manche kennen auch schon Christen aus ihren Heimatländern. Und außerdem ist es in einigen muslimischen Ländern üblich, dass sich Christen und Muslime zu ihren jeweiligen großen Festen gegenseitig besuchen. Für ande-

re wiederum ist es in ihren Heimatländern gar nicht möglich, Christen zu treffen, weil es nur so wenige gibt oder weil die christliche Minderheit gesellschaftlich ausgeschlossen und unterdrückt wird. Alle aber wissen, dass Weihnachten ein Fest der Christen ist. Was ihnen in ihren Ländern durch Deko und Weihnachtsmärkte, Adventsmusik und Tannenbäume leider nicht begegnet, ist der Inhalt des Festes: Warum feiern wir Weihnachten überhaupt?

Was wir bei unseren Weihnachtsfeiern nicht tun, ist, aktiv zu evangelisieren. Vielmehr lassen wir unsere Gäste einfach miterleben, wie wir Weihnachten feiern, und erzählen ihnen, warum wir es feiern. Wir erklären ganz kurz, was wir glauben: dass Gott in Jesus Mensch geworden ist und dass wir in Jesus sehen können, wie Gott ist. Daraus ergeben sich für jeden andere Fragen und öffnen sich neue Horizonte.

Dass Menschen sich nach unserer Weihnachtsfeier dem Glauben zuwenden und mit uns in Kontakt bleiben, ist die Ausnahme. Bei vielen ist der Besuch einmalig und der Kontakt bricht ab. Andere sind interessiert und suchen Kontakt zu anderen Christen. Wir laden Weihnachten einfach zu einem Abend in Gemeinschaft ein und beten für unsere Gäste, aber wir überlassen es Gott, welche Impulse er jedem mitgibt und wie der Weg für ihn oder sie weitergeht. Für uns ist diese Feier jedes Jahr ein Abenteuer und gleichzeitig

eine große Freude. Denn es stimmt, was Daniel über Jesus vorausgesagt hat:

»Ihm wurde gegeben Macht, Ehre und Reich, dass ihm alle Völker und Leute aus so vielen verschiedenen Sprachen dienen sollten. Seine Macht ist ewig und vergeht nicht, und sein Reich hat kein Ende« (Daniel 7,14; LUT).

Elke Werner lebt mit ihrem Mann Roland in Marburg und verbindet seit vielen Jahren Glauben, Kunst und Kommunikation. Als Theologin, Autorin und leidenschaftliche Referentin ist sie im In- und Ausland unterwegs – immer mit Herz, Tiefgang und einer klaren Botschaft.

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