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Volker Diehl mit Christian Heinritz

MAN NENNT MICH DR. HODGKIN Wie ich die Gelegenheit beim Schopf ergriff und ein entscheidender Durchbruch in der Krebstherapie gelang


Inhalt Ein Wort und eine Bitte vorab.......................................................... 9 Wurzeln............................................................................................. 11 Krieg................................................................................................... 15 Kindheit im Nachkriegsdeutschland............................................. 19 Wiedererwachendes Familienleben .............................................. 24 Die Zeltevangelisation..................................................................... 29 Eine Jugend zwischen Largo und Allegro..................................... 31 Aufbruch ins Studium..................................................................... 36 Auf der Suche.................................................................................... 39 Wiener Walzer ................................................................................. 43 Speedy................................................................................................ 47 Freiburger Früchte............................................................................ 49 Einstieg in die Wissenschaft............................................................ 52 Examen.............................................................................................. 55 Kairos huscht vorbei........................................................................ 59 Wanderjahre...................................................................................... 62 Über den großen Teich.................................................................... 68 Erste Erfolge...................................................................................... 72 Unser Mann in Afrika...................................................................... 79 Denis Burkitt..................................................................................... 86 Die Konferenz................................................................................... 92 Kilimandscharo................................................................................ 95 In zwanzig Tagen um die Welt........................................................ 98 Akademisches Intermezzo............................................................ 102 Zwischen Sjukhuset und Saltkrokan: Schweden........................ 107 Im Wechsel der Jahreszeiten......................................................... 113


Fränkisches Intermezzo................................................................. 117 Aufbruchstimmung in Hannover ................................................ 118 Der Durchbruch............................................................................. 123 Antje................................................................................................. 126 Licht und Schatten......................................................................... 131 »Ich segne Hubert Poliwoda«....................................................... 137 L-428................................................................................................ 142 Harald Stein und der CD30-Antikörper..................................... 146 Ist die Hodgkinsche Erkrankung ein Krebs?.............................. 150 Die Deutsche Hodgkin Studiengruppe....................................... 155 Köln.................................................................................................. 160 Begleitumstände............................................................................. 164 Antje und die »Speisung der Zehntausend« oder humanitäre Hilfe für Russland............................................ 169 The Worldwide Flying Doctor...................................................... 173 Haus LebensWert..................................................................177 BrECADD oder ein Traum wird wahr........................................ 182 Das NCT Heidelberg...................................................................... 185 Deutsche Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs...................188 Antjes Krankheit............................................................................. 190 Der weite Raum.............................................................................. 194 Rückkehr nach Afrika.................................................................... 197 Resümee........................................................................................... 199 Ehrungen und Mitgliedschaften................................................... 204


Ein Wort und eine Bitte vorab Als Schüler eines humanistischen Gymnasiums kam ich neun Jahre lang – also ziemlich intensiv – mit der Welt der Antike in Berührung. Eine Figur aus dem griechischen Götterkosmos hat mich dabei tief beeindruckt: Kairos. Chronos und Kairos waren Söhne von Zeus. Während Chronos über die dahinfließende Zeit herrschte, die der Sterbliche nicht beeinflussen konnte, war Kairos der Gott des richtigen Augenblicks, den es zu ergreifen galt. Wollte man ihn »am Schopf« packen, musste man blitzschnell sein, da ihm nur an der Stirnseite ein Haarschopf wuchs. Seinen Hinterkopf zierte dagegen eine Glatze. Sah man die, war es schon zu spät! Diese Figur faszinierte mich und ich verinnerlichte die Lehre, die mit diesem Bild verbunden ist: »Ergreife deine Chance! Reagiere rasch und richtig! Erkenne rechtzeitig, wer die Menschen sind, die dich fordern und fördern!« Auch wenn mir bald klar wurde, dass die Symbolik der mythologischen Götterwelt ein Schattenspiel ist, weit entfernt von der Wirklichkeit, der ein Student, Assistenzarzt oder gar Direktor einer großen Universitätsklinik gegenübersteht, nahm ich dieses Bild aus der Götterwelt der Antike doch durchaus ernst, und zwar als Aufforderung, stets achtsam und reaktionsbereit zu sein. Mit zunehmendem Alter erlebte ich allerdings, dass in meinem Leben eine ganz andere, unsichtbare und gewaltige Kraft wirkte. Eine Kraft, die mich im Sinne des »Kairos« anleitete, richtige Entscheidungen zu treffen und mit den richtigen Menschen zu kooperieren, die mich aber darüber hinaus auch trug, behütete, tröstete – mit einem Wort: segnete. Rückblickend sehe ich in dieser Kraft den »göttlichen Kairos«, 9


das Wirken des Heiligen Geistes, der mir als Gabengeber und Richtungsweiser – griechisch »Paraklet« – zur Seite stand. Er war es, der mir die Fähigkeit gab, im richtigen Moment zu handeln, er stellte mir im entscheidenden Augenblick die richtigen Menschen in den Weg, er wies mich an Weggabelungen auf den richtigen Kurs hin, er bewahrte mich vor Gefahren und Fehlentscheidungen. Dennoch leistete ich mir durchaus so manchen Umweg. Gottes Kairos ist kein Automatismus, eher ein dualer Prozess: Gott spricht und handelt und ich muss hören, sehen, abwägen, antworten und reagieren. Doch auch wenn ich oft genug taub und blind war – Gott wartete auf mich, bis ich wieder im Gleichklang mit ihm war. Heute blicke ich auf mein langes Leben zurück und erkenne dankbar, dass mir mein Herrgott die Gnade vieler richtiger Entscheidungen gab. Diese Erkenntnis hat mir Mut gemacht, auch diese Autobiografie anzugehen. Mit diesem Buch, liebe Leserin, lieber Leser, unternehme ich nun den Versuch, auch Ihren Blick für den Kairos Gottes in Ihrem Leben zu schärfen. Meine Bitte lautet also: Wenn Sie ihn sehen – greifen Sie zu!

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Wurzeln Geboren wurde ich an einem Rosenmontag gegen 15:30 Uhr. Es war der 28. Februar des Jahres 1938, in dem auch König Juan Carlos von Spanien und die niederländische Königin Beatrix das Licht der Welt erblickten. Sowie Romy Schneider, Claudia Cardinale, Heino und mein bester Freund Peter Kliem. Mit Götz George teile ich mir nicht nur das Geburtsdatum, sondern auch den Geburtsort, nämlich Berlin. In der gleichen Stadt und im gleichen Jahr führte Otto Hahn im Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie die erste Kernspaltung des Urans durch und machte damit die Kernenergie für den Menschen nutzbar – im guten wie im schlechten Sinne. Ja, die Weltläufe, in die ich hineingeboren wurde, hätten dramatischer nicht sein können. Nur wenige Wochen nach meiner Geburt erzwang Hitler den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich, im Herbst marschierten deutsche Truppen in die Tschechoslowakei ein und am 11. November fand die Reichspogromnacht statt. Für meine Familie aber war es ein gutes Jahr, das letzte Friedensjahr vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Nach Ortrud und Verena war ich das dritte Kind des Ehepaars Günter und Ruth Diehl, geborene Paetzel, und kam im Rittberg-Krankenhaus in Berlin-Lichterfelde zur Welt. Leider war ich ein unansehnliches, verschrumpeltes Würmchen, das meiner Mutter anfangs gar nicht recht gefallen wollte. Erst als die Hebamme meinte: »Na, lassense mal, Frau Diehl, aus dem wird ma was!«, fühlte sie sich etwas hinweggetröstet über meine postnatale Hässlichkeit. Jedenfalls scheint sie mein Auftritt nicht entmutigt zu haben, immerhin schenkte sie weiteren fünf Kindern das Leben: Heidi, Winfried, Frohmut Günther und Dorkas Tabea. Ich war bereits zwanzig Jahre alt, als noch ein später Nachzügler dazukam, leider nur für kurze Zeit. Burkart kam mit Downsyndrom zur Welt, er war ein 11


außerordentlich hübsches und liebenswertes Kind, das die Engel aber schon nach einem Jahr wieder zu sich holten in den Himmel. In den zwölf Monaten seines irdischen Lebens trieben ihn seine nächtlichen Luftnotanfälle in einen Kampf ums Überleben, den unsere Mutter Ruth früher oder später verloren hätte, wäre Burkart nicht an den Folgen einer schweren Missbildung des Herzens gestorben. *** Doch zurück in die 30er-Jahre, zu den Wurzeln meiner Existenz. Folge ich ihnen, lande ich bei zwei Ehepaaren, die ebenso interessant wie grundverschieden waren – bei meinen Großeltern Heinz und Clara Diehl sowie Paul und Martha Paetzel. Während bei den Diehls mein Großvater Heinz der alles ordnende und bestimmende Partner war, spielte bei den Paetzels meine Großmutter Martha die dominierende Rolle einer mater familias. Sie war es, die für Zucht und Ordnung unter den sieben quirligen Paetzel-Kindern sorgte. Paul überließ ihr als introvertierter, tiefgläubiger Zeitgenosse und passionierter Bücherwurm nur allzu gern das Zepter. Ja, der Spross einer angesehenen Berliner Patrizierfamilie war verwurzelt in seinem Glauben, arbeitete als Ingenieur bei Siemens und lebte bescheiden und zufrieden an der Seite seiner starken Frau. Martha, die einer kleinbürgerlichen Familie entstammte, hatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihren Heimatort Wuppertal hinter sich gelassen und ihr berufliches Glück an der Berliner Charité gefunden. Die beherzte OP-Schwester wurde die rechte Hand von Professor Bier, dem berühmten Chirurgen, der als Marinearzt in den Lazaretten des Ersten Weltkriegs so viele schreckliche Verletzungen gesehen hatte, dass er den klassischen deutschen Stahlhelm entwickelt und damit vielen Soldaten das Leben gerettet hatte. In Martha Paetzel, geb. Otto, fand er eine kongeniale Mitstreiterin – zupackend und resolut, humorvoll und unerschütterlich in ihrem Gottvertrauen. Und so wie sie den OP-Saal regierte, so führte sie auch ihre Fa12


milie, welche immerhin sieben Kinder umfasste, die ihren Eltern wiederum 34 Enkel schenkten. Auch Heinz Diehl verfügte über einen eisernen Willen und eine gewisse Genialität. Kurz vor der Jahrhundertwende ging der 17-jährige Bauernsohn aus Donsbach bei Dillenburg ins Ruhrgebiet, wo er als Steiger in einer Zeche schuftete. Ob es an einem überdurchschnittlichen Intelligenzquotienten lag, an einem hohen Bildungsgrad oder an herausragenden Leistungen – ich weiß es nicht. Jedenfalls wurde er bald darauf zum Studium der Ingenieurswissenschaften zugelassen, ohne das Abitur abgelegt zu haben. Das holte er viele Jahre später im vorgerückten Alter von 56 Jahren nach. Da lebte er allerdings längst in Berlin, war Oberhaupt einer fünfköpfigen Familie und einer der Generaldirektoren der AEG, hatte sich auf seine Ideen, wie das Signalwesen der Reichsbahn zu verbessern sei, mehrere Patente eintragen lassen und war von der Universität Braunschweig mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet worden. Ein Selfmademan, wie er im Buche steht. Clara, seine zierliche Frau, eine geborene Löwen, blieb zeit ihres Lebens und stets zufrieden im Schatten ihres übermächtigen Mannes. *** So unterschiedlich wie die Karten in beiden Familien gemischt waren – beide Großelternpaare hatten eins gemeinsam, und das war die pietistische Prägung. Beide Familien gehörten der darbistischen Brüdergemeinde an. Sie praktizierten ihren Glauben auch im alltäglichen Leben, das heißt, alle Entscheidungen, egal ob mehr oder weniger wichtig, wurden im Licht der Bibel gefällt. Dementsprechend intensiv engagierte sich mein Vater als junger Mann in der Jugendarbeit der Gemeinde. Als es aber um die Frage der Berufswahl ging, schlug er einen anderen Weg ein als sein technikbegeisterter Vater. Er wollte sein Leben dem Dienst an den Kranken widmen, wählte den Arztberuf und schrieb sich in den frühen 20er-Jahren an der Humboldt-Universität in Berlin 13


ein. Die dazugehörigen praktischen Erfahrungen machte er im renommiertesten Krankenhaus des Landes, an der Charité. Was lag näher für einen jungen Mann mit seiner Prägung, als diese Institution mit dem schönen Namen »Nächstenliebe« zu wählen und in die Fußstapfen von Robert Koch und Emil von Behring zu treten? Sein Berufswunsch war der Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde. Um dieses Ziel zu erreichen, musste er eine Stelle als Assistenzarzt an der Charité ergattern. Da man aber bereits das Jahr 1933 schrieb, war ein solcher Schritt jedem Arzt verwehrt, der nicht Mitglied der NSDAP war. Mein Vater musste also wohl oder übel in die Partei eintreten. Dass ich heute kaum beurteilen kann, wie weit er sich als wiedergeborener Christ mit der Ideologie dieser Bewegung identifizierte, liegt wohl daran, dass in den Jahren nach dem Krieg in den meisten deutschen Familien nur wenig über das gesprochen wurde, was die Menschen im Dritten Reich bewegt hatte. Der tägliche Kampf ums Überleben stand zu sehr im Vordergrund.

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Krieg Zu Beginn der 30er-Jahre stellten sich für Günter Diehl, meinen Vater, wichtige Weichen. Die berufliche Karriere, die hier einen vielversprechenden Anfang nahm, erfuhr durch den Krieg einen drastischen Dämpfer, das private Glück aber überstand diese Zäsur. Das fand er in der Babelsberger Brüdergemeinde, wo er seine Ruth kennen- und lieben lernte. Von Anfang an stand für die beiden außer Frage, dass ein Haus voller Kinder ein besonderer Segen Gottes sei. Und so zog schon ein Jahr nach der Hochzeit, die sie 1934 feierten, das erste von acht Kindern in die Villa ein, die sie zusammen mit Günters Eltern in Berlin-Lichterfelde bewohnten. Bald darauf ergriff der frischgebackene Facharzt die Chance, eine HNO-Praxis in der Pariser Straße in Wilmersdorf zu eröffnen. Die Praxis florierte, bis der Zweite Weltkrieg alles zunichtemachte. Mein Vater wurde eingezogen, während des Frankreich-Feldzuges im Jahr 1941 verwundet und wieder ausgemustert. Nun war er zwar vom Kriegsdienst befreit, musste sich aber als Rotkreuzarzt um die Versorgung der zahllosen verwundeten Soldaten und Zivilisten kümmern. Sein Einsatz ging dabei über seine Aufgaben als Mediziner deutlich hinaus. Zeitweilig brachte er jede Nacht verwaiste Kinder mit nach Hause, die er in den Trümmerschluchten unserer zerbombten Stadt aufgelesen hatte, und nicht selten teilten wir mit diesen armen Würmern unsere Betten. Dort aber fanden wir in der Regel wenig Schlaf, denn ab 1943 wurden die Luftangriffe der Alliierten so heftig, dass uns das Heulen der Sirenen allnächtlich drei- bis viermal aus dem Schlaf riss. Schlaftrunken und frierend torkelten wir dann in den dunklen Keller, wo auf mich fünfjährigen Knirps bereits der große, schwarze Kohlenhaufen wartete, der da in seiner finsteren Ecke lauerte und mir schreckliche Angst einflößte. Im September 1943 machten meine Eltern diesem Albtraum 15


ein Ende. Meine Mutter fuhr mit uns fünf Geschwistern und den Großeltern Diehl nach Thüringen. In Lichte, einem kleinen Dorf am Rennsteig, nahm uns die befreundete Familie Sonntag auf. Obwohl Oskar und Ida Sonntag als Besitzer der florierenden Wallendorfer Porzellanmanufaktur vermögende Leute waren, konnten sie nicht verhindern, dass unsere Essensrationen mit jedem Monat, den der schreckliche Krieg andauerte, kleiner wurden. Dennoch genossen wir Kinder den Frieden und die Freiheit, die wir in der ursprünglichen Natur der Thüringer Berge fanden. Als überbehütete Stadtkinder, die es gewohnt waren, in Begleitung von »Froin Ella«, unserem geliebten Kinderfräulein, durch die wohlgeordneten Parks von Lichterfelde zu spazieren, war dieses Leben ein einziges Abenteuer. Was bargen die tiefen Wälder rings um Lichte nicht alles für Geheimnisse! Ob es das mysteriöse Franzosengrab, der sagenumwobene Höllenteich oder das imposante Viadukt war, das sich wie eine Fata Morgana über die dunklen Tannen im Finsteren Grund schwang, um der »Max-und-Moritz-Bahn« den Weg zu bereiten – so viele spannende Orte und Geschichten lockten uns hinaus ins Grüne. Als man mich kurz nach dem Osterfest des Jahres 1944 einschulte, bekam meine herrliche Freiheit allerdings eine kleine Delle. Umso spannender wurde mein ABC-Schützen-Dasein, als ich im darauffolgenden Winter meinen Schulweg auf Skiern zurücklegen durfte. Vom Schlachtenlärm blieb Lichte auch im Jahr 1944 verschont. Zwar zogen ab und zu Soldaten durch unser Dorf, doch von dem Unheil und dem Sterben, das Hitler über die halbe Welt gebracht hatte, merkten wir wenig. Mein Vater, der sich in der Reichshauptstadt nach wie vor um verletzte, ausgebombte und heimatlose Menschen kümmerte, besuchte uns ab und zu mit seinem kleinen DKW Sonderklasse. Für uns Kinder begannen dann jedes Mal unbeschwerte Tage, wenn wir alle zusammen am Rennsteig Ski fuhren. Das Einzige nämlich, was es im letzten Kriegswinter reichlich gab, war Schnee. Ja, es war bitterkalt und das bekamen wir deutlich zu spüren, denn warme Kleidung für 16


eine fünfköpfige Kinderschar zu besorgen, war zu Kriegszeiten eine enorme Herausforderung. Dann kam der März des Jahres 1945 und nun spürten auch wir Kinder, dass große Umwälzungen in der Luft lagen. Tag für Tag wuchs die seltsame Unruhe unter den Erwachsenen, immer aufgeregter spekulierte man im kleinen Kreis über ein nahendes Kriegsende. In die Freude mischte sich allerdings auch die Sorge vor dem, was uns erwartete, wenn die Russen unser Tal erreichten. Nicht nur die Radiopropaganda verbreitete Unruhe mit ihren Berichten über Gewaltexzesse, die dort zur Tagesordnung gehörten, wo die Rote Armee das Sagen hatte. Es waren mittlerweile auch die immer zahlreicher eintreffenden Flüchtlinge aus dem Osten, die von Vergewaltigungen und Racheakten berichteten und damit vor allem die Frauen ängstigten. Noch vor der russischen Armee aber kamen die Amerikaner. »Oku, Vreni, kommt schnell, das müsst ihr sehen, die Amis sind schon am Kirchsteig ...« Ortrud, Verena und mir war bewusst, dass etwas Unerhörtes vor sich ging. Riesige Panzer rumpelten durch Lichte, gefolgt von Armeelastern, die schwere Haubitzen zogen. Den Abschluss bildeten lange Schützenreihen schwer bewaffneter Soldaten, die uns am meisten beeindruckten. Sperrangelweit standen unsere Münder offen, als wir zum ersten Mal in unserem Leben dunkelhäutige Männer sahen. Meine Erschütterung wuchs allerdings ins Unermessliche, als ein baumlanger GI auf mich zutrat und mir mit den Worten »Hey peewee, like some sweets?« ein Stück Schokolade in die Hand drückte – eine Köstlichkeit, die wir Kriegskinder noch nie probiert hatten. Die Faszination, die diese Ereignisse auslösten, dauerte aber nur wenige Tage. Es war Anfang Juli, als mein Vater plötzlich in der Tür stand und rief: »Wir müssen heute noch aufbrechen. Alles liegen lassen! Morgen kommen die Russen!« Noch am gleichen Abend brachen wir zusammen mit zwei weiteren Familien auf. Unsere Autokolonne führte ein DKW-Cabriolet Sonderklasse an, in dem meine Eltern mit dem dreijährigen Winfried und den Großeltern saßen, dann folgte ein Opel 17


Blitz mit einer offenen Ladefläche. Darauf fanden sich ein Stuhl, ein Tisch, ein Schrank und ein Deckenhaufen, unter dem sieben Kinder vor Angst und Kälte schlotterten. Es war schon gegen Mitternacht, als wir die Grenze zwischen Thüringen und Hessen erreichten. Nur noch wenige Meter trennten uns vom Übergang in die amerikanische Besatzungszone, da senkte sich ein Schlagbaum vor der Motorhaube meines Vaters. Kamen wir zu spät? Tatsächlich, neben dem DKW Cabriolet tauchte ein Rotarmist auf, der in einem dicken Militärmantel steckte und eine riesige Pelzmütze trug, die auf mich einen enormen Eindruck machte. Während er mit meinem Vater sprach, bibberten wir Kinder auf unserem feuchtkalten Lager um die Wette. Und das nicht nur in ängstlicher Erwartung dessen, was nun geschehen würde. Uns machte auch die außergewöhnlich frische Nacht zu schaffen, in der unsere Flucht stattfand. Atemlos verfolgten wir das Hin und Her, das wilde Gestikulieren und die immer lauter werdende Diskussion zwischen den Erwachsenen. An einem bestimmten Punkt dieses intensiven Austauschs muss wohl die goldene Uhr meines Vaters den Besitzer gewechselt haben, denn irgendwann drehte der Russe ab, schritt gravitätisch zur Schranke und öffnete sie aufreizend langsam. Wer kann sich unsere Erleichterung vorstellen? Denn es war nicht nur die Holzstange, die hinter uns niederging, als auch der Opel Blitz ins Hessische gerollt war. Es war ein ganzer Eiserner Vorhang, der sich in den folgenden Tagen, Wochen und Monaten immer weiter senkte, für 44 lange Jahre geschlossen blieb und sich erst im Jahr 1989 wieder öffnete. Man kann sich denken, wie glücklich wir waren, als einige Stunden später die ersten Sonnenstrahlen unsere Sinne wiederbelebten. Todmüde, schmutzig, hungrig und durstig krabbelten wir aus unserer Deckenhöhle, als unser Pritschenwagen in ein kleines, verschlafenes Dorf am nordöstlichen Saum des Westerwaldes rollte. Das Dorf hieß Donsbach.

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Kindheit im Nachkriegsdeutschland Für meinen Großvater Heinz muss es unvorstellbar hart gewesen sein, wie ein Bettler zurückzukehren an den Ort, den er als 17-Jähriger verlassen hatte, um seinen stets aufwärts gerichteten Weg bis zum Ehrendoktor der Universität Braunschweig zu gehen. Da standen wir nun auf der Dorfstraße und wussten zunächst nicht wohin. So wie die deutschen Soldaten, die vereinzelt durch das Dorf zogen. Wie Schatten huschten sie an uns vorbei in ihren zerlumpten Wehrmachtsuniformen oder alten Anzügen, die ihnen irgendein barmherziger Spender überlassen hatte. Mein Großvater hatte in Donsbach natürlich noch Verwandte und Bekannte, bei denen wir nun reihum anklopften. »Heinz, du? Aha. Najo, doh misste mir moh üwwerlehe ...« Dem ersten Schreck über die unerwartete Invasion folgten in der Regel ein paar Augenblicke zögerlichen Zauderns, die dann in mehrere Minuten intensiven Grübelns übergingen, bis man irgendwann zur Tat schritt und uns in unterschiedlichen Häusern einquartierte. Die Großeltern wurden von alten Freunden aufgenommen, meine Eltern wohnten zusammen mit Nesthäkchen Winfried bei einem Bauern und wir vier älteren Kinder kamen zunächst auf einem anderen Hof unter. Man wies uns ein spartanisch eingerichtetes Stübchen mit einem notdürftigen Bettenersatz zu, sprach die Worte: »Kinnche, wannr keen Zoores odr Gemüggel macht, solltr aach woas zum äse kreje. Brut, Erbel un ewwes Melsch huu mir emmer en de Hitt«, und meinte damit, dass wir ausreichend Brot, Kartoffeln und Milch bekommen würden, wenn wir weder Ärger noch Unordnung machten. Dass ich keine Silbe verstand von dem, was unsere Gastgeber von sich gaben, machte mir die Eingewöhnung nicht eben leicht. 19


Das, was sich in meinen Ohren wie ein absonderliches Kauderwelsch anhörte, war nichts anderes als das hessische Platt. So breit und schmalzig, wie die Einheimischen nahezu jeden Konsonanten betonten, wirkte jeder Wortwechsel irgendwie unheimlich auf mich. Immerhin passte dieser Eindruck zu der mürrischen und abweisenden Art, in der unsere Hausherren mit uns umsprangen. Und doch waren wir zufrieden. Wir hatten den freieren Teil Deutschlands erreicht, hörten keinen Kanonendonner in der Ferne mehr und mussten uns nicht mehr vor Tieffliegern im Wald oder Straßengraben verstecken. Wir hatten ein Dach über dem Kopf und bekamen selbst gebackenes Brot mit Butter zu essen. Morgens stand ein Glas Milch auf dem Tisch – ein Getränk, das ich liebte und schon lange nicht mehr getrunken hatte – und mittags löffelten wir eine dünne, aber immerhin warme Suppe. Die räumliche Trennung von unseren Eltern dauerte Gott sei Dank nur ein halbes Jahr, dann nahm mein Vater eine sich bietende Gelegenheit wahr und mietete eine kleine Wohnung. Sie bot ausreichend Platz, um uns alle unter einem Dach zu vereinen. Ein erster Schritt auf dem Weg zur Normalisierung unserer Lebensumstände war getan. Doch obwohl wir Kinder uns im Dorf schneller einlebten als die Erwachsenen und hier und da ganz behutsam Freundschaften schlossen, merkten wir bald, dass wir für die Dorfgemeinschaft Fremdlinge und unerwünschte Eindringlinge blieben. Anscheinend waren wir einem Großteil der Einheimischen einfach nur lästig und man meinte, sich gegen unsere Anwesenheit wehren zu müssen. Ich war damals sieben Jahre alt, strohblond und sehr schmächtig. Auf die kräftigen, trotz aller Entbehrungen wohlgenährten Bauernburschen muss ich wie ein gelber Kanarienvogel gewirkt haben. Ein Piepmatz, den man nur zu gern rupfte. In den Rangfehden, die an der Tagesordnung waren, unterlag ich anfangs ausnahmslos. Die Prügel allerdings, die ich bezog, härteten mich in kürzester Zeit so ab, dass ich schon nach einem Jahr als der 20


Zweitstärkste galt. Wenigstens die Schwächeren ließen mir in der Folge meine Ruhe. Endlich. Doch nicht nur Muskeln waren bei diesem Kräftemessen gefragt, genauso wichtig war Hirnschmalz. Und davon konnte ich eine ordentliche Portion aufweisen. Vielleicht bewahrten uns gerade meine etwas vernünftigeren Ideen vor der einen oder anderen Katastrophe, die uns beinahe täglich drohten, stand uns doch für unsere martialischen Spiele ein reichhaltiges Waffenarsenal zur Verfügung. In unseren sorgsam gehüteten Verstecken fanden sich Gewehre, Maschinenpistolen, Revolver, Handgranaten und allerlei anderes Kriegsgerät, das wir nach der Auflösung der Wehrmacht in Wald und Feld einfach nur einsammeln mussten. Auch wenn das unendlich gefährlich war – es gab keine Erwachsenen, die die Zeit gehabt hätten, uns den ganzen Tag lang zu kontrollieren. Da eine Wiederaufnahme des Schulunterrichts erst für den Frühling des Jahres 1946 angekündigt war, hatten wir mehr als genug Zeit, die Fluren rund um Donsbach zu durchstreifen, unsere Schlachten zu schlagen und uns auszutoben. Meistens ging ich aus diesen teilweise ziemlich harten Kämpfen als Sieger hervor. Das lag nicht nur daran, dass ich etwas schlauer war als die anderen, ich konnte auch schneller laufen als die Mehrzahl der dicken Bauernjungen, was mir ein diebisches Vergnügen bereitete. Und doch waren die groben Prügeleien weitaus mehr für mich als harmlose Räuber-und-Gendarm-Spiele, fröhliche Balgereien unter Kindern. Für mich wurden sie zu einer ernsten Schule des Lebens, in der ich lernte, mit Ungerechtigkeiten fertigzuwerden, Widerstände zu überwinden und mich durchzusetzen. Es war auch diese Prägung, die mir half, meinen Weg durchs Leben zu finden. Nicht weniger ernst ging es zu Hause zu. Im Herbst des Jahres 1945 fuhren zwei streng dreinblickende Militärpolizisten in einem Jeep der US-Streitkräfte vor und verhafteten meinen Vater. Da er der NSDAP beigetreten war, um die Stelle eines Assistenzarztes zu bekommen, galt er nun als belastet und wurde ins Internierungslager Darmstadt gebracht, wo man Funktionsträ21


ger des Dritten Reiches entnazifizierte. Völlig unvermittelt stand meine hochschwangere Mutter mit uns fünf Kindern allein da und es dauerte nicht lange, bis wir alle schrecklichen Hunger litten. Obwohl wir umgeben waren von Bauernhöfen, fehlte es uns an allem. Wir hatten weder Holz noch Kohlen, weder Milch noch Brot noch Kartoffeln. In mir arbeitete es und ich merkte, dass da zwei Seelen in meiner Brust wohnten. Einerseits spürte ich trotz meines lächerlichen Alters, dass ich als ältester Junge eine gewisse Verantwortung für Mutter und Geschwister trug. Um dieser gerecht zu werden, fasste ich einen kühnen Plan. Mehrmals in der Woche schlich ich mich im Morgengrauen in den Stall eines befreundeten Bauern, um dort mit zitternden Fingern eine der riesigen Kühe zu melken, die mir regelmäßig den Angstschweiß auf die Stirn trieben. War die Milchkanne voll, machte ich mich mucksmäuschenstill auf den Heimweg, den ich nur kurz unterbrach, um auf dem Acker desselben Bauern ein paar krumme Kartoffeln auszubuddeln. Die Furcht, erwischt und kräftig durchgewalkt zu werden, war dabei mein ständiger Begleiter. Doch es war das Leuchten in den Augen meiner Geschwister, das alles wieder wettmachte, wenn ich mit meiner Beute nach Hause zurückkehrte. Andererseits fiel es mir von Monat zu Monat schwerer, mich in ein festes Familiengefüge einzuordnen. Ob der Mangel an väterlicher Autorität schuld war oder die grenzenlose Freiheit, die für uns Streuner mittlerweile die gewohnte Lebensform darstellte – Gehorsam und Pflichterfüllung gehörten jedenfalls nicht mehr zu den Idealen, denen wir nacheiferten. Wir lebten nach unseren eigenen Gesetzen, in denen der Paragraf »Häusliche Ordnung« nicht enthalten war. Kein Wunder, dass meine arme Mutter schier verzweifeln wollte an mir, so widerborstig und aufsässig, wie ich war. Bald schwebte über meinem Haupt das Damoklesschwert der Erziehungsanstalt, die sie bereits für mich ausgesucht hatte. Da kehrte – sozusagen in letzter Sekunde – mein Vater aus dem Lager zurück. Sechs Monate hatte die Militärverwaltung gebraucht, um festzustellen, dass er kein aktives Parteimitglied 22


gewesen war, sondern nur um seiner Arztlaufbahn willen die Registrierung beantragt hatte. Doch nun war er wieder da, der Herr im Haus, und ich musste mich wohl oder übel einfügen. Und mit seiner Rückkehr besserten sich auch unsere Verhältnisse. Endlich hatten wir wieder einen Ernährer – im wahrsten Sinne des Wortes. Zwar hatte er sämtliche Geräte und Instrumente in seiner Praxis in Berlin zurücklassen müssen, doch da er der einzige Arzt weit und breit war, kamen nun die Bauern von nah und fern, um sowohl ihre Wehwehchen als auch ihre ernsten Beschwerden von ihm behandeln zu lassen. Und er half ihnen mit den Mitteln, die ihm zur Verfügung standen. Entlohnt wurde er mit Naturalien. Auf unserem Tisch fanden sich fortan Speck, Butter, Brot, Wurst und Kartoffeln in ausreichender Menge und wir konnten uns endlich wieder satt essen. Für unser tägliches Brot war mit diesen Köstlichkeiten zwar gesorgt, doch um einen achtköpfigen Hausstand dauerhaft unterhalten zu können, brauchte mein Vater ein zweites berufliches Standbein. Das fand er bei der »Bruderhilfe«, dem Hilfswerk des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden. Tag für Tag radelte er also mit einem alten Drahtesel sechs Kilometer weit über einen Bergrücken nach Dillenburg hinunter, wo die »Bruderhilfe« ihren Sitz hatte, und verdiente sich als kleiner Angestellter einen schmalen Lohn. Und auch wir Kinder machten nun Bekanntschaft mit den »Mühen der Ebene«, einer ordentlichen Erziehung, die uns kleine Vagabunden bald in brave ABC-Schützen verwandelte. In der Donsbacher Dorfschule absolvierte ich meine nächsten Schuljahre. Immerhin konnten wir rechtzeitig zur Geburt der kleinen Dorkas als mittlerweile neunköpfige Familie ein Haus beziehen, auch wenn das seine besten Tage längst hinter sich hatte. Dass es einem alten Schlachter gehörte, der uns Kinder mit seiner verschrobenen und bärbeißigen Art wie der leibhaftige Knecht Ruprecht vorkam, mussten wir wohl oder übel in Kauf nehmen.

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Wiedererwachendes Familienleben Im Jahr 1949 zogen wir ins nahe gelegene Herborn um und unsere räumliche Situation verbesserte sich spürbar. Die Vierzimmerwohnung mit Küche und kleinem Bad, die mein Vater gemietet hatte, lag im mittelalterlichen Stadtkern in einem großen Mehrfamilienhaus. Wir Jungs schliefen zwei Stockwerke über dem Bad in einer Mansarde, die Mädchen einen Stock tiefer in einem geräumigen Zimmer. Mein Vater machte sich umgehend an den Wiederaufbau seiner HNO-Praxis. Da dieser längst überfällig war, nahmen wir die Nachteile in Kauf, die damit verbunden waren. Er war einerseits kostspielig, andererseits hatten wir im Bereich Speck, Milch und Kartoffeln einen Lieferausfall zu beklagen. Vater meinte damals: »Die hessischen Bauern neigen anscheinend dazu, sich lieber mit ihren Hals- und Ohrenschmerzen abzufinden, als die zehn Kilometer weite Reise nach Herborn zu unternehmen. Kinder, ich fürchte, dass nun wieder Schmalhans Küchenmeister bei uns sein wird.« So wie auch unser Kleiderschrank eher bescheiden dimensioniert war. Meine Kleidung bestand aus riesigen, ausgelatschten Knobelbechern, zwei Hemden, einem alten Pullover und einem Paar Knickerbockern. Alle zwei Wochen war Waschtag. Am Montagmorgen um 4 Uhr stand meine Mutter auf und jagte uns aus den Federn. »Ihr Jungs zieht los, um Holz zu organisieren. Die Führung übernimmt Winfried, der kennt sich am besten in den Holzvorräten der Umgebung aus.« Eine Stunde später wanderten morsche Zäune, alte Bäume und herrenlose Obstkisten in den großen Kessel in der Waschküche. Gegen Mittag wurde die Wäsche mit der Hand geschleudert, um 24


dann in der Wohnung über Stuhllehnen gelegt, an Lampen aufgehängt und auf dem Klavier ausgebreitet zu werden. Und vor der guten Stube saßen bereits zahlreiche Patienten auf dem Flur, da mein Vater bis 1951 seine Sprechstunde in unseren vier Wänden abhielt. Improvisation war damals alles. Ähnliches galt auch für die freie Zeit, die uns nach unseren Schularbeiten zur Verfügung stand. Das Freizeitangebot tendierte so kurz nach dem Krieg gegen null, ich aber hatte durchaus konkrete Vorstellungen davon, wie ich meine Spätnachmittage verbringen wollte. Da meine Freiheitsliebe auch nach dem Umzug in die Stadt noch nicht ganz erloschen war, galt mein ganzes Sehnen einem Fahrrad, das es mir möglich machen würde, die Umgebung von Herborn zu erkunden. Auf meinem Wunschzettel für das Weihnachtsfest stand es deshalb ganz oben. »Für dich, Volker, haben wir uns dieses Jahr etwas ganz Besonderes ausgedacht.« Wer kann ermessen, wie enttäuscht ich war, als meine Eltern den Blick auf einen Weihnachtsbaum freigaben, vor dem alles Mögliche aufgebaut war – nur kein Fahrrad. Stattdessen lag da eine Geige. War das ihr Ernst? Eine Fiedel? Ich war konsterniert. Heute bin meinen Eltern dankbar, dass sie damals diese kluge Entscheidung getroffen haben. Sie wussten, wie man jeder Art von Frustration und Langeweile vorbeugt und das Leben so kurzweilig wie möglich gestaltet. Fernsehen gab es damals noch nicht, einen Plattenspieler hatten wir nicht und das Radio war ein mickriger, quiekender »Volksempfänger«. Wollten wir also etwas Schwung in unseren Alltag bringen, blieb uns nichts anderes übrig, als selbst zum Instrument zu greifen. Dennoch saß mein Groll über diesen Schachzug meiner Eltern erst mal tief. Und die Tatsache, dass ich meine Übungsstunden in der kalten Mansarde abhalten musste, wo ich nur noch mehr fröstelte, wenn mein Bogen über die Saiten kratzte, während drunten auf der Gasse meine Freunde Fußball spielten, gab meiner Begeisterung für dieses Streichinstrument den Rest. Ja, ich hasste das Gefiedel bis zu dem Tag, an dem mich meine kluge Geigenlehrerin bei einem Schülerkonzert in die vorderste Reihe des kleinen Orches25


ters stellte. Es kam, wie es kommen musste: Bis auf die Knochen blamierte ich mich mit meinem Gequietsche. Aber so peinlich es auch war – nun war mein Ehrgeiz geweckt und ich kniete mich rein. Zunächst nur, um das Gesicht zu wahren. Dann aber, mit jedem wohlgeformten Ton, den ich meiner Violine entlockte, verliebte ich mich mehr und mehr in dieses zarte Instrument. Eine Beziehung nahm ihren Anfang, die erst durch einen Unfall ein Ende nahm, bei dem ich mir vor einigen Jahren den Arm verletzte. Dass das, was in jener Mansarde damals begann, so jäh abbrach – das war eine der schmerzlichsten Erfahrungen meines Lebens … Während ich von Tag zu Tag tiefer in die Welt der Musik vordrang, eröffnete mein Vater in Herborn eine neue HNO-Praxis. Da die dafür nötige Anschaffung so vieler kostbarer Instrumente enorme Geldsummen verschlang und meine Eltern sich auf die Aufgabe konzentrierten, uns alle satt zu kriegen, mussten wir drei »Großen« – Ortrud, Verena und ich – bei der Erziehung unserer kleineren Geschwister mit Hand anlegen. Das fiel uns nicht schwer, denn unser Familienleben war intensiv und herzlich und wir waren es gewohnt, vieles gemeinsam zu unternehmen. Zum Beispiel nutzten wir unsere freien Tage, um uns die herrlichen Wälder zu erwandern, die vom Westerwald bis ins hessische Bergland reichen. Auch nahmen wir unsere Mahlzeiten stets zusammen ein. Mutter konnte einen enormen Erfindungsreichtum entwickeln, wenn es darum ging, mit bescheidenen Mitteln alle hungrigen Mäuler zu stopfen. Da wir Kinder häufig unsere Freunde mitbrachten, die auch verköstigt werden wollten, versammelten sich nicht selten bis zu zwölf Gäste am Tisch. In Ausnahmefällen konnte es auch mal so aussehen, als wollten unsere Vorräte nicht ausreichen, um derartig viele Mägen zu füllen. Dann griffen wir Diehl-Kinder zu einem Trick. Wir wandten uns an unseren Vater und heuchelten Anteilnahme. »Pati« – so lautete unser Kosename für ihn – »wie stark hat die Patientin eigentlich geblutet, der du heute Morgen die Mandeln entfernt hast? Waren die Tonsillen 26


sehr glitschig? Vielleicht sogar eitrig?« In den meisten Fällen zeigten unsere Gäste daraufhin die erwünschte Reaktion, erbleichten und bekundeten erschüttert, dass sie überhaupt keinen Hunger mehr hätten. Prompt reichte das Essen für uns Diehls, die längst immun gegen solche Szenarien waren. Nach dem Abendessen wurden in der Regel Geschichten aus dem »Erzählbuch biblischer Geschichten« von Gottfried Fankhauser vorgelesen, dann setzte sich Vater ans Klavier, Winfried und ich nahmen unsere Geigen zur Hand und der Rest der Familie stimmte ein Lied nach dem anderen an. Mein Vater hatte auch ein literarisches Steckenpferd, und zwar Balladen. Ich erinnere mich an »Die Füße im Feuer« von Conrad Ferdinand Meyer. Mein Vater war jedes Mal so zu Tränen gerührt, dass er nicht weiterlesen konnte. Er war eben nicht nur ein geschickter Hals-Nasen-Ohren-Arzt, sondern auch ein Mediziner, dem das Schicksal seiner Patienten am Herzen lag. Sonntag für Sonntag pflegte er in den Brüdergemeinden rund um Herborn zu predigen. Ich durfte ihn begleiten – und zwar als Chauffeur! Ja, bei mir war schon im zarten Alter von zwölf Jahren die Leidenschaft für das Autofahren erwacht und ich entwickelte mich bald zu einem Naturtalent auf vier Rädern. So manchen Abend steuerte ich unseren geliebten Oldtimer, einen Opel P4, später dann einen knuffigen Opel Olympia und schließlich den vornehmen Opel Kapitän in die Garage am anderen Ende von Herborn. Nicht selten gesellte sich mein Freund Rolf im Wagen seines Vaters dazu, einem Lloyd LP 300, und wir drehten noch einige Runden um die Häuser, ohne dass das von Polizei oder Nachbarn beanstandet oder gar bestraft wurde. Kein Wunder, denn der Verkehr war so kurz nach dem Krieg noch sehr überschaubar – kaum Autos, hauptsächlich Fahrräder und hier und da mal ein Pferdewagen. Doch der Lauf der Zeit war nicht aufzuhalten. Nachdem wir die Herborner Volksschule besucht hatten, wechselten wir auf das Dillenburger Gymnasium, wo wir wegen der Platznot in Vor- und Nachmittagsschichten unterrichtet wurden. Ich besuchte den humanistischen Zweig und begann in der fünften Klasse – damals 27


Sexta genannt – mit Latein. In der siebten, der Quarta, gesellte sich Griechisch dazu, während der Englischunterricht damals noch auf ein paar wenige Semester in der Oberstufe beschränkt blieb. Von den 57 Mitschülern, die voller Hoffnung ins Abenteuer Gymnasium starteten, erreichten nur dreizehn das Abitur.

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