Lotte Bormuth
Mein Leben ein Lobpreis der Güte Gottes
Inhalt Die Schönheit meines Lebens..........................................7 Lieber Gott, wenn du mich nicht hättest .....................12 Mein Kind wird eingeschult...........................................18 Folgen einer Verwechslung............................................22 Immer wieder geschieht ein Wunder...........................28 Der letzte Spaziergang ...................................................36 Fatima – die junge Perserin............................................44 Nach einem Unfall erlebt................................................46 Meine beiden Leibwächter aus dem Sudan..................51 Nur ein halber Liter Milch.............................................56 ... auch einen Selbstmord?..............................................58 Ob die Type wohl spielen kann?....................................65 Was habe ich aus meinem Leben gemacht...................69 Eine kleine Geschichte zum Schmunzeln....................72 Hätte ich bloß nicht ... ....................................................75 Nicht schimpfen, nur freuen!.........................................78 Ich habe Heimweh nach meinem Vater ......................85 Vier Erzgebirgler..............................................................87 Mutti, ich will nach Hause.............................................93 Was ihr getan habt einem meiner geringsten Brüder ...........................................................95 Duett mit einem Bruder der Landstraße....................101 Das Klassentreffen.........................................................111
Ein originelles Muttertagsgeschenk............................115 Das Kreuz über dem Schreibtisch...............................119 Grüße aus dem Spreewald............................................127 Der Geburtstagsgottesdienst........................................134 Djomo, unser afrikanischer Freund............................141 Geschenke, die nicht nur ein Kinderherz erfreuen...147 Die Examenstorte..........................................................154 Ein ungleiches Paar.......................................................159 Mein lieber Nächster: ein spanischer Gastarbeiter...164 Das vergessene Manuskript..........................................170
Die Schönheit meines Lebens Ein Blick aus dem Fenster machte mich heute Mittag ein wenig wehleidig. Gestern noch war unser Rasen mit frischem Grün und vielen leuchtenden Löwenzahnblüten bedeckt. Diesen Anblick hatte ich besonders nach dem langen, kalten Winter genossen. Und nun hatte der Rasenmäher die herrliche Pracht zerstört. Wie oft schaute ich aus unserem Badfenster und dankte Gott für die Blumen. Eigentlich zählt der Löwenzahn ja zu den Unkräutern und wird im Garten nicht gern gesehen. Mit Stumpf und Stiel wird er ausgerottet. Bleibt nämlich nur ein kleines Würzelchen in der Erde stecken, dann treibt die Pflanze neu aus und nur wenige Wochen später bedeckt sie wieder die Gemüsebeete. Was gibt dieser Pflanze die Kraft? Es ist der gesunde und fruchtbare Wurzelboden, der sein kräftiges Wachstum fördert. Aber auch die Genügsamkeit ist eine Eigenschaft dieser Blume. Neulich entdeckte ich sogar inmitten von Pflastersteinen gelbe Blüten, die aus den Ritzen des Gesteins ihre Köpfe gegen die Sonne erhoben. Dieses Bild von dem frischen Grün und der herrlichen Blütenpracht wurde mir zu einem Sinnbild für mein Leben. Wie viele Veränderungen hatte ich schon durchlaufen müssen. Um mich zu erinnern, nahm ich unsere Fotoalben zur Hand und blätterte darin. Beson7
ders gern schaute ich mir die wenigen Fotos an, die mir nach unserer Flucht, als ich noch ein Kind war, geblieben waren. Ein Foto zeigte mich mit meinen Eltern und meinen Geschwistern, wie wir im Schwarzen Meer badeten und uns von den Wellen überspülen ließen. Wehmütig wurde ich, denn ich fragte mich: Warum wurde diese herrliche, wunderschöne Kinderzeit durch die Umsiedlung aus meiner Heimat Bessarabien so schnell zerstört? Wir landeten schließlich nach einigen Lageraufenthalten in Mährisch Ostrau und anschließend in Römerstadt in der Tschechoslowakei, wo wir mehrere Monate in Quarantäne zubringen mussten. Dann betrachtete ich ein anderes Foto. Recht abgemagert und bekümmert blickten meine Eltern in die Kamera und uns Kindern sah man auch das Elend der Umsiedlung an; denn in dieser Zeit wurden wir vom Hunger geplagt. Der Schrei »Mutter, gib mir Brot!« muss meinen Eltern das Herz schwer gemacht haben. Meine Mutter hatte mir mein bestes blaues Kleidchen angezogen und mir eine große weiße Schleife ins Haar gebunden. Noch blickte ich mit wachen, lustigen Augen in die Welt. Jeder, der dieses Foto betrachtet, wird sagen: »Lottchen ist aber ein fröhliches, kesses Mädchen.« Schön, dass mir das Lachen bis heute geblieben ist. Ein anderes Foto, einige Jahre später aufgenommen, zeigte mich als Quartanerin. Wir standen als Schulklasse mit etwa dreißig Kindern vor dem Gymnasium. Was mich auf diesem Foto so glücklich machte, war mein neues Kleid. Es war das erste, das mir Mutter nach der 8
Flucht aus einem bunten Stoff mit vielen Blumen genäht hatte. Stolz trug ich meine langen blonden Zöpfe als Kranz um meinen Kopf gelegt. Im Album klebten noch einige Aufnahmen, die während einer Klassenfahrt in die Alpen entstanden waren. Ich stand auf der Zugspitze und tat so, als gehörte mir die ganze Welt. Mein fröhliches, unbekümmertes Lachen war auch jetzt mein Markenzeichen, auch wenn ich mich in diesen acht Tagen nur von Brot und Speck ernährte, während meine Klassenkameraden mittags eine Gaststätte aufsuchten, weil sie über eine Menge Taschengeld verfügten. Wir waren in unserer Familie damals noch sehr arm und ich war froh, dass ich mir diese Reise durch Arbeiten auf den Feldern und mit Austragen von Zeitungen hatte zusammensparen können. Alle schulischen Sorgen schien ich hinter mir gelassen zu haben und auch heute dachte ich gern an die beeindruckenden Berge zurück, die zudem noch mit Schnee bedeckt waren. Einmal ermahnte mich mein Klassenlehrer, ich sollte nicht so übermütig sein und die Hänge auf den Schneefeldern hinabrutschen. Das könnte gefährlich für mich werden. Aber ich fühlte mich so frei und aller Sorgen enthoben. Das war damals eine herrliche Schlittenpartie für mich auch ohne einen Schlitten unter mir. Das letzte Foto während meiner Schulzeit zeigte mich nach dem Abitur vor dem Portal des Jakob-Grimm-Gymnasiums in Rotenburg/Fulda. Ich hatte die Prüfung bestanden, und diese Freude schlug sich auch auf meinem Gesicht nieder. 9
Am glücklichsten aber schaute ich auf unserem ersten Familienfoto drein, das mich mit meinem Mann und drei Kindern darstellte. Es war ja schon immer der große Wunsch meines Lebens gewesen: Ich wollte gerne eine kinderreiche Mutter werden. Mit meinen vier Söhnen, einer Tochter und fünfzehn Enkeln ist mir diese Bitte von Gott erfüllt worden. Wie viele Veränderungen habe ich im Laufe der Zeit erlebt. Nun bin ich alt geworden. Aber meine lebensbejahende Art und mein Unternehmungsgeist sind mir geblieben. Sicher hängt dies mit meinem Wurzelboden zusammen, in den ich schon in jungen Jahren eingepflanzt wurde. Es war für mich der schönste Tag, als ich mit sechzehn Jahren die Begegnung mit Jesus, dem Gottessohn, erlebte. Ihm vertraute ich mein Leben an. Er nahm mich in seine Gemeinschaft auf und sagte mir zu, dass er mich immer lieben würde. Der Vers aus Hosea 2,22 war mir bei meiner Bekehrung zu einem Schlüsselwort geworden: Gott spricht: »Ich will mich mit dir verloben und du wirst den Herrn erkennen.« Das war die Stunde, in der ich in den göttlichen Wurzelboden eingepflanzt wurde. Bis heute konnte mich keine Macht der Welt aus der Nähe meines Herrn herausreißen. Manchmal geriet ich in Anfechtungen. Wenn meine Kräfte und der Schwung nachließen, empfand ich meinen Mangel als bedrückend. Das wollte will mich traurig machen. Aber dann erinnerte ich mich an Jesaja 28,19b: Allein die Anfechtung lehrt aufs Wort merken. Ja, ich brauchte auch die Anfechtung. Ich griff dann zu 10
meiner Bibel und holte mir vor allen Dingen aus den Psalmen und dem Reden Jesu neue Kraft. Auch die alten Choräle waren mir eine starke Ermutigung. Oft lernte ich sie auswendig und hatte Mühe, z. B. die vielen Strophen von Befiehl du deine Wege im Gedächtnis zu behalten. Mit ihnen lobte ich Gott und das Staunen über seine Taten führte mich in die Anbetung meines Herrn. Welch einen treuen Gott habe ich doch! Er hat mein Leben reich gemacht und es gibt nichts Schöneres, als sich von seinem Schöpfer geliebt zu wissen.
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Lieber Gott, wenn du mich nicht hättest ... Vergnügt stehe ich in meiner Küche, diesmal ohne von einem Schwarm kleiner Kinder umdrängt zu werden, die alle beim Backen mithelfen wollen, und knete meinen Teig. Völlig ungestört kann ich meine Plätzchen formen und brauche zwischendurch nicht den umgestoßenen Eischnee vom Fußboden aufzuputzen, die Scherben zusammenzukehren oder einen Streit zu schlichten, weil eines unserer Kinder steif und fest behauptet, seine Sterne und Schokoladenherzen seien die schönsten. Seit einem halben Jahr ist unser Jüngster eingeschult, und so fühle ich mich frei in meinen vier Wänden. Ich kann mir die Arbeit einteilen, wie es mir passt, und es macht mir auch mal Spaß, neue Rezepte auszuprobieren. Ich genieße die Ruhe und freue mich, dass die Arbeit so zügig vorangeht. Meinen Gedanken lasse ich freien Lauf und sie gehen die Jahre zurück, als unsere beiden Ältesten gerade drei und vier waren. In einem »klugen« Buch hatte ich gelesen, von welch großem erzieherischen Wert es sei, wenn man seine Kinder an allem beteiligt und ihnen so ein gutes Maß an Selbstvertrauen vermittelt. Und da ich eine fortschrittliche Mutter sein wollte, hieß das für mich, Anne-Ruth und Gottfried dürfen mir beim 12
Plätzchenbacken helfen. Hätte ich nur im Geringsten geahnt, was ich mir mit diesem Entschluss eingebrockt hatte, ich hätte einen weiten Bogen um diese Art von pädagogischem Ratschlag gemacht. Wir stachen also Sterne, Herzen, Monde, Glocken und Nikolausmänner aus. Die Begeisterung war auf allen Seiten groß und mich freute es, mit welchem Eifer die Kinder den Teig kneteten und die ausgestochenen Kekse auf das Backblech legten. Als die erste Schüssel zu Bruch ging und das Eigelb eine glitschige Lache auf den Fliesen bildete, wurde meine Freude schon etwas gedämpfter. Natürlich blieb es nicht aus, dass Zucker und Mehl den Fußboden wie in eine winterliche Landschaft verzauberten und es unter den Schuhsohlen bei jedem Schritt knirschte. Die Pullover glichen einem Rezeptbuch. Honig, Butter, Puderzucker, Eireste klebten daran und waren beredte Hinweise auf die herrlichen Zutaten des Gebäcks. Aber das störte mich nicht weiter. Ich war ja stolze Besitzerin einer Waschmaschine. Da ärgerten mich die schmierigen Flecken an der Tapete und den Türen schon mehr. Allmählich wurde mir bewusst, dass meine eigentliche Arbeit erst nach dem Backen anfing, wenn ich Schränke und Wände abwaschen musste. Dieser Gedanke ließ meine gute Laune merklich absinken. Die Freude an den leckeren Weihnachtsplätzchen war mir längst verdorben. Hässliche graue Teighäufchen lagen auf dem Blech – sie hatten schon mehrmals die Bekanntschaft mit dem Fußboden gemacht – und erin13
nerten mich an deformierte Sputniks, die nicht starten können. Als schließlich unser Gottfried auf die Idee verfiel, den Teig auf dem Stuhl auszurollen, weil das für seine kurzen Ärmchen bequemer war – der kleine Kerl reichte ja noch nicht bis an die Tischplatte –, konnte ich die Fassung kaum noch wahren. Es kochte in mir. Aber gerade in diesem Augenblick schaute mich plötzlich der Knirps mit seinen großen dunklen Augen an und etwas stockend kam es über seine Lippen: »Gell, Mama, wenn du uns nicht hättest, du könntest deine Arbeit nie und nimmer schaffen.« Die pädagogische Wirkung meines Tuns war nicht ohne Erfolg geblieben. Oder sprach dieser Satz etwa nicht von einem gestärkten Selbstvertrauen? Ich konnte nur schmunzeln. Aller Ärger und Zorn waren im Nu verflogen und ich drückte den kleinen Blondschopf fest an mich. Ich habe lange über dieses kleine Erlebnis in meiner blau gekachelten Küche nachdenken müssen und es wurde mir zum Bild für mein eigenes falsches Verhalten Gott gegenüber. Benehme ich mich nicht genauso wie meine kleinen Kinder? Gott hat mich in seinen Dienst berufen, weil er mir Anteil geben will an seinen Plänen und Zielen. Ich darf seine Mitarbeiterin sein, das gibt meinem Alltag ein großes Maß an Sinnerfüllung. Ich erlebe viel Freude am Bau des Reiches Gottes. Wie oft aber verpfusche ich Gott sein Werk, versage in den verantwortungsvollen Aufgaben und in meinen Händen bleiben oft nur Scherben zurück. Vielleicht spreche ich es nicht so of14
fen aus: »Lieber Gott, wenn du mich nicht hättest, du könntest deine Arbeit nie und nimmer schaffen.« Aber liegt mir dieser Gedanke nicht doch sehr nahe? Ich ertappe mich manchmal dabei, wie ich insgeheim Gott mein Tun aufzähle und mir dabei ungemein wichtig und unentbehrlich vorkomme. Es ist mir unverständlich, wie blind ich für meine eigene Situation sein kann, und es bedarf schon des Eingreifens Gottes, mir durch seinen Heiligen Geist offene Augen zu geben, damit ich meinen wahren Zustand erkenne. Dann fällt so vieles von dem ab, womit ich vor Gott und den Menschen Eindruck schinden will. Wenn Gott mit mir redet, dann wird er sehr konkret und er zeigt mir die Geschehnisse auf, bei denen ich ihm ins Handwerk gepfuscht und die Arbeit verdorben habe. Ich will ganz ehrlich und offen sein und aus der Vielzahl der Verfehlungen drei herausgreifen. Ich denke zurück an meine Schulzeit. In vollem Einsatz versuche ich, meinen Lehrern und Klassenkameraden Jesus Christus zu bezeugen. Und dann sitze ich bei einer Übersetzung und Interpretation eines lateinischen Textes und weiß nicht, wie ich die Worte zu einem sinnvollen Ganzen aneinanderreihen soll. Ein schielender Blick auf das Heft meiner Nachbarin scheint mir die Lösung zu sein. Und erst als mich das strafende Wort der Lehrerin aufschreckt: »Sie auch, Lotte?«, wird mir bewusst, wie ich durch diesen Betrugsversuch meine mühevolle Arbeit für Gott zunichte gemacht habe. Oder ich werde an einen schrecklichen Unfall im Be15
kanntenkreis erinnert. Ein junges Ehepaar verunglückt auf der Heimfahrt vom Skiurlaub tödlich. Ich sitze bei der angefochtenen verzweifelten Mutter und will ihr durch meine Nähe und meine Gebete tröstend beistehen. Als die Nacht anbricht, lasse ich sie allein in ihrem Kummer und eile nach Hause, weil wir Besuch zum Übernachten bekommen haben. Erst im Nachhinein wird mir bewusst, wie kläglich ich versagt habe. Die Freunde waren mir in diesem Augenblick wichtiger als diese leidgeprüfte Mutter. Ich habe die mir befohlene Aufgabe nicht bis zum Ziel geführt, sondern sie mittendrin abgebrochen und habe einen Menschen in seiner dunkelsten und schwersten Stunde seinem Schicksal allein überlassen. Die Freunde hätten sich sicher ihr Bett auch einmal selbst bezogen. Und noch ein drittes notvolles Erleben. Ich versuche, meine Nachbarn für Jesus zu gewinnen und lade sie immer wieder zu Gottesdiensten und Evangelisationen ein. Ich bin freundlich und hilfsbereit, kehre im Winter die Straße einer alten alleinstehenden Frau und weiß, dass mein Tun Beachtung findet und mir Zugang zu den Menschen verschafft. Und dann passiert mir eines Tages etwas ganz Dummes. Ich trage den Abfall aus der Küche und da unser Mülleimer schon bis oben hin voll ist, stecke ich den prall gefüllten Plastikbeutel einfach in den fast leeren Container meiner Nachbarin, von der ich weiß, dass sie um diese Zeit nicht zu Hause ist. Eine alte Dame schräg gegenüber beobachtet das und schüttelt nur mit dem Kopf. 16
Mir ist elend zumute. Ich habe wieder meinem Gott Schande eingebracht. Was tun in einer solchen Lage? Ich gehe zu Gott mit meinem Betrug, mit meinem Versagen, mit meinem hässlichen Verhalten und bekenne es ihm offen. Wenn ich auch bis ins Innerste über mein verdorbenes Wesen erschrocken bin, so ist doch Gott niemals schockiert. Im Gegenteil, er wartet darauf, dass ich mich nicht länger mit meiner Last quäle, die mein Gewissen schwer bedrückt, sondern dass ich ihm meinen Kummer sage und meine Scherben bringe. Gott hat einen Ausweg aus meiner Misere und will mich wieder heilen. So steht es in seinem Wort. Das Blut Jesu Christi, seines Sohnes, fließt über meine Sünde und tilgt sie aus. So erlange ich vor Gott und vor Menschen Vergebung meiner Schuld und darf weiter sein Mitarbeiter sein. Begreifen kann ich diese Tatsache nicht, aber freuen kann ich mich darüber, freuen, dass ich mit eingeplant, mit eingebaut und immer wieder neu mit eingesetzt werde im großen Werk Gottes, das seiner Vollendung entgegengeht. Ich diene in der Hoffnung, dass ich einmal in Gottes neuer Welt sehen werde, was er trotz meiner Mitarbeit doch noch alles zuwege gebracht hat. Das Staunen wird dann kein Ende haben.
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Mein Kind wird eingeschult Heute ist ein besonderer Tag und ich bin voller Freude. Unser Daniel, der Jüngste der Familie, wird eingeschult. Ist es da nicht verständlich, dass ich von Dankbarkeit bewegt werde? Ich denke zurück an den Februar 1973. Ich war keine junge Mutter mehr und die Schwangerschaft war mit vielen Schwierigkeiten verbunden. Ich fühlte mich so schwach und elend, dass mich oft die Sorge überfiel: Woher soll ich die Kraft nehmen, diesem Kind zum Leben zu verhelfen? Ich fürchtete mich auch vor der vermehrten Arbeitslast. Manchmal musste ich tagelang das Bett hüten. In der Küche aber türmte sich das schmutzige Geschirr zu einem Berg auf und im Badezimmer quoll der Wäschekorb über. Mir war so übel, dass ich an Kochen gar nicht denken mochte. Aber dann kam der lang ersehnte Tag der Geburt und mit ihm waren alle Kümmernisse vergessen. Freude über den gesunden, kräftigen Jungen erfüllte die ganze Familie. Noch zu nachtschlafender Zeit, morgens um halb sechs, riefen unsere Kinder Freunde und Verwandte an und verbreiteten die frohe Nachricht, nach sieben Jahren noch einmal einen kleinen Bruder bekommen zu haben. Nun sind seit jenem Ereignis sechs Jahre vergangen. Daniel wird eingeschult. Er ist herangewachsen und 18
hat sich gut entwickelt – Grund genug, Gott dankbar zu ehren. Mir ist es unerklärlich, wie Mütter unter Gott an einem solch bemerkenswerten Tag traurig und bekümmert sein können. So hörte ich eine Bekannte jammern und in ihren Augen waren die Tränen nicht zu verbergen: »Jetzt muss ich mein Kind hergeben an eine verdorbene Welt. Bisher konnte ich Angela behüten und bewahren. Nun aber wird ihr ein anderer Wind um die Ohren blasen. Welch verderblichen Einflüssen und verführerischen Ideologien wird Angela ausgesetzt sein? Und mit wie viel Schmutz und Schund wird ihre kindliche Seele belastet werden? Wenn ich nur an die Titelseiten der vielen Illustrierten an den Kiosken denke und an die Kinoreklamen, an denen der morgendliche Schulweg vorbeiführt, wird mir bange.« Ich kenne diese Nöte auch aus eigener Erfahrung und ich will nicht oberflächlich an ihnen vorübergehen. Die verführerischen Mächte in unserer Zeit dürfen nicht unterschätzt werden. Aber Sorge und Furcht sind schlechte Wegbegleiter für das Leben unserer Kinder. Unsere Erziehung aber darf auf dem felsenfesten Fundament des Vertrauens zu Gott stehen. Er hat uns unsere Kinder gegeben und er übernimmt auch die Verantwortung für sie. Als ich die Losung des Einschulungstages las, wurde mir dies erneut unterstrichen und ich kann gar nicht sagen, wie froh mich die Worte aus Jesaja 43,2 und aus Matthäus 14,24-25 gemacht haben: »Wenn du durch 19
Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht ersäufen sollen; und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen.« – »Das Boot war schon weit vom Land entfernt, und die Wellen machten ihm schwer zu schaffen; denn der Wind stand ihm entgegen. Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen.« Gerade der Bericht von der Stillung des Sturmes, aus dem der letzte Vers entnommen ist, gehört mit zu den ersten biblischen Geschichten, die ich unserem Daniel erzählt habe. Ich erinnere mich noch daran, wie der kleine Kerl eines Nachts in seinem Bettchen laut schrie, weil der Wind an den Rollläden zerrte und das Geklapper ihn aufgeschreckt hatte. »Schlaf weiter, Daniel«, beruhigte ich das Kind, »weißt du nicht, was der Herr Jesus zu dem Wind gesagt hat?« – »Ja, Mama, Wind sei still«, kam die Antwort. Der Kleine ließ sich durch diese Worte trösten und schlief wieder ein. Das war nicht das einzige Mal, dass wir an unserem Kind die Macht Jesu erlebten. Daniel war ungefähr sieben Monate alt, als er an einer gefährlichen Verdauungsstörung erkrankte. Wir riefen den Notarzt an, der den Kleinen sofort in die Klinik einwies. Als ich am späten Abend vor dem leeren Bettchen stand, übermannte mich der Schmerz und lähmende Angst kroch mir den Rücken herauf. »Wird mein Kind wieder in diesen Kissen liegen? Werden seine Händchen durch die Stäbe des Gitterbettchens nach mir greifen? Wer20
de ich die Windeln auf dem Wickeltisch noch einmal brauchen?« Und wieder war es mir, als hörte ich Jesus sagen: »Was bekümmerst du dich so? Bin ich nicht der Herr über Sturm und Krankheit? Vertrau mir doch!« Oft kann ich es nicht begreifen, dass wir einen solchen Herrn haben, der unsere Not zu seiner Not macht und an unserem Schmerz nicht vorübergeht. Ich kann darüber nur staunen. Gewiss, Kummer, Leid, Krankheit und Unfall bleiben uns nicht immer erspart. Es brechen oft heftige Wogen über uns herein. Aber das ist der Trost: Jesus ist mitten in allen Unwettern und Gefahren, und er ist der Herr. So begleite ich an diesem Tag des Schulbeginns mein Kind mit der Losung des 24. August 1979 auf dem Weg zur Schule. Ich danke meinem Herrn für die Gabe, die er mir mit diesem Jungen geschenkt hat, und ich vertraue ihm, dass er nach seinem Willen das Beste für meinen Sohn ausersehen hat.
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Folgen einer Verwechslung Es war uns ein Anliegen, dass unsere junge Ehe ganz im Dienst für Gott stehen sollte. Wir übten uns darin, für Menschen in unserer Umgebung eine offene Tür zu haben. Als wir uns ein eigenes Haus bauen konnten, hieß die Losung am Tag des Einzugs: »Dies Haus soll sein ein Bethaus allen Völkern« (Jesaja 56,7). Dass dies im wahrsten Sinne des Wortes geschehen konnte, ist mir ein Beweis für Gottes Macht, unter der unser Dienst geschehen durfte. Dazu möchte ich ein kurzes Erlebnis berichten. Es ist eine stürmische, regnerische Nacht. Unruhig wälze ich mich im Bett hin und her und achte auf jedes Geräusch. Wir sollen noch Einquartierung bekommen, und ich habe Angst, das Klingeln zu überhören. Ein Bus mit ungefähr dreißig Studierenden aus Südostasien wird vom Goetheinstitut erwartet und wir sind gebeten worden, unsere Untermieter noch spät am Abend zu empfangen. Da, um zwei Uhr, läutet die Klingel. Ein Lehrer der Sprachschule, zwei junge Chinesen und der Busfahrer stehen vor der Tür. Ich bitte die späten Besucher herein und begrüße sie. Die beiden Studenten ziehen sofort beim Betreten des Hauses die Schuhe aus und verbeugen sich mit größter Höflichkeit. 22
»Jetzt stehen die Kerle schon in Strümpfen da, anstatt mir zu helfen, die schweren Überseekoffer ins Haus zu schleppen«, schimpft der Busfahrer. Ein Glück, dass die beiden ihn nicht verstehen, denke ich. Ich beruhige den Fahrer, hole meinen Mann und mit vereinten Kräften schaffen wir die sieben Kisten und einen Sack voll Konserven in den Flur. Etwas verloren stehen wir zwischen den hoch aufgetürmten Gepäckstücken. »Das ist Herr Cheng«, stellt uns der Lehrer unsere neuen Mitbewohner vor, die vier bis sechs Monate Gast in unserem Haus sein werden. »Und das ist Herr Wang.« »Ich bin nicht Herr Cheng, ich bin Herr Chua«, kommt es etwas zaghaft über die Lippen des Chinesen. »Und ich bin nicht Herr Wang, ich bin Herr Tan«, fährt der zweite gleich fort. Verdutzt schaut der Lehrer drein. »Da muss wohl eine Verwechslung vorliegen«, entschuldigt er sich, »also alles wieder hinaus ins Auto schleppen.« Der Busfahrer ist nicht gerade erbaut von diesem Vorhaben. Er tobt und schimpft erneut los, diesmal lautstark, sodass ich Angst habe, die Nachbarn könnten auf uns aufmerksam werden. »Lassen Sie doch die beiden Herren hier«, versuche ich einzulenken. »Sie sehen doch, wie müde und erschöpft die beiden Studenten von der langen Reise sind. Mir ist es gleich, ob die Herren Cheng und Wang heißen oder Chua und Tan. Wenn der Direktor Ihres Instituts auf einer Verlegung bestehen sollte, dann kann das ja morgen noch geschehen.« 23
Der Lehrer erklärt sich damit einverstanden und der Busfahrer setzt sich schnell ans Steuer. »Welches Tag ist heute?«, fragt mich zögernd Herr Tan, der in Singapur schon ein halbes Jahr Deutsch gelernt hat. Ich schaue auf die Uhr. »Heute ist schon Sonntag«, gebe ich ihm zu verstehen und deute auf den Wecker, der zwei Uhr anzeigt. Durch die lange Reise, zunächst mit dem Schiff, dann mit dem Bus, hat Herr Tan ein wenig die Zeitvorstellung verloren. »Kann ich gehen in das Kirche?«, kommt es zaghaft über seine Lippen. Ich traue meinen Ohren nicht. »Sind Sie Christ?«, frage ich erstaunt auf Englisch. »Ja«, nickt unser Gast und holt aus seiner Jackentasche eine kleine zerlesene Bibel. Träume ich, oder ist es wahr? Schon seit vielen Wochen bete ich, Gott möge uns doch eine Möglichkeit geben, die ausländischen Studenten, die aus fast hundert Nationen in unsere Stadt kommen, um Deutsch zu lernen, mit dem Evangelium vertraut zu machen. Und dann steht mitten in der Nacht ein junger Asiate vor mir, durchfroren und hundemüde, und fragt, ob er in eine Kirche gehen kann! »Aber gerne, wir sind auch Christen, und ich freue mich ungemein, Sie mit in unsere Gemeinde zu nehmen. Trinken Sie noch eine Tasse Tee und dann versuchen Sie, schnell noch ein wenig zu schlafen. Heute früh um acht Uhr wecke ich Sie und wir gehen gemeinsam in den Gottesdienst. Wird uns Herr Chua auch be24
gleiten?«, frage ich. »Ja«, kommt die Antwort aus seinem Mund. Aber mein Staunen sollte noch größer werden. Auf dem Nachhauseweg nach dem Gottesdienst begegnet uns hier und da ein Trupp junger Leute, die gemeinsam mit unseren beiden Chinesen in der Nacht hier angereist waren. Sie irren nun durch die Straßen dieser Kleinstadt, um sich etwas zum Essen zu kaufen. Aber enttäuscht bleiben sie vor verschlossenen Türen stehen. Alle Läden sind zu. Für sie eine unbegreifliche Tatsache. »Kommen Sie mit zu uns«, lade ich sie ein. An ihren Gesichtern kann ich erkennen, dass sie sich freuen, mit einem Menschen Englisch reden zu können. Immer wieder stoßen wir auf zwei, drei junge Männer, die ratlos vor den Schaufenstern stehen und deren Mägen vor Hunger knurren. Im Nu sind wir von ungefähr zwanzig ausländischen Studenten umgeben, die aus Indien, Korea, Pakistan und anderen asiatischen Ländern gekommen sind. Wir sind ins Gespräch vertieft und ich merke erst, dass ich zu Hause angekommen bin, als ich vor unserer Tür stehe. Aber plötzlich wird mir ganz mulmig. Was koche ich nur für diese zwanzig hungrigen Münder? Ich bin ein wenig ratlos. Wir sind noch eine junge Familie mit nur zwei kleinen Kindern und besitzen noch keine Kühltruhe oder größere Vorräte im Keller. Aber ich lasse mir nichts anmerken. Irgendetwas werde ich schon finden, beruhige ich mich selbst. 25
Zu Hause angekommen, stellt mein Mann gleich einen großen Topf Wasser auf die Herdplatte und ich schütte sämtlichen Reis hinein, ganz gleich, ob es Milchreis oder Langkornreis ist. Außerdem brühe ich drei große Kannen Tee. Aus den Schränken hole ich das ganze Geschirr und decke im Wohnzimmer, Arbeitszimmer und in der Küche. Aus der Speisekammer hole ich Brot, Kuchen, Fisch, Käse, Marmelade, Wurst, Honig – einfach alles, was ich finden kann – und koche noch die restlichen sechzehn Eier. Unser Sonntagsbraten wird in ganz kleine Stücke zerschnitten und die Soße mit mehreren Maggiwürfeln verlängert. Ich kann nicht sagen, ob unsere Gäste von meiner Kochkunst begeistert sind. Jedenfalls sind hernach alle Schüsseln leer und an den Tischen ist ein reges Gespräch im Gange, das bis in den späten Nachmittag andauert. Als sich unsere Freunde zum Gehen rüsten, schlage ich ihnen vor: »Es war für uns sehr interessant, mit Ihnen bekannt zu werden und etwas über Ihr Land und Ihre Sitten zu erfahren. Wir sind uns heute Nachmittag ein Stück nähergekommen. Mein Mann und ich würden uns sehr freuen, wenn wir Sie wieder als unsere Gäste begrüßen könnten. Gerne sind wir auch bereit, von dem zu erzählen, was uns bewegt. Wie wär’s, wenn wir uns am nächsten Samstag bei uns treffen könnten?« Mein Vorschlag wird begeistert angenommen. Das ist der Anfang einer Missionsarbeit. An diesem 26
Nachmittag ist ein Hausbibelkreis für ausländische Studenten geboren. Regelmäßig treffen sich zwölf, fünfzehn und manchmal über zwanzig Studenten in unserem Wohnzimmer. Wir trinken Tee, essen Plätzchen oder Kuchen, unterhalten uns, singen aus amerikanischen Choralbüchern, die uns der Armeepfarrer zur Verfügung gestellt hat, und bezeugen, was Jesus Christus für unser Leben bedeutet. Gute seelsorgerliche Gespräche finden oft bis in die Nachtstunden statt. In dieser Zeit haben wir auch sehr viele Bibeln verteilt. Aus Briefen wissen wir, dass Gottes Wort nicht ohne Wirkung blieb. So schrieb ein afrikanischer Arzt: »Ich war blind für Christus, nun aber sind meine Augen für ihn offen«, und eine Inderin bekannte: »Ich suche die Wahrheit und danke Ihnen für das Neue Testament«. Dass unser Freund und Bruder, Herr Tan, tüchtig zu dem Bibelkreis eingeladen hat und die Leute auch bei Regen und Frost in unser Haus brachte, sollte ich unbedingt noch erwähnen. Gott wusste, warum diese Verwechslung geschehen musste. Durch Herrn Tan fanden wir Zugang in die Sprachschule und Menschen, die bisher von Christus unberührt waren, hörten das Evangelium. Ich aber kann nur darüber staunen, wie Gott auf unser Rufen antwortet und alle Fäden unseres Lebens fest in seiner Hand hält.
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