SWANTJE SCHÖNIGER
Isländer im Iller tal 2
Viel Wirbel um
Freundschaft Stjarna
Prolog Mit dem gleichmäßigen Rattern einer Nähmaschine tackerte die windfarbene Isländerstute über den schnurgeraden Schotterweg des Illerkanals. Ihre weiße Mähne und ihr langer Schopf flatterten im Wind genauso wie Linas lange Haare, die unter dem Reithelm hervorwehten und in der Herbstsonne rotgolden glänzten. Die Stute schnaubte zufrieden, als Lina ihre Bauchspannung erhöhte und sie so zu noch mehr Geschwindigkeit im Tölt antrieb. Die Hufe wirbelten den Staub und das Laub auf und sausten flink und fröhlich im Viertakt dahin. Lina saß aufrecht und federnd im Sattel. Für einen kurzen Moment schloss sie ihre großen grünen Augen und spürte in sich hinein. Die raschen Bewegungen des Tölts zogen wie gleichmäßige Wellen durch ihren gesamten Körper, der diesen vergnügten Rhythmus wie selbstverständlich aufnahm. Lina blickte nach vorne, auf den feuerroten Isländer, der ein Stück vor ihr den Weg entlangtöltete. Da hob seine Reiterin ihre Hand und gab damit das Zeichen zum Durchparieren. Lina atmete mit einem leisen »Brr!« aus, entspannte ihren Bauch und ließ Stjarna in einen gemütlichen Schritt fallen.
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Kapitel 1 Leise melodische Klänge tönten in die Stille. Immer lauter drangen sie durch den Raum, bis sie sich zu einer fast schon fordernden rockigen Melodie gesteigert hatten. »Was?«, murmelte ich halblaut. »Schon Zeit zum Aufstehen?« Verschlafen drehte ich mich in meinem Bett herum und stellte mit halb geöffneten Augen den nervenden Handywecker ab. Als mein müder Blick jedoch an dem Foto auf meinem Sperrdisplay hängen blieb, zog ein Lächeln über mein Gesicht. Stjarna und Vina! Meine beiden Lieblingsponys blickten mir mit gespitzten Ohren und aufmerksamen Augen entgegen. Und da fiel es mir mit einem Schlag ein: Heute ist der große Tag! Der Tag der offenen Tür auf dem Zieglerhof: Presse, Ponyreiten, Kuchen- und Getränkeverkauf, Infos zur Reittherapie von Kathe, und auch der Tierschutzverein würde anwesend sein und mit einem Stand seine Unterstützung für die von uns entdeckten Ponys in Not der Öffentlichkeit präsentieren. Sofort war ich hellwach. Alle morgendliche Schläfrigkeit war augenblicklich verpufft. Wie elektrisiert sprang ich aus dem Bett. Plötzlich war ich aufgeregt. Sehr aufgeregt. Bis hinunter in die Zehenspitzen. Nicht wegen der ganzen Besucher, die auf dem Zieglerhof im Illergries erwartet wurden. Und auch nicht wegen des Ponyreitens, für das mir Kathe die Organisation und Verantwortung übertragen hatte, sondern aus einem ganz anderen Grund: Heute werde ich Jonas’ Eltern treffen. So ganz offiziell! Als seine Freundin! Beim Gedanken an meinen Jonas bekam ich rote Wangen und die Schmetterlinge in meinem Bauch schlugen Saltos. Ich konnte es immer noch nicht ganz fassen, dass dieser große, sportliche Junge aus der Zehnten mein Freund war. 6
Da ploppte eine Nachricht auf meinem Handy auf: wünsch dir einen supertollen tag! du rockst das!!!
Ich grinste. Steffi. Meine Bestie hatte, obwohl sie heute wegen einer dämlichen Musikschulveranstaltung mit Abwesenheit glänzte, wie immer an mich gedacht. Ich schickte ihr einen Küsschen zuwerfenden Smiley und ein Daumen-hoch zurück. Was soll ich anziehen? Schick im Pferdestall – das geht nicht. Und was ist, wenn seine Eltern mich nicht mögen? Oder tausend peinliche Erwachsenenfragen stellen? Ich hielt inne. »Gott«, sprach ich leise in die Stille meines Zimmers, »ich bitte dich, mich ruhig zu machen, und ich bitte dich, dass Jonas’ Eltern mich mögen. Und dass der Tag der offenen Tür ein Erfolg für Kathe und den Zieglerhof wird.« Schnell fügte ich noch ein »Amen« hinzu. Ein warmes Gefühl breitete sich in meinem Bauch aus. Ja, Gott ist da! Da war ich mir sicher. Noch ein kurzer Blick in den Spiegel, dann schnappte ich mir meine grasgrüne Cap, die mir Jonas geschenkt hatte, steckte mir meine Airpods in die Ohren und verließ gut gelaunt mein Zimmer.
Das Wetter bot an diesem Sonntag nach Pfingsten einen perfekten Mix aus Sonne und Wolken. Nicht zu heiß, nicht zu windig und vor allem trocken. Kathe sprach gerade mit den Helfern im Innenhof, als ich mit meinem Fahrrad über das Kopfsteinpflaster angeholpert kam. »Hej Lina«, rief sie mir entgegen, »super, dass du da bist!« Ich musste lächeln, denn Alex – nebenberuflicher Hufschmied, Fußballkumpel meines Papas und vor allem seit Kurzem Kathes 7
Freund – stand neben ihr und hatte betont lässig seinen Arm um sie gelegt. Zucker, die beiden! Schnell überquerte ich den Innenhof, sprang vom Rad und parkte es wie immer neben dem Reiterstübchen an der Hauswand. Ich liebte unseren gemütlichen Gemeinschaftsraum, den wir alle schlicht nur »Stübchen« nannten. »Guten Morgen!« »Bereit für den großen Tag?«, fragte Alex und puffte mir freundschaftlich in die Seite. Ich nickte. So was von bereit! »Du musst dir unbedingt noch die Fotowände im Stübchen anschauen, bevor du die Pferde für das Kinderreiten fertig machst. Kathe und ich haben bis nach Mitternacht daran gearbeitet.« Alex trug heute nicht die Arbeitskluft eines Hufschmieds, sondern Jeans und ein kurzärmliges Hemd, worin er ziemlich gut aussah. »Und Lina«, fügte Kathe hinzu, »deine Fotocollagen über die Waschbären haben wir gleich neben die Tür gehängt. Vielen Dank für deine Mühe!« »Klar doch«, meinte ich etwas stolz und musste sofort an all die Dinge denken, die diese kleinen Räuber versteckt, geklaut oder kaputt gemacht hatten. Und natürlich auch daran, wie Jonas und ich gemeinsam das Nest der Babywaschbären entdeckt hatten. »Der Hinweis für diese Extraausstellung hängt auch schon aus«, ergänzte Alex. Cool! Da wird Jonas staunen! Ich lief direkt zur Tür des Stübchens und entdeckte auf dem Weg Bernd, der die Osterfreizeit von der Kirchengemeinde auf dem Zieglerhof geleitet hatte. Er war dabei, die letzten Biertische im Schatten um den großen Walnussbaum aufzustellen. Ein paar Schritte weiter schickte ich meiner geliebten Oma Annemie einen Handkuss, die gerade Kuchen und belegte Semmeln auf dem Verkaufstisch vorbereitete. Toll, wie die Kirchengemeinde Kathes Tag der offenen Tür unterstützt! 8
Eigentlich hatte ich es allein Oma zu verdanken, dass ich heute hier auf dem Zieglerhof war. Als ein Teil des Hof-Teams. Ich blinzelte für einen Moment in die Sonne. Oma hatte mich vor einigen Wochen, als meine Eltern Stress miteinander hatten und mein Papa vorübergehend ausgezogen war, auf den Ponyhof geschleppt. »Tapetenwechsel« hatte sie es genannt. Ich musste lächeln. Damit hatte meine wundervolle Oma wie immer den richtigen Riecher gehabt. Im Stübchen angekommen, bewunderte ich die vielen tollen Bilder. Kathe ist wirklich eine super Reittherapeutin, dachte ich, während ich die hübsche junge Frau mit ihrem messy Dutt und ihren Lachgrübchen bei der Arbeit mit ihren Patienten auf den Fotos betrachtete. Mit diesen Fotowänden hatten Kathe und Alex wirklich wahre Kunstwerke gezaubert. Ich dachte für einen Moment lang nach und seufzte dann laut auf. Der Zieglerhof im Illergries war in den vergangenen Monaten wie ein zweites Zuhause für mich geworden. Mein persönlicher Rückzugsort. Hier, bei Kathe und ihren Ponys, fühlte ich mich daheim. Und ganz langsam war auch der Wunsch in mir gewachsen, auf dem Ponyrücken zu sitzen und selbst reiten zu lernen. Ganz in meine Gedanken vertieft, hörte ich zwei bekannte Stimmen durch die offenen Fenster hereinrufen: »Morgen!« und »Hi, Lina!« Ich drehte mich um. Tina und Jana kamen ins Stübchen gestürmt. Ich mochte die zwei, und unser gemeinsames Faible für Kathe und ihre flauschigen Isländer verband uns seit dem ersten Tag, an dem wir uns auf dem Zieglerhof kennengelernt hatten. Beide waren ein wenig älter als ich und bereits gute Reiterinnen. Daher war ich auch ein bisschen stolz darauf, dass Kathe mir die Planung für das Ponyreiten anvertraut hatte, obwohl ich noch überhaupt keine Reiterfahrung hatte, und nicht Tina oder Jana. »Guten Morgen!«, rief ich ihnen entgegen. Jana, die Größere mit Brille, umarmte mich freudig. »Ich bin total aufgeregt!« 9
Tina nickte zustimmend, dass ihre dunklen Locken nur so wackelten. »Ich hoffe, es klappt alles mit dem Ponyreiten! Nicht dass uns ein Kind runterfällt oder so …«, meinte sie nervös. Ich musste lachen. »Bestimmt nicht! Die Ponys sind doch superbrav! Ich bin mir sicher, die Kinder werden Schlange stehen, um reiten zu dürfen. Kommt, wir gehen die Ponys von der Koppel holen und bereiten alles vor, während Kathe jetzt gleich die Veranstaltung eröffnet.«
Kurze Zeit später wimmelte es nur noch so von Menschen auf dem kleinen Zieglerhof. Die kurzen Eröffnungsreden von Kathe und dem Tierschutzverein, die wir vom Putzplatz aus mitverfolgten, waren vorbei und auch der zweite Bürgermeister der Stadt Illertissen war tatsächlich anwesend! Sogar einige Stadträte hatte er im Schlepptau. Die Presse schoss Fotos und versprach einen großen Artikel über die Veranstaltung für den kommenden Tag. Jana, Tina und ich führten Frekja, Brúni und Fjalar zum Reitplatz. Das Ponyreiten sollte dort in wenigen Minuten beginnen. »Bei euch Mädels alles klar?«, rief Kathe fragend in unsere Richtung. Ich hob den Daumen hoch und hielt Ausschau nach Jonas. Ist er schon da? Alex lief mit einem Stapel Getränkekisten an uns vorbei und wir hörten, wie er Kathe »Läuft doch prima!« zurief und ihr zuzwinkerte. Am Kuchenbüfett herrschte bereits großer Andrang. Eine Illertissener Bäckerei hatte drei Körbe Brezeln gespendet und Oma hatte alle Hände voll zu tun, Kaffee, Kuchen, belegte Semmeln und die Brezeln auszugeben. Sie war ganz in ihrem Element und 10
kannte fast jeden, der sich bei ihr etwas zu essen holte. Im Vorbeilaufen winkte ich ihr zu und Oma winkte zurück. Alles klappte wie am Schnürchen. Jana, Tina und ich führten je ein Pony im Kreis um den Reitplatz herum, auf deren Rücken lachende Kinder saßen. Und ich hatte recht behalten: Am Tor zum Reitplatz hatte sich schnell eine lange Schlange von pferdeverrückten Kids gebildet. Es war heißer als gedacht und Frekja schnappte nach einer lästigen Bremse auf ihrer Schulter. Ich hatte bereits einige glückliche Kinder auf Frekjas Rücken über den Reitplatz geführt, als plötzlich eine sehr vertraute Stimme »Hey, Lina!« rief. Jonas! Ich drehte mich suchend um. Als meine Augen ihn am Zaun erblickten, lächelte ich. Nur zu gerne wäre ich sofort zu ihm hinübergelaufen, aber das ging gerade schlecht. So beendete ich zuerst die Reitrunde, und nachdem das kleine Mädchen zufrieden vom Pony hinuntergerutscht war, führte ich meinen Vierbeiner zu ihm an den Zaun. »Hi!«, begrüßte ich ihn und wurde mal wieder rot. »Sieht professionell aus«, meinte Jonas anerkennend. Mit der Hand strich er über das schwitzige Fell des Ponys. »Welches Pony ist das?« »Diese Flauschnase hier heißt Frekja«, sagte ich grinsend. »Und wenn wir nachher Pause machen, kann ich dir zeigen, wie groß Vina geworden ist.« Jonas nickte und zeigte auf Frekja: »Darf da jeder drauf?« Ich schaute ihn amüsiert an. »Klar! Kostet zwei Euro pro Runde. Zahlen muss man vorne an der Kasse.« »Und ich bin nicht zu schwer für das kleine Pony?«, fragte Jonas und beäugte Frekja kritisch. Ich schüttelte lachend den Kopf. »Isländer sind Erwachsenenreitpferde. Weißt du nicht mehr: Bernd war während der Osterfreizeit doch auch mit Kathe ausreiten …« Jonas nickte, zwinkerte mir zu und sagte: »Ich bin im Kindergarten mal von einem Pferd runtergefallen. Ich hatte eine 11
Gehirnerschütterung … aber wenn du das Pony führst, würde ich mein Kindheitstrauma überwinden und es noch mal versuchen.« Ich schüttelte nur lachend den Kopf. Will Jonas ernsthaft Ponyreiten? »Bin gleich wieder da«, beantwortete er meine gedachte Frage und lief davon. Als Jonas wenig später mit drei pinken Plastikchips in der Hand zurückkam und sich in die Schlange der wartenden Kinder einreihte, konnte ich mir ein Kichern nicht verkneifen. Ernsthaft? Drei Runden Ponyreiten! Das wird lustig. Jonas wartete geduldig, bis er an der Reihe war. Dann war es so weit. Ich hielt die isabellfarbene Stute an der Aufstiegshilfe an und die blonde Reiterin rutschte vom Pony. »Der Nächste!«, rief ich grinsend in Jonas’ Richtung. Ich hielt ihm einen Reithelm hin, den er, ohne zu zögern, aufsetzte. Dann hauchte er mir einen kleinen Kuss auf die Wange. In meinem Bauch kribbelte es. »Na dann.« Er stieg auf den Hocker und schwang sich vorsichtig auf den Rücken des Ponys. »Ziemlich bequem«, meinte er anerkennend. Ich lachte und zuckte mit den Schultern. »Kann ich nicht beurteilen.« Aber bald …, dachte ich im Stillen, denn der Wunsch, selbst reiten zu lernen, war in den vergangenen Wochen ganz langsam in mir gewachsen. Ich führte Frekja auf den ersten Hufschlag und beobachtete aus dem Augenwinkel, wie Jonas auf ihrem Rücken chillte und mit einer Hand ihr gelbliches Fell am Mähnenansatz kraulte. »Eigentlich schade, dass du es nicht ausprobierst.« »Was ausprobierst?«, fragte ich. »Na, das mit dem Reiten. Ist nämlich richtig schön hier oben.« »Ja, ja«, sagte ich nur und streichelte Frekjas Flauschnase. Das werde ich! Mit Kathe hatte ich bereits den kommenden 12
Donnerstag für meine erste Reitstunde vereinbart. Aber diese News wollte ich vorerst noch für mich behalten ... Einige Minuten später ertönten Pfiffe und lautes Gelächter an der Umzäunung des Reitplatzes. Ich drehte mich um und auch Jonas’ Blick wandte sich dem Zaun zu. Da standen sie alle – Nils, Thilo, Leonie und Greta – und winkten zu uns herüber. Beinahe der gesamte Teenkreis der Kirchengemeinde stand am Zaun. »Alter, was machst du denn auf ’nem Pony?«, rief Thilo belustigt. Nils zückte sein Handy und hielt seinen Kumpel hoch zu Ross digital fest. »Solltet ihr auch mal probieren«, antwortete Jonas. »Ist superbequem und außerdem für einen guten Zweck!« »Oder einfach nur, um Lina zu beeindrucken!«, gab Nils zurück. Greta winkte mir zu und hielt den Daumen nach oben, was sicherlich so viel wie »sehr gut« heißen sollte. »Wir sehen uns später!«, rief Leonie uns zu und die Gruppe verzog sich lachend Richtung Kuchenbüfett. »Soso«, sagte ich. »Du willst mich also beeindrucken.« Jonas lachte auf. »Und, funktioniert es?« Ich musste grinsen. »Ja, es funktioniert.« Verlegen fuhr ich mir mit der Hand übers Gesicht und spürte, wie die Haut spannte. Aua! So ein Mist! Ich hätte doch den Sunblocker mitnehmen sollen! Jetzt sehe ich sicher aus wie eine Tomate! Die Sonne knallte inzwischen heiß aus einem nun wolkenlosen Himmel herunter. »Richtig chillig hier oben, daran könnte ich mich gewöhnen«, meinte Jonas. »Kathe bietet Reitstunden an, wenn es dir so gut auf dem Ponyrücken gefällt«, warb ich. Da hörten wir erneut Rufe vom Zaun: »Jonas? Jonas!« Mein Freund hob die Hand und deutete dann zu dem Jungen 13
hinüber. »Das ist mein Bruder. Tom ist dieses Wochenende auf Heimaturlaub vom Studieren.« Ich kniff die Augen leicht zusammen und musterte den jungen Kerl, der dort am Zaun stand. Er sah aus wie eine ältere und größere Kopie von Jonas. Faszinierend! Ich wusste, wie nah sich die beiden standen und wie sehr Jonas die wenige Zeit, die Tom noch daheim verbrachte, genoss. Bei ihm am Zaun angekommen, schlug er bei seinem reitenden Bruder ein. »Hi, Kleiner!« Tom bot auch mir die Hand zum High-Five an. »Super, dich kennenzulernen, Lina!« Er war ebenso durchtrainiert wie sein kleiner Bruder und seine Augen hatten die gleiche Farbe, allerdings fand ich nicht Jonas’ Funkeln darin. »Hast meinem kleinen Bruder ganz schön den Kopf verdreht!«, neckte er mich und ich mochte ihn auf Anhieb. »Ma und Paps sind vorne unter dem Walnussbaum im Schatten.« Er zwinkerte in meine Richtung, »Sie sind gespannt auf euch zwei ... und die private Führung.« Tom klopfte Jonas einmal kräftig auf den Oberschenkel und lief zurück in Richtung Innenhof. »Er ist nett.« Ich drehte mich zu Jonas um. Er blickte in mein Gesicht und wirkte mit einem Mal besorgt. »Oh, ich glaube, du brauchst dringend eine Pause. Du bist ja knallrot!« Ich checkte die Uhr. Es war auch für die Ponys höchste Zeit, eine Pause einzulegen, und ich war richtig durstig. Das Laufen in der prallen Sonne war anstrengender gewesen, als ich gedacht hatte. Ich beobachtete Jonas, wie er geschickt von Frekjas Rücken rutschte. Sein Blick traf meinen. Er zwinkerte mir zu und zog den Reithelm von seinem verschwitzten Wuschelkopf. »Oh weh«, meinte er lachend, »die Frisur ist hin!« Mit beiden Händen fuhr er sich durch die Haare und ich musste grinsen. Jonas sah einfach immer supergut aus. »Komm«, forderte er mich auf, »ich lade dich in deiner Pause auf eine kalte Cola ein.« 14
Ich drehte mich zu den Kindern um, die am Rand standen und sehnsüchtig auf ihren Ritt warteten. »Die Ponys brauchen eine kurze Pause«, erklärte ich ihnen. »Sie sind durstig, kommen aber nachher wieder und freuen sich auf euch.« Die Kinder waren enttäuscht und ich bekam ein etwas schlechtes Gewissen, weil ich mich so lange mit Jonas und Tom am Zaun unterhalten hatte. »Aber«, fügte ich schnell hinzu, »hier bekommt jeder von euch einen Gutschein für ein Wassereis.« Ich angelte spontan die fünf Bons mit der Aufschrift Eis aus meiner Hosentasche. »Und ihr fünf seid nachher die Ersten, die reiten dürfen«, versprach ich ihnen. Eigentlich hatte Kathe mir die Bons als Dankeschön fürs Helfen geschenkt, aber eine Cola war mir jetzt sowieso lieber und die Kids liefen fröhlich in Richtung Eisstand davon. Tina und Jana waren ebenso dankbar für eine Pause. So lief ich mit Frekja an der rechten und Jonas an der linken Hand zurück in Richtung Auslauf. Die anderen folgten uns mit ihren Vierbeinern. Schnell waren die drei zurück bei ihren Ponyfreunden. Ich stoppte am WC, wusch meine Hände und kontrollierte mein Spiegelbild. Au Backe! Ganz klarer Fall von Sonnenbrand! Rasch wischte ich mir die nassen Hände an meiner kurzen Jeans ab. Das T-Shirt hatte leider einige Schlabberspuren von Frekja abbekommen. Ich seufzte. Stell dich nicht so an, so ist das nun mal als Ponymädchen! Ich machte mich auf die Suche nach Jonas, der bereits vorausgelaufen war, um uns eine Cola zu organisieren. Auf dem Weg zum Getränkestand suchten meine Augen die Tische nach seiner Familie ab. Da hielt ich mitten im Laufen inne. Ist das da vorne in der weißen Leggins und dem Glitzertop etwa Emma? Das gibt es doch nicht! Sie stand lässig an der Getränkeausgabe und unterhielt sich mit Jonas! Ich kniff die Augen zusammen. Emma sah unverschämt 15
gut aus, aber absolut overdressed. Zumindest für meinen Geschmack. Okay, jetzt nur nicht ausrasten. Mit einem Schlag fühlte ich mich underdressed. Und die Flecken auf meinem T-Shirt störten mich jetzt doch gewaltig. Was macht die denn hier? Emma hatte vor einigen Wochen auf hinterlistigste Art und Weise versucht, mich und Jonas auseinanderzubringen. Der Fakt, dass sie in Jonas’ Klasse am Gymnasium ging und sie sich daher jeden Tag sahen, machte es mir nicht leichter, darüber hinwegzusehen. Reiche Eltern, schicke Klamotten, eine super Reiterin und ein riesiges Ego. Ich fühlte mich plötzlich klein und unwichtig. Vor ein paar Wochen wäre ich vermutlich zurück zu den Ponys gelaufen und hätte mich dort einfach versteckt. Doch jetzt, jetzt atmete ich einmal tief durch. Jonas hat sich schließlich für mich entschieden. Punkt! Ich schickte ein kurzes Stoßgebet zum Himmel und lief so selbstbewusst wie möglich auf den Stand zu. Alex, der dort die Getränke ausgab, zwinkerte mir zu. »Hi, Lina, wie ist es beim Ponyreiten gelaufen?« »Prima!«, erwiderte ich. »Jonas hat eine super Figur gemacht!« Ich warf meinem Freund einen neckenden Blick zu, der allerdings so direkt vor Emma doch etwas unsicher ausfiel. Jonas aber stand cool wie immer da, hielt zwei eiskalte Flaschen Cola in seiner Hand und grinste. »Hier, bevor du umfällst«, sagte er und reichte mir eine davon. Dankbar griff ich danach und setzte sie sofort an die Lippen. Das tut gut! Emma musterte mich, stocherte sichtlich genervt mit einem weißen Pappröhrchen in ihrer Wasserflasche und meinte dann in Richtung Jonas: »Na, wenn du mal auf einem richtigen Pferd reiten möchtest, dann nehme ich dich gerne mit zu mir in den Reitclub. Dann kannst du auf meinem Springpferd reiten.« Ich verschluckte mich fast an meiner Cola. Doch Jonas ließ sich 16
nicht aus der Ruhe bringen. Er legte betont lässig seinen Arm um mich und erwiderte: »Vielen Dank für das Angebot, Emma. Aber ich bin eher der Ponytyp.« Alex lachte laut auf und versuchte, es unter einem Huster zu tarnen. Emma jedoch zog ihre perfekt gezupften Augenbrauen hoch und setzte ein gekünsteltes Lächeln auf. »Na dann. Mein Angebot steht.« Damit machte sie auf dem Absatz kehrt und lief in ihren weißen Glitzerballerinas davon. Ich war erleichtert. Alex lachte noch mal auf und Jonas’ Arm drückte mich sanft. »Was macht die denn hier?«, zischte ich säuerlich. Der Zieglerhof gehörte ganz sicher nicht zu den Locations, an denen Emma Harder in ihrer Freizeit abhing. Jonas zuckte mit den Schultern. »Ist doch egal«, brummte er. Doch Alex hatte meine Frage gehört und wusste Bescheid: »Emma ist die Tochter von Sandra Harder, der das Statik-Büro gehört. Sie sind doch jetzt die Paten von Max und Moritz und heute als Ehrengäste eingeladen.« Ich verschluckte mich fast erneut. Ehrengäste? Emma ist Ehrengast auf dem Zieglerhof?! Und Patin von den Shettys Max und Moritz? Na toll. »Hast du Hunger?«, fragte Jonas. Ich schüttelte den Kopf. »Nee.« Mir war soeben der Appetit vergangen. Er blickte mich an. Wie immer begann mein ganzer Körper unter seinem Blick zu kribbeln. »Meine Eltern würden gerne Vina kennenlernen. Wäre jetzt ein guter Zeitpunkt?« Mir wurde richtig übel. Sonnenstich? Ich fühlte mich wie in einer schlechten Soap. Erst die Begegnung mit Emma und jetzt das Treffen mit Jonas’ Eltern. Wie kann er nur immer so ruhig und tiefenentspannt sein? Oder lässt er sich die Aufregung nur nicht anmerken? 17
»Alles okay bei dir? Meine Familie wird dich schon nicht auffressen«, beruhigte Jonas mich und drückte mir einen Kuss auf die Wange. Reiß dich zusammen, Lina! Nur nicht umkippen! »Wie wäre es, wenn du bei Vina und Stjarna auf uns wartest? Dann hole ich meine Eltern mal.« Jonas deutete auf ein Grüppchen Erwachsener, die sich unter einem Sonnenschirm angeregt unterhielten. Jetzt entdeckte ich seine Eltern sofort. Ich kannte sie vom Sehen aus der Kirchengemeinde, die unsere Familien besuchten. Wobei das Wort »kennen« eigentlich zu viel war. Denn richtig miteinander gesprochen hatten wir noch nie. Das flaue Gefühl in meinem Magen wurde von Sekunde zu Sekunde stärker.
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Kapitel 2 Ich überließ Jonas meine leere Colaflasche und lief zum Auslauf meiner vierbeinigen Freunde hinüber. Dort fühlte ich mich eindeutig wohler als zwischen lauter fremden Erwachsenen, die mich alle anstarren und mir womöglich auch irgendwelche Fragen stellen würden. Ich sah, wie Jonas die Flaschen aufräumte und zu seinen Eltern hinüberging. Hinter seiner Ma, einer kleinen, immer elegant gekleideten Frau, blieb er stehen und legte ihr die Hand auf die Schulter. Sie unterbrach ihr Gespräch und drehte sich zu ihm um. Auch sein Paps, der neben ihr stand, wandte sich Jonas zu. Er nickte, machte eine entschuldigende Geste zu den anderen in der kleinen Gruppe und stand auf. Tom folgte ihnen und boxte seinen kleinen Bruder mehrmals witzelnd in die Seite. Die beiden sind wirklich richtig dicke miteinander. Zu viert erreichte die ganze Familie Baumgärtner den Auslauf der Ponys. Dort erwartete ich sie bereits mit Stjarna im Schlepptau am Gatter. Vinchen war mir und ihrer Mutter neugierig zum Zaun gefolgt. »Hallo, Lina«, begrüßte Frau Baumgärtner mich herzlich. »Schön, dass du dir Zeit nimmst, uns die Ponys vorzustellen!« Ihr Lachen war voller Wärme. Herr Baumgärtner nahm Jonas für einen Moment gespielt in den Schwitzkasten und fügte spaßhaft hinzu: »Jonas hat lange genug versucht, seine Herzensdame vor uns zu verstecken.« Er lachte und ich stellte fest, dass auch sein Vater die gleichen Grübchen wie die Brüder hatte. Jonas’ Eltern wirkten nicht so spießig oder ernst, wie ich es erwartet hatte. Ganz im Gegenteil, eher locker und humorvoll. 19
Ich entspannte mich innerlich ein wenig. »Schön, dass Sie uns heute auf dem Zieglerhof besuchen.« »Sag einfach Carolina zu mir«, bot Jonas’ Ma mir sofort an. »Hubert«, fügte sein Paps hinzu. »Okay …«, erwiderte ich überrascht. »Ein wundervolles Plätzchen ist der Zieglerhof. Und du arbeitest hier neben der Schule?«, fragte Hubert. Ich nickte wieder und wollte eben antworten, als Frau Harder um die Ecke bog. Gefolgt von Emma und einem Reporter der Tageszeitung. Sie kamen zielstrebig auf die Shettys zu. »Bitte, Frau Harder«, sagte der Mann mit der Kamera in der Hand, »stellen Sie sich hier neben die beiden Pferdchen an den Zaun. Und Ihre Tochter auf die andere Seite daneben.« Ich verdrehte die Augen und Carolina trat beiseite, um den Harders bei den Shettys am Zaun Platz zu machen. Die Frauen kannten sich offensichtlich und tauschten gleich einige Höflichkeiten aus. Auch Emma wurde von Jonas’ Eltern begrüßt. Ich stand auf der anderen Seite der Ponys innerhalb der Umzäunung und biss die Zähne zusammen. Emma grinste triumphierend zu mir herüber. Ich kochte innerlich. Ehrengast? Eingebildete Zicke passt wohl besser! Natürlich war es super, das Kathe mit den Leuten vom Tierschutz so schnell Sponsoren gefunden hatte. Sie übernahmen die Kosten für die herrenlosen Vierbeiner, die ich zusammen mit Kathe und meiner Familie am Muttertag im Illergries entdeckt hatte. Aber muss es ausgerechnet Emmas Familie sein? Schnell waren einige Fotos gemacht und Frau Harder meinte: »Emma, wäre es nicht schön, wenn du dich ab und zu um diese kleinen Ponys kümmern könntest?« Ich hielt die Luft an und schickte ein weiteres Stoßgebet zum Himmel. Keine gute Idee! Zu meiner Erleichterung spiegelte Emmas Miene eher Entsetzen statt Begeisterung wider, als sie ihrer Mutter diplomatisch 20
antwortete: »Das ist eine tolle Idee, Mama. Aber während der Turniersaison kann ich es mir nicht leisten, die Springstunden mit Highlight zu vernachlässigen. Du weißt, wie hart wir täglich trainieren!« Frau Harder nickte verständnisvoll. »Und Papa ist es schließlich sehr wichtig, dass es mit der Aufnahme in den Kader klappt!«, fügte Emma noch hinzu. Langsam setzte meine Atmung wieder ein. Puh! Emma brauche ich ganz sicher nicht auf dem Zieglerhof! »Ich habe im Stübchen gelesen«, begann Tom und versuchte die Aufmerksamkeit von dem Reporter und dem folgenden Interview an Frau Harder in eine andere Richtung zu lenken, »dass die Behausung der berüchtigten Waschbären besichtigt werden kann. Jonas hat mir alles von eurem spannenden Fund erzählt. Ganz schön aufregend, eure gemeinsame nächtliche Entdeckung auf der Osterfreizeit.« »Die Waschbären?«, sagte Carolina sofort interessiert. »Das möchte ich mir gerne ansehen.« Jonas warf mir einen überraschten Blick zu und ich nickte dankbar in Toms Richtung. Er zwinkerte mir zu. Schnell schlüpfte ich zwischen den Zaunlatten hindurch und zeigte auf einen kleinen Pfad, der hinter dem Auslauf begann. Dort hing ein Holzschild mit der Aufschrift: Zum WaschbärenSchuppen. Alle waren von den Fotos der kleinen Räuber beeindruckt. »Trotzdem gut, dass sie nicht mehr da sind«, meinte ich. »Dann werden wir dich jetzt ja auch öfters außerhalb vom Gottesdienst sehen«, wechselte Hubert das Thema und sah seinen jüngeren Sohn dabei an. Ich nickte und antwortete in Jonas’ Richtung: »Sehr gerne! Wenn ich eingeladen werde ...« Jonas grinste, warf seinen Eltern einen Blick zu und sagte, ohne zu zögern: »Nächsten Samstag gehen wir wandern und du bist ganz herzlich eingeladen!« 21
»Lina! Lina!«, rief eine quietschende Jungenstimme über den Innenhof. Ich zog gerade den Bauchgurt von Frekja fest und blickte auf. Louis! Mein kleiner Bruder rannte auf mich zu und umarmte mich stürmisch. »Hi, mein Großer!« Ich erwiderte seine wilde Umarmung. »Ich will Ponyreiten! Bitte!«, rief er aufgedreht. Seine blonden Haare lugten unter der roten Fußballcap hervor und er trug Trikot und Sporthose. »Wie war dein Spiel?«, fragte ich. »Sieg! Sieg! Sieg!«, rief er. »6:2 für uns!« Ich gratulierte ihm. »Wo sind Mama und Papa?« Louis drehte sich um und zeigte auf das Kuchenbüfett. »Bei Oma«, antwortete er und wollte dann sofort wissen: »Und wo ist der Jonas?« Ich musste schmunzeln. »Den hast du leider verpasst! Jonas ist mit seinem Bruder Tom zum Badmintonspielen gefahren.« »Och! Schade!«, brummelte Louis. Er hatte meinen Freund vom ersten Tag an als eine Art großen Bruder adoptiert und war sozusagen sein allergrößter Fan. Doch mit der Aussicht auf Ponyreiten hatte der Kleine gleich wieder gute Laune. Ich drehte mich in Richtung Jana und Tina. »Seid ihr bereit für die zweite Runde?« Meine Eltern winkten mir zu, als ich gemeinsam mit Louis Frekja zum Reitplatz führte. Sie waren inzwischen in ein Gespräch mit Alex am Getränkestand vertieft. Mama warf mir einen besorgten Blick zu, wahrscheinlich wegen meines knallroten Gesichts. Ich war mir sicher, dass sie mich gleich mit einer Ladung Sunblocker verfolgen würde. Und so war es auch. Das erste Kind beendete gerade seine Runde auf Frekja, als 22
Mama mit Papa und einer Flasche Sonnenschutzcreme am Reitplatz ankam. »Lina!«, rief sie und lief, wild mit dem Sunblocker in der Hand wedelnd, auf uns zu. Wie peinlich! Jana und Tina grinsten. Das Kind, das gerade dran gewesen war, rutschte von Frekjas Rücken und Mama hielt mir auffordernd die Flasche hin. »Hi, Mama«, sagte ich. Papa war ihr gefolgt und meinte scherzhaft: »Zu wem gehört denn diese hübsche junge Dame mit dem knallroten Kopf?« »Papa!«, rief ich verlegen und verteilte einen großen Klecks der weißen Masse in meinem Gesicht. »Wie läuft es bei dir?«, fragte er weiter, während er seinen Arm um Mama legte. Ein warmes Gefühl machte sich in meinem Herzen breit. Ich liebte es, meine Eltern so liebevoll miteinander zu sehen. Nach ihrem Ehedrama im Frühjahr genoss ich unseren neu gewonnenen Familienfrieden umso mehr. »Super läuft es!« Ich nickte stolz. »Die Kids stehen Schlange und wir haben am Vormittag schon über hundert Euro eingenommen.« »Das ist ja prima!«, freute sich Mama. Und schon war das nächste Kind an der Reihe. Ich zuckte mit den Schultern, drückte Mama den Sunblocker in die Hand und ließ Frekja im Schritt anzuckeln: »Ich muss weiter.«
Viel zu schnell verging der Tag, und als die Gäste nach und nach
den Hof verließen, bauten die Helfer gemeinsam die Biertische und Sonnenschirme ab. »Tschüss, Lina! Meine Mama ist da. Wir gehen! Toll war’s!« Jana drückte mich und Tina fügte ein geheimnisvolles »Bis Donnerstag!« hinzu. In meinem Bauch kribbelte es. Ja! Donnerstag! Als die letzten Helfer den Hof verließen, lief ich zu Kathes 23
Wohnhaus und setzte mich dort auf die kleine Holzbank. Köttur, die graue schlanke Hofkatze mit dem weißen Latz, sprang neben mich auf das Bänkchen. »Na, du«, fragte ich sie, »wo hast du dich den ganzen Tag herumgetrieben?« Köttur gähnte, streckte sich und rollte sich dann schnurrend neben mir auf dem Polster zusammen. Ich lehnte mich zurück und ließ meinen Blick über den Hof schweifen. Kathe schob eine große Portion Heu im Schubkarren übers Kopfsteinpflaster in Richtung der Ponys. Sofort kam Leben in die kleine Herde. Meine vierbeinige Freundin Stjarna brummelte und der gescheckte Brúni begann mit dem Vorderhuf zu scharren. Max und Moritz streckten ihre kleinen Shettynasen durch die Gitterstäbe, sogar Alban, der vernachlässigte Haflingerwallach, kam angelaufen. Nur die misstrauische alte Katinka blieb in ihrem Eck stehen. Ich liebte die abendliche Fütterung auf dem Zieglerhof. Wenn alle Ponys entspannt nebeneinander ihre Hälse und Köpfe durch das Fressgitter streckten und genüsslich Heu zwischen ihren Zähnen zermahlten. Wie friedlich! Ich seufzte. Mit mehreren Mülltüten beladen kam Alex aus dem Stübchen, überquerte den Hof und lud alles vor der Haustür ab. Dann setzte er sich zu Köttur und mir auf die Bank. »Nach diesem Megatag heute werden die Kunden Kathe bestimmt die Bude einrennen!«, meinte er fröhlich. Ich lachte. »Na hoffentlich!« »Der Vorstand vom Reitclub in Betlinshausen, der den Hafiwallach sponsert, war heute begeistert von Albans Entwicklung und möchte ihn ab Juli gerne komplett übernehmen«, erzählte Alex. Das ist super! Mein Blick wanderte von Alban zu Katinka, die immer noch im hintersten Eck des Auslaufs stand. Sie wirkte völlig verstört, noch mehr als sonst. Kein Wunder nach all dem Trubel auf dem Hof. 24
»Und was wird aus Katinka?«, fragte ich leise. Aber insgeheim kannte ich die Antwort. »Na ja«, meinte Alex, »sie ist zweiunddreißig Jahre alt, hat kaum noch Zähne und in fast jedem ihrer Gelenke Arthrose. Sie bekommt täglich Schmerzmittel und kann fast nicht mehr laufen. Kathe wird sie nicht weiter leiden lassen. Vor allem, nachdem ihr Lebenswille trotz all unserer Versuche nicht zurückgekehrt ist.« Ich nickte stumm. Kathe hatte mit dem Tierarzt Dr. Feuchtenberger ausgemacht, der Stute noch bis nach dem Tag der offenen Tür Zeit zu geben. Das wusste ich. Nachdem sie allerdings weiterhin kaum fraß und auf jede menschliche Annäherung panisch bis bösartig reagierte, war die Entscheidung unvermeidlich. Was für ein trauriges Thema nach einem so schönen Tag! »Was macht ihr denn für finstere Gesichter?« Kathe stand vor unserem Bänkchen und sah uns fragend an. »Wir haben uns gerade über Katinka unterhalten«, antwortete Alex. »Hm …«, machte Kathe und legte den Kopf schief. »Immerhin konnten wir ihr noch ein paar schmerzfreie Wochen mit gutem Futter und sauberem Liegebereich schenken.« Ja, damit hat sie recht! Und obwohl ich eigentlich keinerlei Beziehung zu der Stute hatte, tat mir ihr Schicksal unendlich leid. »Aber«, fuhr Kathe fort, »ich wollte mit euch eigentlich etwas ganz anderes besprechen.« Ich blickte erstaunt auf. »Was denn?«, fragte Alex. »Hättet ihr Lust, mich nächsten Sonntag nach München zu begleiten? Ich habe eine Einladung bekommen von …«, Kathe zögerte kurz, »von alten Freunden aus Norddeutschland. Ihnen ist eine Reiterin für ihre Showkür auf einem großen Reitturnier in München ausgefallen. Daher haben sie mich gefragt, ob ich mit Thokkadís mitreiten möchte. Wie in alten Zeiten.« Wie in alten Zeiten? Das klang spannend. 25
»Was ist das für eine Show?«, fragte ich. »Also, es sind zehn Reiter und Reiterinnen mit ihren Isländern. Die Kür dauert nur ungefähr fünfzehn Minuten und wird komplett im Tölt geritten. Dazu gehört eine tolle Lichtershow mit isländischer Musik und es macht einfach irre Spaß ... Ich habe das früher regelmäßig mit Thokkadís gemacht und bekomme unter anderem auch zwei Tageskarten umsonst dazu. Und da habe ich an euch beide gedacht.« »Ich bin dabei!«, meinte ich sofort begeistert. Ein Tag München mit Pferdeshow! Cool! »Wir müssten recht früh losfahren und ihr könntet euch den ganzen Tag die verschiedenen Reitprüfungen anschauen. Da gibt’s Dressur und Springen auf wirklich hohem Niveau zu sehen, außerdem jede Menge Messestände. Das wäre eine super Gelegenheit für dich, Lina, eine Reithose oder einen Helm zu kaufen, damit du deine eigene Reitausrüstung hast.« Super! Samstag mit Jonas und Sonntag unterwegs mit Kathe. Ein perfektes Wochenende! »Und wie kommen die jetzt auf dich?«, forschte Alex zurückhaltend nach. Plötzlich fiel mir auf, dass er gar nicht so begeistert aussah. »Ich dachte, du hast gar nicht mehr so den Kontakt in den Norden?« Da fiel mir das dubiose Einschreiben wieder ein, das ich vor Kurzem für Kathe angenommen hatte. Dieser Brief war von Jonte gewesen, Kathes Ex-Freund aus Cuxhaven. Kathe wurde ein wenig rot. Volltreffer!, dachte ich. Es musste etwas mit ihrem Ex zu tun haben. Sie räusperte sich: »Nein, da gibt’s eigentlich auch keinen Kontakt mehr.« Kathe blickte Alex in die Augen und mir war meine Anwesenheit mit einem Mal unangenehm. »Ich wohne so viel näher an München als alle anderen aus unserer ehemaligen Showgruppe, dass ich am besten einspringen 26
kann. Und außerdem kann ich das Geld und die Publicity wirklich gut gebrauchen!«, versuchte sie zu erklären. »Aha«, brummte Alex nur. Ich fand ihre Erklärung recht logisch. Alex offensichtlich nicht. Ist er etwa eifersüchtig? Köttur war aufgewacht und streckte sich. Sie stand auf und stolzierte von ihrem Platz neben mir direkt auf meinen Schoß, nur um sich dort gleich wieder zusammenzurollen. »Also«, versuchte ich die unangenehme Stille zu unterbrechen, »ich frag auf jeden Fall meine Eltern. Ich würde sehr gerne mitkommen.« Alex brummte irgendetwas vor sich hin und stand auf. »Ich überleg es mir«, meinte er unverbindlich. Mir war mulmig zumute. Dieses komische Ziehen im Magen war auf einmal wieder da. Nicht so stark, aber es war da. Wie zu der Zeit, als Papa und Mama sich im Frühjahr so heftig gestritten hatten. Zwischen den beiden stimmt doch plötzlich was nicht. Vorhin war noch alles okay … Alex strich Kathe mit der Hand über die Wange und drückte ihr einen kurzen Kuss auf die Stirn. Dann lief er zu seinem roten Caddy, stieg ein und fuhr los. Kathe seufzte und ließ sich auf den frei gewordenen Platz plumpsen. Sofort stand Köttur auf, stakste über mich hinweg auf Kathes Oberschenkel und schmiegte sich schnurrend an ihre Besitzerin. »Das ist jetzt ziemlich blöd gelaufen.« Kathe strich sich eine lose dunkle Haarsträhne hinters Ohr. Ich dachte nach. Warum muss alles immer so kompliziert sein? Kathe und Alex sind doch eigentlich total ineinander verknallt, oder?! »Vielleicht ist Alex eifersüchtig?«, merkte ich vorsichtig an. Kathes Wangen erröteten erneut. Sie blickte weiterhin nach unten auf das graue Fell der schnurrenden Mieze. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Hat Alex vielleicht doch Grund zur Eifersucht? Was genau steht in Jontes Brief? 27
»Ach, Lina«, meinte Kathe dann und sah mich an, »toll, dass du mitkommen möchtest. Zwischen Erwachsenen ist manchmal einfach alles so kompliziert. Und die Vergangenheit kann man nicht so einfach ungeschehen machen …« Vergangenheit? Es schien mir hier allerdings auch alles etwas kompliziert. Aber anstatt es zu erklären, wollte Kathe nicht weiter darüber reden. »Es war ein langer Tag«, lenkte sie ein. Ihre Stimme klang müde. »Ich denke, ich gehe duschen und dann ins Bett. Bis Donnerstag, Lina. Und noch mal danke für alles heute!« Damit nahm sie die Katze in den Arm, stand auf und lief ins Wohnhaus. Ich saß noch eine Weile da und grübelte. Was kann man nicht ungeschehen machen? Fürs Erste blieb es ein Rätsel, das ich leider nicht lösen konnte. Ich packte auf dem Weg zum Fahrrad meine In-Ears aus dem Lade-Case und startete am Handy meine aktuelle Playlist im Zufallsmodus. Dann fuhr ich nachdenklich nach Hause.
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