SWANTJE SCHÖNIGER
Isländer im Iller tal 1
Freundschaft auf vier Hufen
Prolog Die Sonne stand bereits tief am Himmel und warf ihre letzten kraftvollen Strahlen über die bewachsene Böschung des Illerkanals. Lina kräuselte ihre mit Sommersprossen übersäte Nase, blinzelte in das heiße Sonnenlicht und lächelte. Es war ein zufriedenes Lächeln. Ein Lächeln tief aus ihrem Herzen. Sie drehte sich nicht um, während sie ihre Hand unter die flauschige, dichte Mähne des Ponys schob, das ruhig und geduldig neben ihr stand. Ihre Finger glitten weiter, strichen über das weiche, glatte Sommerfell des Vierbeiners. Der leichte Wind hier draußen im Illergries war erfrischend nach der Hitze des Sommertages. Lina seufzte leise. Es war ein stiller, friedvoller Abend. Der Schotterweg, der parallel zum Kanal verlief, lag einsam vor ihr. Sanft zuckelte sie am Führstrick. Augenblicklich hob das Pony seinen Kopf, spitzte die kleinen Ohren und sah sie mit seinen sanften dunklen Augen an. Lina ging los und gehorsam setzte sich auch das Pony in Bewegung, während die roséfarbene Abendsonne langsam hinter den Baumwipfeln verschwand.
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Kapitel 1 Leise melodische Klänge tönten in die Stille. Immer lauter drangen sie durch den Raum, bis sie sich zu einer fast schon fordernden rockigen Melodie gesteigert hatten. Ich stöhnte leise auf und tastete verschlafen nach der Quelle dieser morgendlichen Störung. Na super! Mein Handy war auf den bunten Teppich vor dem Bett gefallen und ich musste mich strecken, um es zu erreichen und die Schlummerfunktion zu aktivieren. »Montag!«, murmelte ich und zog mir die Decke über den Kopf. Ich war noch viel zu müde zum Aufstehen! Aber es war zu spät. Mein Kopf ratterte bereits im Schulmodus: Heute steht nichts Besonderes auf dem Plan, oder? Kein angekündigter Test, höchstens eine Abfrage in Englisch über die neuen Vokabeln … »Hoffentlich nicht«, brummte ich halblaut vor mich hin. Erst beim erneuten Dudeln meines Handyweckers schwang ich mich widerstrebend aus dem Bett. Draußen war es noch dunkel. Auf dem Weg ins Bad strich unser Kater Findus um meine Beine. Ich fuhr ihm über sein schwarzes glattes Fell und checkte im Weitergehen meine Chatnachrichten, wurde aber aus meinen Gedanken gerissen, als ich laute Stimmen von unten aus der Küche hörte. Verwundert zog ich meine Augenbrauen hoch. Ich konnte nicht verstehen, über was meine Eltern sprachen, aber es klang, als ob sie sich stritten. Schon wieder? Missmutig ließ ich die Badezimmertür hinter mir ins Schloss fallen. Mit einem Mal war mir unbehaglich zumute. Schon am Samstagnachmittag war Papa nach einem recht lauten Wortwechsel mit Mama zum Joggen aus dem Haus gelaufen. Erst nach dem Abendessen war er zurück gewesen. Und am Wochenende davor, als wir eigentlich alle bei Papas Fußballspiel im Nachbarort hatten zuschauen wollen, war Mama kurzfristig zu Hause geblieben. Migräne. Schließ6
lich waren mein Bruder und ich ohne Mama mit dem Rad nach Altenstadt gefahren, um Papas Mannschaft anzufeuern. Ich versuchte, meine negativen Gedanken zusammen mit dem restlichen Wasser aus dem Zahnputzbecher ins Waschbecken zu kippen. Was soll das alles? Ich warf einen kritischen Blick in den Spiegel. Meine großen grünen Augen blickten mich unsicher an. Rasch trug ich etwas Wimperntusche auf und betrachtete für einen Augenblick meine unzähligen Sommersprossen, die ich meiner Mutter zu verdanken hatte. Das Vibrieren meines Handys auf dem Badezimmerschränkchen zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Eine neue Nachricht im Klassenchat: »was haben wir in mathe auf???« Oh Mann! Da ist der Finn aber mal wieder echt früh dran. Leicht genervt klickte ich die Nachricht weg und lief zurück in mein Zimmer. Dort schlüpfte ich in meine enge schwarze Lieblingsleggins und zog mir ein langärmeliges, nahezu bauchfreies oranges Top über den Kopf. Meine langen rotblonden Haare band ich mit einem schwarzen Scrunchie zu einem hohen Pferdeschwanz zusammen. Durch das Fenster konnte ich den Sonnenaufgang sehen. Die ersten Strahlen erhellten zaghaft die Silhouette unserer Nachbarhäuser und oben auf dem Berg erkannte ich die Umrisse vom Schloss. Doch ich beachtete das friedliche Bild nicht weiter, sondern schnappte mir meinen schwarzen Rucksack und lief die Treppe hinunter in die Küche. Findus folgte mir mit einem fordernden »Miau«, um an sein Frühstück zu erinnern. Mama stand mit dem Rücken zur Küchentür und war mit dem Abwasch beschäftigt. Louis saß im Schlafanzug am Esstisch und rührte in seiner Schüssel mit Schokopops. Er hob den Kopf, als ich den Raum betrat, und sah mich an. Seine geröteten Augen verursachten ein komisches Ziehen in meiner Magengegend. Wortlos schlüpfte ich neben meinen kleinen Bruder auf die Eckbank, zog ihn auf meinen Schoß und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. Louis blonde Haare standen wuschelig in alle Richtungen. 7
»Mama hat Papa angeschrien«, flüsterte er leise in mein Ohr, »und dann ist Papa gegangen.« Das Ziehen in meiner Magengrube wurde stärker. Ich drückte Louis sanft und sofort kuschelte er sich an mich. Obwohl er schon acht Jahre alt war, war er immer noch ziemlich verschmust. Findus setzte sich vor seinen leeren Napf, schlang seinen schwarzen Schwanz elegant um seinen Körper und fixierte mich in Katzenmanier. Ich strich meinem Bruder noch mal über seinen Wuschelkopf, schob ihn zurück auf seinen Platz und sagte leise: »Iss deine Schokopops auf und geh dich anziehen, sonst kommst du zu spät zur Schule.« Dann drehte ich mich zu Mama um. »Guten Morgen«, sagte ich laut. Mama hielt inne und stützte sich am Spülbecken ab. »Guten Morgen, mein Schatz«, antwortete sie. Ihre Stimme war brüchig und dünn. Während sie sich umdrehte, versuchte sie zu lächeln. Ich kniff die Augen zusammen. Hat Mama geweint? Normalerweise war Mama lustig, sportlich und bereits beim Frühstück schick zurechtgemacht. Heute nicht. »Hier ist deine Pausenbox, Lina. Nimmst du Louis bitte nachher mit und bringst ihn zur Schule?« Ich nickte irritiert. Eigentlich wollte ich mich mit Sina und Steffi beim Döner treffen, um von dort aus gemeinsam zur Schule zu laufen. Ich blickte meine Mutter forschend an und fragte: »Was ist los? Warum hast du Streit mit Papa? Wo ist Papa?« »Dein Vater ist heute schon früher gefahren«, gab Mama knapp zur Antwort. »Er wird Louis heute nicht zur Schule bringen.« Dann drehte sie sich um und widmete sich erneut dem Abwasch. Ich schluckte: »Aber …« Doch Mama ließ mich nicht zu Wort kommen: »Mach du es mir jetzt nicht auch noch schwer!« Ihre Stimme wurde lauter: »Nimm Louis mit zur Schule und füttere endlich den hungrigen Kater!« 8
Gereizt ließ Mama den Schwamm ins Spülwasser plumpsen. Zack. Toller Montagmorgen! Missmutig nahm ich Findus’ Trockenfutterpackung aus dem Regal und befüllte den silbernen Napf. Kaum waren die getrockneten Bröckchen klingend hineingepurzelt, steckte Findus auch schon gierig seine kleine schwarze Katzennase in das Futter. Ich schnappte mir meine Pausenbox und verließ die Küche. Der Frühstücksappetit war mir gründlich vergangen.
»Hey, Mann, warum biste so spät?«, rief Sina mir entgegen. »Steffi und ich wollten gerad schon ohne dich loslatschen.« »Sorry«, entgegnete ich ganz aus der Puste. »Musste noch einen Umweg machen und Louis zur Vöhlinschule bringen.« »Kann der nich allein laufen? Ist doch kein Erstklässler mehr!«, meckerte Sina weiter und schob ihr Smartphone in die Jackentasche. Ich zuckte nur mit den Schultern und trottete neben den beiden her. Eigentlich hat Sina recht. So klein ist Louis nun auch nicht mehr. Aber Mama war einfach immer in Sorge um ihren Zweitklässler. Meine Gedanken schweiften ab. Louis mit seinen blauen Augen und blonden Haaren, der wie eine Miniversion von Papa aussah. Papa. Im Stillen fragte ich mich, warum er jede freie Minute im Fitnessstudio oder auf dem Fußballplatz sein musste. Gedankenverloren kickte ich einen kleinen Stein auf die Seite und schluckte den Kloß, der sich in meinem Hals bildete, hinunter. Mama und Papa hatten sich in letzter Zeit mehr oder weniger nur die Klinke in die Hand gegeben. So richtig als Familie was gespielt oder einen Ausflug gemacht, das hatten wir schon lange nicht mehr. Ich dachte angestrengt nach, wann ich meine Eltern das letzte Mal irgendwie glücklich zusammen gesehen hatte. Unterbewusst hatte ich eigentlich schon länger auf dem Schirm, 9
dass Mama und Papa nicht mehr ein Herz und eine Seele waren. Doch irgendetwas in meinem Inneren versetzte mich nun in allerhöchste Alarmbereitschaft. Irgendwie hing unser Familienfrieden schief. Richtig schief! »Mit Lina ist’s heut total lahm!«, stellte Sina genervt fest und zog ihr Smartphone wieder aus der Tasche. »Mhm … Was?« »Hattest du Stress daheim?«, fragte Steffi und riss mich damit aus meinen düsteren Gedanken. Steffi war die Sensiblere der beiden und schaute mich prüfend von der Seite an. »Nee, passt. Alles gut.« Ich verdrehte kurz die Augen und schluckte abermals unmerklich. Natürlich hatte ich nicht vor, den aktuellen Beziehungsstatus meiner Eltern vor den anderen auszubreiten. Zumindest noch nicht. Und so liefen wir durch Illertissen in Richtung Schulzentrum und plauderten über Belanglosigkeiten. Als Sina anfing, ihre abgedrehte Wochenend-Story zu teilen, lief das Gespräch wie immer von selbst.
Mein Schultag verlief komplikationslos. Wie zu erwarten von diesem Montag. Einige meiner Mitschüler trumpften mit den letzten coolen Skigeschichten für diese Saison auf, andere befanden sich eher noch im montäglichen Stand-by-Modus. In Englisch hatte Herr Gerber, mein Klassenlehrer, den unvorbereiteten Finn mit seiner Vokabelabfrage gequält und ich war froh, dass es nicht mich getroffen hatte. Das erste Halbjahr war geschafft und der Frühling stand vor der Tür. Eigentlich war ich mit meinen Noten im Halbjahreszeugnis recht zufrieden. Zugegeben, Luft nach oben gab es noch reichlich, aber alles in allem waren meine Leistungen zufriedenstellend. Mathe und Physik fielen mir recht leicht. Mit Englisch und Deutsch jedoch stand ich eher auf Kriegsfuß. In den sprachlichen Fächern machte mich die Note 10
4 bereits zu einer sehr glücklichen Schülerin. Als der Schulgong ertönte, schnappte ich meine Siebensachen und lief mit den anderen in die Mittagspause. »Was macht ihr heute nach der OGTS?«, fragte Sina auf dem Weg in die Mensa. Ich zuckte mit den Schultern und kramte meine Pausenbox aus dem schwarzen Rucksack. »Weiß noch nicht. Ich glaube, Oma kommt vorbei.« »Und ich hab heute noch Klarinette«, erwiderte Steffi. Ein paar Mädchen, die bereits an einem Tisch am anderen Ende der Mensa Platz genommen hatten, winkten uns zu. »Hey, da hinten sitzen schon Kim, Mariella und Alisa!«, rief Sina und steuerte direkt auf die drei zu. Steffi und ich folgten ihr durch die penibel aufgestellten Tischreihen. Bei den anderen angekommen, ließ ich mich auf einen freien Stuhl plumpsen. Kim kicherte und Mariella deutete auf ein Mädchen, das gerade durch das Hauptportal die Schule verließ. »Die Neue bei uns«, raunte Kim den anderen zu. »Wir haben doch tatsächlich schon wieder ’ne Neue in die Klasse bekommen.« »Ja«, ergänzte Mariella. »Schon wieder eine, die vom Gymi abgeht. Die ist total schräg!« Ich zeigte kein großes Interesse an den Lästereien und Sticheleien der Mädchen aus der Parallelklasse. Kim, Mariella und Alisa teilten sich einen großen Teller Pommes mit Ketchup aus der Cafeteria und unterhielten den restlichen Tisch mit ihrem ausführlichen Update über die neue Mitschülerin in der 8b. Ich war wieder vollkommen mit meinen eigenen Gedanken beschäftigt und knabberte lustlos an meinem belegten Brot herum. Dinkel-Vollkorn mit Käse. Dazu ein paar Gurkensticks. Eigentlich war es für mich okay, mich um Louis zu kümmern. Ich liebte meinen kleinen Bruder. Ich dachte an Mama, die wieder in Teilzeit arbeitete, und an Papa, der mit seiner Drei-Schicht-Arbeit zwar gut verdiente, aber nicht allzu viel zu Hause war. Seuf11
zend schob ich mir einen weiteren Gurkenstick in den Mund und versuchte, mich auf die Gespräche am Tisch zu konzentrieren. Aber irgendwie hatte ich an diesem Tag keine Lust, mit den anderen Mädels abzuhängen. Ich freute mich auf den Besuch von Oma Annemie und hoffte inständig, meine Eltern hatten die Zeit gehabt, sich auszusprechen. Was auch immer daheim in der Luft lag, es bereitete mir ein ungutes Gefühl. Es wird doch alles wieder okay? So packte ich meinen Rucksack, sobald ich konnte, nuschelte meinen Freunden ein undeutliches »Bis nachher!« zu und verschwand in Richtung OGTS. Ich wollte ein wenig allein sein.
Es nieselte. Schon wieder. Während ich am späten Nachmittag den Heimweg antrat, zückte ich mein Handy, entsperrte es mit meinem Fingerabdruck und klickte auf WhatsApp. Ein paar Nachrichten im Klassenchat. Die Illertissener Theatergruppe, in der ich seit zwei Jahren aktiv war, hatte die neuen Probetermine eingestellt und Melanie von schräg gegenüber wollte wissen, wie mein Wochenende gewesen war. Unschlüssig klickte ich auf den Kontakt von Papa. Er war online. Sollte ich ihm schreiben? Sollte ich ihn anrufen? Nein. Vielleicht war er bereits zu Hause. Ich schob mein Handy zurück in die Jackentasche. So schnell ich konnte, lief ich heim. Aber als ich an unserem kleinen Reihenhaus ankam, stand der BMW von Papa nicht wie erhofft auf seinem Parkplatz neben unserer Garage. Ich war enttäuscht. Doch Oma Annemies kleiner Flitzer, ein schicker roter Abarth Cabrio, parkte am Straßenrand. Immerhin. Oma war da. Ich überlegte kurz, zog dann doch mein Handy aus der Jacke und klickte auf Papas Kontakt. Das Freizeichen ertönte. »Was gibt es, Lina?«, fragte Papas vertraute Stimme. Ich hielt inne. Papa war außer Atem und ich hörte die Car12
dio-Musik vom Fitnessstudio im Hintergrund. »Äh, ich wollte nur wissen, ob du nachher zu Hause bist, Papa«, sagte ich. Bis auf die Hintergrundmusik war es kurz still in der Leitung. »Lina, ich bin im Fitnessstudio«, antwortete Papa, »Nachher treffe ich mich noch mit Alex vom Fußball. Ich denke, es wird spät. Brauchst du denn was von mir?« Ja, schoss es mir durch den Kopf: Aufmerksamkeit, Liebe, Zeit … Ich war enttäuscht. Papa würde heute Abend also wieder nicht zu Hause sein. »Nein. Alles okay, Papa«, log ich. Ich spürte, wie ein bockiger Unterton in mir aufkeimte. Doch bevor ich einen spitzen Kommentar abgeben konnte, schob Papa ein kurz angebundenes »Bis morgen dann« nach und beendete unser Gespräch. Ich war sauer.
Schon während ich die Haustür aufschloss, konnte ich Oma mit
Louis im Wohnzimmer laut lachen hören. »Oma, du hast schon wieder vergessen, UNO zu sagen. Eine Karte ziehen!«, kicherte Louis. Ich ließ meinen Rucksack achtlos neben all die Schuhe auf den Fußboden der Garderobe plumpsen und warf meine Jeansjacke darüber. Ein köstlicher Duft erfüllte den Hausflur. Frische Waffeln! »Lina? Bist du zu Hause?«, hörte ich die Stimme meiner Mutter aus der Küche. Ich folgte dem Duft, streckte im Vorbeigehen meinen Kopf ins Wohnzimmer und schickte Oma und Louis einen Handkuss aufs Sofa. Findus lag zusammengerollt in seinem Katzenbaum und schlief. »Hi, Mama!«, sagte ich, als ich in die Küche trat. »Gibt’s Waffeln?« Mama schloss mich ohne Vorwarnung in ihre Arme. Sie trug noch ihr Sportoutfit vom Vormittag und ihre rotblonden langen Haare hatten den Duft der Waffeln angenommen. »Es tut mir leid wegen heute Morgen,« flüsterte sie in meine 13
Mähne, die ihrer so sehr ähnelte, und drückte mir einen liebevollen Kuss auf die Stirn. »Es ist mir alles zu viel gewesen und es war nicht richtig, das an dir auszulassen.« Mama, die ich sowohl in Körpergröße als auch in Schuhgröße beinahe eingeholt hatte, entließ mich aus ihrer Umarmung und hielt mir einen Teller mit Waffeln hin. »Haben wir extra für dich aufgehoben«, fügte sie versöhnend hinzu. Mit dem Teller in der Hand musterte ich meine Mutter. »Wann kommt Papa heim?«, fragte ich in die entstandene Stille. Eigentlich war meine Frage eher rhetorisch, denn ich wusste ja bereits, dass Papa nicht vorhatte, zum Abendessen daheim zu sein. Doch irgendwie klammerte ich mich an die Hoffnung, er hätte seinen Plan geändert. Ich hörte Louis im Wohnzimmer erneut laut auflachen. Meine Mutter blickte zu Boden. »Er hat doch heute eigentlich frei, oder?«, bohrte ich noch mal nach. »Ich weiß es nicht. Er wollte sicher noch ins Fitnessstudio und …«, antwortete Mama ausweichend. Als unsere grünen Augen sich trafen, konnte ich in ihrem Blick meine eigene Unsicherheit erkennen. Sanft strich sie mir über meinen Pferdeschwanz und meinte: »Geh doch rüber zu Oma und Louis und spiel eine Runde mit.« Gehorsam trottete ich mit dem Waffelteller in der Hand ins Wohnzimmer und ließ mich auf das riesige beige Sofa direkt neben Oma Annemie plumpsen. Das Sofa verdiente eigentlich eher den Namen »Wohnlandschaft«. Es nahm einen Großteil unseres kleinen Wohnzimmers ein und bot viel Platz zum Chillen und Faulenzen. Papa hatte es vergangenen Sommer gekauft und genoss dort seine Sportschau-Abende. Oma gab mir einen Kuss auf die Wange und betrachtete mich aufmerksam mit ihren wachen grünen Augen. Viele kleine Lachfältchen und ihre langen weißen hochgesteckten Haare ließen meine Oma stets elegant und fröhlich aussehen. Sie war eher zu14
rückhaltend, hatte aber ein feines Gespür dafür, wie es um ihre Lieben bestellt war. Ihr konnte man nie etwas vormachen. »Cool!«, rief Louis. »Spielst du mit, Lina? Ich habe schon vier Mal gewonnen!« Den Mund voll mit Waffel nickte ich nur und Louis begann, die Karten für eine neue Runde auszuteilen.
Die Sonne war bereits untergegangen, als Oma in ihr kleines Cabrio stieg. Ich stand an der Haustür und sah ihr nach. Oma hatte ein paar Tränen in den Augen gehabt, als sie sich von Mama verabschiedet hatte. »Ich bin immer für euch da, Tanja, das weißt du. Und Gott auch. Ich bete für euch«, hatte Oma zu Mama gesagt und ihr die Wange getätschelt. Mama war so niedergeschlagen. So kannte ich sie gar nicht. Und jetzt betet Oma für uns? Was soll denn das heißen? Ihre Worte versetzten mich erneut in Alarmbereitschaft. Ich wusste, dass Oma jeden Sonntag in den Gottesdienst ging und dass sie in der Bibel las. Aber normalerweise hielt sie sich mit Äußerungen über ihren Glauben zurück, weil sie wusste, dass Papa damit nicht viel anfangen konnte. Für uns als Familie spielte die ganze Sache mit Gott eigentlich keine große Rolle. Während ich hoch in mein Zimmer lief, hörte ich Mama im Wohnzimmer auf und ab laufen und telefonieren. Sie wirkte aufgebracht. Als ihre Stimme mit einem Mal einen kämpferischen Unterton annahm, blieb ich mitten auf der Treppe stehen und lauschte. »Nein, Christoph, nein!«, hörte ich meine Mutter. Sie telefonierte also mit Papa. »Wenn du meinst! Dann zieh halt bei Alex ein. Weglaufen, wenn es schwierig wird, das hast du ja schon immer gut gekonnt!« Stille. Ich hörte nur das laute Klopfen meines eigenen Herzens, 15
während ich wie angewurzelt auf der Treppe stand und nicht fassen konnte, was ich eben gehört hatte. Papa will … ausziehen? »Eine Auszeit?«, hörte ich die beinahe schrille Stimme meiner Mutter. »Und für was soll das gut sein? Damit du noch mehr Zeit für Fitness und dein Smartphone hast und mich hier mit den Kindern und allem alleinlässt?« Die Stimme von Mama war laut und anklagend. Zum Glück schlief Louis schon. Ich hatte genug gehört. Eilig rannte ich die Treppe hinauf in mein Zimmer und schloss leise hinter mir die Tür.
An diesem Abend fand ich keine Ruhe. Ich lag wach in meinem
Bett. Meine Gedankenwelt spielte verrückt. Papa war wirklich nicht beim Abendessen dabei gewesen, obwohl er frei hatte und kein Fußballtraining war. Ich verstand es einfach nicht. Mama hatte für mich, Louis und Oma Annemie Pizza gebacken. Eigentlich liebte Papa Pizza. Würde er wirklich über Nacht bei diesem Alex vom Fußball bleiben? Der helle LED-Streifen unter meinem Bett tauchte mein ganzes Zimmer in ein schummriges orangenes Dämmerlicht. Ich kuschelte mich tiefer in mein Kissen und ließ den Blick durch das Zimmer schweifen. Meine Lieblingsfarbe war seit Langem Orange und so hatte Papa zusammen mit mir im vergangenen Jahr mein Zimmer farblich angepasst – zwei Wände orange und zwei weiß. Der bunte Teppich vor dem Bett spiegelte genau den Orangeton der Wand wider und die weißen Möbel machten das Zimmer hell und freundlich. Auch der Bettbezug mit den kleinen orangenen Blümchen passte perfekt zum Gesamtbild. Ich blickte auf mein Handy. Keine neuen Nachrichten. Meine Finger klickten auf Papas WhatsApp-Chat und meine beiden Daumen tippten: »hey papa. ich vermisse dich!!!!« Ich berührte den Sendebutton und drehte mich auf die Seite. Nur wenige Minuten später summte die Vibration des Handys und das Display leuchtete auf. Ich blickte auf die Nachricht meines Vaters: »Bin noch bei Alex. Schlaf gut. Sehen uns morgen.« 16
Ich runzelte die Stirn und wusste nicht, was ich davon halten sollte. Mit einem Klick schaltete ich das Dämmerlicht über die LED-App aus und steckte das Handy unter mein Kopfkissen. Es dauerte lange, bis mich die Müdigkeit überkam und ich endlich einschlief.
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Kapitel 2 »Papa!«, rief ich erleichtert, als ich am nächsten Morgen die Küche betrat und meinen Vater am Frühstückstisch vorfand. Ich hatte schlecht geschlafen, aber vielleicht hatte sich der telefonische Sturm zwischen den beiden gelegt? Papa saß mit einer Tasse Kaffee neben Louis, der unablässig Schokopops in seinen Mund schaufelte. Mama befüllte unsere Pausenboxen. Kater Findus hatte sein Frühstück bereits vertilgt und putze ausgiebig sein schwarzes Katzenfell. »Guten Morgen, Lina!«, sagte Papa und zog den Stuhl neben sich einladend zurück, »Gut geschlafen?« Ich setzte mich neben ihn und füllte mir wie automatisch ein paar Schokopops in eine Schüssel. »Geht so«, gab ich zur Antwort und fixierte ihn. »Du hast gestern Abend Mamas leckere Pizza verpasst. Und Oma Annemie war auch da.« Es klang eine Spur vorwurfsvoll. Es klang auch eine Spur wie etwas, das Mama gesagt haben könnte. Papas Augen verengten sich leicht. Er nahm die Milchtüte und goss einen ordentlichen Schuss in meine Müslischüssel. »Du, Lina, ich muss mit dir reden. Und mit Louis auch«, sagte er in die entstandene Stille. Ich starrte ihn an und mein Magen krampfte sich zusammen. »Lina, ich – ich werde für ein paar Tage bei Alex bleiben. Du kennst doch Alex noch vom Fußball? Es ist nur vorübergehend und …« Ich starrte meinen Vater weiterhin wie hypnotisiert an. Auch Louis hatte mit dem Kauen aufgehört und sein Löffel verharrte mit einer weiteren Ladung Frühstück in der Luft. Milch kleckerte auf den Tisch. In meinem Kopf begann es zu schwirren. Papa will wirklich ausziehen! Also hatte sich seit gestern Abend doch nichts 18
zum Positiven verändert. Ich war nicht fähig zu sprechen. Ein dicker Kloß bildete sich in meinem Hals. »Es ist manchmal zwischen Erwachsenen nicht so einfach. Mama und ich … Ach, das versteht ihr halt noch nicht und …«, Papa brach ab, als ob ihm die Worte fehlten. Doch ich verstand sehr wohl. Er will ausziehen! Mein Papa will ausziehen! Er wollte uns nicht mehr. Mich und Louis und Mama auch nicht. In meinen Augen sammelten sich Tränen. Papa blickte von mir zu Louis und wollte weitersprechen, stand dann aber wortlos auf. Erst da bemerkte ich die zwei Sporttaschen neben der Heizung auf dem Fliesenboden. Papa nahm die Taschen und seinen Autoschlüssel. Er drückte mir und Louis einen Kuss auf den Kopf und verließ grußlos das Haus. Mama stand an der Kochinsel und hatte wie ich Tränen in den Augen. Als die Haustür ins Schloss fiel, sprang ich auf und rannte ins Bad. Mir war schlecht. Ich hörte das Surren vom Schließen des Kofferraums und wie die Autotür des BMW zuschlug. Der Motor startete und mein Vater verließ unsere Hofeinfahrt.
Ich war immer noch völlig durcheinander, als ich ein paar Minuten später in Richtung Schule lief. Ich brachte den verstörten Louis zur Grundschule und bemerkte den Nieselregen an diesem trüben Dienstag kaum, der meine Haare in eine klamme Masse verwandelte. Alles lief noch einmal wie ein verschwommener Film vor mir ab: Papa mit seinen Taschen und dem Autoschlüssel, Mama, die Louis tröstend in den Arm nahm, der Kater, der die Sekunde der offenen Haustür nutzte und hinaussprang. Hämmernd und sich endlos wiederholend hörte ich die Worte »Das versteht ihr halt noch nicht« und »Es ist nur vorübergehend«. Ich schluckte schwer. Bloß nicht heulen, dachte ich, als ich am Döner auf Sina und Steffi traf. Ich ließ mir nichts anmerken und 19
überspielte meine Sorgen recht cool. Sina hing heute wieder mal wie ein hypnotisiertes Kaninchen an ihrem Smartphone und Steffi war mit ihren Karteikarten für ihr Referat beschäftigt. Das machte es einfach. In der Schule angekommen, verkrümelte ich mich schnell auf meinen Platz. »Alles klar?«, wollte Steffi dann doch wissen. Ich nickte nur und steckte meinen Kopf in mein Mathebuch. Doch die Zahlen und Buchstaben darin verschwammen zu einem nicht lesbaren Bild. Der Schultag entpuppte sich vom Start weg als mittelschwere Katastrophe. Im Matheunterricht war ich geistig völlig abwesend, sodass ich drei Mal überhaupt keine Ahnung hatte, welche Frage Herr Kilic gestellt hatte, als ich aufgerufen wurde. »Lina, was ist denn heute mit dir los? Bist du nicht ausgeschlafen?«, fragte mein Mathelehrer genervt. Ich wurde furchtbar rot und die spitze Bemerkung »Die pennt heute noch«, die von hinten kam, trieb mir die Tränen in die Augen. Danach beglückte die Deutschlehrerin unsere Klasse mit einem unangesagten Test und die übrigen Fächer zogen an mir vorbei, als wäre ich nur eine passive Beobachterin. Auch in der Mittagspause war ich geistesabwesend und reagierte auf Steffis und Sinas Gesprächsversuche nur mit »Was?« oder »Mhm …«. Sina wandte sich schnell genervt ab und plapperte mit den Mädels der Parallelklasse. Steffi jedoch schien zu spüren, dass mit mir etwas nicht stimmte und dass meine Laune weder auf meine Periode noch auf eine zu kurze Nacht zurückzuführen war. »Wenn du reden möchtest … ich bin da!«, flüsterte sie in meine Richtung. Aber sie wollte mich offensichtlich nicht zu einem Gespräch drängen, wofür ich ihr ein dankbares und gequältes Lächeln schenkte. Und so puffte sie mir noch aufmunternd in meine Seite und schloss sich dann dem Gespräch der anderen Mädchen an. Ich saß zwischen all den anderen, mitten im Pausengetümmel, und fühlte mich dennoch total einsam. Ich war nicht fähig, Worte zu finden, obwohl ich Steffi gerne ins Vertrau20
en gezogen hätte. Und so blieb ich mit meinen trüben Gedanken allein.
Ich war einfach nur froh, gleich nach der OGTS nach Hause zu können. Dort lief ich direkt in mein Zimmer, knallte die Tür hinter mir zu, schleuderte Jacke und Rucksack auf den Boden und warf mich aufs Bett. Ich wollte mit niemandem reden und einfach nur meine Ruhe. So öffnete ich meine aktuelle Playlist und drehte die Lautstärke voll auf. Da klopfte es an meine Tür. Ich gab keine Antwort und ignorierte auch ein weiteres Klopfen. »Lina, darf ich reinkommen?«, fragte Mama durch die geschlossene Tür. Ich antwortete nicht und blickte trotzig an die Decke. Mein Schweigen schien Mama als ein »Ja« zu deuten, denn sie öffnete leise die Tür und setzte sich auf meine Bettkante. Lange saß sie nur da und schwieg. Ich starrte an die Zimmerdecke und ignorierte sie weiterhin. »Warum braucht Papa eine Auszeit?«, brach ich dann doch mein Schweigen. Das Wort »Auszeit« betonte ich. Mama zögerte kurz. »In den meisten Ehen gibt es mal Probleme«, sagte sie dann. »Papa und ich haben einfach in vielen Dingen unterschiedliche Ansichten. Wir müssen beide nachdenken. Mir tut es leid, dass ihr unsere Streitereien mitbekommen habt. Ich …« »Was denn für verschiedene Ansichten?«, fragte ich. Mamas Gesichtszüge zuckten leicht, das konnte ich aus dem Augenwinkel erkennen. Sie rieb sich an der Schläfe. »Über viele Dinge, Lina. Teilweise ganz banale Sachen. Zum Beispiel, wie viel jeder im Haushalt hilft, ob wir unser Geld für Bioprodukte ausgeben oder eben nicht … oder auch wie viel Zeit Louis an der Spielkonsole hängen darf.« 21
Ich schwieg eine Weile. »Wegen so was zieht man doch nicht aus!« So einfach wollte ich mich nicht abspeisen lassen. »Liebt ihr euch denn nicht mehr?«, fragte ich daher mit gepresster Stimme und starrte weiterhin konzentriert an die Decke. Meine Mutter schwieg. »Wir haben einfach Schwierigkeiten, miteinander zu sprechen. Es ist kompliziert zu erklären …« Ich dachte nach und wendete meinen Blick langsam meiner Mama zu, um die für mich entscheidende Frage zu stellen: »Hat Papa eine andere?« Bei Melanie von schräg gegenüber war es nämlich genau so gewesen. Erst war ihr Papa vorübergehend ausgezogen, dann bei seiner Freundin eingezogen und ein Jahr später hatten sich Melanies Eltern offiziell getrennt. Melanie genoss die Wochenenden bei ihrem Vater, der sie als Einzelkind mit allerlei Wohlstandskrimskrams überhäufte, ihr keinen Wunsch abschlug und alles erlaubte, auch Sachen, zu denen Melanies Mutter niemals ihr Okay gegeben hätte. Einerseits beneidete ich sie ein bisschen um das, was ihr Papa mit ihr unternahm und für sie kaufte. Aber trotzdem wollte ich nicht mit ihr tauschen! Irgendwie kam es mir so vor, als sollte sie mit den vielen tollen Sachen einfach abgefertigt und ruhiggestellt werden. Mama war still. Sie seufzte tief. »Ich weiß es nicht so genau, Lina«, sagte sie dann tonlos und erwiderte meinen Blick. »Du weißt es nicht?«, fragte ich verwirrt zurück. »Nein«, fuhr sie fort. »Ich weiß es nicht. Ich habe ihn nicht direkt gefragt. Wir haben uns in den vergangenen Wochen sowieso nicht viel zu sagen gehabt. Papa war viel beim Sport, ich auf Arbeit. Es ist, als ob der Alltag uns entfremdet hat.« Ich schluckte laut. »Und hat Papa mich lieb?«, fragte ich mit erstickter Stimme. Ich hasste es, war aber auch gegen diesen erneuten Anflug von Tränen machtlos. Mama strich mir sanft über den Arm. »Ganz sicher. Ganz, ganz sicher, Lina. Unsere Probleme haben nichts mit dir oder Louis zu 22
tun. Papa kann es vielleicht manchmal nicht so zeigen, aber er liebt seine Kinder. Er liebt dich. Da bin ich mir sicher.« Nachdem Mama noch eine Weile meinen Nacken gekrault hatte, verließ sie mein Zimmer. Sie versuchte trotz allem gefasst zu wirken. Allerdings kaufte ich ihr das nicht ab. Mama strahlte eine schlechte Mischung aus Ratlosigkeit, einer Portion Wut und einer Prise Angst aus. So hatte ich sie noch nie erlebt. Ich drehte mich auf den Bauch und blickte aus meinem Fenster. Vielleicht hat Oma Annemie doch recht und beten ist eine gute Sache, schoss es mir durch den Kopf. Aber war beten nicht nur was für Omas?
Ich verbrachte den restlichen Abend in meinem Zimmer. Hunger
hatte ich keinen. Durch meine geschlossene Tür hörte ich, wie es sich Louis auf der Wohnlandschaft mit seiner Nintendo Switch bequem machte und ich hörte ebenso, wie Mama telefonierte. Ich hatte richtig schlechte Laune. Es kam mir alles so unfair vor. Als ich mich auf meinem Bett umdrehte, um eine neue bequeme Position zu finden, fiel mein Blick auf den Rucksack. »Hausaufgaben! Ach, nee«, murrte ich. Ich hatte einfach keine Lust dazu. Und konzentrieren konnte ich mich eh nicht. Meine Gedanken kreisten um meine Familie. Was Papa wohl gerade macht? Kurzerhand entschied ich mich für eine heiße Badewanne mit viel Schaum und gegen die wartenden Hausaufgaben. Rasch schnappte ich mir frische Unterwäsche und lief ins Bad. Während ich die Badewanne einlaufen ließ, drehte ich meine Playlist erneut voll auf, warf meine Klamotten in den Schmutzwäschesack und putzte mir die Zähne. In der warmen Mischung aus Wasser und Schaum kam ich etwas zur Ruhe und musste wieder an meine Oma denken. Oma Annemie hatte immer einen guten Rat. Sie konnte gut zuhören und schwieg wie ein Grab. Vielleicht sollte ich Oma am Wochenende mal besuchen.
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Die folgenden Schultage vergingen nur zäh und ich sehnte das Wochenende herbei. Papa schickte jeden Abend zum Einschlafen eine Nachricht auf mein Handy und bat mich sogar immer darum, Louis einen Gutenachtkuss zu übermitteln. Das versöhnte mich ein wenig. Zudem versprach er, am Samstag mit uns beiden schwimmen zu gehen. Auf der einen Seite freute ich mich, auf der anderen Seite war ich verunsichert. Und trotzdem konnte ich es kaum erwarten, dass die Schulwoche vorbei war und der Samstag kam. Ich hatte Angst, dass Papa es sich anders überlegen würde. Oder dass es plötzlich komisch mit Papa sein würde. Ich nahm mir vor, ihm genauestens auf den Zahn zu fühlen, ob er mich wirklich noch lieb hatte. Und natürlich, wie es um eine andere Frau in seinem Leben bestellt war.
Dann war der ersehnte Tag endlich da! Pünktlich um zehn Uhr
fuhr Papa mit seinem schwarzen BMW in unsere Einfahrt. Louis riss die Haustür auf, drängte sich an mir vorbei und rannte ungestüm auf Papa zu. »Papa!«, rief er laut. Papa lächelte, als er ihn auf den Arm nahm: »Hallo, mein Großer!« Papa wirkte ein wenig nervös und ich glaube, er war froh über die stürmische Begrüßung. An seinem eigenen Haus klingeln zu müssen, wäre für ihn sicherlich sehr komisch gewesen. Da erschien Mama neben mir in der Haustür. Sie lächelte Papa unsicher an. »Guten Morgen, Christoph«, begrüßte sie ihn. Ihre Stimme war leise und melodisch. Seine stahlblauen Augen musterten sie. Mama war in der Früh joggen gewesen und ihre alten Laufschuhe standen noch neben der Haustür. Sie blickte ihn ganz ruhig an, ganz und gar nicht kampfeslustig, so wie es in 24
den vergangenen Wochen regelmäßig der Fall gewesen war. Das überraschte mich. »Hey, Tanja«, sagte Papa und fragte mit Blick auf ihre Laufschuhe: »Du gehst wieder laufen?« Sein bedepperter Gesichtsausdruck verriet, dass diese Frage auch in seinen Ohren wirklich dämlich geklungen hatte. Natürlich ging Mama joggen! Schon seit Monaten. Mindestens zweimal die Woche traf sie sich mit ihrer Freundin und lief ihre stolzen zehn Kilometer. Wieso weiß Papa das nicht? »Seit September«, gab Mama knapp zur Antwort. Autsch. Wie peinlich für Papa. Ich wollte lieber nicht wissen, was ihm in letzter Zeit noch alles entgangen war. »Ah«, sagte er nur. Ich ergriff den Moment der peinlichen Stille und drängte mich an Mama vorbei. Nachdem ich ihr einen flüchtigen Kuss gegeben hatte, stellte ich mich vor Papa, den Schwimmbeutel lässig über meiner Schulter. »Es kann losgehen!«, sagte ich und blickte ihn an. »Jetzt werde ich aber genau gemustert!« Papa legte seinen Arm um mich. »Ich bringe die beiden am frühen Nachmittag zurück. Passt das für dich?«, fragte er in Mamas Richtung. Sie nickte. Während wir drei zum Auto liefen, schaute ich noch einmal zurück. Mama stand in der Tür und blickte uns nach.
Louis redete die ganze zehnminütige Autofahrt am Stück. Er saß
vorne und erzählte Papa von der Schule, wie sein Schulkamerad Max im Deutschunterricht vom Stuhl gefallen war und wie viele Hausaufgaben er diese Woche zu erledigen gehabt hatte. »Was machen wir als Erstes?«, fragte er dann. »Rutschen? Oder gehen wir gleich raus ins Außenbecken?« Ich war still. Ich saß hinten, schaute aus dem Fenster und überlegte, wie und wann ich Papa meine vielen Fragen stellen sollte. Papa blickte mehrmals zu mir in den Rückspiegel. Er sah müde aus. Angespannt. Unsicher. Offensichtlich versuchte er, Blickkon25
takt mit mir aufzubauen. Ich aber ignorierte seine Versuche und antwortete stattdessen auf Louis Frage mit einem »Ja, klar! Rutschen klingt super!«. Louis jubelte und plapperte dann weiter. Von Weitem konnten wir schon den überfüllten Parkplatz sehen. Im Schwimmbad schien richtig was los zu sein, was allerdings auch nicht verwunderlich war. Es war noch zu kalt für große Touren unter freiem Himmel und so verbrachten offensichtlich viele Familien ihren Samstag im Hallenbad. Papa, Louis und ich mussten eine Weile anstehen, bis wir an der Kasse waren. Während ich in eine Einzelkabine ging, um mich umzuziehen, nutzte Louis mit Papa die Männer-Sammelumkleide. »Komm, wir rutschen als Erstes!«, rief Louis, als wir endlich in der Schwimmhalle waren, und zog Papa mit in Richtung der großen Rutsche. Ich folgte den beiden. Auf Höhe des Schwimmerbeckens hörte ich jemanden meinen Namen rufen. »Lina, hier drüben! Lina!« Suchend schaute ich in das Meer von Haaren, Köpfen und Taucherbrillen. Hinten, am Beckenrand, erkannte ich Sina, Finn, Alisa und ein paar andere bekannte Gesichter aus meiner Jahrgangsstufe. Ich hob etwas lahm die Hand, um zu winken, und wusste nicht recht, ob ich mit Papa und Louis zur Rutsche oder doch lieber einen Abstecher zu meinen Freunden machen sollte. »Papa«, setzte ich an, als ich mich zu den beiden umdrehte. Aber Papa und Louis hatten gar nicht bemerkt, dass ich stehen geblieben war. Sie waren bereits am Treppenaufgang der Rutsche angekommen. »Na super!«, sagte ich leise und ein wenig eingeschnappt, machte auf dem Absatz kehrt und gesellte mich unter großem Hallo zu Sina und den anderen.
Den größten Teil unserer Zeit im Schwimmbad verbrachte ich mit den Mädchen und Jungs aus meiner Jahrgangsstufe. So hat26
te ich mir den Ausflug mit Papa zwar nicht vorgestellt, aber ich hatte eine Menge Spaß. Zur Mittagszeit gab Papa mir mit einem Wink zu verstehen, dass ich zu ihnen kommen sollte, damit wir gemeinsam eine Mittagspause vom Schwimmen, Planschen und Rutschen machen konnten. »Das sieht ja hammerlecker aus!«, rief Louis und blickte auf das Tablett in Papas Händen. Zwei große Pizza Margherita. Louis’ Bauch knurrte bereits laut. Er nahm sich das erste Stück und begann sofort, mit den Zähnen den Käse von seiner Pizza zu ziehen. Ich setzte mich auf die andere Seite neben Papa und blickte ihn forschend an. Als er gerade den ersten Biss machen wollte, fragte ich: »Papa, hast du eigentlich eine Freundin oder warum kommst du nicht nach Hause?« Meinem Vater fiel beinahe die Pizza aus der Hand und Louis starrte mich mit weit aufgerissenen Augen und plötzlichem Entsetzen an. Für einen kurzen Moment war Papa sprachlos, dann stotterte er: »Äh, Lina, Schatz, wie kommst du denn auf so was?« Er blickte mich fassungslos an, doch ich kam gerade erst in Fahrt und legte sogleich mit der nächsten Frage nach. Laut und deutlich, sodass alle anderen Badegäste im Bistro es hören konnten, fragte ich: »Hast du uns denn gar nicht mehr lieb?« Ich sah alles wie mit einem Tunnelblick. Ich sah nur mich und meinen Papa und schmetterte meine Frage einfach so raus, ohne zu bemerken, wie die anderen Schwimmbadbesucher um uns herum entweder peinlich betreten wegschauten oder mit großer Neugier zu unserem kleinen runden Tisch hinüberstarrten. »Lina, ich …«, stotterte mein Vater erst. Dann sammelte er sich, straffte seine Schultern und sah mich mit festem Blick an: »Hat dir Mama aufgetragen, mich das alles zu fragen? Oder denkst du dir so einen Blödsinn selbst aus?« Papa klang mit einem Mal wütend. Wahrscheinlich fühlte er sich unter den Blicken der anderen Badegäste in die Ecke gedrängt. 27
Bloßgestellt. Ich begann zu zittern, als mir die Aufmerksamkeit der anderen Schwimmbadbesucher bewusst wurde. Louis hielt immer noch tapfer sein erstes Stück Pizza in der Hand und war offensichtlich mit der Gesamtsituation überfordert. Meine Augen füllten sich mit Tränen. »Das war aber keine Antwort, Papa«, erwiderte ich mit zittriger Stimme. Ich fühlte mich augenblicklich nicht mehr tough, sondern Angst machte sich breit. Papa stand ruckartig auf: »Und ich bin dir keine Rechenschaft schuldig, junge Dame. Ständig bekomme ich gesagt, was ich tun soll und was nicht. Du klingst wie deine Mutter. Ich fahre euch jetzt nach Hause. Unser Ausflug ist vorbei!« Für diese Ansprache erntete Papa nur Kopfschütteln und viele missbilligende Blicke der anderen Bistro-Besucher. »Ich warte am Auto«, schob er noch nach, bevor er sich umdrehte und eilig in die Dusche der Männer verschwand. Unter den neugierigen Blicken der anderen Besucher standen Louis und ich auf. Das volle Tablett ließen wir einfach stehen. Mechanisch liefen wir hinter Papa her in Richtung der Duschen. Louis tapste kleinlaut in die Männerdusche. Ich konnte es nicht fassen. Was ist da gerade passiert? Schnell wickelte ich mich in mein großes oranges Badetuch und ging, ohne zu duschen, direkt in eine der Umkleiden. In Windeseile schlüpfte ich in meine Klamotten, stopfte die Schwimmsachen in meinen Beutel und verließ den Umkleidebereich. Ohne mich auch nur umzudrehen, lief ich aus dem Hauptausgang in Richtung Schulkomplex. Ich hatte kein Interesse daran, mich noch mal so anschreien zu lassen. Tränen liefen über mein Gesicht. Ich wollte nur noch weg.
Der Nieselregen der vergangenen Tage hatte wieder eingesetzt. Ich zog die Kapuze meines Hoodies über meinen Kopf und tief in mein Gesicht. Mein Vater hatte eine Affäre! Er war gar 28
nicht zu seinem Freund gezogen, davon war ich nun überzeugt. Schließlich hätte er meine Frage ja einfach mit »Nein« beantworten können, wenn es so gewesen wäre. Mein Herz raste und ich konnte meinen Puls bis in die Ohren spüren. Eilig durchquerte ich den leeren Pausenhof der Mittelschule, lief über das Gelände meiner Realschule und stand schließlich an der kleinen Straße, die den Stadtteil Illertissen-Dornweiler mit dem Dorf Au verband. Au. Oma Annemie. Ja, Oma Annemie! Kurz entschlossen wendete ich meine Schritte nach rechts und lief am begrünten Seitenstreifen der Straße aus Illertissen hinaus, am Elektrizitätswerk vorbei und dann weiter auf dem Fahrradweg in Richtung Au. Es fielen unablässig feine Nieseltröpfchen vom Himmel. Meine Jeansjacke war inzwischen komplett durchnässt und ich fror. Was für ein furchtbarer Tag! Wie hatte ich mich auf dieses Wochenende gefreut! Ich hatte gehofft, ein paar Antworten zu bekommen. Antworten auf das, was ich nicht verstand. Antworten auf das, was mir Angst machte. Da spürte ich das Vibrieren meines Handys. Ich zog es aus der Jackentasche. Papa rief an. Ohne zu zögern, steckte ich es zurück in meine Tasche. Nein, danke! Keine Sprechstunde. Mein Herz war voller Zweifel. Tausend Fragen jagten mir durch den Kopf. Hat Papa mich lieb? Kommt er wieder zurück? Bricht unsere Familie auseinander? Inzwischen war ich am Waldspielplatz angekommen, der kurz vor dem Ortseingang von Au lag. Ich fröstelte und zog mir die nasse Kapuze tiefer ins Gesicht, als ich die erneute Vibration meines Handys durch die nasse Jackentasche spürte. »Ihr könnt mich doch alle mal!«, knurrte ich, ignorierte das Summen und stapfte weiter durch den Regen. Als das Handy verstummte und sogleich nochmals kurz aufbrummte, war klar, dass auf den erneuten Anruf eine Nachricht gefolgt war. Doch neugierig, angelte ich nach dem Telefon in meiner Tasche. Mama! Papa musste Mama angerufen haben. Instinktiv klickte ich auf 29
ihre Sprachnachricht: »Lina, wo bist du? Was ist passiert? Wir machen uns große Sorgen. Bitte melde dich!« Mama hatte hastig gesprochen und es klang, als wäre sie in Eile. Für einen kurzen Moment keimte ein Anflug von schlechtem Gewissen in mir auf. Mama sorgt sich ... Stopp! Nein! Ich war hier schließlich nicht diejenige, die sich wie ein Kleinkind benahm. Sollten sich Mama und Papa doch zuerst einmal um ihren Ehekram kümmern und mich bitte schön in Ruhe lassen.
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Kapitel 3 Als ich in die kleine Straße am Dorfrand einbog, in der Oma Annemie wohnte, war ich erleichtert. Meine Füße taten weh und das Wasser quoll bereits aus meinen klitschnassen Sneakers. Die Kapuze von meinem Hoodie hing wie ein nasser Sack über meinem Kopf und hatte mein klammes Haar gänzlich durchnässt. Außerdem war ich hungrig. In der Küche von Omas Haus brannte Licht und durch das gekippte Fenster hörte ich leise Musik. Oma war zu Hause! Zum Glück! Ich klingelte. Es dauerte nur einen kurzen Moment, dann öffnete Oma die Haustür. Erstaunt zog sie die Augenbrauen in die Höhe: »Lina? Mein Schatz, wo kommst du denn her?« Sie musterte meine nassen Anziehsachen. »Komm rein. Du bist ja ganz nass. Du wirst dich bei diesem Wetter noch erkälten!« Ich gab keine Antwort. Stumm ließ ich mich von Oma in den Flur schieben und direkt weiter die Treppe hoch in ihr kleines Badezimmer. Durch meine eiskalte Nase sog ich den vertrauten Geruch von Omas Waschmittel und Kernseife ein. Oma stellte den Heizlüfter an, ließ die Dusche warm laufen und holte zwei große roséfarbene Handtücher. »Wo kommst du denn her, Lina? Ich dachte, du bist heute mit Christoph im Schwimmbad?«, fragte sie. Ihre Stimme hatte einen besorgten, aber in keiner Weise vorwurfsvollen Unterton. Ich schüttelte nur den Kopf. Erneut strömten Tränen über meine Wangen. Ich ließ sie einfach laufen. »Wissen Tanja und Christoph, dass du hier bist?«, fragte Oma. Ich schüttelte wieder den Kopf. Inzwischen zitterte ich am ganzen Körper. Sicherlich hatte Oma dies bei meinem jämmerlichen Anblick bereits vermutet. 31
»Ab unter die Dusche mit dir. Ich lege dir meinen Bademantel und trockene Wäsche vor die Tür.« Omas Aufforderung duldete keinen Aufschub. Sie schloss die Tür hinter sich, jedoch nicht, ohne mir vorher mit einer liebevollen Geste eine meiner tropfenden Haarsträhnen hinters Ohr zu schieben. Ich hörte, wie sie die Treppe ins Erdgeschoss hinunterlief und dabei leise sprach. Durch das Prasseln der Dusche konnte ich die Worte nicht richtig verstehen, aber ich glaubte, sie betete. Während ich mich mechanisch meiner nassen Klamotten entledigte, hörte ich Oma abermals sprechen. Diesmal lauter und deutlicher. Wortfetzen drangen durch den Flur zu mir nach oben. Oma telefonierte offenbar. Na, immerhin muss Mama sich jetzt keine Sorgen mehr machen! Ich stieg in die Dusche und ließ das heiße Wasser über meinen ausgekühlten Körper laufen. Keine Ahnung, wie lange ich unter dem heißen Wasserstrahl stand. Ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich aufhörte zu zittern und mein kalter Körper die Wärme des Wassers aufnahm. Noch immer konnte ich keinen klaren Gedanken fassen. Dennoch stand irgendwie für mich fest, dass Papa mich nicht liebte. Ich konnte es mir selbst nicht erklären. Natürlich, ich war kein Baby mehr. Ich wollte auch nicht auf Papas Schoß sitzen und mit ihm Memory spielen wie ein Kleinkind. Die Zeiten waren längst vorbei! Was will ich dann? Was fehlt mir so furchtbar? Papa hatte sich in den vergangenen Wochen und Monaten immer mehr zurückgezogen. Er unternahm viel allein und zeigte wenig Interesse an unserer Familie. Er war zu einer Mischung aus unerreichbarem Sportfreak und dauererreichbarem Handy-Junkie mutiert. Ich seufzte. Mit superguten Schulnoten konnte ich nicht punkten. Auch im Sport war ich eher durchschnittlich. Mit Leichtathletik hatte ich letzten Sommer aufgehört, da sich dieses Hobby nicht mit meiner Mittagschule und der OGTS vereinbaren ließ, und auf der Theaterbühne hatte ich noch nie eine Hauptrolle ergattert. Ich wollte meinen 32
Vater so gerne stolz machen. In mir flammte ein Schmerz auf, den ich bis jetzt nicht gekannt hatte. Eine unglaubliche, beinahe erdrückende Sehnsucht nach Anerkennung und Lob von meinem Papa. Ich wollte ernst genommen werden. Ich wollte, dass er sich wirklich für mich und mein Leben interessierte. Komplimente. In den Arm genommen werden. Zeit mit ihm verbringen. Ich fühlte mich leer. Einfach leer. Ganz leer und allein.
Irgendwann, als mein Herzschlag wieder ruhiger geworden war,
stellte ich das Wasser ab, wickelte mich in die großen Handtücher, die weich und flauschig waren und nach Oma Annemies Waschmittel rochen, und setzte mich auf den Rand der Badewanne. Ich hörte Oma in der Küche hantieren. Besteck klimperte und der Wasserhahn wurde auf- und zugedreht. Vorsichtig fingerte ich mit meinen wieder aufgewärmten Händen das Handy aus der nassen Jacke, die ich zusammen mit meinen anderen Klamotten ins Waschbecken geworfen hatte. Zwei entgangene Anrufe und drei neue Nachrichten. Schnell klickte ich mit meinen Fingern auf dem Display herum. Einmal Papa, einmal Mama. Eine Nachricht von Sina: »wo bist du? die haben dich im schwimmbad ausgerufen? was ist los?« Na toll. Wie peinlich! Ich beantwortete ihre Nachricht nicht, was hätte ich auch schreiben sollen? Stattdessen las ich die nächste WhatsApp von Melanie: »was machst du heute bei dem SCHwetter? hast du bock auf ne runde just dance? dad hat mir gestern die neue version gekauft!« Nein, nicht wirklich! Ich klickte auf meinen Chatverlauf mit Mama. Eine neue Sprachnachricht: »Lina, du bist zu Oma nach Au gelaufen? Sie hat mich angerufen. Ich bin mit Louis zu Hause. Darf ich dich abholen? Ich hab dich lieb!« Louis! Den hatte ich ja ganz vergessen! Ich fühlte mich elend. Wie gut, dass er bei Mama war. Ich seufzte, zog das T-Shirt und 33
die viel zu große Unterhose von Oma an, schlüpfte in ihren cremefarbenen Bademantel und steckte das Mobiltelefon in dessen Tasche. Mit den warmen, selbst gestrickten Ringelsocken von Oma Annemie an den Füßen fühlte ich mich gleich ein wenig besser. Und vor allem wärmer. Langsam ging ich Stufe für Stufe nach unten in Richtung Küche. Es roch nach heißem Früchtetee und frischem Marmorkuchen. Oma saß am Küchentisch und las. Ich setzte mich neben sie. »Besser?«, fragte Oma nur und schaute von ihrem Buch auf. Ich nickte, immer noch stumm. »Tee?« Ich nickte wieder. Oma holte eine zweite Tasse und goss den dampfenden roten Tee hinein, schnitt ein breites Stück vom Marmorkuchen ab und stellte beides vor mir auf den Tisch. »Danke«, sagte ich leise. Mein Magen knurrte laut und es dauerte nicht lange, bis auf meinem Teller nur noch ein paar kleine Kuchenbrösel lagen. Oma stellte keine Fragen. Das war mir nur recht, denn auf eine Zwangsunterhaltung hatte ich wirklich keine Lust. Es genügte ihr offensichtlich, mich gut aufgehoben zu wissen. Ich schnitt mir ein weiteres Stück Marmorkuchen ab und fragte dann: »Oma, du hast Mama angerufen?« Oma nickte. »Ja, Lina, ich habe mit ihr gesprochen. Eigentlich wollte ich sie und Louis nachher zum Abendessen einladen, aber«, sie hielt kurz inne, »ich wusste nicht, ob du Gesellschaft möchtest.« Oma Annemie blickte mich freundlich und forschend zugleich an. Ich dachte kurz nach. »Kann Mama mir etwas zum Anziehen mitbringen?«, fragte ich dann und sah an mir herunter. »Sicherlich«, meinte Oma lächelnd, »obwohl du in meinem Bademantel wirklich bezaubernd aussiehst.« Oma schmunzelte noch immer, als sie aufstand und zum Telefon ging. Als sie wiederkam, hatte ich mir bereits eine zweite Tasse Tee 34
eingeschenkt. Langsam kehrten meine Lebensgeister zurück. Ich rührte mit dem Löffel in meiner Tasse, um den Honig am Tassenboden aufzulösen. Honig im Tee. Das gab es nur bei Oma Annemie. »Oma, meinst du, Papa kommt wieder nach Hause zurück?«, fragte ich. Oma faltete die Hände in ihrem Schoß und blickte mir in die Augen: »Das weiß ich nicht, aber ich bete dafür.« »Beten … und du meinst, das bringt was?«, fragte ich unsicher und nahm einen Schluck Tee. Oma nickte überzeugt: »Ja, Lina, ja, das glaube ich wirklich. Ich bin auch sehr traurig über das alles. Traurig, aber nicht mutlos. Weißt du, Gott kann aus schlimmen Situationen etwas Gutes entstehen lassen. Davon bin ich überzeugt.« Während Oma aufstand und zum Herd ging, trank ich einen weiteren Schluck Tee. Sie hatte einen großen Topf mit Wasser vorbereitet und drehte die kleine bläuliche Gasflamme darunter auf. »Was hältst du von Spaghetti bolognese zum Abendessen?«, fragte sie. Ich nickte zustimmend und Oma überließ mich für eine Weile meinen Gedanken. Beten soll helfen? Das kam mir nach wie vor seltsam und fremd vor.
Das Klingeln an Omas Haustür holte mich zurück in die Realität, zurück an Omas kleinen Tisch in der Küche. Oma öffnete und ich erkannte die Stimmen von Louis und Mama. Die Spaghetti bolognese standen bereits dampfend auf dem Esstisch und ich saß, immer noch im Bademantel, auf dem gleichen Platz wie zuvor. Als ich mich vorbeugte, sah ich, wie Oma Mama musterte. Mama sah furchtbar aus. Blass, mit geröteten Augen. »Frag bitte nicht,« hörte ich Mama sagen. Und Oma nickte nur verständnisvoll. 35
Mama lief an Oma vorbei direkt in die Küche und schloss mich in ihre Arme: »Ich habe mir so Sorgen gemacht, Lina. So sehr!« Sie drückte mich fest an sich. »Es tut mir leid, Mama«, flüsterte ich leise. »Ich wusste einfach nicht, was ich tun soll!« Im Flur half Oma Louis aus seiner Jacke: »Na, junger Mann, was geht bei dir?« Ich hörte ihre gedämpften Stimmen durch die Umarmung von Mama hindurch und sah Louis vor meinem inneren Auge, wie er seinen Mundwinkel verzog, während er sagte: »Na ja, Omi, das Schwimmen war cool. Und dann ist Papa plötzlich total ausgerastet. Wie im Comic, weißt du, wenn der Hut so vom Kopf wegschießt. Und jetzt …«, Louis hielt kurz inne, »jetzt ist irgendwie Chaos.« So fasste mein kleiner Bruder also den Zustand unserer Familie zusammen. Chaos. »Aha«, meinte Oma Annemie, »dann lass uns jetzt mal eine ordentliche Portion Spaghetti in dieses Chaos bringen.« Den Arm um Louis gelegt, betrat sie mit meinem kleinen Bruder die Küche.
Mama und Oma unterhielten sich beim Abwasch in der Küche
und Louis kuschelte sich zu mir auf das Sofa im Wohnzimmer. Ich hatte ihm gegenüber ein schlechtes Gewissen. »Entschuldige, Kleiner, dass ich ohne dich abgehauen bin«, sagte ich leise. Mehr brachte ich nicht zustande. Aber Louis genügte es. Er war sowieso nie lange nachtragend, drückte mich einmal und meinte: »Hauptsache, du machst das nie wieder!« Ich musste unweigerlich grinsen. Doch plötzlich wurde sein Gesicht ernst und nahm einen unsicheren Ausdruck an. »Weißt du, Lina«, flüsterte er, »Mama hat Papa vor dem Schwimmbad voll abserviert. Ich hab, glaube ich, was Blödes gesagt. Weil …« Louis verstummte. »Warum?«, fragte ich verwundert. »Was hast du gesagt?« 36
»Na ja«, Louis zögerte und zuckte mit den Schultern. »Mama hat gefragt, was passiert ist und ich habe gesagt, dass es um Papas Freundin ging. Ich habe das nicht so gemeint. Ich wollte sagen, dass du ihn gefragt hast, ob er eine Freundin hat. Aber Mama ist sofort total ausgerastet und hat Papa angeschrien. Vor allen Leuten. Und dann hat sie meine Hand gepackt und Papa einfach im Regen stehen lassen.« Schockiert drückte ich meinen kleinen Bruder an mich. Was für ein Chaos! »Lina, kommt Papa wieder zu uns zurück? Oder bin ich jetzt schuld?«, fragte Louis verzweifelt. Es war still im Wohnzimmer. Ich hörte die große Wanduhr ticken und die leisen Stimmen von Mama und Oma aus der Küche. Ich wollte gerne lauschen, hören, über was sie sprachen. Aber Louis forderte meine ganze Aufmerksamkeit. Nachdenklich wuschelte ich ihm durch seine immer strubbeligen Haare. Mama hatte mir versichert, ich sei nicht schuld an diesem ganzen Dilemma. Dann war es Louis auch nicht. Aber ist das auch wirklich so? Im Grunde war ich mir nicht ganz sicher. Was heute im Schwimmbad vorgefallen war, hatte eindeutig eine Menge Benzin in das kleine lodernde Feuer gegossen und es zu einem riesengroßen Brand entfacht. Dennoch entschied ich mich, Louis zu trösten: »Du bist nicht schuld, mein Kleiner«, sagte ich leise. »Du bist nicht schuld.« Und ich nahm mir vor, mit Mama über dieses verflixte Papa-Freundin-Thema zu sprechen. Irgendwann später. Ich hatte damit angefangen und nicht Papa. Und vielleicht wäre es fair, das klarzustellen.
Am nächsten Morgen erwachte ich mit Kopfschmerzen. Ich hatte tief und traumlos geschlafen. Doch nun konnte ich nicht rich37
tig schlucken und mein ganzer Körper fühlte sich steif, heiß und fiebrig an. »So ein Mist«, murmelte ich leise. Jetzt hatte ich mir bei meiner gestrigen Wanderung durch den Regen tatsächlich eine saftige Erkältung eingefangen. Das Sprechen tat mir weh. So blieb ich einfach liegen. »Vielleicht tut Lina ein Tapetenwechsel ganz gut«, hatte Oma gestern Abend vorgeschlagen und Mama war schnell einverstanden gewesen. Und so lag ich nun kränkelnd im Bett in Mamas ehemaligem Kinderzimmer. Es war bequem und sehr gemütlich. Der Regen hatte über Nacht aufgehört, die Vögel zwitscherten vor dem gekippten Fenster und das Wetter versprach, schön zu werden. Ich angelte nach meinem Handy. Vier neue Nachrichten. Alle von Sina: »wo biste? was war mit deinem alten los? krass wie der im schwimmbad abgegangen ist.« Weiter las ich nicht, sondern verdrehte nur meine Augen. Wie peinlich! Hatten meine Schulkameraden das im Schwimmbad etwa alles mitbekommen? Ich drehte mich im Bett um. Was soll ich antworten? Ich bin weggelaufen? Ich bin bei meiner Oma? ... Nee. Meine Gedanken wurden von Oma unterbrochen, die mit einem Frühstückstablett ins Zimmer kam. Sie lächelte mich an und strich vorsichtig über meine heiße Stirn. »Dachte ich mir doch«, sagte Oma dann leise, »eine gescheite Erkältung hast du dir geholt, meine Lina.« Ich seufzte und schob mein Handy unters Kissen. Wenigstens keine Englischklassenarbeit am Montag! Oma stellte das Tablett auf den kleinen blau lackierten Nachttisch neben dem Bett. »Du wirst nicht viel Appetit haben, nehme ich an«, sagte sie. Ich nickte stumm. Mein Hals fühlte sich kratzig an. »Ich habe dir einen Kräutertee und ein Glas Wasser mitgebracht. Und, falls dir der Magen doch knurrt, eine Semmel mit 38
Nutella.« Dann hielt Oma Tempos und eine Packung Halsbonbons in die Höhe: »Und falls du Kopfweh hast, liegt neben dem Wasserglas auch noch eine Kopfschmerztablette.« Oma war die allerbeste Krankenschwester der Welt! Ich lächelte dankbar und räusperte mich. »Schlaf doch noch ein wenig, Lina. Du siehst immer noch erschöpft aus. Ich gehe in den Gottesdienst und bin zurück, ehe du wieder wach bist.« Ich lauschte auf die Geräusche, als Oma das Haus verließ und es still wurde. Nur noch das Vogelgezwitscher vor dem gekippten Fenster war zu hören. Langsam setzte ich mich auf. Das Blut in meinem Kopf pulsierte hörbar und ich entschied mich für die Kopfschmerztablette mit einem kleinen Schluck Wasser. Nachdem ich auf der Toilette gewesen war, kuschelte ich mich zurück in das noch warme Bett und fiel schnell in einen unruhigen Fieberschlaf. Die Nachrichten auf meinem Handy hatte ich vor lauter Brummschädel total vergessen.
Papa läuft in einer quietschorangenen Badehose über den Pausenhof meiner Realschule. Es regnet in Strömen und ein ganzer Schwarm Singvögel sitzt mit nassen Federn auf Büschen und Bäumen und zwitschert laut die Nintendo-Melodie von Super Mario. In der einen Hand hält Papa einen riesigen Teller mit einer XXL-Pizza, in der anderen die Hand einer gesichtslosen Blondine, die lediglich in einem knappen Bikini steckt. Der Pausenhof ist voll von Schülern, die mich neugierig anschauen. Manche tragen Taucherbrillen, andere Schwimmpuffer. Ich blicke an mir hinunter. Schlafanzug. Der Schlafanzug ist nass vom Regen und klebt an meinem Rücken. Ich blicke mich um. Plötzlich ruft Papa laut: »Lina ist heute krank. Sie hat eine Er39
kältung und kann nicht zur Schule kommen!« Ich starre ihn an. Er kommt näher. Da tritt Sina im Bikini aus der Menge der Schüler und ruft laut: »Das stimmt doch gar nicht! Lina ist weggelaufen, weil du eine Freundin hast und eine Familien-Auszeit willst!« Papa dreht sich empört zu ihr um und ein Raunen geht durch die Schülermenge. Die Super-Mario-Hymne wird schneller und lauter und erreicht ihren Höhepunkt. Ich will rennen, doch ich kann es nicht. Ich will weg, aber es geht nicht. Papa wirft den Teller mitsamt Pizza in die Luft und kickt alles geschickt wie einen riesigen Fußball in Richtung Sina. Bevor der Pizza-Fußball Sina jedoch trifft, springt plötzlich Mama aus dem Schulhaus, in ihren Joggingklamotten, und rennt kreischend auf Papa und die gesichtslose Blondine zu. Was für ein Chaos! Wie peinlich! Alle schauen mich an. Dann schrillt die Pausenglocke. Und noch mal. Und noch mal. Und noch mal. Immer lauter. Ich halte meine Ohren zu. Und alle Badehosen- und Bikini-Schüler samt Mama, Papa und der gesichtslosen Blondine werden unscharf und erstarren.
Das Schlussbild des wirren Traumes verblasste langsam vor meinem inneren Auge und das Geräusch vom Pausengong verwandelte sich in das schrille Klingeln von Oma Annemies Telefon. Ich war schweißgebadet und zitterte am ganzen Körper. Der Schlafanzug klebte an meiner Haut. Wie bescheuert! Das Klingeln des Telefons verstummte. Dafür begann sogleich mein Handy zu vibrieren. Ich schluckte. Aua! Das Schlucken tat richtig weh. Ich tastete nach dem Handy unter meinem Kopfkissen. Es war Mama. Mit rauer Stimme und noch etwas benommen nahm ich den Anruf an: »Ja? Mama?«, meldete ich mich. »Lina, mein Schatz! Oma hat mich vorhin angerufen, dass du 40
fiebrig und erkältet bist. Habe ich dich geweckt?«, fragte Mama besorgt. Zum Glück, dachte ich nur und krächzte »Ja, Mama. Aber schon okay« ins Handy. »Du klingst ja wirklich schlimm. Ich werde dich für morgen von der Schule abmelden«, sagte Mama. Ich nickte nur, denn mir tat alles weh. »Möchtest du trotzdem bei Oma bleiben oder soll ich dich abholen?«, fragte Mama. »Ich bleibe bei Oma«, antwortete ich sofort. Mein Hals schmerzte beim Sprechen. Mama meinte leise: »Ich wünsche dir gute Besserung. Ich habe dich sehr lieb, Lina. Das weißt du, oder?« Für einen Moment hielt ich die Luft an und spürte in mich hinein. Mein Körper fühlte sich taub, steif und heiß an, mein Herz jedoch ganz ruhig. Nicht so flatterig und schmerzhaft, wie es sich gestern angefühlt hatte. Ihre Worte taten mir gut. »Ja, Mama, ich weiß. Hab dich auch lieb«, flüsterte ich. Ich hielt inne und fragte leise: »Äh, hast du was von Papa gehört?« Es dauerte einen Moment, bis Mama antwortete: »Nein. Papa hat sein Handy ausgeschaltet und war seit gestern Abend auch nicht mehr online.« Was? Ungläubig ließ ich ihre Worte auf mich wirken. Papa war doch sonst immer online. Krass! Ich überlegte. In den vergangenen Wochen hatte er sich wie verrückt in sportliche und soziale Hyperaktivität mit Fußballkumpels und Arbeitskollegen gestürzt. Nur zu gut erinnerte ich mich, dass Mama Papa oft vorgeworfen hatte, ständig unterwegs zu sein und, wenn er daheim war, immer am Handy zu hängen. Ich schluckte und sofort ließ mich ein scharfer Schmerz in meinen Rachen zusammenzucken. Da sprach Mama weiter: »Heute hat er sich sogar fürs Fußball abgemeldet.« Woher weiß Mama das denn?, wunderte ich mich. Doch Mama fuhr bereits fort: »Ich habe heute Morgen zufäl41
lig Kevin beim Bäcker getroffen. Kevin spielt doch auch in Papas Mannschaft. Er hat mir aufgetragen, ihm gute Besserung zu bestellen. Ich war natürlich überrascht, als er meinte, Papa habe sich ja für das Spiel heute gegen Babenhausen krankgemeldet.« Wirklich krass. Totaler Offline-Modus also, dachte ich und murmelte ein »Oh!« »Weißt du, Lina, ich habe viel nachgedacht«, nahm Mama das Gespräch wieder auf. »Oma hat mir gestern irgendwie die Augen geöffnet. Ich habe mich in letzter Zeit nur noch auf meinen Job, den Haushalt und den Alltag fokussiert und Papa dabei, na ja, aus den Augen verloren. Ich habe viel kritisiert und ihn oft vor anderen schlecht gemacht. Das war nicht richtig. Und wenn …« Mama schluchzte leise auf und konnte nicht weitersprechen. Ich war verblüfft über Mamas Aussage. Sie nahm ihn doch tatsächlich ein wenig in Schutz. Ich schluckte. Aua! Keine gute Idee, das mit dem Schlucken. Mama putzte sich die Nase und sagte dann: »Und wenn er nun tatsächlich eine Affäre hat, dann …« Es durchzuckte mich. Louis’ Geschichte vom Schwimmbad! Ich hatte mit dem dämlichen Freundinnen-Thema angefangen. Ich und nicht Papa. »Äh, Mama«, krächzte ich langsam, »ich muss dir da was sagen ...«
Mama war schockiert. »Papa hat euch also gar nichts von einer
Freundin erzählt? Du hast das Thema auf den Tisch gebracht?« Mir war das irgendwie unangenehm. Trotzdem wuchs der Widerstand in mir. »Ja, das habe ich! Und ich …« Ich wollte ihr alles erzählen, aber meine Stimme wurde immer schlechter. Wo sind die Halstabletten von Oma? »Und Papa hat das gar nicht gesagt?«, wiederholte Mama zum zweiten Mal. Ich schüttelte den Kopf. »Nein«, brummte ich. Stille. »Jetzt weiß ich gar nicht mehr, was ich denken soll«, hörte ich Mamas Stimme aus dem Handy. »Das alles macht mich so unendlich traurig! Und wütend!« Wütend? Traurig? Mir fiel das Gespräch mit Oma ein: traurig, 42
nicht mutlos, beten. Mein Kopf brummte und es wurde mir zu viel. »Es tut mir leid, Mama!«, flüsterte ich, obwohl ich nicht genau wusste, was mir eigentlich in diesem Moment leidtat. Ich war erschöpft. Mein Kopf glühte und pochte. Die Nase war zu. »Ach, Lina mein Schatz! Bitte entschuldige! Dir geht es nicht gut! Ruh dich aus!« Ich hörte Mamas Worte noch undeutlich und dann schlief ich wieder ein.
Der Tag zog an mir vorbei. Gegen Mittag flößte Oma mir ein wenig klare Brühe ein. Zum Nachtisch gab es eine weitere Schmerztablette. Ich war müde. Müde und schlapp. Müde und schlapp und irgendwie auch schlecht gelaunt. Oma jedoch saß wie ein Fels in der Brandung neben meinem Bett und strickte in aller Ruhe ein Paar orange-graue Ringelsocken. »Die sind für dich«, sagte sie mit einem aufmunternden Lächeln. Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen: Papa ist offline? Papa geht nicht zum Fußball? Vielleicht hat Papa gar keine Freundin – oder doch? Wird alles wieder gut? Nach kurzer Zeit fiel ich in einen ruhigen, tiefen Schlaf. Es war gut zu wissen, dass Oma wie eine Traumwächterin an meinem Bett saß, strickte und auf mich aufpasste.
Auch der Montag plätscherte vor sich hin, ohne dass ich viel sprach oder aß. Das mit der Erkältung wäre wirklich nicht nötig gewesen! Mein Hals schmerzte immer noch und ich hatte keinen großen Appetit. Trotzdem fühlte ich mich wohl bei Oma Annemie. Sie strahlte eine Ruhe aus, die ich nur von meiner Oma kannte. 43
Am Abend besuchte mich Mama, aber das änderte nichts an dem Stimmungstief aus Selbstmitleid, Ungewissheit und Angst, in dem ich mich befand. Nachdem Mama mir eine Weile den Rücken gekrault hatte, setzte sie sich zu Oma Annemie in die Küche, um sich ein wenig mit ihr auszutauschen. Die beiden saßen lange beieinander und ich konnte ihre gedämpften Stimmen hören. Die Worte »Schule« und »Herr Gerber« ließen mich plötzlich aufhorchen. Herr Gerber, mein Klassenlehrer? Sprechen sie etwa über mich? Ich wurde trotz Schüttelfrost und Schläfrigkeit neugierig und setzte mich langsam im Bett auf, um besser hören zu können. »Ja, und in einem längeren Telefonat mit Herr Gerber stellte sich eben heraus, dass er besorgt war, weil die Mitschüler erzählten, Lina sei aus dem Schwimmbad weggelaufen und seitdem verschwunden«, hörte ich Mamas Stimme. Ich schnappte nach Luft. Mit einem Mal fielen mir die unbeantworteten Nachrichten von Sina ein. Mist! Das habe ich total vergessen! Oma lachte auf: »So was, so was! Ist doch aber sehr fürsorglich und ordentlich, wenn Herr Gerber mal bei dir nachfragt.« »Ja, schon. Ich hatte Lina wegen Erkältung online über den Schulmanager krankgemeldet. Aber wie kommen die Kinder denn auf so etwas? Lina sei an der Iller verschwunden, man habe ihr das Handy geklaut oder sie werde von der Polizei gesucht.« »Lediglich eine gute Portion Fantasie und etwas zu viel Fernsehen, nehme ich an«, erwiderte Oma. Langsam ließ ich mich in die Kissen zurücksinken. Da wollte ich mir gar nicht ausmalen, welche Gerüchte im Klassenchat kursierten. Ich schob meine Hand unters Kissen und suchte mein Handy. Akku leer. Mist! Blöd, dass ich nicht daran gedacht hatte, Mama um mein Ladekabel zu bitten. Zu müde und zu genervt entschied ich mich, ein wenig zu dösen. Kann mir doch egal sein, was die anderen denken! Oder nicht?
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