VANESSA SIEMENS
Melody
OF
Prolog Keana hörte die Tür mit einem lauten Knall ins Schloss fallen, dann klirrte etwas. Flüche wurden durch den Flur geschleudert. Alles in ihr verkrampfte sich, als sie zuhörte, wie ihr Vater die Wohnung verwüstete – mal wieder. Sie stand auf und schob die Zimmertür ins Schloss. Nicht, dass sie Angst gehabt hätte, dass ihr Vater ihr wehtun würde. Das würde er niemals tun. Aber ihr kleiner Bruder Ronan, der vor einigen Stunden zu ihr ins Bett gekrochen war, sollte davon nicht wach werden. Sie selbst schob sich ihre Kopfhörer über und griff nach dem knallgelben Walkman auf ihrem Nachtschränkchen, den sie von ihrer Mutter bekommen hatte. Aus einem verblichenen Schuhkarton zog sie eine Kassette mit der Aufschrift »Sweet Dreams« und legte sie ein. Die Lautstärke drehte sie so weit auf, dass sie den Lärm aus dem Flur nur noch gedämpft mitbekam. Eigentlich hatte sie in solchen Momenten immer geweint. Anfangs. Jetzt nicht mehr. Sie hatte gelernt, dass es nichts brachte. Ihre Mutter wurde dadurch nicht wieder lebendig. Und ihr Vater nicht weniger jähzornig und verzweifelt. Mit leerem Blick starrte sie zum Fenster hin, durch das sie ein Stückchen des schwarzblauen Himmels sehen konnte. Der Mond zauberte ein paar skurrile Schatten in ihr Zimmer; vor dem Haus stand eine Buche, deren Blätterschatten jetzt über ihren Schrank und die Tapete tanzten. Gedankenverloren strich Keana ein paar wilde Haarsträhnen aus Ronans Gesicht und ihr Herz regte sich vor Liebe, als sie ihren schlafenden Bruder betrachtete. Sie war so froh, dass er nicht so viel von dem verstanden hatte, was geschehen war. Doch wie es weitergehen sollte, wusste sie auch nicht so genau. Macht euch um nichts Sorgen! 5
Keana runzelte die Stirn, als ihr der Lieblingsvers ihrer Mutter durch den Kopf schoss. Ärgerlich wischte sie den Gedanken fort und konzentrierte sich auf Smetanas Moldau, die durch die Kopfhörer knisterte. Das Randalieren verstummte. Keana meinte, ihren Vater weinen zu hören. Ein Kloß bildete sich in ihrem Hals und sie überlegte kurz, zu ihm zu gehen, doch ihr Verhältnis war alles andere als gut gewesen in den letzten Monaten. Die Schatten an ihrer Wand nahmen auf einmal schärfere Konturen an und pulsierten im hektisch flackernden künstlichen Licht. Keanas Blick wanderte wieder zum Fenster. Vorsichtig, um Ronan nicht zu wecken, stand sie auf und trat näher. Grelles Blaulicht warf verzerrte Schatten umher und blendete sie. Schon klingelte es bei ihnen; jemand ballerte gegen die Tür. Rufe. Schnelle, schwere Schritte. Wie erstarrt lauschte Keana den Geräuschen, den Stimmen. Dann sah sie, wie sie ihren Vater in Handschellen zum Auto brachten und auf den Rücksitz verfrachteten. Er wehrte sich nicht. Sein tränennasser Blick kreuzte sich mit ihrem, als er den Kopf hob und suchend zu ihrem Fenster hochschaute. Eine Entschuldigung lag darin. Bedauern. Schuld. Da wusste Keana, dass jetzt endgültig alles vorbei war.
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1 Luca warf Etienne den Basketball zu, der nur knapp über die Köpfe der kichernden Mädchengruppe zwischen ihnen flog. Dajana kreischte empört auf und duckte sich, als Etienne ihn wieder zurückwarf. »Idioten!«, schmollte auch Pia und kämmte sich mit den Fingern ihre Locken zurück. Timo, der neben Etienne stand, deutete auf Pias Tisch und Luca ließ grinsend den Ball darauf prallen, als er ihn seinem Kumpel zuspielte. Wieder kreischten die Mädels auf, da wurde die Tür aufgerissen und ihre Stufenleiterin Frau Dorn trat ein. Sie hob eine Augenbraue, was alle im Raum dazu brachte, sofort auf ihre Plätze zu sausen und still zu werden. Frau Dorns Blick blieb missbilligend, als sie sich vor der Tafel aufbaute. »Guten Morgen.« Luca lugte verwirrt auf seinen Stundenplan. Nein, er hatte sich nicht geirrt. Sie hätten jetzt eigentlich Deutsch bei Herrn Andres und nicht Physik bei ihrer Stufenleiterin. Irgendwas war im Busch. »Wir werden eine neue Schülerin bekommen. Ihr fragt euch sicher, warum ich euch das ankündigen muss und weshalb das mitten im Schuljahr geschieht. Nun, das ist eine komplizierte Sache. Keana Rey ist neu in die Gegend gezogen, ein Schulwechsel war unausweichlich. Sie hat eine schwierige Zeit hinter sich und ist verstummt.« Ihr Blick glitt durch die Reihen. »Das ist sowohl für uns Lehrer als auch für euch als Stufe eine Herausforderung. Ich erwarte, dass ihr euch um sie kümmert, keine dummen Fragen stellt und sie in die Stufengemeinschaft aufnehmt.« Natascha, neben der der einzig freie Platz war, meldete sich. »Heißt das, wir müssen Babysitter spielen?« 7
»Natürlich nicht. Ihr sollt nur nett sein und ihr die Anfangszeit etwas erleichtern.« »Hatte sie einen Unfall?«, fragte Timo neugierig. »Einzelheiten kann ich euch nicht weitergeben, aber am besten, ihr fragt sie nicht.« Sie hob das Kinn. »Ich hoffe, ich kann mich auf euch verlassen. Erwachsen genug seid ihr ja.« Sie sah zu Etienne. »Sei fair und sag mir bitte Bescheid, wenn es nicht so gut mit ihr läuft.« Etienne nickte und sah sich verstohlen zu den anderen um. Er war bei allen beliebt, deswegen war er auch zum Stufensprecher gewählt worden, aber wer mochte es schon zu petzen. »Sie wird morgen in den Unterricht kommen. Gibt es noch Fragen?« Alles war still. »Gut, wenn ihr später welche habt oder es Schwierigkeiten gibt, kommt damit ruhig zu mir. Das ist eine Situation, die für uns alle neu ist.« Sie sah noch einmal eindringlich durch die Reihen, nickte und verließ das Zimmer. Sofort wurde Gemurmel laut, das jedoch von Herrn Andres᾿ Ankunft unterbrochen wurde. Der Unterricht begann, doch so richtig dabei war niemand. In der Pause ließen Etienne und Timo sich auf Lucas Tisch nieder. »Das ist ja mal ein Ding«, meinte Timo und balancierte den Basketball auf einem Finger. »Ein Mädchen, das nicht reden kann. Wie soll die sich denn verständigen?« Dajana gesellte sich kichernd dazu. »Vielleicht muss sie in Zeichensprache reden? Oder durch Pantomime.« »Ich frage mich ja eher, was passiert ist, dass sie die Stimme verloren hat«, mischte sich Natascha ein. »Hab gehört, dass man sich den Kehlkopf so stark verletzen kann, dass das passiert.« »Vielleicht hatte sie ja einen Autounfall«, mutmaßte Pia und brach ein Stück ihrer Reiswaffel ab. »Oder sie wurde von ihren 8
Alten verhauen. Die Dorn hat doch gesagt, dass sie eine schwierige Zeit hinter sich hat, oder?« »Voll krass!« »Vielleicht ist sie ja auch gewalttätig.« »Meinst du?« »Ich bin mal gespannt, wie die aussieht. Bestimmt voll asozial.« Luca verdrehte die Augen. »Oder wir warten erst mal ab. Und selbst wenn sie komisch aussieht, ist doch egal.« Er grinste Timo an. »Du siehst ja auch komisch aus.« »Junge, ich verpass dir gleich eine!« Timo warf lachend den Ball nach ihm, den Luca geschickt auffing. Sie rätselten hin und her, bis die Pause um war, dann mussten sie sich auf Mathe konzentrieren und die Neue rückte in den Hintergrund.
»Ist das Zimmer okay für dich?« Onkel Philipps Stimme riss Keana aus ihren Gedanken. Sie warf ihm einen Blick zu und nickte. »Du kannst alles umstellen, dekorieren und von mir aus auch die Wände streichen, so wie du magst.« Er deutete auf die Uhr. »In zwanzig Minuten gibt es Abendessen.« Keana nickte erneut und wandte sich wieder den halb ausgepackten Kisten zu. Es war seltsam gewesen, von Onkel Phil abgeholt zu werden. Klar, sie kannte den Bruder ihrer Mutter, aber obwohl er nur zwei Stunden entfernt von dem kleinen Ort nahe Goslar gewohnt hatte, den sie bis vor Kurzem ihr Zuhause genannt hatte, hatten sie nicht viel Kontakt miteinander gehabt. Meistens war er zu den Geburtstagen ihrer Mama gekommen, manchmal sogar zu Ostern oder zwischendurch mal. Aber ein richtiges Verhältnis hatte sie nicht zu ihm. Jetzt mit ihm unter einem Dach zu leben, wozu auch noch kam, dass er bei der Polizei arbeitete und sie keine 9
Ahnung hatte, ob er auch im Privaten gern viele Fragen stellte und ein strenger Regeltyp war … Es war ein altes Haus, das Onkel Phil bewohnte. Der untere Teil war erst vor Kurzem renoviert worden; der obere Teil war jetzt Baustelle. Wenn man zur Haustür reinkam, ging eine Treppe gleich rechts nach oben. Links war noch mal eine Haustür in die untere Wohnung. Geradeaus befand sich ein uralter Heizungsraum, rechts daneben eine Werkstatt mit drei winzigen Zimmern. Onkel Phil hatte bei der Rundführung erzählt, dass sein Großvater schon hier gewohnt hatte und dass zeitweise drei Parteien hier gelebt hatten. Er hatte auch vor, den oberen Teil zu vermieten, sobald er mit den Renovierungsarbeiten fertig war. Im unteren Wohnbereich kam man durch einen schmalen Korridor, auf dessen rechter Seite das offene Wohnzimmer mit angrenzender Küche lag. Dahinter ging noch ein kleines Zimmer ab, das eigentlich Onkel Phils Arbeitszimmer war, aber jetzt benutzte er es als Schlafzimmer. Das Gästezimmer hatte Keana bekommen, Ronan war in Onkel Phils altem Schlafzimmer einquartiert. In Keanas Zimmer standen außer dem Queensize-Bett auch noch ein roter Sessel, ein schmaler Kleiderschrank und ein uraltes Klavier, das noch Kerzenhalter am Notenständer hatte. An den Wänden hingen historische Weltkarten und eine Sternenkarte. Das gefiel Keana. Ein Ruf nach Abenteuer hing in der Luft; die Reiselust konnte man fast schmecken bei all den außergewöhnlichen Souvenirs, die außerdem an den Wänden hingen oder das Klavier und die Fensterbänke schmückten. Es tat Keana ein bisschen weh. Sie würde auch am liebsten verschwinden. Irgendwohin, wo sie keinen Menschen begegnen müsste. Wäre Ronan nicht gewesen, wäre sie wahrscheinlich schon längst über alle Berge. Aber das konnte sie nicht machen. Sie war alles, was ihrem achtjährigen kleinen Bruder an Familie geblieben war. Und sie würde für ihn da sein. Sie würde ihn nicht im Stich lassen, so wie ihr Vater. 10
Der Zorn kochte wieder in ihr hoch. Dass der Fahrer, der in das Auto ihrer Mutter gekracht war, stockbesoffen und nicht in der Lage gewesen war, sofort Hilfe zu holen, hatte auch sie furchtbar wütend gemacht. Aber ihr Vater hatte es ja nicht auf sich beruhen lassen können, dass dem Kerl Gefängnis gedroht hatte. Er hatte den Verursacher unbedingt in seiner unbändigen Wut aufsuchen müssen, um ihn zur Rede zu stellen … Fester als nötig stellte sie den nächsten Karton auf dem Tisch ab. Es würde jetzt nichts bringen, darüber nachzugrübeln, was gewesen wäre, wenn ihr Vater anders gehandelt hätte. Ronan kam zu ihr ins Zimmer, hüpfte aufs Bett und begann, ihr von seinem absolut coolen Zimmer zu erzählen, als hätte sie das nicht selbst gesehen. Onkel Phil hatte ihm erlaubt, seine gesamte Tierpostersammlung auf den Wänden zu verteilen. Von der beigefarbenen Tapete war jetzt so gut wie nichts mehr zu sehen. Keana fand es trotz all ihrer Skepsis, dass sie sich hier wohlfühlen würden, nett von ihrem Onkel, dass er ihnen so entgegenkam und ihnen viel Raum gab, im wahrsten Sinne des Wortes. Sie öffnete den nächsten Karton, in den sie ihre wenigen persönlichen Gegenstände gepackt hatte, die sie behalten wollte. Was mit der Wohnung ihrer Eltern und all den Sachen darin geschehen sollte, war noch nicht geklärt. Den Walkman und den vielfach gerissenen und liebevoll wieder zusammengeklebten Schuhkarton mit den Kassetten stellte sie ins Regal vom Nachtschränkchen, ihre Okarina stellte sie neben den Wecker. Sofort griff Ronan danach und versuchte, der rundlichen Keramikflöte ein paar halbwegs gerade Töne zu entlocken. Keana lächelte, als Ronan vor Anstrengung rot anlief, und zog einen Umschlag voll mit Familienfotos aus dem Karton. Ihre Mutter hatte stets behauptet, dass gute Fotos ausgedruckt werden mussten, da sie auf dem Handy oder der Festplatte nur in Vergessenheit geraten würden, und hatte jedes Jahr ein Fotoalbum mit ihren Lieblingsfotos erstellt. Ein paar übrig gebliebene 11
Schnappschüsse hatte sie an Keana weitergegeben, die sie über die Jahre gesammelt hatte. Der altbekannte Schmerz wollte sich an die Oberfläche kämpfen, doch sie drängte ihn fort und räumte ihn weg, genau wie den Umschlag. Ronan legte die Okarina zurück und spähte neugierig in den nächsten Karton. »Du hast ja noch gar nicht deine Klamotten in den Schrank gelegt!« Er stemmte die Hände in die Hüften. »Also, ich bin schon längst fertig.« Er zog ihre Jeansjacke hervor. »Ich häng sie für dich auf.« Schon verschwand er im Flur. Keana sah lustlos auf die restlichen zwei Kartons, die noch ausgepackt werden mussten. Größtenteils waren sie mit Kleidung gefüllt, aber auch mit Schulsachen. Darauf hatte sie am allerwenigsten Lust. Neue Schule. Neue Mitschüler. In der alten Schule hatten sogar ihre besten Freundinnen angefangen, ihr aus dem Weg zu gehen. Oder sie waren so überfürsorglich geworden, dass Keana ihnen den Rücken gekehrt hatte. Sie wollte kein Mitleid. Sie wollte einfach nur in Ruhe gelassen werden. Was war denn daran so schwer zu verstehen? Zum Glück war sie schon in der zwölften Klasse, das hieß, sie würde nicht mehr lange brauchen, bis sie fertig war. Am besten sie suchte sich dann einen gut bezahlten Job, damit sie sich bald aus dem Staub machen konnte. Sicher war ihr Vater bis dahin von ihrem Anwalt aus der Misere gezogen, dann konnte Ronan bei ihm bleiben. Oder bei Onkel Phil. Nun, sie würde sehen, wie lange der diese Freundlichkeit, die er an den Tag legte, beibehalten würde. Ronan holte sie wenig später zum Essen. Keana war beeindruckt, als sie sich an den Esszimmertisch setzte. Spaghetti Carbonara dampfte auf den Tellern und in einer Glasschüssel war Rucolasalat angerichtet. Es sah richtig lecker aus. Schade nur, dass sie nicht wirklich Hunger hatte. »Ich wusste jetzt nicht, ob jemand von euch vielleicht nur vegetarisch oder vegan isst …?« Fragend sah Onkel Phil sie an. 12
Sie schüttelte den Kopf. »Aber ich habe eine Erdnussallergie«, verkündete Ronan fast stolz. »Ich darf keine Erdnussbutter essen. Und keine Erdnussflips. Und noch ein paar andere Sachen. Aber das ist nicht so schlimm.« »Gut zu wissen.« Onkel Phil wollte sich gerade eine Gabel voll in den Mund schieben, als Ronan einfach anfing zu beten. So, wie er es immer tat. »Danke Gott, dass wir jetzt bei Onkel Phil wohnen.« Er strahlte Onkel Phil an, der ein wenig verblüfft innehielt. »Und danke, dass er so nett ist und wir nicht in ein Kinderheim oder so mussten. Und danke für diese superleckeren Spaghetti!« Und schon schaufelte er sich eine so große Portion in den Mund, dass er kaum die Lippen zusammenbekam. Keana schüttelte missbilligend den Kopf, woraufhin er schuldbewusst grinste. »Wegen der Schule«, begann Onkel Phil. »Ich fahre euch morgen früh natürlich hin. Ich weiß leider selbst gar nicht, wie die Busse hier fahren, aber das klären wir dann. Bis zu deinem achtzehnten Geburtstag dauert es ja noch ein paar Wochen, Keana, aber dann kannst du natürlich euer Auto nehmen.« Keana nickte. Sie hatten das Auto ihres Vaters mitgenommen, damit Keana mobil war und nicht immer Onkel Phil bitten musste, sie herumzukutschieren. »Meine Schicht kann täglich wechseln, das heißt, ich bin nicht immer zu Hause, wenn ihr von der Schule kommt. Ich rede die Tage mal mit meinem Chef, dass ich da jetzt nicht mehr so flexibel bin. Wir haben hier aber eine nette Nachbarin, die zugesagt hat, zwischendurch mal nach euch zu sehen. Ihr könnt sie auch jederzeit ansprechen, wenn irgendetwas los ist und ihr mich nicht erreichen könnt.« Er nickte Ronan zu. »Für dich müssen wir noch einen Cellolehrer finden, Ronan, richtig?« Ronan sah kurz zu Keana. »Denke schon«, antwortete er mit vollem Mund. »Aber ich dachte, ich hab jetzt Musikferien, bis Papa wieder da ist.« 13
Onkel Phil räusperte sich. »Ja, das … das kann ein wenig länger dauern, darüber haben wir doch gesprochen. Ihr werdet wahrscheinlich mindestens ein paar Monate hier sein und da wollen wir doch nicht, dass du das Spielen verlernst.« »Und was ist mit Karate?« Ronan schluckte und griff nach seinem Wasserglas. »Da war ich auch angemeldet.« »Willst du denn weitermachen?« »Klar, ich muss doch meinen grünen Gürtel bekommen!« Onkel Phil lachte. »Na, dafür sorgen wir schon. Und was ist mit dir, Keana? Irgendwelche Sportarten oder Vereine, wo du dich anmelden willst?« Keana schüttelte den Kopf und versuchte, ein wenig mehr Appetit auf den dampfenden Teller vor ihr zu entwickeln. »Nö, die macht gar nichts mehr«, meinte Ronan und schob sich eine weitere Ladung Nudeln in den Mund. »Sie spielt nichts mehr außer Okarina und zum Karate will sie auch nicht.« »Na gut, wenn du es dir anders überlegst, sag Bescheid. Ich kenne da ein paar gute Sportangebote.« »Was ist mit Kindergottesdienst?« Onkel Phil suchte Keanas Blick. »Ihr geht zur Kirche?« Er studierte ihren Gesichtsausdruck. »Verstehe. Nicht mehr. Aber wenn du willst, frag ich mal ein wenig rum. Eine Bekannte von mir geht hier in eine Freikirche. Ich war mal zu Weihnachten und zwei, drei Gottesdiensten da, hat mir gut gefallen. Bestimmt haben die auch ein Angebot für Kinder.« Ronan jubelte auf und begann sofort aufzuzählen, was er alles an seiner Kindergruppe in der Heimatgemeinde vermisste und was er sich bei der neuen Gruppe erhoffte. Keana freute sich mit ihm und nahm sich fest vor, dafür zu sorgen, dass er kein Treffen verpasste. Auch wenn sie selbst im Moment nicht so scharf darauf war, in die Kirche zu gehen. Sie hatte Gott zurzeit nicht so viel zu sagen. Der Rest der Mahlzeit verlief einigermaßen ruhig. Keana fand es sehr angenehm, dass Onkel Phil kein Gespräch erzwang und so tat, als müsse er sie von ihrer Stummheit heilen. 14
Die Stummheit, die keinen physischen Ursprung hatte. Die gekommen war, nachdem sie ihre Mutter verloren hatte. Zu Anfang hatte sie einfach nicht mehr reden wollen. Irgendwann hatte sie die Notwendigkeit dann auch nicht mehr eingesehen. Der Jugendtherapeut hatte ein ziemlich ernstes Gespräch mit ihr und Onkel Phil geführt, als dieser nach Papas Verhaftung für einige Zeit bei ihnen gewohnt hatte, bevor sie umgezogen waren. Sie fand, dass er übertrieb. Sie hasste ihre Stimme im Moment nun einmal. Was war daran so schwer zu verstehen? Dass sie nicht reden wollte, war kein Weltuntergang. Dass ihre Mutter hatte sterben müssen und ihr Vater sie im Stich gelassen hatte, schon. Irgendwann würde sie schon anfangen, wieder ihre Stimme zu nutzen. Nur noch nicht jetzt.
Luca roch Verbranntes, als er die Tür hinter sich ins Schloss warf. Er streifte die Schuhe ab und rannte in die Küche, doch es war sowieso schon zu spät: Die Pizza war komplett schwarz. Seufzend drehte er den Ofen aus und schaltete die Abzugshaube an, dann stellte er das verkohlte Essen zum Abkühlen auf den Herd. Er wollte schon durch das Treppenhaus nach seinem Bruder brüllen, besann sich dann aber eines Besseren und lief nach oben. Ein Blick in das Zimmer, das er sich mit Pascal teilte, bestätigte seinen Verdacht. Er war eingeschlafen. Mal wieder. Pascal arbeitete seit ein paar Monaten bei einer Baufirma und die ungewohnte Arbeit machte ihn fertig. Nach der zehnten Klasse hatte er eine Ausbildung gemacht, mit der er aber zurzeit keinen Job fand. Jetzt bewarb er sich schon eine ganze Weile in der Hoffnung, bald seinen Übergangsjob auf dem Bau beenden zu können. Luca spähte in den Kühlschrank und suchte sich dann die Zu15
taten für eine Gemüsepfanne zusammen. Er würde von sich selbst nicht behaupten, ein großartiger Koch zu sein, aber ein paar einfache und meistens genießbare Gerichte brachte er zustande. Ihre Mutter hatte Spätschicht; sie arbeitete in der Bäckerei am anderen Ende der Stadt und außerdem in der örtlichen Apotheke. Dadurch, dass sie zwei Jobs hatte, mussten Pascal und er für sich selbst sorgen können. Öfter kam aber auch Tante Lilli, die Schwester ihrer Mutter, die in der anderen Hälfte des Doppelhauses wohnte, und holte sie zum Essen rüber. Sie und Onkel Andi waren richtig super, Onkel Andi war so etwas wie ein Ersatzvater für sie beide geworden. Lucas und Pascals Vater war abgehauen, als Luca noch nicht zur Schule gegangen war. Es war nicht leicht, aber ohne ihre Verwandten wäre es noch um einiges härter gewesen. Luca schaufelte zwei der drei Portionen auf Teller und schnappte sich etwas zu trinken, dann balancierte er das Ganze ins obere Stockwerk. Pascal regte sich, als er die Teller mit einem leisen Klappern auf dem Couchtisch abstellte. Er blinzelte und streckte sich, als Luca sich neben ihm aufs Bett fallen ließ. »Seit wann bist du da?«, nuschelte er verschlafen. »Halbe Stunde.« Pascal sah auf die Uhr. »Mist, hab ich nicht ’ne Pizza im Ofen?« »Die kannst du jetzt als Frisbee verwenden«, zog Luca seinen älteren Bruder auf. Pascal stöhnte. »Nicht schon wieder.« »Passiert. Halb so wild.« Luca faltete die Hände und sprach ein Dankgebet, woraufhin Pascal ein kaum hörbares »Amen« murmelte. Nach dem Essen übernahm Pascal bereitwillig den Abwasch. »Ich bin gleich noch mal weg«, informierte er ihn, während Luca die Portion für ihre Mutter auf einen Teller umfüllte und mit Folie abdeckte. »Wohin?« »Nikolai, ein Arbeitskollege von mir, braucht meine Hilfe und ich schulde ihm sowieso noch einen Gefallen.« 16
»Zieht der um, oder was?« Pascal hob die Schultern. »Keine Ahnung, hab nicht gefragt. Er hat nur gesagt, wann ich da sein soll und dass es etwas dauern könnte.« Luca nahm einen Schluck aus der Wasserflasche. »Alles klar, ich hau mich dann mal vor den Fernseher.« Eine Hupe ertönte und ein grauer Peugeot hielt vor dem Haus. Luca sah noch zu, wie Pascal ins Auto stieg und es davonfuhr, dann machte er es sich auf der Couch bequem und widmete sich seiner Serie.
Als Keana abends im Bett lag und an die fremde Decke starrte, drehten sich ihre Gedanken um den morgigen Tag. Sie wollte nicht in eine neue Schule. Sie wollte gar nicht mehr dahin. Nirgends hin. Warum konnten die Erwachsenen sie nicht einfach in Ruhe lassen? Hatte es früher nicht auch Trauerjahre gegeben, die man Töchtern gewährt hatte? Onkel Phil hatte ihr gesagt, dass er jemanden gefunden hatte, zu dem sie hier nun regelmäßig gehen konnte, um ihr Trauma aufzuarbeiten. Sie hatte ihm gleich ein dickes Nein auf den Zettel gekritzelt. Sie wollte nicht zu Therapeuten und Seelsorgern gehen. Sie wollte einfach trauern können, ohne dass die Welt um sie herum das als Problem sah. Onkel Phil schien anderer Meinung zu sein; sie würde sich aber zu nichts zwingen lassen. Wie so oft in den letzten Monaten kam ihr der Gedanke, warum Gott das wohl zugelassen hatte. Nicht, dass sie ihn gefragt hätte. Ihre Mutter hatte ihr immer beigebracht, dass Gott mit allem einen Plan hatte, dass er nichts aus den Augen verlor und nichts seiner Kontrolle entglitt. Alles hatte seinen Sinn. Man brauchte sich keine Sorgen zu machen, keine Angst zu haben. Der Pastor in der Gemeinde ihrer Mutter hatte sogar gesagt, 17
dass es nicht richtig wäre, Gott zu beschuldigen oder seine Entscheidungen anzuzweifeln. Also fragte sie gar nicht. Warum dieser Autofahrer am Steuer im Rausch hatte einschlafen müssen. Warum der Rettungswagen nicht rechtzeitig gekommen war. Warum ihre Mutter hatte verbluten müssen, bevor Hilfe eingetroffen war. Warum ihr Vater seine komplette Lebensfreude verloren hatte. Wieso er diesen Mann hatte konfrontieren und dabei die Kontrolle verlieren müssen. Und sie und Ronan damit sich selbst überlassen hatte. Ärgerlich drehte sich Keana auf die andere Seite. Darüber wollte sie jetzt gar nicht nachdenken! Es würde zu nichts führen. Zu nichts außer noch mehr Schmerz. Und davon hatte sie genug.
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2 Ein dumpfer Laut riss Luca aus einem wirren Traum und er setzte sich schlaftrunken auf. War das Geräusch von unten gekommen? Oder aus dem Flur? Sein Blick wanderte zu Pascals Bett, das leer war. Stirnrunzelnd tastete er nach seinem Handy und versuchte blinzelnd, die grellen Zahlen abzulesen. 2:14 Uhr. War Pascal immer noch nicht zurück? Oder hatte er sich nur kurz runtergeschlichen, um den Kühlschrank zu plündern? Wäre nicht das erste Mal. Luca lauschte angestrengt und konnte dann tatsächlich die Glasflaschen in der Kühlschranktür leise klirren hören. Beruhigt drehte er sich auf die andere Seite, wurde aber wieder aus seinem Dämmerzustand gerissen, als die Tür sich etwas zu ruckartig öffnete. Verärgert hob er den Kopf. »Junge, es ist mitten in der Nacht! Ich hab morgen früh Schule!« »’tschuldigung«, murmelte Pascal und bemühte sich, leiser zu sein, stolperte aber im Dunkeln und fluchte. Luca setzte sich wieder auf. Irgendetwas stimmte nicht. Pascals Stimme hatte irgendwie seltsam zittrig geklungen und jetzt zog er sich mit fahrigen Bewegungen um, während er viel zu schnell atmete, als wäre er die Treppen ein paarmal hoch- und runtergelaufen. »Was ist los?«, flüsterte er. »Nichts!«, schnappte sein Bruder und ließ prompt sein Handy fallen. Kurz entschlossen schaltete Luca die Nachttischlampe ein. Pascal sah völlig fertig aus, aber nicht wie so oft, wenn er müde von der Arbeit kam, sondern als läge die Last der ganzen Welt auf seinen Schultern. »Was ist passiert?«, fragte er noch einmal eindringlich. Pascal ließ sich schwerfällig auf seiner Bettkante nieder. »Shit, 19
Luca, ich glaub … ich hab echt Mist gebaut!« Er vergrub verzweifelt sein Gesicht in den Händen. Betroffen beobachtete Luca, wie Pascal um Fassung rang, und überlegte krampfhaft, was er sagen sollte. »Erzähl᾿s mir«, forderte er dann kurzerhand. »Lieber nicht, ich will dich da nicht mit reinziehen.« Pascal suchte in seiner Schublade nach seinem Ladekabel; er brauchte ein paar Anläufe, bis er den Stecker ins Handy bekam. »Geht es um den Gefallen für Nikolai?«, hakte Luca nach. Pascal sah so aus, als würde er es abstreiten wollen, doch dann nickte er resigniert. Angst stand in seinen Augen. Und Schuld. Stumm wartete Luca, bis Pascal sich ein wenig beruhigt hatte. »Er hat mich gefragt, ob ich ihn begleiten und ein Auto fahren könnte«, begann Pascal schließlich mit hängenden Schultern zu erzählen. »Er hat mir gesagt, dass sein Bruder ihm einen Schlüssel gegeben und ihn gebeten hat, es zu einem Treffpunkt auf einem Rastplatz in der Nähe zu bringen. Nikolai meinte, dass er dafür ja noch einen weiteren Fahrer braucht, weil er ja erst einmal selbst zum Auto kommen und jemand den anderen Wagen fahren muss. Und da hab ich zugestimmt.« Luca bekam eine Ahnung, was geschehen war, hielt aber den Mund, damit Pascal weitererzählte. Sein Bruder rang eine ganze Weile mit sich, dann brach alles aus ihm heraus. Und Luca spürte, wie ein Teil der Last auf seine eigenen Schultern umgeladen wurde, als ihm klar wurde, in was für Schwierigkeiten Pascal steckte. Sie diskutierten hin und her, was sie jetzt tun sollten, bis Pascal irgendwann ziemlich kurz angebunden verkündete, dass er dafür jetzt echt zu fertig sei, und ins Bett kroch. Luca legte sich ebenfalls wieder hin, doch seine Gedanken konnte er nicht einfach abschalten und er quälte sich bis zum Morgen durch wirre Lösungsideen, unlogische Traumfetzen und unruhige Wachmomente. 20
Als sein Wecker am Morgen klingelte, war er völlig gerädert. Er setzte sich auf und rieb sich die bleierne Müdigkeit aus dem Gesicht. Seine Brust zog sich zusammen, als er an Pascals Verzweiflung und Angst dachte. »Gott, was soll ich nur machen?«, fragte Luca in die morgendliche Stille hinein. Sein Blick fiel auf seine Bibel auf dem Regal über seinem Kopfende. Seufzend nahm er sie herunter und blätterte ziellos durch die Bücher des neuen Testaments, bis sein Blick auf die Stelle im Philipperbrief fiel. Macht euch um nichts Sorgen! Wieder seufzte Luca. Das ließ sich so leicht lesen. Aber in der Realität … Wie dumm. Gott war doch genauso real wie seine Probleme. »Zeig mir, was ich tun soll, Vater. Ich weiß nicht, wie wir das klären sollen, ohne dass Pascal …« Er brach ab, als er an all die Konsequenzen dachte, die seinem Bruder durch die Aktion gestern Abend drohten. So weit wollte er gar nicht denken. Wie hatte das nur passieren können? Eine ganze Weile saß er so da und grübelte, dann zog er sich an und stieg leise die Treppe hinunter. Pascal war schon zur Arbeit gegangen, aber seine Mutter schlief noch. Gedankenverloren schmierte Luca sich ein paar Brote, bevor er seine Sachen packte und sein Fahrrad aus der Garage holte. Der kühle Fahrtwind half ihm normalerweise, sich zu sammeln, doch heute ließen sich seine düsteren Gedanken nicht so leicht vertreiben. Auf halbem Wege stieß Etienne mit seinem Mountainbike dazu. »Was geht, Bro?« Etienne gab ihm beim Fahren die Faust. »Was geht«, murmelte Luca und versuchte, sein sonst immer unbeschwertes Lächeln aufzusetzen. Etienne erzählte von seinem gestrigen Basketballspiel, doch Luca hörte nur mit halbem Ohr hin. Alles in seinem Kopf drehte sich um Pascal. Sein Bruder war in Schwierigkeiten. In Gefahr. Vielleicht sogar Lebensgefahr? Oh Mann, wie sollten sie das bloß wieder gerade21
biegen? Ihre Mutter durfte auf keinen Fall etwas davon mitbekommen, dass Pascal in kriminelle Machenschaften geraten war. Sie hatte auch so schon Sorgen genug. Onkel Andi und Tante Lilli konnten sie auch nicht um Hilfe bitten. Wenn sie da mit reingezogen wurden, würde Luca sich das nicht verzeihen können. Außerdem war Pascal nicht ganz unschuldig. Er schnaubte wütend. Sie konnten der Polizei ja schlecht erzählen, dass sein Bruder aus Versehen mitgemacht hatte, wo er doch so viel Geld für den sogenannten Gefallen erhalten hatte. Etienne und er hatten gerade ihre Räder abgeschlossen, als es schon zur ersten Stunde klingelte. Sie beschleunigten ihre Schritte, um pünktlich ins Gebäude zu kommen, denn Luca hatte keine Lust auf Ärger mit Frau Dorn. Doch als sie am Kursraum ankamen, war sie noch gar nicht da. Als er hörte, worüber sich die Mädels unterhielten, fiel es ihm auch wieder ein: Heute sollte die Neue kommen. Ein wenig neugierig war er schon, wie das stumme Mädchen wohl aussah und wie sie so drauf war, aber seine Stufenkameradinnen taten so, als würde ein Filmstar zu Besuch kommen. Luca ließ sich schwerfällig auf seinen Platz fallen und wühlte in seiner Tasche, um beschäftigt zu wirken und nicht angesprochen zu werden. Etienne und Timo klinkten sich zum Glück sofort in das Gespräch der Mädels ein, sodass er niemandem auffiel. Beim zweiten Klingeln kam Frau Dorn in den Kursraum, ihr folgte ein Mädchen mit einer braunen Lockenpracht, die ihm fast bis auf die Hüften reichte. Verschlossener Blick, gleichgültige Miene, dunkle Augen. Sie blickte starr geradeaus, als wäre sie darauf bedacht, niemanden direkt ansehen zu müssen. Nach einer knappen Begrüßung stellte Frau Dorn sie noch einmal dem Kurs vor und wies auf den leeren Platz neben Natascha. Keana sah ihre Sitznachbarin nicht einmal an, als sie auf den Stuhl glitt und ihre Sachen auspackte. Frau Dorn versuchte, den Unterricht ganz normal zu gestalten, aber sie konnte die Aufmerksamkeit nur schwer von Keana ablenken, die wiederum 22
überhaupt kein Interesse an ihrer Umgebung zu haben schien. Alle warfen ihr immer wieder verstohlene Blicke zu. Die Mädels schienen fast enttäuscht zu sein. Keana sah nicht nur ganz normal und sportlich statt asozial aus, sie hatte nicht nur diese auffälligen Haare, sondern wirkte mit den dunklen Wimpern und ihren unergründlichen Augen richtig geheimnisvoll. Und furchtbar attraktiv, den Blicken der meisten Jungs zufolge. Auch Luca musste zugeben, dass sie definitiv nicht von schlechten Eltern war, aber er hatte schon öfter die Erfahrung gemacht, dass hinter der hübschen Fassade eines Mädchens ein äußerst hässlicher Charakter versteckt sein konnte, und er versuchte, sich davon nicht täuschen zu lassen. Als die erste Stunde um war und Frau Dorn das Zimmer verlassen hatte, hörte Luca, wie Natascha zu Keana sagte: »Ich bin übrigens Natascha. Du bist Keana, richtig? In welchem Stadtteil wohnst du denn jetzt?« Keana hob nur kurz den Kopf, reagierte aber ansonsten nicht. Luca fragte sich, warum Natascha so tat, als würde Keana mit ihr ein Gespräch anfangen können. War das ihre Art, sie einzubeziehen? Natascha drehte sich zu den anderen Mädels, hob die Schultern und begann dann, ihre Nägel zu feilen. Okay, dieser Integrationsversuch war schnell gescheitert. Aber man konnte auch auf andere Arten nett sein. Nur musste Luca zugeben, dass er auch nicht so recht wusste, wie man das anstellen sollte, wenn der Gesprächspartner keine Reaktion zeigte. Sie könnte doch wenigstens mal nicken, den Kopf schütteln oder es mit Zeichensprache versuchen? Zumindest müsste sie doch schreiben können, aber auch das tat die Neue nicht. Sie ignorierte sie alle schlichtweg. So ging das den ganzen Schultag. Keana reagierte nicht, wenn sie jemand ansprach, sei es Mitschüler oder Lehrer. Luca fand das seltsam, genau wie die anderen, aber er kümmerte sich nicht darum. Auch nicht, als er in der Pause mit Etienne und Timo 23
zusammensaß und die Mädels kamen, um mit ihnen darüber zu reden. »Ich finde das megaunhöflich«, äußerte sich Pia gerade. »Ich mein, sie ist doch nicht taub! Dann kann sie doch wenigstens mal nicken oder so! Aber wir scheinen Luft für sie zu sein!« »Vielleicht ist sie traumatisiert?«, warf Etienne ein. »Ach was, wenn es was extrem Ernstes wäre, wäre die doch nicht in unserer Schule, sondern in der Klapse!« Timo schob sich die Hälfte seines Brotes in den Mund. »Oder auf ᾿ner Sonderschule«, nuschelte er durch die Krümel. »Sie kommt voll arrogant rüber. Bildet sich bestimmt ganz schön was ein!« Dajana warf ihr Haar zurück. »Und denkt, sie wäre was Besseres.« Luca schüttelte genervt den Kopf. »Jetzt kommt mal wieder runter. Ihr urteilt ja, obwohl ihr sie überhaupt nicht kennt.« »Nur weil du alle Menschen lieben musst, heißt das nicht, dass wir das auch tun müssen«, antwortete Dajana schnippisch. Luca presste die Lippen aufeinander und Timo lachte, als hätte sie einen richtig guten Witz gebracht. »Stimmt, musst du nicht sogar voll vorbildlich und richtig nett zu ihr sein, weil du Christ bist?« »Zu dir bin ich ja auch nett«, gab Luca schlagfertig zurück und Timo gab ihm die Faust. »Der war gut, Alter.« Er sprang auf. »Etienne, Luca, lasst uns noch ᾿ne Runde Basketball spielen.« Luca war froh über die Ablenkung. Er mochte es sowieso nicht, mit den Mädels abzuhängen. Irgendwie fanden sie immer jemanden, über den sie ablästern konnten, und auch seine Kumpels benahmen sich dann komplett anders. Das nervte unglaublich. Er warf Timo den Ball zu, konzentrierte sich aufs Spiel und hoffte dabei, dass dieser Schultag einfach schnell vorbeigehen würde.
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Keana lungerte in der Schulbibliothek herum und wartete darauf, dass es endlich klingelte. Nicht, dass sie so aufs Lesen aus war. Aber hier würde niemand versuchen, sie in ein Gespräch zu verwickeln, denn genau wie an der alten Schule war die Bibliothekarin sehr streng, was die Ruhe im Raum betraf. Keana zog eine Enzyklopädie über essbare Wildpflanzen aus dem Regal und begann, darin zu blättern. Nebenbei musterte sie den Raum. Das war die gemütlichste Bibliothek, die sie je gesehen hatte. Da sie direkt unter dem Dach lag, hatte sie zwar einige Schrägen, aber die Nischen, die darin eingelassen waren, waren mit bequemen Lesesesseln bestückt. Regale vollgestopft mit Büchern säumten die Wände und waren auch in angemessenen Abständen im Raum verteilt. Antike Karten der Welt, ähnlich wie bei Onkel Phil zu Hause, hingen an den wenigen Stellen, wo keine Bücherregale standen. Keana beschloss, öfter hierherzukommen. Sie war eh nicht scharf darauf, sich mit den anderen aus der Stufe anzufreunden. Sie gehörte hier nicht hin. Sie wusste zwar nicht, wohin sie gehörte, aber hierhin bestimmt nicht. Das war ja nicht einmal ihr Zuhause. Es klingelte und Keana schob das Buch wieder ins Regal. Zurück im Kursraum spürte sie die Blicke der anderen auf sich, doch ignorierte sie. Genau wie den Lehrer vorne, der ein paar Versuche startete sie in den Unterricht miteinzubeziehen. Als am Ende des Schultages endlich die Glocke läutete, fiel ihr ein Stein vom Herzen, machte jedoch sofort einer beklemmenden Enge Platz. Sie musste noch fast zwei Monate zur Schule gehen, bis Sommerferien waren. Und dann noch ein Jahr, bis sie ihr Abitur hatte. Nicht, dass sie vorhatte, so lange hierzubleiben. Vielleicht sollte sie einfach abbrechen. Fachabitur reichte doch auch. Aber dafür müsste sie sich noch ein Jahrespraktikum suchen, oder? Dabei wusste sie noch gar nicht, was sie werden sollte. Eigentlich wollte sie gar nichts werden. Sie wünschte, alle Welt würde aufhören zu versuchen, sich um sie zu kümmern. Sie kam ganz gut allein klar. 25
In ihrem Kopf formte sich ein Plan. Sie wusste, was sie machen konnte. Sie würde, sobald sie achtzehn war, einfach nach Neuseeland gehen und Work-and-Travel machen. Solange sie wollte. Wozu sich auch noch durch das letzte Abiturjahr quälen? Die Idee, für einige Zeit ins Ausland zu gehen, hatte sie schon öfter gereizt. Vielleicht würde sie sogar ganz wegbleiben. War doch cool, so ein Leben in einem Minivan. Sie würde einfach eine Matratze reinlegen und sich einen Campingkocher besorgen. Fertig. Nur, dafür brauchte sie Geld. Sollte sie vielleicht das zwölfte Schuljahr doch noch beenden und sich dann einen gut bezahlten Ferienjob suchen, damit sie das nötige Startkapitel zusammenbekam? Und was war mit Ronan? Sie hatte sich eigentlich geschworen, ihn nicht hängen zu lassen. Nun, sie hatte noch ein paar Wochen, bis sie volljährig war. Bis dahin würde sie schon wissen, was sie machen konnte.
Luca sah Keana nach, die den Schulhof durchs Nebentor verließ. Ging sie zu Fuß? Wohnte sie vielleicht in der Nähe? Nun, das war nicht seine Sache. Aber irgendwie bekam er sie nicht aus dem Kopf. Es war ihr Blick, der ihn in ihrem Bann hielt. So … verloren. Traurig. Hoffnungslos. Aber auch wütend. Als sähe sie die gesamte Welt als Feind. Luca fragte sich, was für Probleme sie wohl hatte und was das für eine schwere Zeit gewesen war, die sie hinter sich hatte. Offensichtlich war sie nicht verwahrlost, aber vielleicht ließen sich ihre Eltern scheiden oder ein Familienmitglied war schwer krank. Vielleicht war auch jemand aus ihrem nahen Umfeld gestorben. Wer wusste das schon. Luca schloss sein Fahrrad auf und schlug den Weg zu den Bergs ein, bei denen Luca den Kids Nachhilfe gab. Die Bergs bezahlten gut und Luca war echt dankbar für diesen Job, so konnte er für seinen Führerschein sparen. Er hatte schon fast drei Viertel 26
des ungefähren Betrags zusammen und wollte sich bald zur Fahrschule anmelden. Bei den Bergs angekommen, checkte Luca sein Handy. Pascal hatte ihm geschrieben, dass er die Sache geklärt habe. Ein wenig seltsam fand Luca das schon. Das war keine Kleinigkeit gewesen. Er konnte sich nicht vorstellen, dass das so einfach geklärt werden konnte … Nun, das würde bis zum Abend warten müssen. Luca steckte sein Handy wieder weg und klingelte.
Als Keana auf den Hof von Onkel Phil kam, fiel ihr Blick auf ihr Familienauto. Im Notfall könnte sie es auch einfach verkaufen, dann hätte sie genug Geld für ihren Work-and-Travel-Trip. Ja, das wäre auf jeden Fall der schnellste Weg, um an Geld zu kommen. Nur, was würde dann aus Ronan werden? Entweder ihr Vater würde freigesprochen werden und würde Ronan wieder mit nach Hause nehmen oder er würde bei Onkel Phil bleiben. Beide Optionen behagten ihr nicht so wirklich. Onkel Phil kannten sie kaum und ihr Vater war unberechenbar, selbst wenn er ihnen bisher niemals körperlich wehgetan hatte und mit Ronan nach wie vor verhältnismäßig gut umgegangen war. Na ja, das mit Onkel Phil würde sich zeigen. Ein paar Wochen würden ausreichen, um sein wahres Gesicht erkennen zu können. Nur, ob sie Ronan allein mit ihrem Vater lassen wollte … Würden sie dann zurück nach Hause ziehen? Wo alle Welt wusste, was ihr Vater getan hatte? Würde das Jugendamt das überhaupt zulassen? Und wie würde Ronan behandelt werden? Als Sohn eines Verbrechers. Sie schloss die Augen. Sie durfte nicht so viel darüber nachdenken. Das würde sich schon noch klären. 27
Als sie die Haustür öffnete, hörte sie Ronans aufgeregtes Geplapper aus der Werkstatt und Onkel Phils tiefe, brummige Antworten. Sie folgte den Stimmen und fand die beiden über eine aufgeschraubte Pendeluhr gebeugt. »… und das ist der Mechanismus, der aktiviert wird, sobald der große Zeiger auf die Zwölf kommt. Dann werden hier die Klangstäbe angeschlagen.« »Cool!« Ronan beugte sich so weit hinab, dass seine Nasenspitze fast die Zahnräder berührte. »Und wo ist jetzt was kaputt?« Keana klopfte an den Türrahmen und die beiden sahen auf. »Keana!« Ronan lief zu ihr und umarmte sie stürmisch. »Endlich!« Sie musste lächeln und strich ihm liebevoll über den Kopf. »Wie lief der erste Tag?«, fragte Onkel Phil und legte die Lupe beiseite. Keana hob die Schultern und verzog das Gesicht. »Nicht so gut?«, interpretierte Onkel Phil. »Das wird schon. Der erste Tag ist immer hart.« Er deutete auf die Wohnungstür. »Lasagne ist im Ofen und in zehn Minuten fertig.« Keana nickte und ging rein, um sich umzuziehen. Ronan folgte ihr und erzählte ihr von seinen Lehrern, seinen Mitschülern und mit wie vielen Kindern er sich heute schon angefreundet hatte. Außerdem war der Abenteuerspielplatz auf dem Schulhof der beste, den er je gesehen hatte. Seine Klassenlehrerin war furchtbar nett und hatte ihn sehr für seine Vorlesekunst gelobt. Gut, dachte sie. Wenigstens einer, der sich hier einlebt. Aber Ronan war schon immer der Optimist von ihnen gewesen. Selbst der Tod ihrer Mutter und Papas Wutausbrüche hatten seine Gutmütigkeit nicht zerstören können. Keana erwischte sich dabei, wie sie innerlich ein Dankgebet sprach.
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Als Luca nach Hause kam, stand Pascal am Herd und fabrizierte gerade Hühnchen süßsauer. Luca ließ sich auf den Küchenstuhl fallen. »Und?«, fragte er neugierig. »Was hast du jetzt mit Nikolai geklärt? Er lässt es einfach auf sich beruhen?« Pascal warf einen kurzen Blick über die Schulter. »Anscheinend. Hab ihn in der Pause zur Seite genommen und gesagt, dass ich bei seinen Raubzügen nicht mitmachen will, egal, wie viel Geld er mir bietet. Und dass ich es nicht in Ordnung fand, dass er mich einfach da reingezogen hat.« Pascal schüttete eine ordentliche Menge Curry in den dampfenden Topf. »Hat mich erst mal schief angesehen, gelacht und gesagt, ich solle mir keine Sorgen machen, es würde nicht noch mal vorkommen.« Luca runzelte die Stirn. »Echt? So einfach?« Pascal griff nach dem Holzlöffel und rührte um. »Ja, hat mich auch gewundert. Vielleicht hat er eingesehen, dass das nicht klar ging. Aber er hat das Geld nicht zurücknehmen wollen. Ich soll es behalten, hab᾿s mir schließlich verdient, meinte er.« Von dem, was Pascal erzählt hatte, konnte Luca sich überhaupt nicht vorstellen, dass damit alles vorbei war, vor allem, wenn er das Geld einfach behielt, aber gut. Pascal hatte schon ein bisschen ungehalten reagiert, als Luca neulich nachts zu viel gefragt und vorgeschlagen hatte. Er wollte sich jetzt nicht weiter einmischen, wenn sein großer Bruder meinte, die Sache sei erledigt. »Wie lange braucht das Essen noch?« »Fünfzehn Minuten, denke ich. Hab grad erst den Reis ins Wasser getan.« »Okay.« Luca zog seinen Collegeblock aus dem Rucksack und fing mit den Englischhausaufgaben an. Er freute sich schon aufs Wochenende. Endlich ausschlafen, keine Hausaufgaben und kein Nachhilfeunterricht. Manchmal hatte er das Gefühl, nur noch dafür zu leben. Gut, dass morgen auch noch die Jugendstunde war, da konnte er seine Freunde wiedersehen und mal wieder geistlich auftanken. 29
Das Abendessen war schon eine Weile vorbei und Ronan bereits im Bett, als es leise an Keanas Tür klopfte. Da diese nur angelehnt war und dabei aufschwang, trat Onkel Phil nach Keanas Nicken ein und ließ sich auf den roten Sessel fallen. »Ich habe noch etwas länger mit deiner neuen Stufenleiterin gesprochen. Sie ist übrigens auch Vertrauenslehrerin an der Schule, du kannst jederzeit zu ihr gehen, wenn du Schwierigkeiten hast. Aber das hat sie dir, glaub ich, auch schon gesagt, oder? Wir haben mit Frau Dorn außerdem ein wenig darüber gefachsimpelt, wie wir das mit deiner Beteiligung im Unterricht machen sollen.« Er musterte sie. »Ich weiß, dass du keinen Sinn darin siehst, zur Schule zu gehen, aber du solltest dich trotzdem anstrengen.« Es war fast gruselig, wie Onkel Phil ihre Gedanken aus ihrem Gesicht ablas; er antwortete ihr, als hätte sie laut gesagt, was sie dachte. Nun ja, das war immerhin sein Job. »Doch, Keana. Ich weiß, dass das gerade das Letzte ist, was du willst, aber du solltest versuchen, an deine Zukunft zu denken. Mach einfach einen Schritt nach dem anderen. Einen Abschluss zu machen, ist gerade das Nächste.« Keana sah auf ihre Hände, in der Hoffnung, ihre Tränen so verbergen zu können, die ihr plötzlich in die Augen stiegen. Onkel Phil atmete tief ein. »Das ist eine wirklich harte Zeit, durch die ihr beide jetzt müsst. Ich werde euch unterstützen, wo ich nur kann. Und du lässt es mich wissen, wenn du irgendetwas brauchst, okay? Egal was.« Keana nickte und wischte sich über die Augen. Wo waren bloß die blöden Tränen hergekommen? Das hatte sie doch eigentlich inzwischen unter Kontrolle. »Zurück zur Schule. Wir hätten da vielleicht eine Möglichkeit. Wenn du die Antwort auf etwas weißt, meldest du dich ganz normal und schreibst es groß auf deinen Collegeblock. Das nimmt 30
zwar etwas Zeit in Anspruch, aber Frau Dorn will es ausprobieren. Außerdem kannst du öfters deine Hausaufgaben abgeben, das würde mit in deine Note einfließen. Wäre das eine Idee, die du akzeptieren und testen würdest?« Keana hob die Schultern und nickte dann zögerlich. »In Ordnung. Ich werde es deine Lehrerin wissen lassen und sie gibt es an die anderen Lehrkräfte weiter.« Er stand auf. »Ich bin da, falls du noch was auf dem Herzen hast.« Er verließ das Zimmer mit einem angedeuteten Lächeln. Keana blickte eine Weile auf die geschlossene Tür. Sie schätzte sein Angebot, wusste aber, dass sie es nicht in Anspruch nehmen würde. Sie kam allein klar. Sie brauchte keinen Vaterersatz. Die innere Stimme, die leise protestierte, ignorierte sie und schlüpfte in ihre Laufsachen.
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