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Lynn Austin

Die wege, die wir wählen


Kapitel 1 New York Juli 1898

Adelaide Adelaide Stanhope saß am Grab ihres Vaters, so still und aufrecht wie die Grabsteine um sie herum. Der riesige Stanhope-Obelisk ragte über dem Familiengrab auf, in dem ihr Urgroßvater, ihr Großvater und jetzt ihr Vater zur letzten Ruhe gebettet worden waren. Die Hand von Großmutter Junietta Stanhope, in schwarze Spitze gehüllt, lag kraftlos und zerbrechlich in ihrer eigenen, während der Gottesdienst in monotonen Sätzen weiterging. Adelaide verstand kaum ein Wort. Der Pastor hätte genauso gut in einer anderen Sprache predigen können – Ewigkeit … Staub … Leben … Ruhe. Vater war tot. Er war tot und alles in Adelaides genau geplanter, wohlgeordneter Welt war auf den Kopf gestellt und durcheinandergeworfen worden und schlingerte jetzt wie ein Luxusdampfer hilflos im Sturm umher. Der Duft von Rosen und Lilien, die sich auf Vaters Sarg türmten, wehte mit dem Wind herüber. Der betörende Geruch wirkte irgendwie fehl am Platz. Normalerweise begleiteten diese Blumen eine von Mutters großen Abendveranstaltungen oder Bällen und erfüllten das Anwesen in New York oder das Sommerhaus in Newport mit ihrem Duft. Adelaide schloss die Augen und stellte sich Vater in seinem Smoking und dem gestärkten weißen Hemd vor. Und Mutter, die an seiner Seite in einem schillernden Kleid und ihren Perlenketten regierte, während sie die Gäste in dem riesigen Foyer begrüßten, das mit Bouquets geschmückt war. Es war ein Bild, das Adelaide immer für selbstverständlich gehalten 5


hatte, und sie hatte gedacht, nichts in ihrem Leben würde sich jemals ändern. Wie sollte jetzt alles werden, ohne Vater? Adelaide öffnete die Augen wieder und warf einen Blick auf ihre Großmutter, deren Gesicht von einem Schleier aus schwarzem Netzstoff bedeckt war. Sie saß stoisch da, ungebeugt, als wäre sie aus Wachs geformt, wie die Figuren, die Adelaide im letzten Jahr in Madame Tussauds Museum in London gesehen hatte. Wenn Eltern ein Kind verloren, war das in jedem Alter eine Tragödie, aber Vater war Großmutter Juniettas einziges Kind gewesen, ihr einziger Sohn. Seit Adelaide denken konnte, war ihre Großmutter unermüdlich gewesen, sie war nicht gealtert, während sie sich ganz in die Arbeit der Wohltätigkeitsorganisation gestürzt hatte, deren Vorsitz sie innehatte – eigentlich eine Aufgabe für einen Mann, aber Großmutter hielt sich nur selten an die Regeln des gesellschaftlichen Lebens. Adelaide hatte ihr als Kind sehr nahegestanden, bevor sie zu einer jungen Frau herangewachsen war und ihren Platz im Leben der privilegierten Gesellschaft eingenommen hatte, den sie jetzt genoss. Auch Adelaides Augen waren trocken – und das nicht nur, weil eine wirkliche Dame niemals in der Öffentlichkeit trauern würde, sondern weil ihr Vater, Arthur Benton Stanhope III., für sie eine ferne Gestalt gewesen war, eine Statue auf einem Podest, ein Riese in der New Yorker Geschäftswelt, der vor seinem plötzlichen Tod den größten Teil ihres Lebens in Büros und Besprechungen verbracht hatte. Als drittes und jüngstes Kind wusste Adelaide, dass sie vom Tag ihrer Geburt an eine Enttäuschung für ihn gewesen war. Die dritte Tochter. Nicht der Sohn, auf den er so gehofft hatte. Jetzt war er tot, plötzlich und unerwartet war er gestorben, allein, in dem großen Haus in New York, während Adelaide und ihre Mutter den Sommer in Newport auf Rhode Island verbracht hatten. Adelaide war immer noch wie benommen vom Schock seines Todes und der übereilten Zugfahrt nach Hause. Nichts schien ihr wirklich zu sein, außer vielleicht der gleißenden Sonne über ihren Köpfen und der Hand ihrer Großmutter, die so leicht wie eine Feder war. Der Schatten des Baldachins, der für die Beerdigung errichtet worden war, bot nur wenig Schutz vor der Hitze. 6


Der Pastor schloss sein Gebetbuch mit einem »Amen«. Ein Seufzer entwich Adelaide, noch bevor sie ihn unterdrücken konnte, und sie sah sich verstohlen um. Hoffentlich hatte ihn niemand gehört. Anscheinend nicht. Adelaide hatte sich daran gewöhnt, dass sie ignoriert wurde, während ihre älteren Schwestern noch zu Hause gewohnt hatten, aber jetzt, wo Ernestine und Cordelia eine gute Partie gemacht hatten und verheiratet waren, würde die neunzehnjährige Adelaide die Nächste sein, die ihre Mutter verkuppeln würde. Adelaide hatte sich immer eine Traumhochzeit ausgemalt, aber jetzt würde Vater nicht dabei sein und sie nicht zum Altar führen. Als ihre Mutter und ihre Schwester sich erhoben, stand Adelaide ebenfalls auf. Cordelia und ihr Mann waren gestern Abend aus Boston gekommen, wo sie lebten, aber Ernestine, die mit einem britischen Earl verheiratet war, hatte nicht genug Zeit gehabt, um aus London anzureisen. Adelaide half ihrer Großmutter beim Aufstehen. »Ist alles in Ordnung, Mimi Junie?«, flüsterte sie den Kosenamen aus ihrer Kindheit. »Ja, mein Kind.« Mit einer Hand umklammerte Großmutter den Arm von Adelaide, mit der anderen stützte sie sich auf ihren kunstvoll geschnitzten Gehstock. Es war, als gehörte der Stock wie ein zusätzlicher Körperteil zu ihr und man sah sie nur selten ohne ihn. Allerdings benutzte sie ihn in der Regel nicht als Stütze, sondern schwang ihn meist wie eine Waffe, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, oder wie einen Dirigentenstab, der den Takt angab. Aber heute war es anders. Sie stützte sich auf den Stock, während Adelaide und sie sich langsam weiterschoben, um noch mehr Rosen auf den Sarg zu werfen, der davon komplett übersät war. Bevor sie weitergingen, blieb Großmutter stehen und starrte auf ein Blumengesteck mit einem Band daran, auf dem Geliebter Sohn stand. »Mein Sohn …«, murmelte sie. »Mein Sohn.« Es wäre ein Segen gewesen, wenn sie ihren Verlust nicht hätte begreifen können, aber Großmutters Verstand war noch immer messerscharf. »Ja, Mimi Junie«, erwiderte Adelaide. »Du hast deinen Sohn verloren und ich meinen Vater. Es tut mir unendlich leid. Komm, unsere Kutsche wartet.« 7


Großmutter rührte sich nicht von der Stelle. Sie blickte von den Blumen auf und sah sich unter den vielen in Schwarz gekleideten Trauergästen um, als suchte sie jemanden. »Ich wünschte, mein anderer Sohn könnte hier sein«, murmelte sie. Adelaide bekam eine Gänsehaut. »Wen meinst du denn, Mimi?« »Meinen anderen Sohn …« Sie machte eine Handbewegung, als versuchte sie, in einem Topf mit verstaubten Erinnerungen zu wühlen und einen Namen herauszuziehen. »Du weißt schon …« Adelaide schluckte. »Du hast keinen anderen Sohn, Mimi. Nur meinen Vater. Er war dein einziges Kind.« Großmutter starrte sie lange an und schüttelte dann den Kopf. »Nein, das war er nicht.« Sie schirmte ihre Augen gegen das Sonnenlicht ab und blickte lange in die Ferne, als hielte sie nach ihm Ausschau, bevor sie sich schließlich von Adelaide zu der wartenden Kutsche führen ließ. Großmutter war offensichtlich verwirrt. Die Kutsche schwankte, als Henry, Mimis Fahrer, die Tür schloss und auf seinen Sitz stieg. Dann fuhren sie in würdevollem Schweigen los. Aber Mimi Junies rätselhafte Worte hatten Adelaide erschüttert. Hatte ihre Großmutter vielleicht einen Sohn durch eine Fehlgeburt oder Totgeburt verloren? All diese Fragen nagten an Adelaide, während sie neben ihrer Großmutter, ihrer Mutter und Cordelia für den Trauerempfang in dem gigantischen Speisesaal ihres Hauses stand und Beileidsbekundungen unzähliger Menschen entgegennahm. Nach einer langen, ermüdenden Stunde wandte ihre Großmutter sich ihr zu. »Ich habe genug, Adelaide. Könntest du mich bitte auf mein Zimmer bringen?« Finstere Wolken verdunkelten den strahlenden Sommerhimmel und in der Ferne donnerte es, als Adelaide Mimi Junie zu ihrer Suite brachte und ihr dabei half, in ihrem Sessel am Fenster Platz zu nehmen. Aber bevor sie sie allein ließ, ging Adelaide vor ihrer Großmutter in die Hocke. Sie musste es wissen. »Mimi Junie, bei der Beerdigung hast du einen anderen Sohn erwähnt.« »Habe ich das?« Sie starrte auf ihren Schoß, während sie geistesabwesend ihre Handschuhe abstreifte. 8


»Ja. Und es ist das erste Mal, dass ich von ihm gehört habe. Kannst du mir mehr über ihn erzählen?« Großmutter ließ die Handschuhe fallen und ergriff Adelaides Hände mit erstaunlicher Kraft. Dann sah sie Adelaide an und ihre blassen Augen leuchteten vor überfließender Liebe. »Du bist nach mir benannt, Adelaide Junietta Stanhope.« »Ja, ich …« »Was für Pläne haben sie für dich?« »Wie meinst du das?« »Haben sie einen Ehemann für dich ausgewählt? Über deine Zukunft entschieden?« Der Themenwechsel verwirrte Adelaide, aber sie antwortete pflichtschuldigst. »Mutter glaubt, dass es mehrere vielversprechende Herren in Newport gibt, aber nachdem Vater so unerwartet verstorben ist, müssen wir eine Trauerzeit abwarten, bevor …« »Es ist dein Leben, nicht das deiner Mutter. Du musst dein Leben selbst in die Hand nehmen und nicht alles so tun, wie sie es für dich plant. Verstehst du?« »I-ich … Nein.« »Der Tod deines Vaters bedeutet, dass sich für dich und deine Mutter alles ändern wird. Und für mich zweifellos auch. Während wir alle neu anfangen, werden wir die Chance haben, uns ein neues Leben aufzubauen und zu entscheiden, wie wir von jetzt an leben wollen. Eine Veränderung kann schwierig sein, aber sie kann auch zu etwas sehr Gutem führen.« Adelaides Herzschlag beschleunigte sich. »Aber ich will nicht, dass sich etwas ändert. Ich will so leben wie immer.« »Aber die Veränderung wird trotzdem kommen, dessen kannst du dir sicher sein. Aber es bedeutet auch, dass du die Freiheit hast, neue Entscheidungen zu treffen. Einen Mann zu lieben, den du dir selbst ausgesucht hast, und die Freude zu erleben, dass deine Liebe erwidert wird. Aber dazu brauchst du Mut.« Adelaide konnte nichts erwidern. Könnten Mimis Fragen doch etwas mit ihrem geheimnisvollen verlorenen Sohn zu tun haben? Aber nein, ihre geliebte Mimi Junie, die aufrichtige, Ehrfurcht 9


einflößende Grande Dame der New Yorker Gesellschaft, würde sich niemals einer geheimen, skandalträchtigen Lebensweise hingeben und erst recht nicht ihre Enkelin dazu drängen, ein solches Leben zu führen. Oder? Es klopfte leise an der Tür und ein Mädchen kam mit einem Tablett und Tee herein. Die silberne Teekanne war klein und auf dem Tablett stand nur eine Tasse mit Untertasse. »Ihre Mutter möchte, dass Sie wieder zu den Gästen hinuntergehen, Miss Adelaide«, sagte das Mädchen. Heute würde es keine weiteren Fragen oder Offenbarungen geben. Großmutter drückte noch einmal Adelaide die Hände, bevor sie sie losließ. »Gib mir einen Kuss, bevor du gehst, Addy Liebes«, sagte sie. Adelaide gehorchte. Das tat sie immer.

Junietta Sie hätte sich gefreut, wenn Adelaide noch ein wenig länger hätte bleiben können. Das Mädchen war schon immer Juniettas Lieblingsenkelin gewesen. Falls Großmütter überhaupt so etwas haben durften. Mit Adelaide hatte sie mehr Zeit verbracht als mit Cordelia und Ernestine, als die Mädchen klein waren, denn die anderen beiden waren oft davongelaufen und hatten ihre kleine Schwester zurückgelassen. Adelaide war ein schüchternes Kind gewesen, sensibel und ernsthaft, und sie hatte immer gebannt zugehört, wenn Junietta ihr Geschichten erzählt hatte. Die biblischen Geschichten hatte sie am liebsten gehört. Insbesondere eine Geschichte aus der Bibel war Junietta den ganzen Tag nicht aus dem Sinn gegangen – die, in der Jesus zu einer Beerdigung kam, wo eine Witwe ihren einzigen Sohn begrub. Der Herr hatte Mitleid mit der trauernden Frau gehabt und ihren Sohn wieder zum Leben erweckt. Was würde Junietta nicht dafür geben, wenn ihr Sohn wieder lebendig würde! Warum passierte so etwas? Kinder sollten ihre Eltern begra10


ben, nicht umgekehrt. Junietta starrte das silberne Tablett mit der Teekanne an, ihre Arme zu schwer vom Kummer, um die Kanne hochzuheben und Tee in die zerbrechliche Tasse zu gießen. Die Trauer, schwer und erdrückend, lähmte ihren Körper, während ihr Geist unermüdlich durch ein Leben voller Erinnerungen und Entscheidungen wanderte, die sie bedauerte. Von dem Gedanken Was-wäre-wenn konnte sie sich einfach nicht frei machen. Ihr Sohn war tot. Wie war die Zeit nur so schnell verstrichen? Sein Leben war zu schnell vergangen, aus den Tagen waren Monate und dann Jahre geworden. Sie konnte sich A.B. im Alter von neun oder zehn Jahren vorstellen, mit lockigem Haar und leuchtenden Augen und voller unerschöpflicher Neugier. Er hatte immer gerne Dinge auseinandergenommen, um zu sehen, wie sie funktionierten, und seine Mutter dann gebeten, sie wieder zusammenzubauen. Eine Spieluhr. Die Kaffeemühle der Köchin. Ein Fernglas. Und einmal die Laterna magica seines Großvaters. Aber als A.B. sechzehn geworden war, hatte sie ihn an seinen Vater und Großvater verloren, die ihren Einfluss auf ihn geltend gemacht hatten. Und jetzt hatte sie ihn für immer verloren. Am Ende hob Junietta doch die Teekanne hoch, aber ihre Hand zitterte, als sie sich etwas Tee einschenken wollte. Das edle Getränk landete überall, nur nicht in der Tasse. Dies war nicht das erste Mal im Leben, dass sie einen so lähmenden Schock und Verlust erlitten hatte. Damals hatte sie irgendwie die Kraft gehabt, mit ihrem Leben weiterzumachen, bis die Zeit die scharfen Kanten der Trauer abgeschliffen hatte. Auch diesmal würde sie weitermachen müssen. Ihre Wohltätigkeitsorganisation war viel zu wichtig, um sie ihrem Schicksal zu überlassen. Sie war sogar das Letzte gewesen, worüber sie mit A.B. vor seinem Tod gesprochen hatte. Er hatte Junietta überrascht, als er früher als geplant aus ihrem Sommerhaus in Newport nach New York zurückgekehrt war. »Es gibt geschäftlich etwas Wichtiges, worum ich mich kümmern muss«, hatte er Junietta erklärt. Und sie hatte eines Morgens beim Frühstück, als sie mit ihm allein war, die Gelegenheit genutzt, um ihm von den Symptomen zu erzählen, die sie seit einiger Zeit 11


spürte: das rasende Herz, die tiefe Erschöpfung, die selbst viele Stunden Schlaf nicht wegwischen konnten, geschwollene Fußgelenke, mit denen sie kaum noch in ihre Schuhe passte, ihre Kurzatmigkeit, ihre Schwindelanfälle. Er war sofort erschrocken gewesen. »Ich lasse den Arzt rufen!« »Ich war schon beim Arzt. Sogar bei mehreren. Sie sagen alle dasselbe. Es gibt kein Mittel gegen ein alterndes Herz, das sich verausgabt hat.« »Dann musst du kürzertreten, dich mehr ausruhen. Verlass diese stickige Stadt und verbring deine Zeit am Meer. Warum begleitest du mich nicht nach Newport, wenn ich zurückfahre, und lässt dich von der frischen, salzigen Luft beleben?« »Newport ist der letzte Ort, an den ich mich begeben würde, um mich auszuruhen. Schon bei dem Gedanken an die endlosen gesellschaftlichen Verpflichtungen, die sich wie ein wild gewordenes Karussell im Kreise drehen, wird mir ganz schwindelig. Und das seichte Geplapper, das sich als Unterhaltung tarnt, würde mich zu Tode langweilen. Nein, mit Newport will ich nichts zu tun haben.« Junietta sah die Liebe und die Sorge in der betrübten Miene ihres Sohnes. »Hör zu, Mutter …« »Nein, mein Junge, bitte hör du mir zu. Ich habe dir nicht von meinem Herzen erzählt, damit du mich in Watte packst. Es ist die Wohltätigkeitsorganisation, um die ich mir Sorgen mache.« Sie hatte den Verein vor beinahe fünfzig Jahren gegründet, ihn seitdem geleitet und damit mehrere Millionen Dollar gesammelt und unter den Armen verteilt. Dieser Tätigkeit hatte sie ihr ganzes Leben gewidmet. Aber sie wusste auch, dass sie diese Aufgabe nicht mehr allein ausführen konnte. »Du weißt, wie viel mir das alles bedeutet, A.B., aber ich muss jetzt die Leitung abgeben. Wirst du mir helfen, jemanden zu finden, den ich als meinen Nachfolger anleiten kann? Jemanden, dem die Arbeit ebenso sehr am Herzen liegt wie mir?« »Gibt es nicht jemanden unter deinen jetzigen Helfern, der den Vorsitz übernehmen kann?« »Ich habe lange darüber nachgedacht, und auch wenn sie alle 12


ihre Arbeit gut machen, scheint mir keiner von ihnen die richtige Person für diese Position.« »Ich verstehe. Ja, natürlich werde ich dir helfen. Ich verspreche, dass ich jemanden finden werde. Aber in der Zwischenzeit musst du mir versprechen, auf den Rat der Ärzte zu hören und genau das zu tun, was sie sagen. Das bedeutet, dass du ausnahmsweise einmal Anweisungen befolgen musst.« Er hatte gelächelt, als er das gesagt hatte, und sich mit einem Kuss von ihr verabschiedet. Junietta hatte ihm natürlich nichts dergleichen versprochen. Es war das letzte Mal gewesen, dass sie ihren Sohn lebend gesehen hatte. Einen Tag später war er am frühen Nachmittag von der Arbeit nach Hause gekommen und hatte über heftige Kopfschmerzen geklagt. Am nächsten Morgen war er tot gewesen. Junietta hätte nie gedacht, dass er diese Erde vor ihr verlassen würde. Jetzt dachte sie wieder an Adelaide. Nun, wo A.B. nicht mehr da war, hatte Junietta nur noch Addy. Zu ihrer Schwiegertochter Sylvia hatte sie nie ein enges Verhältnis gehabt – zu selten waren sie einer Meinung. Und es war Junietta nicht gelungen, Einfluss auf ihre beiden ältesten Enkelinnen, Cordelia und Ernestine, zu nehmen, die beide verheiratet worden waren: die eine an einen Bostoner Dickschädel und die andere an einen englischen Adeligen. Gott allein wusste, wie es um ihre Ehen stand und wie fad und sinnlos ihr Leben geworden war. Aber vielleicht hatte sie die Chance, wenigstens Adelaide noch zu retten. Wenn sie nur die Kraft dazu fand und ihr alternder Körper ihr genügend Zeit ließ. Sie musste ihre geliebte Enkelin davon überzeugen, dass sie sich nicht mit einem Leben stupider Konformität zufriedengeben und die wenigen Jahre, die Gott ihr vielleicht schenkte, vergeuden durfte. Junietta zog ihre Schuhe aus und legte die Füße auf das Kissen, wie die Ärzte es ihr geraten hatten. Dann griff sie nach ihrer Bibel und schlug sie bei Psalm 90 auf, ihrem Lieblingspsalm, obwohl sie die Worte längst auswendig kannte. Sie würden ihr Gebet sein – für Adelaide und für die Stiftung. »Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden … und fördere das 13


Werk unsrer Hände bei uns. Ja, das Werk unserer Hände wollest du fördern!«

Sylvia Die Erleichterung, die Sylvia verspürte, als der letzte Gast ging, war überwältigend. Die Dienstboten würden sich um die Reste des Mittagessens kümmern und Sylvia konnte endlich allein sein. Während sie den riesigen Speisesaal verließ, um ins Obergeschoss zu gehen, hingen ihre Töchter Cordelia und Adelaide an ihr und boten ihr an, mit ihr hinaufzugehen und bei ihr zu bleiben. »Das ist nicht nötig«, versicherte Sylvia den beiden. »Mir geht es gut.« Als sie sich mit sanfter Bestimmtheit von den Mädchen löste, kam ihr der Gedanke, dass die beiden vielleicht selbst Trost brauchten und es ihnen weniger darum ging, ihre Mutter zu trösten. Aber sie hatte keine tröstenden Worte für ihre Töchter. Außerdem konnte sie den vorgetäuschten, ruhigen Mut nicht länger aufrechterhalten und die beiden sollten nicht sehen, wie sie zusammenbrach. Noch einmal versicherte sie Cordelia und Adelaide, dass es ihr gut ging, und schloss dann die Tür. In Sylvias Schlafzimmer war es wärmer als in den Zimmern im Erdgeschoss. Es war dämmrig und mit den Fensterläden, die gegen die Sommersonne verschlossen waren, fühlte es sich an wie eine schützende Höhle. Die Zofe half Sylvia aus ihrem Trauerkleid und fragte dann, ob sie noch etwas tun könne. »Nichts, danke. Ich klingele, wenn ich etwas brauche.« Nachdem das Mädchen gegangen war, stand Sylvia mitten in ihrem Zimmer und sah sich um. Alles war an seinem Platz, jede freie Fläche war abgestaubt und poliert, die Betttücher und Decken makellos und ohne Falten. Es sah genauso aus wie immer, als hätte sich in ihrem Leben nichts verändert, und sie verspürte den überwältigenden Drang, den Bettüberwurf herunterzureißen, die Kissen auf den Boden zu werfen, die Schubladen der Kommoden auszuleeren und alle Bilder umzustoßen, damit der Raum ein Abbild für den Tumult war, der in ihrem Herzen tobte. Jetzt, wo die nötigen Schritte für 14


die Beerdigung erledigt waren, ließ der Schock allmählich nach. So langsam begann sie, das Ausmaß ihres Verlustes zu begreifen. A.B. kann nicht tot sein. Das kann einfach nicht sein! Auf der endlosen Reise von Newport hatte sie diese Worte im Stillen immer wieder vor sich hingesagt. Aber er war nicht mehr da. Sylvia war allein. Und würde es von nun an immer sein. Sie ging zu der Tür, die zu A.B.s angrenzender Suite führte, und warf einen Blick hinein. Der Raum roch immer noch vertraut. Die Kleider, die er getragen hatte, hingen noch in seinem Schrank. Die Dinge, die er in seinen Hosentaschen bei sich geführt hatte, lagen auf seiner Kommode, zusammen mit seiner goldenen Uhr samt Kette. Aber Sylvia konnte es nicht ertragen, den Raum zu betreten. Es war noch zu früh. Sie schloss die Tür wieder und sank auf den Stuhl vor ihrem Frisiertisch. Sie hatte keine Gelegenheit gehabt, sich von ihm zu verabschieden. Als er beschlossen hatte, nach New York zurückzukehren, war Sylvia in Newport geblieben, wo sie die Feste, die Segelausflüge und das goldene Licht eines Sommers am Meer genoss. Sie hatte sich ein wenig geärgert, als er gesagt hatte, er würde abreisen, weil es bedeutete, dass sie ohne Begleitung zum Sommerball der Vanderbuilts gehen musste. Jetzt würde sie für immer ohne ihn sein. Es war eine Sache, die Trauerfeier, die Beerdigung und den anschließenden Empfang tapfer und erhobenen Hauptes zu überstehen. Aber Sylvia war sich nicht sicher, wie lange sie dieses Theater durchhalten würde. Wohl nicht für den Rest ihres Lebens. Sie betrachtete sich im Spiegel – wie konnte es sein, dass sie mit sechsundvierzig Jahren schon Witwe war? »Ich hätte mit ihm nach New York zurückfahren sollen«, flüsterte sie vor sich hin. Auch diese Worte hatte Sylvia in den vergangenen Tagen immer wieder im Geiste wiederholt. »Sie hätten nichts tun können«, hatte der Arzt ihr gesagt, als sie ihm davon erzählt hatte. Seine Beteuerung hatte sie aber nicht getröstet. Ihr Platz hätte an der Seite ihres Mannes sein sollen, als er starb. Sylvia stand auf und ging zwischen Kommode und Fenster auf und ab. Es gab niemanden, an den sie sich in ihrem Kummer wenden konnte. Ihre Freundinnen waren eigentlich eher Riva15


linnen als Vertraute und Sylvia konnte sich nicht darauf verlassen, dass ihre ausgeplauderten Geheimnisse nicht irgendwann als Tratsch die Runde machten. Mit ihrer geschäftigen, selbstbewussten Schwiegermutter war sie nie warm geworden, obwohl sie all die Jahre unter einem Dach gewohnt hatten. Ernestine und Cordelia waren verheiratet und fortgezogen, sodass nur Adelaide blieb, ein Mädchen, dessen Schüchternheit keinerlei Ähnlichkeit mit ihrem eigenen Temperament hatte. Für Adelaide musste Sylvia stark bleiben. Sie blieb stehen und nahm den Elfenbeinfächer in die Hand, mit dem sie sich bei der Beerdigung Luft zugefächelt hatte. Sylvia hatte gedacht, der Gottesdienst würde endlos dauern. Er hatte eine regelrechte Lawine von Erinnerungen an all die Begräbnisse ausgelöst, die sie schon miterlebt hatte, an all die geliebten Menschen, die sie verloren hatte. Sylvia war nicht darauf vorbereitet gewesen, ihren Ehemann so früh zu Grabe zu tragen – allerdings war sie bei den anderen genauso wenig darauf vorbereitet gewesen. Was würde wohl als Nächstes geschehen? Sylvia wusste es nicht. Der Anwalt der Familie hatte ihr versichert, er würde wiederkommen und ihr helfen, das Vermächtnis ihres Mannes zu regeln. Vielleicht wusste er, was als Nächstes kam, abgesehen von dem Trauerjahr. Ein Jahr lang im Schatten leben, während sie sich von der Trauer erholte und das Leben um sie herum weiterging. Etwas wie Wut regte sich plötzlich in Sylvia, Wut auf A.B., weil er sie so plötzlich verlassen hatte. Unter seinem Schutz hatte sie gut gelebt, hatte nie einen Gedanken an finanzielle Dinge verschwenden müssen, hatte seinetwegen Ansehen und Einfluss in der New Yorker Gesellschaft genossen. Aber das alles war nun in Gefahr. Und dieser Gedanke machte Sylvia schreckliche Angst. Über die furchtbaren Veränderungen, die sie als Kind erlebt hatte und noch einmal als junge Frau, hatte sie keine Kontrolle gehabt. Diesmal würde sie dafür sorgen, dass sie die Fäden in der Hand behielt und dass sich nichts änderte. Sie hatte sich mit ihrem Mann ein gutes Leben aufgebaut, ein Leben, das sie liebte. 16


Um Adelaides willen, um ihrer selbst willen und auch, um A.B. zu ehren, würde sie ihr letztes Hemd geben, damit alles so weiterlief wie bisher. Sylvia trat an ihr Bett und nahm die Fotografie von A.B. in die Hand, die auf ihrem Nachttisch stand. Es beschämte sie, wenn sie daran dachte, dass sie ihn bei ihrer Hochzeit gar nicht geliebt hatte. All die Jahre über hatte sie den eigentlichen Grund dafür, warum sie ihn geheiratet hatte, für sich behalten. Doch mit der Zeit hatte der Respekt für ihn sich allmählich in Zuneigung verwandelt und schließlich in Liebe. Hatte sie ihm in letzter Zeit gesagt, dass sie ihn liebte? Hatte sie diese Worte ausgesprochen, als sie in Newport gewesen waren? Bevor er zurück nach New York gefahren war? Es schmerzte Sylvia, dass sie sich nicht daran erinnern konnte. Wie hatte sie nur Tage oder Wochen oder sogar Monate verstreichen lassen können, ohne diese kostbaren Worte ausgesprochen zu haben? Sylvia hatte sich den ganzen Tag über bemüht, sich nicht dem Schmerz und dem Verlust zu überlassen und vor ihren Töchtern und den Dienstboten nicht in Tränen auszubrechen. Neidische Rivalinnen hatten ihr den Spitznamen Eiskönigin gegeben – wegen ihrer blassen Schönheit und ihrem blonden Haar, ihrer kühlen, unnahbaren Art. Diese eisige Rolle hatte sie perfektioniert, weil die Erfahrung sie gelehrt hatte, dass es besser war, distanziert und unterkühlt zu sein als verletzlich. Sie wollte keinen Schmerz riskieren. Aber jetzt tobte der Kummer wie ein Feuer in ihr und ließ das Eis tauen. An diesem Abend zerbrach der Eispanzer um das Herz von Sylvia Grace Stanhope. Als eine Flut schmerzlicher Erinnerungen in ihr aufstieg, schlug sie die Hände vors Gesicht und ließ endlich ihren Tränen freien Lauf.

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Kapitel 2 September 1898

Junietta Junietta starrte die Fremde im Spiegel an – faltig, grauhaarig – und erkannte sie kaum wieder. In ihrer Vorstellung ähnelte sie dieser alten Frau nicht, sondern war dieselbe, die sie mit fünfzig oder vierzig Jahren gewesen war: in der Lage, alles zu erreichen, was sie sich in den Kopf gesetzt hatte. Das Problem war ihr hinterhältiger Körper. Sie hörte ein leises Klopfen an der Schlafzimmertür und ein Dienstmädchen trat ein. »Madame Stanhope, die Anwälte Ihrer Familie sind da. Sie warten in Mr Stanhopes Arbeitszimmer.« »Danke, Hattie. Du bist ein Schatz.« Langsam ging Junietta die endlose Marmortreppe hinunter, damit sie nicht außer Atem war, wenn sie unten ankam. Heute waren ihre Fußgelenke nicht so stark geschwollen. Und auch ihr Herz benahm sich und schlug in einem langsamen Rhythmus, was überraschend war, wenn man bedachte, welch schwere Verletzung es erlitten hatte. Junietta konnte das leise Gemurmel von Männerstimmen schon an der Tür zum Arbeitszimmer hören und trat ein, um die beiden Anwälte zu begrüßen. Mr Wilson, der ältere von ihnen, trug einen altmodischen Backenbart und eine winzige Brille. Er saß am Schreibtisch und blätterte in einem Stapel Unterlagen, aber jetzt stand er auf und verneigte sich ein wenig, um Junietta zu begrüßen. »Guten Tag, Madame Stanhope. Darf ich Ihnen noch einmal mein Beileid aussprechen? Ein schrecklicher Verlust!« Er zeigte auf den zweiten Anwalt, einen viel jüngeren Mann mit breiten Schultern und dichtem ebenholzfarbenem Haar, der dabei war, für Junietta, Sylvia und Adelaide jeweils einen Stuhl vor dem 18


Schreibtisch zu arrangieren. »Dies ist mein Kollege, Howard Forsythe.« Junietta wusste genau, wer er war, ließ es sich aber nicht anmerken. »Freut mich, Mr Forsythe.« »Es ist mir eine Ehre, Sie kennenzulernen, Madame Stanhope.« Sie entdeckte ein Lächeln in seinen blauen Augen, als er sie begrüßte, und seine Freundlichkeit gefiel ihr. Für gewöhnlich waren Anwälte griesgrämig und die Verlesung von A.B.s Testament erforderte gewiss Ernsthaftigkeit, aber Junietta fand es gut, dass der junge Howard Forsythe sich selbst nicht allzu wichtig nahm. Adelaide erschien als Nächste und Junietta ging das Herz auf. Sie liebte ihre jüngste Enkelin abgöttisch. Das arme Mädchen sah schrecklich verloren und ernst aus und Junietta fragte sich, was mit dem sanften Kind geschehen war, das früher in ihr Zimmer gekommen und ihr tausend Fragen gestellt hatte. Junietta hatte sie in den vergangenen Jahren vernachlässigt, weil sie mit ihrer eigenen Arbeit so sehr beschäftigt gewesen war, dass sie Adelaide ganz aus den Augen verloren hatte. Das musste sie ändern. Sie würde nicht zulassen, dass Adelaide so wurde wie all die anderen Stanhopes. »Stellen Sie meinen Stuhl bitte näher an das Fenster dort«, befahl sie und schwenkte dabei ihren Stock. Der junge Mr Forsythe gehorchte eilig. »Und seien Sie so gut und ziehen Sie diese Vorhänge zur Seite, damit wir das Fenster öffnen und Luft und Sonnenschein hereinlassen können. Ich habe meinem Mann unzählige Male gesagt, dass dieser Raum zu dunkel und trübsinnig ist, doch ihn hat meine Meinung nie wirklich interessiert. Aber es ist eindeutig, dass ich recht hatte und er unrecht, finden Sie nicht auch, junger Mann?« Sie lächelte Mr Forsythe zu, dem es gelungen war, die dunkelbraunen Samtvorhänge zurückzuziehen, sodass ein Strahl des Sonnenlichts hereinfiel. Er erwiderte das Lächeln, bevor er sich zusammenriss. »Es sieht so aus, Madame Stanhope«, erwiderte er in angemessen ernstem Tonfall. Dann wandte er sich wieder dem Fenster zu und versuchte, die Scheibe nach oben zu schieben, was beinahe 19


komisch wirkte, bis das Fenster sich schließlich mit einem kratzenden Geräusch einige Zentimeter breit öffnete. Warme Luft, die schwach nach gefallenem Laub roch, strömte in den stickigen Raum. Mr Forsythe strich seine Weste wieder glatt und wischte sich über die Stirn. »Danke, mein Junge.« Junietta tätschelte seinen Arm und setzte sich dann. »Wenn man dunkle, ruchlose Geschäfte machen will, dann braucht man dazu vermutlich eine düstere Höhle.« Mr Wilson blickte schlagartig von seinen Papieren auf, vielleicht schockiert von dem Wort ruchlos. Menschen mit ihrer Direktheit zu schockieren, war für Junietta nichts Neues. Das tat sie schon ihr ganzes Leben lang. Aber nach Mr Forsythes kaum verhohlenem Lächeln zu urteilen, fand er sie amüsant. »Mein Sohn hat an diesem trostlosen Raum alles unverändert gelassen, als er die Betrügereien seines Vaters übernommen hat«, fuhr Junietta fort, »aber vielleicht wird es ja der nächste Besitzer tun. Adelaide, Liebes«, sagte sie und stupste Addys Arm mit der Spitze ihres Gehstocks an, »du solltest deine Verehrer auf die Probe stellen, wenn du dir einen Ehemann aussuchst. Bring sie hierher und frage sie, wie ihre Pläne für diese Höhle aussehen. Und dann heirate den Mann, der die Fenster aufmacht und Luft und Sonnenlicht hereinlässt. Oder besser noch, heirate den Mann, der dein Leben mit Luft und Sonnenlicht flutet. Versprichst du mir wenigstens das, Liebes?« Noch einmal stupste sie den Arm ihrer Enkelin an. Addy rieb sich die Stelle, während ihre Wangen sich röteten, aber bevor sie antworten konnte, kam Sylvia in einem Kleid aus raschelndem schwarzem Taft in den Raum geschwebt. Selbst in Trauer war Sylvia Grace Stanhope eine schöne Frau, die sich mit der Haltung und Würde einer Königin bewegte, eine unsichtbare Krone auf ihrem blonden, modisch hochgesteckten Haar. Mr Forsythe hörte auf, die kunstvoll geschnitzte Holzdecke zu bewundern, und nahm Haltung an. Mr Wilson erhob sich schnell und eilte hinter dem Schreibtisch hervor, um Sylvia zu ihrem Stuhl zu geleiten. »Guten Tag, Mrs Stanhope. Darf ich noch einmal sagen, wie leid mir Ihr Verlust tut? Ihr Gatte war ein feiner Mann und wird von allen sehr vermisst werden.« 20


Sylvia erwiderte seine Begrüßung mit einem kleinen Nicken. Sie war immer auf Abstand geblieben, sodass Junietta ihre Schwiegertochter eigentlich kaum kannte. Was würde jetzt aus Sylvia werden, ohne ihren Mann? Sylvia und Adelaide waren jetzt frei, sie würden beide ihre Flügel ausbreiten können, wenn sie den Mut dazu aufbrachten, aus ihrem goldenen Käfig zu fliehen. Jedenfalls vermutete Junietta das. Ein Grund mehr für sie selbst, sich jetzt nicht ihrer Krankheit oder ihrer eigenen Trauer zu beugen. »Sollen wir beginnen?«, fragte der ältere Anwalt, nachdem Sylvia sich gesetzt hatte. Wieder antwortete sie mit einem leichten Nicken. »Mr Stanhopes letzter Wille ist recht lang und detailliert«, fuhr er fort und zeigte auf den mehrere Zentimeter dicken Stapel Papiere, der vor ihm lag. »Die relevanten Parteien haben bereits eine förmliche Verlesung der auf Geschäftliches bezogenen Teile des Testaments gehört, aber auf Mr Stanhopes Wunsch hin wurden die privaten Familienangelegenheiten bei dieser Verlesung ausgeklammert. Ich kann gerne das gesamte Testament vorlesen, wenn Sie das wünschen, oder ich kann Ihnen die Abschnitte erklären, die Sie drei betreffen.« Mr Wilson blickte auf, die Augenbrauen fragend hochgezogen. »Wir begnügen uns mit der Kurzfassung«, erwiderte Junietta. »Keine von uns muss sich die geschäftlichen Details anhören.« »Also gut.« Mr Wilson schob den Stapel zur Seite und räusperte sich, während er ein einzelnes Blatt Papier zur Hand nahm, das zuoberst lag. »Der ursprüngliche Gründer aller Stanhope-Unternehmen und -Investitionen, Arthur Benton Stanhope I., hat in seinem Testament verfügt, dass die Kontrolle über den Besitz der Firma und der Großteil des Familieneigentums nur von seinen männlichen Nachkommen geerbt werden kann.« Junietta ließ ihren Gehstock auf das Parkett knallen. »Er war ein Tyrann! Mein Schwiegervater war ein geiziger, habgieriger Mann, dem es großes Vergnügen bereitet hat, das Leben anderer Menschen zu ruinieren!« »Ich … äh … davon weiß ich nichts«, sagte Mr Wilson. »Das war vor meiner Zeit. Jedenfalls wurde das Vermögen des Grün21


ders bei dessen Tod seinem ältesten Sohn vermacht, Arthur Benton Stanhope II. Also Ihrem Gatten«, sagte er mit einer Geste in Juniettas Richtung. »Ja, und mein lieber Artie hat getan, was sein Vater ihm gesagt hat, ob es nun legal war oder nicht.« Mr Wilsons Augen weiteten sich ein wenig hinter seiner winzigen Brille. Er räusperte sich. »Und als er verstarb, erbte der Enkel des Gründers, Arthur Benson Stanhope III., das Vermögen.« »Alle haben meinen Sohn nur A.B. genannt«, erklärte Junietta. »Das ist weniger verwirrend.« »Sein Testament muss jedoch den Bedingungen des ursprünglichen Gründers genügen. Und da Arthur III. keinen Bruder oder männlichen Erben hat, wird die Kontrolle über alle Geschäfte der Stanhopes, das gesamte Unternehmenskapital, das erworbene Vermögen und die Investitionen der Familie jetzt in vollem Umfang an den letzten noch lebenden Sohn des Gründers, Roger Charles Stanhope, gehen.« »Roger! Diese Ratte von einem alten Mann? Er ist der Letzte von allen Stanhopes, der das verdient hat! Er wird noch vor Weihnachten den gesamten Familienbesitz verspielt haben!« »Also … äh … auch davon weiß ich nichts.« Mr Wilson räusperte sich ein zweites Mal und senkte den Blick wieder auf das Blatt Papier. »Sollen wir etwa auf die Gunst eines Narren angewiesen sein? Kann man dagegen nicht etwas unternehmen?« »Ich fürchte, nein. Das Erbe geht an Roger Charles Stanhope. Und irgendwann an dessen Sohn, Randall David Stanhope.« »Nein«, murmelte Junietta. Ihre Hände hatten zu zittern begonnen. Die Erwähnung dieses Namens erinnerte sie daran, wie es zu diesem ganzen ungerechten Erbschaftsplan überhaupt gekommen war – und an die schreckliche Rolle, die sie selbst dabei gespielt hatte. Damals hatten ihre Schuldgefühle sie dazu bewogen, die gemeinnützige Stanhope-Stiftung zu gründen. Jetzt begann ihr Herz, einen hektischen Tanz aufzuführen, während sie um Atem rang. Bei dem Gedanken, dass all die Früchte ihrer Arbeit in die Hände von Roger Stanhope übergehen sollten, wurde 22


ihr ganz übel vor Angst. »Ist … ist die Wohltätigkeitsorganisation unserer Familie in dem Testament erwähnt?« »Nicht ausdrücklich. Aber da die Stiftung auf den Namen der Stanhopes registriert ist, wäre es logisch, dass Roger Stanhope sie verwaltet.« »Nur über meine Leiche!« Junietta schlug mit ihrem Stock gegen den Schreibtisch, als würde sie eine Trommel schlagen, und der dröhnende hohle Klang ließ Mr Wilson zusammenfahren. »Diese Stiftung ist das einzig Gute, das jemals im Namen Stanhope getan wurde. Mein verstorbener Mann hat dabei geholfen, sie finanziell auszustatten, und dann mir die Leitung übergeben. Mein Sohn hat alle meine wohltätigen Bemühungen sehr unterstützt und war Mitglied des Stiftungsrates. Tun Sie, was Sie dafür tun müssen, Mr Wilson, aber sorgen Sie dafür, dass die Stanhope-Stiftung unabhängig bleibt und nicht Roger in die Hände fällt!« »Wir werden uns darum kümmern.« »Danke. Und lassen Sie mich so schnell wie möglich wissen, wie ich Sie unterstützen kann, dass es nicht dazu kommt.« Um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, schlug sie noch einmal mit dem Stock gegen den Tisch und nahm dann wieder auf ihrem Stuhl Platz, während sie betete, dass niemand ihre körperliche Schwäche bemerkte. Aus dem Familienbesitz machte sich Junietta nicht viel, aber die Stiftung war ihr Ein und Alles und dafür würde sie kämpfen. Mr Wilson rückte seine Brille und seine Papiere zurecht. »Fahren wir fort … Der Großteil des Stanhope-Geldes ist in der Firma gebunden und kann, so leid es mir tut, von Ihnen dreien nicht geerbt werden.« Er schien sich für den nächsten Schlag mit Juniettas Stock zu wappnen, aber sie beherrschte sich, während sie seine Worte sacken ließ. Das ungeheure Vermögen der Stanhopes gehörte nicht mehr ihnen. »Allerdings wird Mr Stanhopes Testament seine Gattin, Sylvia Grace Stanhope, und seine unverheiratete Tochter, Adelaide Junietta Stanhope, mit einem Treuhandvermögen versorgen, ganz ähnlich dem Fond, den sein Vater für Sie eingerichtet hat«, sagte er an Junietta gewandt. »Diese Geld23


anlagen hätten in einigen Jahren eine ansehnliche Rendite abgeworfen. Aber Mr Stanhope konnte sein plötzliches Ableben im Alter von siebenundvierzig Jahren natürlich nicht vorhersehen. Bei umsichtiger Verwaltung sollte die Dividende Ihnen jedoch ein bescheidenes Einkommen garantieren, von dem Sie in den nächsten Jahren leben können.« Ein bescheidenes Einkommen? Sylvias finanzielle Situation war noch schlechter, als Junietta es sich vorgestellt hatte. Diesmal konnte sie sich nicht beherrschen und schlug wieder gegen den Schreibtisch. »Mr Wilson! Die Zukunft, die Sie hier schildern, ist ja noch düsterer als dieses Zimmer! Können Sie und all die anderen klugen Anwälte nicht einen Weg finden, unsere drohende Verarmung zu verhindern?« »Äh … ich fürchte, nein.« Mr Wilson holte noch einmal Luft und beeilte sich, seinen Vortrag zu beenden. »Was Mr Stanhopes Immobilien betrifft – wie Sie sicher wissen, ist der Großvater des Verstorbenen der ursprüngliche Eigentümer des Sommerhauses in Newport –, muss ich Ihnen leider mitteilen, dass das Haus ebenfalls in den Besitz von Roger C. Stanhope übergehen wird.« »Und was ist mit diesem Haus?«, unterbrach Sylvia ihn. »Aus diesem Haus kann Roger uns nicht rauswerfen, meine Liebe«, beruhigte Junietta sie. »Es hat meinem Mann gehört und wurde bei seinem Tod unserem Sohn Art vermacht. Dieses Haus hat nichts mit Roger zu tun.« »Ja, Sie haben ganz recht, Madame Stanhope, dazu wollte ich gerade kommen. Der Verstorbene hat das Eigentum an diesem Anwesen und all seinen persönlichen Besitz und seine Jacht, die Merriweather, seiner Frau, Sylvia Grace Stanhope, vermacht.« »Warum habe ich dann das Gefühl, dass es noch mehr schlechte Nachrichten gibt?«, wollte Junietta wissen. »Ich erkläre jetzt nur die wichtigsten Punkte des Testaments. Natürlich bin ich gerne bereit, die Einzelheiten zu einem späteren Zeitpunkt zu besprechen, wenn Sie so weit sind, über die Zukunft nachzudenken, und …« »Verkaufen Sie uns nicht für dumm, Mr Wilson! Wir wollen die ganze grausame Wahrheit hören, und zwar jetzt. Sollen wir 24


unter die Wäscherinnen gehen, um zu überleben? Zeitungen austragen? Den Westflügel in eine Pension verwandeln?« »Nein, nein, nein. Natürlich nicht. Aber Ihnen ist vielleicht nicht bewusst, welche enormen Kosten zum Beispiel damit verbunden sind, die Merriweather seetüchtig zu halten. Oder ein Anwesen von dieser Größe instand zu halten. Da nur Sie drei hier leben – und Miss Stanhope sicher in den nächsten Jahren heiraten wird –, wollen Sie vielleicht überlegen, in ein kleineres Haus zu ziehen, um die Zahl der Bediensteten zu reduzieren und die Ausgaben zu begrenzen. Für diesen Fall helfe ich Ihnen gerne beim Verkauf …« Ein lauter Schlag erschütterte den Schreibtisch. »Ist das Einkommen ausreichend, um davon zu leben, oder nicht, Mr Wilson?« »Ich fürchte, einige umsichtige Kürzungen und eine sorgfältige Verwaltung werden nötig sein …« »Und ein Ende der üppigen Feste?«, unterbrach Junietta ihn. Der Anwalt antwortete nicht. Junietta warf ihrer Schwiegertochter einen Blick zu. Sylvia hatte die Verlesung des Testaments und die Erklärungen dazu, was sie alles verloren hatte, mit stoischer Ruhe aufgenommen. Sie und ihre Freundinnen waren für ihre Extravaganz bekannt, wenn es um gesellschaftliche Anlässe ging, und sie überboten sich gegenseitig mit immer größeren und aufwendigeren Festen. Es gab Berge von exotischem Essen, Wagenladungen voller Blumen und ausgefallene Dekorationen. Außerdem waren sie bestrebt, die anderen mit ihren teuren, diamantbesetzten Ballkleidern und ihrem zur Schau gestellten Schmuck zu übertrumpfen. Dafür waren sie jedes Jahr nach Paris gereist, um die neuesten Modeschöpfungen zu erwerben. Sylvias Ruf als Gastgeberin war unübertroffen. Darin ging sie auf, das war ihr Leben, ihre Identität. Darin sonnte sie sich und Einladungen zu ihren Veranstaltungen waren in der feinen Gesellschaft New Yorks äußerst gefragt. Wenn sie die Rolle der Gastgeberin nicht mehr spielen konnte, was sollte sie stattdessen tun? Äußerlich ließ Sylvia sich jedoch nicht anmerken, dass ihre Welt gerade eingestürzt war. Sie trug das Kinn noch immer hoch und in ihren Augen glänzte keine einzige Träne. 25


»Unsere Anwaltskanzlei wird in den kommenden Monaten gerne alle Ihre Fragen beantworten und sich Ihren Sorgen widmen«, sagte Mr Wilson abschließend. »Einer meiner Kollegen wird Ihnen zur Verfügung stehen und Ihnen beim Umgang mit diesen rechtlichen und finanziellen Veränderungen helfen, während der Nachlass geregelt wird. Er wird Sie auch bei Angelegenheiten wie dem Verkauf der Jacht und dieses Hauses unterstützen, wenn es so weit ist.« »Ich möchte Sie bitten, uns Mr Forsythe an die Seite zu stellen«, sagte Junietta, »da er bereits mit allen Einzelheiten unseres Verlusts vertraut ist.« Der junge Mann errötete ein wenig, als alle sich ihm zuwandten, und ließ den dicken Samtvorhang fallen, den er in der Hand hielt. Er hatte neben dem Fenster Wache gestanden, als wartete er auf weitere Anweisungen von Junietta – oder vielleicht versuchte er auch nur, nicht in die Reichweite ihres Gehstocks zu geraten. Junietta glaubte einen Anflug von Mitgefühl in seinen hellen blauen Augen zu sehen. Aber selbst, wenn er erstklassige juristische und finanzielle Fähigkeiten hatte, konnte er unmöglich die komplizierten Abläufe in der vornehmen New Yorker Gesellschaft verstehen. Und er begriff auch nicht, welchen Verlust an Prestige das alles für die Familie bedeutete. »Natürlich, wenn Sie es wünschen«, erwiderte Mr Wilson. »Und jetzt werde ich Ihre Zeit nicht länger in Anspruch nehmen, es sei denn, Sie haben noch Fragen.« Junietta ließ ihren Stock auf den Boden knallen. »Wenn wir einen Stundensatz für Ihre Dienste bezahlen, dann sollten Sie sich in der Tat auf den Weg machen. Und zwar schnell.« »Nein, nein! Ich versichere Ihnen, das ist nicht der Fall. Ich lasse Ihnen eine Zusammenfassung des Testaments hier, die Sie in Ruhe lesen können, aber unsere Kanzlei steht Ihnen zur Verfügung, bis der Nachlass geregelt ist.« »Danke für Ihren Besuch«, sagte Sylvia und erhob sich. »Darf ich bitte kurz unter vier Augen mit Ihnen sprechen?« »Gewiss.« Junietta verstand den Wink mit dem Zaunpfahl und verließ zusammen mit Adelaide das Arbeitszimmer. Ihr Herz tobte und 26


raste und hüpfte noch immer wie eine verrückt gewordene Ziege und sie dachte an die Warnung des Arztes, sich zu schonen und unnötige Belastungen und Sorgen zu vermeiden. Aber ihre Stiftung! Junietta konnte nicht zulassen, dass Roger Stanhope seine Krallen nach ihrer Organisation ausstreckte. Das war ihr Lebenswerk! Wenn Juniettas Herz aufgab, dann musste sie wenigstens dafür sorgen, dass die Stiftung vorher in fähigen Händen lag.

Sylvia Fort. Die Millionen, die die Stanhopes angesammelt hatten. Alles, wofür ihr Mann gearbeitet hatte. Nicht mehr da. Zum zweiten Mal in ihrem Leben würde Sylvia alles verlieren und das konnte sie nicht zulassen. Sie musste selbst die Zügel in die Hand nehmen. »Was kann ich für Sie tun?«, fragte Mr Wilson, nachdem Adelaide und Junietta gegangen waren. Sylvia ließ sich Zeit und wählte ihre Worte sorgfältig, um ihre Emotionen unter Kontrolle zu behalten. Sie wollte nicht bedürftig oder schwach klingen. Sylvia Grace Stanhope würde nicht betteln. »Ihnen ist sicher bewusst, dass mein Mann sich um die finanziellen Belange unserer Familie gekümmert hat. Er hat uns natürlich ein großzügiges Haushaltsgeld zur Verfügung gestellt und ich hatte die Freiheit, um mehr zu bitten. Aber die tägliche Buchhaltung für die Haushaltsführung wurde von Angestellten in seinem Büro erledigt. Ich bitte darum, dass mir diese Konten unverzüglich übergeben werden.« »Ja, natürlich. Ihre privaten Finanzen werden von denen der Firma getrennt werden müssen.« »Und ich wäre dankbar für eine Einweisung in das Führen der Bücher.« »Ich kann den Kontakt zu einem angesehenen Buchhalter herstellen. Er könnte die Buchführung für Sie übernehmen.« »Nein, danke. Ich möchte lernen, es selbst zu tun, Mr Wilson.« Er sah überrascht aus. Und skeptisch. Aber sie konnte nieman27


dem die Wahrheit über ihren finanziellen Verlust anvertrauen. Die Gerüchte würden sie umbringen. Und sie würden auch Adelaides Leben ruinieren. Sylvia hatte keine Ahnung, ob sie wirklich in der Lage war, die Buchhaltung zu erledigen, aber sie war entschlossen zu lernen, was nötig war, um ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. »Wie Sie wünschen, Mrs Stanhope. Mr Forsythe wird die Bücher auf der Stelle an sich nehmen und alles mit Ihnen besprechen.« »Danke.« Nachdem sie die beiden Anwälte zur Tür begleitet hatte, wäre Sylvia am liebsten in ihr Zimmer gegangen, um ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen. Allein. Aber Adelaide wartete auf sie und folgte ihr nach oben zu ihrer Suite, als wollte sie ihre Mutter nicht aus den Augen lassen. Addy sehnte sich wahrscheinlich nach beruhigenden Worten, dass sich nichts ändern, dass ihre Welt nicht einstürzen, dass sie einen Weg finden würde, um gesellschaftlichen und finanziellen Ruin abzuwenden. Aber wie konnte Sylvia solche Dinge sagen, wenn gerade ihre eigene Welt aus den Angeln gehoben war? Auf dem Treppenabsatz im ersten Stock blieb sie kurz stehen, um Zeit zu gewinnen, während sie versuchte, ihre Emotionen unter Kontrolle zu halten. Mit der Hand fuhr sie über das polierte Holzgeländer. Während ihr Blick zu dem riesigen Marmorfoyer hinunterwanderte, dachte sie daran, wie sie dort an der Seite ihres Mannes gestanden hatte, um ihre Gäste zu begrüßen, wann immer sie ein Fest oder einen Ball veranstaltet hatte. Ihre Töchter hatten sich immer auf die Galerie geschlichen und zwischen der Balustrade hindurchgespäht, während Lachen und Musik ihr schönes Haus in ein Märchenschloss verwandelt hatten. Als Nächstes wäre Adelaide an der Reihe gewesen, die Ballkönigin zu sein, aber jetzt würde sie vielleicht nie wieder die Gelegenheit dazu haben. Dieser Gedanke tat Sylvia in der Seele weh. Sie reckte das Kinn vor, um sich selbst Mut zu machen, und ging in ihr Schlafzimmer, wo sie sich auf das Brokatsofa setzte und Addy bedeutete, sie solle neben ihr Platz nehmen. Zunächst sprach keine von ihnen ein Wort, während Adelaide sich an Syl28


via schmiegte wie ein kleines Kind. »Warum muss sich denn alles ändern?«, murmelte sie schließlich. »Bedeutet das, dass wir nie mehr nach Newport zurückkönnen?« Sylvia rieb sacht über Addys Rücken, ohne ihr zu antworten. Ihr schönes Haus am Meer, in dem ihre Familie jedes Jahr vor der drückenden Hitze der Stadt Zuflucht gesucht hatte – fort. Wie sehr hatten sie sich immer auf die kühle Atlantikküste und die vielen Sommerbälle und Gartenfeste und Bootsfahrten gefreut. Aber der Verlust dieses Hauses war erst der Anfang so vieler Verluste. Sylvia verspürte eine irrationale Wut auf ihren Mann, weil er so plötzlich gestorben war und sie jetzt Roger, dem Onkel ihres Mannes, auf Gedeih und Verderb ausgeliefert waren. Die beiden Zweige ihrer Familie konnten sich gegenseitig nicht ausstehen, eine Beziehung, die jahrelang von Groll, Misstrauen und Neid gezeichnet war. Sylvia stimmte Juniettas Beschreibung von Roger zu, er war eine Ratte. Er hatte die Angewohnheit, einer Frau zu nah zu kommen, wenn er mit ihr sprach, und er war berüchtigt dafür, dass er die Dienstmädchen in den Hintern kniff. Sein Sohn Randall war ein undurchsichtiger Genosse, aus dessen hochtrabenden Plänen, Geld zu machen, meist nichts wurde. Sylvia hatte oft gehört, wie A.B. ihn als das schwarze Schaf der Familie bezeichnet hatte. Es war ein Unding, dass diese beiden Männer nun alles erben sollten. »Wenn ich doch nur ein Sohn wäre und keine Tochter«, sagte Addy. »Vater muss sehr enttäuscht gewesen sein, als ich geboren wurde.« »Er hat dich geliebt, Adelaide. Und er wusste, dass es nicht deine Schuld war. Und meine auch nicht.« »Müssen wir wirklich dieses Haus verkaufen, wie Mr Wilson gesagt hat?« »Natürlich nicht.« Sylvia brachte Addy dazu, sich gerade hinzusetzen und sie anzusehen. »Aber wir müssen sehr klug sein, Adelaide. Und gerissen. Ich bin entschlossen, dieses Durcheinander zu beheben, das der Letzte Wille deines Urgroßvaters verursacht hat. Ich werde nicht tatenlos dabei zusehen, wie du alles verlierst. Schon gar nicht dieses Haus. Es ist dein rechtmäßiges 29


Eigentum und wir werden daran festhalten. Und an dem Leben, das wir hier führen. Ich werde dafür sorgen, dass du eine gute Partie machst. Eine sehr gute. Für dich wird sich nichts ändern.« »Aber wird mein Treuhandvermögen denn ausreichen, um einen Verehrer anzulocken?« »Du hast viel mehr zu bieten als nur Geld, Adelaide. Deine Schönheit, deinen Charme – und dieses Anwesen. Jeder Verehrer, der diesen herrlichen Ort sieht, wird sein Besitzer werden wollen. Alle in der Stadt beneiden uns darum und es wird dir und deinem Ehemann gehören, wenn du erst einmal verheiratet bist.« Adelaide nickte und versuchte zu lächeln, aber den Tränenfluss konnte sie nicht aufhalten. Sylvia wusste, dass Randall Stanhopes Tochter, Cicely Stanhope, schnell zu Adelaides größter Rivalin werden würde, wenn es darum ging, einen geeigneten Ehemann zu finden, jetzt, wo ihr Großvater das Familienvermögen geerbt hatte. Aber über Cicely würde sie sich später Gedanken machen. »Ich dachte, du hättest mehr Zeit, um dich nach einem Heiratskandidaten umzusehen. Aber jetzt müssen wir schnell handeln und damit beginnen, geeignete Junggesellen zu empfangen, bevor die Nachricht von unserem Unglück bekannt wird.« »Wie können wir jetzt Gäste empfangen? Müssen wir denn nicht trauern?« Sylvias Gedanken überschlugen sich, um eine Lösung zu finden. »Das können wir umgehen, wenn wir diskret sind und nur wenige Personen auf einmal einladen. Ich werde die Fühler nach geeigneten Kandidaten ausstrecken. Aber du kannst niemandem trauen, Adelaide. Und vertrau dich auch niemandem an. Denk daran, dass deine Freundinnen jetzt deine Rivalinnen sind.« »Aber wie soll ich im Sommer mögliche Verehrer kennenlernen, wenn wir unser Haus in Newport nicht mehr haben?« Einen Moment lang verließ Sylvia der Mut, doch sie riss sich schnell wieder zusammen. »Ich werde die Anwälte bitten herauszufinden, ob es möglich ist, dass wir eine gewisse Zeit dort verbringen. Aber vielleicht brauchen wir das Haus in Newport auch gar nicht. Wir können die Gäste auf der Merriweather empfangen. Wir veranstalten Bootsfeste zum neuesten Sommertrend.« 30


»Aber Mr Wilson hat gesagt, dass die Jacht sehr teuer ist und …« »Hör zu, Adelaide.« Sylvia legte Addy beide Hände ums Gesicht, um ihren Protest zum Schweigen zu bringen. »Ich werde für uns kämpfen. Du brauchst dir keine Sorgen über die Dinge zu machen, die Mr Wilson gesagt hat. Ich werde für das kämpfen, was rechtmäßig dir gehört. Dafür, dass wir weiterhin das Leben führen können, das dein Vater uns immer ermöglicht hat. Wenn du mir vertraust und tust, was ich sage, hast du eine sichere Zukunft vor dir.« Sie küsste Addy auf die Stirn und ließ sie los. »Und jetzt geh und ruh dich ein wenig aus, damit du schön aussiehst, selbst wenn du dieses schreckliche Grau trägst. Ich werde mir derweil unsere nächsten Schritte überlegen.«

Adelaide Mutter kam nicht zum Abendessen nach unten, aber Großmutter erschien. Das Esszimmer der Familie war eine kleinere Version des riesigen Speisesaals, der hundert Gästen Platz bot, aber er war trotzdem ein wunderschön eingerichteter Raum mit Damastvorhängen, einem Kronleuchter, einer Decke aus geschnitzter englischer Eiche und einem Arsenal an Silberschüsseln und -platten, die auf der Anrichte aufgereiht waren. Adelaide saß schon am Tisch, als Mimi Junie eintrat. »Was für ein katastrophaler Tag!«, sagte ihre Großmutter, als sie sich auf ihren Platz fallen ließ. »Und schreckliche Nachrichten!« »Mimi Junie, die Dienstboten«, flüsterte Adelaide. »Sie werden die Wahrheit früher oder später sowieso erfahren. Schließlich müssen sie sich wahrscheinlich schon bald nach einer neuen Arbeit umsehen.« Großmutter faltete die Serviette auseinander und breitete sie auf ihrem Schoß aus, während die Bediensteten Platten mit Rinderbraten, Kartoffeln, Brötchen und grünen Bohnen brachten. Addy nahm sich nur eine winzige Portion, weil ihr Magen wegen der entsetzlichen Ereignisse rebellierte. »So schlimm ist das alles doch gar nicht, oder?«, fragte sie mit 31


einem nervösen Lachen. »Mutter sagt, sie wird für das kämpfen, was rechtmäßig uns gehört.« »Addy, Liebes. Deine Mutter hat mit ihrem Mann und seinen Millionen auch ihr gesellschaftliches Ansehen verloren. Wundere dich nicht, wenn sie keine Einladungen mehr zu Festen und Bällen erhält.« »Aber Mutter hat so viele Freundinnen …« »Eine Frau, die so hübsch ist wie deine Mutter und dazu noch verwitwet, ist für die anderen eine Bedrohung. Jetzt, wo Alva Vanderbuilt und Charlotte Astor eine Scheidung salonfähig gemacht haben, könnte Sylvia einer ihrer Freundinnen den Mann ausspannen.« Addy erinnerte sich an Mutters wilde Entschlossenheit. Aber sie hatte nur darüber gesprochen, dass sie einen Verehrer für Addy finden würde, und nichts davon gesagt, dass sie selbst wieder heiraten wollte. »Und was dieses Haus betrifft«, fuhr Großmutter fort, »ist es gut, wenn wir es loswerden. Überall gibt es Geister aus der Vergangenheit – sogar hier in diesem Raum!« »Mimi Junie, du klingst ein bisschen wahnsinnig, wenn du so redest. Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, irgendwo anders zu leben als hier.« »Das liegt daran, dass du all die Jahre hier gefangen gehalten wurdest.« »Ich bin doch nicht gefangen …« »Hör zu. Was Mr Backenbart uns heute gesagt hat, ist für dich die denkbar beste Nachricht. Du bist jetzt frei! Du kannst irgendwohin gehen und das werden, was du werden willst. Dies ist unsere Chance, uns unser Leben genau anzusehen und zu entscheiden, was wichtig ist und was nicht. Wir können neue Träume träumen, uns neue Ziele stecken, neue Abenteuer erleben. Du musst nicht länger ein Leben in gedankenlosem Luxus führen und dich einer langweiligen, fantasielosen Gesellschaft anpassen.« »Aber Mutter sagt, dass sich nichts ändern wird und …« »Deine Mutter hat ihr Leben gelebt und es war ein gutes Le32


ben. Sie hatte Geld, Privilegien, Ansehen. Sie hat ihre drei Töchter großgezogen und A.B.s Karriere gefördert. Aber jetzt ist er nicht mehr da und dieses Leben ist für sie vorbei. Genauso war es auch für mich, als mein Mann starb und ich alles an Sylvia übergeben habe.« »Mutter wird nichts von alldem aufgeben, Mimi. Sie sagte, wenn wir zusammenhalten, können wir …« »Bekommen, was sie will? Vielleicht stimmt das, aber was willst du denn, Adelaide?« »I-ich will ihr helfen. Ich will nicht, dass sie alles verliert.« »Das ist sehr nett von dir«, antwortete Großmutter in einem Tonfall, der etwas anderes sagte. »Aber willst du wirklich, dass die Last dieses Hauses und all seine Geheimnisse auf deinen Schultern liegen?« »Ich weiß nicht. Ich glaube schon. Das ist das Leben, das ich kenne.« Mimi knüllte ihre Serviette zusammen und warf sie Adelaide an den Kopf. »Wach auf, Kind! Sei nicht so eine Maus! Du bist ein einzigartiges Geschöpf. Ein Meisterwerk ohnegleichen, das sein ganzes Leben noch vor sich hat. Denk doch einmal selbst!« Addy wandte den Blick ab, weil ihr die Tränen kamen. Nach ihrer Unterhaltung mit Mutter hatte sie sich viel besser gefühlt, aber jetzt brachte Mimi Junie sie ganz durcheinander. »Ist es nicht meine Pflicht, meine Mutter zu ehren?« »Das kommt darauf an. Was genau verlangt Sylvia denn von dir? Dass du einen reichen Mann heiratest, vermute ich.« »Nun ja …« »Willst du wirklich einen Mann heiraten, den du nicht liebst, und die nächsten fünfzig oder sechzig Jahre mit ihm verbringen, nur damit deine Mutter und du in diesem riesigen Kasten wohnen, pompöse Feste geben und euch teure Ballkleider kaufen könnt?« Addy antwortete nicht, während sie Mimis Serviette zu immer kleineren Quadraten faltete. »Warum gehst du nicht auf ein gutes Frauencollege wie Vassar oder Bryn Mawr und findest heraus, was deine eigenen Interessen sind und was du gut kannst? Immer mehr Frauen machen das heutzutage. Oder du könntest 33


einen guten Mann finden, der dich um deiner selbst willen liebt und nicht deines Geldes wegen, und für immer glücklich sein ohne all diesen … diesen … Prunk!« Sie zeigte auf das silberne Geschirr auf der Anrichte. »Du solltest dich von den Erwartungen anderer Leute frei machen.« Addy schüttelte den Kopf, um das Bild loszuwerden, das ihre exzentrische Großmutter zeichnete. Sie hatte familiäre Verpflichtungen. Ihre Mutter wusste, was das Beste für sie war. »Ich muss Mutter helfen«, erwiderte sie entschlossen. »Nein, das musst du nicht. Glaub mir, sie ist durchaus in der Lage, sich selbst zu helfen. Sie ist eine hübsche Witwe und noch jung genug, um wieder zu heiraten. Sie soll sich um ihre eigene Zukunft kümmern. Aber sei der Mensch, der du bist, und lass dir nicht von ihr einreden, dich selbst aufzugeben.« »Das hier bin ich, Mimi Junie. Ich bin eine Stanhope. Ich bin die Tochter meines Vaters.« Großmutter schob ihren Stuhl zurück und stand auf. »Komm mit, Adelaide. Ich will dir etwas zeigen.« »Was? Jetzt? Wir haben uns doch gerade erst zu Tisch gesetzt. Kann es nicht bis nach dem Essen warten?« »Nein. Es ist zu wichtig.« Sie schwenkte ihren Gehstock vor dem erschrockenen Dienstmädchen und sagte: »Sei so gut und bring unsere Teller auf einem Tablett in mein Zimmer, Jane, Liebes.« Großmutter stieß Adelaide mit dem Stock an, bis sie aufstand, und benutzte ihn dann wie einen Hirtenstab, um sie aus dem Esszimmer und die Treppe hinaufzutreiben. Als sie in der Suite angekommen waren, kramte Mimi Junie in der Zedernholzkiste in ihrem Ankleidezimmer und holte ein Aquarell in einem schlichten hölzernen Rahmen heraus. »Sieh dir das hier an«, sagte sie und reichte Adelaide das Bild. Es war eine kunstvoll gemalte Waldlandschaft mit moosbewachsenen Steinen und zarten Wildblumen und Bäumen, die im Wind zu rascheln schienen. Ein samtäugiges Kaninchen, eine winzige Maus und ein gefleckter Frosch waren zwischen den Farnen, Blättern und Grashalmen versteckt. Der Künstler hatte eine Welt von üppiger Schönheit und blühendem Leben gemalt, die Adelaide am liebsten betreten hätte. 34


»Das ist zauberhaft! Woher kommt es?« »Sieh dir die Signatur an.« In der unteren Ecke standen die Initialen SGW. Mutters Initialen. Ihr Mädchenname war Woodruff gewesen. »Das kann doch nicht Mutters Arbeit sein. Sie malt nicht.« »Du hast recht. Sie malt nicht. Und doch hat sie früher das hier erschaffen. Aus dem Herzen und den Händen deiner Mutter ist Schönheit geflossen – damals, als sie noch die Freiheit hatte, sie selbst zu sein.« Das Kunstwerk strahlte Wärme und Leben aus, das genaue Gegenteil von Addys kühler, distanzierter Mutter. Adelaide konnte beides nicht unter einen Hut bringen. Doch dann dachte sie an Mutters ausgefeilte Feste, die atemberaubenden Kulissen und Szenen, die sie erschuf, um ihre Gäste zu beeindrucken, und ihr wurde bewusst, dass all das derselben Fantasie entsprungen sein musste, die dieses Bild erschaffen hatte. Großmutter berührte Addy an der Schulter. »Irgendwo in diesem Haus, versteckt in einer staubigen Truhe, liegt eine Reihe entzückender Kinderbücher, die deine Mutter geschrieben und illustriert hat. Ein Dutzend. Vielleicht noch mehr. Reizende Geschichten. Der Veröffentlichung würdig.« »Warum hat sie sie versteckt?« »Weil ihre herrlichen Kunstwerke unter der Würde von Arthur Benton Stanhope III. wären.« »Wusste Vater davon?« »Ich bezweifle es. Wenn A.B. sie gesehen hätte, hätte er Sylvia wahrscheinlich ermutigt, weiter zu malen. Vor Jahren bin ich zufällig auf diese Bilder gestoßen und durfte das hier behalten. Was ich damit sagen will: Sylvia hat etwas geopfert, das sie geliebt hat und das ein wichtiger Teil von ihr war, um dieses oberflächliche Leben zu führen. Deshalb kann sie es jetzt nicht ertragen, dieses Leben zu verlieren.« »Aber du hast genauso gelebt, Mimi. Hier in diesem Haus.« »Ich hatte keine Wahl. Sie hatte eine. Und du hast sie auch.« »Aber ich bin es Mutter schuldig, dass ich ihr helfe, unser Haus und alles, was sie liebt, zu behalten.« »Nein, mein liebes Kind. Sie ist es dir schuldig, dich freizulassen.« 35


Großmutter hatte nach Vaters Beerdigung von Freiheit gesprochen, nachdem sie diese rätselhafte Bemerkung über einen zweiten Sohn hatte fallen lassen. Gab es noch mehr Geheimnisse, von denen Abby nichts wusste? Sie wollte das Bild zurückgeben, aber Mimi hob die Hände und weigerte sich, es entgegenzunehmen. »Behalte es. Zeig es deiner Mutter. Dann wirst du ja sehen, was sie sagt.« »Das wäre grausam, glaube ich.« »Wie du meinst. Aber behalte es trotzdem. Es soll dich daran erinnern, was für dich auf dem Spiel steht.« Die Bediensteten erschienen in Mimis Zimmer, zwei Tabletts in der Hand, aber Addy hatte mit einem Mal keinen Hunger mehr. Sie stocherte in ihrem Essen herum und wünschte, sie wüsste, was sie tun und auf wen sie hören sollte. »Mein Leben lang habe ich mich gegen meinen Schwiegervater, den ersten Arthur B. Stanhope, gewehrt«, sagte Mimi. »Und wie es aussieht, muss ich mich immer noch gegen ihn wehren. Für mich ist es zu spät, alle anderen vor seiner Habgier und Selbstsucht zu retten, aber vielleicht kann ich wenigstens dich noch retten, Adelaide. Du bist die letzte Stanhope und ich werde tun, was in meiner Macht steht, um zu verhindern, dass du auch eines seiner Opfer wirst.« Als sie aufgegessen hatten, brachte Addy Mutters Gemälde in ihr Zimmer. Sie hätte nie gedacht, dass Mutter einmal ein ganz anderes Leben als dieses geführt hatte. Sie und Mimi hatten beide ihre Geheimnisse, wie es schien. Weil Addy den Gedanken an das Unbekannte und die eigene ungewisse Zukunft nicht ertragen konnte, öffnete sie kurzerhand ihren Kleiderschrank und verstaute das Bild darin. Ganz weit hinten.

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