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Vanessa Siemens • Dorothea Balzer

KAMNEY


Prolog Alec Hyde schritt vor dem nur schwach beleuchteten Lokal auf und ab. Mike war spät dran. »Jetzt hör doch auf herumzutigern!« Marlene Jones, mit der er zusammen vor einigen Jahren die FBI-Akademie abgeschlossen hatte, sah ihn missbilligend an. »Du machst mich nervös. Er wird schon auftauchen.« »Er ist schon zwanzig Minuten über der vereinbarten Zeit. Was, wenn er erwischt wurde? Was, wenn er die Daten verloren hat?« Mike war eine ihrer besten Chancen, Dr. Harold Kamney, Leiter eines Waisenhauses hier in Florida, endlich als das zu entlarven, was er wirklich war: einer der mächtigsten Untergrundbarone der Stadt, der seine Finger tief im Drogenhandel und im Geldwäschegeschäft hatte. Bis jetzt hatten sie keinen einzigen handfesten Anhaltspunkt, der ihn auch nur in Untersuchungshaft hätte bringen können. Mike hatte jedoch versprochen, ihnen das zu liefern, was ihn garantiert hinter Gitter bringen würde. Jetzt seufzte auch Parker, sein Kollege, und nahm noch einen Schluck von seinem Kaffee, der inzwischen kalt sein musste. »Der Junge ist vorsichtig, schließlich weiß er, was auf dem Spiel steht. Er wird sich schon nicht kleinkriegen lassen, oder? Jetzt gib ihm noch ein paar Minuten. Vielleicht hat er sich auch wieder was eingeworfen.« Alec schüttelte den Kopf und sah die nächtlich verwaiste Straße hinauf und hinunter. »Nein. Ich habe ein sehr schlechtes Gefühl. Er ist doch seit Wochen clean. Ich glaube nicht, dass –« Ein Scheppern aus der Nebenstraße unterbrach ihn. Es war nicht sehr laut gewesen, doch hatte es seine Aufmerksamkeit geweckt. »Du glaubst was nicht?« Marlene zog die Jacke ein wenig enger um ihre Schultern. 7


Alec hob die Hand. Waren das sich entfernende Schritte? Leise lief er bis zur Hausecke. Die Nebenstraße war ebenso spärlich beleuchtet wie der Rest der Gegend. Da! In einiger Entfernung sah er ein paar Gestalten, die in die entgegengesetzte Richtung davonliefen. Alec vernahm ein Stöhnen, nur wenige Meter entfernt neben ein paar Mülltonnen. »Mike!« Der Jugendliche versuchte, sich aufzurichten. Sofort war Alec an seiner Seite und zog ihn in eine sitzende Position. »Was ist passiert? Bist du verletzt?« »Sie haben mich erwischt.« Mike presste sich eine Hand auf den Oberarm. Parker rannte sofort los, um sich an die Fersen der flüchtenden Angreifer zu heften. Im Licht von Marlenes Taschenlampe zog Alec sanft, aber bestimmt Mikes Hand weg. Kurz wollte er erleichtert aufatmen, weil er nicht wie erwartet Blut hervorsprudeln sah, doch dann sah er den dünnen Blutfaden an der Einstichstelle. Er sah Mike in die vor Panik geweiteten Augen. »Ist es das, was ich denke?« Der Jugendliche nickte und unterdrückte ein Stöhnen. »Marlene, ruf einen Krankenwagen!« Mike begann heftig zu zittern. »Das bringt nichts, das wissen Sie genau. Das war die Four-Minutes.« Alec kniete sich neben ihn, während Marlene einige Befehle in ihr Handy bellte. »Mike, Mike, ganz ruhig.« Alec umfasste die Hand des Jungen und erschrak. Sie war eiskalt. »Das wird schon. Der Krankenwagen ist gleich da.« »Sie verstehen das nicht.« Mike hustete. »Four-Minutes. Das ist Kamneys Spezialmix. Ich bin so was von tot. In … in vier Minuten.« Das Zittern verstärkte sich und wandelte sich in Krämpfe. Mike rutschte an der Wand entlang hinunter und wand sich auf dem Boden vor Schmerz hin und her. Marlene ließ sich neben 8


ihnen nieder und zog Mikes Kopf auf ihren Schoß. »Wer hat dir das injiziert?« Wieder wurde er von einem starken Hustenanfall geschüttelt, er würgte und rang nach Luft. Sein Atem ging rasselnd und seine Augen weiteten sich vor Furcht. »Ich will nicht sterben!« Marlene strich ihm mit zitternden Fingern das wirre, verschwitzte Haar aus der Stirn. »Ich bin ja bei dir, alles gut. Du bist nicht allein.« »Ich … ich hab Angst!« Er krümmte sich zusammen und stöhnte gequält. »Gott …« »Alec, tu doch irgendetwas!« Marlene sah hilflos auf den sterbenden Jugendlichen. »Er kann nichts tun. Es … es ist zu spät, ich schaff᾿s nicht.« Mit mehr Kraft, als Alec erwartet hätte, packte Mike sein Handgelenk. »Versprechen Sie mir, dass Sie das verdammte Haus abbrennen! Machen Sie es nieder, vernichten Sie es!« Er hustete Blut aus und schaute gehetzt zum Ende der Gasse, an dem sich ein paar Schatten sammelten. Alec biss die Zähne zusammen, als Mike seinen Griff verstärkte. »Ich weiß nicht, wem ich trauen kann, ohne Kamney aufzuscheuchen! Du weißt, wie vorsichtig wir sein müssen.« Er blickte auf den Jungen, der verzweifelt um sein Leben kämpfte. Und verlor. »Suchen Sie … den siebzehnten Schlüssel. Er wird … Ihnen –« Ein erneuter Krampfanfall schüttelte ihn. Aus Nase und Ohren kam Blut. »Mike.« Alec versuchte, seine Stimme ruhig zu halten und zuversichtlich zu klingen. Von beidem fehlte ihm jede Spur. »Mike, ich verspreche es dir. Ich verspreche dir, dass wir Kamney alle seine dreckigen Geschäfte auftischen werden.« Er senkte die Stimme, als sich einige der Schaulustigen näher heranwagten. »Kamney House wird leer stehen und zur Ruine werden und Alysha und ihr kleiner Bruder werden eine Familie bekommen. Sie werden in Sicherheit sein.« 9


Erleichterung blitzte in Mikes Augen auf. Er zerrte sich eines seiner Lederarmbänder vom Handgelenk und streckte es Alec zitternd entgegen. »Der siebzehnte Schlüssel. Vergessen Sie das nicht. Geben Sie ihm das hier. Er wird helfen. Sagen Sie ihm, ich habe gesagt –« Seine Augen wurden groß, er beugte sich zur Seite und übergab sich auf den schmutzigen Asphalt. Keuchend rang er nach Luft. »Mike, du brauchst jetzt nichts mehr zu sagen. Wir klären das.« Alec versuchte, das Gesicht nicht zu verziehen, als der Griff um seine Hand sich noch einmal verstärkte, als Mike sich ein wenig hochstemmte. »Beschützen Sie sie, das schulden Sie mir! Brennen Sie das Rattenloch nieder. Es soll brennen …« Blutiger Schaum trat vor seinen Mund. Er unterdrückte einen Schrei und krümmte sich zusammen, als ihn eine erneute Schmerzwelle erfasste. Marlene strich ihm beruhigend über das Haar, während sie Gebete murmelte. Dann, mit einem letzten gequälten Atemzug, entwich das Leben aus Mike Ramírez.

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1 Zwei Wochen später Alysha starrte aufs dunkle, aufgewühlte Meer, das ihr Inneres nicht besser hätte widerspiegeln können, während sie ihrem kleinen Bruder Jonah gedankenverloren durch die schwarzen Haare strich. Er hatte seinen Kopf in ihren Schoß gebettet und schlief. Der Schmerz in ihrem Herzen wollte sie schier zerreißen und betäubte sie gleichzeitig so stark, dass sie an manchen Tagen abends gar nicht mehr wusste, wo sie überall gewesen war und was sie gemacht hatte. Die Endgültigkeit des Todes hatte sie hinterrücks überfallen und sie zerschlagen zurückgelassen. Mike war tot. Er würde nicht wiederkommen. Der einzige Mensch, bei dem sie sich so wohlgefühlt hatte, dass sie ganz sie selbst gewesen war, ohne Maske, war ihr brutal entrissen worden. Außer Jonah natürlich, aber das war etwas anderes. Mike hatte sich um sie gekümmert. Hatte sie geliebt, ihr Hoffnung auf eine schönere Zukunft gegeben, hatte an sie und ihre verrückten Träume geglaubt und sie unterstützt. »Warum hast du mich zurückgelassen, cariño mío?«, flüsterte sie kaum hörbar und starrte zum dunkler werdenden Himmel hinauf. Ob er jetzt irgendwo da oben war? Eigentlich hatte sie nie an ein Leben nach dem Tod oder einen Himmel geglaubt. An die Hölle ja, in der lebte sie ja schon. Aber ein besserer Ort, zu dem man kam, wenn man von diesem Leben ausgespuckt wurde? Rico glaubte daran. Ärgerlich wischte sie sich über die Wangen, als Mikes Zimmergenosse ungefragt mit seiner Religion und seinen seltsamen 11


Ansichten in ihre Gedanken spazierte. In letzter Zeit hatten er und Mike öfter über solche Dinge geredet. Über Gott, Himmel und Hölle, Strafe und Gerechtigkeit ... Alysha glaubte nicht an Gerechtigkeit. Auch nicht an Gott. Auf jeden Fall nicht an einen, der sich um die Menschheit kümmerte. Gut, vielleicht um ein paar, die sich für ihn aufopferten und gute Taten vollbrachten, aber nicht für sie. Nicht für Kamney Kids. Andererseits musste sie sich eingestehen, dass Mike sich zum Positiven verändert hatte, seit Rico vor wenigen Monaten in sein Zimmer in Kamney House gezogen war. Er hatte aufgehört, Drogen zu nehmen, war sanfter geworden. Ruhiger. Zielorientierter. Und genau das hatte ihn doch umgebracht, oder? Sie hatten angefangen, von einem Leben ohne den Einfluss Kamneys zu träumen. Hatten sogar überlegt, sobald sie volljährig waren, zu heiraten und mit Jonah abzutauchen. Raus aus Florida, irgendwohin, wo Kamney sie nicht finden würde. Wo sie endlich frei sein konnten. Mike hatte ihr verraten, dass er angefangen hatte, Geld zur Seite zu legen, damit sie bald abhauen konnten. Hatte er sich dabei mit Kamney angelegt? Vielleicht sogar etwas von seinem Geld abgezweigt? Aber so dumm wäre Mike doch nicht gewesen! Wieso hatte Kamney ihn beseitigen lassen? Dass er hinter Mikes Tod steckte, war glasklar. Natürlich hatten sie behauptet, dass er eine Überdosis genommen hatte, und Kamney hatte eine rührende Grabrede gehalten, die die Politiker und die Oberschicht dazu gebracht hatte, mal wieder die Portemonnaies für seine Sache zu öffnen, weil es nun mal Geld kostete, solche armen Geschöpfe aufzufangen und ihnen die richtige Hilfe bieten zu können. O ja, darin war Kamney Meister. Alles so zu verdrehen, dass er seinen Vorteil herausschlagen konnte. Sogar aus dem Tod eines seiner Schützlinge. Sie hätte am liebsten den ganzen feinen Herrschaften ins Gesicht geschrien, dass Kamney ein Mörder war, doch sie war nicht 12


lebensmüde. Auch wenn sie es kaum ertragen konnte, von Mike getrennt zu sein. Aber sie hatte immer noch Jonah. Sie war für ihn verantwortlich. Sie war alles, was er hatte. Klar, Kamney war im Moment sehr daran interessiert, Jonah zu fördern und in ihn zu investieren – aber nicht, damit Jonah einmal eine gute Zukunft hatte, sondern weil er ihn benutzte. Seine unglaublichen mathematischen Fähigkeiten. Würde er nur das Beste für Jonah wollen, würde er ihn an einer Schule für Hochbegabte anmelden, aber nein, er ließ ihn höchstens mal an einem Wettbewerb teilnehmen, damit er ihn als Trophäe vorführen konnte. Er setzte ihn für seine Zwecke ein. So sehr, dass Jonah kaum noch in der Schule mitkam. Jonah fand das noch ganz toll, dass Kamney ihm so viel Wichtiges übertrug und er mit Ray stundenlang vor den Computern sitzen durfte, aber Alysha wusste, dass das alles innerhalb von wenigen Tagen zusammenbrechen konnte, sollte Jonah Kamneys Gunst verlieren. Dann würde er ohne alles dastehen, mit einem schlechten Schulabschluss und düsteren Zukunftsaussichten. »Alysha?« Jonahs schläfrige Stimme schreckte sie aus ihren dunklen Gedanken. »Hm?« »Wo ist Mike jetzt?« Sie schloss kurz die Augen und spürte neue Tränen kommen. »Ich weiß es nicht, Schätzchen.« »Chase hat gesagt, er ist in der Hölle, da, wo Verräter hingehören.« »Chase redet dummes Zeug. Das solltest du doch inzwischen verstanden haben.« Der Typ hatte es wahrscheinlich nur dank seiner grobschlächtigen Art in die engsten Kreise Kamneys geschafft. Für viel mehr war er auch nicht zu gebrauchen. Jonah setzte sich auf und starrte sie aus seinen eisblauen großen Augen an. »Aber Rico hat gesagt, dass nach dem Tod nicht alles vorbei ist.« »Woher will er das wissen? Er kennt mit Sicherheit nieman13


den, der schon mal von den Toten zurückgekommen ist, um es ihm zu erzählen.« Jonah kaute nachdenklich auf seiner Unterlippe herum. »Ist Mike ein Verräter?«, fragte er betroffen und sie hasste die Scham in seinem Blick. »Egal, was er getan hat, JayJay, es war aus Liebe zu uns.« »Also stimmt es? Er ist wirklich ein Verräter?« Sie seufzte tief. »Ich weiß es nicht. Es sagt ja keiner was dazu, was genau passiert sein soll. Aber sieh mal, was zählt mehr? Dass er alles gemacht hat für die, die er liebt? Oder wenn er blind einem Mann gefolgt wäre, der keine Skrupel hatte, ihn zu töten?« Jonah zog die Augenbrauen hoch. »Aber Loyalität ist doch das höchste Gut.« Alyshas Magen krampfte sich zusammen, als sie Kamneys verhasste Worte aus seinem Mund hörte. Gehirnwäsche, hatte Mike es vor Kurzem noch genannt. Wann waren sie beide eigentlich aus dieser Lügenblase ausgebrochen? War es gewesen, als Mike vor ein paar Monaten eines Nachts völlig verstört in ihr Zimmer gekommen war und ihr nicht hatte erzählen wollen, was geschehen war? Als er geflüstert hatte, dass Kamney sie alle benutze und sie so schnell wie möglich abhauen sollten? Oder schon viel früher? »Alysha?« Jonahs Stimme klang unsicher. »Werden wir auch noch Ärger bekommen wegen Mike?« Das hatte sie sich auch schon tausend Mal gefragt. Kamney behielt sie seit Mikes Tod im Auge, das hatte sie sofort gemerkt. Aber sie hatte nun mal keine Ahnung, warum Mike hatte sterben müssen. War schon allein der Wunsch, ausbrechen zu wollen, Grund genug gewesen? »Du hast nichts falsch gemacht, JayJay. Und wenn man nichts falsch macht, wird man auch nicht bestraft.« Sie zuckte zusammen, als ihr Handy zu vibrieren begann. Chase’ Name tanzte auf dem Display auf und ab. »Was ist?«, meldete sie sich. »Wo bist du?« 14


»Wieso?« »Weil Jonah gebraucht wird, Dummkopf. Er hätte vor einer halben Stunde hier sein sollen!« Erschrocken sah sie auf die Uhr. So spät war es schon?! »Wir sind am Strand«, gab sie unwillig zu. »Dachte ich mir. Ich bin gleich da.« Er legte auf und sie schob das Handy ärgerlich in ihre Tasche. Klar, sie war eine der wenigen im Heim, die als Keys überhaupt eines besitzen durften, aber auch wieder nur, um jederzeit erreichbar für Kamney und seine Forderungen zu sein. »Tut mir leid, JayJay, du musst gleich los.« Jonahs Augen begannen zu leuchten. »Zu Ray?« »Weiß ich nicht genau. Chase holt dich ab.« »Oh.« Das Funkeln erlosch und er sah sich beklommen um. »Lass dich von diesem Grobian nicht fertigmachen, hermanito. Er setzt seine Muskeln nur ein, weil er so wenig Hirn hat.« Sie zwinkerte ihm zu und zwang sich zu einem aufmunternden Lächeln. »Komm, wir sollten ihm entgegengehen, damit er nicht noch saurer wird.« »Ich mag ihn nicht.« »Musst du auch nicht. Hauptsache, du zeigst ihm das nicht.« Sie stand auf, klopfte sich den Sand von der Hose und nahm Jonah an die Hand, damit sie zusammen über die schroffen Felsen zurückklettern konnten. Chase kam gerade zum Strand, als sie von den Felsen in den Sand sprangen. Er sah wirklich nicht gut gelaunt aus. »Jonah!« Er fuhr ein wenig zusammen, als er Chase’ schroffe Stimme hörte. Der stämmige, muskelbepackte Siebzehnjährige stapfte über den Strand direkt auf sie zu. Alysha zog Jonah noch näher an sich heran, als er sich vor ihnen aufbaute. »Was muss er wieder machen?«, fragte Alysha feindselig. »Was geht dich das an? Wir brauchen ihn.« Grob zog er Jonah am Arm weg von ihr. Jonah wusste, dass es Folgen haben würde, wenn er sich wehr15


te, also sagte er nichts und ließ sich von seiner Schwester wegschieben. Alysha verbiss sich einen weiteren giftigen Kommentar, als Chase ihren kleinen Bruder hinter sich herzerrte. Jonah konnte kaum mit ihm Schritt halten. Sie konnte nicht glauben, dass sie vor Kurzem noch so etwas wie Freunde gewesen waren. Doch Mikes Verrat hatte auch sie in ein schlechtes Licht gerückt. Obwohl sie schon hundert Mal vor Kamney und den anderen Keys beteuert hatte, nichts von Mikes angeblichem verräterischem Vorhaben gewusst zu haben, wurde sie seit seinem Tod gemieden und schikaniert. Sie war sich zwar ziemlich sicher, dass Kamney es den anderen Keys nicht erlaubt hatte, auf sie loszugehen, und sie immer noch unter seinem Schutz stand, aber das hinderte sie nicht daran, Alysha wie Abschaum zu behandeln. »Du Mistkerl! Das traust du dich nur, weil Mike nicht mehr da ist!«, rief sie ihm wutentbrannt hinterher, doch Chase lachte nur und ging schnellen Schrittes in Richtung Straße. Alysha schob den Gedanken beiseite, dass sie heute bestimmt noch Ärger kriegen würde. Sie hatte mit Jonah sowohl das Abendessen verpasst als auch vergessen, ihn pünktlich abzuliefern. Vielleicht sollte sie bis zur Sperrstunde warten und sich dann reinschleichen. Sie beschloss, den Rest des Abends hierzubleiben, und kletterte zurück auf den Wellenbrecher.

Jonah folgte Chase die Straße entlang bis zum Treppenabgang der U-Bahn. Er mochte die Trips mit ihm nicht besonders. Wenn Chase ihn abholte, hieß das, dass er wieder mal den Kurier spielen musste. Es war eigentlich in Ordnung, weil das nur ein, zwei Mal die Woche vorkam, aber er hasste die Orte, an die er dafür gehen musste. Sie waren dunkel, laut und unheimlich, genau wie die Leute, bei denen er die Ware ablieferte. 16


Am Gleis warteten sie auf die Bahn und stiegen in den letzten Wagen ein. Jonah sah sich um, während Chase sich auf einen der freien Plätze fallen ließ. In einem Vierer entdeckte er Billy, der scheinbar gelangweilt auf sein Handy starrte. Unter dem Sitz ihm gegenüber lag der kleine blaue Rucksack, der genauso aussah wie der, den Chase Jonah gegeben hatte. Jonah schlängelte sich durch die Wartenden und setzte sich Billy schräg gegenüber, genau auf den Platz, unter dem der Rucksack lag. Sein Exemplar landete daneben. Bei der nächsten Station stieg Billy mit Jonahs leerem Rucksack kommentarlos aus, den anderen Rucksack ließ er in Jonahs Obhut zurück. Jonah wusste genau, was er zu tun hatte. Er sah zur Anzeigentafel und wartete drei Stationen, bis er sich den Rucksack nahm, ihn aufsetzte und, ohne sich nach Chase umzusehen, ausstieg. Er wusste, dass Chase ihm folgen würde, um aufzupassen. Nicht auf ihn, sondern auf den Inhalt des Rucksacks. Der war wichtiger als er. Im U-Bahn-Tunnel krampften sich seine Fäuste um die Halteriemen, als er im Gedränge umhergeschubst wurde. Endlich konnte er ins Freie treten und atmete tief die frische Luft ein, die ihm entgegenströmte. Er steuerte die Hochhausschluchten zu seiner Linken an. Kurz drehte er den Kopf und sah, dass Sam sich zu Chase gesellt hatte. Mehr Geleitschutz bedeutete mehr Gefahr in dieser Gegend. Jonah kannte den Weg bereits, hier war er öfter. Ein Stück geradeaus an den Plattenbauten vorbei, dann nach rechts, links halten, weiter geradeaus. Dann über die Straße. Da war es auch schon. Das graue Hochhaus mit der roten geflügelten Schlange an der Wand. Er blieb stehen und sah sich gründlich nach allen Seiten um, doch die Einzigen, die ihn beobachteten, schienen Sam und Chase zu sein, die ihm in einigem Abstand gefolgt waren. 17


Chase nickte ihm kaum merklich zu, woraufhin er im Haus verschwand. In zwei Minuten würde sein Schatten ihm folgen. Solange würde er im dunklen, zugemüllten Flur warten müssen.

Alysha bemerkte ihn erst, als er sich neben sie auf den noch von den Sonnenstrahlen warmen Stein setzte. Sie hatte seine Schritte gar nicht gehört. »Alles okay?« Rico. Kam er, um ihr zu sagen, dass Mike jetzt an einem besseren Ort war? Dass alles gut werden würde? Als sie nicht antwortete, seufzte er. »Dumme Frage, tut mir leid.« »Schon gut.« Alysha wischte sich mit dem Handrücken über die Augen. Eine Weile starrten sie beide auf die Wellen, die sich an den Felsen unter ihnen brachen. Dann fragte Rico: »Wie lange kanntest du Mike?« »Seit der Gründung von Kamney House vor sechs Jahren.« Sie schloss die Augen. Die untergehende Sonne malte rote Punkte auf ihre Augenlider. »Wir waren beide schon in Waisenhäusern gewesen, aber er war in einem Heim für schwer erziehbare Kinder und Jugendliche. Warum genau, weiß ich nicht.« Mike hatte manchmal mit Aggressionen zu kämpfen gehabt, aber ihr gegenüber war er von Anfang an immer respekt- und irgendwann auch liebevoll gewesen. Stur, das schon. Und rebellisch, wenn jemand ihm etwas hatte vorschreiben wollen. Wahrscheinlich war es das, was die Erwachsenen schwer erziehbar nannten. »Kamney wollte mit seinem Projekt Kindern wie ihm eine neue Chance geben. Hat er auf jeden Fall behauptet. Sam und Chase kamen mit ihm zusammen von dort hierher.« Warum erzählte sie Rico das alles? Jeder Gedanke und jede Erinnerung an 18


Mike taten weh. Am liebsten würde sie ihr Gehirn abschalten, sich von einer hereinbrechenden Welle wegreißen lassen und im schaukelnden Wasser versinken, bis sie alles und jeden vergaß. »Und du warst in einem normalen Waisenhaus?« Sie nickte langsam. Ihre eigene Vergangenheit bot keine schöneren Erlebnisse, aber alles war besser, als an Mike zu denken. »Mein Vater war in eine Gangschlägerei verwickelt und wurde dabei getötet, bevor ich geboren wurde. Meine Mutter war erst fünfzehn Jahre alt und konnte mich kaum versorgen. Als ich sieben wurde, haben sie ihr das Sorgerecht entzogen. Das Letzte, was ich von ihr gehört habe, ist, dass sie nach Mexiko zurückgegangen ist. Sie hat wohl dort Familie.« »Und dich hat sie nicht mitgenommen?«, fragte Rico ungläubig. Alysha lächelte spöttisch und öffnete die Augen. »Natürlich nicht. Sonst wäre ich ja nicht in diesem gottverlassenen Loch gelandet!« »Du irrst dich.« Verwirrt sah sie ihn an. »Was meinst du?« »Wir sind nicht von Gott verlassen. Er ist genau hier.« Sie seufzte tief und schaute wieder auf die Sonne, die bereits fast ganz im Meer versunken war. »Quatsch doch nicht so dummes Zeug, Rico. Selbst der Teufel zieht den Hut vor Kamney, so schwarz ist seine Seele. Gott … Gott hat uns verstoßen.« »Das stimmt nicht, Alysha. Weißt du, Jesus ist selbst zum Verstoßenen geworden. Damit er uns verstehen kann. Er liebt uns und er will unserem Leben einen Sinn geben.« Sie lachte trocken. »Ich wusste ja, dass du so ein frommer Spinner bist. Aber ich hätte nicht gedacht, dass dein Kinderglaube auch nur eine Woche in Kamney House durchhält. Hast wohl noch nicht genug gesehen, wie?« Alysha wischte sich wütend eine frische Träne von der Wange. Rico schwieg. Sie spürte, dass sie ihn verletzt hatte. Eigentlich hatte sie das nicht sagen wollen. Sie wusste ja, dass der Glaube Rico eine Hoffnung gab, die sie schmerzlich in ihrem Leben vermisste. Warum sollte sie jemandem diesen Halt entreißen wol19


len? Nur weil er so eine illusorische Sicht auf das Leben hatte, musste sie ihm das ja nicht ausreden. Insgeheim beneidete sie ihn vielleicht sogar darum. »Jeder braucht etwas, woran er sich festhalten kann. Sonst überlebt man nicht.« Er drehte sich etwas mehr zu ihr und sie sah ihn an. Sein Blick strahlte so eine Ruhe aus, aber gleichzeitig auch eine Dringlichkeit, mit der er sich verständlich machen wollte. »Jonah zum Beispiel, der hält sich an dir fest. Selbst wenn Sam ihn mitnimmt oder er bei Ray im Computerzimmer sitzt, kann er ruhig bleiben. Weil er weiß, dass seine Schwester auf ihn wartet.« Er strich sich eine vorwitzige dunkelblonde Strähne aus der Stirn und lächelte. »Ich habe Jesus. Jesus hat gesagt, dass er mich niemals verlassen wird, egal, was passiert. Er war immer da, er ist jetzt bei mir und er wird es immer sein.« »Und wo war er, als deine Eltern und deine kleine Schwester bei diesem Autounfall umgekommen sind? Hätte dein Gott sie da nicht beschützen sollen?« Rico zog scharf die Luft ein und biss sich auf die Unterlippe. »Tut mir leid.« Alysha zog verlegen ihren Ärmel herunter. Wieso griff sie ihn so an? »Wir alle haben schlechte Karten zugeteilt bekommen.« Rico zog die Beine an und legte seine Arme darum. »Ich … ich verstehe auch nicht, warum sie alle sterben mussten. Oder warum ich nicht dabei war. Aber ich kann daran festhalten, dass Gott mich liebt, dass er einen Plan hat und dass auch der Tod meiner Familie kein Fehler war.« »Wie kann der verdammte Tod denn bitte kein Fehler sein? Es ist das Ende! Schluss! Aus!« »Das ist er eben nicht, Alysha.« Rico hob die Schultern und versuchte ein Lächeln. »Ich werde sie ja wiedersehen. Das wird nur eine halbe Ewigkeit dauern, aber eines Tages …« Seine Stimme war voller Sehnsucht, aber auch Zuversicht. »Ich werde sie wiedersehen. Und im Himmel wird es so etwas wie Schmerz, Leid und Tränen nicht mehr geben.« 20


Sie starrte ihn an. Dieser Friede in seinem Blick. »Es ist schön, dass du an so was glauben kannst. Ich habe allen Glauben an das Gute schon längst verloren.« »Wenn wir den Glauben nicht haben, haben wir nichts mehr.« »Das ist es ja gerade.« Sie wandte sich wieder ab und kämpfte erfolglos die brennenden Tränen in ihren Augen zurück. »Wir haben nichts. Nur die Hölle.«

Der siebzehnte Schlüssel. Alec bearbeitete seinen Boxsack mit Fausthieben. Was zum Geier hatte der Junge damit gemeint? Zwei Wochen waren seit der grauenvollen Nacht in der Nebenstraße vergangen und sie waren kaum einen Schritt weitergekommen. Sie hatten gehofft, dass Mike den Datenträger mit den belastenden Beweisen bei sich hatte, doch nachdem der Notarzt den Tod des Jugendlichen bestätigt und ein Gerichtsmediziner die Leiche abgeholt hatte, hatten sie seine Sachen durchsucht. Kein Stick. Keine Speicherkarte. Kein Hinweis auf den Verbleib seiner beschafften Informationen. Nur der siebzehnte Schlüssel. Das konnte jedoch alles bedeuten. Frustriert rammte er die Fingerknöchel gegen das abgenutzte Leder, als ihm der Anblick von Mikes vor purem Entsetzen geweiteten Augen in den Kopf schoss. Er erinnerte sich noch gut an seine erste Begegnung mit dem Jungen mit dem feuerroten Irokesen, den Piercings, Ringen, Armbändern und der schwarzen Lederjacke, die angesichts der Temperaturen nicht noch deutlicher fehl am Platz hätte erscheinen können. Parker und Marlene hatten ihn in Handschellen in die ehemalige Bibliothek gebracht, die vom FBI angemietet worden war und ihnen als Basis diente. Nur wenige örtliche Polizeibeamte waren in diese Operation eingeweiht gewesen, auch die Agenten vor Ort hatten nur die nö21


tigsten Informationen gehabt. Alec hatte gerade über den Hintergrundfakten zu Dr. Harold Kamney gesessen, als die Tür aufgestoßen worden war und Parker und Marlene den Jungen quasi hatten hereinzerren müssen. Mike hatte geflucht wie ein Bauarbeiter und sie mit Schimpfwörtern betitelt, die kein anständiger Mensch zu Ohren bekommen sollte. Marlene hatte sich davon nicht beeindrucken lassen und ihn auf einen Stuhl verfrachtet, an dem sie die Handschellen befestigt hatte, während Mike ihnen allen lang und breit seine schlechte Meinung über korrupte, nichtsnutzige Cops unterbreitet hatte. Sie hatten ihn schweigend seinen Monolog beenden lassen, bei dem Alec schon allerhand erfahren hatte: dass Mike der Polizei nicht traute, dass er glaubte, sie würden für die richtige Geldsumme alles oder nichts tun. Nachdem sie ihn eine ganze Weile lang einfach nur angestarrt hatten, hatte er angefangen, wirklich nervös zu werden. Als Alec dann angedeutet hatte, dass sie wussten, dass er mit Alysha abhauen wollte, war er buchstäblich in sich zusammengeschrumpft und hatte angefangen zu stammeln, dass das nur Träumereien gewesen seien und dass sie Kamney ausrichten könnten, dass er sich benehmen würde und dass Alysha nichts davon wisse. Das hatte Alec die Bestätigung geliefert, dass der Junge sowohl Angst vor Kamney hatte als auch dass Kamney, wie sie vermutet hatten, seine Leute bei den örtlichen Behörden hatte. Marlene hatte mit wahnsinnig viel Feingefühl nachgebohrt, und nachdem sie sich im Nebenzimmer noch einmal kurzgeschlossen hatten, hatten sie beschlossen, Mike ein Angebot zu unterbreiten: Wenn er sie mit stichhaltigen Informationen und Beweisen versorgte, die Kamney auffliegen lassen würden, würden sie dafür sorgen, dass er eine neue Identität bekam und untertauchen konnte. Das Angebot war riskant gewesen; schließlich hätte er mit diesen Neuigkeiten direkt zu Kamney gehen können, womit ihre sorgfältig aufgebaute Tarnung dahin gewesen wäre. Oder, noch 22


schlimmer, er hätte zum Doppelagenten werden und sie mit falschen Infos füttern können, wodurch sie weiterhin wochen- und monatelang im Dunkeln getappt wären. Aber der Junge hatte Angst. Das war schon keine Loyalität mehr. Er fürchtete den Heimleiter mehr als die angedrohten Folgen, die Marlene behutsam ins Gespräch einstreute, weil er mit Drogen erwischt worden war. Schließlich war er eingeknickt und hatte zugesagt, ihnen zu helfen, aber nur im Gegenzug für einen Neuanfang für sich, seine Freundin und deren Bruder. Doch erst nachdem sie ihm alles vorgelegt hatten, was sie schon gegen Kamney in der Hand hatten, von wem sie geschickt worden waren und dass sie ansonsten keinerlei Verbindungen in dieser Gegend hatten. In den darauffolgenden Wochen hatte er ihnen einiges erzählt, aber sie brauchten Beweise, nicht nur Zeugenaussagen. Dabei war herausgekommen, wie raffiniert Kamney vorging. Er schien jedes der Kids nur das wissen zu lassen, was für seine Aufgaben notwendig war. Mike konnte ihnen deswegen kaum etwas über Kamneys Geschäftsbeziehungen und den Drogenring erzählen, hatte aber versprochen, ihnen dafür etwas Brauchbares zu beschaffen. Der Anruf war spät in der Nacht gekommen und Mike hatte sich sehr nervös angehört, als er sie zum Treffen vor dem Lokal gebeten hatte. Aber was auch immer er entdeckt hatte, die Information war mit ihm gestorben. Oder, was noch viel schlimmer wäre: Hatte er die Daten dabeigehabt und seine Mörder hatten sie ihm abgenommen? Wusste Kamney, dass sie ihm fast auf die Schliche gekommen waren? Doch soweit sie es beobachten konnten, hatte Kamney seine Verhaltensmuster nicht verändert. Das war ein gutes Zeichen. Mike hatte ihnen wahrscheinlich, als er im Sterben lag, einen letzten Hinweis geben wollen. Aber mit dem kamen sie nicht weiter. Sie hatten nach Schließfächern und Ähnlichem gesucht, aber nichts gefunden. Der siebzehnte Schlüssel. 23


Alec fuhr sich über das verschwitzte Gesicht und stöhnte. Er musste es herausfinden, er musste! Das schuldete er dem Jungen. Kurz entschlossen griff er nach seinem Handy. »Marlene, kannst du bitte noch einmal mit den Fallakten vorbeikommen?« Stille am anderen Ende. »Alec, hast du eine Ahnung, wie spät es ist?!«, knurrte seine Partnerin mürrisch. »Oh, sorry, ich hab nicht auf die Uhr geguckt.« »Kann das nicht noch ein paar Stunden warten?« »Du bist jetzt doch sowieso wach. Ich koche auch Kaffee.« »Ich will Espresso.« »Kriegst du, versprochen. Bis gleich.« Alec beeilte sich, eine schnelle Dusche zu nehmen, nachdem er die Kaffeemaschine eingeschaltet und ein paar Tiefkühlapfeltaschen in den Ofen geschoben hatte. Gerade als er sich die zweite Tasse eingegossen hatte, klingelte es und eine verschlafene Marlene betrat sein gemietetes Apartment. »Tut mir wirklich leid, ich habe nicht gemerkt, dass es schon mitten in der Nacht ist.« »Schon gut, Alec, ist ja nicht das erste Mal. Ich hoffe, du hast was Leckeres zu essen? Zur Motivation natürlich.« »Nur zur Motivation und um ein Lächeln auf dein Gesicht zu zaubern.« Ein Lächeln war das zwar nicht so wirklich, das sie ihm zuwarf, als er ihr den Teller mit den heißen Teilchen hinhielt, aber mehr konnte er um die Uhrzeit nicht erwarten. »Mhmm, das riecht köstlich!« Sie schnappte sich gleich zwei von den Apfeltaschen und sah sich suchend nach dem versprochenen Espresso um, den Alec gerade gezogen hatte. Am Esszimmertisch, der mit haufenweise Akten, Fotos und Notizen überhäuft war, schob sie ein paar der Papiere zur Seite, um in Ruhe ihr Nachtmahl einzunehmen. »Ich kann immer noch nicht glauben, dass du keine digitale Bearbeitung genehmigst. Meinst du wirklich, Kamney könnte hierauf zugreifen?« »Auf jeden Fall hat er in allen möglichen Bereichen seine Ver24


bindungen. Selbst bei der Polizei und bei einigen hiesigen Politikern. Warum sollte er dann nicht auch jemanden im IT-Bereich haben? Mike hat doch auch so was angedeutet.« »Mike wusste kaum sein eigenes Smartphone zu bedienen«, schnaubte sie zwischen zwei Bissen. »Aber du hast recht. Besser Vorsicht als Nachsicht.« Sie kippte ihren Espresso herunter und stand auf, um sich noch einen zu holen, bevor sie sich in die Akten vertiefte. Alec schnappte sich die erstbeste und blätterte darin. Er kam jedoch nicht weit. Seufzend nahm er einen Schluck Kaffee. Er kannte diese Akten schon beinahe in- und auswendig. Marlene schob ihm einen dünnen Pappschnellhefter zu, als würde sie seine Gedanken lesen. »Hier, hast du dir den schon genauer vorgenommen?« Stirnrunzelnd las Alec die Aufschrift. Es war der Bericht des Pathologen, der Mikes Leiche obduziert hatte. Er hatte sie aus gutem Grund nicht genau studiert. Er fühlte sich schuldig. Er war schuld, dass von Mike nur noch ein Grabstein mit zwei Daten und einem zu kurzen Bindestrich dazwischen übrig war. Zögernd schlug er die erste Seite auf und begann zu lesen. Viel verstand er nicht, doch der Pathologe, der ein Freund von ihm war, hatte mit gelben Notizzetteln einige Erklärungen hinzugefügt. Als Alec zu den Fotos kam, musste er schlucken. Selbst im toten Zustand konnte man sehen, wie sehr Mike sich in den letzten Minuten seines Lebens gequält hatte. Bei der Todesursache las Alec sich den gelben Zettel genau durch. Die Formel der Droge, die Mike verabreicht wurde, kann dir nicht bekannt vorkommen. Ich habe hier ebenfalls zum ersten Mal damit zu tun. Mehrere Bestandteile sind tierischen Ursprungs, wie zum Beispiel Tetrodotoxin (zu finden bei Kugelfischen oder Blaugeringelten Kraken) oder einige Arten Schlangengift. Woher auch immer die Formel stammt, sie ist nur zu diesem einen Zweck entwickelt worden: demjenigen, dem sie verabreicht wird, möglichst viele und starke Schmerzen zuzufügen und ihn innerhalb weniger 25


Minuten zu töten, sodass jede Hilfe zu spät eintreffen wird. Einige äußeren Symptome lassen den Schluss zu, dass Mike eine Überdosis von Heroin oder Crystal Meth hatte. Dieser erweist sich jedoch als falsch, wenn man eine Obduktion durchführt. Blutende Augen, Nierenversagen, Neuropathie, Koagulopathie, innere Blutungen, Myolyse. Das weist alles auf ein sehr starkes Nervengift hin. Die inneren Organe sind quasi verätzt. Selbst wenn der Junge sofort ärztliche Hilfe erhalten hätte, wäre er an Organversagen gestorben. Letztendlich hat das Opfer einen Herzstillstand erlitten. Alec erschauerte. Wenn Kamney tatsächlich dahintersteckte, so wie Mike behauptet hatte, war seine Seele noch schwärzer, als er bisher angenommen hatte. Der grenzenlose Sadismus dahinter war kaum in Worte zu fassen. Er musste diesen Psychopathen unbedingt aufhalten, bevor er noch mehr Menschen verletzte und umbrachte.

Als der Wecker zum dritten Mal klingelte, quälte Alysha sich aus dem Bett und schlurfte ins winzige Bad, das sie sich mit ihrer Zimmergenossin teilte. Sie beeilte sich fertig zu werden, damit Willow vor dem Frühstück auch noch genug Zeit hatte. Sie hatte eine Abmachung mit ihr, dass sie sie als Erste ins Bad ließ, weil sie sich auch noch um Jonah kümmern musste. Das war eine von Kamneys genialen erzieherischen Ideen: Jedes Kind unter zehn Jahren sollte eine ältere Bezugsperson im Heim haben, die für es verantwortlich war. Das Heimgeschwister-Modell, wie Kamney es stolz in seinen Büchern betitelte. Jonah war mit drei Jahren ins Heim gekommen; sie war zehn gewesen, als Kamney ihr die Verantwortung für ihn übertragen hatte. Das hieß konkret, sie hatte dafür zu sorgen, dass er morgens pünktlich aufstand, frische Klamotten anzog, seine Schultasche packte, sie machte mit ihm die Hausaufgaben und brachte ihn abends ins Bett. Und natürlich war sie dafür verantwortlich, dass 26


er genauso nach Kamneys Pfeife tanzte wie alle anderen. Dabei ließ Kamney ihr freie Hand. Manche von den anderen prügelten ihre Heimgeschwister regelrecht oder quälten sie auf andere Weise, doch mit ihr und Jonah war das irgendwie anders gekommen. Sie hatte ihn von Tag eins an lieb gewonnen, als wäre er wirklich ihr kleiner Bruder. Mike hatte sie immer wieder damit aufgezogen, dass sie sich viel zu gut um ihn kümmerte, doch sie hatte beschlossen, dass der kleine Knirps mit den riesigen blauen Augen und den dunklen, strubbeligen Haaren zu ihr gehörte. Jetzt lief sie die Treppe hinunter und nahm die Tür nach links in den Flügel der kleineren Jungs. Hier herrschte schon geschäftiges Treiben und manche wurden bereits durch den Flur gejagt, damit sie sich beeilten. Alysha schlüpfte in Jonahs Vierbettzimmer und quetschte sich zwischen zwei anderen kleinen Jungs durch, die sich schlaftrunken anzogen. Jonah lag noch im Bett und wahrscheinlich hätte ihn noch nicht einmal das Schulorchester wecken können, wenn es unter seinem Fenster gestanden hätte. »JayJay.« Sie strich ihm vorsichtig über die Wange. »Hey, aufgewacht.« Sie zog ihm die Decke weg. »Komm schon, du Schlafmütze. Zeit für die Schule!« Jonah grummelte etwas und steckte seinen Kopf unters Kissen. Sie runzelte die Stirn. Gestern hatte sie ihn nicht mehr gesehen, weil Chase ihn nicht zur Schlafenszeit zurückgebracht hatte. Wie lange war er wach gewesen? »Jonah, komm, du verpasst sonst das Frühstück.« Sie nahm das Kissen weg. »Wenn du nicht selbst aufstehst, trag ich dich!« »M-mh!« Er zog die Knie an und rollte sich zu einer Kugel zusammen. »Ich mein’s ernst. Der ganze Flur wird das sehen.« Er blinzelte mit einem Auge. »Fünf Minuten.« »Nee, hermanito, die hast du schon verplempert. Los, hoch mit dir! Gib dir einen Ruck, dann hast du es geschafft.« Sie trat an seinen Schrank und suchte ihm ein frisches Shirt heraus, das zu 27


seiner Shorts passte. Dabei fiel ihr ein, dass sie diese Woche Wäschedienst hatte. Oder war das schon letzte Woche gewesen? Sie würde Willow fragen müssen. Aber die hätte ihr eigentlich schon Bescheid gegeben, wenn sie das verpennt hätte. Sie musste kurz überlegen, was heute für ein Wochentag war. »Jonah, jetzt reicht es aber wirklich.« Sie zog ihren Bruder in eine sitzende Position und legte ihm die Kleidung hin. »Ziehst du dich selbst an oder muss ich das machen?« Jonah knurrte irgendetwas Unverständliches und schlüpfte in die Sachen, bevor er sich von ihr Richtung Bad schieben ließ. Als sie wenig später den Speisesaal nur zwei Minuten vor Schließung betraten, waren seine Augen immer noch nur zu zwei schmalen Schlitzen geöffnet. Sie überlegte kurz, ob sie mal mit Kamney darüber reden sollte, dass Jonah wegen der durchwachten Nächte kaum in der Lage war, in der Schule aufzupassen, schob den Gedanken aber schnell beiseite. Kamney war im Moment nicht gut auf sie zu sprechen und da würde sie ihr Glück nicht herausfordern. Am Büfett machte sie zwei Teller fertig und suchte dann im Speisesaal nach einem freien Platz. Willow nickte ihr kurz zu und so steuerte Alysha den Tisch hinten links in der Ecke an. Willow warf einen fragenden Blick auf Jonah, der sich müde auf den Stuhl gegenüber von Alysha fallen ließ. Alysha hob die Schultern und schob Jonah das Glas Milch zu, bevor sie sich daranmachte, ihm ein Sandwich zu schmieren. »Du kommst hier nicht mehr rein«, hörte Alysha plötzlich die herablassende Stimme von einem der Jungs, die Türdienst hatten. Rico stand mit verknittertem Ausdruck vor Billy, der ihn breit angrinste und den Weg versperrte. »Komm schon, es ist doch genau 7:30 Uhr!« Rico klang ziemlich resigniert und sein Protest war auch nur halbherzig. Wahrscheinlich, weil er genau wusste, dass Billy nicht zur Seite treten würde. »Auf meiner Uhr ist es schon 7:31 Uhr und damit bist du zu spät gekommen und darfst nicht mehr rein.« 28


Rico warf einen Hilfe suchenden Blick über Billys Schulter und Alysha drehte schnell den Kopf weg. »Mann, Billy, jetzt sei doch nicht so kleinlich«, versuchte er es noch einmal. »Du kennst die Regeln. Verzieh dich.« Mit etwas mehr Elan als notwendig ließ Alysha die zweite Brotscheibe auf die beschmierte fallen und schob Jonah den Teller zu. »Iss«, forderte sie ihn auf und machte sich dann daran, ihr eigenes Frühstück zu verzehren. Sie konnte nicht anders und sah noch einmal zur Tür, doch Rico schlurfte gerade schon mit hängenden Schultern den Flur hinab. Kamney war äußerst streng, was Pünktlichkeit betraf. Manche, die Türdienst hatten, drückten auch mal ein Auge zu, aber in Kamney House wusch meist eine Hand die andere, auch im negativen Sinn. Die meisten sahen nicht ein, dem anderen einen Gefallen zu tun, wenn ihnen selbst nie einer gemacht wurde. Kurz überlegte sie, für Rico ein Sandwich mit rauszuschmuggeln, aber sie war nicht für ihn verantwortlich. Und wenn Rico es nicht schaffte, fünf Minuten früher aufzustehen, dann war das nicht ihr Problem. »Jonah, du sollst essen!« Sie schüttelte den Kopf, als sie sah, dass Jonah das Sandwich auf halbem Wege zum Mund einfach in der Luft hatte stehen lassen. Gehorsam schob ihr Bruder sich das Sandwich in den Mund, biss ab und kaute rekordverdächtig langsam. Alysha zwang sich, ihn nicht anzuherrschen. »Haben wir Wäschedienst?«, fragte sie an Willow gewandt. Diese nickte. »Ich habe auf den Mädchenfluren schon alles eingesammelt.« Dann würde Alysha die Jungsflure übernehmen müssen. Natürlich hatte Willow sich den besser riechenden Teil gekrallt. Aber okay. Hätte sie an ihrer Stelle genauso gemacht. »Hast du auch acht Stunden Schule heute?« Willow schüttelte den Kopf. »Sieben. Ich fang dann schon an.« »Gut.« Sie warf einen Blick auf die Uhr und beeilte sich, die 29


Lunchboxen für sich und Jonah zu packen. Der Schulbus würde schon in ein paar Minuten vor dem Haus stehen. Auf dem Weg nach draußen spürte sie die Blicke von Sam und Chase auf sich, die auf der anderen Seite des Saals saßen. Sie ignorierte die Gänsehaut, die ihr über den Rücken kroch, und schob den immer noch schlaftrunkenen Jonah in den Flur. Nachdem sie sich fertig gemacht hatten, zog sie ihn raus vor das Tor, wo auch schon einige andere aus dem Heim auf den Bus warteten. Alysha war froh, dass sie einen eigenen Bus hatten. Sich schon auf dem Schulweg mit den anderen Schülern auseinandersetzen zu müssen, hätte sie noch mehr mürbe gemacht. Als der quietschgelbe Truck endlich vor ihnen hielt und sie im Inneren einen Platz weiter vorne ergattert hatten, sank Jonah sofort gegen ihre Schulter und schlief wieder ein. Alysha schlang einen Arm um ihn und starrte gedankenverloren aus dem Fenster. Mike. Wieso nur hatte er sie verlassen? In was war er reingeraten, dass Kamney ihn hatte hinrichten lassen? Vor ihrem inneren Auge sah sie sein Gesicht vor sich, wie er sie anlächelte und seine Augen zu strahlen begannen, wenn er sie sah. Wie liebevoll er sie behandelt hatte und wie zärtlich er gewesen war. Sie spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen, und drehte den Kopf noch ein wenig mehr Richtung Fenster, damit sie niemand sah. Wie sollte sie bloß ohne ihn überleben? Vor allem jetzt, wo sie nicht wusste, wie lange sie noch in Kamneys Gunst stehen würde. Dass Sam sie so ansah, mit einer Mischung aus Verachtung und Begehren, ließ sie sich nicht gerade wohler fühlen. Sie hatte zwar gewusst, dass er schon immer ein Auge auf sie geworfen hatte, aber er hatte sie wegen Mike immer in Ruhe gelassen und respektiert. Jetzt hatte sie diesen Schutz nicht mehr. Und Sam war jemand, der es gewohnt war, das zu bekommen, was er wollte. Oder, besser gesagt, sich das zu nehmen, von dem er überzeugt war, dass es ihm zustand. Noch sorgte Kamney dafür, dass Sam sich ihr gegenüber zurückhielt, aber wie lange noch? 30


Sie wischte sich mit dem Ärmel über die Wangen, als die Schule in Sicht kam, und rüttelte Jonah sanft wach. Beim Aussteigen legte sie ihre Maske aus Herablassung und Unnahbarkeit auf.

Tief ausatmend trat Alysha aus dem Schulgebäude. Und wieder hatte sie einen Tag ohne Mike überlebt. Vielleicht wurden die Dinge ja mit der Zeit wirklich leichter. »Alysha!« Sie drehte sich um und sah Jonah mit einem strahlenden Lächeln auf sie zulaufen. Er schwenkte ein flatterndes Papier in der Hand. Schnell öffnete sie die Arme und fing ihn auf, bevor er sie umwerfen konnte. »Hey, du kleiner Tsunami«, lachte sie. »Warum die Eile?« »Ich hab wieder den Mathewettbewerb gewonnen!« Jonah hielt ihr das Blatt unter die Nase. »Hier, guck! Und der war wirklich schwer.« »Zeig mal, das muss ich mir genauer anschauen.« Sie betrachtete mit gerunzelter Stirn die Zeichen und Zahlen und tat so, als würde sie noch etwas von der Mathematik der vierten Klasse wissen. Mathe war nie ihr Ding gewesen. »Wow, Jonah. Ich bin wirklich beeindruckt. Das hast du gut gemacht!« »Wirklich?« Sein stolzes Lächeln ließ ihr Herz schmelzen. »Krieg ich dafür ein Eis?« Sie wuschelte ihm durch die Haare. »Na gut, das hast du dir verdient.« Gut gelaunt hüpfte Jonah neben ihr her, während sie mit vielen anderen den Schulhof verließen. Sie widerstand dem Drang, ihn an die Hand zu nehmen und ihn zur Vorsicht zu ermahnen. Er war doch kein Kleinkind mehr! Sie sollte ihm wirklich langsam etwas mehr zutrauen. Wenn sogar schon Kamney anfing, Jonahs begabten kleinen Kopf auszunutzen … Zu spät sah sie das ausgestreckte Bein des Siebtklässlers. 31


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