Louisa Vogel
Wunder
passieren
U N T E R W EGS RO M A N
Prolog
Leipzig September Mit kreischenden Reifen kam der Toyota direkt vor dem Eingang des Kindergartens zum Stehen. Finn ließ den Motor weitertuckern, riss ruckartig die Handbremse hoch und stieß dann die klemmende Fahrertür auf. Mit langen Schritten, in deren Takt die Kamera dumpf gegen seine Rippen schlug, hielt er auf die Erzieherin zu, die im Garten Zwergenstühle aufeinanderstapelte. Frau Reichel oder Richter … er würde sich ihren Namen wohl nie merken. »Entschuldigung. Ich weiß, ich bin wieder mal spät dran!«, rief er ihr entgegen und hielt dabei schon nach dem Dreikäsehoch Ausschau, der um diese Uhrzeit meistens versuchte, seinen Rekord im Hochschaukeln zu brechen. Heute allerdings stand die Schaukel still. »Wenn Sie nach Mattheo suchen; der ist schon lange fort«, trällerte Frau Irgendwer, zuckte dann jedoch sichtlich zusammen, als Finn sie mit zusammengekniffenen Augen ins Visier nahm. »Wie meinen Sie das? Fort?« »Frau Winkler … äh, entschuldigen Sie, ich meine Frau Schmidt, hat ihn vor vielleicht zwei Stunden abgeholt. Sie sagte, das wäre abgesprochen.« Finn taumelte rückwärts, wäre beinahe gestolpert. 5
»Alles in Ordnung mit Ihnen?« Die Erzieherin streckte eine Hand aus, als wollte sie ihn stützen. »Schon gut.« Fahrig winkte er ab, lief davon, ohne sich zu verabschieden, und zerrte dabei sein Nokia-Tastenhandy aus der Hosentasche. Hektisch klickte er durch die Kontakte. L… Da! Er tippte auf die Anruftaste und presste das Handy ans Ohr. »Komm schon!« Das gleichmäßige Klingeln folterte seine Nerven. Sie ließ ihn volle dreißig Sekunden zappeln, bis sie endlich abnahm. »Hallo, Finn, ich dachte schon, du rufst gar nicht mehr an. Hattest du mal wieder vergessen, dass der Kindergarten um 5 Uhr schließt?« Ihr fröhlicher Tonfall klang aufgesetzt. »Wo ist Mattheo?«, platzte es grollend aus ihm heraus. »Wir sitzen am Inselteich im Clara-Zetkin-Park und essen Eis, nicht wahr, Schatz?« Sie sagte es, als sei es das Natürlichste der Welt. Im Hintergrund konnte er Mattheos Stimme hören: »Him-Himbeer, stimmt’s, Mama?« »Da hörst du’s. Wir essen Himbeereis. Komm doch vorbei, wenn du gerade nichts anderes, wahnsinnig Wichtiges, zu tun hast.« Ein Tuten und die Leitung war tot. Finn atmete im Stakkato, während die Panik ihn wie eine Flutwelle erfasste. Unaufhaltsam. Bedrohlich. Justus hatte ihn gewarnt. Er hatte gesagt, es sei nur eine Frage der Zeit. Mit schwitzenden Händen riss Finn an der Fahrertür. Als sie wie immer nicht kooperieren wollte, trat er mit einem wilden Schrei dagegen. Dann rüttelte er so lange, bis sie aufflog, schwang sich hinters Lenkrad und gab Gas.
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Er fand die beiden problemlos. Immerhin war der Inselteich früher ihr Platz gewesen. Damals, als sie noch darüber gestritten hatten, ob Kinder unbedingt das Abitur brauchten, um es im Leben zu etwas zu bringen. Die zwei saßen auf derselben rot-weiß karierten Decke. Als Mattheo ihn entdeckte, erhob er sich ungelenk und winkte stürmisch mit seinem Pappbecher. Natürlich hatte sie ihm keine Waffel gekauft, obwohl er die so mochte. Es war einfach sicherer. »Haaaallo!« Finn hätte die Stimme seines Sohnes unter Tausenden wiedererkannt. Kehlig, immer ein wenig kratzig, als sei er dauererkältet. »Hallo, Großer.« Er wuschelte Mattheo durch das wilde rote Haar, das seine Mutter ihm vererbt hatte, und grüßte sie mit einem knappen Nicken. Leonie sah wunderschön aus. Ihre Locken rahmten das schmale Gesicht mit den Kirschlippen und der Aristokratennase ein wie das einer Königin. Einer Schneekönigin, schoss es Finn durch den Kopf. Denn ihre grünen Augen blitzten wie zwei Eiskristalle. »Du siehst … gut aus«, brachte er über die Lippen. »Und du wirkst gehetzt.« Sie klopfte auf den freien Platz neben sich, doch er dachte gar nicht daran. Lieber ließ er sich auf der anderen Seite neben Mattheo ins Gras sinken. Der streckte ihm, kaum dass er saß, seinen Eisbecher entgegen. »Bin satt.« Sofort förderte seine Mutter ein Taschentuch zutage und tupfte ihm damit den Mund ab. Während sie es anschließend mit angeekeltem Gesichtsausdruck zusammenknüllte und Finn den letzten Rest Himbeersoße aus dem Becher schlürfte, steuerte Mattheo mit ungleichmäßigen Bewegungen auf den Teich zu. Sie erinnerten ihn im selben Moment daran, nicht zu dicht ans Wasser zu gehen, und der Blick, den Leonie Finn daraufhin zuwarf, spiegelte sein eigenes Unbehagen. »Seit wann bist du wieder hier?« Finn richtete die Augen wieder auf Mattheo. 7
»Seit ein paar Tagen.« »Mit Vladimir?« »Er heißt Andrej.« »Ich weiß.« »Ach so?« Er spürte ihren frostigen Blick auf sich. »Genauso wie du weißt, dass Mattheo vor fünf abgeholt werden muss oder dass Kinder nicht in einem schrottreifen Wohnmobil hausen können?« Die Härchen in seinem Nacken stellten sich auf. »Das war eine einzige Nacht, Leonie. Du weißt genau, wie sehr ich mich anstrenge, Mattheo ein guter Vater zu sein.« »Ich weiß, Finn.« Ihre Stimme nahm einen sanften Klang an: »Aber das ist leider nicht genug.« Alarmiert studierte er ihren Gesichtsausdruck und spürte, wie die Welle erneut über ihn hinwegspülen wollte. »Du … Du meinst doch nicht …? Du wirst doch nicht …?« Er sprang auf, bereit, es hier und jetzt mit ihr auszudiskutieren, doch sie blieb ganz ruhig sitzen und ihr Blick war genauso mitleidig wie verächtlich, als sie die fünf Worte aussprach, die Finn endgültig den Boden unter den Füßen wegzogen. »Ich habe es längst getan.«
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Goppeln, bei Dresden 4. Dezember »Nicht vergessen: morgen Abend bei uns!«, hörte sie Emil gerade noch rufen, bevor die Beifahrertür des Volvos zufiel. »Um Punkt 19 Uhr. Wie jeden zweiten Samstag im Monat«, zwitscherte Mia und rang sich ein Lächeln ab. Ihr Bruder winkte euphorisch, wendete und brauste dann über den Feldweg zurück in die Zivilisation. Mia, der die Kälte bereits unter den Mantel kroch, musste nur zwei Schritte machen, schon sprang der frisch von Emil installierte Bewegungsmelder an und tauchte die beiden Eingangstüren in einladendes Licht. Die rechte führte in Mias Wohnung. Die Wohnung, die ihre Eltern für sie renoviert hatten, als sie reumütig wie Hänschen Klein aus der weiten Welt zurückgekehrt war. Hinter der linken verbarg sich eine minimalistische, selten genutzte Ferienwohnung, gerade groß genug für zwei Abenteurer, die weder Dusche oder Küche noch sonstigen Komfort benötigten. Es kam einem Wunder gleich, dass sich überhaupt ein Pärchen für Silvester angemeldet hatte. Schließlich tauchte Goppeln in keinem Reiseführer auf. Hierher verliefen sich allerhöchstens ein paar Spätbucher, die den Trubel um den Dresdner Striezelmarkt unterschätzt hatten und wie das heilige Paar keinen Raum mehr in den Herbergen fanden. 9
Mia entriegelte das Schloss und wurde sofort von einem kläglichen Maunzen begrüßt. Tiffany, die greise schwarz-grau melierte Katze, die Mias Eltern der dementen Frau Steinke zusammen mit ihrem Häuschen abgekauft hatten, strich schnurrend um Mias Knöchel herum. Anschließend heftete sie sich wie ein Magnet an sie, begleitete sie in die Küche, zum Heizkörper, zum Kühlschrank, zur Mikrowelle und schließlich zum Esstisch, wo sie es sich auf Mias Schoß gemütlich machte, während diese Kartoffelsuppe vom Vortag löffelte und nebenbei am Laptop lustlos nach einem Rezept für Samstagabend suchte. Sie ging gerade die Zutatenliste für einen süßen Flammkuchen durch, als ihr Mailprogramm mit einem lauten Bing verkündete, dass sie Post bekommen hatte. Mia warf einen flüchtigen Blick auf den Absender und verschluckte sich. Das Husten vertrieb Tiffany von ihrem Schoß, doch Mia bemerkte es kaum. Ihre Augen klebten förmlich an dem angezeigten Namen. Vincent Procházka. Betreff: Und jährlich grüßt der Alexanderplatz! Mias Herz raste wie nach einem Hundertmetersprint. Das musste ein Scherz sein. Nur, dass er nicht witzig war. Kein bisschen. Ihr erster Impuls war, die Nachricht zu löschen. Sie bewegte den Cursor über die Anzeige. Doch dann zögerte sie. Noch nie in ihrem Leben hatte sie eine ungelesene Mail gelöscht. Schließlich konnte man nie wissen … Ein paar Sekunden lang kaute sie noch auf ihrer Unterlippe herum, dann ergab sie sich mit einem Stöhnen. Hohoho, es ist mal wieder so weit: Die Procházkas verschicken Weihnachtsgrüße. Eine Rundmail. Wie um alles in der Welt war sie nur in den Verteiler geraten? Bereitete es Vincent etwa diabolische Freude, in ihren Wunden herumzustochern? Hinter uns liegen aufregende Monate. 10
Beinahe hätte Mia gelacht. Das war die Untertreibung des Jahrhunderts. Inzwischen sind wir zu viert. Margarete liest schon ihre ersten Sätze und Luise ist ein pausbäckiger Wonneproppen, der Carla und mich in den Nächten ganz schön auf Trab hält. Mia fragte sich, was wohl mehr Kraft erforderte: nachts ein schreiendes Kind zu beruhigen oder jahrelang ein Doppelleben zu führen. Obwohl Margarete ihrer Mama im Haushalt wie eine Vorzeigetochter hilft, habe ich nun endlich den Posten als Dramaturg am Stage Theater des Westens hier in Berlin angenommen, um ihnen noch besser unter die Arme greifen zu können. Das heißt, ich sehe meine drei Mädchen jetzt viel öfter und das genießen wir alle. Die Worte verschwammen vor Mias Augen, sodass sie nicht weiterlesen konnte. Lügen, nichts als Lügen. Sie scrollte zum Ende der Nachricht und zuckte zusammen, als Vincent und seine perfekte kleine Familie sie plötzlich vom Bildschirm her angrinsten. Sie posierten auf einem roten Sofa zwischen Kissen mit Rentiermuster. Vincent hielt Baby Luise in den Armen und Margarete, die stolz ihre fehlenden Schneidezähne präsentierte, kuschelte sich an seine linke Seite. Carla Procházka schmiegte sich von rechts an ihn. Alle trugen winzige Weihnachtsmannmützen auf den Köpfen. Eine klassische, vollkommen ahnungslose Bilderbuchfamilie. Mias Blick wanderte hinauf zu Vincents blauen Augen, gegen deren Magie sie auch heute noch machtlos war. Sie weckten unzählige Erinnerungen: an leere Theatersäle, an den Weinkeller in der Theodorstraße, an Alsterspaziergänge, an ein Zuhause, das sich im Januar plötzlich als Fata Morgana entpuppt hatte … 11
Die Türglocke brach den Bann und Mia fuhr zusammen. Hastig wischte sie sich die Tränen aus den Augen, klappte den Laptop so eilig zu, als sei sie bei einer Straftat ertappt worden, und ärgerte sich dabei maßlos über ihre Träumerei. Dumme, naive Mia. Wann wirst du endlich aufhören, ihm nachzutrauern? Im Flur warf sie einen prüfenden Blick in den Wandspiegel. Ihre rote Nasenspitze und die glasigen Augen verrieten sie, aber das ließ sich nun einmal nicht ändern. Sie hoffte nur, dass es nicht ihre Eltern waren, die da vor der Tür standen. Ihr Kreuzverhör würde sie im Moment nicht ertragen. Sicherheitshalber strich sie ihre viel zu langen blonden Haare und den Pony, so gut es ging, glatt. Doch es waren nicht ihr Vater und ihre Mutter, die da draußen vor Kälte zitternd von einem Bein auf das andere traten. Mia hatte den dunkelhaarigen Mann, den sie auf Mitte dreißig schätzte, und den Jungen an seiner Seite noch nie gesehen. »Hallo.« Der Fremde nickte ihr zu und legte dabei seine Hand auf die bunte Wollmütze des Jungen. »Entschuldigen Sie, dass wir Sie um diese Uhrzeit rausklingeln, aber wir sind praktisch direkt vor Ihrer Haustür mit unserem Wohnmobil liegen geblieben.« Mit dem Daumen deutete er über seine Schulter, wo Mia in der Dunkelheit die Silhouette eines altmodischen Campingwagens ausmachte. »Das … tut mir leid. Wie kann ich helfen?« Normalerweise hätte sie allein schon die späte Stunde misstrauisch werden lassen, doch dass der Fremde ein Kind dabeihatte, beruhigte sie. »Ich habe vorne an der Kreuzung ein Schild mit der Aufschrift Ferienwohnung gelesen, und da die Heizung gerade auch irgendeine Macke zu haben scheint, dachte ich …« »Natürlich! Sie brauchen einen Schlafplatz.« Ein Lächeln stahl sich auf Mias Gesicht und mit einem Augenzwinkern fügte sie hinzu: »Da haben Sie aber Glück. Normalerweise ist die Wohnung ganzjährig ausgebucht.« Der Fremde grinste schief. Er wirkte erschöpft, fand Mia. »Also ein Zimmer für zwei oder …?« Sie blickte in Richtung Camper, auf der Suche nach der fehlenden dritten Person. 12
»Genau, nur für uns zwei. Und bloß, bis ich das Wohnmobil wieder zum Laufen gebracht habe.« »Kein Problem.« Mia kam eine Idee. »Wissen Sie, wir haben hier in Goppeln einen Wohnwagenhändler. Ich kenne ihn persönlich. Ein Freund meiner Familie. Er bietet einen guten Service und würde Ihr Wohnmobil sicher im Handumdrehen wieder flottmachen. Wenn Sie wollen, gebe ich ihm morgen kurz Bescheid«, bot sie an, doch der Mann winkte ab. »Danke, aber ich denke, ich versuche es erst einmal allein. Kann ich den Stellplatz hinterm Haus nutzen, damit der Uwe nicht die ganze Nacht den Weg blockiert? Vielleicht springt er ja noch mal an.« »Sicher.« Mia schmunzelte. »Ich gehe davon aus, dass Uwe der Camper ist?« Grinsend stupste der Mann den Jungen an. »Seine Idee.« Dann wandte er sich zum Gehen. Zurück blieben Mia und der kleine Knirps, der sie mit so großen Augen musterte, dass sie sich bald unbehaglich fühlte. »Na du?« Sie beugte sich zu ihm hinunter. »Darf ich fragen, wie du heißt?« »Mattheo.« Der Klang seiner Stimme machte Mia stutzig. So rau. Vielleicht war er heiser. »Und m-mir ist kalt.« Kein Wunder! Schließlich stand er seit mindestens fünf Minuten bewegungslos in der eisigen Kälte. Als Mutter würdest du kläglich versagen, Mia. Sie nahm den Schlüssel für die Ferienwohnung vom Haken neben dem Eingang, schlüpfte in ihre Winterschuhe und schloss unter Mattheos wachsamem Blick die Nachbartür auf. »Na, dann zeig ich dir mal, wo du heute Nacht schläfst.« Hinter ihnen erwachte der Motor des Wohnmobils stotternd zum Leben und der Fremde begann, ihn rückwärts ums Haus herumzumanövrieren. Auf halbem Weg jedoch erstarb das Motorengeräusch plötzlich wieder. »Und aus«, konstatierte Mattheo. 13
Er folgte ihr in die eisige Wohnung und Mia fiel auf, dass sein Gang seltsam unrund und schwankend ausfiel. »Das hört sich aber gar nicht gut an, was?«, meinte sie und beobachtete durch die offene Tür, wie der Mann wieder und wieder versuchte, den Motor zum Laufen zu bringen. »Fahrt ihr in den Urlaub, dein Papa und du?« »Hm.« Mattheo nickte. »W-wird das h-hier noch warm?« Mia sperrte die Kälte aus. »Na klar, wir müssen nur die Heizung aufdrehen. Und natürlich eure Betten beziehen.« »Das kann ich gut.« Mattheo befreite sich von Mütze, Handschuhen und Jacke und legte alles sorgsam auf den Tisch gleich neben dem Eingang. Dann ließ er sich rückwärts auf den Boden plumpsen und zerrte an seinen Schuhen. Mia kniete sich vor ihn und half ihm, die Schleifen zu öffnen. »Sag mal, wie alt bist du denn, Mattheo?« Prompt hielt er sechs Finger hoch. »Bald kriege ich meine Zuck-Zuckertüte.« Während Mia beobachtete, wie Mattheo aufstand, verglich sie ihn unwillkürlich mit ihrem gleichaltrigen Neffen. Gegen ihn wirkte Mattheo beinahe wie ein Kleinkind. Mit gerunzelter Stirn drehte sie den Heizungsregler auf Stufe drei und holte Bettlaken und Bezüge aus dem Schrank, der zwischen den Betten stand. Nachdem sie eines davon bezogen hatte, half sie Mattheo, der sich eifrig mit seinem Deckenbezug abmühte, aber nicht wirklich vorwärtskam. Gerade als sie gemeinsam die Knöpfe schlossen und Mia verfolgte, wie Mattheo wiederholt Anlauf nahm, einen Plastikknopf durch das zugehörige Loch zu schieben, öffnete sich die Tür. »Na, das sieht doch gemütlich aus«, bemerkte Mattheos Vater mit einem prüfenden Blick durch den Raum. »Ja, und ich helfe der Tante«, sagte der Kleine stolz. »Nenn mich ruhig Mia«, bot sie an. Da fasste sich der Fremde in gespieltem Entsetzen an die Stirn und reichte Mia mit einer leichten Verbeugung die Hand. »Wo 14
sind nur meine Manieren geblieben? Gestatten? Finn Winkler. Und wenn du nichts dagegen hast, dann lass uns das Sie doch gleich überspringen, ja?« Mattheo lachte über die Theatralik seines Vaters und Mia schoss durch den Kopf, dass er einen ausgezeichneten Schauspieler abgeben würde. Etwas vibrierte in diesem Moment in Finns Jackentasche, wahrscheinlich ein Handy, doch er ignorierte es. »Wie viel schulde ich dir für diese eine Nacht?«, wollte er wissen. »Fünfunddreißig Euro. Für Mattheo berechne ich dir nichts. Dazu kommen sieben Euro pro Person für jede Mahlzeit, wenn das gewünscht ist.« Fast ein wenig schuldbewusst fügte sie hinzu: »Wie du siehst, gibt es keine Küche.« »Heute Abend brauchen wir nichts mehr, stimmt’s, Matthi? Wir haben unterwegs einen Stopp bei Burger King eingelegt.« »Ich liebe Pommes mi-mit Mayo«, stotterte Mattheo mit einem seligen Grinsen im Gesicht, das Mia zum Schmunzeln brachte. Das Vibrieren des Handys verstummte und Mia erhob sich. »Gut, wie wäre es dann mit Müsli, Ei und Obst zum Frühstück? Ich bringe es gern rüber.« »Klingt super, nicht wahr, Großer?« Mia räusperte sich. »Würde … würde es dir etwas ausmachen, mir das Geld schon im Voraus auszuzahlen? Weißt du, normalerweise erfolgt die Buchung online und es wird eine Anzahlung verlangt …« Finn runzelte die Stirn, zog dann aber seine Geldbörse aus der Hosentasche und kramte drei Zwanziger hervor. »Für die erste Nacht und das Frühstück. Der Rest ist für die Unannehmlichkeiten, die wir dir bereitet haben. Und jetzt lassen wir dich in Ruhe.« Mia nahm das Geld entgegen. »Danke. Falls ihr noch irgendetwas braucht, klingelt ruhig. Vor Mitternacht schlafe ich nie. Gute Nacht.« Sie winkte Mattheo zu, der mit einem Mal Mühe zu haben 15
schien, die Augen offen zu halten, und zog sich dann in ihre eigene Wohnung zurück, wo ihr Blick sofort auf den Laptop fiel, den sie während der letzten Minuten völlig vergessen hatte.
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In dieser Nacht wälzte Mia sich stundenlang hin und her und beobachtete, wie der Wind draußen vor dem Schlafzimmerfenster mit den Ästen der alten Tanne rang. Sie fühlte mit ihr, denn Vincents Nachricht hatte einen ganz ähnlichen Sturm in ihrem Inneren ausgelöst. Unfassbar, dass es ein paar lächerlichen Weihnachtsgrüßen und einem Foto gelungen war, sie um Monate zurückzuwerfen. Dabei sollte es sie nach beinahe einem Jahr doch eigentlich nicht mehr an den Rand der Verzweiflung treiben, sein Gesicht zu sehen. Aber heute Nacht griff genau dieses Gefühl mit langen Fingern nach ihr. Nicht nur, weil Vincent sie belogen und wie eine alte Socke weggeworfen hatte, sondern vielmehr, weil er sein Leben offensichtlich weiterlebte, als sei nichts gewesen. Ja, es machte ihm sogar so wenig aus, dass er sie in den Verteiler für seine Weihnachtspost aufgenommen hatte, ob nun bewusst oder unbewusst. Und sie? Was könnte sie ihm antworten? Hallo Vincent. Lange nichts von dir gehört. Ich sende dir herzliche Weihnachtsgrüße aus einem Dorf ohne eigene Postleitzahl und einem winzigen Haus, das meine Eltern für mich gekauft haben. Mein Job im Buchladen, der nebenbei bemerkt am Rande der Insolvenz steht und kein Jahr mehr überleben wird, ist 17
ein Traum. Bücher einsortieren, abstauben und an der Kasse mit Frau Meier über den neusten Roman von Debbie Macomber plaudern, erfüllt mich voll und ganz; nicht zu vergessen das Familienessen jeden zweiten Samstag, das den Hauptteil meines sozialen Lebens ausmacht. Davon abgesehen kann ich es bis heute nicht glauben, dass ich zu dumm war, um dein Spiel zu durchschauen. Na dann, vielleicht sieht man sich ja mal. Grüß deine Frau und deine Kinder von mir! Die Tanne krümmte sich unter einer Böe und Mia hielt den Atem für sie an. Was war nur aus Mia Lorenz und all ihren großen Träumen geworden? Vincent hatte ihnen den Lebenssaft ausgesaugt. Zwar stand sie noch, tapfer wie die Tanne dort draußen, aber innerlich fühlte sie sich ausgehöhlt und leer. Der einzige Grund, warum sie noch immer aufrecht ging, war das Versprechen, das Jesus ihr gegeben hatte: dass seine Gnade an jedem Morgen neu war und ihr die Kraft für einen weiteren Tag geben würde. Genau diese Kraftquelle zapfte sie nach der viel zu kurzen Nacht mit einem Gebet an, machte ihren Besuchern dann wie versprochen Frühstück und putzte wie jeden Samstag ihre Wohnung. Sie funktionierte. Irgendwie. Während sie gegen Mittag die letzten Reste ihrer Kartoffelsuppe aufwärmte, warf sie einen Blick aus dem Fenster. Schon seit Stunden werkelte Finn da draußen an seinem Wohnmobil herum. Zwar konnte sie ihn von der Küche aus nicht sehen, doch sein Schimpfen war durch die undichten Fenster deutlich zu hören. Was sie dagegen sah, war Mattheo, der auf der anderen Seite des Feldweges über gefrorene Maulwurfshügel und Steine balancierte, dabei hin und wieder stehen blieb und … ja, Mia hatte keine Ahnung, was er da trieb. Er wandte ihr den Rücken zu. Da rief Finn seinen Namen. Mattheo drehte um und kam mit 18
seinem einzigartigen Gang zum Haus zurück. Kurz bevor er es erreicht hatte, stoppte er und dann schoss er mit einer digitalen Kamera ein Foto von ihrem Häuschen. Mia runzelte die Stirn. Ein so kleiner Junge mit einer eigenen Kamera? Sie beobachtete, wie er langsam in Richtung Wohnmobil hinkte, und mit einem Mal überkam sie Mitleid. Bevor sie es sich anders überlegen konnte, zog sie Schuhe und Jacke an, lief hinaus und lud die beiden zum Mittagsessen ein. Finn, der unter der Motorhaube herumwirtschaftete, lehnte ihr Angebot ab, erlaubte Mattheo jedoch, mit ihr zu essen, und so saßen die beiden einige Minuten später vor dampfenden Schüsseln mit Suppe und Wiener Würstchen. Ohne dass Mia ihn dazu aufgefordert hatte, faltete Mattheo die Hände, presste die Augenlider fest zusammen und betete: »Für das Essen dank ich dir. Herr, du bist so gut zu mir.« Mia konnte ihren Blick dabei nicht von ihm losreißen. Leise stimmte sie in sein Amen ein, und während er den Suppenlöffel mit Heißhunger, aber auch einiger Mühe in seinen Mund bugsierte, sagte sie: »Ich hab gesehen, du hast eine Kamera. Hast du viele Bilder geschossen?« Er nickte und blickte hinunter auf die ausgebeulte Bauchtasche seiner Latzhose, in der Mia den Apparat vermutete. Dabei tropfte etwas Suppe aus seinem Mund auf die Hose. Mia unterdrückte den Impuls, den Fleck mit einem Lappen wegzuwischen. Sie wollte ihn mit seinen sechs Jahren nicht wie ein Baby behandeln. »Hm, ich brauch viele Fotos. Muss ja das beste raus-raussuchen.« »Und was tust du dann mit dem besten?« »Einkleben.« »In ein Fotoalbum?« »In mein Buch. Ich hole es dann mal rüber, okay?« »Okay.« Mia lächelte ihn an. Dann rückte sie mit der Frage heraus, die ihr schon die ganze Zeit unter den Nägeln brannte: »Wo ist denn eigentlich deine Mami, Mattheo?« Die Worte waren 19
kaum heraus, da hätte sie sie am liebsten zurückgenommen. Was, wenn seine Mutter tot war? Doch der Kleine hob nur die Schultern und sagte wie beiläufig: »Zu Hause.« Dann schob er sich einen großen Löffel Suppe in den Mund. Sie sollte es dabei belassen. Es ging sie nichts an. Doch die Neugier siegte. »Wollte sie nicht mit euch in den Urlaub fahren?« Er fischte mit den Fingern eine Stück Wurst aus der Suppe. »Sie weiß, denke mal, nicht, da-dass wir weg sind. Wir haben nicht ›Tschüssi‹ gesagt.« Während Mia noch versuchte, sich die Geschichte hinter diesen Worten zusammenzureimen, entfuhr Mattheo plötzlich ein Freudenschrei. »Eine Mietze!« Tiffany war auf leisen Sohlen in die Küche geschlüpft und strich nun um Mattheos baumelnde Beine. Zu sehen, wie liebevoll der Junge auf die kleine Mietz-Mietz einredete und ihr mit seinen Suppenfingern übers Köpfchen strich, zauberte Mia ein Lächeln ins Gesicht. »Sie heißt Tiffany und ich glaube, sie mag dich«, raunte sie ihm zu und musste sich dann ein Lachen verkneifen, als Mattheo flüsterte: »Du bist eine gute Tiffimi.« Tiffany schien seine grobmotorischen Streichelversuche zu genießen, denn sie blieb ganz ruhig sitzen und wartete geduldig, bis Mattheo seinen nächsten Löffel Suppe genommen hatte und ihr wieder über den Kopf fuhr. Mia war so gefangen von Mattheos zärtlichem Umgang mit der Katze, dass sie Finn erst bemerkte, als er bereits im Türrahmen lehnte. Obwohl die feuchten Locken in seiner Stirn zeigten, dass er versucht hatte, Öl und Schmutz abzuwaschen, waren sowohl seine Hände als auch sein Gesicht an einigen Stellen dunkel verfärbt. »Entschuldigung, ich habe draußen geklopft.« Er versuchte zu lächeln, doch seine Worte klangen wie ein fernes Donnergrollen. Die letzten Stunden schienen erfolglos gewesen zu sein. 20
»Mattheo, bist du so weit? Da steht ein Reh auf dem Feld. Wenn wir uns beeilen und uns ganz langsam ranpirschen, kannst du vielleicht ein Foto davon knipsen.« Mattheos Augen leuchteten auf. »Ja, ich will ein Rehfoto machen.« Schnell schob er sich einen letzten Löffel in den Mund, rutschte dann von seinem Stuhl und rannte zur Tür. Auf halbem Weg jedoch stoppte er, drehte sich wieder um, nestelte an seiner Latzhose und zog die Kamera heraus. Und bevor Tiffany Zeit hatte, sich in Pose zu begeben, hatte er auch schon ein Foto von ihr geschossen. »Danke!«, rief er Mia zu und trieb seinen Vater, der ihm die Schnürsenkel zu Schleifen band, zur Eile an. Dann rannte er los. Finn hob die Hände, dankte Mia ebenfalls und lief seinem Sohn hinterher. Wieder hörte Mia das Handy in seiner Jackentasche klingeln, doch es schien ihn auch heute nicht zu interessieren.
Ihr Bruder hatte sein Haus bis ins letzte Detail geplant und die Bauarbeiten genaustens überwacht, damit auch ja alles so ausgeführt wurde, wie er es sich in den Kopf gesetzt hatte: ein ausladender Balkon, der nach Süden zeigte und unter dessen Säulen sein Volvo und der Audi seiner Frau Schutz vor den Elementen fanden; ein Dach, das so konstruiert war, dass die darauf angebrachten Solarplatten die maximal mögliche Menge an Strom generierten, sowie ein rundum verglaster Wintergarten an der Ostseite, der einen romantischen Ausblick auf die Felder bot. Heute Abend war dieser Wintergarten hell erleuchtet und mit Weihnachtsdekoration geschmückt. Mia konnte ihre Eltern darin sitzen sehen. Sie hatten es sich in den Korbstühlen bequem gemacht und waren in ein Gespräch mit Emil und Hannes, Mias Schwager, vertieft. Ihre Frauen, Silke und Ella, Mias Schwester, 21
waren sicher in der Küche und ihre wohlerzogenen Kinder spielten zweifelsohne in ihrem Kinderzimmer, das aussah, wie Mia sich das Lager eines Spielzeugladens vorstellte. Während sie den Solarleuchten zur Haustür folgte, krallten sich ihre Finger um die Platten, die ihre Apfelflammkuchen in Form hielten. Am liebsten wäre sie wieder umgedreht und stattdessen über die Felder gelaufen, um den Sternenhimmel zu bewundern. Denn da drinnen war sie ein Fremdkörper, war es seit dem Moment gewesen, als sie Goppeln vor neun Jahren, nach dem Abitur, verlassen hatte und nach Hamburg gezogen war, um Deutsche Sprache und Literatur zu studieren. Damals war sie mutig ihren Träumen gefolgt. Alles hatte sich so richtig angefühlt, dass sie geglaubt hatte, ihren Platz in der Welt gefunden zu haben. Doch dann war sie zerschellt, an den rauen Klippen des echten Lebens, genau wie ihre Eltern es immer prophezeit hatten. Und das schmerzte am meisten: dass sie recht behalten hatten. Mia klingelte und nur Sekunden später öffnete die jüngste ihrer entzückenden Nichten die Haustür. »Tante Mia ist hier!«, rief sie anstelle einer Begrüßung und war auch schon wieder in Richtung Spielparadies verschwunden. Mia streifte ihre Schuhe ab, stieg die Treppe in den ersten Stock hinauf und betrat den offenen Wohnbereich, der in den Wintergarten mündete. »Ich sage euch: Die nächste Wahl wird eine Katastrophe werden, weil ihr jungen Leute euch viel zu wenig mit Politik befasst«, dröhnte ihr Vater gerade und löste damit eine kleine Debatte aus. Weder ihre Eltern noch Emil oder Hannes schienen Mia überhaupt zu bemerken. »Achtung, Schwesterchen, heiß und fettig.« Ella rauschte, beladen mit einer dampfenden Schüssel Rosenkohl in der einen und einem Knödelteller in der anderen Hand, an ihr vorüber. Die rundliche Silke folgte ihr mit einer Sauciere auf dem Fuß, inspizierte Mias Mitbringsel und wies sie dann an, es gleich in 22
den Küchenbereich zu bringen. »Aber wirklich nur abstellen«, kommandierte sie laut. »Du bist heute vom Küchendienst befreit. Er wird schließlich jeden Moment hier sein.« Wie auf ein heimliches Zeichen hin wurde es auf einmal still im Raum. Dann brach die gesamte Familie plötzlich in Räuspern und Hüsteln aus. »Er?« Alarmiert sah Mia sie der Reihe nach an. »Was habt ihr diesmal ausgeheckt?« »Gar nichts«, beschwichtigte Emil und kam mit erhobenen Händen zu ihr herüber. »Ich hab einen Freund eingeladen. Sonst nichts. Jetzt macht keine große Sache daraus!« Mias Blick wanderte zu ihrer Mutter, die wie ein Honigkuchenpferd strahlte. Spätestens jetzt war klar, dass hier etwas ganz und gar faul war. Ella kam zurück und riss Mia die Flammkuchen buchstäblich aus der Hand. »Jetzt zieh gefälligst die Jacke aus und setz dich, Mia! Es macht mich ganz nervös, wie du hier rumstehst.« Wenn Silke ein Feldwebel war, dann war Ella ein General und Mia blieb nichts anderes übrig, als zu gehorchen. Aber sie blieb auf der Hut. »Wen hast du eingeladen, Emil?« Während sie ihre Jacke an einen Haken neben der Tür aufhängte, ließ sie ihren Bruder nicht aus den Augen. »Einen alten Schulfreund. Du wirst ihn mögen, Mimi.« Nur er nannte sie so. Schon immer. »Ein Lehrer, Kleines«, fügte ihr Vater mit bedeutungsvollem Blick hinzu. Er unterrichtete selbst an einem Gymnasium in Dresden. »Und wenn die Verbeamtung durch ist, wird er ordentlich verdienen.« In seiner Stimme schwang wie so oft ein leichter Groll mit, weil es ihn wurmte, dass er selbst zu alt war, um noch den Beamtenstatus verliehen zu bekommen. Mia gefiel überhaupt nicht, in welche Richtung sich dieser Abend entwickelte. »Das wird doch nicht wieder einer eurer Verkupplungsversuche wie neulich mit dem Autohändler, oder?« Sie stellte sich hin23
ter ihren üblichen Stammplatz an Emils Tafel, wo ihr Blick sofort an dem zusätzlichen Gedeck neben ihrem hängen blieb. »Nur ein zwangloses Abendessen«, beteuerte ihre Mutter. Mit der ganzen Familie. »Aber einen etwas … geschmackvolleren Pullover hättest du schon anziehen können.« Mit gerümpfter Nase beäugte sie Mias grünen Strickpullover. »Entschuldige bitte! Ich wusste nicht, dass ich mich für ein Familienessen herausputzen muss.« »Du siehst gut aus. Keine Sorge.« Silke legte ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter, doch Mia war alles andere als ruhig. Sie hatte gedacht, sie hätte sich nach der letzten gescheiterten und äußerst peinlichen Aktion ihrer Eltern klar ausgedrückt. Und noch mehr verletzte sie, dass sich diesmal sogar Emil an diesem Unsinn beteiligte. »Ich sage ja nur«, referierte ihre Mutter weiter, »früher hat sie sich immer so hübsch gemacht: nette Frisuren und ein bisschen Make-up. Ich finde seit der Sache mit diesem Schauspieler vernachlässigt sie sich ein wenig.« Da war es wieder: das Codewort. Mias Familie ließ kein Treffen verstreichen, ohne den Schauspieler oder den Zwischenfall zu erwähnen, wie sie Mias Zeit in Hamburg betitelten. Dabei war Vincent nicht einmal Schauspieler, aber Mia würde nie wieder versuchen, ihnen den Unterschied zwischen einem Schauspieler und einem Dramaturgen zu erklären. Es klingelte. »Ich geh schon und bringe auch gleich die Kinder mit«, flötete Silke und Mia schluckte, um die Bitterkeit, die böse Worte auf ihrer Zunge formen wollte, hinunterzuwürgen. Geräuschvoll zog sie ihren Stuhl zurück und setzte sich. »Schätzchen.« Ihre Mutter beugte sich über den Tisch und flüsterte: »Wir wollen nur dein Bestes und wir werden dich zu nichts drängen. Aber gib diesem Abend eine Chance, ja?« Und Mia ergab sich in ihr Schicksal, schon allein, weil sie 24
wusste, sie würde Emils Haus frühestens in zwei Stunden verlassen können. Die Rosen allerdings, die Emils Freund Lars ihr kurz darauf überreichte, stellten sie vor eine große Herausforderung. Lars selbst stellte sie vor eine noch größere. Mia bemühte sich wirklich, niemandem gleich bei der ersten Begegnung einen Stempel aufzudrücken, aber alles an Lars, von dem strengen Scheitel über die Brille und den Karodruck auf seinem Pullover bis hin zu dem nie zu versiegen scheinenden Redefluss aus seinem Mund, schrie: »Ich bin Lehrer!« Seine Redseligkeit barg jedoch einen Vorteil: Er stellte so gut wie keine Fragen und so musste Mia nur ab und an nicken und lächeln, konnte abgesehen davon jedoch in stiller Frustration verharren. Das wiederum blieb jedoch den Adleraugen ihrer Mutter nicht verborgen. »Während deiner Ausbildung hast du doch sicher auch Germanistik studiert, richtig?«, nutzte sie die Gunst des Augenblicks, als Lars gerade einen Schluck Wasser trank. »Weißt du«, redete sie eifrig weiter, »damit kennt Mia sich nämlich auch bestens aus. Sie liebt Bücher über alles.« »Ach ja?« Lars wandte sich Mia zu. »Bist du Autorin?« »Dramaturgin. Aber zurzeit arbeite ich in einem Buchladen am Blauen Wunder«, gab Mia unbedacht preis. »Wirklich? Das ist gleich bei mir um die Ecke. Ich nehme mit meiner neunten Klasse gerade den Besuch der alten Dame von Dürrenmatt durch. Kennst du es?« »Natürlich.« Zum ersten Mal an diesem Abend lächelte Mia aufrichtig. »Ich liebe Dürrenmatts Humor und wie es ihm gelingt, die Spannung bis zum Ende des Stücks konstant zu halten.« »Meine Schüler lieben es auch«, erwiderte Lars. »Sie haben mich sogar gefragt, ob wir es nicht als Theaterstück einstudieren könnten.« »Was für eine großartige Idee! Führt es doch zu einem Schul25
fest auf. Kürze den Text einfach ein wenig, ohne dass der Inhalt beschnitten wird. Wenn man die einzelnen Rollen dann doppelt besetzt und dafür sorgt, dass die Kostüme identisch sind, bezieht man auch problemlos die ganze Klasse ein, gerade da man ja auch Souffleusen und Requisiteure braucht. Schließlich schauspielert nicht jeder gerne. Bei den Requisiten muss man sich gar nicht so verausgaben. Die einzelnen sinntragenden Elemente des Stücks besitzen so starken Symbolcharakter, dass man sie gar nicht eins zu eins darstellen muss, wie den schwarzen Panther etwa. Die dramatische Wirkung auf den Zuschauer verstärkt sich nur, wenn nie ein Panther auftaucht. Zumindest sehe ich das so.« Weil Lars ihr mit konzentriertem Blick und nachdenklichem Nicken lauschte, redete Mia weiter. Erst als sie endete, fiel ihr auf, dass ihre Familie, ja sogar die Kinder, sie anstarrten, als säße eine Fremde am Tisch. Sie sah, wie ihre Eltern einen bedeutungsvollen Blick wechselten. Mias Vater räusperte sich. »Für solche aufwendigen Dinge bleibt einem im Schuljahr keine Zeit, richtig, Lars? Man gerät mit dem Lehrplan doch so schon jedes Jahr ins Hintertreffen.« Lars hob die Hände. »Das stimmt leider. Auch wenn deine Ideen wirklich faszinierend klingen. Hast du schon einmal darüber nachgedacht, Theaterkurse an Schulen zu geben, vielleicht als Ganztagsangebot oder Arbeitsgemeinschaft?« Diesen Gedanken ließ Mia kurz auf sich wirken und sie stellte erstaunt fest, dass sie nicht abgeneigt war, ganz und gar nicht. »Ich habe selbst über so einen Kurs meine Liebe zum Theater entdeckt«, gab sie zu. »Und wohin hat es dich gebracht?« Als sie Mias Gesichtsausdruck sah, geriet ihre Mutter ins Stocken. »Ich … ich meine ja nur. Das Theater … Das Theater verdirbt unerfahrene sensible Mädchen. Und … viele dort verlieren sich in … ihren Rollen und können nicht mehr zwischen Spiel und Wirklichkeit unterschei26
den. So wie dieser Schauspieler. Hättest du gleich Buchhändlerin gelernt, wäre dieser Zwischenfall nie passiert.« Eine unangenehme Stille breitete sich am Esstisch aus und Ella und Silke schickten ihre Kinder spielen. »Bist du fertig?«, fragte Mia mit ruhiger Stimme, doch sie kämpfte dabei mit den Tränen. »Manchmal … ist die Wahrheit eben unangenehm.« Sicher bereute Elisabeth es längst, vor Lars mit diesem Thema angefangen zu haben, aber Mia schaffte es nicht, Mitleid für sie aufzubringen. »Unangenehm ist mein Stichwort«, sagte sie beherrscht und erhob sich. »Bitte entschuldigt mich. Vielen Dank, Lars, für die Blumen. Ich finde, du bist ein wirklich netter Kerl und ich wünsche dir alles Gute.« Mit diesen Worten verließ sie die Tafel, schnappte sich ihre Jacke und hastete die Treppe zur Haustür hinunter. Während sie in ihre Schuhe schlüpfte, hörte sie Schritte hinter sich. »Mimi, Mutti hat es doch nicht so gemeint. Sie sorgt sich einfach um ihr Nesthäkchen.« Von der ganzen Familie fühlte sie sich Emil am nächsten, aber heute wollte sie nicht einmal mehr mit ihm sprechen. Tränen liefen über ihre Wangen. Schwungvoll öffnete Mia die Haustür und Emil folgte ihr in seinem dünnen Hemd nach draußen. »Lauf nicht weg, Mia! Rede mit Mama! Man soll die Sonne nicht über seinem Zorn untergehen lassen.« Mia blieb ruckartig stehen und wischte eine Träne fort. Dann drehte sie sich zu ihrem Bruder um. »Wer redet denn von Zorn? Ich bin einfach nur traurig und enttäuscht von Mama, und auch von dir.« »Von mir?« Emil stand die Verblüffung ins Gesicht geschrieben. »Ja, weil du dich von ihrem Verkupplungswahn anstecken lässt. Ich brauche keinen Vincent-Ersatz. Ich brauche Luft zum Atmen und nicht schon wieder neue Probleme.« Sie atmete tief 27
durch und senkte dann ihre Stimme. »Emil, wenn ich morgens vorm Spiegel stehe, schaut mich eine Fremde an.« Die Falten auf Emils Stirn glätteten sich. »Du gehst zu hart ins Gericht mit dir, Mimi. Du weißt doch, dass du an der ganzen Sache keine Schuld trägst. Aber vielleicht kommst du nicht alleine aus diesem Loch heraus. Lars und du, ihr habt euch doch super unterhalten, oder nicht? Wir anderen haben bloß Bahnhof verstanden, aber er fand deine Ideen klasse. Denkst du nicht, ein Mann wie er täte dir gut?« Hinter Emil schwang die Haustür auf und ihre Mutter stapfte mit grimmiger Miene heraus. »Du versteckst dich vor der Wahrheit, Mia. Und du verkriechst dich in der Vergangenheit. Glaubst du, es ist leicht für eine Mutter, das mit anzusehen?« Mia wischte sich eine neue Träne von der Wange. »Nein, Mama, ich stecke nicht in der Vergangenheit fest, sondern ihr. Jedes Mal, wenn wir uns sehen, bringt ihr die Themen ›Hamburg‹ und ›Vincent‹ auf den Tisch. Warum? Aus Angst, ich könnte zurückgehen und an seine Tür klopfen? Dabei wohne ich doch schon in dem Haus, das ihr für mich ausgesucht habt, ich habe die Stelle angenommen, die ihr für mich arrangiert habt, und ich war sogar nett zu Lars. Was muss ich denn noch tun, um endlich wieder zur Familie zu gehören, um endlich nicht mehr der … Schandfleck zu sein?« Ohne ihrer Mutter oder Emil auch nur die Chance zu geben, sich zu verteidigen oder ihr die Worte im Mund umzudrehen, wandte Mia sich ab und lief davon.
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