Skip to main content

332408

Page 1

Michelle Shocklee

Jede

Nacht

Sterne

hat ihre


Prolog 29. MAI 1897 Mein Liebling, niemand hätte Luca Moretti vorwerfen können, ein Feigling zu sein. An dem Tag, an dem ich dich in der Lobby des Maxwell House Hotels sah, kamst du mir forsch und arrogant vor. Du hast die anderen Männer in ihren maßgeschneiderten Anzügen überragt und dich nicht weggeduckt, weil die Ellbogen deines Mantels abgenutzt waren und ein Messingknopf fehlte. Du hast die Schultern zurückgeworfen und dich nicht einschüchtern lassen, obwohl die Männer dich behandelten, als wären sie irgendwie besser als du. Einen solchen Mut habe ich nie zuvor gesehen. Er hat mich fasziniert. Jetzt weiß ich, dass du nicht forsch oder arrogant warst. Du hast einfach von einer Welt, die dich nicht als gleichwertig ansah, das Recht eingefordert, als gleichwertig behandelt zu werden. Was wäre, wenn wir alle so für uns selbst einstehen würden wie du? Was wäre, wenn ich irgendwo tief in meinem Inneren wenigstens einen kleinen Funken dieses Mutes finden würde? Dann würden sie zuhören müssen, nicht wahr? Peaches

7


1 NASHVILLE, TENNESSEE 9. DEZEMBER 1961 Elvis Presleys schmachtende Stimme erfüllte das leere Foyer des Maxwell House Hotels und hallte von den Marmorböden und Holzvertäfelungen wider, denen eine gründliche Reinigung gutgetan hätte. »Are you lonesome tonight? Do you miss me tonight? Are you sorry we drifted apart?« Wenn das Radio nicht so weit weg gestanden hätte – mindestens sechs lange Schritte –, hätte ich Elvis gesagt, dass er mich in Ruhe lassen solle, und die Musik ausgeschaltet. Stille war eine bessere Gesellschaft als die melancholische Stimmung, die seine Worte – Bist du heute Nacht einsam? Vermisst du mich? Bereust du, dass wir nicht mehr zusammen sind? – verbreiteten. Aber ich rührte mich nicht vom Fleck. Ich blieb dort sitzen, wo ich seit einer Stunde saß – hinter dem Rezeptionstresen am hinteren Ende der riesigen Empfangshalle –, und langweilte mich zu Tode. So sah das aufregende Leben der Tochter eines Hotelmanagers aus. Ein frustriertes Seufzen kam über meine Lippen. Es war nicht fair, dass Dad von mir verlangte, samstags an der Rezeption zu arbeiten. Erst letzte Woche hatte er versprochen, einen Ersatz für Bea Anderson einzustellen, die jetzt glücklich verheiratet war und sich auf spannende Jahre mit ihrem Mann in Texas freute. Beas geflüsterte Worte, als sie mich zum Abschied umarmt hatte, klangen immer noch falsch. »Du wirst die Nächste sein.« Sie wusste genauso gut wie ich, dass ich seit über einem 9


Jahr mit niemandem mehr ausgegangen war. Seit Mamas unerwartetem Tod und Dads Beinahezusammenbruch. Eine Ausgabe der Zeitschrift Life, die ein Gast vergessen hatte, lag noch auf dem Tresen. Mit wenig Enthusiasmus zog ich sie zu mir heran. Ein Foto von der Schauspielerin Sophia Loren blickte mir entgegen. Nichts gegen Ms Loren, aber ich hatte keine Lust, etwas über die »tigeräugige Verführerin« zu lesen. Hollywood und sein ganzer Glamour waren von Nashville und dem grauen Alltag, in dem ich seit einiger Zeit feststeckte, Lichtjahre entfernt. Mit einem frustrierten Stöhnen warf ich die Zeitschrift beiseite und mein Blick wanderte durch ein großes Fenster am anderen Ende der Lobby. Der Haupteingang des Noel-Hotels auf der gegenüberliegenden Straßenseite der Fourth Avenue nahm fast mein ganzes Sichtfeld ein. In der Innenstadt von Nashville herrschte nachmittags viel Betrieb. Autos, Busse und Straßenbahnen rollten vorbei. Menschen, die den Samstag für einen Einkaufsbummel nutzten, steuerten auf die Geschäfte zu. Vor den Backsteinmauern des Hotels ging das Leben weiter, aber für mich schien die Zeit stillzustehen. Ich stützte das Kinn auf meine Handfläche und starrte vor mich hin, während meine Gedanken wie so oft zu meiner Mutter wanderten. Es ist sonderbar, wie das Leben eines Menschen so vollständig mit dem eines anderen verwoben sein konnte, ohne dass es einem der beiden bewusst war. Mama und ich waren nicht so gewesen wie die meisten Mütter und Töchter, die ich kannte. Mamas Welt hatte sich nicht um mich gedreht, sondern um meinen Bruder, Emmett. Die beiden waren unzertrennlich gewesen; wenigstens hatte es für mich immer so ausgesehen – als Außenstehende, die ihr Kichern, ihre Geheimnisse und ihre gemeinsamen Freudenmomente von außen beobachtet hatte. Ich glaubte nicht, dass mich Mama absichtlich ausgeschlossen hatte. Neben ihrer alles verzehrenden Hingabe für Emmett und in ihrer Sorge um 10


ihn war einfach kein Platz für mich gewesen. Selbst jetzt, ein Jahr nach ihrem plötzlichen Tod, sprach Emmett noch mit ihr, als säße sie direkt neben ihm. Dad sagte, trotz seiner siebzehn Jahre habe Emmett den Verstand eines fünfjährigen Kindes und könne die Bedeutung des Todes nicht begreifen. Vielleicht würde er das nie können. War das vielleicht sogar eine bessere Art zu leben als unter der schweren Decke der Trauer und Schuldgefühle, die ich jeden Tag mit mir herumschleppte? Ich seufzte erneut und nahm den Roman zur Hand, den ich vor einer Stunde weggelegt hatte. Vielleicht konnte mich das Lesen von dem traurigen Zustand meines Lebens ablenken. Das Buch Wer die Nachtigall stört von der Autorin Harper Lee war in aller Munde, aber mir gelang es nur schwer, Zugang zu der Geschichte zu finden. Dennoch hatte ich es heute dabei und war fest entschlossen, weiter als bis zu Kapitel fünf zu kommen und zu erfahren, ob der mysteriöse Nachbar Boo Radley tatsächlich sein Haus verließ. Ich hatte gerade zur ersten Seite von Kapitel sechs geblättert, als sich die Eingangstür des Hotels öffnete. Die Nachmittagssonne spiegelte sich so stark auf dem Messing und Glas, dass ich den heimkehrenden Gast nicht erkennen konnte. In der Gewissheit, dass er an mir vorbeigehen und auf die Fahrstühle zusteuern würde, las ich weiter. Da das Maxwell House inzwischen hauptsächlich von Dauergästen bewohnt und nicht mehr wie früher das Zentrum von Nashvilles sozialem und politischem Leben war, wurde die Rezeptionistin im Grunde nur gebraucht, wenn ein Gast eine klemmende Kommodenschublade nicht aufbekam oder eine Maus durch den Flur huschen sah. Schritte bewegten sich durch die Lobby, gleichzeitig klingelte das Telefon auf dem Tresen. Ich nahm den Hörer ab, die größte körperliche Anstrengung seit heute Mittag. »Hier ist Audrey Whitfield. Was kann ich für Sie tun?« Am anderen Ende der Leitung kicherte eine Frauenstimme. »Audrey, hier ist Lucille.« 11


»Entschuldige. Ich dachte, es wäre ein Gast.« Lucille Clark war unsere Telefonistin. »Mach dich bereit.« Ihre Stimme war ganz leise. »Worauf?« »Er steuert geradewegs auf dich zu«, flüsterte sie; dann legte sie auf. Ich warf einen Blick zu Lucilles kleinem Büro in der Nähe des Haupteingangs. Ich konnte Lucille nicht sehen, aber jetzt bemerkte ich, von wem sie sprach. Ein junger Mann marschierte mit einem Koffer in der Hand langsam über die große Fläche aus schwarz-weißem Marmor auf die Rezeption zu; sein Blick galt jedoch nicht mir, sondern der Galerie in der ersten Etage über uns. Auch wenn das Hotel seine ruhmreichen Tage längst hinter sich hatte, musste ich zugeben, dass es einem Gast bei seinem ersten Besuch den Atem verschlagen konnte. Salons und ein elegantes Foyer, Mahagonischränke, vergoldete Spiegel und funkelnde Kronleuchter erinnerten an die Zeiten, als vor einem Ball oder dem berühmten Weihnachtsdinner des Hotels Südstaatenschönheiten in modischen Reifröcken von der Galerie auf Männer in eleganten Anzügen herabgeblickt hatten. Während der Fremde immer noch einige Schritte von der Rezeption entfernt war, setzte die Countrysängerin Patsy Cline zu ihrem neuesten Hit an und ihre sinnliche Stimme hallte durch das Foyer. Ich machte einen schnellen Satz auf das Radio zu und schaltete es ab, bevor Patsy vor unserem neuen Gast völlig verschmachtete. Der Fremde kam bei der Rezeption an. Jetzt verstand ich Lucilles kurze Botschaft. Er sah unbeschreiblich attraktiv aus. Gut gekleidet mit frischem, langärmeligem Hemd, einem sportlichen weißen Tennispullunder und einer lässigen Baumwollhose – so als wäre er geradewegs dem Titelblatt eines Modekatalogs entstiegen. »Guten Tag. Was kann ich für Sie tun?«, zwang ich mich, mit derselben Stimme zu fragen, die ich auch bei Mr Hanover mit 12


seinem Dachshund Copper oder Mrs Ruth benutzte, die seit dem Tod ihres Mannes in der vierten Etage wohnte. »Hallo. Ich bin Jason Sumner. Ich habe ein Zimmer reserviert.« Ich blinzelte. Dann runzelte ich die Stirn. Eine neue Reservierung? Warum hatte Dad das nicht erwähnt? »Selbstverständlich, Mr Sumner.« Ich lächelte, als würde mich seine unerwartete Anwesenheit auf der anderen Seite des langen, polierten Tresens nicht völlig überrumpeln. »Warten Sie bitte einen kurzen Moment. Ich sehe nach, welches Zimmer für Sie vorbereitet ist.« Ich eilte durch den schmalen Flur hinter der Rezeption zum Hotelbüro. Dad hatte das Hotel nach dem Mittagessen verlassen, um mit dem Sachbearbeiter vom Finanzamt irgendwelche Diskrepanzen zu klären. Er würde bestimmt nicht so schnell zurückkommen, deshalb musste ich in den Papieren auf dem Schreibtisch kramen, bis ich fand, was ich suchte: eine Rechnung, die in Dads unverkennbarer Handschrift mit dem Datum vor drei Tagen versehen war und eine überraschende Reservierung für die nächsten vierzehn Tage enthielt. Obwohl es nur wenige Wochen vor Weihnachten war, kamen nicht viele neue Gäste. Die Leute bevorzugten eher das Hermitage-Hotel in der Sixth Avenue, wenn sie während ihres Aufenthalts Luxus und etwas von Nashvilles Geschichte erleben wollten. Ich schnappte mir das Blatt und marschierte zur Rezeption zurück. Dad hatte jedes Recht, neue Reservierungen anzunehmen, aber es wäre wirklich hilfreich gewesen, wenn er mich darüber informiert hätte. Hatte er ein Zimmermädchen beauftragt, alles für Mr Sumners Ankunft vorzubereiten? Das bezweifelte ich. In den letzten vierzehn Monaten hatte sich so vieles verändert; auch Dads Geschäftssinn und die Leidenschaft für seine Arbeit. Dazu kam, dass das Hotel mitten in unserer Trauerzeit verkauft worden war. Der neue Eigentümer, Mr Edwin, schien ein netter Mann zu sein und hatte Dad erlaubt, sich einige Zeit freizuneh13


men, aber vor ein paar Wochen hatte er ihm mitgeteilt, dass er im neuen Jahr größere Veränderungen plane. Er wolle das Hotel modernisieren und ihm neues Leben einhauchen, hatte er gesagt. Was das genau bedeutete, wussten wir nicht, aber ich spürte, dass mein Vater beunruhigt war. Wie würden sich die Veränderungen auf die vielen Langzeitbewohner auswirken? Wie würden sie sich auf unsere Familie auswirken? Ich bog um die Ecke und setzte ein Lächeln auf. »Hier habe ich Ihre Reservierung, Mr Sumner.« Er verzog die Lippen zu einem schiefen Grinsen. »Gut. Ich dachte schon, es könnte ein Problem geben. Ich wollte schon immer einmal im Maxwell House wohnen.« »Ich musste nur kurz nachschauen.« Während ich seinen Namen und seine Adresse ins Gästebuch eintrug, fiel mir auf, dass er in Charleston, South Carolina, wohnte. Sein relativ langer Aufenthalt in Nashville so kurz vor den Feiertagen weckte meine Neugier, aber eine der obersten Regeln im Hotelservice, die mir Dad schon als Jugendliche eingeimpft hatte, als ich zum ersten Mal an der Rezeption arbeitete, lautete: Stelle keine Fragen! Lass den Gast aus seinem Leben erzählen, was er preisgeben möchte, und belasse es dabei. Ich hob den Blick. »Möchten Sie täglich oder wöchentlich zahlen?« »Wöchentlich.« Er zog seine Brieftasche heraus und legte die Banknoten für sieben Tage auf den Tresen. »Ich bin beruflich hier«, ergänzte er. Ich war schwer versucht, Dads strenge, unumstößliche Regel zu brechen und mich nach seinem Beruf zu erkundigen, aber in diesem Moment klingelte das Telefon. Ich warf einen Blick zu Lucilles Büro, wo sie im Türrahmen stand und mir bedeutete, den Anruf entgegenzunehmen. »Bitte entschuldigen Sie mich einen Moment.« Mr Summer nickte und betrachtete die kunstvoll geschnitzten 14


Balustraden, die den offenen Raum auf der Galerie umgaben und die Marmortreppe säumten. Ich nahm ab und drehte Mr Sumner den Rücken zu. »Hier ist Audrey. Ich habe einen Gast.« »Ich weiß. Ich störe dich wirklich nur ungern.« Lucilles neckischer Tonfall von vorhin war verschwunden. »Mrs Ruth hat gerade angerufen. Emmett benimmt sich hysterisch. Er sagt, mit Miss Priscilla stimme etwas nicht.« Eine Gänsehaut lief mir über den Rücken. Miss Priscilla Nichols, unsere betagte, zurückgezogen lebende Hotelbewohnerin. Die alte Dame hatte mich bei den seltenen Gelegenheiten, wenn ich Dad zu ihrer Suite begleitet hatte, immer ein wenig eingeschüchtert. Emmett, der auf jeden offen zuging, gehörte hingegen zu den wenigen Menschen, zu denen sie gern Kontakt hatte. Ich wusste nicht, wie alt sie genau war oder wie es um ihre Gesundheit stand, aber wenn mein Bruder aufgewühlt war, war das kein gutes Zeichen. »Danke. Ich kümmere mich darum.« Ich legte den Hörer wieder auf die Gabel und erwiderte den neugierigen Blick unseres neuen Gastes. »Entschuldigen Sie bitte. Ich hole sofort den Schlüssel für Ihr Zimmer.« Ich sperrte einen Schrank an der Wand hinter mir auf, in dem sich die Zimmerschlüssel befanden, von denen jeder mit einem ovalen Metallanhänger versehen war, auf dem der Name des Hotels, eine Zimmernummer und ein Aufkleber Postentgelt bezahlt standen. Wie in den ruhmreichen Tagen des Hotels konnte ein Gast, wenn er den Schlüssel versehentlich mit nach Hause genommen hatte, ihn einfach in einen Briefkasten werfen und die Post schickte ihn ans Hotel zurück. Wir hatten im Laufe der Jahre zwar viele verlorene Schlüssel gehabt, aber nur sehr wenige waren mit der Post zurückgekommen. Dad hatte für Mr Sumner ein Zimmer im vierten Stockwerk reserviert, aber bei der ganzen Unruhe, die dort oben mit Emmett und Miss Nichols herrschte, hielt ich es für besser, ihn lieber in der zweiten Etage unterzubringen. 15


Er griff nach dem Messingschlüssel. »Danke, Miss …?« Bei dem Interesse, mit dem mich seine blauen Augen ansahen, schoss eine spürbare Wärme in mein Gesicht. »Whitfield. Audrey Whitfield.« »Es freut mich, Sie kennenzulernen.« Er reichte mir die Hand. Ich hatte schon viele Hände geschüttelt, aber jetzt hatte ich das Gefühl, dass meine Hand perfekt in seine Hand zu passen schien. Bildete ich mir das nur ein? »Mein Vater ist der Hotelmanager«, platzte ich heraus, mehr als Erklärung, warum ich in einem alten Hotel arbeitete, das seinen Charme verloren hatte, und weniger als Information, die er für seinen Aufenthalt brauchte. Er lächelte gut gelaunt. »Gut zu wissen.« In dem Moment, in dem er sich bückte, um seinen Koffer aufzuheben, gingen die Fahrstuhltüren auf. Emmett stürmte heraus, gefolgt von der betagten Ruth Simmons, die Mühe hatte, mit ihm Schritt zu halten. »Audrey, Audrey!« Emmetts Jammern hallte von der zurückgesetzten Decke der Galerie in der ersten Etage wider. »Miss Priscilla wacht nicht mehr auf. Komm schnell, Audrey!« Ich warf einen schnellen Blick auf Mr Sumner und hoffte, er würde sich beeilen und die Lobby verlassen, bevor Emmett völlig hysterisch wurde. Aber der junge Mann machte keine Anstalten zu gehen. Mit besorgter Miene blickte er Emmett entgegen. Mir blieb keine andere Wahl, als mich meinem Bruder zuzuwenden, der jetzt auf der anderen Seite des Tresens ankam. Sein rundes Gesicht war mit hektischen roten Flecken übersät und Tränen hingen an seinen dichten Wimpern. Mein Herz wurde weich. »Alles ist gut, Emmett.« Ich versuchte, ihn so zu beruhigen, wie Mama es immer gemacht hatte. »Ich schaue nach Miss Nichols. Es ist bestimmt alles in Ordnung. Geh du in unsere Wohnung und warte dort auf mich.« Ich warf einen verstohlenen Blick auf Mrs Ruth und erwartete, dass sie zwinkern oder mir anderweitig zu verstehen geben wür16


de, dass alles in Ordnung war, aber sie schüttelte den Kopf und wirkte genauso aufgewühlt wie mein Bruder. Lucille trat zu uns. Sie hatte den Kopfhörer mit Mikrofon immer noch auf dem Kopf und ein loses Kabel baumelte über ihren Rücken. »Ich übernehme die Rezeption.« »Komm mit mir, Emmett, mein Lieber.« Mrs Ruth nahm meinen Bruder sanft am Arm. »Du kannst mir das neue Comicbuch zeigen, das dir dein Vater gestern mitgebracht hat.« Emmett, der es normalerweise nicht erwarten konnte, jemandem die neueste Ergänzung seiner ansehnlichen Comicsammlung zu zeigen, schüttelte den Kopf. Seine Augen schauten mich verzweifelt an. »Mama ist auch nicht mehr aufgewacht, Audrey«, flüsterte er mit Panik in der Stimme. Tränen schossen in seine Augen und in diesem Moment begriff ich, dass sich Dad irrte. Emmett begriff mehr über den Tod, als wir dachten. »Geh mit Mrs Ruth in die Wohnung. Ich komme bald zu dir.« Ein zittriges Lächeln trat auf sein Gesicht. »Ich liebe dich, Audrey.« »Ich liebe dich auch.« Ich schaute zu, wie das ungewöhnliche Paar durch den Flur zum hinteren Teil des Hotels und zu unserer Wohnung ging. Wenn nur Dad hier wäre! Er wüsste, was zu tun war. Aber er wäre erst in einigen Stunden zurück. So lange konnte ich nicht warten. Als ich mich umdrehte, schauten mich Lucille und Mr Sumner mit ernsten Augen an. »Glaubst du …?« Lucille sprach ihre Frage nicht ganz aus und schaute mich mit geweiteten Augen an. Allein schon bei diesem Gedanken lief ein Schauer über meinen Rücken. »Keine Ahnung. Aber das werde ich bald herausfinden.« Ich überließ Lucille meinen Platz und steuerte auf den Fahrstuhl zu. Als ich den Fahrstuhlknopf drückte, näherten sich Schritte hinter mir. Die Türen gingen auf. 17


»Miss Whitfield, ist Ihr Vater im Haus?« Ich drehte mich um und entdeckte Mr Sumner, der nur wenige Meter hinter mir stand. Seine besorgte Miene hatte sich zu einem beunruhigten Stirnrunzeln vertieft. »Ich finde, eine junge Frau sollte nicht … nun ja, Sie wissen schon ... allein sein für den Fall …« Er beendete seinen Satz nicht. Die Fahrstuhltüren begannen, sich zu schließen, deshalb sprang ich schnell hinein. Zu meiner Überraschung folgte mir Mr Sumner. Obwohl mich bei der Aussicht, in Miss Nichols’ Zimmer das schlimmste Szenario anzutreffen, ein eisiges Grauen erfüllte, gefiel mir seine Andeutung nicht, dass ich diese Angelegenheit nicht allein klären könnte, nur weil ich eine Frau war. »Danke für Ihre Sorge, Mr Sumner, aber ich bin sehr wohl in der Lage, diese Situation zu regeln.« Meine mutigen Worte klangen in meinen Ohren unecht, aber hoffentlich konnte ich ihn täuschen. Sein kurzes Nicken verriet mir, dass er nicht überzeugt war, aber er schwieg, während der Fahrstuhl bei unserer langsamen Fahrt nach oben an jedem Stockwerk klingelte. Schließlich blieb der Fahrstuhl stehen und die Türen öffneten sich vor dem schwach beleuchteten Flur in der vierten Etage. Obwohl sich das Hotel rühmte, weit über zweihundert Fenster zu besitzen, bekamen die Gänge von dem natürlichen Licht nicht viel ab. Miss Nichols wohnte seit über zwanzig Jahren in Zimmer 504. Soweit ich wusste, hatte sie kein einziges Mal Besuch bekommen, und lebte sehr zurückgezogen. Mrs Ruth hatte mir einmal erklärt, dass Miss Nichols – Priscilla sagte Mrs Ruth zu ihr – nicht sonderbar sei. Die Frau lege nur viel Wert auf ihre Privatsphäre. Als wir an der Tür mit der richtigen Messingnummer ankamen, stand sie leicht offen. Obwohl ich mich vor wenigen Momenten noch geärgert hatte, weil Mr Sumner zu mir in den Fahrstuhl gestiegen war, war ich jetzt für die Anwesenheit eines 18


lebenden, atmenden Menschen sehr dankbar, auch wenn er ein Fremder war. Ich schob die Tür langsam auf. Der leichte Geruch eines Rosenparfums begrüßte uns, eine Erinnerung, dass Miss Nichols immer diesen altmodischen Duft trug. Ich spähte in den verdunkelten Raum hinein und stellte fest, dass die dicken Vorhänge an den Fenstern zugezogen waren und die strahlende Nachmittagssonne aussperrten. Das gedämpfte Licht einer einzelnen Lampe auf dem Nachttisch zeigte jedoch, was ich befürchtet hatte. Miss Nichols würde nicht mehr aufwachen – genau, wie Emmett es gesagt hatte. Mr Sumner trat vor, aber meine Füße blieben wie angewurzelt auf dem Teppich im Flur stehen. Hatte sich Dad so gefühlt, als er herausgefunden hatte, dass Mama im Schlaf in den Himmel gegangen war? Ich war zum Studium fort gewesen, aber ich werde nie den Schmerz in seiner Stimme vergessen, als er mich angerufen hatte, um mir die schmerzlichste Nachricht meines Lebens zu überbringen. Mr Sumner prüfte, ob er einen Puls finden würde, dann beugte er sich nach unten, um zu horchen, ob ihr Herz schlug. Als ich schon damit rechnete, dass er mir bestätigen würde, was ich bereits wusste, drehte er den Kopf schnell zu mir herum. »Sie atmet, aber sehr schwach. Wir brauchen einen Krankenwagen.« Ich holte scharf Luft. Ich war mir sicher gewesen, dass sie … Ich eilte ins Zimmer, nahm den Telefonhörer von der Gabel und wählte die Null. »Lucille, wir brauchen einen Krankenwagen. Schnell! Und bitte versuch, meinen Vater zu erreichen. Er ist zum Finanzamt gefahren und hat dort einen Termin mit einem Mr James.« Als ich aufgelegt hatte, warf ich einen vorsichtigen Blick auf Miss Nichols’ blasses Gesicht. Ihre durchscheinenden Augenlider waren geschlossen und ihre bläulichen Lippen bewegten sich 19


nicht. Ich konnte kein Lebenszeichen bei ihr entdecken. Aber wenn Mr Sumner sagte, dass sie noch lebte, wollte ich ihn beim Wort nehmen. Er überprüfte noch einmal ihren Puls, nickte und schaute mich dann an. »Wir sollten ihre Familie benachrichtigen.« »Ich glaube, sie hat keine«, flüsterte ich. Eine tiefe Sorge trat in seine Augen. »Gar keine?« Als ich den Kopf schüttelte, runzelte er die Stirn. »Das ist sehr traurig.« Das Mitgefühl in seiner Stimme berührte etwas in mir und Tränen schossen in meine Augen. Ich kannte Miss Nichols nicht gut. Sie verbrachte ihre Tage, Wochen, Jahre allein in ihrem Zimmer. Bei den seltenen Gelegenheiten, wenn sie das Hotel verließ, machten Lucille und ich Witze über ihre altmodische Kleidung, ihre langen grauen Haare und ihr sonderbares Erscheinungsbild. Über diese Witze schämte ich mich jetzt. Während wir auf den Krankenwagen warteten, blickte ich mich im Zimmer um. Miss Nichols wohnte schon fast mein ganzes Leben lang in diesem winzigen Zimmer. Hin und wieder bot Dad ihr eine der größeren Suiten zur gleichen Monatsmiete an, aber sie lehnte regelmäßig ab. Jetzt hatte ich das Gefühl, eine Zeitreise in die Vergangenheit zu machen. Altmodische Möbel füllten jeden verfügbaren Winkel. Bücherregale waren mit unzähligen abgegriffenen Büchern vollgestopft und die Wände waren mit gerahmten Plakaten von der Tennessee Centennial Exposition bedeckt. Ich erinnerte mich, dass ich im Geschichtsunterricht einiges über diese Ausstellung gehört hatte, aber ich konnte mich nicht an das genaue Jahr erinnern, in dem sie stattgefunden hatte. Irgendwann Ende der 1890er-Jahre, wenn ich mich nicht irrte. Bald heulten unten auf der Straße Sirenen. Ich schaute aus dem Fenster und sah zwei Polizeiautos und einen Krankenwagen vor dem Hoteleingang in der Fourth Street vorfahren. Dad war direkt hinter ihnen und lief ins Haus. 20


Als ich einige Minuten später den Fahrstuhl auf dem Gang klingeln hörte, eilte ich ihm schnell entgegen. »Es tut mir leid, Liebes.« Er nahm mich in die Arme. »Ich hätte hier sein sollen.« Allein schon seine väterliche Umarmung gab mir neue Kraft. Schniefend löste ich mich aus seinen Armen. »Es hat mich einfach an Mama erinnert. Jetzt geht es mir wieder gut.« Wir traten zur Seite, als zwei Sanitäter in weißen Uniformen durch den Gang eilten, die eine Trage auf Rädern zwischen sich schoben. Polizeibeamte folgten den beiden. Sie verschwanden in Miss Nichols’ Zimmer und ich hörte Jason Sumners Stimme, die ihnen erklärte, was wir vorgefunden hatten. »Wo ist Emmett? Lucille hat gesagt, er hat Priscilla bewusstlos aufgefunden.« »Mrs Ruth hat ihn in die Wohnung gebracht.« Dad warf einen Blick ins Zimmer. »Ich muss hierbleiben. Würdest du dich bitte um deinen Bruder kümmern? Ich kann mir vorstellen, dass er sehr durcheinander ist.« Nachdem ich Dad noch einmal umarmt hatte, ging ich zu unserer Wohnung. Mrs Ruth saß mit Emmett auf dem Sofa und las ihm laut aus seinem neuen Comicbuch vor, als ich eintrat. Er sprang auf die Beine und lief zu mir. »Ist Miss Priscilla aufgewacht?« Sein unschuldiger Eifer berührte mein Herz. Ich wollte ihm nicht die Wahrheit sagen, aber Mama hätte es nie geduldet, dass ich ihn anlüge, auch nicht, um ihn zu schützen. »Nein.« Ich nahm seine Hand. »Aber wir hoffen, dass sie bald wieder aufwacht. Sie muss ins Krankenhaus, damit die Ärzte ihr helfen können.« Seine Schultern sackten nach unten und Tränen traten in seine Augen. »Ich werde sie vermissen.« Obwohl mein Bruder viel schwerer war als ich, nahm ich ihn in die Arme und wünschte plötzlich, ich könnte ihn vor der Welt mit ihrem ganzen Schmerz und aller Traurigkeit abschirmen. 21


War es Mama so gegangen, als sie diesen jungen Mann aufgezogen hatte, der immer ein kleiner Junge bleiben würde? »Das weiß ich, aber alles wird gut werden.« Diese beruhigenden Worte hatte Mama oft gesagt, egal, was passiert war. Sie hatte fest geglaubt, dass Gott immer die Kontrolle hat, egal wie die Dinge vielleicht aussehen oder wie wir uns fühlen. Ihr Glaube hatte sie durch viele schwere Zeiten getragen bis zu dem Moment, in dem sie diese Erde verlassen hatte, um in ihr himmlisches Zuhause zu gehen. Heute musste ich für meinen Bruder stark sein. Heute musste ich glauben, dass alles gut werden würde. Aber irgendwo tief in meinem Inneren wusste ich, dass nicht alles gut werden würde. Das konnte ich einfach nicht glauben.

22


2 NASHVILLE, TENNESSEE 29. APRIL 1897 »Meine Güte, Priscilla! Schau dir nur die vielen Leute an! So eine große Menschenmenge habe ich noch nie gesehen!«

Ich konnte Mutters Ausruf über den ohrenbetäubenden Lärm der

quietschenden Räder des Zuges hinweg, der nach unserer stundenlan-

gen Fahrt aus Chattanooga langsam zum Stehen kam, kaum verstehen. Auf dem Bahnsteig vor unserem Waggon, der in den überfüllten Bahnhof einfuhr, herrschte ein lautes Stimmengewirr und der Schaffner schrie praktisch, um uns auf das Offensichtliche hinzuweisen: Wir hatten unser Ziel, Nashville in Tennessee, erreicht.

Hunderte Fahrgäste strömten auf unzähligen Gleisen aus den Eisen-

bahnwaggons und waren alle aus demselben Grund hier: um die Tennes-

see Centennial Exposition zu besuchen, eine spektakuläre Ausstellung, die in zwei Tagen zur Feier des hundertsten Bestehens des Bundesstaates Tennessee eröffnet werden würde.

Ich hielt die Hand an meine Stirn, um meine Augen gegen die Spät-

nachmittagssonne abzuschirmen, und verfolgte das Geschehen vor dem Fenster mit offenem Mund. Auch ich hatte noch nie zuvor so viele Men-

schen an einem Ort gesehen. Wie sollten wir Papa in diesem Gedränge finden? Er war schon Anfang der Woche mit dem Präsidenten und anderen führenden Vertretern der Eisenbahn nach Nashville gefahren, um

sicherzustellen, dass ihr Gebäude auf dem Ausstellungsgelände für die Millionen Besucher, die im Laufe der nächsten sechs Monate durch die Tore strömen würden, bereit war.

Die Handvoll Fahrgäste in unserem Privatwaggon – Ehefrauen, Kin-

der und Freunde von wichtigen Eisenbahninvestoren – begannen, ihre Sachen einzupacken und auszusteigen. Draußen vermischten sich ihre

23


aufgeregten Stimmen mit dem ohrenbetäubenden Stimmengewirr auf dem Bahnsteig.

»Priscilla, pass auf deine Handtasche auf. Ich dachte, es wäre eine

kluge Entscheidung, unseren Schmuck selbst mitzunehmen, aber jetzt

bin ich mir nicht so sicher.« Mutter entfuhr ein Kreischen, als ein junger

Mann ans Fenster klopfte und etwas rief, das wir nicht verstehen konn-

ten. Als sie ihn wegjagte, lachte er nur. »Schau dir das nur an! Dein Vater hätte doch sicher dafür sorgen können, dass wir an einer Stelle eintreffen, die nicht so öffentlich ist.«

Ich schmunzelte. Mutter war ein unverbesserlicher Snob. »Nur weil

Papa ein Investor bei der Nashville, Chattanooga und St. Louis-Eisenbahn ist, heißt das nicht, dass uns eine Sonderbehandlung zusteht. Wir sind

nicht wichtiger als irgendjemand von diesen Leuten da draußen.« Ich deutete auf die vielen Menschen hinter der Scheibe. »Sie sind hier, um Tennessees Geburtstag zu feiern, genau wie wir.«

Mutter bedachte mich mit einem langen, gequälten Seufzen. Dieses

Seufzen ihrer Enttäuschung hatte ich in den fünfundzwanzig Jahren mei-

nes Lebens als einzige Tochter von Cora und Eldridge Nichols schon sehr oft zu hören bekommen.

»Du weißt genauso gut wie ich, dass dein Vater und dein Großvater

einen wichtigen Beitrag zum Bau dieser Eisenbahn geleistet haben. Du musst mehr Stolz auf dein Erbe zeigen. Dein Vater ist immer noch verletzt, weil du uns ursprünglich nicht nach Nashville begleiten wolltest.

Du hättest es verpasst, den Erfolg seiner ganzen Anstrengungen zu sehen, die Eisenbahn zu einer der großen Attraktionen auf der Ausstellung zu machen.«

Ich wusste, dass es am besten war, den Mund zu halten, wenn Mutter

sich genötigt sah, mir einen Vortrag zu halten. Es tat mir zwar wirklich leid, dass ich die Gefühle meines Vaters verletzt hatte, aber ich hatte eigentlich nicht nach Nashville fahren wollen, wo ein Spektakel riesigen Ausmaßes zu erwarten war, wenn man dem ganzen Tamtam um die Ausstellung Glauben schenken konnte.

Eine riesige Wippschaukel? Ein Nachbau des Parthenon? Achtzig

Hektar voll mit Unterhaltungsangeboten und Attraktionen?

24


Du meine Güte!

Die Vorfreude auf die Jubiläumsfeier des Bundesstaats Tennessee –

die genau genommen mit einem Jahr Verspätung gefeiert wurde – hatte in den letzten Monaten vor der Eröffnung am 1. Mai geradezu fieber-

hafte Ausmaße angenommen. Es war das einzige Gesprächsthema, über das alle, besonders meine Familie, sprachen. Unzählige Male waren Papa und seine Geschäftspartner mit ihrem mit Flaggen geschmückten Son-

derwaggon unterwegs gewesen. Die Leute waren von weit her gekom-

men, um zu bejubeln, wie die Männer winkten und Reden hielten, in denen sie die Attraktionen der Ausstellung rühmten.

Trotzdem hatte ich keine Lust gehabt herzukommen. Tennessee feier-

te zwar, dass es seit hundert Jahren ein Bundesstaat war, aber den Frauen, die hier wohnten, wurde nach wie vor das Recht verweigert, an den

Wahlen für die Abgeordneten, die besagten Bundesstaat regierten, teilzunehmen. Das Frauenwahlrecht war im ganzen Land ein stark umstrit-

tenes Thema. Dass die Hälfte der Bürger von Tennessee in ihren Rechten beschnitten wurde, war meiner Meinung nach kein Grund zu feiern. »Dort ist dein Vater.«

Mutters Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Es würde mir nicht

weiterhelfen, die Diskussion, die ich in den letzten Wochen vergeblich zu

gewinnen versucht hatte, zu wiederholen. Meine Anwesenheit in diesem Zug verkündete laut und deutlich, wer als Sieger hervorgegangen war.

Papa bahnte sich einen Weg durch die Menge und stieg in unseren

Waggon. Da die anderen Frauen mit ihren Kindern bereits ausgestiegen

waren, waren wir die letzten Fahrgäste, die sich noch im Waggon aufhielten.

»Entschuldigt bitte meine Verspätung.« Er zog ein Taschentuch aus

der Brusttasche seiner Jacke und tupfte sich die Stirn ab. »Ihr werdet es

kaum glauben, aber fast sechzig Züge werden noch bis zum Ende des

Tages erwartet. Heute sind viel mehr Menschen im Bahnhof als in der ganzen vergangenen Woche.«

Mutter schnaubte und rückte ihren Hut zurecht. »Genau aus diesem

Grund hätten wir schon mit dir fahren sollen. Du weißt, wie sehr ich es verabscheue, mich durch ein Menschengedränge schieben zu müssen.«

25


Während Papa Mutter besänftigte, packte ich meine Sachen zusam-

men und konnte es nicht erwarten, aus dem Zug zu kommen und mir die Beine zu vertreten. Trotz meines unablässigen Murrens wegen der Ten-

nessee Centennial Exposition und der Fahrt hierher wurde ich jetzt auch

von einer gewissen Vorfreude angesteckt, die mich fast herausforderte, die nächsten vier Wochen, die wir uns in der Stadt aufhalten würden, zu genießen.

»Ihr werdet euch freuen zu hören, dass Kenton mich begleitet hat.«

Papa warf ein befriedigtes Lächeln in meine Richtung. »Er sorgt dafür, dass unsere Kutsche in der Nähe des Bahnhofseingangs steht.«

Da mich meine beiden Eltern ansahen, zwang ich mich zu einem Lä-

cheln. »Das ist nett von ihm.«

Ich folgte ihnen die steilen Stufen des Waggons hinab auf den Bahn-

steig, aber die aufkeimende Freude von vor wenigen Momenten stand

nun in Gefahr, erstickt zu werden. Jetzt hatte ich das Bedürfnis, ein frustriertes Seufzen auszustoßen.

Kenton Thornley, der Mann, von dem mein Vater hoffte, dass er bald

sein Schwiegersohn wäre, war wahrscheinlich der einzige Mensch in dieser riesigen Menge, auf den ich gern verzichtet hätte.

Während ich wartete, bis Mutter ihre Röcke zurechtgerückt hatte, ließ

ich meinen Blick über die Masse an Reisenden wandern und suchte den blonden Mann, den ich seit meiner Kindheit kannte. Kentons Familie

und meine waren schon lange befreundet und unsere Väter waren bei-

de erfolgreich im Eisenbahngeschäft tätig. Zugegeben, der Stammbaum

der Thornleys war wesentlich beeindruckender als unserer, aber beide

Elternpaare hielten es für eine grandiose Idee, ihre Freundschaft und

Geschäftsbeziehungen mit einer Ehe ihrer Kinder zu vertiefen. Kenton fügte sich bereitwillig ihren Wünschen, obwohl zwischen uns nicht die geringste Anziehungskraft bestand, aber ich hatte ihm auf seinen Hei-

ratsantrag noch keine Antwort gegeben. Eine moderne Frau brauchte keinen Mann, um auf der Welt etwas zu bewirken, fand ich. Und ganz gewiss keinen Mann, der nicht die geringste Zuneigung zu ihr empfand. Aber würde sich eine neue Gelegenheit ergeben zu heiraten und eine Familie zu gründen, wenn ich seinen Heiratsantrag ablehnte? Anders

26


als manche Frauen in der Frauenwahlrechtsbewegung strebte ich nicht nach einem Leben als unverheiratete Frau.

Als wir den Schutz des Eisenbahnwaggons verließen, befanden wir

uns sofort inmitten des Menschengedränges. Papa hielt uns fest an den Händen und zog uns inmitten von rufenden, pfeifenden und lachenden Stimmen weiter. Der Kohlenrauch und heiße Dampf, den die Loko-

motiven ausstießen, lagen schwer in der Luft und machten das Atmen

schwer. Wir waren völlig außer Atem, als Papa vor dem Bahnhof ankam und auf Kenton und die Kutsche zusteuerte.

»Es freut mich, dass Sie gut angekommen sind.« Kenton begrüßte

Mutter mit einem leichten Kuss auf die Wange.

»Kenton, du hast ja keine Ahnung, wie erfreulich es ist, dein attrakti-

ves Gesicht zu sehen. Nicht wahr, Priscilla? Das Gedränge dieser Menschenmassen ist wirklich grauenhaft. Bring uns bitte auf dem schnellsten Weg zum Hotel.«

Mutter wartete nicht einmal, bis ihr jemand in die offene Kutsche half,

was deutlich zeigte, wie aufgewühlt sie war. Kenton folgte ihr eilig, wäh-

rend Papa mit den Gepäckträgern sprach, die unsere Truhen und Kisten hinten auf das Fahrzeug luden. Ich wollte meine kleine Tasche vom Gepäckwagen nehmen, damit sie von den schwereren Gegenständen nicht zerdrückt wurde.

»Kann ich Ihnen helfen, Signorina?«

Als ich mich umdrehte, stand ein großer Mann hinter mir. Selbst wenn

sein Akzent seine italienische Herkunft nicht verraten hätte, hätten seine

dunklen Augen und rabenschwarzen Haare, die unter seiner Kappe hervorstanden, diese Vermutung nahegelegt.

»Nicht nötig.« Kenton trat neben mich, bevor ich dem Mann antwor-

ten konnte, und nahm ohne meine Erlaubnis meinen Ellbogen. »Kümmern Sie sich um die Pferde, Moretti. Für die Damen ist ein Gentleman zuständig.«

Ich war von Kentons Grobheit entsetzt und entzog ihm unwirsch mei-

nen Arm. »Ein Gentleman hätte bessere Manieren.« Der Fremde – offensichtlich unser Fahrer – schien sich nur mühsam ein Grinsen zu ver-

kneifen, statt wegen der unfreundlichen Zurechtweisung durch Kenton

27


beschämt zu wirken. »Danke für Ihr Angebot, Sir, aber Mr Thornley wird mir helfen.«

Der Mann neigte den Kopf, aber als sich unsere Blicke wieder begeg-

neten, jagte etwas, das in seinen Augen aufflackerte – vielleicht Bewunderung? –, ein unerwartetes Kribbeln durch meinen Körper.

»Priscilla, du wirst es nicht bereuen, dass du deine Meinung geändert

hast und mit in den Westen gekommen bist«, sagte Papa, sobald ich ihm

und Mutter gegenübersaß. Sein Gesicht war gerötet und strahlte vor Aufregung. »Der Ausstellungspark übertrifft alle unsere Erwartungen. Ist es nicht so, Kenton?«

Kenton, der neben mir saß, und Papa erzählten von den spannen-

den Vorbereitungen zu Tennessees Jubiläumsfeier, während wir langsam

durch die überfüllten Straßen rollten. Meine Ohren schnappten trotzdem hier und da die Stimme unseres Fahrers auf, der etwas auf Italienisch zu

seinem Pferd sagte. Aus einem unerklärlichen Grund musste ich bei dem Gedanken, dass das große Tier die fremden Worte verstand, lächeln.

»Siehst du, Priscilla«, Papa tätschelte mein Knie und lenkte meine

Aufmerksamkeit wieder auf ihn, »das Lächeln in deinem Gesicht ist genau der Grund, warum ich darauf bestanden habe, dass du uns begleitest. Ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass ihr jungen Leute beim

Erkunden des Ausstellungsgeländes eine wunderbare Zeit verbringen werdet.«

Mutter lachte, offenbar war die ansteckende Aufregung der Men-

schenmenge auf dem Bahnhof auf sie übergesprungen. »Und was ist

mit uns, Eldridge? Werden wir keine wunderbare Zeit hier verbringen, nur weil wir nicht mehr ganz so jung sind?«

Papa nahm ihre Hand und küsste durch ihren Handschuh ihren Hand-

rücken. »Du bist noch genauso schön wie an dem Tag, an dem ich dich

vor zweiunddreißig Jahren geheiratet habe, meine Liebe. Trotzdem gehe

ich davon aus, dass wir uns die Ausstellung in einem deutlich langsameren Tempo ansehen werden.«

Sie setzten ihr lebhaftes Gespräch fort, bis die Kutsche im Herzen

Nashvilles, wie ich vermutete, stehen blieb. Einspänner, Reiter und Fußgänger drängten sich auf den Straßen und Gehwegen und erinnerten

28


an die Menschenmassen am Bahnhof. Ich hoffte, Mutter würde sich nicht wieder beklagen, denn dieses Problem könnte auch Papa nicht beheben.

Ich verdrehte mir fast den Hals, um mir einen Eindruck zu verschaffen.

Ich war neugierig darauf, das berühmte Maxwell House Hotel mit eigenen Augen zu sehen. Papa schwärmte seit Jahren davon und behauptete, es

sei das edelste Hotel, in dem er bei seinen Reisen je abgestiegen war;

nicht einmal die Hotels in New York City und Boston boten so viel Luxus. Das Maxwell House, das für seine eleganten Herren- und Damensalons bekannt war, war immer Papas erste Wahl, wenn er nach Nashville kam.

Das Erste, was mir ins Auge stach, waren die massiven Säulen, von

denen die Gäste am Hoteleingang in der Cherry Street begrüßt wurden. Acht Säulen, die bis zum ersten Stockwerk reichten, trugen einen schmalen Säulengang im Südstaatenstil. Fünf Stockwerke mit Rundbogenfens-

tern, die alle einen Blick auf die Stadt boten, verliefen rund um das eindrucksvolle Hotel. Selbst wenn jemand noch nichts von den großen und

eleganten Zimmern im Inneren des Hotels gehört hatte, brauchte er es

nur von der Straße aus zu sehen, um zu erahnen, was sich in diesem riesigen Gebäude befand.

»Wenn es euch lieber ist, kann uns der Fahrer zum Eingang in der

Church Street bringen, der direkt zu den Damensalons führt. Dort fühlt ihr euch vielleicht wohler als beim Herreneingang.«

Papa hob die Hand, um dem Kutscher entsprechende Anweisungen

zu erteilen, aber Mutter hielt seine Hand fest. »Das ist nicht nötig, Eldridge. Priscilla und ich sind nicht so zart besaitet, dass wir diesen Ein-

gang nicht benutzen könnten. Wir sind endlich angekommen und kön-

nen es nicht erwarten, unsere Zimmer zu beziehen. Schau dort hinüber: Ich sehe mehrere elegante Damen, die ihre Männer ins Hotel begleiten.«

Einen Moment später öffnete der Fahrer die Kutschentür. Nach einem

schnellen Blick auf Papa, der bestätigend nickte, hielt er Mutter seine Hand hin. »Signora.«

Mutter raffte ihre Röcke, stieg aus und schwärmte von der eindrucks-

vollen Eleganz des Hotels. Kenton stieg als Nächster aus, da es unange-

messen gewesen wäre, wenn ich über ihn geklettert wäre. Ich ließ Papa

29


den Vortritt und ergriff als Letzte die Hand des Fahrers, um mir auf den Gehweg helfen zu lassen.

»Danke.« Ich strich meine Röcke glatt, obwohl mich die Falten nach

dem langen Reisetag nicht sonderlich interessierten.

»Signorina.« Seine Mundwinkel hoben sich. »Es ist mir eine Ehre, einer

so schönen Frau zu helfen.«

Das eingeübte Kompliment brachte vielleicht die Wangen anderer

Frauen zum Erröten, aber von mir prallten schmeichelnde Worte ab. Als einzige Tochter von Eldridge Nichols hatte ich, schon bevor ich volljäh-

rig geworden war, mehr als genug schöne, bedeutungslose Worte von Möchtegernverehrern gehört.

»Sir, mein äußeres Erscheinungsbild sollte keinen Einfluss darauf ha-

ben, ob Sie sich geehrt fühlen, mir zu helfen oder nicht. Das ist schlicht und ergreifend Ihre Aufgabe.«

Ich rechnete mit einer gewissen Zerknirschtheit auf meine Zurecht-

weisung hin. Doch er schmunzelte nur und auf seinen Wangen tauchten kleine Grübchen auf.

»Sie haben recht, Signorina. Aber meine liebe Mamma – Gott schenke

ihrer Seele die ewige Ruhe – hat mich gelehrt, dass ein Mann jede Gele-

genheit ergreifen sollte, um einer Frau zu sagen, wie schön sie ist. Jede

Frau, hat sie gesagt, ist eine einmalige Schöpfung unseres Herrn und sollte daran erinnert werden.«

Bevor ich etwas erwidern konnte, verbeugte er sich und kehrte hinter

die Kutsche zurück.

»Priscilla, warum trödelst du so lange? Komm endlich!«

Mutters Ruf vom Hoteleingang zwang mich, zu ihr zu gehen, aber ich

konnte es mir nicht verkneifen, einen letzten Blick zur Kutsche zu werfen. Der Fahrer half dem Gepäckträger des Hotels, unser Gepäck auszuladen, doch als er sah, dass ich mich zu ihm umdrehte, unterbrach er seine Arbeit und zog seinen Hut, bevor er sie wieder aufnahm.

Während ich meinen Eltern in das berühmte Hotel folgte, hatte ich

das sonderbare Gefühl, dass mir bei meinem kurzen Wortwechsel mit dem Mann etwas entgangen war. Etwas Wichtiges.

30


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook