Jody Hedlund
Das Land, von dem
ich träume
Kapitel 1 South Park, Colorado Territorium Juni 1869 Ivy McQuaid würde das Kälberfangen mit dem Lasso gewinnen. Sie konnte den Sieg schon in ihren Adern fühlen. Sie bewegte ihr Handgelenk genau richtig, um die Lassoschlinge über ihrem Kopf kreisen zu lassen, und drückte ihre Beine an die Flanken des galoppierenden Pferdes, um das perfekte Tempo und den idealen Abstand zu dem jungen Stier beizubehalten. »Komm schon«, flüsterte sie. Als alles perfekt vorbereitet war, warf sie das Lasso und zielte auf die Stelle vor dem Kopf des Stiers. Während das Lasso durch die Luft schwebte und sich über die Hörner des Tiers legte, bohrte sie die Fersen in die Steigbügel, lehnte sich steif zurück, hielt das Lasso mit aller Kraft fest und zog die Schlinge zu. Das Lasso legte sich immer enger um den Hals des Stiers, während sie gleichzeitig fachmännisch den Rest des Seils um das Sattelhorn wickelte. Mit einer fließenden Bewegung zog sie den Kopf des kleinen Stieres zur Seite und warf ihn aus dem Gleichgewicht. Sie spürte, wie das Tier in die Knie ging, sprang von ihrem Pferd und lief zu ihm. Sie packte eines seiner Vorderbeine und schob eine geknotete Schlinge darüber. Dann band sie mit geübten Griffen das Vorderbein an die zwei Hinterbeine und wickelte das Seil so fest darum, dass sich das Tier nicht befreien konnte. Sie sprang hoch und reckte beide Arme in die Luft, um zu signalisieren, dass sie fertig war. Die Zuschauer außerhalb des Koppelzauns jubelten lautstark über ihre Rekordzeit. Ihr Herz überschlug sich fast. Es gab nichts Besseres als die Jubelrufe für den Sieger. Natürlich wäre es besser, wenn sie diese 7
Siegesrufe in Frauenkleidung statt in Männerkleidung entgegennehmen könnte. Aber trotzdem war es besser als nichts. Sie bemühte sich, nicht zu grinsen, um ihre Tarnung zu wahren. Stattdessen tat sie das Lob mit einem Schulterzucken ab und schlenderte lässig einige Schritte von dem Stier weg, als wären die Jubelrufe völlig bedeutungslos. So würde sich ein Mann verhalten. Und so musste sie sich jetzt auch verhalten – denn offiziell war sie Buster Bliss, der Meister im Kälberfangen. Sie musste diese Scharade so lange wie möglich aufrechterhalten – mindestens so lange, bis sie genug Geld zusammenhatte, um die Anzahlung für das Land bestreiten zu können, das Landry Steele südlich von Fairplay verkaufen wollte. Mit den Preisgeldern von heute wäre sie der Summe, die sie benötigte, einen Schritt näher. Aber nur einen kleinen Schritt ... Ihr Gesicht juckte unter der Kruste aus geriebener Holzkohle, die sie sich auf die Haut geschmiert hatte, um einen Stoppelbart vorzutäuschen. Sie hatte ihr langes, dunkelbraunes Haar unter ihrem verbeulten Hut festgesteckt. Und um ihren Brustkorb hatte sie Stoffstreifen gewickelt, um ihre weibliche Figur zu verbergen. Zwar konnte nichts ihre Kurven vollständig verstecken, aber das weite Flanellhemd und die Weste, die sie darüber trug, leisteten ihr gute Dienste. Ebenso wie die Hose und die Männerstiefel. Bis jetzt gelang es ihr, allen vorzumachen, sie wäre ein dünner, schmächtiger Mann. Die große, runde Brille auf ihrer Nase verlieh ihr ein gelehrtes Aussehen und fachte die gut gemeinten Neckereien der andern Cowboys dem etwas seltsamen Buster Bliss gegenüber noch an. Als sich das Jubeln und Pfeifen legte, tippte sie zum Dank an die Krempe ihres Männerhuts, bevor sie sich wieder zu dem kleinen Stier umdrehte. Erst jetzt gestattete sie sich ein Lächeln. Sie hatte es wieder geschafft! Wenn sie ehrlich war, musste sie zugeben, dass sie jede einzelne Sekunde des Kälberfangens liebte und auch ohne Preisgeld an dem Wettkampf teilgenommen hätte. Sie kniete nieder und befreite den Kopf des Tieres vom Lasso, 8
bevor sie auch seine Beine losknotete. Sofort schob sich das Tier mit einem lauten Brüllen auf die Beine. Bevor es davonstürmte, klopfte sie ihm noch schnell liebevoll auf die Flanke. Während sie das Lasso um ihren Arm wickelte, richtete sie ihren Blick zur Sonne, die zum westlichen Horizont wanderte. Es sah ganz so aus, als hätte sie noch Zeit für den letzten – und besten – Wettkampf, bevor sie den Heimweg antreten musste. Die Leute dachten, Buster Bliss käme an den Wochenenden extra von Denver über den Kenosha-Pass nach South Park, um an den Cowboywettbewerben teilzunehmen. Freundschaftliche Wettkämpfe hatte es auf den Ranches hier in der Gegend schon immer in irgendeiner Form gegeben, aber da diese Veranstaltungen immer mehr an Beliebtheit gewannen, war es inzwischen nicht ungewöhnlich, dass Männer von außerhalb kamen, um daran teilzunehmen, da das Preisgeld von Jahr zu Jahr höher ausfiel. Ihre Tarnung funktionierte gut, da Buster abends immer ziemlich früh aufbrechen musste, um vor Einbruch der Nacht ein Stück seines Heimwegs zurückzulegen. Dadurch konnte sie Fragen vermeiden, warum sie nicht mit allen anderen nach Abschluss der Wettkämpfe in die Saloons ging. Es war schon schwer genug, in den paar Stunden, die sie sich bei den Wettkämpfen aufhielt, ihre Tarnung beizubehalten. Bis spätnachts könnte sie diese Scharade niemals durchhalten. »Bliss!« Als Mack Custer, der Vorarbeiter der Elkhorn Ranch und Organisator des Wettkampfs an diesem Sonntagnachmittag, ihren Namen rief, drehte sie sich so lässig wie möglich um, wickelte aber ihr Lasso unbeirrt weiter auf. Statt in ihre Richtung zu schauen, begrüßte der Vorarbeiter jedoch einen anderen Mann mit Handschlag – einen Mann mit einer muskulösen, schlanken Figur und entschlossen zurückgeworfenen Schultern. Mehrere Herzschläge lang konnte Ivy den Mann nur anstarren und hatte Mühe, die bekannte Gestalt einzuordnen. Das konnte doch nicht sein! 9
Der Mann drehte sich so weit, dass sie sein Profil sehen konnte – ein markantes Kinn, das mit Bartstoppeln überzogen war, ein entschlossener Zug um den Mund und hellbraunes Haar, das unter seinem Hut hervorspähte. Ihr Puls begann, sich zu überschlagen. Sie musste ihn nicht von vorne sehen, um zu wissen, dass es Jericho Bliss war, der Mann, für den sie als Mädchen geschwärmt hatte. Als spüre er ihre Aufmerksamkeit, blickte er zu ihr herüber. Sie wandte sich schnell ab und schaute in die andere Richtung. Ach du heiliger Strohsack! Was machte Jericho Bliss hier oben in South Park? Seit der Nacht, in der er vor fast zwei Jahren mit Dylan weggeritten war, hatte sie kein Wort mehr von ihm gehört. Damals hatte Jericho ihr und ihren Brüdern einen großen Gefallen getan, da er Dylan geholfen hatte, der Gefahr durch Bat und seine Bande zu entkommen, bei denen er hohe Spielschulden hatte. Genauso wie ihre ganze Familie war sie Jericho dankbar, dass er Dylan das Leben gerettet hatte. Nach längerer Zeit hatte Dylan dann irgendwann geschrieben und ihnen mitgeteilt, dass es ihm gut gehe und er eine feste Arbeit habe. Er hatte ihnen jedoch nicht verraten, wo er war oder was er machte. Auch über Jericho hatte er kein Wort verlauten lassen. Sie hatten vermutet, dass Dylan nicht zu viel verraten wollte, falls Bat und seine Bande von seinem Brief Wind bekommen und beschließen sollten, ihm nachzujagen. Ivy hatte ungeduldig auf einen weiteren Brief, auf mehr Nachrichten, auf irgendetwas von Dylan gewartet. Sie hatte sich eingeredet, dass sie sich nur Sorgen um ihren Bruder machte und die Gewissheit haben wollte, dass es ihm gut ging. Aber tief in ihrem Herzen konnte sie nicht leugnen, dass sie auch Informationen über Jericho haben wollte. Sie hatte sich sehr lange nicht damit abfinden können, dass er einfach so aus ihrem Leben verschwunden war und ihre Liebe nicht erwidert hatte. Und sie hatte sich an die Hoffnung geklam10
mert, dass er mit der Zeit erkennen würde, wie sehr er sie vermisste, und zu ihr zurückkäme. Aber als aus den Wochen Monate und aus den Monaten Jahre geworden waren, hatte sie die harte Wahrheit akzeptieren und jede Hoffnung, die ihr noch geblieben war, aufgeben müssen: Jericho hatte sich nie etwas aus ihr gemacht und würde nicht zurückkommen. »Der nächste Wettbewerb ist die Ungarische Post«, hörte sie Mack Custer erklären. »Die schwerste Disziplin habe ich für den Schluss aufgehoben. Willst du mitmachen? Um der alten Zeiten willen?« Jericho schwieg und sie war stark versucht, sich umzudrehen und ihn anzustarren. »Der Sieger bekommt einen ganzen Dollar.« Was wäre, wenn Jericho teilnahm und neben ihr ritt? So sehr hatte sie sich in seiner Abwesenheit auch nicht verändert. Bei ihrem Glück würde er sie am Ende noch erkennen und ihre Identität verraten. Je länger sich sein Schweigen hinzog, umso mehr spannten sich ihre Muskeln an. »Danke für das Angebot.« Jerichos Stimme war leise und vorsichtig. »Vielleicht beim nächsten Mal.« Sie blieb nicht länger stehen, um zu hören, was er noch sagte. Und sie hoffte, dass niemand auf die Idee käme zu fragen, warum sie und Jericho den gleichen Nachnamen hatten. Als sie sich einen Männernamen ausgedacht hatte, war Bliss der einzige Nachname gewesen, der ihr auf die Schnelle eingefallen war. Nun tadelte sie sich, dass sie sich nicht mehr angestrengt hatte, um einen anderen Namen zu finden. Jetzt war es höchste Zeit, auf dem schnellsten Weg nach Hause zu reiten. So gern sie auch ihr Preisgeld um einen weiteren Dollar erhöhen würde, konnte sie es auf keinen Fall riskieren, enttarnt zu werden. Sie steuerte über die Koppel auf den Scheuneneingang zu und 11
hoffte, darin verschwinden zu können, bevor einer der Männer merkte, dass sie nicht mehr da war. Leider sah ein Cowboy von der Elkhorn Ranch sie kommen und schlug ihr so kräftig auf den Rücken, dass sie fast vornübergefallen wäre. »Du hast das mit dem Stier richtig gut gemacht, Buster!« »Ja.« Sie bemühte sich um einen tieferen Ton, um wie ein Mann zu klingen. »Ich habe beim nächsten Wettkampf auch auf dich gewettet.« Der Cowboy marschierte neben ihr her. Einen Moment später schloss sich ihnen ein weiterer Cowboy an. »Willst du mit Sätteln oder ohne reiten?« Eines war klar: Sie könnte sich nicht unbemerkt um den Wettkampf drücken. Jeder Mann hier wartete gespannt darauf, sie reiten zu sehen. Warum sollte sie eigentlich nicht bleiben? Jericho hatte kein Recht, aus heiterem Himmel wieder in South Park aufzutauchen und sie davon abzuhalten, Geld für ihre neue Ranch zu verdienen. Sie warf die Schultern steif zurück und wandte sich den Pferden zu, die bereits auf die Reiter warteten. Sechs Pferde bedeuteten, dass nur drei Reiter an dem Wettkampf teilnahmen – jeder auf zwei Pferden stehend. Dieses Mal würde sie mühelos gewinnen. Vielleicht sollte sie ohne Sättel reiten, um ihren Konkurrenten auch eine Chance zu geben. »Ohne Sättel.« Sie betrachtete die Pferde – die sanftesten Pferde, die sie auf der Elkhorn Ranch hatten. »Wir wollen den Leuten doch die Show bieten, für die sie bezahlt haben.« Diese Erklärung brachte ihr weitere Jubelrufe ein. Als sie den Plan, sich als Mann zu verkleiden, geschmiedet hatte, war ihr nicht bewusst gewesen, dass es so schwer werden würde, diese Rolle glaubhaft zu spielen. Aber da man ihr verboten hatte, als Frau an den Wettkämpfen teilzunehmen, war ihr keine andere Wahl geblieben. Als sie es das erste Mal versucht hatte, hatten alle sie ausgelacht. Niemand hatte sie ernst genommen, obwohl meilenweit bekannt 12
war, dass sie mit Rindern arbeitete, seit sie mit zwölf Jahren nach Colorado gekommen war. Aber sie hatte ihr Können, Rinder mit dem Lasso einzufangen, jahrelang so perfektioniert, dass sie mit Abstand besser war als die meisten Männer. Im letzten Frühling hatte der Vorarbeiter der Healing Springs Ranch sie eingeteilt, die Kälber einzufangen und die Tiere zu den Männern zu bringen, die sie mit einem Brandzeichen versahen. Sie hatte einen ruhigen Reitstil, das perfekte Timing und konnte Abstände gut einschätzen. Aber sobald es um Wettkämpfe ging, zählte ihr Können nicht. Die Organisatoren erlaubten ihr einfach nicht, daran teilzunehmen. Das hatte sich erst geändert, als sie als Buster Bliss aufgetaucht war. Einen dürren, schmächtigen Kerl wie Buster hatten sie sehr gern teilnehmen lassen, da sie gedacht hatten, er wäre leicht zu schlagen. Im Laufe des letzten Monats hatte sie ihnen gezeigt, dass Buster nicht so weich und harmlos war wie ein Federkissen. Buster hatte Mut und Können. Und er gab nicht so leicht auf. Sie war bereit, mit ihrem Pferdepaar an einem Ende der freien Fläche neben den anderen beiden Teilnehmern und ihren Pferden zu reiten. Die Ziellinie befand sich in der Nähe des Hauptstalls, wo sich die Zuschauer versammelt hatten. Als sie ihre Stiefel auf dem gepolsterten Rücken der beiden Pferde platziert und die Zügel der Tiere richtig in die Hand genommen hatte, konnte sie es sich nicht verkneifen, ihren Blick über die Menschenmenge wandern zu lassen. Es war ihr egal, wo Jericho war oder was er gerade machte. Das interessierte sie wirklich nicht. Das war nicht der Grund, warum sie seine schlanke Gestalt suchte. Nein, sie blickte sich nur um, damit sie wusste, wohin sie später nicht schauen wollte. Als sie seine aufrechten, stolzen Schultern und sein attraktives Gesicht nicht entdeckte, atmete sie tief aus. Na also! Sie hatte nichts zu befürchten. Jericho war schon wieder fort. Er verstand es meisterhaft, einfach zu verschwinden. 13
Sobald von der Seite der Wiese ein Pistolenschuss das Startsignal gab, ließ sie die Zügel schnalzen und setzte ihre Pferde in Bewegung. Gleichzeitig auf zwei Pferden stehend zu reiten, war nicht leicht. Das beherrschten nicht viele. Bei der letzten Vorführung der Ungarischen Post am vergangenen Sonntag drüben auf der Bear Creek Ranch war ein Mann schwer gestürzt und hatte sich die Schulter und den Arm gebrochen. Und er hatte noch großes Glück gehabt, dass er bei dem Aufprall auf der Erde keinen Schädelbruch erlitten hatte. Ja. Diese Disziplin gehörte zu den gefährlichsten Wettkämpfen. Aber genau deshalb gefiel es ihr. Sie blühte bei Gefahren auf. Außerdem war das Preisgeld nicht zu verachten. Aufgrund der Teilnahmegebühren und der Eintrittspreise für die Zuschauer gingen die Sieger der Wettkämpfe immer mit einem Preisgeld nach Hause. Es war zwar nicht riesig, aber trotzdem besser als nichts. Das eigentliche Geld wurde beim Wetten eingenommen. Aber sie wettete nicht. Niemals! Dylan hatte sich durch Glücksspiel in große Schwierigkeiten gebracht. Die Pferde trabten los, nicht zu schnell und nicht zu langsam. Sie brauchte einige Schritte, bis sich ihre Beine an den Rhythmus beider Pferderücken gewöhnt hatten. Das Schaukeln war herausfordernd. Aber sie hatte gelernt: Je entspannter sie sich der Bewegung anpasste, umso leichter war es. Sie hatte einen Vorsprung vor den anderen zwei Reitern, die ihre Zügel umklammerten und sich bemühten, ihre Pferde so nahe nebeneinander zu halten, dass sie bequem auf beiden Pferderücken stehen konnten. Als sie sich dem Punkt näherte, der die Hälfte der Strecke markierte, schnalzte sie mit den Zügeln und feuerte ihre Pferde an. Es wurde Zeit, etwas mehr Tempo vorzulegen und den Zuschauern die Show zu bieten, die sie sehen wollten. Die Pferde reagierten auf ihr Kommando und verlängerten ihre Schritte. Aber aufgrund der höheren Geschwindigkeit scherte eine der Stuten ein wenig aus. 14
Ivy zog an den Zügeln, um das Pferd auf Spur zu halten. Aber es entfernte sich nur noch weiter. Ihr Stiefel begann, von seinem Rücken zu rutschen. Und obwohl sie die Lederriemen so fest wie möglich umfasste, würde sie sie gleich loslassen müssen, bevor sie stürzte und sich verletzte.
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Kapitel 2 Jericho Bliss schob sich von der Stallwand weg und richtete sich mit angespannten Muskeln auf. Der schmächtige Kerl an der Spitze verlor den Halt auf dem linken Pferd. In wenigen Sekunden wären die zwei Pferde so weit auseinander, dass er nicht weiterreiten konnte. Er würde böse stürzen und direkt vor den Hufen der anderen Pferde landen, die hinter ihm kamen. Er würde nicht nur niedergetrampelt werden, seinetwegen würden möglicherweise auch die anderen zwei Reiter den Halt auf ihren Pferden verlieren. Jericho schätzte die Entfernung zwischen sich und der sich anbahnenden Katastrophe ab. Die Zeit war zu knapp, um einzugreifen, da ihm die anderen Zuschauer den Weg versperrten. Er konnte nichts anderes tun, als die sich anbahnende Katastrophe mit einem flauen Gefühl im Magen zu verfolgen. Warum hatte der Mann, der an der Spitze ritt, beschlossen, ohne Sattel zu reiten? Ohne Sattel hatten seine Füße auf den Pferderücken weniger Halt. Jericho schüttelte den Kopf. Dieser Mann hatte den Verstand verloren. Die Zuschauer hielten geschlossen den Atem an, als der Reiter mit einem Fuß den Halt verlor. Mehrere Sekunden lang stand er nur auf einem Bein, während das andere in der Luft hing. Jericho hielt besorgt die Luft an und wartete auf den Sturz. Doch irgendwie hielt der Reiter die Zügel des abtrünnigen Pferdes fest und begann, sie um sein Handgelenk zu wickeln, um dadurch den Abstand zwischen sich und dem unkooperativen Pferd zu verringern. Er verfügte über eine faszinierende Körperbeherrschung und zog das gehorsame Pferd näher an das andere heran. Todesmutig stellte der Mann seinen Stiefel wieder auf den Rü16
cken des zweiten Pferdes und verlagerte sein Gewicht so, dass das widerspenstige Pferd die stumme Aufforderung, ihm zu gehorchen, verstand. Es beruhigte sich und lief nun wieder neben dem anderen Pferd her, sodass der Reiter wenige Sekunden später erneut fest auf beiden Pferderücken stand. Die Zuschauer jubelten laut. Als der Reiter das hörte, ließ er die Zügel schnalzen und trieb seine Pferde zu einem noch schnelleren Tempo an. Noch mehr Pfiffe und ermutigende Rufe erfüllten die Luft. Jericho atmete tief aus, aber die Anspannung ließ sich nicht so leicht aus seinen Muskeln vertreiben. Dieser Kerl war ein wagemutiger Idiot. Als er die Ziellinie überquerte, steigerte sich der Applaus zu einem ohrenbetäubenden Lärm. Erst jetzt nahm der Winzling von einem Mann den Fuß vom linken Pferd und verlagerte sein Gewicht gekonnt auf das andere Tier. Geschickt begab er sich zuerst in eine sitzende Position, bevor er beide Beine auf eine Seite schwang und von dem immer noch galoppierenden Pferd auf die Erde sprang. Diese Bewegung sah so mühelos aus. Sie erinnerte ihn daran, wie Ivy in den Monaten, die sie gemeinsam in den Westen gezogen waren, das Absteigen geübt und perfektioniert hatte. Jericho, Dylan und Ivy waren damals noch Kinder gewesen und hatten sich unter anderem mit Trickreiten die Zeit vertrieben. Bei der Erinnerung an jene sorglosen Tage zog sich seine Brust zusammen. Er würde viel geben, wenn er wenigstens einen Bruchteil jenes unbeschwerten Lebens zurückhaben könnte. Eine fleischige Hand schlug auf seine Schulter, gefolgt von Mack Custers säuerlichem Schweißgeruch. »Meinst du, du hättest das besser gekonnt?« Jericho zuckte die Schultern und bemühte sich, seine Anspannung wieder zu vertreiben. »Wahrscheinlich.« Custer lachte so kräftig, dass sein runder Bauch in seinem zu engen Hemd wackelte, das dunkle Schweißflecken unter seinen 17
Armen und auf seiner Brust aufwies. »Bis jetzt hat es noch keiner geschafft, Buster Bliss zu besiegen.« Bliss? Jerichos Blick wanderte wieder zu dem kleinen, schmächtigen Mann. »Kennst du ihn?« Custers Aufmerksamkeit richtete sich ebenfalls auf den Reiter. »Ist er irgendwie mit dir verwandt?« »Ich habe keine Angehörigen mehr.« Abgesehen von seinem Vater. Aber im Westen wusste niemand von Elijah Bliss und das sollte auch so bleiben. Buster Bliss lief gerade zu seinen zwei Mitstreitern und schüttelte ihnen die Hand. »Na ja, Buster ist zwar ein mickriger Kerl«, fuhr Custer fort, »aber er zieht viele Zuschauer an.« Und das brachte Geld. Custer war schon immer ein Glücksspieler gewesen, auch schon damals, als Jericho Vorarbeiter auf der Elkhorn Ranch gewesen war. Jerichos Wahl für seinen Nachfolger wäre nicht auf Custer gefallen, aber der Ranchbesitzer hatte Custer diese Stelle trotzdem gegeben, obwohl Jericho ihm mehrere andere Männer empfohlen hatte. Buster Bliss schüttelte seinen Konkurrenten die Hände. Dann tippte er an seine Hutkrempe, um den Zuschauern für den Applaus zu danken, bevor er zum Stall schlenderte. Jericho betrachtete den Mann mit zusammengekniffenen Augen und sein Blick wanderte zu der geflickten Hose mit den ausgefransten Säumen. Hinten hing die Hose, die ihm deutlich zu weit war, nach unten. Seine Stiefel waren klobig und sein Hemd war weit. Er sah fast so aus, als hätte er sich verkleidet und die Klamotten eines anderen Mannes angezogen. Seine Hutkrempe warf einen Schatten auf sein Gesicht, eine große Brille verbarg seine Augen und eine Art Kohleschicht überzog seine Haut. Versuchte er, älter und männlicher zu wirken, als er war? Falls dies seine Absicht war, gelang ihm das nicht sehr gut. Die jugendlichen, zarten Linien seines Gesichts ließen sich nicht 18
leugnen. Wie alt war er? Sechzehn? Vielleicht siebzehn? Der Junge wurde zweifellos damit aufgezogen, dass er fast wie ein Mädchen aussah. »Woher kommt dieser Buster Bliss?«, wollte Jericho wissen. »Aus Denver.« Custer steckte die Hände in seine Hosentaschen und spielte mit den Silberdollars, die er darin gesammelt hatte. »Ein Schullehrer. Er kommt an den Wochenenden nach South Park hoch, um an den Wettkämpfen teilzunehmen.« Jericho nickte und setzte eine undurchdringliche Miene auf – darin war er schon immer gut gewesen, genauso wie sein Vater. Der Junge war kein Lehrer. Das war offensichtlich. Er war viel zu jung, um schon eine Lehrerausbildung absolviert zu haben. Und er war nicht aus Denver. Das war ebenfalls offensichtlich. Ein Junge wie er hatte nicht das Geld, um jedes Wochenende ins Hochland zu reiten. »Und? Was führt dich hierher zurück?« Custer beäugte ihn vorsichtig, als befürchte er, Jericho könnte seine Stelle als Vorarbeiter zurückfordern. Er hatte sich auf solche Fragen eingestellt und gewusst, dass er einen Grund nennen musste, warum er hier war – wie immer, wenn er einen Verbrecher jagte. Wenn er den Leuten erzählte, dass er nur zu Besuch hier wäre, liefe er Gefahr, viele Fragen auszulösen, da er keinen guten Grund hatte, nur zu Besuch hier zu sein. Rodney James rechnete zweifellos schon damit, dass ein Kopfgeldjäger hinter ihm her war. Falls dieser Verbrecher Wind davon bekäme, dass ein neuer Gesetzeshüter hier in der Gegend war, würde er sich aus dem Staub machen, bevor Jericho herausfinden konnte, wo er steckte. Es stand viel auf dem Spiel, deshalb musste Jericho seinen Auftrag so lange wie möglich geheim halten. Damit blieb ihm nichts anderes übrig, als allen zu erzählen, dass er den Westen vermisst habe – was nicht gelogen war –, und dann zu behaupten, er wolle Land kaufen. Das war die glaubwürdigste Geschichte, die ihm eingefallen war. 19
Er lehnte sich wieder an die Stallwand und bemühte sich um eine lässige Haltung. »Ich wollte schon immer eine eigene Ranch haben. Habe gehört, dass Steele Land zu einem fairen Preis verkauft, und dachte, es wird Zeit, sesshaft zu werden.« »Das beste Land hat er schon verkauft.« Custer spuckte Tabaksaft vor seinen Füßen auf die Erde. »Das, was er noch übrig hat, ist nicht viel wert.« Das hatte Jericho auch gehört. Die Qualität des Landes spielte für ihn keine Rolle, da er sowieso nicht die Absicht hatte hierzubleiben, sobald er den gesuchten Verbrecher gefunden hatte. Aber bis dahin musste er sich unter die Leute mischen, ohne Verdacht zu erregen. »Irgendwo muss ein Mann ja anfangen.« Jerichos Blick wanderte zum Horizont und zu der untergehenden Sonne. »Aber in den westlichen Teilen des Territoriums gibt es immer noch Land, das du dir durch das Heimstättengesetz sichern kannst.« Custer beobachtete ihn viel zu aufmerksam. »Es dauert nicht lang, bis die Eisenbahnschienen hier oben fertig verlegt sind und die Züge bis nach Denver fahren. Ich kann mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, leichteren Zugang zu den Märkten im Osten zu haben.« Custers Augen weiteten sich, als hätte er sich darüber noch nie Gedanken gemacht. »Das klingt sinnvoll.« Jericho beobachtete aus dem Augenwinkel, wie Buster Bliss seinen Silberdollar in Empfang nahm, ihn in seine Tasche steckte und auf sein Pferd zuging, das an einem Pfosten angebunden war. Bei jedem Schritt gratulierten ihm die Zuschauer, aber Busters Bewegungen und Antworten wirkten steif und gezwungen. Hier stimmte etwas nicht. Das spürte Jericho tief in seinem Inneren, auch wenn er den Grund nicht genau benennen konnte. Als fühlte der Mann, dass er beobachtet wurde, hob er den Kopf, während er den Führstrick seines Pferdes vom Pfosten löste, und warf einen kurzen Blick auf Jericho. Die letzten Sonnenstrahlen beleuchteten die Augen hinter seiner Brille. Große, 20
braune Augen. Schöne, große, braune Augen, die Jericho überall erkennen würde. Sie gehörten niemand anderem als Ivy McQuaid! Sein Puls raste los wie eine Eisenbahnlokomotive. Aber er zwang sich, desinteressiert den Blick abzuwenden, als wäre sie nur irgendein langweiliger Cowboy. Kein Wunder, dass ihm ihre Art, vom Pferd abzusteigen, bekannt vorgekommen war. Kein Wunder, dass sie so weiblich wirkte. Kein Wunder, dass sie in dieser Kleidung fehl am Platz wirkte. Zum Kuckuck! Was hatte sie als Mann verkleidet bei einem Cowboywettkampf zu suchen? Sein Verstand war wie gelähmt, doch bevor er wusste, was hier geschah, war Ivy auf ihr Pferd gestiegen und ritt in nördlicher Richtung nach Fairplay davon. Warum ritt sie nicht nach Osten, zur Healing Springs Ranch? Wohnte sie nicht mehr dort? Er hörte kaum, was ihm Custer über die Vorteile der Eisenbahn erzählte. Alle seine Gedanken konzentrierten sich auf Ivy, darauf, dass sie der verrückte Reiter gewesen war, der bei der Vorführung der Ungarischen Post auf dem Rücken der Pferde gestanden hatte. Sie hatte sich in ernste Gefahr gebracht. War ihr das denn nicht bewusst? Das Blut gefror in seinen Adern, als er wieder vor sich sah, wie sie zwischen den zwei Tieren in der Luft gehangen hatte und um Haaresbreite einen tödlichen Sturz erlitten hätte. Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Wie üblich hatte sie wahrscheinlich überhaupt nichts gedacht. Sie war immer noch töricht und impulsiv und wild. Und wie üblich wusste keiner ihrer Brüder, was sie alles anstellte. Wenn Flynn ahnen würde, dass sich Ivy ungehindert in ganz South Park herumtrieb und an Cowboywettkämpfen teilnahm, würde er ihr eine Abreibung verpassen, die sich gewaschen hätte. Aber er wusste ganz genau, dass Ivy noch nie auf ihre Brüder gehört und schon immer ihren eigenen Willen durchgesetzt hatte. Daran hatte sich offensichtlich nichts geändert. 21
Jericho wurde so wütend, dass er ihr am liebsten sofort nachgeritten wäre, um sie zur Rede zu stellen. Sie sollte zumindest wissen, dass sie ihm mit ihrer Verkleidung nichts vormachen konnte und dass er sie bei Flynn anschwärzen würde, wenn sie nicht sofort mit diesen wagemutigen Spielchen aufhörte. Als er endlich einen Vorwand fand, sich von der Elkhorn Ranch zu verabschieden, hatte Ivy mindestens eine halbe Stunde Vorsprung. Da sich die Dunkelheit über dem Land ausbreitete, war es nicht ganz leicht, ihrer Spur zu folgen. Er folgte ihr weit genug, um zu wissen, dass sie einen Bogen geschlagen hatte – sie hatte so getan, als würde sie zum Kenosha-Pass reiten, aber später hatte sie ihre Richtung geändert und war auf die Healing Springs Ranch zugesteuert. Als er sich dem Abschnitt des Middle Fork Rivers näherte, der durch Wyatts Land verlief, stieg er ab und führte sein Pferd am Flussufer entlang, an dem er in jener Septembernacht vor fast zwei Jahren gewesen war. In jener Nacht hatte er Dylan aus der Berghütte befreit, in der Bat und seine Bande ihn eingesperrt hatten, nachdem sie ihn zusammengeschlagen hatten. An den Wachen vorbeizukommen, war nicht leicht gewesen, aber Jericho hatte beide bewusstlos geschlagen und Dylan aus Bats Hütte befreit. Erst danach hatte er erfahren, dass Bat drohte, Dylan zu töten. Solange Dylan seine Spielschulden nicht bezahlte, konnte er nicht in South Park – oder irgendwo sonst im Colorado-Territorium – bleiben, da es nur eine Frage der Zeit wäre, bis ihn irgendjemand an Bat verraten würde. Das nächste Mal käme Dylan nicht davon. Es sei denn, in einem Sarg. Auch wenn Jericho Dylan in jenen letzten Jahren in South Park nicht besonders nahegestanden hatte, hatte er ihn trotzdem als einen seiner besten Freunde betrachtet. Als Dylan bei Bats Bande in Ungnade gefallen war, hatte Jericho seine Stelle als Vorarbeiter der Elkhorn Ranch bereits gekündigt und Vorbereitungen getrof22
fen, South Park zu verlassen. Die Entscheidung, seine Abreise zu beschleunigen und Dylan mitzunehmen, war ihm nicht schwergefallen. In der Nacht, in der sie losgeritten waren, hatte Jericho nicht gewusst, wohin er gehen sollte. Aber sein Pferd hatte ihn ausgerechnet zu dem Ort geführt, zu dem er eigentlich nie hatte zurückkehren wollen. Zum Haus seines Vaters in Chicago. Als sein Vater Jericho und seinen älteren Bruder, Nash, Anfang 1862 in den Westen nach Missouri geschickt hatte, damit sie vom Bürgerkrieg im Osten weit genug entfernt waren, war Jericho wütend gewesen. Seit der Ermordung seiner Mutter hatte er bereits eine distanzierte Beziehung zu seinem Vater gehabt. Als dieser ihn jetzt noch weiter von sich geschoben hatte, hatte er beschlossen, dass er diesen Mann nie wiedersehen wollte. Als Anfang ’63 ernsthaft über die Rekrutierung zum Militärdienst gesprochen worden war, hatte sein Vater beschlossen, Nash und Jericho noch weiter in den Westen zu schicken. Er hatte ihnen telegrafiert, dass sie Rinder nach Colorado treiben sollten. Dafür hatte er bereits alles in die Wege geleitet. Da sie in Missouri Erfahrung als Viehtreiber gesammelt hatten, waren sie genau die richtige Unterstützung gewesen, die Flynn McQuaid gesucht hatte, um Wyatts neue Shorthorn-Herde ins Hochland zu treiben. Nash hatte die Entscheidungen ihres Vaters kein einziges Mal infrage gestellt und Jericho hatte Nash deshalb immer für schwach gehalten. Aber jetzt, im Rückblick, verstand er, warum sich Nash den Plänen ihres Vaters gefügt hatte. Seit dem Tod ihrer Mutter war sein Bruder für ihn wie ein Vater geworden und Jerichos Sicherheit war für ihn über alles andere gegangen. Er hatte seinen kleinen Bruder unbedingt vor dem langen Arm des Krieges schützen wollen. Noch tief in diesen Gedanken versunken, führte Jericho sein Pferd näher zum Fluss. Da erstarrte er bei dem Anblick, der sich ihm bot. Ivy! Mitten im Fluss und bis zu den Schultern unter Wasser. 23
Der Himmel war nicht völlig schwarz. Der Vollmond schien und die Sterne funkelten in großer Zahl. Er konnte mühelos das Ufer sehen, das ihm alles verriet, was er wissen musste: Sie hatte ihre Männerkleidung abgelegt und sie neben ihrem Pferd auf einen Haufen geworfen. Jetzt wusch sie den Ruß aus ihrem Gesicht, bevor sie ihre gewohnte Kleidung anziehen würde, da sie nicht in Männerkleidung auf der Ranch auftauchen konnte. Sie spritzte mehr Wasser in ihr Gesicht und schrubbte mit beiden Händen über ihre Wangen. Während sie mit dem Rücken zu ihm stand, wanderten seine Gedanken erneut zu der Nacht zurück, in der er aus Colorado weggegangen war und sie im Bach entdeckt hatte, wo sie genauso wie jetzt gebadet hatte. Damals war er sehr wütend geworden. Obwohl sie erst siebzehn gewesen war, war ihm nicht entgangen, dass sie sich zu einer attraktiven Frau entwickelt hatte. Er hatte die Aufmerksamkeit gesehen, die sie überall, wo sie auftauchte, erregte. Er hatte die Bemerkungen gehört, die die Männer über sie machten. Falls irgendeiner von ihnen sie beim Baden überrascht hätte, hätte er sicher nicht gezögert, sich an ihr zu vergehen. Jericho hatte sich damals angeschlichen und ihr klargemacht, wie gefährlich es für sie war, allein hier draußen zu sein. Aber offensichtlich hatte sie durch diese Erfahrung nichts gelernt. Vielleicht sollte er versuchen, ihr erneut eine Lektion zu erteilen. Nach ihren viel zu wagemutigen Einlagen beim Wettkampf und dieser Situation jetzt im Wasser war ihm klar, dass man besser auf sie aufpassen musste. Er schlang den Führstrick seines Pferdes über einen Zweig in der Nähe und schlüpfte aus seinen Stiefeln und Socken, bevor er ins Wasser watete. Obwohl schon Juni war, war das Wasser aufgrund der Schneeschmelze in den höheren Lagen immer noch eiskalt. Während er auf Zehenspitzen über die glitschigen Steine des Bachbodens watete, wurden seine Zehen in dem kalten Wasser taub und seine Hose bis zu den Knien nass. Er näherte sich ihr, bis er nur noch zwei Schritte Abstand zu 24
ihr hatte, als sie sich plötzlich zu ihm umdrehte. Sobald sie ihn erblickte, stieß sie einen Schreckensschrei aus und tauchte tiefer ins Wasser, um sich zu bedecken. Sie konnte ihn nicht gehört haben. Hatte sie seine Nähe gespürt? Er blieb stehen, wo er war. Obwohl sie von der Dunkelheit und dem Flusswasser bedeckt war, war das Cremeweiß ihrer Haut genauso deutlich zu sehen wie der Vollmond am Himmel. Ihr zarter Hals. Die weibliche Form ihrer Schultern, auf denen die Träger ihres Unterhemds zu erkennen waren. Ihre weit aufgerissenen Augen stachen leuchtend von ihrem blassen Gesicht ab. Ihr Haar hatte sich aus einem Knoten oben auf ihrem Kopf gelöst und nasse Strähnen klebten an ihren Wangen und an ihrem Hals. An ihrem Kinn war immer noch ein schwarzer Fleck von der Kohle zu sehen. Verflixt und zugenäht! Ihr Gesicht war das schönste, das er je gesehen hatte. Er ohrfeigte sich im Geiste – wie er es immer tat –, weil er seinen Gedanken erlaubte, darum zu kreisen, wie schön Ivy war. Aber zwischen ihnen standen nicht nur mehr als drei Jahre Altersunterschied, sondern vor allem Dylan. Er hatte Dylan schon am Anfang ihrer Freundschaft versprechen müssen, dass er Ivy wie eine Schwester behandeln und nicht mehr in ihr sehen würde. »Jericho.« Ihr Tonfall war leise, enthielt aber eine gewisse Schärfe. Sie war nicht überrascht, ihn zu sehen. Offenbar hatte sie ihn beim Wettkampf erkannt. »Buster Bliss.« Sie konnte ruhig wissen, dass er sie durchschaut hatte. Sie zuckte mit keiner Wimper. »Was machst du hier, Jericho? Hast du dir angewöhnt, dich an badende Frauen heranzuschleichen?« Offensichtlich erinnerte sie sich ebenfalls an die Nacht, in der er von hier weggegangen war. »Es sieht eher so aus, als hätte ich mir angewöhnt, mich an dumme, kleine Mädchen anzuschlei25
chen, die immer noch nicht gelernt haben, dass sie sich schützen sollten.« »Kleine Mädchen?« Ihre Stimme wurde lauter. »Ich war schon kein kleines Mädchen, als du weggegangen bist, und jetzt bin ich definitiv keines mehr. Darauf kannst du deinen letzten Dollar verwetten!« Er deutete mit der Hand auf sie und dann auf ihren Kleiderhaufen. »Das ist kindisch, gefährlich und unverantwortlich, Ivy. Ich dachte, ich hätte dich gewarnt, als ich dich das letzte Mal hier draußen erwischt habe.« »Kindisch?« Sie bewegte sich im Wasser und stellte die Füße auf den Boden. Sie dachte doch nicht etwa daran, sich in ihrer Unterwäsche vor ihn hinzustellen, oder? Der Himmel stehe ihm bei! Bevor sie sich aufrichten konnte, wandte er den Blick zum Mond und drehte sich so schnell um, dass er fast stolperte und beinahe ins kalte Wasser fiel. »Ivy McQuaid! Was um Himmels willen hast du vor?« »Ich zeige dir, wie eine Frau aussieht, da du das anscheinend nicht weißt.« Sein Mund wurde trocken. »Denk nicht einmal daran!« Aus der Stille hinter ihm schloss er, dass sie ihren Plan wieder verworfen hatte. Trotzdem wollte er sich am liebsten umdrehen und einen Blick auf sie erhaschen. Doch Gott sei Dank hatte er eine stählerne Willenskraft und blieb starr stehen. »Komm aus dem Wasser und zieh dich an. Sofort.« »Ich bin kein Mädchen mehr, Jericho. Und es wird allmählich Zeit, dass du das begreifst.« Obwohl nicht viel von ihr aus dem Wasser ragte, stimmte er ihr zu. Sie war von Kopf bis Fuß eine Frau und sah sogar noch umwerfender aus, als er in Erinnerung hatte. Aber das spielte keine Rolle. Sie war immer noch Ivy. Und er würde in ihr immer Dylans kleine Schwester sehen, ein schlaksiges Mädchen mit Zöpfen, das in den gemeinsamen Monaten auf 26
dem Santa Fe Trail eine herrliche Spielkameradin gewesen war. Mehr nicht. Sie stieß ein langes, hörbares Seufzen aus, aus dem eine deutliche Frustration sprach. Dann verriet ihm das Plätschern des Wassers hinter ihm, dass sie ans Ufer watete. Sie befand sich direkt hinter ihm, triefend nass und nur in ihrer Unterwäsche. Sein Puls begann zu rasen. »Es wird Zeit, dass du aufhörst, dich wie eine schamlose Frau zu benehmen.« »Eine schamlose Frau?« Ein verletzter Unterton schwang in ihrer Stimme mit. Vielleicht verletzte sein Tadel kurzfristig ihre Gefühle, aber wenn er sie schützen konnte – auch vor ihm selbst –, nahm er das billigend in Kauf. »Ja. Und wenn wir schon dabei sind: Du solltest auch aufhören, so zu tun, als wärst du ein Mann.« Als er das Rascheln eines Leinenstoffs hörte, bemühte er sich, das innere Bild, wie sie in ihre Kleidung schlüpfte, auszusperren. Er drückte die Handflächen auf seine Augen, als könnte er dieses Bild dadurch irgendwie ausblenden. Er durfte seinen Gedanken an Ivy, die er jahrelang im Zaum gehalten hatte, keinen freien Lauf lassen. »Du hast kein Recht, dich über mich aufzuregen«, erklärte sie. »Warum nicht?« »Du bist so lange aus meinem Leben verschwunden gewesen. Wie kommst du da auf die Idee, du könntest mir jetzt vorschreiben, was ich zu tun und zu lassen habe?« Waren das nicht fast die gleichen Worte, die er seinem Vater kurz nach seiner Heimkehr an den Kopf geworfen hatte, als dieser plötzlich sein Leben hatte planen wollen? Nachdem er von seinem Vater immer wieder im Stich gelassen worden war, hatte sich Jericho vehement gegen sein plötzliches Interesse gewehrt. Fühlte sich Ivy jetzt auch so? Vielleicht hatte er wirklich kein Recht, sie herumzukommandieren. Andererseits konnte er ihr unüberlegtes Handeln nicht einfach ignorieren. Jemand musste 27
sie zur Vernunft bringen, bevor etwas passierte und sie verletzt oder gar getötet wurde. »Vermutlich habe ich kein Recht, dir zu sagen, was du zu tun und zu lassen hast, nachdem ich so lange fort war. Aber du hast Glück: Ich habe die Absicht, es dir trotzdem zu sagen.«
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