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Amy Lynn Green

Der

Club der


1 Avis Montgomery 31. Januar 1942 Derby, Maine Avis umklammerte die Leiter, während ihr Mann hinaufstieg, ein dickes Bündel aus schwarzem Tuch über der Schulter. »Bitte sei vorsichtig, Russ«, bat sie ihn, während er sie verschmitzt unter seiner schneidigen dunklen Haartolle angrinste. »So vorsichtig wie immer«, war die Antwort, die Avis aber kaum beruhigte. Ein Stück neben ihnen kletterte ihr Bruder Anthony eine Sprosse höher und musterte skeptisch die Fenster an der Ostseite der Bibliothek. »Bist du dir sicher, dass die Vorhänge breit genug sind?« Avis deutete mit dem Kinn auf ihr Notizbuch, das auf dem Boden lag und in dem die Zahlen in ordentlichen Spalten wie Soldaten in Reih und Glied standen. »Natürlich. Ich habe sie doch abgemessen.« »Sogar dreimal, wette ich«, erwiderte Russell augenzwinkernd. »Viermal«, gab Avis zu. »Siehst du? Hab ich doch gesagt.« Russell knüllte eine Ecke des Verdunklungsvorhangs in der Faust zusammen. »Okay, Kumpel, fang!« »Hör sofort auf …«, fing Avis an, aber es war zu spät. Russell holte mit dem Arm aus wie ein Werfer auf dem Baseballfeld und schleuderte die Tuchkante hinüber, sodass Anthony gefährlich wankte, als er sich danach reckte. Avis hätte am liebsten ihre schmerzenden Schläfen massiert, aber sie wagte es nicht, die Hand von der Leiter zu nehmen. »Du 7


wirst noch fallen und dir das Genick brechen«, seufzte sie stattdessen. Anthony schob die Ösen am oberen Gardinenrand über die Stange, die er angebracht hatte, und Russell tat dasselbe auf seiner Seite. »Wenn du meine Leiter gehalten hättest und nicht die deines Mannes, hättest du dir keine Sorgen um mich machen müssen.« »Ich bin ziemlich sicher, dass Leitern mitgemeint waren, als ich bei der Hochzeit was von ›in Ehren halten‹ gesagt habe.« Avis lächelte zufrieden, als die beiden Männer lachten – Russell mit tiefem, klangvollem Ton, während Anthonys Lachen in einem Schnauben endete. Wie gern hörte sie die beiden lachen, jeder tat es auf seine Weise. Dabei waren die beiden Männer so unterschiedlich. Ihr Mann, untersetzt und selbstbewusst, der sich auf einem Angelsteg wohler fühlte als bei seiner Arbeit in der Bank; ihr Bruder, schlaksig und warmherzig, der in jeder Situation eine geistreiche Bemerkung auf den Lippen hatte. Wenigstens war niemand sonst anwesend, der ihre Albernheiten mitbekam. So kurz vor Schließung der Bücherei waren alle Besucher nach Hause gegangen, um zu Abend zu essen und sich im Radio die Sendungen über MacArthur und seine Jungs anzuhören, die versuchten, den Pazifik zurückzuerobern. Avis’ Hand zitterte ein wenig, als Russell von der Leiter stieg. Konzentrier dich auf das, was du unter Kontrolle hast. Im Moment waren das die Maße, Richtlinien und ordentlichen rechten Winkel, die mit den Ecken des Fensterrahmens übereinstimmten, so wie sie es geplant hatte. »Passt genau.« »Gut gemacht.« Russell drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. »Miss Cavendish und der Luftschutzwärter werden nicht den geringsten Lichtschein entdecken.« Die in zwei Dreierreihen aufgestellten Tische, an denen die Besucher der Bücherei die Zeitschriften lesen konnten, wirkten in dem Dämmerlicht, das plötzlich herrschte, blass und gedämpft. Als Anthony die Leitern wieder in der Kammer verstaut hatte, 8


lag ein missbilligender Blick auf seinem sonst so fröhlichen Gesicht. »Hier ist es so trostlos wie auf einer Beerdigung.« »Das ist die Kriegsmode, Kumpel«, antwortete Russell und klopfte ihm auf den Rücken. »Gewöhn dich dran.« »Einrichtungszeitschriften im ganzen Land werden bald diese neuen Farben anpreisen«, erklärte Avis im Ton einer Werbesendung. Schon jetzt hatte das LIFE Magazine Bilder von Joan Fontaine aus einem Film abgedruckt, in dem sie eine Rekrutin beim Frauenhilfsdienst der britischen Luftwaffe spielte und eine kecke Schirmmütze trug. Ihr Bruder schnaubte verächtlich. »Du und deine albernen Zeitschriften. Wann liest du endlich mal ein richtiges Buch?« »Wenn ›richtige Bücher‹ mir erklären, wie ich die Kleider vom letzten Jahr ändern kann und wie man einen leckeren Blaubeerkuchen backt«, schoss Avis zurück, eine Variation ihrer üblichen Antwort. Nur weil ihr Bruder, der Bibliothekar, so ein Snob war, was Bücher betraf, brauchte sie es ja nicht zu sein. »Wo sie recht hat, hat sie recht«, warf Russell ein. »Der Kuchen gestern war hervorragend.« Anthony sah seinen Freund aus Kindertagen angesichts dieses Verrats mit einem vorwurfsvollen Blick an. »Beim Lesen geht es um mehr als nur um Informationen, wisst ihr?« »Das musst du mir erst mal beweisen.« Schließlich lernte sie in einer Woche Zeitschriftenlektüre wahrscheinlich mehr als Anthony in all den Romanen, die er in einem Jahr verschlang. Trotzdem hatte es keinen Sinn, ihn überzeugen zu wollen. Er war zwar erst neunundzwanzig Jahre alt, aber schon jetzt ein Sturkopf. Anstatt sich provozieren zu lassen, holte Anthony nur tief Luft. »Ich werde diesen Ort vermissen.« Da war sie wieder, diese vertraute Angst, die Avis am ganzen Körper spürte. Seit Wochen hatte sie den Gedanken daran, dass Anthony gehen würde, verdrängt, aber jetzt, wo es nur noch wenige Tage bis zu seiner Abreise nach Fort Devens waren, konnte sie das nicht mehr. 9


Russell lehnte sich an eines der Regale, die kräftigen Arme vor der Brust verschränkt. »Was wird Miss Cavendish nur ohne dich machen?« »Ich weiß nicht. Obwohl ich ihr schon einen Vorschlag gemacht habe, wer mich ersetzen könnte.« Etwas an der Art, wie Anthony das sagte, ließ Avis aufblicken. Selbst in dem Dämmerlicht konnte sie das spöttische Grinsen im Gesicht ihres Bruders sehen und auf einmal war jeder Gedanke an seinen Militärdienst wie weggeblasen. »Anthony, du meinst aber nicht mich, oder?« »Komm schon, Schwesterherz.« Er schenkte ihr sein charmantestes Lächeln. »Du machst doch schon jetzt die Hälfte der Katalogisierung, wenn ich nicht dazu komme.« »Du übertreibst.« »Und du kennst doch inzwischen das System zur Gliederung der Sachgruppen fast komplett auswendig.« Da hatte er recht, aber das bedeutete leider auch, dass seine Idee gar nicht so unberechtigt war. »Das kann ich auf keinen Fall, schließlich bin ich ja verheiratet.« Sie drehte ihren Ehering mit dem Solitär um ihren Finger. Eine Arbeit außer Haus, das hatte ihre Mutter ihr eingeschärft, war etwas für Frauen, die nicht die Anzüge ihres Mannes bügeln und jeden Abend pünktlich das Essen auf dem Tisch haben mussten. »Tausende Frauen arbeiten während des Krieges«, gab Russell achselzuckend zu bedenken. Er schlug sich immer auf Anthonys Seite. Avis presste die Lippen aufeinander, weil sie spürte, wie Unmut in ihr aufstieg. Das war wohl der Preis dafür, dass sie den besten Freund ihres Bruders geheiratet hatte. Sie wollte gerade antworten, das sei doch etwas ganz anderes, als Anthonys Grinsen weicher wurde. »Jedenfalls dachte ich, du wärst froh, etwas zu tun zu haben, wenn Russ und ich weg sind.« Avis konnte nicht verhindern, dass ihre Miene grimmig wur10


de, und Russell hustete hinter ihr. Mit einem verwirrten Gesichtsausdruck blickte Anthony zwischen ihnen hin und her. »Wir haben noch nicht …«, setzte Russell an, doch Avis kam ihm zuvor: »Russell hat sich nicht …« Russell brach das unbehagliche Schweigen mit den Worten: »Wir diskutieren noch darüber, das ist alles. Meine Meldung beim Militär, meine ich.« Selbst das war nur die halbe Wahrheit. Es war mehrere Wochen her, dass Russell nach ihrem letzten Streit davon angefangen hatte. Im Gegensatz zu den begeisterten, Fahnen schwenkenden Massen, die sich auf den Straßen tummelten, seit die USA in den Krieg eingetreten waren, graute es Avis vor der langen Trennung, dem leeren Bett neben ihr und den regelmäßigen Meldungen über die Gefallenen in den Zeitungen. Und auch wenn sie sich bemühte, es zu ignorieren, hatte sie immer noch die Warnung ihrer Mutter am Vorabend der Hochzeit im Kopf, als sie zu viel Sekt getrunken hatte: »Behalte deinen Mann bei dir, solange du kannst, sonst könnte er versucht sein, sich auch in anderer Hinsicht zu entfernen.« Anthony blinzelte hinter seiner schmalen Brille, während die Röte ihm in die Wangen stieg. »Tut mir leid, ich dachte … na ja, das wusste ich nicht.« Er räusperte sich und beeilte sich, die Unterhaltung auf ein neutraleres Thema zu lenken. »Aber es wäre trotzdem gut für dich, mal aus dem Haus zu kommen, Avis.« »Aber ich habe keinen Collegeabschluss«, erwiderte sie, »und falls du es in den fünf Minuten, seit ich es erwähnt habe, schon wieder vergessen hast: Ich lese keine Bücher, sondern nur Zeitschriften.« »Aber das könntest du doch ändern.« Anthony nahm die Bibliotheksschlüssel aus der leeren Zuckerdose, in der er sie auf Anraten seiner Schwester hin aufbewahrte, nachdem er sie allzu oft verlegt hatte. »Im Ernst, Avis, jemand muss dafür sorgen, dass die Bücherei geöffnet bleibt.« 11


»Miss Cavendish wird den Laden doch nicht zumachen.« Anthony zögerte und blickte zu dem Ölgemälde des ernst dreinblickenden Mannes hinüber, das über den Regalen hing und als einziges Kunstwerk an den Wänden geduldet wurde. »Da wäre ich mir nicht so sicher. Die Bücherei war die Herzensangelegenheit ihres Vaters, nicht ihre. Etwas an diesem Ort … na ja, sie bezahlt die Rechnungen, aber es scheint ihr nicht zu gefallen.« »Warum denn nicht?«, wollte Russell wissen. »Keine Ahnung. Im Umgang mit Miss C. lernt man, nicht neugierig zu sein.« Er warf die Schlüssel in die Luft und ging mit gewohnt federnden Schritten zur Tür. »Ich liebe diesen Ort, Schwesterherz.« Als müsste er ihr das extra sagen. Mindestens seine halbe Kindheit hatte er in der Bücherei verbracht oder mit dem Lesen von Abenteuergeschichten, die er sich hier ausgeliehen hatte. Als er zum College gegangen war, hatten alle, auch Mutter, erwartet, dass er »etwas aus sich machen« würde und sie ihn nie wiedersehen würden. Aber vor vier Jahren war er nach Derby zurückgekehrt, seinen Abschluss in den Händen, und war damit zufrieden gewesen, den Rest seines Lebens in der kleinen Küstenstadt zu verbringen und in der privaten Bücherei zu arbeiten, die ihm in seiner Kindheit Zufluchtsort gewesen war. »Komm schon, Avis. Versprich mir, dass du für mich weitermachst, während ich weg bin. Bitte!« Anthony sah sie mit seinen großen, ernsten braunen Augen an, denen sie noch nie hatte widerstehen können. »Na gut, ich verspreche es«, sagte sie gegen ihren Willen. Der Juchzer, den er ausstieß, während er die Arme um sie schlang, war vermutlich das lauteste Geräusch, das dieses ehrwürdige alte Gemäuer seit Langem gehört hatte, und Avis musste unwillkürlich lächeln. Diese Bücherei könnte wirklich ein bisschen weiblichen Einfluss gebrauchen. Außerdem würde Anthony nicht lange fort sein, und wenn sie die Zeit des Kriegs damit verbrachte, Bücher 12


zu katalogisieren, ohne sie tatsächlich lesen zu müssen, brauchte das ja niemand zu erfahren.

ӥ Ginny Atkins 31. Januar 1942 Long Island, Maine So wie Mack Conway auf den Hafen zuwankte, hätte Ginny Atkins vermuten können, dass er etwas zu tief ins Glas geschaut hatte, aber es war erst Nachmittag. Außerdem lugte unter seinem Mantel ein Sonntagsanzug hervor und sein Wuschelkopf war von einem schicken Filzhut bedeckt. Sie winkte ihm mit ihrer Scheuerbürste zu. Jetzt, wo die Hauptsaison für den Hummerfang vorbei war, würden sie die nächsten drei Monate damit zubringen, für das nächste Jahr die Fallen zu reparieren und Bojen anzustreichen. Heute war Pa zu Hause geblieben – »Dinge, die erledigt werden müssen«, hatte er gesagt und sie hatte den Auftrag erhalten, den sonnigen Tag zu nutzen und sich um den Dreck und die Köderreste zu kümmern, die das Deck der Lady Luck verunzierten. Anstatt zu der Gruppe Hummerfischer und Jungen zu gehen, die sich um ihre Ausrüstung kümmerten, blieb Mack genau vor Ginny stehen. »Schönen Tag, Ginny«, sagte er mit einer dröhnenden Stimme, die tiefer klang als sonst und ihn älter erschienen ließ als seine neunzehn Jahre. Ginny wischte sich die kalten, nassen Hände an ihrer Hose ab und kam sich in ihren alten Gummistiefeln und dem Kittel ihres Bruders auf einmal ganz schmutzig vor. Wer hätte gedacht, dass der gute alte Mack einmal besser gekleidet sein würde als sie? »Wo warst du denn, Mack?« Sein Grinsen wurde noch breiter, so als hätte er auf diese Frage nur gewartet. »Ich war mit der Fähre beim Rekrutierungsbüro.« 13


»Jetzt schon?« Dabei versuchte Ginny – und das versuchte sie wirklich –, sich ihre Bestürzung nicht anmerken zu lassen. Alles war so schnell gegangen. Gerade hatte Roosevelt noch gesagt, sie würden sich aus dem ganzen Durcheinander in Europa heraushalten; und dann hatte Japan plötzlich diese Schiffe vor Hawaii versenkt und jetzt standen all die jungen Kerle auf der Insel Schlange, um sich in Uniformen zu zwängen. »Ich bin schon ganz heiß darauf, diese Japsen fertigzumachen.« Mack hauchte auf seine Faust und rieb sich die Knöchel an der Jacke. »Wenn wir ihnen erst mal gezeigt haben, wer hier das Sagen hat, komme ich mit so vielen Orden an der Brust zurück, dass kaum noch Platz für Knöpfe ist.« Ginny musterte ihn einen Moment lang, während ihr Atem weiße Wölkchen bildete und die Möwen die Stille mit ihrem unheimlichen Kreischen füllten. In Macks Miene lag ein Funke, den sie noch nie gesehen hatte, und Stolz, als er in seinem alten Mantel, den er von jemand gebraucht bekommen hatte, die Schultern straffte. Mit ihrem eigenen Boot für den Hummerfang, den Fallen und dem Wissen, das Pa von seinem Vater mitbekommen hatte, war Ginnys Familie eine der wohlhabendsten auf der Insel, weil es immer Arbeit für sie gab. Die Weltwirtschaftskrise hatte andere Leute, wie die Conways, so oft zu Fall gebracht, dass sie nicht mehr versuchten, wieder aufzustehen. Mr Conway war arm wie eine Kirchenmaus und Ginny hatte schon oft Macks verlegene Ausreden gehört, wenn ihr Bruder ihn gefragt hatte, ob er ins Kino oder in die Eisdiele mitkommen wollte. »Bestimmt wirst du das«, sagte Ginny jetzt und belohnte Mack mit einem Lächeln. Wenn die mit Spucke glänzend polierten Schuhe ihn nicht auf dem Boden gehalten hätten, wäre er vielleicht in den Himmel geschwebt und hätte sich zu den Flugzeugen gesellt, die vom Militärflughafen in Bangor aufstiegen und über sie hinwegflogen. Dann erstarb sein Lächeln. »Du, Ginny?« 14


»Was denn?« Sie schob die Hände tiefer in ihre Manteltaschen, als ein plötzlicher Windstoß sie traf. »Willst du mein Mädchen sein?« Beinahe wäre Ginny in den eiskalten Ozean gefallen, so überrascht war sie, aber Mack hatte nichts bemerkt, weil er auf den Boden zu seinen Füßen starrte. »Äh, Mack, du bist für mich wie einer meiner Brüder.« »Nein, bin ich nicht«, widersprach er und schob trotzig das Kinn vor. »Jedenfalls liebt niemand außer dir diese Insel so wie ich.« Da musste Ginny ihm recht geben. Die meisten jungen Männer auf Long Island redeten davon, wie wild entschlossen sie waren, irgendwann von hier fortzugehen. Ginny hasste dieses Gerede. Sie hasste es, wenn die Leute die felsige Küste mit ihren schneebedeckten Tannen sahen und den Duft der salzigen Seeluft einatmeten und alles nur wie einen Haufen Müll abtaten. Mack war anders, schon immer gewesen. Vielleicht lag das an den alten Geschichten seiner Großmutter, die sich irgendwo zwischen Historie und Legende bewegten und sich um seine Beine legten wie Seetang, sodass er hierbleiben wollte. Das bewunderte Ginny und Mack war auch nicht genau wie ihre jüngeren Brüder. Hatte sie nicht gerade gedacht, dass er richtig chic aussah mit den Haaren, die in der Sonne golden glänzten? »Fred sagt, bevor ich gehe, sollte ich ein Mädchen haben, das auf mich wartet«, fuhr Mack fort. »Außerdem gibt es eine Tanzveranstaltung in der Stadt und ich brauche jemanden, der mit mir hingeht.« Ginnys Schultern entkrampften sich. Wenn das alles war, dann war es nichts Ernstes. »Du weißt doch, dass ich immer mit dir tanzen gehen würde, Mack. Und schreiben werde ich dir auch.« Um seine Augen – sie hatte nie bemerkt, dass sie so leuchtend blau waren wie der Himmel an einem wolkenlosen Tag – erschienen kleine Fältchen, als er lächelte. »Dann also diesen Freitag?« »Gerne.« Wahrscheinlich war sie eines der wenigen Mädchen 15


auf der Insel mit einem gekauften Kleid. Pa hatte es ihr im letzten Monat zu ihrem zwanzigsten Geburtstag aus einem Geschäft in Portland mitgebracht. Schön, dass sie die Gelegenheit bekam, es auszuführen. »Also gut.« Anstatt etwas Nettes zu sagen oder zu fragen, wann er sie abholen sollte, murmelte Mack etwas zum Abschied und rannte davon, als wollte er sich schon ein paar Wochen vor seiner militärischen Grundausbildung einen Vorsprung verschaffen. Hm. War sie jetzt wirklich Mack Conways Mädchen? Einfach so? Wahrscheinlich würde sie ihn jetzt mit seinem richtigen Namen Marvin anreden müssen anstatt mit dem Spitznamen von früher, weil seine Familie Makrelen gefischt hatte. Nee. So oder so würde Mack für sie immer Mack sein. Ginny wusste auch nicht, was es schaden sollte. Mack war ein anständiger Kerl und es würde ihm guttun, wenn er jemanden hatte, der ihm schrieb. Seine Ma konnte kaum lesen und sein Pa – na ja, man sollte von seinen Nächsten nicht schlecht reden, aber er würde vermutlich nicht einmal merken, dass sein Sohn nicht mehr da war. Aber sehr romantisch war das gerade auch nicht gewesen. Auf dem Heimweg, nachdem sie die Lady Luck gründlich geschrubbt hatte, verglich Ginny Macks Frage mit all den Liebeserklärungen, die sie in Filmen gesehen hatte. Er hatte noch nicht einmal Anstalten gemacht, ihr einen Kuss zu geben. Allerdings hätte sie ihn auch geohrfeigt, wenn er es versucht hätte. Vielleicht war es bei ihren Eltern ja auch so gewesen. Einfach zwei Menschen, die an demselben Ort lebten und feststellten, dass sie dortbleiben wollten, und die deshalb geheiratet und sich ein Leben zusammen aufgebaut hatten. Sie hatten auch ihre Probleme gehabt – die meisten davon waren ihrer Ma zu verdanken –, aber sie hatten zusammengehalten. Inzwischen war Ginny am Tor zu ihrem Haus angekommen. Alles war so … still. Seltsam. Kurz vor dem Abendessen kabbel16


ten sich ihre kleinen Brüder sonst immer im Hof wie Möwen, die es auf denselben Fisch abgesehen haben. Drinnen saß Pa am Küchentisch, den Kopf in die von der Arbeit schwieligen Hände gestützt, und Ginnys Herz hörte beinahe auf zu schlagen. »Pa? Was ist los?« War etwas mit Ma? War sie mal wieder ins Gefängnis gesteckt worden? In den letzten paar Jahren war es ihr besser gegangen, nachdem Pa ihr den Zugang zum Familieneinkommen abgeschnitten hatte, um sie vor sich selbst zu schützen. Pa hob kaum den Kopf, als er Ginny einen Zettel zuschob. In großen, ordentlichen Buchstaben, die sie nur mit Mühe entziffern konnte, standen dort Formulierungen wie Küstenbefestigung und sofortige Evakuierung. Sie blickte das Schreiben mit finsterer Miene an. »Und was bedeutet Enteignung?« »Es bedeutet, dass sie tun können, was sie wollen, und Leute wie wir haben keine Chance.« Die Stimme ihres Vaters, als er den Zettel nahm und zusammenknüllte, klang so kalt wie der Wind, der gegen die Tür hämmerte. »Die Regierung kauft unser Haus, Ginny. Der ganze Ort wird ein Marinestützpunkt.« Nein. Das konnten sie nicht tun. Ihre Familie würde sich dagegen wehren. Aber ihr Pa sprach weiter und Ginny hatte ihn noch nie so hilflos und hoffnungslos gehört. »Wir müssen die Insel verlassen.«

ӥ Martina Bianchini 31. Januar 1942 Boston, Massachusetts Martina fuhr mit dem Daumen über die zerfurchten Buchrücken und wischte die Tränen fort, die sonst nasse Flecken auf den Einbänden hinterlassen hätten. 17


»Affogare in un bicchier d’acqua.« Sie schalt sich selbst mit einer von Mammas bewährten Redewendungen aus der alten Heimat. »Ertrinke nicht in einem Wasserglas.« Nach allem, was sie durchgemacht hatte, vergoss sie jetzt wegen einiger verstaubter Bücher Tränen? Sie holte tief Luft. Rosas Märchensammlung, zerschlissen und abgenutzt wie die Putzlappen von Aschenputtel, mussten mit. Der Schweizerische Robinson für Gio, in der Hoffnung, dass er aus dem Buch nicht ebenso schnell herauswuchs wie aus seinen Schuhen in diesem Jahr. Emma natürlich, ihr Lieblingsbuch von Jane Austen. Ein Blick über ihre Schulter verriet Martina, dass der Koffer aus Schlangenlederimitat, den sie sich für ihre persönlichen Habseligkeiten gestattet hatte, schon fast voll war. Dann musste Jane Eyre also zurückbleiben. Es war einfacher, sich von den Biografien und Geschichtsbüchern zu trennen, die sie für ihre Einbürgerung hatte lesen müssen, aber Oliver Twist war ein echter Verlust. Aber es musste sein. Von dem leitenden Angestellten in der Gießerei, der sie eingestellt hatte, hatte sie die Abmessungen ihres Ein-Zimmer-Wohnwagens erfahren. Mit Kreide und ihrem Zentimetermaß hatte sie es aufgemalt. So klein. Mit zwei heranwachsenden Kindern und all ihrem Hab und Gut würde sie bestenfalls ein einziges Regalbrett für Dinge haben, die nicht absolut notwendig waren. »Ich werde wiederkommen und euch holen«, flüsterte Martina den Büchern zu, die sie zurückließ. Wann das sein würde, darüber dachte sie besser nicht nach. »Nein!« Eilige Schritte hinter der dünnen Tür ließen die Bodendielen der Wohnung knarren, während die Stimme ihres Sohnes erklang. »Das bekommst du nicht! Nein!« Martina schloss die Augen und wünschte, sie könnte noch ein wenig länger neben den Büchern knien und den Streit ignorieren. Aber nur einen Moment lang, denn tiefer als die Erschöpfung saß 18


das Wissen, dass sie als Mutter alle Auseinandersetzungen in der Familie etwas angingen. Als Martina in den Flur trat, prallte sie auf Gio, dessen sehnige Arme um seinen wertvollsten Besitz geschlungen waren: ein tragbares Radio von Motorola. Am Ende des Ganges stand Martinas Mutter mit verschränkten Armen und finsterem Blick, der besagte: Also? Er ist dein Sohn. Tu was. Was wollte Mamma denn mit Gios Radio? Sie hasste das laute Ding doch. »Gio! Sei nicht unverschämt zu deiner nonna.« In Augenblicken wie diesem konnte sie den Jungen einfach nicht George nennen, auch wenn sie darauf bestand, dass er diesen Namen in der Schule benutzte. »Ich bin nicht unverschämt zu ihr«, gab Gio zurück, »sondern zu dem Beamten.« Beamten? Ein Blick zu ihrer Mutter – die trotz der vielen Falten im Gesicht aussah wie ein Mädchen, das vor dem Essen Plätzchen genascht hat – verriet ihr, dass Gios Worte einen wahren Kern hatten. »Geh in dein Zimmer«, befahl Martina scharf. »Pack deinen Koffer zu Ende. Ohne das Radio.« Widerwillig rückte er mit einem letzten flehenden Blick den Apparat heraus, bevor Martina ihn wegscheuchte und ihre Aufmerksamkeit ihrer Mutter widmete. »Was verschweigst du mir, Mamma?« »Calmati.« Mamma eilte den Flur entlang und Martina folgte ihr in die Küche, wo unter Angela Bianchinis hölzernem Kochlöffel wahre Wunder geschahen. »Gestern war ein netter junger Mann hier, der mir gesagt hat, wo ich mich registrieren lassen kann. Er hat auch gesagt, ich soll mich nicht zu weit von zu Hause entfernen, und ich muss alle Kameras und Radiogeräte abgeben. Das ist alles.« Mit jeder Ergänzung drückte Martina das Radio fester an sich. »Siehst du? Habe ich es dir nicht gesagt? Davor habe ich Angst.« 19


»Du hast doch vor allem Angst, figlia mia.« Mamma blieb stehen und tätschelte Martinas Schulter, so als wollte sie ihre Kritik entschärfen. »Sie wollen sicher sein, dass ich keine Spionin bin, und das kann ich verstehen. Ich bin schließlich keine amerikanische Bürgerin wie du.« »Und was kommt als Nächstes? Wenn du erst einmal registriert bist, stecken sie dich vielleicht ins Gefängnis.« »Du – wie sagt man noch mal …?« Sie schnipste mit den Fingern und lächelte dann stolz. »Übertreibst. Das hier ist nicht der Rote Sommer.« Der Schauer, der Martina über den Rücken lief, war so kurz, dass es ihr gelang, die Erinnerungen an ihre Kindheit aufzuhalten, die sich in ihre Gedanken drängten. »Sag nicht, es könnte nicht passieren, Mamma. In den Zeitungen wird die Regierung aufgefordert, die Japaner zu deportieren – sogar solche, die eingebürgert sind. Als Nächstes könnten sie es auf uns abgesehen haben.« Mamma stieß einen verächtlichen kehligen Laut aus. »In Amerika gibt es viel zu viele Italiener. Hunderttausende.« »Aber Mamma …« Martina schaltete auf ihre Muttersprache um, für den Fall, dass die Kinder lauschten. Rosa und Gio konnten etwas Italienisch, aber in der Schule sprachen sie meist Englisch, Gott sei Dank. »Ich kann dich jetzt nicht allein lassen. Wir bleiben noch ein, zwei Monate, um sicher zu sein, dass alles in Ordnung ist.« Mammas Finger erstarrten auf der Küchenzeile, wo sie einen ungeduldigen Rhythmus getrommelt hatten. Dann blickte Martinas Mutter auf und ihr Blick war ruhig und entschlossen. »Meine Tür wird dir immer offen stehen, Tochter. Aber du musst dein eigenes Leben führen, und nicht hier. Dort hast du eine Arbeit, die gut bezahlt wird, und ein eigenes Zuhause. Einen sicheren Ort, wo …« Sie zuckte mit den Schultern, ohne den Satz zu beenden, aber Martina wusste, was der gesenkte Blick bedeutete. 20


Wo er dich nicht finden kann. Deshalb hatte sie sich in Maine eine Arbeit gesucht anstatt in einer der vielen Rüstungsfabriken, die in Boston aus dem Boden schossen. Ein Neuanfang. »Das wünsche ich mir für dich, Tochter. Es wird keine Schwierigkeiten geben.« Sie musste fragen. »Und was ist, wenn doch?« Mamma zögerte nur einen Augenblick. »Wenn, dann will ich, dass ihr – die Kinder und du – weit weg seid.« Martina ergab sich in die kraftvolle Umarmung ihrer Mamma, als Trost gegen den Kummer, die Angst und das Wissen, dass trotz aller Bücher, die sie zurücklassen musste, um nach Maine zu gehen, die Heldin, die sie am meisten vermissen würde, ihre Mutter war.

ӥ Louise Cavendish 1. Februar 1942 Derby, Maine Lautes Gebell weckte Louise Cavendish in den frühen Morgenstunden, am Tiefpunkt der Ebbe, die einen fauligen Geruch zurückließ. Alle schläfrige Benommenheit verflog, als Louise sich aufsetzte. Jeeves, ihr Schäferhund, mochte tagsüber das eine oder andere Eichhörnchen verscheuchen, aber nachts schlug er schon seit Langem nicht mehr an. Louise zog ihren gesteppten Morgenmantel und ihre Hausschuhe an und eilte die Treppe hinunter. Jeeves war nur ein Schatten vor der Haustür, sein muskulöser Körper angespannt. Er knurrte eine Warnung in Richtung der Person, die auf der anderen Seite der Tür stand. Louises Finger zögerten, bevor sie den Lichtschalter am Fuß der Treppe betätigte und der Kronleuchter die Diele erleuchtete. 21


Vaters altes Jagdgewehr hing noch immer über dem Kamin im Wohnzimmer und Delphie sorgte dafür, dass die Küchenmesser stets gut geschärft waren. Sollte sie …? Nein, wenn dies ein Eindringling gewesen war, hatte Jeeves ihn vermutlich schon verjagt. Und wenn nicht, würde eine Frau in den Fünfzigern, die Mühe hatte, ein Fleischerbeil zu schwingen, es auch nicht tun. Jeeves winselte und sprang an der Tür hoch, während er Louise mit flehendem Blick ansah. »Ruhig, mein Junge«, besänftigte sie ihn, während sie durch das Fenster in den Garten der Sommerresidenz ihrer Familie hinausspähte – ein schlichter Rasen, umgeben von den schweren Schatten der Büsche und der drei Nebengebäude. Und dann hörte sie es: einen entfernten erschütternden Knall, der gleich darauf von neuerlichem Bellen übertönt wurde. Deutsche Bomben? Hatten Hitlers Truppen es so kurz nach der Kriegserklärung wirklich gewagt, Amerikas Küste anzugreifen? Aber nein, das Geräusch kam eindeutig aus östlicher Richtung und das Einzige, was östlich der Klippen von Windward Hall lag, war das Meer. »Das sind nur Wasserbomben.« Louise bückte sich und versuchte, ihren aufgebrachten Hund zu beruhigen. »Sie haben ein deutsches U-Boot gefunden und Flugzeuge schießen es ab.« Obwohl immer noch die Gefahr bestand, dass sie zu spät gekommen waren und das U-Boot wieder untergetaucht war, um amerikanische Tanker und Frachtschiffe zu zerstören. Wie Delphie bei dem Lärm, den ein Schäferhund im Alarmzustand machte, weiterschlafen konnte, war Louise ein Rätsel, auch wenn die ältere Frau schwerhörig war, aber Delphie kam nicht aus ihrem Zimmer, um zu sehen, was los war. Als keine weiteren Explosionen ertönten, setzte Jeeves sich schließlich. »Guter Junge«, flüsterte Louise und fuhr mit der Hand über den Hals des Hundes. Wie immer war er derselben Meinung und freute sich über das Lob. Weil es plötzlich wieder still war, hatte er 22


offensichtlich beschlossen, dass er ganz allein die Gefahr gebannt hatte. Vielleicht hatten die amerikanischen Flieger das verräterische Öl an die Wasseroberfläche steigen sehen und würden jetzt den nächsten angeberischen Zeitungsbericht auslösen, der mit der Raffinesse eines Groschenromans auf den Titelseiten prangte: ONKEL SAM HAT WIEDER ZUGESCHLAGEN! und: U-BOOTKATASTROPHE VERHINDERT. Aber Louise wusste auch, dass die U-Boote Dutzende von amerikanischen Schiffen mit wertvoller Ladung – und die Seeleute, die darauf arbeiteten – in den kalten Fluten versenkten. Noch ein Grund, warum ganz normale Bürger aufstehen und sich nützlich machen mussten. Das Motto des Roten Kreuzes kam Louise in den Sinn: Im Krieg Nächstenliebe. Es war Jahre her, dass sie daran gedacht hatte, seit damals das verhängnisvolle Telegramm von Vater gekommen war, das sie davon abgehalten hatte, sich im Großen Krieg zum Dienst als Krankenschwester zu melden. Und jetzt war sie mindestens zehn Jahre zu alt und konnte auch in diesem Krieg nichts tun. Hör auf zu schmollen, schalt sie sich selbst, wie sie es immer beim ersten Anflug von Selbstmitleid tat. Wenn überhaupt, sollte diese Sache dich daran erinnern, dass es auch hier Arbeit gibt. Louise hatte beinahe ein Vierteljahrhundert Zeit gehabt, um sich an das Unbehagen zu gewöhnen, als ältere unverheiratete Frau allein in einem großen Haus zu wohnen – jedenfalls allein, wenn man ihre Köchin Delphie nicht zählte. Noch nie zuvor hatte Louise sich in Windward Hall bedroht gefühlt. Daran war der Krieg schuld, vermutete sie. Man konnte sich nicht einmal in den eigenen vier Wänden sicher fühlen, selbst wenn die wichtigsten Kriegshandlungen auf der anderen Seite des Ozeans stattfanden. Und jetzt hatte der Krieg sogar die Küste des friedlichen Ortes Derby erreicht.

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2 Avis 2. April Als die Wanduhr in der Geschichtsabteilung bis 3 Uhr weitergetickt war, seufzte Avis und starrte wehmütig auf das schlichte schwarze Notizbuch, das unter dem Tresen lauerte. Nur drei Einträge heute. Das war wenigstens etwas. Seit sie den Büchereikunden gesagt hatte, sie sollten ihr ihre Wünsche nennen und am nächsten Tag wiederkommen, waren es manchmal ein halbes Dutzend Einträge oder mehr gewesen. Wie hatte Anthony das alles geschafft? Nun, er hatte einen Abschluss in Bibliothekswesen gehabt und zwei Mitarbeiterinnen, dachte Avis mürrisch. Von mir mal ganz abgesehen. Gut, dass es ein zuverlässiges Sachgruppenverzeichnis gab. Ohne den Papierkatalog, in dem sie suchen konnte, wäre sie gleich in der ersten Arbeitswoche aufgeflogen, weil ihr die fast unheimliche Gabe ihres Bruders fehlte, für jede noch so obskure Anfrage das richtige Buch zu finden. Sie überflog ihre ordentlichen Eintragungen, die sie immer pflichtbewusst vornahm, sobald der Kunde gegangen war. Mr Watson möchte eine Biografie, um herauszufinden, wie viel von Sein letztes Kommando auf wahren Begebenheiten beruht. Hat mir daraufhin die komplette Filmhandlung erzählt. Mrs Bell sucht ein Buch, das sie als Kind gelesen hat. Titel und Autor unbekannt, aber es hatte »ungefähr 50 Seiten und das berühmte Gemälde von George Washington auf dem Einband«. 24


Carole Stevenson will ein Buch, das einem jungen Mädchen klarmacht, wie dumm Faulheit ist. Habe nicht gefragt, ob es für das Kind ist, das gleich neben dem Schild »Kaugummi verboten« an der Wand lehnte und eine riesige Kaugummiblase platzen ließ. Fang mit dem Einfachsten an. Eine kurze Suche im Katalog ergab, dass es mehrere Bände über George A. Custer und die Schlacht am Little Bighorn gab, und Avis zog diejenigen mit den abgenutzten Buchrücken heraus, weil sie daraus schloss, dass sie von mehreren Personen gelesen worden waren. Sie blätterte ein wenig in den Büchern und verglich den Text mit dem Filmplakat. Vermutlich würde Mr Watson enttäuscht sein, wenn er erfuhr, dass Errol Flynns Darstellung nicht ganz korrekt gewesen war. »Offenbar ist hier nicht allzu viel los, wenn die Bibliothekarin Zeit hat, zum Vergnügen in den Büchern zu stöbern.« Die plumpe Anschuldigung ließ Avis so plötzlich herumfahren, dass das oberste Buch auf dem Stapel zu Boden fiel. Miss Cavendish war plötzlich aufgetaucht, einen Korb in der Hand. Das grau werdende Haar hatte sie streng zurückgesteckt und unter einem schwarzen Hut versteckt, der seit mindestens zehn Jahren unmodern war. »Ich habe nicht … ich meine … w-was machen Sie hier?«, stammelte Avis. »Soweit ich weiß, ist dies die Cavendish-Privatbücherei.« Der strenge Blick, den sie Avis zuwarf, war eine fast perfekte Nachbildung des Porträts, das über den Biografien hing und ihren Vater und den Gründer der Bücherei, Luther Cavendish, zeigte. »Tut mir leid. Ich dachte nur …« Genau genommen sollte sie besser nicht sagen, was sie dachte: dass Miss Cavendish sich außerhalb ihrer monatlichen Inspektionen eigentlich nie die Mühe machte, einen Fuß in die Bücherei zu setzen. 25


Atmen. Lächeln. Die Führung übernehmen. Schließlich hatte sie schon seit Wochen mit Miss Cavendish sprechen wollen. »Miss Cavendish«, begann sie, »wie Sie vielleicht bemerkt haben, komme ich mit der Arbeit kaum hinterher. Bei den reduzierten Öffnungszeiten …« »Das sind die Zeiten, die das für die öffentliche Sicherheit zuständige Komitee für sinnvoll hält, wenn es um erleuchtete Gebäude geht«, gab Miss Cavendish zurück. »Wir müssen alle für den Schutz unseres Landes unseren Beitrag leisten. Das ist nun einmal nicht zu ändern.« Das war die Antwort, die Avis vorhergesehen hatte, obwohl nur wenige andere Geschäfte sich an die Richtlinien hielten. »Wenn ich wenigstens noch eine andere Mitarbeiterin haben könnte … jemanden, der beim Einräumen und beim Katalogisieren hilft.« Die ältere Frau runzelte die Stirn. »Haben Sie nicht schon einen Assistenten?« Konnte sie das wirklich vergessen haben? Dabei hatte sie es ihr schon zweimal erzählt. »Arlo ist vor sechs Wochen zur Marine gegangen.« Vielleicht war das Zucken in Miss Cavendishs Gesicht ja ein gutes Zeichen. Aber es konnte auch sein, dass sie nur ein Niesen unterdrückte. Wer konnte das schon sagen bei einer Frau, die genauso versteinert war wie die Caesar-Büste in der Geschichtsabteilung? »Ich werde darüber nachdenken«, sagte Miss Cavendish schließlich. »Können Sie mir jetzt helfen, die Stühle für die Versammlung zu stellen?« »Welche Versammlung?« Avis führte genau Buch über Veranstaltungen in der Bücherei – von denen es momentan nicht viele gab – und für diesen Nachmittag stand eindeutig nichts im Kalender. »Vielleicht habe ich vergessen, es Ihnen zu sagen. Die Frauengilde strickt alle zwei Wochen donnerstags für das Rote Kreuz und dort, wo wir uns sonst treffen, in der Stadthalle, werden gerade die Rohre neu verlegt.« 26


»Ich verstehe.« Avis blickte reumütig zu dem alten Mr Hanson hinüber, der vornübergebeugt am Tisch bei den Lexika saß und für seine Lektüre von Texten über die Flora und Fauna des Bundesstaates Maine absolute Ruhe brauchte. Die Frauengilde würde alle Büchereikunden verjagen, aber das schien Miss Cavendish, wie immer, gleichgültig zu sein. »Wir haben zusätzliches Material«, sagte Miss Cavendish und holte einige Knäuel mit Wolle in schrecklich langweiligen Farben aus ihrem Korb. »Vielleicht wollen Sie uns Gesellschaft leisten?« Theoretisch war es eine Frage. Die sie verneinen konnte. Aber in Wirklichkeit war es das natürlich nicht, also gab Avis die korrekte Antwort. »Es wäre mir ein Vergnügen.« Wenn dieses Treffen dazu führte, dass sie verspätet nach Hause kam und Essen kochte … Nicht, dass Russell sich beschweren würde. Es war nur so, dass er in letzter Zeit schrecklich schlechte Laune hatte. Da konnte sie wenigstens einen dampfenden Eintopf auf dem Tisch stehen haben, wenn er von der Bank nach Hause kam. Doch Avis blieb nichts anderes übrig, als für ein halbes Dutzend Frauen, die nach und nach mit den neuesten Gerüchten eintrudelten, die Gastgeberin zu spielen. Das Stricken und Tratschen der Frauen nahm bald so an Fahrt auf, dass Avis kaum mitkam: Es ging darum, welche Desserts man mit der bevorstehenden Zuckerrationierung noch zubereiten konnte; Louise hatte angeblich vor Kurzem einen verwundeten Veteran als Gärtner eingestellt; man fragte sich, ob es in diesem Sommer wohl ein Feuerwehrfest geben würde. Kriegsnachrichten, Klatsch und Tratsch sowie Haushaltstipps bunt durcheinander, während sie mit ihren Händen Schals und Socken anfertigten, um sie nach Übersee zu schicken. Vielleicht könnte ja eine von ihnen helfen. Dieser Gedanke ließ Avis im Stricken innehalten. Sie war nicht geübt darin und so sah der Schal auch aus. Vielleicht. Immerhin hatten diese freiwilligen Helferinnen insgesamt mehr als ein Jahr27


hundert Eheerfahrung, verglichen mit ihren eigenen anderthalb Jahren. Seit Wochen durchsuchte Avis die Frauenzeitschriften nach einer Idee, wie sie ihren Ehemann, der von der Armee als untauglich ausgemustert worden war, wieder aufmuntern konnte. Aber es gab einfach keine Artikel zu diesem Thema. Trotzdem war es ihre Aufgabe, dafür zu sorgen, dass Russell wieder lächelte. Wenn ihr nur jemand sagen könnte, wie sie das anstellen sollte. Kurz nachdem Anthony seine Grundausbildung antreten wollte, war Russell wutschnaubend von der Rekrutierungsstelle zurückgekehrt. »Als würde ein bisschen Atemnot einen ›untauglich‹ machen«, hatte er geknurrt. Sie hatte alles getan, was eine Ehefrau tun konnte: ihn getröstet und besänftigt und darauf hingewiesen, dass mit Asthma nicht zu spaßen war. Weder Trost noch logische Argumente hatten geholfen. Erst an diesem Morgen hatte er die Zeitung wie einen Schutzschild hochgehalten und gemurmelt: »Mein Land braucht mich, Avis. Und es ist der Regierung nicht einmal klar.« »Ich brauche dich auch, Russ«, hatte Avis erwidert. Aber er hatte sich hinter seiner Zeitung verschanzt und ihr gar nicht geantwortet. Avis tat so, als müsste sie einen Knoten aus ihrem Wollknäuel entfernen, und nutzte die Gelegenheit, die anderen Frauen zu beobachten. Die meisten kannte sie schon seit ihrer Kindheit, manche allerdings nur flüchtig. Was sollte sie nur tun? Gerade unterhielten sich die Frauen darüber, was man am besten gegen Läuse unternimmt, wenn sie die Blumen befallen. Sie müsste die Aufmerksamkeit auf ein anderes Thema lenken und ihnen sagen: »Mein Mann ist furchtbar deprimiert, weil die Armee ihn nicht genommen hat. Was soll ich machen?« Doch das gehörte sich einfach nicht. Sie würde allein damit klarkommen müssen.

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3 Louise 7. April Louise Cavendish hatte sich eine Viertelstunde lang tapfer bemüht, aber selbst die allergrößte Willenskraft musste sich irgendwann dem Unvermeidlichen geschlagen geben. Sie gähnte. Der Mann, der ihr gegenübersaß, schien es nicht zu bemerken. »… und durch den steigenden Bedarf in Kriegszeiten hat unsere Rohlingproduktion sich beinahe verdoppelt.« Milton Hanover zupfte an seinem maßgeschneiderten Anzug und sah sich in seinem Büro mit der gleichen Selbstzufriedenheit um, die sie schon bemerkt hatte, als sie ihm im Alter von einundzwanzig Jahren zum ersten Mal vorgestellt worden war. »Rohlinge sind, wie Sie wissen …« »Die metallenen Gussstücke, die für die Endfertigung in der Maschinenhalle benötigt werden. Ja, das weiß ich.« Sie musterte Mr Hanovers runde Nase. Als Reaktion auf ihren Einwurf sah er sie mit glasiger Miene an und blinzelte mit den Augen. Er musste nicht wissen, dass Louise vor ihrem Treffen in einem Buch über Gießereien und die Herstellung von gusseisernen Teilen geblättert hatte. »Auch wenn es … faszinierend ist, etwas über den Bristol-Banks-Prozess zu erfahren – darf ich vorschlagen, dass wir uns die Fertigungshalle mit eigenen Augen ansehen?« Mr Hanover räusperte sich, als könnte er so eine Ausrede finden, um in seinem mit Eichenholz getäfelten Büro zu bleiben. »Ich weiß Ihr Interesse an unserer Gießerei zu schätzen, Miss Cavendish, aber ich fürchte, wir haben keine angemessene Schutzausrüstung.« »Ich dachte, der Industriestandard für Gießereiarbeiterinnen 29


schreibe vor, die Haare hochzustecken, geschlossene Schuhe zu tragen und weite Ärmel zu vermeiden.« Louise streckte schwungvoll die Ellbogen vor. »Ich bin bestens ausgerüstet, wie Sie sehen.« Mr Hanovers Blick wanderte nach unten, um sich davon zu überzeugen, dass sie angemessenes Schuhwerk trug, dann sah er mit resignierter Miene auf. »Wenn das so ist, wird ein kurzer Blick in die Fabrik die Arbeiterinnen wohl nicht ungebührlich stören.« Nachdem sie die Straße überquert und die Gießerei betreten hatten, verstand Louise, warum Mr Hanover keine Führung vorgeschlagen hatte. Auch wenn es sich nicht um einen der schlimmsten Betriebe handelte, gegen die Louise in jüngster Zeit gekämpft hatte, war es in der Gießerei heiß, laut und hässlich. An den unverputzten Backsteinwänden, deren Mauerwerk stellenweise verrußt war, reihte sich ein Metallregal ans andere. Daran lehnten baufällige Kisten, aus denen Metallstangen ragten. Louise konnte den Sand unter ihren Füßen fühlen. Sicher fegten sie zwischen den Schichten einmal durch, aber im Moment ähnelte der Boden dem Strand von Pemaquid Point – allerdings ohne das friedvolle Meer, den Leuchtturm und die Schönheit der Natur. Die Mitte der Fabrikhalle war ein Labyrinth aus grob unterteilten Arbeitsplätzen auf beiden Seiten eines Fließbandes. In der Mitte jeder Station stand ein Eimer mit Werkzeug und daneben etwas, das Louise als metallene Formen identifizierte. Die Stationen waren mit jeweils zwei Personen bemannt – oder vielleicht sollte man besser befraut sagen, wenn man berücksichtigte, dass die meisten Arbeitskräfte hier weiblich waren. Sie griffen in die Kisten, holten mit den Händen dunklen Sand heraus und füllten ihn in die Formen, jede Bewegung präzise und geübt. »Das hier ist Sand«, ertönte Mr Hanovers Singsang neben ihr, als hätte sie die Substanz wegen der Verfärbung nicht erkannt. »Ja, gemischt mit Öl und Getreidemehl, um ihn formbar und unbiegsam zu machen.« 30


Wieder ein Schnauben. »Äh, ja.« Er räusperte sich. »Diese Kernstücke werden in Gussformen geschoben, um Hohlräume und Einbuchtungen zu schaffen, bevor das geschmolzene Metall hineingegossen wird.« Dieser letzte Satz wurde mit weniger Überzeugung geäußert, so als erwartete Mr Hanover, dass sie auch das bereits wusste. Und das tat Louise auch. Aber da er jetzt nicht mehr so herablassend sprach, ließ sie den Vortrag unkommentiert. »Was wird im Moment hergestellt?« »Aluminiumrohlinge für Bomber.« Lieutenant Frederick Keats, ihr neuer Gärtner, würde erfreut sein, das zu hören. Louise hatte ihn erst vor zehn Tagen eingestellt, aber schon jetzt war klar, dass die meisten ihrer Gespräche sich um seine Vergangenheit als Luftwaffenpilot drehten und jede Aufgabe mit irgendeiner Fliegertätigkeit verglichen wurde. »Wir sind mit unseren weiblichen Angestellten mehr als zufrieden, auch mit den neuen.« Mr Hanover steuerte auf die Tür zu. »Als wir ein Drittel unserer Arbeiter gleich nach dem Angriff auf Pearl Harbor verloren haben, sah es nicht gut aus. Aber wir haben festgestellt, dass die schlanken Finger von Frauen für viele Aufgaben sehr gut geeignet sind …« Während er weitersprach, offenbar in der Hoffnung, sie mit seinem Monolog von der Fabrikhalle loszureißen, blieb Louise stehen, gebannt von den rhythmischen Metallgeräuschen, mit denen die Arbeiterinnen auf die Formen klopften und daraufhin verschieden große Gusskerne aus festem Sand zum Vorschein kamen, die anschließend auf Metalltabletts auf den Fließbändern hinter ihnen gestellt wurden, damit sie weiterverarbeitet werden konnten. Hier war das überwältigende Kreischen der Maschinen aus anderen Teilen des Gebäudes nur gedämpft zu hören, so wie der Klang entfernter Schlachten. Und in gewisser Weise war es ja auch eine Schlacht. Die Schlacht der Produktion, um die amerikanische Industrie einzuspannen und vertane Zeit wiedergutzumachen. 31


Louise wandte sich ab und ging durch den Raum, in dem der Sand gemischt und abgefahren wurde. Dann trat sie durch massive Metalltüren wieder ins Tageslicht. Den ganzen Weg zu seinem Büro, in das er Louise schließlich schob, plapperte Mr Hanover. Sie glaubte, ein erleichtertes Seufzen zu hören, als die Tür ins Schloss fiel. Louise nahm wieder auf dem Ledersessel Platz, und als sie tief Luft holte, atmete sie statt Öl und geschmolzenem Roheisen Holzpolitur und Zigarrenrauch ein. Ihr gegenüber betupfte Mr Hanover mit einem Taschentuch seine Schläfen. Louise griff in ihre Handtasche und zog ein Scheckbuch heraus. »Es freut mich zu hören, dass die Produktion mit den Regierungsaufträgen gut läuft. Aber ich bin keines Ihrer Vorstandsmitglieder. Ich bin hier, um etwas für Ihre Fabrik zu spenden. Sagen Sie mir also nicht, was Sie erreicht haben. Erzählen Sie mir lieber, was Sie brauchen.« Sie wusste, dass das unhöflich war. Menschen betrachteten sich ungern als bedürftig, aber mit subtilen Hinweisen oder schicklich formulierten Sätzen ging man den Dingen nicht auf den Grund. Tatsächlich wand sich Mr Hanover sichtlich, als würde alles, was er sagte, an seine Konkurrenten weitergeleitet, sobald Louise wieder in Windward Hall war. »Wie ich schon sagte, sind die meisten offenen Stellen inzwischen besetzt. Die Kantine ist gut gefüllt. Und wir sind dabei, das Problem der fehlenden Unterkünfte und Transportmittel für unsere Arbeiterinnen zu lösen.« Louise seufzte und klappte ihr Scheckbuch geräuschvoll wieder zu. Mr Hanover erstarrte, wie Louise es vorhergesehen hatte. »Aber etwas gibt es tatsächlich. Die Kinder.« Sie zog eine Augenbraue hoch. »Ich mag Kinder nicht besonders, Mr Hanover.« »Und trotzdem haben Sie früher viele Jahre damit zugebracht, für striktere Gesetze gegen Kinderarbeit zu kämpfen.« Daran konnte er sich natürlich erinnern. Wahrscheinlich hat32


te Louise ihn mit dieser Kampagne zu Tode gelangweilt, als ihr Vater ihn in ihre Sommerresidenz eingeladen hatte. Aktivismus, hatte sie herausgefunden, war eine hervorragende Methode, um potenzielle Verehrer abzuschrecken, denn er roch nach Unabhängigkeit, Entschlossenheit und anderen wenig sittsamen Eigenschaften. »Das ist etwas ganz anderes. Wohltätigkeit ist eine Pflicht, während Zuneigung ein Gefühl ist.« »Vermutlich wissen Sie gar nicht, wie wahr das ist.« Louise runzelte die Stirn angesichts des veränderten Tonfalls, aber was auch immer diese kryptische Bemerkung bedeutete – Mr Hanover sprach schnell weiter und erläuterte seine Idee. Viele Arbeiterinnen in der Gießerei hatten Kinder, die zu klein waren, um sie unbeaufsichtigt zu lassen, und manche hatten keine Angehörigen, die sich um die Kinder kümmern konnten. »Witwen zum Beispiel oder Frauen, deren Ehemänner im Krieg kämpfen«, fügte er schnell hinzu, als wollte er Louise davon überzeugen, dass es sich um unbescholtene Frauen handelte. In der Fabrikhalle arbeiteten keine geschiedenen oder unverheirateten Mütter – das kam nicht infrage. Größere Fabriken würden Kindergärten und Tagesstätten einrichten, fuhr Mr Hanover fort, aber Bristol-Banks hätte nicht diese finanziellen Möglichkeiten. »Sollten die Behörden dann nicht für die Kinderbetreuung sorgen?«, fragte Louise. »Oh, das haben sie sicher vor. Irgendwann einmal, wenn sie die Probleme mit der Kanalisation, dem Brandschutz, der Polizei und tausend andere Dinge gelöst haben, die in einer aufstrebenden Industriestadt an der Tagesordnung sind.« Mr Hanover legte die Fingerspitzen aneinander, die Ellbogen auf einen Stapel Dokumente gestützt, und lächelte wieder, jetzt, wo er sich erneut einem Monolog hingegeben hatte. »Es wird Jahre dauern, bevor die Behörden Zeit haben, sich um werktätige Mütter zu kümmern. Und wie viele ihrer kleinen Kinder werden in der Zwischenzeit vernachlässigt?« 33


Es wirkte melodramatisch, aber wenn auch nur die Hälfte der Gerüchte, die sie über die überfüllten Wohnwagenlager am Stadtrand gehört hatte, der Wahrheit entsprach, gab es hier vielleicht doch einen echten Bedarf. »Also gut.« Sie schlug ihr Scheckbuch wieder auf und nahm ihren besten Füllfederhalter zur Hand, den mit den Elfenbeinintarsien. »Was wäre denn eine ausreichende Summe?« Er hob warnend einen Finger. »Also, das ist das Problem. Wir brauchen kein Geld – oder jedenfalls nicht nur Geld. Die einzigen Wohltätigkeitsorganisationen vor Ort platzen aus allen Nähten und können kein weiteres Kind mehr aufnehmen. Was diese Frauen brauchen, ist ein eigener Kindergarten, und dafür brauchen sie ein Gebäude, Personal, Verwaltung – kurz, jemanden, der das ganze Projekt organisiert. Im besten Fall ab Beginn des neuen Jahres.« Louises Hände erstarrten auf dem Schreibtisch. Plötzlich ging es um etwas ganz anderes. »Das ist viel verlangt von einer unverheirateten, kinderlosen Frau.« Was wusste sie mit ihren dreiundfünfzig Jahren schon davon, wie man eine Kinderkrippe ins Leben rief? Diesmal stammelte Mr Hanover nicht verlegen herum, das musste sie ihm lassen. Er zog nur leicht herausfordernd eine Augenbraue hoch. »Ich dachte, mit Ihren Beziehungen …« Als Geschäftsmann ging er natürlich davon aus, dass eine Erbin wie sie im Laufe eines einzigen Nachmittags ein Gebäude und Personal für einen Kindergarten beschaffen konnte, oder wenigstens nachdem sie eine Wohltätigkeitsgala veranstaltet hatte. Aber sie war in Derby, der winzigen Küstenstadt, in der ihre Familie früher in den Sommerferien immer Urlaub gemacht hatte, buchstäblich eine Klasse für sich, und außerhalb dieser Stadt hatte sie auch nicht sehr viele Beziehungen. Oh, es gab noch ihren Bruder in New York, der alle fünf Jahre vorbeischaute, und ein paar Bekannte von früher, aber es war nicht so, als lebte sie in 34


einer schillernden Metropole, in der es von wohlhabenden Philanthropen nur so wimmelte. Nein, wenn die Sache in Angriff genommen werden sollte, musste Louise sich selbst darum kümmern. Wie immer. »Danke, Mr Hanover«, sagte sie und erhob sich. »Dieser Besuch war äußerst erhellend. Ich werde über Ihren Vorschlag nachdenken und Ihnen mitteilen, wie ich mich entschieden habe.« Noch während sie die übliche steife Verabschiedung mit einem Nicken begleitete, kam ihr eine Idee. Eine verrückte natürlich. Aber waren nicht die meisten Unternehmungen, die sich lohnten, verrückt?

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