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TAMERA ALEXANDER

Mit jeder kleinen

Entscheidung


Da wir nun so viele Zeugen des Glaubens um uns haben, lasst uns alles ablegen, was uns in dem Wettkampf behindert, den wir begonnen haben – auch die Sünde, die uns immer wieder fesseln will. Mit Ausdauer wollen wir auch noch das letzte Stück bis zum Ziel durchhalten. Dabei wollen wir nicht nach links oder rechts schauen, sondern allein auf Jesus. Hebräer 12,1–2a Wir säen einen Gedanken und ernten eine Tat. Wir säen eine Tat und ernten eine Gewohnheit. Wir säen eine Gewohnheit und ernten einen Lebensstil. Wir säen einen Lebensstil und ernten einen Charakter. Wir säen einen Charakter und ernten ein Schicksal. Ralph Waldo Emerson


Für Rabbi Jesus – der sich nie ändert und trotzdem alles verändert.


Kapitel 1 Freitag, 24. Mai 2019 Denver, Colorado Ich musste mich verhört haben. Das würde mir Stephen doch nicht antun. Das würde er uns nicht antun. Ich konnte es einfach nicht glauben und war wie gelähmt. Hatten wir es nach zweiundzwanzig Jahren Ehe, von denen wir die letzten zehn Jahre als bewusste Christen gelebt hatten, denn nicht weiter gebracht? Ich trat abrupt auf die Bremse meines SUV und kam nur wenige Zentimeter hinter dem roten Kleinwagen zum Stehen, der vor meiner bulligen Motorhaube kaum noch zu erkennen war. Ich winkte entschuldigend und die Jugendliche mit Pferdeschwanz reagierte mit einer allzu bekannten Handbewegung. Meine Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. »Claire. Bist du noch dran?« Tief durchatmen, hatte der Therapeut gesagt. »Ja, aber … ich glaube, du warst eine Sekunde weg.« Ich wollte, dass er diesen Satz wiederholte. Eine unfaire Taktik, zugegeben, die ich viel zu oft anwandte. Aber ich fühlte mich wie im freien Fall. Stephen seufzte. »Du weißt ganz genau, was ich gesagt habe, Claire. Lass dieses Spiel. Das haben wir doch hoffentlich hinter uns.« »Ich habe nur gefragt, was …« »Warte bitte kurz, Schatz.« Gedämpfte Stimmen – eine davon war Stephen, die andere kannte ich nicht. »Klar«, sagte ich zähneknirschend und fühlte mich abserviert wie einer seiner Prozessgegner vor Gericht. Ich starrte durch die Windschutzscheibe meines Lexus. Erst 7


vor Kurzem hatte Stephen ihn mir geschenkt – in meinen Augen ein klarer Versuch, seine Schuldgefühle loszuwerden. Ich kroch im dichten Mittagsverkehr im Schritttempo weiter, während ich mich fragte, ob er immer noch im Hilton in Atlanta war. Es sah ihm so ähnlich, diese Taktik des fairen Streitens anzuwenden. Ich hasste es, in ein Verhalten zurückzufallen, das ich längst hätte ablegen sollen, aber manchmal wollte ich immer noch am liebsten die Boxhandschuhe anziehen und auf ihn einschlagen. Die köstlich scharfen Antworten, die mir auf der Zunge lagen, wurden beißend. Natürlich wünschte ich mir unsere ersten Ehejahre nicht zurück – diese ständigen Machtkämpfe, dieses übertriebene darauf Pochen, dass wir quitt waren, dass alles fair und gerecht zuging. Diese Frau wollte ich nicht mehr sein. Tränen schossen mir in die Augen. Gott verwandelte mich langsam und unter Schmerzen in sein Ebenbild, auch wenn die Ähnlichkeit bis jetzt nur sehr schwach zu erkennen war. Er hatte mich aus dem Egoismus und Stolz herausgeführt, die meine Liebe zu Stephen beinahe erstickt hatten. Trotzdem gab es immer noch Momente, in denen mich die Boxhandschuhe zu einer weiteren Runde im Ring anstacheln wollten. Ich schloss kurz die Augen, um diesem Drang zu widerstehen. »Okay, Schatz. Ich bin wieder da.« Ich wartete auf mehr, aber offenbar erwartete Stephen von mir eine Antwort. Es kostete mich meine ganze Kraft, trotz des Schmerzes, der mir die Kehle zuschnürte, zu atmen. »Claire, hör zu … es tut mir leid. Ich weiß, dass du darüber nicht glücklich bist.« Er sprach langsam, jedes Wort war gut überlegt. »Aber ich habe das Angebot der Kanzlei in Atlanta vor einer Stunde mündlich angenommen. Ich kann Partner werden. Unterschrieben ist noch nichts. Aber ist dir klar, was das für mich bedeutet? Für uns?« Ich konnte mir den durchdringenden Blick seiner blaugrauen Augen, bei denen meine Knie immer noch weich wurden, gut vorstellen. Das fortgeschrittene Alter, in dem er jetzt war, stand ihm 8


gut. Sein freundliches Wesen und sein trockener Humor erhöhten den Reiz zusätzlich. Es war nicht überraschend, dass ich nicht die einzige Frau war, die diese Eigenschaften attraktiv fand. Bei Weitem nicht. Ich hatte mich an die interessierten Blicke gewöhnt, die Stephen auf sich zog. Aber ich hatte ihm immer blind vertraut – bis er mir einen Grund gegeben hatte, das nicht mehr zu tun. »Bist du noch dran, Claire?« Ich blinzelte, um das Bild, das immer noch viel zu häufig in meinem Kopf auftauchte, zu verdrängen. »Ja, ja, ich bin da.« Und ich habe vor, auch hierzubleiben. »Stephen, bitte, bevor du etwas unterschreibst …« »Hör zu, mein Taxi müsste jeden Moment hier sein. Ich dürfte gegen sieben zu Hause sein. Dann sprechen wir darüber.« Er hielt kurz inne. »Okay, Schatz?« Ich bog auf den Parkplatz der Innenarchitekturfirma Schaffer & Partner. Janine, die jüngste Innenarchitektin im Team, winkte, während sie ihre hübschen Beine in ihr kleines Coupé faltete. Dann warf sie mir einen vielsagenden Blick zu. Diesen Blick verstand ich sofort. Meine Augen wanderten über den Parkplatz. Patrice Yanceys weißer Tesla. Ich biss die Zähne zusammen. Patrice war ungewöhnlich früh hier. »Ja, okay«, sagte ich schließlich, um das Gespräch zu beenden. »Ich habe dich diese Woche vermisst, Claire. Ich wünschte, du hättest mitkommen können.« Plötzlich wünschte ich das auch, da ich dann diese Entscheidung vielleicht hätte verhindern können. »Das ist ein riesiger Schritt für mich, Schatz. Für uns beide. Und ich finde, er kommt genau zum richtigen Zeitpunkt. Das glaube ich wirklich.« »Aber warum Atlanta?«, fragte ich mit mehr Bitterkeit in der Stimme, als ich beabsichtigt hatte. »Von den ganzen Möglichkeiten, die dir offenstehen. Du weißt, wie ich zu dieser Stadt stehe. Und zum Süden ganz allgemein.« 9


Er gab keine Antwort und ich fragte mich schon, ob er mich gehört hatte. »Weil es weit weg ist von der Welt, in der wir jetzt leben«, antwortete er schließlich. »Ich brauche diesen Neuanfang. Den brauchen wir beide.« Spielte er mir nur einen mitfühlenden Tonfall vor, um seine Argumentation zu unterstreichen? Ein geschickter Anwaltsschachzug. »Du erinnerst dich, was Richard vor einigen Therapiestunden gesagt hat? Ein Umzug wird uns helfen, das hinter uns zu lassen, was …« Was er mir an Weihnachten endlich gestanden hatte, überrollte mich erneut und verletzte mich wieder zutiefst und plötzlich interessierte es mich nicht im Geringsten, fair zu streiten. Was war eine Beinaheaffäre überhaupt? Man war entweder treu oder man war es nicht. Seit wann wurde Treue auf einer Skala gemessen? Und die Art, wie ich es herausgefunden hatte – durch eine Bekannte, die ich ewig nicht mehr gesehen hatte und die ich auch seitdem nicht mehr gesehen hatte. Sie hatte die beiden zusammen im Fitnessstudio gesehen, in dem Stephen Mitglied war. Die vielen Male, in denen mir Stephen erzählt hatte, er wäre beim Sport. Die Abende, an denen er angeblich ein Geschäftsessen mit einem Mandanten seiner Kanzlei gehabt hatte. Die ganzen Lügen. Er hatte mir erzählt, dass sie sich körperlich nahe gekommen seien, aber nie Sex gehabt hatten. Ich wollte ihm glauben. Aber war das auch eine Lüge? »Claire, bist du noch dran?« »Ja. Aber Stephen, Richard hat auch gesagt, dass wir diese Entscheidung gemeinsam treffen sollten. Wie kannst du dann so etwas machen, ohne vorher mit mir darüber zu sprechen?« Er atmete tief aus. »Das habe ich versucht, Claire. Du willst mir nie zuhören. Du hast klargestellt, dass du in Colorado bleiben willst. Wegen deiner Freunde, wegen deiner eigenen Karriere. Aber in zwei Wochen fährt Maggie zu diesem Sommerkurs, dann kommt der Herbst und …« »Aber sie wird uns immer noch brauchen. Aus deinem Mund 10


klingt alles so, als würden wir an dem Tag, an dem sie ans College geht, nicht mehr ihre Eltern sein.« Ich mäßigte meine Stimme. »Und was ist mit deiner Mutter, Stephen? Sie ist nicht in der Verfassung, einen Umzug zu verkraften.« Sein Schweigen fühlte sich wie ein Sieg an, aber ich war klug genug, nicht zu früh zu feiern, da ich es mit einem sehr geschickten Verhandlungspartner zu tun hatte. »Bev hat einen wunderbaren Heimplatz für Mama gefunden und …« »Du hast das mit deiner Schwester schon besprochen? Bevor du mit mir gesprochen hast?« »Das Heim ist in Savannah, gar nicht weit von ihr und Michael entfernt. Und nur vier Stunden von Atlanta. Wir beide können also problemlos hinfahren, um sie zu besuchen. Vielleicht schauen wir uns mal Charleston und Hilton Head an und lassen uns bei der Gelegenheit köstliche Meeresfrüchte schmecken.« Ich hasste die erzwungene Fröhlichkeit in seinem Tonfall und bat Gott, meine Haltung zu verändern. Ich liebte meinen Mann immer noch. Aber im Moment konnte ich ihn beim besten Willen nicht ausstehen. »Stephen, ich …« »Mein Taxi ist da. Wir sehen uns bald. Ich liebe dich.« Wieder schloss ich die Augen. »Ich liebe dich auch. Einen guten Flug.« Ich fuhr auf einen freien Parkplatz und stellte den Motor ab. Heute hatte ich die safrangelbe Veronica-Beard-Jacke angezogen, die mir Stephen gekauft hatte, da ich wusste, dass er sich darüber freuen würde. Er fand, sie sei sexy. Aber jetzt konnte ich es nicht erwarten, mich umzuziehen, sobald ich nach Hause kam.

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Kapitel 2 Mit einem eingeübten Lächeln begrüßte ich Patrice Yancey in der Lobby, die dort mit ihrem kleinen verwöhnten Pudel auf dem Schoß saß. Patrice erhob sich und von jeder nur denkbaren Stelle ihres Körpers baumelte Schmuck. Das Haar wasserstoffblond, falsche Wimpern, Haut, die zu lange in der Sonne gewesen war, und eine Liebe für Push-up-BHs, die so beängstigende Schluchten zum Vorschein brachten, dass selbst die wagemutigsten Klippenspringer das Weite suchen würden. Trotzdem konnte sie mit ihren fünfundachtzig Jahren immer noch die meisten Leute in den Wahnsinn treiben. Dazu kam ein starker Eigensinn. Diese Frau war in den sechs Jahren, seit ich für sie arbeitete, eine echte Herausforderung gewesen. Aber der Grund, warum sie ihr achthundert Quadratmeter großes Zuhause unablässig neu umgestaltete, erweichte mein Herz – und natürlich die beträchtlichen Einnahmen, die sie uns bescherte. »Claire! Die Kühlschrankfächer müssen unbedingt verändert werden. Ich habe die ganze Nacht wach gelegen und überlegt, dass sie in der Kücheninsel besser untergebracht wären. Sie hatten ja von Anfang an vorgeschlagen, dass sie dort besser wären, aber …« Ich hörte ihr zu und registrierte sowohl das, was sie sagte, als auch das, was sie nicht sagte. »… wie Sie immer betonen: Mein Haus ist eine Erweiterung von mir selbst und ich muss damit glücklich sein. Und das bin ich im Moment definitiv nicht! Aber Ihr Möbelmensch ruft nicht zurück, obwohl ich ihn gestern Abend siebenmal angerufen habe!« Sie holte Luft und ich nutzte meine Chance. »Ich kann gern den Subunternehmer für Sie anrufen und wir werden uns gemeinsam bemühen, alles zu Ihrer absoluten Zufriedenheit zu gestalten.« 12


Sie schüttelte den Kopf. »Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, ob er wiederkommt. Und ich bin auch nicht sicher, ob ich das will.« Der kleine Pudel auf ihrem Schoß knurrte, als wolle er ihr zustimmen. »Das letzte Mal hat er zu mir gesagt, dass ich mich an die Entscheidungen halten solle, die ich getroffen habe. Was für eine Frechheit! Wir brauchen jemand anderen, Claire! Heute! Jetzt!« Da ich diese reißenden Wasserschnellen schon öfter bezwungen hatte, deutete ich zum Besprechungszimmer. »Zuerst einmal sollten Sie und Beatrice es sich gemütlich machen.« Ich wandte mich an Andrew, der am Empfangspult saß. »Würden Sie Mrs Yancey bitte eine Himbeerlimonade bringen – mit drei Eiswürfeln und zwei Zitronenscheiben. Und dazu eine halbe Tasse Schlagsahne für Beatrice bitte.« Er und ich zwinkerten uns unauffällig zu. Falls der Möbelbauer das tatsächlich zu ihr gesagt hatte, musste ich ein ernstes Wort mit ihm reden. Er war sehr gefragt, aber er war auch noch jung und vielleicht noch etwas unerfahren. Eine wohlhabende Stammkundin hatte das Recht, ihre Meinung zu ändern, egal wie frustrierend das für ihn war. Ich entschuldigte mich, um die Akte von Patrice aus meinem Büro zu holen. Ich konnte es kaum erwarten, meiner Chefin, Sandra Schaffer, vom Ausgang meines Kundengesprächs von heute Morgen zu berichten. Stephen hatte nicht einmal danach gefragt, obwohl ich ihn gestern Abend am Telefon daran erinnert hatte. Ich hatte den Eindruck, dass wir beide in letzter Zeit – nun eigentlich schon seit mehreren Jahren – nebeneinanderher lebten. Aber so war es nicht immer gewesen. Früher hatte er mich zum Lachen gebracht. Wir hatten füreinander sogar kleine Postits versteckt. Wir hatten sie in Schubladen, in Schuhe und Kleidungsstücke geklebt. Ich erinnerte mich an eine Notiz, die ich beim Haarewaschen an einer Fliese entdeckt hatte. Ich musste selbst jetzt über die Worte lächeln, die Stephen damals geschrie13


ben hatte, und war dankbar, dass Maggie sie nicht gesehen hatte. Dieser Mann! Ich liebte ihn. Trotz allem, was er getan hatte. Aber ihm wieder zu vertrauen, mich ihm gegenüber wieder verwundbar zu machen – das war viel schwerer. Es war lange her, seit einer von uns dem anderen ein Post-it geschrieben hatte. Ich fand, dass er derjenige war, der wieder damit anfangen sollte. Ich nahm Patrice Yanceys Mappe und war überzeugt, dass die Kühlschrankfächer problemlos umgebaut werden konnten. Kennengelernt hatte ich Patrice einen Monat nach dem Tod ihres Mannes, mit dem sie achtundsechzig Jahre verheiratet gewesen war. Der Herzinfarkt war ohne Vorwarnung gekommen. Keine Gelegenheit, sich zu verabschieden. Irving Yancey war offenbar nachts aufgestanden, um ein Glas Saft zu trinken. Patrice hatte ihn am nächsten Morgen auf dem Küchenboden gefunden. Jetzt ließ Patrice zum dritten Mal, seit sie ihn beerdigt hatte, ihre Küche umbauen. Aber egal, was man machte – einige Bilder ließen sich nicht auslöschen. Achtundsechzig Jahre … Stephen und ich hatten erst zweiundzwanzig Jahre geschafft, und wenn sich nicht einiges deutlich änderte, konnte ich mir keine weiteren sechsundvierzig Jahre mit ihm vorstellen. Noch einmal so lange, wie ich bereits lebte? Ernüchternd. Ich wäre dann zweiundneunzig. Aufgrund der aktuellen Umstände in meinem Leben und auf der Welt war ich nicht sicher, ob ich dieses reife Alter überhaupt erreichen wollte. Das Telefon auf meinem Schreibtisch klingelte. Es war Sandra. »Wie lief der Bellingham-Termin, Claire? Du warst erfolgreich, nehme ich an?« »Ja, es lief sehr gut! Wir haben mit dem Architekten gesprochen und ich habe unterschriebene Verträge für das Haus, das Poolhaus und das Gästehaus mitgebracht. Wir haben vereinbart, die Pläne für das Bootshaus auf später zu verschieben. Angesichts des Einflusses, den die Bellinghams in dieser Stadt haben, würde 14


es mich nicht überraschen, wenn es auf dem Titelblatt von Denver Homes & Lifestyles erscheint. Es wird spektakulär!« »Ich muss Sie korrigieren, Ms. Powell. Ihr Können wird dieses Haus auf das Titelblatt bringen. Und genauso wie damals nach deiner ersten Titelstory rechne ich damit, dass uns diese Werbung neue Kunden bringen wird.« Ich lächelte bei ihrem Lob. »Können wir später weitersprechen? Mrs Yancey wartet auf mich.« »Natürlich. Kümmere dich unbedingt um unsere liebe Mrs Yancey. Und komm danach zu mir. Es ist wichtig.« »Wird gemacht.« Zu sagen, dass ich Sandra bewunderte, wäre stark untertrieben. Sie war kürzlich vom Network Journal mit dem jährlich verliehenen Preis für einflussreiche afroamerikanische Geschäftsfrauen ausgezeichnet worden und hatte Schaffer & Partner gegründet und aufgebaut. Ich war stolz, zu ihren drei leitenden Mitarbeiterinnen zu gehören, und musste mich immer noch kneifen, um glauben zu können, dass ich beruflich das machen konnte, was ich so liebte. Warum wollte sie mich sprechen? Gab es vielleicht Probleme bei der Renovierung der Patricks-Eigentumswohnung? Oder bei dem »viktorianischen Ungeheuer«, wie wir das massive Haus im Stil des 19. Jahrhunderts nannten, das die Stewarts bauten? Ich war heilfroh, dass dieses Projekt bald zu Ende war. Als ich das Büro verließ, fiel mein Blick auf den Würfel mit Post-its auf meinem Schreibtisch und ich zögerte, dann steckte ich ein paar in meine Tasche. Eine Stunde später begleitete ich eine deutlich zufriedenere Patrice Yancey in die Lobby und steuerte dann auf Sandras Büro zu. Gedämpfte Weiß- und Hellgrüntöne vermittelten eine unaufdringliche Eleganz, die das Markenzeichen von Schaffer & Partner war, eine der exklusivsten fünf Innenarchitekturfirmen der letzten sechs Jahre. Sandras Energie und Geschäftssinn machten sie zu einer ausgezeichneten Mentorin. In den letzten zehn Jah15


ren hatte ich mir zum Ziel gesetzt, von ihr so viel wie möglich zu lernen – auch wenn es ihr nicht gefiel, dass ich die modernen Gegenstände, die ein Kunde wollte, bei günstigen Ladenketten kaufte. Aber warum sollte man mehr Geld als nötig ausgeben? Schließlich hatte sie es mir widerstrebend erlaubt, nachdem ich ihr versprochen hatte, dass ich das nicht an die große Glocke hänge. Das war ein Running Gag zwischen uns geworden. In diesen Jahren waren wir auch gute Freundinnen geworden, hauptsächlich weil sie während einer hässlichen Scheidung, die sie vor einigen Jahren durchgemacht hatte, ein offenes Ohr gebraucht hatte. Aber ich bemühte mich, unsere berufliche Beziehung professionell zu halten. »Freundschaften sollten abseits des Arbeitsplatzes stattfinden«, sagte Stephen immer – ein Rat, den er selbst prompt vergessen hatte. Sandra blickte von ihrem Laptop auf, als ich ihr gegenüber Platz nahm. Sie deutete auf ihren Bildschirm. »Die Bellingham-Anzahlung ist gerade auf dem Konto eingegangen. Wirklich bemerkenswert, muss ich sagen. Du bist die beste Geschäftsfrau, die ich habe.« »Danke. Ich habe von der besten gelernt.« Mein Smartphone vibrierte. Ich ließ den Anrufbeantworter drangehen, ohne nachzusehen, wer es war. »Ich sehe in dir sehr viel von mir, Claire. Im positiven und im negativen Sinn.« Lächelnd zog sie eine Braue hoch und beugte sich vor. »Du bist meine beste und erfolgreichste Innenarchitektin. Du trittst genau so auf, wie es auf deiner Visitenkarte steht: Ruhig, kompetent und zuverlässig. Die Kunden vertrauen dir. Deshalb …« Sie stand auf und reichte mir die Hand. »… möchte ich dir eine Veränderung unseres Firmennamens ankündigen. In Zukunft heißen wir Schaffer, Powell & Partner. Wie klingt das?« »Sandra, ich-ich weiß nicht, was ich sagen soll.« Aber die eigentliche Frage lautete: Was würde Stephen dazu sagen? Ich war ziemlich sicher, dass er auf meine gute Nachricht mit genauso viel Begeisterung reagieren würde wie ich auf seine. 16


Kapitel 3 »Mama, wo warst du? Ich habe dich angerufen, ich habe dir geschrieben.« »Entschuldige, Liebes«, sagte ich, als ich wieder im Auto saß und dringend Zeit für mich allein brauchte, um Sandras Angebot zu verarbeiten. »Ich hatte den ganzen Vormittag Termine. Was ist los?« »Papa hat eine neue Stelle in Atlanta?« Na toll! Zuerst erzählte Stephen es seiner Schwester und jetzt auch noch Maggie? Versuchte er, sie alle auf seine Seite zu ziehen? »Du hast also schon mit Papa gesprochen?« »Ich habe es versucht, aber er ging nicht dran.« »Woher weißt du dann …?« »Ich habe etwas auf dem Drucker in seinem Arbeitszimmer ausgedruckt und in dem Moment kam ein Fax an. Tut mir leid, aber als ich gesehen habe, was es war, musste ich es einfach lesen.« Sie lachte und das Hupen im Hintergrund verriet, dass sie wahrscheinlich auch im Auto saß. »Was Sie ihm zahlen wollen, ist wirklich krass viel Geld!« Ich biss mir auf die Zunge. Dass sie ihren Vater zuerst angerufen hatte, versetzte mir einen Stich. Ganz abgesehen davon, dass sie mehr Details wusste als ich. »Die Sache ist noch nicht endgültig. Papa hat den Vertrag noch nicht unterschrieben. Wenn er nach Hause kommt, müssen wir erst noch genauer darüber sprechen.« »Ich habe Burgdan, Croft & Finney gegoogelt, Mama. Das ist eine riesige Kanzlei! Viel größer als Cordell & Hays. Und eine volle Partnerschaft!« »Das hat er mir gesagt«, erwiderte ich, während ich auf die Bundesstraße bog. 17


»Was ist los?«, fragte sie. »Du klingst so komisch. Freust du dich denn nicht für ihn?« »Natürlich freue ich mich. Es ist nur, dass …« »Geht es darum, dass du nicht schon wieder deine Arbeit aufgeben willst?« Ich wollte dieses Gespräch im Moment nicht führen. Danke, Stephen. Maggie und ich standen uns nah und wir hatten ein gutes Verhältnis zueinander. Dafür war ich sehr dankbar. Aber sie war ein Papakind, schon immer gewesen. »Dein Vater und ich haben vieles zu besprechen, das ist alles. Zum Beispiel würden wir sehr weit wegziehen, obwohl du gerade mit deinem Studium anfängst.« »Mama. Ich komme schon klar und zu Hause wohne ich dann ja sowieso nicht mehr.« »Ich weiß, aber du spielst bei dieser Entscheidung trotzdem eine Rolle. Genauso wie Omas Gesundheitszustand.« Darauf hatte sie keine schnelle Antwort und in mir regte sich eine leichte Reue, weil ich Stephens Mutter ins Spiel brachte. »Mama … ist bei dir und Papa alles okay?« Ihre Stimme, die plötzlich wie die eines kleinen Mädchens klang, versetzte mir einen Stich ins Herz. »Natürlich, Liebes. Warum fragst du?« Sie zögerte. »Keine Ahnung. Ihr beide wirkt … in letzter Zeit einfach irgendwie anders.« Ihre Beobachtung rührte mein Herz und mein Gewissen an. Stephen und ich hatten vereinbart, ihr nicht zu erzählen, was im letzten Herbst zwischen ihm und der Praktikantin vorgefallen war. Unsere Paartherapie behandelten wir ebenfalls vertraulich. Ich wollte sie damit nicht belasten. Es war schon schwer genug, in dieser verrückten Welt achtzehn zu sein. »Maggie, zwischen deinem Vater und mir ist alles gut. Wir stecken nur über beide Ohren in Arbeit. Mach dir um uns keine Sorgen. Alles ist gut. Wirklich.« Einige Sekunden vergingen. Ich beugte mich vor und wartete. 18


»Danke, Mama«, sagte sie schließlich. »Aber hör mir bitte zu. Vielleicht ist diese ganze Arbeit, in der ihr steckt, ein guter Grund, euch dieses Stellenangebot anzusehen. Für euch beide.« Wenn ich es nicht besser wüsste, hätte ich denken können, Stephen würde ihr soufflieren. »Ich verstehe, was du meinst, Maggie. Das kannst du mir glauben. Aber eine volle Partnerschaft würde kaum bedeuten, dass dein Vater weniger Arbeit hat.« Da ich es nicht erwarten konnte, das Thema zu wechseln, sagte ich: »Wollen wir uns irgendwo zum Abendessen treffen?« »Ich gehe heute Abend mit Jamie und ein paar anderen Freundinnen zu diesem Konzert von Red Rocks, erinnerst du dich? Lindsey Stirling, die Violinistin? Wir gehen vorher irgendwo etwas essen.« »Ah, richtig.« Der Verkehr wurde dichter und ich trat auf die Bremse. »Aber wir könnten am Sonntag nach dem Gottesdienst gemeinsam Mittagessen gehen. Vielleicht kommt Papa ja auch mit.« »Gute Idee«, sagte ich, obwohl ich bezweifelte, dass Stephen uns Gesellschaft leisten würde. Er war in letzter Zeit nicht mehr mit uns zum Gottesdienst gegangen. Er schob es auf seine viele Arbeit. Wenn Maggie nicht wäre, wäre ich wahrscheinlich auch nicht mehr gegangen, wie ich zu meiner Schande gestehen musste. »Ich muss los, Mama. Bin schon ziemlich spät dran. Ich komme wohl erst nach Mitternacht nach Hause. Warte also nicht auf mich.« »Alles klar. Pass auf dich auf, Liebes. Hab dich lieb.« »Ich dich auch. Ach, und Mama?« »Ja, ich bin noch dran.« »Wie lief denn dein Gespräch heute Morgen?« Ich lächelte. »Sehr gut. Danke, dass du dich erkundigst, Liebes. Ich erzähle dir morgen mehr darüber.« Ich fuhr weiter nach Hause und wünschte, Maggie wäre wieder ein kleines Mädchen und nicht schon eine junge Frau, die bald 19


von zu Hause ausziehen würde. Ich hätte ihr gern von der Partnerschaft erzählt, die mir angeboten worden war, aber ich wusste, dass ich damit das bereits trübe Wasser noch mehr aufwühlen würde. Ich bog von der Bundesstraße ab und las an einer roten Ampel meine Nachrichten. Eine war von Stephen: Der Flug verzögert sich. Freue mich auf zu Hause. Meine Freude auf seine Heimkehr hielt sich in Grenzen, aber ich wollte trotzdem, dass er nach Hause kam. Die nächste Nachricht kam von Paige und entlockte mir ein Lächeln: Habe gerade Käsekuchen gegessen und an dich gedacht. Ich vermisse dich, liebe Freundin. Ich hätte viel darum gegeben, wenn meine liebe Freundin statt in Idaho noch in unserer Nachbarschaft wohnen würde. Seit sie und Tom näher zu ihren Enkelkindern gezogen waren – Zwillinge –, war fast ein Jahr vergangen. Paige schrieb in letzter Zeit immer weniger, was natürlich verständlich war. Das Leben war ausgefüllt und sie schien besonders beschäftigt zu sein. Ich kommentierte ihre Nachricht mit einem Herz und nahm mir vor, ihr später zu antworten. Ohne die Ampel aus den Augen zu lassen, las ich die nächste Nachricht: Brauche noch 4 antike Kragstücke für den Eingang! Bitte um sofortige Bestätigung!!!!! Meine Kundin Michelle Stewart und ihr viktorianisches Ungeheuer von Haus stellten Patrice Yancey immer mehr in den Schatten. Hatte Michelle einfach vergessen, wie schwer es gewesen war, zwei echte Kragstücke aus dem 19. Jahrhundert aufzutreiben? Und jetzt wollte sie noch weitere vier? Aber das war meine eigene Schuld. Ihr erster Besuch in unserer Firma hatte nach Primadonna geschrien. Ihr Haus sollte nicht weniger sein als »das Kronjuwel unserer Stadt, im klassischen Stil der griechischen Renaissance, der im Süden vor dem Bürgerkrieg so beliebt gewesen war.« Vorbild dafür war eine Südstaatenvilla in South Carolina, in deren Nähe sie aufgewachsen war. Also versuchte ich, ihr zu geben, was sie wollte: ein Gebäude wie aus 20


Vom Winde verweht in einer der exklusivsten Wohngegenden in Denver. Die Ampel schaltete auf Grün und ich gab Gas. Ich hatte mich über diese großen Villen aus dem 19. Jahrhundert erst informieren müssen. Die Zusammenarbeit mit dem Architekten, um die aufwendigen detailgetreuen Vorgaben und Stile einzubauen, machte Spaß und war herausfordernd, aber trotzdem konnte ich es kaum erwarten, dieses Projekt hinter mich zu bringen. Der Stil der griechischen Renaissance war zeitlos – und vor der Erfindung von Klimaanlagen auch praktisch gewesen. Aber die Raumaufteilung war dann doch eher kastenförmig und vorhersehbar – überall nur Symmetrie und Proportionen. Und diese steifen korinthischen Säulen! Wer wollte schon in einem Haus wohnen, das an einen griechischen Tempel erinnerte? Vielen Dank, für mich war das nichts. Ich richtete am liebsten gemütliche, einladende Räume ein. Jedes Mal, wenn ich mit Queen B – Sandras heimlicher Spitzname für Michelle – einen Termin in ihrem neuen Haus hatte, kam es mir fast so vor, als würde gleich Scarlett in einem dieser lächerlichen Kleider mit weitem Glockenrock durch die Räume tanzen. Aber wenn Michelle Stewart mehr Kragstücke wollte, würde ich eben meinen Lieblingsantiquitätenhändler in Nashville kontaktieren. Er konnte fast alles auftreiben. Sandra sagte mir oft: »Es ist nicht unsere Aufgabe, das Haus zu lieben. Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass die Eigentümer es lieben. Selbst wenn es ein Haus ist, in dem du selbst nie würdest wohnen wollen.« Sie hatte klargestellt, dass eine Villa im Stil einer Südstaatenplantage nicht auf ihrer Wunschliste stand, was ich gut nachvollziehen konnte. Für mich wäre eine solche Villa auch nichts. Genauso wenig wie ein Leben im Land von Scarlett O’Hara. Auf dem Heimweg hielt ich vor einem Bioladen und kaufte mir wie gewohnt meinen Salat und glutenfreie Kräcker. Der verlockende Geruch von frisch gebackenem Brot hätte mich fast 21


schwach werden lassen. Aber bei meiner momentanen Verfassung wäre von dem Brot nichts übrig, bis ich zu Hause ankam. An der Kasse stellte ich meinen Korb auf das Fließband. Der Kassierer war ein Teenager, der sich nicht einmal die Mühe machte aufzublicken, während er meine Einkäufe scannte. Das war mir ganz recht. Ich war sowieso nicht in der Stimmung, mich zu unterhalten. »Oh, sie ist ja so süüüß! Und sie hat so viel Ähnlichkeit mit ihrer Mama!« Die unüberhörbare Singsang-Stimme hinter mir ließ mich aufblicken, genauso wie alle anderen in der Schlange. Eine zierliche Blondine, Mitte dreißig, mit dem Namensschild Annabelle, schwärmte für das Baby ihrer Kundin. »Sie ist wie eine lebende Puppe, die vom Baum ihrer schönen Mama gefallen ist!« Plötzlich wanderte ihr Blick weiter zu mir. »Hallo!«, sagte sie mit einem herzlichen Lachen. Ich nickte nur und drehte mich wieder zu meinem schweigenden Kassierer herum, fest überzeugt davon, dass es in Atlanta bestimmt überall so war: eine Stadt mit sechs Millionen ständig glücklichen, unablässig plappernden Annabelle-Typen. Ich nahm meine Tüten und steuerte schnurstracks auf den Ausgang zu. Einige Minuten später bog ich in unser Wohnviertel und genoss den Duft von blühendem Flieder. Die Luft war frisch und trocken und strahlte etwas Süßes aus, das es nur im Frühling gab. Die Front Range der Rocky Mountains im Westen stand unter dem grenzenlosen, blauen Himmel, während weiße Federwolken über den Gipfeln hingen, die immer noch schneebedeckt waren. Warum sollte ich das alles aufgeben? Das konnte ich nicht. Und ich wollte es auch nicht. Ein Kloß bildete sich in meiner Kehle. Ich vermisste das Miteinander, das Stephen und ich früher einmal gehabt hatten – die Beziehung, die wir mühsam aufgebaut hatten. »Es war keine Affäre im körperlichen Sinn, Claire«, hatte er mir gebeichtet. »Wir haben uns nur geküsst und … du weißt schon. Aber das war alles. 22


Ich habe einfach nicht aufgepasst und bin ihr näher gekommen, als ich sollte. Aber ich habe die Sache beendet und es kommt nie wieder vor.« Das war alles? Ich bog in unsere Einfahrt und drückte die Fernbedienung für das Garagentor, während meine Stimmung immer mehr in den Keller rutschte. Ich wusste nicht, was mich mehr störte – dass Stephen mit einer anderen Frau so intim gewesen war oder dass er ihre Gesellschaft genossen hatte und mit ihr geteilt hatte, was er eigentlich mit mir teilen sollte. So etwas hätte ich von ihm nie erwartet. Aber am meisten überraschte mich, wie abwertend das für mich war, dass ich jetzt viel weniger Selbstwertgefühl hatte. Ich fühlte mich weniger attraktiv, weniger begehrenswert. Einfach … weniger. Ich sagte mir immer wieder, dass wir darüber hinwegkommen würden. Immerhin war es keine Affäre gewesen, die bis zum Letzten gegangen war, und Stephen hatte sich entschuldigt und mich wiederholt um Vergebung gebeten. Und ich hatte ihm verziehen. Warum konnte ich dann jetzt nicht nach vorne blicken? Warum steckte ich in diesem Sumpf aus Bitterkeit fest? Ich hatte mich gegen Stephens Pläne gewehrt, als er vor fünf Jahren nach San Diego hatte umziehen wollen. Dann zwei Jahre später nach Chicago. Er hatte nachgegeben. Das würde er wieder tun. Oder nicht? Colorado war unser Zuhause. Wir lebten beide schon unser ganzes Leben lang hier. Hier hatten wir unsere Tochter großgezogen. Hier hatten wir kurz vor meinem fünfunddreißigsten Geburtstag meine beiden Eltern nur wenige Monate nacheinander beerdigt und vor zwei Jahren Stephens Vater. Aber das, was mich am meisten hier festhielt, wie ein Anker für mein Herz, war der Gedanke, unsere Kinder hier zurückzulassen. Unsere Tochter am College. Und unseren Sohn auf dem Friedhof nicht weit von hier. Mein geliebtes Baby, das uns viel zu früh genommen worden war, war nicht wirklich auf dem Friedhof, das wusste ich. Aber 23


ein Teil meines Herzens war an jenem Sommernachmittag vor fast dreizehn Jahren mit Bryan beerdigt worden. Wenn ich da gewesen wäre, als es passierte … Nein! Ich würde mir nicht erlauben, diesen Weg einzuschlagen. Ich hatte mir vorgenommen, dieser quälenden Frage nie wieder Raum zu geben. Der Arzt hatte uns versichert, dass nichts diesen Ausgang hätte verhindern können, und daran klammerte ich mich. Das musste ich. Wenn nicht, würde ich den Verstand verlieren. Oder Stephen die Schuld geben. Ich hatte vor Jahren versprochen, das nicht zu tun, und dieses Versprechen wollte ich halten, so schwer es mir auch manchmal fiel. Stephen machte nur eine Phase durch. Er steckte in einer Midlifekrise. Männliche Menopause. Wie auch immer es genannt wurde, wir würden diesen Sturm gemeinsam meistern. Gott würde uns den Weg zeigen. Das glaubte ich. An den meisten Tagen. Aber es gab Momente – wie jetzt –, in denen ich das Gefühl hatte, Stephen und ich befänden uns in einem ständigen Tauziehen. Und vier Worte beherrschten meine Gedanken. Gott, lass mich gewinnen.

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Kapitel 4 Als ich später an diesem Abend wach in unserem Bett lag, hörte ich das Surren des Garagentors, das sich öffnete. Der Wecker auf meinem Nachttisch zeigte 23:39 an. Wenige Minuten später folgte das gewohnte Klirren von Stephens Schlüsseln, ein leises Klappern, als er sie in die Schale auf dem Beistelltisch legte, dann seine gedämpften Schritte auf der Holztreppe. Ich drehte mich auf meine Seite und schloss die Augen, während mein Puls raste. Ich wollte jetzt nicht reden. Nicht so spätnachts. Ich war ehrlich gesagt erleichtert gewesen, als er mir geschrieben hatte, dass sein Flug Verspätung hatte. Ich konzentrierte mich darauf, ruhig und gleichmäßig zu atmen – obwohl ich mich alles andere als ruhig und ausgeglichen fühlte. »Claire?«, flüsterte er. »Schatz, bist du wach?« Das war ein Flehen, ein Waffenstillstandsangebot. Aber ich rührte mich nicht, obwohl ich sicher war, dass mein hämmerndes Herz mich verriet. Er verschwand in seinem Teil des begehbaren Kleiderschranks. Beim leisen Klicken des Schlosses schlug ich die Augen auf. Ich kannte das Ritual. Er war bei seiner Kleidung sehr ordentlich. Er hängte alles auf, selbst einen Anzug, der zur Reinigung kam. Das war eine Angewohnheit, die ich an ihm bewunderte. Das war es ja gerade! Ich bewunderte so vieles an meinem Mann. Ich liebte ihn. Nein, es war mehr als nur Liebe. Ich konnte und wollte mir ein Leben ohne ihn nicht vorstellen. Aber wie kamen wir dorthin zurück, wo wir früher gewesen waren, nachdem er mir bewiesen hatte, dass er nicht der Mann war, für den ich ihn gehalten hatte? Das Licht unter der Schranktür erlosch und die Tür ging auf. 25


Ich schloss wieder die Augen und bezweifelte, dass er den ersten der zwei Post-its, die ich ihm geschrieben hatte, gefunden hatte. Den anderen würde er sowieso erst morgen früh finden, das war mir klar. Er schlüpfte ins Bett und rutschte nahe an meinen Rücken heran. »Liebes«, flüsterte er wieder. Seine Hand lag warm auf meiner Hüfte und seine Zärtlichkeit löste unerwartete Gefühle in mir aus. »Es tut mir sehr leid, dass ich so spät zurückkomme. Es gab ein Gewitter.« Ich hatte Mühe zu atmen. Sex war das Letzte, wonach mir der Sinn stand. Trotzdem reagierte ich tief in meinem Inneren auf seine Zärtlichkeit. Seit Dezember hatten wir nur zweimal miteinander geschlafen. Beide Male hatte uns der Therapeut dazu ermutigt und es hatte sich angefühlt wie eine Hausaufgabe, die man bis zur letzten Minute vor sich hergeschoben hat. Oberflächlich und schnell. Stephen hatte bei anderen Gelegenheiten die Initiative ergriffen, aber wie ich dem Therapeuten unter vier Augen gestanden hatte, fiel es mir schwer, darauf einzugehen. Ich konnte mich einfach der Frage nicht erwehren, ob er an sie dachte, während er mit mir schlief. Denn warum sollte mein Mann die Aufmerksamkeit einer anderen Frau suchen, wenn er zu Hause zufrieden war? Aber jetzt, wo ich seine Zärtlichkeit und die Wärme seines Körpers spürte, sehnte ich mich danach, mich ihm bereitwillig hinzugeben. So wie früher, wenn er mich so berührt hatte. Eigentlich wollte ich diesem ständigen inneren Tauziehen keinen Raum mehr geben. »Können wir darüber sprechen?«, flüsterte er. »Ich kann im Moment nicht.« Er legte die Arme um mich und drückte einen Kuss auf meinen Hinterkopf. Ich wappnete mich gegen eine Dosis juristischer Überzeugungsversuche. »Dann warten wir bis morgen früh«, sagte er leise, stützte sich dann auf und legte sanft die Hand an mein Kinn, um mich aufzufordern, ihn anzusehen. 26


Ich musste daran denken, was meine Mutter gesagt hatte, nachdem sie ihn das erste Mal gesehen hatte. »Bist du dir sicher, dass er Anwalt werden will, Claire? Er sieht eher wie ein junger Clint Eastwood aus. Er hat auch diesen Schlafzimmerblick.« Wie sehr hatten sie und ich im Laufe der Jahre über diese Bemerkung gelacht. Er streichelte mit seinem Daumen meine Wange. »Egal, was kommt, Claire, wir schaffen es.« Hoffnung keimte in mir auf. Egal, was kommt. Das klang nach einem offenen Ende. Als habe er seine Entscheidung noch nicht endgültig getroffen. Als würden wir diese Entscheidung gemeinsam fällen. Seine Lippen waren weich auf meinem Mund, sanft, aber unverkennbar fragend, ob es eine Möglichkeit gab, die Mauer zwischen uns einzureißen. Und zum ersten Mal seit sehr langer Zeit war meine Sehnsucht nach meinem Mann stärker als der Wunsch, ihn für das, was er getan hatte, bezahlen zu lassen. Ich schlang die Arme um seinen Hals und erwiderte seinen Kuss. Ein leises Stöhnen stieg in seiner Kehle auf. Als er mich in die Arme nahm, entzündete sich in mir eine fast erloschene, aber vertraute Flamme – schnell gefolgt von Unsicherheit. Dachte er jetzt an sie? Wünschte er, ich wäre sie? Oder war er wirklich ganz bei mir? Wollte er nach Atlanta ziehen, damit er nicht versucht wurde, zu ihr zurückzukehren? Und falls es so war: Woher konnte ich wissen, dass es in der neuen Kanzlei kein anderes genauso verführerisches junges Ding gab? Die Zweifel, die mich wie Wellen überkamen, erstickten meine Leidenschaft, aber ich bemühte mich nach Kräften, das nicht zu zeigen. Ich wollte so sehr, dass wir zu dem zurückkehrten, was wir früher gehabt hatten. Zurück zu uns. Später lag mein Kopf auf seiner Brust und ich fühlte seinen schnellen Herzschlag, während mein eigenes Herz deutlich langsamer schlug. »Ich liebe dich«, flüsterte er. 27


»Ich liebe dich auch«, sagte ich und meinte es auch so. Es gab noch so viel mehr, was ich sagen wollte. Aber in diesem Moment fehlten mir die Worte. Ich hatte nur die zerbrechliche Hoffnung, an die ich mich klammerte. Er drehte sich um und wenige Minuten später hörte ich sein leises Schnarchen. Irgendwann schlief ich auch ein, aber um 1:21 Uhr wurde ich durch das leise Piepen der Alarmanlage geweckt, dem der Countdown folgte, bevor Maggie den Alarm wieder ausschaltete. Genauso wie Stephens Abläufe kannte ich Maggies Routine auswendig. Als Nächstes käme das Öffnen der Kühlschranktür, gefolgt vom Zischen einer Limonadendose, dem leisen Tapsen ihrer Schritte in Richtung ihres Zimmers, dem Wasser, das sie in ihrem Badezimmer aufdrehte. Auch wenn sie schon erwachsen war, tröstete es mich immer, wenn ich wusste, dass sie sicher zu Hause war. Wenige Minuten später klopfte sie leise. »Mama?« »Komm herein«, flüsterte ich zurück. Sie öffnete die Tür und schlich auf meine Bettseite. »Wie ich sehe, ist Papa gut nach Hause gekommen.« Das war eine Einladung zum Gespräch, keine Frage. Stephen schnarchte, als wäre das sein Stichwort gewesen, und wir lachten beide. Oh, wie sehr ich unsere Tochter liebte! Manchmal jagte es mir Angst ein, dass ich so eine starke Liebe zu ihr empfand. Es war nicht so, dass Maggie nicht bereit war, flügge zu werden. Sie war alt genug, um ein eigenes Leben anzufangen. Ich machte mir eher Sorgen um mich. Seit sie mit zwölf Jahren verkündet hatte, dass sie Ingenieurin werden wollte, war mir klar, dass sie nie eines dieser Kinder sein würde, das wieder zu den Eltern zurückzog. Deshalb klammerte ich mich fester an sie, als ich sollte. Und weil sie das einzige Kind war, das wir noch hatten. Es war nicht so, dass Stephen und ich nicht versucht hätten, noch mehr Kinder zu bekommen. Aber Gott hatte offenbar andere Pläne als wir. »Hast du mit Papa schon über alles gesprochen?« 28


Ich schüttelte den Kopf. »Wir haben beschlossen, das auf morgen zu verschieben. Wie war das Konzert?« Sie erzählte mir flüsternd alle möglichen Details ihres Abends und ich sog sie auf. Wenn sie auszog, würde ich unsere mitternächtlichen Plauderstündchen vermissen. Oh, Gott, bitte pass auf meine Tochter auf. Lass deine Pläne für ihr Leben gute Pläne sein. Schließlich stand sie auf und gab mir einen Kuss auf die Wange. »Jamie und ich treffen uns morgen früh zum Kaffee. Dann kaufen wir für unser Zimmer im Studentenwohnheim ein.« »Ich freue mich mit dir, Liebes.« »Ich bin auch ganz aufgeregt. Gute Nacht, Mama. Hab dich lieb!« »Ich dich auch. Schlaf gut.« Hellwach drehte ich mich auf meine Bettseite. Ich brauchte Schlaf, um für die Argumente gewappnet zu sein, die Stephen für Atlanta vorbringen würde. Aber in den über zwanzig Jahren Ehe mit einem Anwalt hatte ich auch einige Verhandlungstaktiken gelernt. Je mehr man etwas wollte, umso mehr distanzierte man sich davon, wenigstens äußerlich. Mit Eigensinn käme ich nicht weit. Ich wollte früh aufstehen und Omeletts machen – eine Samstagmorgentradition und Stephens Lieblingsessen. Ich hatte das Schreiben gelesen, das Maggie im Faxgerät gefunden hatte. Das Wort riesig wurde der Kanzlei in Atlanta nicht annähernd gerecht. Das Angebot, dort Partner zu werden, war unglaublich. Und erst das Gehalt! Seit der Zeit, in der wir jeden Cent hatten umdrehen müssen, hatten wir es weit gebracht. Nach drei Jahren Ehe, kurz vor Maggies Geburt, hatten wir dieses Haus gebaut und waren die jüngste Familie in dem Wohnviertel gewesen. Im Laufe der Jahre hatte Cordell & Hays Stephen großzügig entlohnt. Ich war für alles, was wir hatten, dankbar. Vielleicht war ich trotzdem nicht dankbar genug, stellte ich fest. 29


Aber in stillen Momenten wie diesem fragte ich mich manchmal, wie anders unser Leben – unsere Ehe – verlaufen wäre, wenn wir beide weniger ehrgeizig gewesen wären.

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