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Karl Vaters

Der

Heuschrecken-

MYTHOS Warum kleine Gemeinden

nicht zu klein

von sich denken sollten


INHALT

Vorbemerkung: Was ist der »Heuschrecken-Mythos«? ....................... 9 Kapitel 1: Hallo, ich heiße Karl und ich bin Pastor einer kleinen Gemeinde .............................................................. 11 Kapitel 2: Wie der Versuch, eine große Gemeinde zu bauen, mich fast umgebracht hat – und meine Gemeinde auch ........... 22 Kapitel 3: Hört auf, wie eine große Gemeinde zu denken! ............... 36 Kapitel 4: Größe nicht verachten ....................................................... 47 Kapitel 5: Warum wir Gemeinden aller Größen brauchen ................ 58 Kapitel 6: Was ist denn so falsch an Gemeindewachstum? .............. 65 Kapitel 7: Nur in einer kleinen Gemeinde … ..................................... 72 Kapitel 8: Kleine Gemeinde – große Vision ....................................... 91 Kapitel 9: Ein offener Brief ...............................................................116 Kapitel 10: Gott führt keine Anwesenheitsliste ..............................120 Kapitel 11: Eine neue Art, Erfolg zu definieren ...............................133 Kapitel 12: Phasen im emotionalen Leben eines Pastors einer kleinen Gemeinde ..........................................................150 Kapitel 13: Was wünschen sich Pastoren kleiner Gemeinden und was brauchen sie? ...................................................159 Kapitel 14: Nur eine Stadt ................................................................168 Kapitel 15: Den Heuschrecken-Mythos hinter sich lassen .............172 Anmerkungen ....................................................................................182


VORBEMERKUNG: WAS IST DER »HEUSCHRECKEN-MYTHOS«?

Definition: Er ist die Fehleinschätzung, dass unser Dienst in einer kleinen Gemeinde von geringer Bedeutung ist (obwohl das nicht Gottes Sicht der Dinge darstellt), weil wir uns immer wieder mit anderen vergleichen. Ursprung: Der Begriff bezieht sich auf die Erzählung im 4. Buch Mose, die von der Erkundung des verheißenen Landes durch die Israeliten berichtet. Viele der Kundschafter malten dem Volk nach ihrer Rückkehr ein Angstszenario: »Das Land, durch das wir gegangen sind, um es zu erkunden, frisst seine Bewohner, und alles Volk, das wir darin sahen, sind Leute von hohem Wuchs. Wir sahen dort auch Riesen, Anaks Söhne aus dem Geschlecht der Riesen, und wir waren in unsern Augen klein wie Heuschrecken und waren es auch in ihren Augen.« (4. Mose 13, 32-33) Symptome: Ein »Heuschrecken-Denken«, eine »Heuschrecken-Mentalität« äußert sich in einem Mangel an Vision, Glauben, Mut, Effektivität und Freiheit. Prognose: Ein Leben des Herumwanderns, des Jammerns und der Schuldzuweisung. Zudem ist es ansteckend! Behandlung: Wir beginnen, kleine Gemeinden als einen Ort der Hoffnung und der Heilung wertzuschätzen. Wir haben die Vorzüge davon entdeckt, klein zu denken. Und das hat nichts mit »kleindenken« zu tun! 9


Wir sind zu der Erkenntnis gekommen, dass unsere geringe Größe kein Problem darstellt, das behoben werden muss, sondern im Gegenteil ein strategischer Vorteil sein kann. Gott möchte, dass wir ihn nutzen. Wir gehen hinaus an die Orte, die Gott uns aufs Herz legt – mit Vision, Glauben und Mut. An die Orte, die Riesen nicht betreten können.

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KAPITEL 1

HALLO, ICH HEISSE KARL UND ICH BIN PASTOR EINER KLEINEN GEMEINDE

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enn der Titel dieses Kapitels für Sie wie die Einführung zu einem Treffen der Anonymen Alkoholiker klingt, dann haben Sie den richtigen Gedanken. Ich bin Pastor einer kleinen Gemeinde. Und ich bin kein Versager. Erst nach fast dreißig Jahren des pastoralen Dienstes in kleinen Gemeinden konnte ich die zwei obigen Sätze schreiben. Jetzt, wo mir dies möglich ist, weiß ich, dass ich endlich ein Leben frei vom »Heuschrecken-Mythos« leben kann.

Ich bin Pastor einer kleinen Gemeinde In den vergangenen fünfundzwanzig Jahren war ich leitender Pastor in drei Ortsgemeinden, davon mehr als zwanzig Jahre in meiner gegenwärtigen Stelle. Diese drei Gemeinden waren völlig unterschiedlich, und doch hatten sie eins gemeinsam – sie waren kleine Gemeinden. Aber trotz zweieinhalb Jahrzehnten Dienst in kleinen Gemeinden war ich bis vor Kurzem in meinem Denken keinesfalls zum Pastor einer kleinen Gemeinde bestimmt. Stattdessen hatte ich mir eingeredet, dass ich eigentlich Pastor einer großen Gemeinde sein müsste, aber leider in einer kleinen Gemeinde stecken geblieben war. Genau da beginnt der Heuschrecken-Mythos. Zumindest war es bei 11


mir so. Ich glaubte diesem Mythos so sehr, dass ich eine regelrechte Abneigung gegen unser kleines Gemeindehaus entwickelte und gegen das, was es vermeintlich mit mir tat – dass es nämlich meinen Dienst geradezu erstickte. Bald begann ich mich selbst zu verachten – dafür, dass es mir einfach nicht gelingen wollte, eine große Gemeinde aufzubauen. Dann kam die Aversion gegen den pastoralen Dienst. Und mit der Zeit begannen die Vorwürfe gegen Gott, dass er mich nur weiterführte, um mich dann wieder fallen zu lassen. Ich kann niemand anderen für diese Gefühle verantwortlich machen, aber sie waren auch nicht einfach aus der Luft gegriffen. Eleanor Roosevelt soll gesagt haben: »Kein Mensch kann dir einreden, dass du minderwertig bist, solange du ihm nicht die Erlaubnis dazu gibst.«1 Mehr als dreißig Jahre lang hatte ich anderen, die mich eigentlich gar nicht kannten, diese Erlaubnis erteilt. Und diese Menschen wussten nicht, dass ich ihre Bemühungen, mir zu helfen, missbrauchte. Wenn Sie Pastor sind, so ist dies sicherlich nicht das erste Buch über den pastoralen Dienst, das Sie lesen. Vermutlich haben Sie sogar die gleichen Bücher wie ich durchgearbeitet und auch die gleichen Konferenzen besucht. Sie wissen, von welchen die Rede ist. Da hört man dann ungefähr folgende Erfolgsstory: Ein Pastor übernimmt eine bestehende Gemeinde oder gründet eine neue und innerhalb kürzester Zeit blüht die Gemeinde auf und Dienstzweige entwickeln sich. Und dieser Pastor wird zu einer Berühmtheit. Andere Pastoren beginnen sich zu fragen, wie er wohl so ein Wachstum herbeigeführt hat, und im nächsten Schritt werden wissbegierige Kollegen eingeladen, um sich anzuhören, wie so etwas zu schaffen ist. Es werden natürlich auch noch andere erfolgreiche Pastoren mit eingeladen, um Vorträge zu halten, während die anderen, die sich eher schwertun, in hoffnungsvoller Erwartung lauschen, wie die erfolgreichen Pastoren ihre Geschichten erzählen und ihre Strategien vermitteln. Ich war einer dieser Pastoren, die sich eher schwertun. Und in vieler Hinsicht bin ich es immer noch. Und ich habe auch viele hilfreiche Ideen von diesen Konferenzen und aus diesen Büchern mitgenommen.

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Früher wusste das Leitungsteam meiner Gemeinde immer, wenn ich wieder mal auf einer Konferenz gewesen war. Ich kam nämlich völlig aufgedreht mit einer neuen »Erfolgsmethode« zurück und war der Überzeugung, dass diese nun der Schlüssel sei, um unsere Gemeindearbeit entscheidend zu verbessern. Manchmal übernahm ich die Prinzipien, von denen ich gehört hatte, und versuchte, sie meinen Mitarbeitern zu vermitteln. Wenn ich von einem Buch besonders überzeugt war, dann mussten meine leitenden Mitarbeiter es auch lesen, damit wir es dann zusammen besprechen konnten. Manche aus unserem Leitungsteam waren schnell überzeugt, während andere eher zurückhaltend waren. Aber die Konferenzsprecher hatten mich natürlich auf die »Zögerlichen« vorbereitet und diese als die »Problemleute«, die »Visionstöter« und als die »Wir haben es noch nie so gemacht«-Menschen identifiziert. Und ich wollte mich von diesen Leuten nicht ausbremsen lassen, sondern auf eine neue und frische Art und Weise Gemeinde bauen. Aber letztlich konnte ich nie die Erfolge der Konferenzsprecher oder Buchautoren erzielen. Und nach einigen Monaten voller Begeisterung, Energie und finanziellem Aufwand wurden vielleicht ein oder zwei dieser Ideen dauerhaft in unserer Gemeinde umgesetzt, aber das meiste verblasste mit der Zeit aus Mangel an Interesse. Und das Erfolgsbuch, das alle Antworten hatte, wanderte von meinem Schreibtisch zunächst ins Bücherregal und dann in eine Kiste in den Keller und ich gab den »Zögerlichen« aus der Gemeinde die Schuld daran, dass Gottes Vision wieder einmal gestorben war. Im Laufe der Jahre fand ich es schließlich kostensparender, einfach Bücher zu lesen und weniger Seminare zu besuchen. Aber sogar dafür konnte ich mich irgendwann nicht mehr begeistern, weil die Konzepte und Ratschläge letztlich immer gleich waren. Konferenzen und Bücher bewirkten in mir mehr Entmutigung und Frustration als Begeisterung und Motivation. Jahrelang besuchte ich kein einziges Seminar mehr und las kein Buch über Gemeindewachstum. Stattdessen ging ich ins Kino und las Romane. Es war eine nette Pause nach all dem Druck, Leistung zu erbringen. Denn wenn der Held im Film die Welt rettete, dann erwartete er nicht von mir, nach Hause zu gehen und das Gleiche zu tun. 13


Was war nur mit mir los? Oft fragte ich mich das. Ich bin ein intelligenter Mensch. Ich weiß, dass Gott mich dazu berufen hat, Pastor zu sein. Und ich weiß, dass er mich in diese Gemeinde gestellt hat. Warum kann ich sie nicht so gestalten, wie sie sein soll? Warum wächst sie einfach nicht?! Die Seminare, die Bücher oder die Erfolgspastoren waren jedenfalls nicht daran schuld. Ihre Erfolge brachten mich zwar dazu, mich minderwertig zu fühlen, aber nur, weil ich ihnen die Erlaubnis dazu gab, indem ich mich mit ihnen verglich. Je mehr ich sie bewunderte und versuchte, ihre Erfolge nachzuahmen, umso mehr fühlte ich mich wie diejenigen unter den israelitischen Kundschaftern, denen es an Glauben mangelte. Die Pastoren der Megagemeinden erschienen wie Riesen und ich war in meinen Augen wie eine Heuschrecke.2 Doch die Pastoren der Megagemeinden, die Erfolgsbücher schrieben und auf Konferenzen sprachen, hatten nie die Absicht, dies in mir auszulösen. Sie hatten versucht, ihren Erfolg als Werkzeug zu gebrauchen, um mir weiterzuhelfen. Ich war derjenige, der diese Erfolge gedreht und wie eine Waffe gegen mich gerichtet hatte. All dies geschah, weil ich versäumte, eine extrem wichtige Komponente meiner Dienstidentität zu erkennen: Ich bin Pastor einer kleinen Gemeinde. Als ich mir zum ersten Mal diese Wahrheit eingestand, war dies einer der besonders befreienden Momente meines Lebens. Ich erkannte die Wahrheit und nahm sie an. Und je mehr ich sie annahm, desto entspannter wurde ich. Endlich wusste ich, wer ich bin und zu welchem Dienst ich von Gott berufen worden war. Ich war frei von der Bürde, so werden zu wollen, wie es mir nicht bestimmt war. Und ich bin kein Versager. Aber: Wenn meine Gemeinde klein ist, wie kann ich dann mich selbst, meine Gemeinde oder meinen Dienst als erfolgreich bezeichnen? Wie kann ich die Gemeinde als »gesund« ansehen? Sollten nicht alle gesunden Organismen wachsen? Ja, das sollten sie. Aber das Problem ist, dass so viele von uns Gemeindeerfolg und Gemeindegesundheit anhand von Zahlen bewerten. Und nicht nur irgendwelche Zahlen, 14


sondern: Wie viele Stühle sind besetzt und wie viele Euros Das Problem sind in der Kollekte? Je mehr, desto besser? Dieser Zwang, sich mit rein zahlenmäßigem ist, dass viele von uns Gemeindeerfolg Wachstum zu beschäftigen, ist nicht gesund. und GemeindegeDiejenigen, die Bücher schreiben und Seminare sundheit anhand abhalten, werben gerne mit ihren Erfolgsgeschichvon Zahlen beten und somit ihrem Leiterschaftserfolg – und das werten. mit Recht. Aber Pastoren in meiner Situation sehen etwas, was diese Kollegen oft nicht sehen, nämlich all die Verluste auf der Habenseite. Das Streben nach immer höher ausfallenden Zahlen und größeren Gemeinden hat vermutlich zu mehr Burn-out-Erkrankungen unter Pastoren geführt als zu gesunden, wachsenden Gemeinden. Und nicht zu vergessen sind die Zehntausende von verwirrten und verletzten Gemeindebesuchern, deren Meinung und Bedürfnisse belächelt und beiseitegeräumt wurden, damit neue Wege gegangen werden konnten. Viele von ihnen haben ihrer Gemeinde den Rücken gekehrt und sich nie wieder einer anderen Gemeinde angeschlossen. Im Kapitel »Was ist denn so falsch am Gemeindewachstum?« stelle ich die Annahme infrage, dass biblisches Wachstum an der Anzahl der Gemeindebesucher abgelesen werden kann. Aber zunächst möchte ich mich mit einer Frage beschäftigen, die sich viele Pastoren nie stellen. Ich weiß das, weil ich das selbst viele Jahre lang nicht getan habe. Wie sieht biblisches Gemeindewachstum aus? Vergessen Sie die Zahlen! Wo legt Jesus stattdessen die Messlatte an? Ich befürchte, viele von uns unterliegen demselben Irrtum wie das Kind in der folgenden wahren Begebenheit: Eines Sonntags stand ich nach dem Gottesdienst im Foyer und eine Bekannte kam mit einem Lächeln auf mich zu. »Du wirst nicht glauben, was meine kleine Laura mir heute erzählt hat«, sagte sie. »Sie kann es kaum abwarten, erwachsen zu werden, denn sie möchte unbedingt größer sein. Sie denkt noch, dass man mit zunehmendem Alter immer größer wird. Und sie kann nicht verstehen, dass ihre Oma älter ist als ich, denn Oma sei doch so klein.« 15


Ich lächelte und erinnerte mich an die Zeit, als meine Kinder im gleichen Alter waren und genauso dachten. Die Mutter fuhr fort: »Und plötzlich meinte Laura dann: ›Mama, Pastor Karl muss ja der älteste Mensch auf der ganzen Welt sein!‹« Ich brach in Lachen aus. Mit 1,98 m war ich sicherlich der größte Mensch, den die kleine Laura je gesehen hatte. Ja, alle gesunden Organismen wachsen. Aber Wachstum kann nie so einfach nach »älter gleich höher« oder »gesund gleich größer« bemessen werden. Eine Erbse wird nie die Größe von einem Kürbis erreichen und eine Rose nie die Höhe eines Mammutbaums, ganz egal, wie oft wir wässern, düngen oder Wachstumsprinzipien lehren. Es liegt einfach nicht in ihrer Natur. Alle gesunden, lebenden Organismen erreichen ihre optimale Dimension in der Reifezeit, danach wachsen sie weiter, aber auf eine andere Art und Weise. Kann es sein, dass dieses Prinzip auf die Gemeinde angewendet werden kann? Ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass dies möglich ist. Wenn die Gemeinde ein Leib mit vielen Gliedern ist, kann es dann nicht sein, dass der Leib Christi Gemeinden aller Größen braucht?3 Ich bin kein Versager, wenn meine Gemeinde ihre volle Reife Es erreicht und dann auf andere Weise wächst als nur in ist absolut Zahlen, die den sonntäglichen Gottesdienstbesuch notwendig, dass betreffen. Tatsache ist: Es ist absolut notwendig, eine Gemeinde dass eine Gemeinde auch auf andere Weise wächst auch auf andere als nur zahlenmäßig, damit sie den nächsten kritiWeise wächst schen Wachstumsschritt nehmen kann – von gesund als nur zahlenmäßig. zu heilsam. Der Unterschied zwischen diesen beiden Worten ist sehr bedeutsam. Nachdem ich meine jetzige Stelle angetreten hatte, haben wir jahrelang Kämpfe ausgefochten. Vor mir gab es mehrere Interimspastoren und dies hatte seinen Tribut gefordert. Aber nach und nach erreichten wir eine Phase, in der uns bewusst wurde, dass unsere Gemeinde zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder richtig gesund war. Eines Tages saß ich am Steuer meines Autos auf dem Parkplatz der Gemeinde und stellte mir die Frage: »Und was kommt jetzt?« Fast vier Jahre lang hatte ich mich abgemüht, damit diese kleine Gemeinde 16


Geschehnisse aus der Vergangenheit hinter sich lassen konnte, und jetzt war sie endlich gesundet. Was aber macht man mit einer gesunden Gemeinde? Als ich in meinem Auto saß, wurde mir klar, dass die leitenden Mitarbeiter und ich jahrelang unter der Kühlerhaube herumgearbeitet hatten, um mechanische Probleme zu beheben. Und nun saß ich auf dem Fahrersitz einer gesunden Gemeinde – aber ich hatte keine Ahnung, in welche Richtung ich sie lenken sollte! Was war die Antwort? Gesunde Organismen müssen sich zu heilsamen Organismen entwickeln. Gesunde Pflanzen nehmen die richtigen Nährstoffe auf und werden stark, aber wenn sie keinen Nutzen für andere haben, sind sie nicht heilsam. Eine heilsame Pflanze ist nicht Keine nur gesund, sondern sie schenkt auch anderen geGemeinde ist sunde Frucht. Es gibt zum Beispiel gesunde Pilze, gesund, wenn die heilsam für den Menschen sind, und gesunde sie nicht auch eine Pilze, die giftig und deshalb in keiner Weise gesund- heilsame Wirkung ausstrahlt. heitsfördernd sind. Der Leib Christi muss sich bewusst machen, wie heilsames Wachstum aussieht. Tatsache ist: Keine Gemeinde kann sich wirklich als gesund bezeichnen, wenn sie nicht auch eine heilsame Wirkung ausstrahlt. Und in kleinen Gemeinden beginnt das mit einem Pastor, der mit seiner Berufung zufrieden ist. Als ich an diesem Tag im Auto saß, wurde mir dies bewusst. Der nächste Schritt war der, aus unserer gesunden Gemeinde eine heilsame Gemeinde zu entwickeln, aus der andere Nahrung und Nährstoffe gewinnen konnten. Nicht, weil wir unsere Zahlen verdoppeln wollten, sondern weil unsere Stadt Hoffnung brauchte. Optimales Gemeindewachstum ist ein Thema, das wir im Kapitel »Gott führt keine Anwesenheitsliste« beleuchten werden.

Heilung vom Heuschrecken-Mythos Sind kleine Gemeinden nichts anderes als Gemeinden, die versagt und sich nicht zu etwas Großem entwickelt haben? Sind wir dazu be17


stimmt, unseren Dienst im übermächtigen Schatten großer Gemeinden zu versehen? Oder sind wir zu anderem berufen? Gewiss gibt es viele Gemeinden aller Arten und Größen, die scheitern. Größe allein ist nicht genug, um über Versagen und Erfolg zu entscheiden. Ich stelle folgende Thesen auf, die auf Neue Kleine Gemeinden zutreffen: Wir sind nicht krank. Wir sind keine Versager. Wir sind nicht festgefahren. Wir sind nicht unqualifiziert. Wir sind nicht begrenzt in unserer Vision. Wir müssen nicht »repariert« werden. Wir sind nicht »weniger als ...«. Nein. Wir sind Gottes Idee. Wir sind klein. Und gerade weil wir klein sind, können wir ein Segen für den Leib Christi, unsere Nachbarschaft, unsere Stadt, unser Land und unsere Welt auf eine Art und Weise sein, wie andere Gemeinden es nicht können. Joel Osteen4 könnte meinen Dienst nicht tun. Damit will ich ihn nicht kleinreden. Ich könnte nie Pastor seiner Gemeinde, der Lakewood Church, sein. Und das macht mich nicht klein. Brian Houston5 und Craig Groeschel6 könnten auch nicht den Dienst in meiner Gemeinde tun. Sie sind einfach nicht dazu bestimmt. Wenn ein Pastor wie Brian Houston meine Gemeinde übernähme, so würde er ohne Frage aus ihr eine große Gemeinde bauen. In einigen Monaten hätte er ein größeres Gebäude gefunden, um Platz zu schaffen für die wachsende Zahl von Gottesdienstbesuchern und all die neuen Dienste der Gemeinde. Zweifellos wäre es auch eine gute Gemeinde – mit hervorragendem Lobpreis. Aber es wäre nicht mehr dieselbe Gemeinde wie vorher. Damit Brian sich entfalten könnte, müsste sich die Gemeinde verändern. Einiges würde dadurch hinzugewonnen. Aber viel Gutes würde auch verloren gehen. Ich will damit nicht sagen, dass die Erfolge der »Megapastoren« leicht zustande kommen. Mir ist bewusst, dass sie alle hart gearbei18


tet und gekämpft haben. Aber sie waren erfolgreich. Und ihr Erfolg ist sichtbar. Was jedoch an Gutem durch die Verwandlung meiner Gemeinde in eine Megachurch verloren gehen würde, wäre weniger sichtbar, genau wie die Erfolge meiner Gemeinde heute weniger sichtbar sind. Ich bin nicht allein. Es gibt viele gute Gemeinden, die klein sind. Aber wir können nicht unser ganzes Potenzial ausschöpfen, wenn wir einen anderen als den von Gott für uns vorgesehenen Platz im Leib Christi einnehmen. Wir müssen unsere Ressourcen statt auf das falsche Modell des rein zahlenmäßigen Wachstums auf ein eher biblisches Modell ausrichten. Es gibt viele Menschen, die gerEs gibt viel ne eine kleine Gemeinde besuchen, nicht trotz ihrer Liebe in einer Größe, sondern gerade wegen ihrer Größe. Pastoren dynamischen der Neuen Kleinen Gemeinden haben dies akzeptiert kleinen und freuen sich darüber. Wir jammern nicht mehr Gemeinde. über die Probleme und Herausforderungen, die wir haben, weil wir klein sind, und konzentrieren uns stattdessen auf unsere Stärken und Möglichkeiten. Weil wir dies tun, erkennen wir mehr und mehr das, was unsere Gemeindemitglieder schon lange wissen – es gibt viel Liebe in einer dynamischen kleinen Gemeinde! Kleine Gemeinden waren und werden vermutlich immer der Ort sein, an dem die meisten Christen den Hauptanteil ihrer geistlichen Nahrung erhalten. Wir müssen damit aufhören, ihnen zu sagen, dass sie im falschen Laden einkaufen!

Mein Gebet für Sie, den Leser: Was ich auf den folgenden Seiten schreibe, erwächst aus Hoffnung. Nach Jahren unnötiger Frustration in meinem pastoralen Dienst habe ich emotionale und geistliche Heilung erlebt, nachdem ich meine von Gott geschenkte Berufung akzeptiert habe. Wenn das, was ich geschrieben habe, jemandem hilft, ähnlichen Frust zu vermeiden oder zu besiegen, dann habe ich viel erreicht.

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Während Sie dies also lesen, bete ich ... ... dass andere Pastoren kleiner Gemeinden nicht das durchleiden müssen, was ich durch die mir selbst beigebrachten Verletzungen durchlitt. ... dass Neue Kleine Gemeinden und ihre Pastoren nicht nur ihr zukünftiges Potenzial sehen, nämlich eine große Gemeinde zu werden, sondern dass sie ihren von Gott gegebenen Wert in ihrer jetzigen Größe erkennen. Vielleicht werden sie sogar diese Größe behalten, weil dies Gottes Wille für sie ist. ... dass mittelgroße, große und Megagemeinden und ihre Pastoren ihre Hände und Herzen mit den Neuen Kleinen Gemeinden verbinden, um voneinander zu lernen. ... dass wir einander ermutigen und das wertschätzen, was jede Gemeinde auf einzigartige Weise in das Reich Gottes einbringt: »Unser Leib soll eine Einheit sein, in der jedes einzelne Körperteil für das andere da ist.«7 ... dass Bibelschulen, Seminare, Konferenzen für Pastoren, Verlage und Glaubensgemeinschaften den Erfahrungsreichtum und die Weisheit von Pastoren Neuer Kleiner Gemeinden aufgreifen bei der Ausbildung der Pastoren von heute und der nächsten Generation, von denen 80 Prozent nie einer Gemeinde von mehr als 200 Menschen vorstehen werden. Somit werden all die besonderen Gaben freigesetzt und geschätzt, die nötig sind, um Gemeinden unterschiedlicher Größe leiten zu können. ... dass Gemeindestatistiker neue Wege finden werden, um Gemeindewachstum zu definieren, und nicht nur die Zahl der Gottesdienstbesucher am Sonntag als Grundlage nehmen. ... dass, wenn Pastoren einander fragen: »So, wie geht es denn voran mit deiner Gemeinde?«, wir in erster Linie über Lebensveränderung sprechen und erst dann über die Zahl der Gottesdienstbesucher. Dass wir über persönliche Geschichten sprechen, statt nur über die Höhe der Sonntagskollekte. Dass wir begeisterter sind von den Menschen in unserer Gemeinde und unserer Stadt als von den Bauplänen für das neue Gemeindehaus. ... dass meine Kollegen, die wie ich Pastor einer Neuen Kleinen Ge20


meinde sind, befreit werden von Schuld, Stress und Minderwertigkeitsgefühlen, die einem unbiblischen Ideal entspringen. Dass sie neue Hoffnung, Ermutigung und Leidenschaft für ihre Gemeindemitglieder entwickeln, deren Namen und Gesichter sie kennen und an deren Leben sie Anteil nehmen. ... dass der Heuschrecken-Mythos diagnostiziert wird, damit er erkennbar wird als das, was er ist – ein Mythos, eine Verwirrung, eine Täuschung, eine Fälschung. Eine Lüge. ... dass der Leib Christi mit allen seinen Gliedern, klein und groß, die Freude der Anbetung und die heilende Kraft der Gemeinschaft erfährt und einen heilenden, segensreichen Einfluss auf unsere Welt ausübt. Dies sind hohe Ziele für das Buch eines Pastors, dessen Gemeinde so klein ist, dass sie für 90 Prozent der Menschen unsichtbar ist, die tagtäglich an ihr vorbeifahren. Aber keine Sorge: Ich gebe mich nicht der Illusion hin, dass ich alle Ziele erreichen werde, noch nicht einmal die meisten davon. Aber ich hoffe, Sie ins Nachdenken und ins Gespräch über die Gedanken in diesem Buch zu bringen.

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KAPITEL 2

WIE DER VERSUCH, EINE GROSSE GEMEINDE ZU BAUEN, MICH FAST UMGEBRACHT HAT – UND MEINE GEMEINDE AUCH

M

eine Geschichte ist meine Geschichte. Ich habe darüber nachgedacht, ob ich sie wirklich in diesem Buch erzählen sollte, weil sie so persönlich ist. Zudem ist dies keine Autobiografie – aus gutem Grund. Meine Lebensgeschichte ist weder heldenhaft genug noch schrecklich genug, um irgendjemandem einen Adrenalinkick zu versetzen. Es gibt nichts, worüber ich jammern oder womit ich prahlen könnte. Aber mir ist auch bewusst, dass die persönlichsten Geschichten oft die allgemeingültigsten sind. Also lade ich Sie ein: Wenn es irgendetwas in meinem Leben gibt, das Ihnen weiterhilft, nutzen Sie es!

Das Gemeindekind wächst auf Ich bin Pastor in dritter Generation. Meine Eltern liebten Gott, dienten der Gemeinde und stellten ihre Familie an die erste Stelle. Der Vater meines Vaters verbrachte fast seinen gesamten Dienst als Inhaber eines Kirchenamtes auf nationaler Ebene, doch nie hat ihn jemand mit einem anderen Titel angeredet als »Pastor Vaters«. Ein Pastor für andere Pastoren. Seine Frau – meine Oma – war die Predigerin in der Familie. Sie war dafür bekannt, dass sie auf der Kanzel spannende Anekdoten erzählte und ganz am Schluss eine überraschende

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Wendung einflocht, sodass die Leute es kaum abwarten konnten, die Fortsetzung zu hören. Ich habe Jesus kennengelernt, als ich sechs oder sieben Jahre alt war. Während die Erwachsenen an evangelistischen Versammlungen in der Stone Church in Toronto (Kanada) teilnahmen, sorgte mein Vater dafür, dass die Kinder in den Kellerräumen mehr als nur betreut wurden: Jeden Abend, eine Woche lang, verfolgten wir begeistert die »Zaubertricks« mit farbigen Tüchern und Kaninchen-aus-dem-Hut, durch die ein Künstler die biblischen Geschichten für uns lebendig machte. Jeden Abend fragte der Evangelist am Schluss, ob jemand Jesus in sein Herz aufnehmen wolle, und jeden Abend wollten einige Kinder das. Etwa in der Mitte der Woche sagte er, dass wir nicht einfach deshalb Christen seien, weil unsere Eltern es sind. Es sei eine Entscheidung, die jeder für sich persönlich treffen müsse. Entweder hatte er das bis dahin nicht gesagt oder ich hatte es nicht gehört. Doch ich hörte es nun. An jenem Abend traf ich meine Entscheidung. Und ich habe es nie bereut. Ja, ich hatte gelegentliche Zeiten des Zweifels und der Ungewissheit. Ich habe auch manche schwierige Frage gestellt – mehr als Erwachsener als in meiner Kindheit oder Jugend. Aber ich kann guten Gewissens sagen, dass ich von diesem Zeitpunkt an Jesus nachgefolgt bin. Als ich 16 war, unternahm mein Vater eine Reise nach Kalifornien. Als er zurückkehrte, riefen meine Eltern mich und meine jüngeren Schwestern ins Wohnzimmer. Dann erzählten sie uns, dass mein Vater den Eindruck hatte, dass Gott ihn berief, Pastor einer kleinen Gemeinde in Modesto in Kalifornien zu werden – viel kleiner als diejenige, in der er zu der Zeit als Pastor arbeitete. Mein Vater betonte, dass dies eine Familienentscheidung sei. Meine Schwestern und ich waren bereits 16, 14 und 12 Jahre alt und mein Vater wusste, dass ein Umzug in ein fast 5.000 Kilometer weit entferntes Land nicht gut funktionieren würde, wenn wir nicht alle an einem Strang zögen. Wir schauten aus dem Fenster. Es war gerade tiefster Winter und wir wurden gefragt, ob wir von Kanada in das sonnige Kalifornien ziehen wollten. Wir mussten nicht lange überredet werden. 23


Kurz nach unserem Umzug war ich mit der Highschool fertig und ging aufs College. Dort dachte ich darüber nach, was ich mit dem Rest meines Lebens anfangen wollte. Ich spürte einen Ruf in den vollzeitlichen Dienst und kämpfte lange Zeit dagegen an – etwa anderthalb Jahre lang. Die Entscheidung war schwierig für mich, weil mir bewusst war, dass ein Ruf in den Dienst immer eine persönliche Angelegenheit war. Ich wollte sicher sein, dass ich diesen Weg nicht einfach deshalb einschlug, weil es der Tradition meiner Familie entsprach. Nachdem ich Gottes Berufung für mich angenommen hatte, verbrachte ich die nächsten zweieinhalb Jahre am Bethany Bible College. Nach der Absolvierung bekam ich eine Stelle als Co-Pastor. Diese Stelle war allerdings von kurzer Dauer, da es bald darauf personelle Veränderungen in der Gemeinde gab. Wenig später fing ich in der Gemeinde meines Vaters an, der eine Stelle als Pastor einer Gemeinde in Silicon Valley angenommen hatte. An meinem ersten Tag in dieser Gemeinde traf ich ein entzückendes rothaariges Mädchen. Shelley und ich heirateten ein Jahr später. 14 Monate nach unserer Hochzeit waren wir Eltern. Drei Jahre später, kurz vor der Geburt unseres zweiten Kindes, verließen wir diese recht große Gemeinde und zogen in die Santa Cruz Mountains, wo ich in der kleinen Stadt Felton Pastor einer Gemeinde mit etwa 30 Mitgliedern wurde.

Die Gemeindewachstumsbewegung bewegt mich Es war das Jahr 1986 und die Gemeindewachstumsbewegung gewann immer mehr an Bedeutung. So gut wie jedes Buch, jedes Seminar und jede Konferenz für Pastoren beschäftigte sich damit. Verschiedene Denominationen entwickelten ambitionierte Pläne, um mithilfe von Gemeindewachstumsprinzipien neue Gemeinden zu gründen, Gemeinden, die sich gerade schwertaten, zu stärken und die durchschnittliche Besucherzahl zu erhöhen. Als ich studierte, hatte man an den theologischen Ausbildungsstätten gerade damit begonnen, die Gemeindewachstumsprinzipien von Donald McGavran, C. Peter Wagner, Robert Schuller und anderen zu 24


lehren. Doch kurz nach meinem Abschluss nahm die Bewegung erst richtig Fahrt auf. Bis ich Pastor in Felton war, galten die Gemeindewachstumsprinzipien als die Art und Weise schlechthin, wie alle gesunden Gemeinden funktionierten. Ich las und hörte davon mit wachsender Begeisterung. Dann beobachtete ich, wie viele meiner Altersgenossen diese Prinzipien anwandten und erstaunliche Erfolge hatten – große Gemeinden bis hin zu Megachurches (zu jener Zeit ein neuer Begriff und eine relativ neue Idee). Es war alles so neu. Ich verbrachte die nächsten paar Jahre damit, das meiste von dem zu verlernen, was ich zuvor darüber gelernt hatte, wie man Gemeinde baute. Ich bin noch immer dankbar dafür. Ich will meine Lehrer am College nicht schlechtmachen – sie haben mir eine wunderbare theologische Grundlage gegeben –, aber die Welt veränderte sich und die meisten ihrer Methoden waren bereits Auslaufmodelle, als sie sie mir vorstellten. In den folgenden Jahren bekamen Shelley und ich unser drittes und letztes Kind, gefolgt von einem kurzen, unglücklichen Aufenthalt in einer Gemeinde am nördlichen Zipfel der Bucht von San Francisco. Dann landeten wir im Dezember 1992 in Fountain Valley, keine 15 Kilometer entfernt von Disneyland, wo ich Pastor der Community Bible Church wurde. Ich werde in späteren Kapiteln mehr über den Zustand dieser Gemeinde sagen. Vorerst nur so viel: Sie war klein und kämpfte um ihr Überleben. Die Leute, die noch treu die Stellung hielten, waren allerdings nicht die Ursache dafür. Sie waren sich der Herausforderungen bewusst und bereit, sie anzugehen. Und zwar mit ihrem neuen und – wie sich später herausstellte – schockierend naiven, jungen Pastor.

Getrieben, etwas zu tun Wenige Monate nachdem wir im Orange County angekommen waren, verreisten meine Frau und ich, um unseren zehnten Hochzeitstag zu feiern. Während wir weg waren, besuchte ich einen Sonntagsgottesdienst in einer Megachurch. Was die Leute dort aufgebaut hatten, war beeindruckend, insbesondere, da sich die Gemeinde in einer dünn be25


siedelten Gegend befand. Ich stellte mich dem Pastor vor und fragte ihn, ob ich ihn am folgenden Tag zum Mittagessen einladen dürfe, um mir von ihm einige Ideen für meinen pastoralen Dienst zu holen. Er war einverstanden und wir verbrachten eine nette Zeit mit ihm und seiner Frau. Wir erzählten uns gegenseitig unsere Geschichten und waren beide überrascht, als wir entdeckten, dass er die Gegend, in die wir gerade gezogen waren, kannte und mehr über sie wusste als ich. »Es ist ein Jammer«, meinte er zu der Gemeindesituation in der Gegend von Fountain Valley. »Niemand tut dort etwas.« Während Orange County einige Megachurches aufweisen konnte, gab es in der Umgebung, in der ich Pastor war, keine einzige. Das war alles, was ich hören musste. Ich kehrte mit dem festen Entschluss aus dem Urlaub zurück, dass ich derjenige sein würde, der endlich »etwas tun« würde in der Gegend von Fountain Valley. Während der nächsten Jahre waren wir damit ausgelastet, unsere Kinder großzuziehen, unsere Rechnungen zu bezahlen und Gemeinde zu bauen. Doch trotz bester Absichten, harter Arbeit und beständigen Gebets wuchs die Gemeinde nur geringfügig – sie wurde nur unbedeutend größer und kämpfte vielleicht nicht mehr ganz so sehr um ihr Überleben. Dann schrieb Rick Warren sein Buch Kirche mit Vision. Jeder, der Ende der Neunzigerjahre Pastor war, wird sich an den Einfluss erinnern, den Rick Warrens Buch auf Gemeindeleiter hatte. Es wurde zu einem weltweit gelesenen Bestseller und Phänomen. Und ich wohnte weniger als eine halbe Stunde Autofahrt von dessen Ursprung und Epizentrum entfernt – der baptistischen Megakirche im kalifornischen Lake Forest, der »Saddleback Church«. Nachdem ich das Buch gelesen hatte, kaufte ich es für alle Gemeindemitarbeiter und Diakone. Ich verpflichtete sie und ihre Ehepartner dazu, es zu lesen. Dann setzte ich an einem Samstag einen Strategietag an, um über die Bedeutung des Buches für unsere Gemeinde zu sprechen. Als die leitenden Mitarbeiter den Raum betraten, in der Hand das Buch mit Eselsohren und angestrichenen Absätzen, wusste ich: Ihnen ging es genauso wie mir. Sie waren ebenso begeistert, überwältigt und 26


auch etwas ängstlich wie ich. Doch wir konnten es kaum erwarten, diese wundervolle, seltsame neue Welt zu betreten. »Unser Gemeindeleben wird nie wieder so sein wie bisher«, war einer der ersten Kommentare, als ich die Feedbackrunde eröffnete. Und tatsächlich war es nie wieder so. Am folgenden Wochenende fuhren wir alle zusammen nach Lake Forest, um einen Samstagabendgottesdienst in der Saddleback Church zu erleben. Es war beeindruckend, ermutigend, motivierend und vor allem beängstigend. Anhand der Prinzipien von Kirche mit Vision verbrachte unser Leitungsteam die nächsten Monate damit, zu recherchieren, zu beten und schließlich einen Plan aufzustellen, um unsere kleine Gemeinde in einen »Dynamo mit Vision« zu verwandeln. Die Gemeindemitglieder ließen sich von unserer Begeisterung anstecken und wir bereiteten uns auf eine grundlegende Erneuerung unseres Gemeindelebens vor. Nach einer monatelangen Werbekampagne, mit der wir in der Nachbarschaft den Start einer »Kirche für Leute, die Kirche nicht mögen« ankündigten, präsentierten wir unser neues Gemeindeprogramm am 1. Oktober 2000. Unter anderem führten wir einen zweiten Gottesdienst am Sonntagmorgen ein; zwischen den beiden Gottesdiensten gab es eine Kaffeepause. Wir ließen die alten Hymnen weg und hörten auf, Anzüge und Kleider zu tragen. Wir überarbeiteten das Material für die Kinderstunde und orientierten uns an Rick Warrens Jüngerschaftsstrategie. Schließlich änderten wir den Namen unserer Gemeinde in »Cornerstone Christian Fellowship«. Und es funktionierte! Die Gemeindemitglieder (wenigstens die meisten) waren begeistert über die (meisten) Veränderungen. Einige Familien kamen, die unsere Gemeinde bisher noch nicht besucht hatten, und es gefiel ihnen. Während der nächsten paar Jahre schwammen wir auf einer Welle der Begeisterung und des Wachstums – bis wir am 4. Januar 2004 unsere Sonntagsgottesdienste in die Aula einer Schule verlegten. Damit verdoppelten wir die Anzahl der Sitzplätze. Doch der Grund für den Umzug war nicht, dass wir zu jener Zeit mehr Sitzplätze gebraucht hätten, sondern dass die Gemeindewachstumsprinzipien mir nahelegten, mehr Platz zu schaffen, bevor wir ihn brauchten. Wir waren inzwischen auf knapp 250 Erwachsene 27


gewachsen – in einem Gottesdienstraum, der maximal 350 Personen fasste (175 pro Gottesdienst). Die Aula aber konnten wir für über 600 Personen bestuhlen (300 pro Gottesdienst), bevor wir uns nach größeren Räumlichkeiten umsehen müssten. Ich war mir sicher, dass dies bald der Fall sein würde. Ich hatte das Gefühl, dass ich endlich kurz davor war, »etwas zu tun«.

Verwirrung und Erkenntnis Etwas länger als ein Jahr transportierte ein unheimlich hingegebenes Team jeden Sonntag die gesamte Ausstattung unserer Gemeinde in eine Schulaula, baute später alles wieder ab und brachte es zurück. Die Besucherzahl der Sonntagmorgengottesdienste stieg in den neuen Räumen sofort. Bald zählten wir fast 350 Erwachsene im Durchschnitt. Doch der wöchentliche Kraftakt fing an, die Leute zu zermürben. Die Klappstühle aus Metall und die Tatsache, dass es in der Schulaula keine Klimaanlage gab, machten die Gottesdienste in den heißen südkalifornischen Sommermonaten unerträglich. Die Verlockung, zurück in unsere eigenen bequemen, klimatisierten, mietfreien Gemeinderäume zu gehen, die nun verwaist dastanden, war immens. Die Zahl der Gottesdienstbesucher ging zurück. Als die Schule uns die Aula wegen bevorstehender Renovierungsarbeiten nicht länger zur Verfügung stellen konnte, brachten wir die schrumpfende Gemeinde im März 2005 zurück in unser altes Gebäude. Alle waren begeistert, wieder in einer »richtigen« Gemeinde zu sein. Aber ich war am Boden zerstört. Unser Schritt, wieder in unser altes Gemeindehaus zurückzugehen, schien mir gleichbedeutend mit rückwärtsgehen und ich fühlte mich wie ein Versager. Innerhalb von sechs Monaten verschlimmerten sich meine Gefühle der Verzweiflung. Immer mehr Leute verließen die Gemeinde. Meiner Überzeugung nach war der Grund dafür, dass wir diesen Schritt zurück gegangen waren und nun nicht mehr den größeren Raum hat28


ten, der Wachstum ermöglichte. Die Wahrheit jedoch war, dass die schrumpfende Gemeinde mehr mit der elenden Verfassung zu tun hatte, in der sich ihr Pastor befand. Trotz all meiner Anstrengungen, mir ein Lächeln abzuringen, brachte meine emotionale Unruhe Menschen dazu, die Gemeinde zu verlassen. Dies verstärkte meine Melancholie, was wiederum dazu führte, dass mehr Menschen sich unwohl fühlten, mehr Menschen die Gemeinde verließen und ich noch tiefer in die Depression rutschte. Ich weiß nicht, wie tief die durchschnittliche Besucherzahl während der nächsten Jahre sank. Wir befanden uns im freien Fall und ich hörte auf zu zählen. Über Besucherzahlen Buch zu führen, machte Spaß, als wir noch wuchsen, doch jetzt machte es mich nur unglücklich. Ich war ratlos und ich wusste nur: Wir passten wieder sehr gut in unsere alten kleinen Gemeinderäume. Ich war überzeugt, dass man mir irgendwie übel mitgespielt hatte. Schließlich war mein Wunsch, eine große Gemeinde zu bauen, von den richtigen Motiven getragen gewesen. Es ging mir ja nicht um die Befriedigung meines Ehrgeizes. Okay … ab und zu kam dieser durch, aber er war kein treibender Faktor gewesen. Nun hatte ich das Gefühl, wie der böse, faule Knecht in der biblischen Geschichte, der sein Talent in der Erde vergraben hatte, bestraft zu werden. Dabei hatte ich mir doch so viel Mühe gegeben, das mir Mitgegebene weise zu investieren! Ich wollte Gott nur treu sein. Das ist immer noch alles, was ich will. Und die Pastoren, die ich am meisten bewunderte, hatten mir gesagt: Wenn du Gott treu sein willst, dann bau eine große Gemeinde. Mehr Menschen in der Gemeinde, das sind mehr Leben, die erlöst werden, und das ist es, worum es im Reich Gottes geht. Nun kam es mir vor, als hätte Gott mir eine Aufgabe gegeben, nur um mir dann den Boden unter den Füßen wegzuziehen, als ich kurz davor stand, sie zu erfüllen. Dann wurde ich zornig. Wie im vorigen Kapitel bereits erwähnt, fing ich an, das Gemeindegebäude zu hassen. Jedes Mal, wenn ich dorthin fuhr, spürte ich diese Wut im Bauch. Manchmal fuhr ich einfach vorbei, sagte meine Termine mit einer lahmen Entschuldigung ab und ging ins Kino oder an den Strand, wo ich stundenlang saß und auf die Wellen starrte. Abgesehen von Shelley sprach ich mit niemandem über das, was in mir vorging. Noch nicht einmal ihr erzählte ich viel. 29


Schließlich war mir klar, dass ich Hilfe brauchte. Deshalb suchte ich mir einen seelsorgerlichen Berater. Aber auch das machte mich wütend. Ich bot den Menschen in meiner Gemeinde Seelsorge an, ohne Geld dafür zu nehmen – etwas, das schon immer zu meinen Stärken gehört hatte, selbst in jener Zeit –, aber jetzt, wo ich selbst Hilfe brauchte, musste ich dafür bezahlen. Kurz nachdem ich mit der Beratung begonnen hatte, war mir klar, dass eine Stunde pro Woche nicht genug sein würde. Ich musste den Menschen, die mich liebten, sagen, was mit mir los war. Danach würde ich eine Weile mit meiner Arbeit pausieren müssen. Ich begann bei meinen Familienangehörigen. Ich sagte ihnen, wie ich mich fühlte, und sie reagierten mit so viel Liebe, wie ich es nicht anders erwartet hatte. Es war schwer, mit ihnen darüber zu reden, aber sobald sie es wussten, fühlte sich meine Last schon etwas leichter an. Sie sahen ein, dass ich ausgebrannt war und eine Pause brauchte. Und dann begannen sie zu beten. Aufgrund ihrer Unterstützung schaffte ich es, allen Mut zusammenzunehmen und meinen Mitarbeitern mitzuteilen, was los war. Dann sprach ich mit dem Gemeindevorstand. Das war mit Angst verbunden. Ich wusste nicht, wie sie reagieren würden. Doch wenn ich in meinem Dienst eine Pause einlegen wollte, dann mussten sie den Grund dafür wissen. Schließlich konnte ich meine Arbeit nicht einfach unterbrechen, ohne dass der Vorstand zustimmte und Mitarbeiter sich bereit erklärten, meine Aufgaben in dieser Zeit zu übernehmen. In jenem Moment war es mir gar nicht unbedingt bewusst gewesen, doch meine gesamte Zukunft als Pastor hing von ihrer Antwort ab – einschließlich der Frage, ob ich überhaupt eine Zukunft im geistlichen Dienst dieser Gemeinde haben würde. Der Vorstand hatte ohne Zweifel das Recht, mir mitzuteilen, dass sie sich nach einem neuen Pastor umsehen würden. Schließlich war ich für die falsche Entscheidung, die Gottesdienste in die Schule zu verlegen, verantwortlich gewesen. Und die unterschwellige Unruhe, die in der Folge so viele Menschen dazu brachte, die Gemeinde zu verlassen, war auch von mir ausgegangen. Die Reaktion beider Gruppen war eine Mischung aus Schock, Traurigkeit und Erleichterung. Doch mehr als alles andere reagierten sie mit Liebe. Die Erleichterung, die sie verspürten, hing damit zusam30


men, dass nun vieles einen Sinn ergab. Sie hatten gesehen, wie viele Menschen die Gemeinde verließen, und sie hatten gemerkt, dass etwas nicht stimmte, ohne genau sagen zu können, was. Anstatt mich zu verurteilen, waren sie gnädig mit mir. Als ich ihnen sagte, dass ich eine Pause brauchte, fragten sie mich verständnisvoll: »Wie viel Zeit brauchst du?« Ich stehe für immer in ihrer Schuld. Ich sagte ihnen, dass ich 40 Tage frei bräuchte. Eine gute, biblische Zahl. 80 wären besser gewesen – in der Tat doppelt so gut –, aber ich hatte nicht den Mut, darum zu bitten. Die 40 Tage sollten nach dem ersten Sonntag im neuen Jahr beginnen. Sonntag, der 1. Januar 2006, war der absolute Tiefpunkt in meinem Leben als Pastor – und der Tag, an dem ich das Schlimmste tat, was ich in dieser Rolle jemals getan habe. Ich fand einen Sündenbock. Die Gemeinde wusste, dass ich meine 40-tägige Sabbatzeit beginnen würde, sobald die Gottesdienste vorbei waren. Nachdem ich an jenem Vormittag gepredigt hatte, bat ich den Lobpreisleiter in mein Büro. Ich ließ ihn wissen, dass ich nach einem neuen Lobpreisleiter Ausschau halten würde, sobald ich zurück wäre. Ich wusste, dass ich einen Fehler machte, während ich mit ihm redete – insbesondere, was den Zeitpunkt betraf. Ich sagte ihm sogar, dass mir bewusst sei, dass es falsch war, was ich tat. Doch ich tat es trotzdem. Noch immer weiß ich nicht, warum. Zu jener Zeit liefen viele Dinge in der Gemeinde schief, einschließlich einiger Dinge im Lobpreisteam, aber die Probleme, die mit ihm zusammenhingen, waren viel kleiner als diejenigen, die mit mir zusammenhingen. Dann verließ ich das Gemeindegebäude und sprach mehr als fünf Wochen lang weder mit ihm noch mit irgendjemandem sonst aus der Gemeinde. Ich bin immer noch wütend auf mich selbst wegen dem, was ich ihm an jenem Tag antat. Ich habe viel länger gebraucht, um mir selbst zu vergeben, als er brauchte, um mir zu vergeben. In den folgenden fünf Wochen leitete er im Gottesdienst den Lobpreis, ohne der Gemeinde zu sagen, was ich ihm angetan hatte. Unter der Leitung von Gary Garcia, mit dem ich inzwischen seit über 20 Jahren zusammen31


arbeite, sprangen er und die anderen Angestellten sowie ehrenamtliche Leiter für mich ein. Sie dienten den Menschen, beteten für mich und fragten sich, was passieren würde, wenn die 40 Tage vorbei wären. Was mich betraf, so war ich entschlossen, mir in dieser Zeit keine Gedanken über die Gemeinde zu machen und noch nicht einmal an dem Gebäude vorbeizufahren. Und daran hielt ich mich auch. Manchmal musste ich mir auf dem Nachhauseweg interessante Strecken ausdenken, um nicht an der Gemeinde vorbeizufahren – was besonders schwierig ist, wenn man versucht, nicht an sie zu denken –, aber ich schaffte es. 40 Tage lang habe ich das Grundstück nicht gesehen. Während dieser Zeit fuhr ich zum Center for Individual and Family Therapy (CIFT). Dort half Dr. Jim Masteller mir, einige schwierige Erkenntnisse über mich selbst zu gewinnen. Als Erstes arbeiteten wir daran, was genau das Problem war. In den ersten paar Sitzungen stellte er einfach viele Fragen. Er half mir zu erkennen, was ich eigentlich wollte – nicht nur, was ich problematisch fand. Ich weiß nicht mehr, was genau mich dazu bewogen hat, aber ich erinnere mich noch ganz genau daran, wie ich schließlich verzweifelt rief: »Ich will einfach wieder neu in Jesus verliebt sein!« Das wurde unser Ziel. Schnell entdeckten wir, dass es nur einen einzigen Weg dorthin gab: Ich musste meinen Zorn gegenüber Gott loslassen – darüber, dass er mich offensichtlich im Stich gelassen hatte. Der erste Schritt in diesem Prozess, sagte Jim, sei es, Erfolg neu zu definieren. Gott hatte mich nicht im Stich gelassen. Ich sollte niemand anders sein als der, der ich war. Und ich sollte nirgendwo anders sein als dort, wo ich war. Gott hatte mich so gemacht, wie ich bin, und er hatte mich dort hingestellt, wo ich war. Ich würde niemals versöhnt mit mir selbst leben können, bis ich mich nicht mit dieser Tatsache versöhnt hatte. Erfolg neu definieren. Als er dies zum ersten Mal ansprach, sträubte sich alles in mir dagegen. Ich wandte ein, dass »Erfolg neu definieren« nur ein Euphemismus sei für »sich mit weniger begnügen«. Doch er wusste, dass dies nicht stimmte. Jim, der früher selbst Pastor gewesen war, hatte erkannt, dass meine Definition von einem erfolgreichen Dienst unbiblisch und ungesund geworden war. Gott hatte mich davor 32


beschützt, ein unbiblisches Ziel zu erreichen, das ich mir selbst gesetzt hatte. Mein Versagen, dieses Ziel zu erreichen, war kein Problem, sondern ein Segen. Dr. Masteller sagte mir nicht, wie eine neue Definition von Erfolg aussehen würde. Das würde ich selbst herausfinden müssen. Dies war wirklich eine Wüstenzeit für mich – teilweise im wahrsten Sinne des Wortes, da ich eine Woche lang durch die Wüstenlandschaft des Joshua Tree National Park wanderte. Als die 40 Tage vorüber waren, wusste ich, dass er recht hatte. Ich war noch nicht gesund, aber ich war auf dem richtigen Weg und hatte das Handwerkszeug, das ich brauchte, um wieder gesund zu werden. Drei Tage vor dem ersten Sonntag, an dem ich wieder in der Gemeinde sein sollte, bekam ich einen Anruf von einem der Ältesten. Sie hatten vor, sich an jenem Abend zu treffen, und fragten mich, ob ich dazukommen würde. Nervös fuhr ich zu dem Treffen hin. Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartete. Wir begrüßten uns mit einem verlegenen, aber ehrlichen Lächeln und einer ebensolchen Umarmung. Dann saßen wir im Wohnzimmer des Gastgebers und einer von ihnen begann mit einem Gebet. Sie kamen sofort zum Punkt. »Pastor«, sagte einer von ihnen, »wir wollten heute Abend aus zwei Gründen mit dir reden. Das Erste, was wir wissen wollen, ist: Sind die 40 Tage genug? Oder brauchst du mehr Zeit? Denn falls du mehr Zeit brauchst, dann werden wir einen Weg finden, um dies möglich zu machen.« Ich war platt. Und dankbar. Ich hätte sie um weitere 40 Tage bitten sollen, aber ich tat es nicht. Ich sagte ihnen, dass ich bereit wäre, am folgenden Sonntag zurückzukommen. »Gut«, sagte der Älteste. »Wir hatten gehofft, dass du das sagen würdest. Der zweite Grund, aus dem wir uns heute mit dir treffen wollten, spielt jetzt keine Rolle mehr. Wir hätten dich gefragt, ob du überhaupt vorhast zurückzukommen oder ob du für immer gehst. Falls du geplant hättest zu gehen, hätten wir versucht, dich zum Bleiben zu bewegen. Nun ist das Einzige, was wir noch auf dem Herzen haben, dich zu Hause willkommen zu heißen.« »Eigentlich gibt es doch noch eine Sache, über die wir reden soll33


ten«, meinte ein anderer aus dem Kreis. »Du solltest dich so bald wie möglich mit unserem Lobpreisleiter versöhnen.« Das Herz schlug mir bis zum Hals. Sie wussten es! Dann wurde mir klar, was das bedeutete. Sie wussten, was ich getan hatte, und versuchten auch nicht, es schönzureden. Dennoch wollten sie mir helfen und mich als Pastor behalten. Gnade ist etwas Wunderbares! Die Person bot an, mich zu meinem Gespräch mit dem Lobpreisleiter zu begleiten, falls ich emotionalen Beistand bräuchte. Ich nahm das Angebot an. Die Tage, in denen ich versucht hatte, mit allen schwierigen Situationen allein fertigzuwerden, waren vorbei. Wir trafen uns am folgenden Abend im Haus des Lobpreisleiters. Ich sagte ihm und seiner Frau, wie sehr ich bereute, was ich getan hatte, und bat die beiden um Vergebung. Sie akzeptierten meine Entschuldigung und vergaben mir vollständig. Doch da sie bereits Pläne für die Zukunft gemacht hatten, verließen sie die Gemeinde kurze Zeit später trotzdem. Er und seine Frau gehören noch immer zu unseren Freunden und wir freuen uns, wenn wir uns auf Geburtstagsfeiern oder zu anderen Anlässen begegnen. Bis heute bewundere ich das, was er tat, zutiefst: Während der 40 Tage, die ich weg war, führte er eine verletzte Gemeinde in heilsame Anbetung – ohne irgendjemandem außerhalb des Leitungsteams zu sagen, was ich ihm angetan hatte. Und wie sich herausstellte, hat er es auch dem Leitungsteam nur anvertraut, weil sie nachgefragt hatten. Das spricht für seinen integren Charakter und ist ein weiteres Beispiel für Gottes Gnade in Aktion. Gerne hätte ich gesagt, dass die Dinge in der Gemeinde ab sofort wieder besser liefen, doch das war nicht der Fall. Viele von denen, die während der Krise geblieben waren, fühlten sich nun frei zu gehen – darunter auch einige der Ältesten, die so gnädig mit mir gewesen waren. Manche verließen die Gemeinde, nachdem bekannt geworden war, was ich dem Lobpreisleiter angetan hatte – obwohl er sie bat, nicht zu gehen. Ich kann verstehen, warum sie gingen. Ich hatte ihnen viele Gründe dafür gegeben – und nur wenige Gründe zu bleiben. Sie verließen nicht so sehr die Gemeinde als vielmehr mich. Ich hätte mich auch verlassen. 34


Zu denen, die blieben, beteten und mit mir durch diese harte Zeit gingen, habe ich nur eins zu sagen (und ich weiß, es ist auch nicht annähernd genug): Danke!

Anders denken Pastoren reden viel darüber, dass die Gemeinde eine Familie ist. Während der folgenden gut zwei Jahre des Wiederaufbaus lebten wir, was wir im Innersten, vom geistlichen Standpunkt aus betrachtet, waren. Nach und nach lernte ich, mir keine Sorgen darüber zu machen, wie viele Leute sonntags in den Gottesdienst kamen. Ich war einfach froh, dass sie da waren und dass sie mir erlaubten, ihr Pastor und ihr Freund zu sein. Bald schon hatte ich mehr gute Tage als schlechte Tage, emotional wie auch geistlich. Nach einer Weile gewann die Gemeinde wieder Boden unter den Füßen. Ja, auch die Zahl der Gottesdienstbesucher stieg leicht an, aber vor allem war ein Aufbruch zu spüren. Wir sorgten uns nicht um den nächsten Schritt, sondern wir waren zufrieden damit, das zu genießen, was wir hatten. Die Menschen waren wieder von ihrer Gemeinde begeistert und luden gerne Freunde ein. Ich war gesund – und die Gemeinde auch. Anfang 2008 bemerkte ich in einem Mitarbeitertreffen, dass erneut einige alte Gewohnheiten mein Denken beeinflussten. Ich machte mir darüber Gedanken, wie wir mehr Gottesdienstbesucher werben konnten und welche Strategien wir aus dem Buch anwenden sollten, das ich zuletzt gelesen hatte. Da hielt ich inne, schaute meine Mitarbeiter an und sagte: »Wir müssen aufhören, wie eine große Gemeinde zu denken!« Im nächsten Kapitel werde ich ausführlicher erklären, was ich damit meine. Vorerst möchte ich nur Folgendes sagen: An jenem Tag veränderte sich die Perspektive, aus der ich meinen Dienst in der Gemeinde betrachtete. An jenem Tag entdeckte ich, dass ich Pastor einer kleinen Gemeinde war. Und an jenem Tag wurde der Dienst der Neuen Kleinen Gemeinden (NewSmallChurch.com) geboren.

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