Daisy Gräfin von Arnim
Wunder in meinem Leben
Inhalt Wundergedanken......................................................................7 Meine Eltern.............................................................................11 Die Anklage..............................................................................14 Der Kronenkranich.................................................................16 Die Leiter..................................................................................18 Der Silbersee............................................................................20 Die Regentonne.......................................................................23 Das geliehene Rad...................................................................25 Führerschein............................................................................27 »Gott liebt dich«......................................................................30 In Kanada.................................................................................31 Fasane........................................................................................33 In Tübingen dem Tod entkommen ......................................35 Die Studentenfete ...................................................................37 Es war in Schöningen..............................................................39 Wie ich auf den Apfel kam.....................................................41 Heinze und das Wasserwunder.............................................44 Dies wird einer der besten Tage meines Lebens .................47 Reise in die Hauptstadt ..........................................................49 Der Tisch im Aufzug...............................................................52 Der Parkplatz...........................................................................56 Mit unserem Außendienstmitarbeiter auf der Messe.........58
Der vergessene Korb ..............................................................60 Die Dorftreter..........................................................................63 Maschinenwunder...................................................................65 Eine Maschine namens Gertrud............................................67 Jede Bestellung ein Wunder ..................................................69 Die offene Tür......................................................................... 72 In den Bergen ......................................................................... 74 Der Unfall ............................................................................... 77 Das Tortenwunder ................................................................. 81 Das Blumenwunder ............................................................... 83 Errettung ................................................................................. 85 Auszeit...................................................................................... 89 Ein rollender Holzklotz......................................................... 91 Die verbrannten Abfüller ..................................................... 93 Wetter....................................................................................... 96 Beerdigungen.......................................................................... 98 Das Ehe-Gebet ..................................................................... 100 Ein Traum ............................................................................. 102 Das Frauenfrühstück in Parchim....................................... 104 Falsch getankt ...................................................................... 106 Blitzer in Leipzig................................................................... 108 Geheilt.................................................................................... 110 Wildschweine und fliegende Holzsplitter ........................ 113 Aufgebrochene Autos........................................................... 115 Streit....................................................................................... 117 Zufall???................................................................................. 119 Wir sind nicht allein ............................................................ 121
Der nicht so überraschende Überraschungsbesuch ....... 123 Das verschwundene Auto.................................................... 125 Newsletter schreiben ........................................................... 127 Ein Großauftrag ................................................................... 129 Frieden im Betrieb .............................................................. 132 Der verlorene Autoschlüssel .............................................. 134 Grauer Alltag ........................................................................ 136 2. Mai 2015............................................................................ 137 Wunder in Ihrem Leben...................................................... 139
Für
Gabi & Matthias Schmöcker
Meiner Lektorin Kathrin Arlt danke ich von Herzen
Einleitung
Wundergedanken
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oran denken Sie, wenn Sie das Wort Wunder lesen oder hören? Fällt Ihnen ein besonderes geschichtliches Ereignis ein oder eine Sensationsmeldung, die Sie vor einiger Zeit gelesen haben? Erinnern Sie sich an eine ungewöhnliche Begebenheit in Ihrem eigenen Leben oder dem eines Bekannten? Sind Sie gedanklich automatisch bei den Wundergeschichten der Bibel oder schütteln Sie den Kopf, weil Sie der Überzeugung sind: »Wunder – die gibt es doch gar nicht! Erst recht nicht mehr heute!«? Ich bin in den letzten Jahren oft gefragt worden, ob es nicht eine Fortsetzung von »Die Apfelgräfin« geben würde. In diesem Buch erzähle ich von meinem Aufwachsen im elterlichen Tierpark in der Sagerheide, wie ich meinen Mann kennengelernt habe, wie es uns in die Uckermark verschlagen hat und wie aus mir nach etlichen Irrungen und Wirrungen »Die Apfelgräfin« wurde. 2010 ist es erschienen und es handelt sich dabei gewissermaßen um meine Biografie. Mit knapp 50 Jahren bereits eine Biografie vorzulegen, er7
schien mir schon etwas anmaßend, aber kaum fünf Jahre später eine Fortsetzung zu schreiben, wäre meiner Ansicht nach geradezu vermessen. Ich erlebe zwar viel, aber so viel nun auch wieder nicht. Und deshalb habe ich immer abgewiegelt. Ein Gedanke ließ mich allerdings nicht los: Wenn, ja, wenn ich noch einmal ein Buch mit Begebenheiten aus meinem Leben schreiben sollte, dann müsste es »Wunder in meinem Leben« heißen. Und es sollte darin nicht in erster Linie um mich, sondern um Gott gehen. Darum, wie er sich in meinem Leben zeigt, wie ich seinen Schutz immer wieder erlebe. Besonders im Rückblick kann ich erkennen: Er ist und war immer da – in jeder Phase meines Lebens. Ich möchte Sie in diesem Buch also mit hineinnehmen in die großen und kleinen Erlebnisse mit Gott in meinem Alltag. Ich möchte Sie dafür sensibilisieren, dass es auch heute noch Wunder gibt. Und ich möchte Ihnen Mut machen, auf Gottes Gegenwart in Ihrem eigenen Leben zu achten. Denn ich bin davon überzeugt: Er ist auch in Ihrem Leben anwesend und tut etwas! Im Leben eines jeden von uns gibt es Wunder. Wenn ich mit Menschen über dieses Thema spreche, kommt oft schnell ein gutes Gespräch in Gang und mir werden eigene Wundergeschichten erzählt, verbunden mit großer Dankbarkeit. Schärft man seine Sinne nur ein wenig dafür, stellt man überraschend häufig fest: Ja, hier passiert gerade etwas, das ich nicht selbst beeinflussen konnte. Viele sagen dann: »Was für ein Zufall!« Ich sage, das war bestimmt kein Zufall, sondern höchstens, hier fiel mir etwas zu. Es war ein Wunder. Die Bibel berichtet davon, wie Gott bis in das kleinste Detail des Alltags mitwirken will und mitwirkt. Es werden 8
viele Wunder geschildert, nicht nur im Neuen Testament. Es wird von Brot und Wachteln erzählt, die vom Himmel fallen, von einem geteilten Meer, von Kranken, die gesund werden, und Jesus, der tot war und auferstanden ist. Er hat Wasser zu Wein gemacht, Brot vermehrt und ist auf dem Wasser gelaufen. Diese Berichte sind nicht als bloße Geschichten von einst zu verstehen, sondern sie sollen uns ermutigen zu sehen, wie Gott wirkt und was er auch heute tun kann. Jesus lebt ja. Je mehr ich mich mit der Bibel beschäftige, stärkt und bestätigt dies meinen Glauben an Gottes Macht und seine Größe. Mein Glaube an diesen lebendigen Gott und meine Erfahrungen lassen mich Wunder auch in meinen ganz kleinen Alltagssituationen erwarten. Dabei ist für mich allein schon die Tatsache an sich, dass er in mein Leben eingreift und mich als seinen Augapfel betrachtet, etwas Wunderbares. Wer will davon nicht mehr und immer mehr! Als Christen sollten wir uns ruhig öfter gegenseitig fragen, was wir in der letzten Zeit so alles mit Gott erlebt haben. Nicht, um uns damit zu brüsten, sondern um uns gegenseitig zu ermutigen und Gott für seine Wunder zu loben, zu ehren und von tiefstem Herzen zu danken. Wenn Sie meine Schilderungen lesen, werden Sie vielleicht erstaunt sein, dass ich in erster Linie von ganz banalen Begebenheiten berichte. Wenn wir an Wunder denken, sind wir oft viel zu schnell bei den großen, dramatischen Geschichten: Dem vierjährigen Kind, das vom Balkon aus 20 Meter in die Tiefe stürzt und den Fall bis auf einen Beinbruch unbeschadet übersteht. Dem Erdbebenopfer, das nach 82 Stunden lebendig aus den Trümmern geborgen wird. Dem 50-jährigen Mann, dessen Tumor bei der 9
letzten Kontrolluntersuchung vor der großen OP spurlos verschwunden ist. Der Million im Briefkasten. Wir erwarten das Spektakuläre, Unglaubliche, eigentlich Unmögliche – und übersehen dabei, dass Gott oft auch im Kleinen zu finden ist. Zufälle nennen viele das, was uns passiert, häufig. Und doch empfinde ich es so und hoffe, Sie stimmen mit mir nach der Lektüre dieses Buches überein, dass es Wunder waren, die ich erlebt habe.
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Meine Eltern
eine Eltern waren Jahrgang 1915 und 1927. Mein Vater hat auf wundersame Weise zwei Weltkriege überlebt. Er wurde in Schlesien geboren. Im Zweiten Weltkrieg gab es für ihn als Soldaten sicherlich etliche Situationen, die gefährlich waren. Und auch nach Kriegsende war die Gefahr keineswegs gebannt, denn er war unter den ca. drei Millionen Soldaten, die in sowjetische Kriegsgefangenschaft gerieten. Ein Drittel von ihnen kam dort um. Ein Wunder, dass mein Vater 1949 nach vierjähriger Kriegsgefangenschaft in Sibirien lebendig nach Deutschland zurückkehrte. Oft erzählte er davon, dass er sich bis zuletzt unsicher war, ob er überleben würde. Noch auf dem Heimtransport wurde er von einem schweren, lebensgefährlichen Fieber erfasst. Er war bereits auf dem Weg in die Freiheit und doch war fraglich, ob er sie jemals erreichen würde. Mit welch großer Dankbarkeit blickte er immer auf den Moment zurück, in dem er in Friedland/Niedersachsen aus dem Waggon stieg und ihm bewusst wurde, dass er frei war. Während der Gefangenschaft in Sibirien – so erzählte er – hatte es auf dem Weg zur Arbeit im Wald einen Weg über eine Brücke gegeben, die über einen eisigen Fluss führte. Oft 11
hätten ihn Gedanken wie »Jetzt lasse ich mich einfach fallen« überkommen. Ich wäre nie geboren worden, wäre dieser Gedanke Wahrheit geworden. Was für eine Gnade, dass er diese bittere Zeit überlebt hat. Auch meine Mutter war im und nach dem Krieg unendlich vielen gefährlichen Situationen ausgesetzt. Als 18-Jährige übernachtete sie an Heiligabend 1945 auf dem Bahnhof in Frankfurt/Oder. Mein Großvater war vom Gefangenenlager Fünfeichen in Neubrandenburg nach Frankfurt in das dortige Gefängnis transportiert worden, nachdem man ihn zu acht Jahren Gefangenschaft in Sibirien verurteilt hatte – nur, weil er Gutsbesitzer war. Die Familie wusste, dass er nun in Frankfurt/Oder einsaß und meine Mutter trampte an Weihnachten von Demmin dorthin, um ihn ausfindig zu machen und ihm Essen und Nachrichten von der Familie zu überbringen. Welche Ängste sie damals ausgestanden haben muss, möchte ich mir gar nicht ausmalen. Einiges hat sie von ihren Erlebnissen erzählt, aber die Generation erzählte ja nicht viel … Sie überstand Ängste vor Plünderungen, wurde von Russen bedrängt, flüchtete aus Mecklenburg. Dazu kamen körperliche Bewahrungen. Meine Mutter erkrankte während des Krieges zum Beispiel schwer an Typhus – und überlebte. Dass sich meine Eltern dann schließlich kennenlernten und ich nach einer Fehlgeburt und fünf Jahren Ehe überhaupt geboren wurde – für mich alles im Rückblick ein Wunder, Gnade, aber auch Verpflichtung, dieses Leben zu einem Zweck zu leben. Ich bin in eines der reichsten Länder dieser Welt hineingeboren worden, und das doch nicht nur, damit ich mich mit Essen vollstopfe, vor dem Fernseher hocke und das Leben anderer Menschen begucke! Wir 12
haben in diesem Land seit über 70 Jahren Frieden. Mehr als 25 Jahre ist die Wende her. Ohne dieses Ereignis würde ich heute nicht in der Uckermark leben, in einer Freiheit, für die ich nichts getan habe, sondern für die andere Menschen auf die Straße gegangen sind. Knapp über 100 Jahre ist es her, dass Frauen überhaupt wählen dürfen, und seit den 1970ern darf sich eine Frau in unserem Land erst offiziell selbstständig machen. Das sollten wir nicht vergessen und nicht für selbstverständlich nehmen. Für mich ist das alles ein unendlicher Grund zum Dankbarsein. Allem voran bin ich aber dankbar dafür, dass ich zum Glauben gefunden habe und um meine Errettung durch meinen Erlöser Jesus Christus weiß. Diese Wahrheit möglichst vielen Menschen weiterzugeben, ist mir ein Lebensauftrag.
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20.
Die Anklage
Juli 1944. Viele kennen das Datum gar nicht mehr. An diesem Tag fand das Attentat auf Hitler durch Claus Schenk Graf von Stauffenberg statt. Als herauskam, dass Hitler nur verletzt, aber nicht getötet worden war, nahm sich Generalmajor Henning von Tresckow, der ebenfalls zum Kreis des 20. Juli gehörte, das Leben. Sein Adjutant Major Kuhn sollte daraufhin verhaftet werden, da davon ausgegangen wurde, dass er über wichtige Informationen verfügte. Den schriftlichen Befehl, die Verhaftung vorzunehmen und Major Kuhn nach Berlin bringen zu lassen, bekam General Gustav Heisterman von Ziehlberg. Dieser gab ihn an einen Major weiter, der ihm unterstellt war. Meinen Vater! Er war damals 28 Jahre alt. Die Welt der Soldaten ist eine eigene und die Welt des Krieges auch. Während der Fahrt bat Major Kuhn meinen Vater um eine Pause. Als dieser sie ihm gewährte, nutzte Joachim Kuhn sein Wissen um eine Lücke zwischen zwei deutschen Jägerregimentern, um zu den Russen überzulaufen. Ein für einen Soldaten unglaublicher Vorgang. Mein Vater hätte ihn eigentlich erschießen müssen. Doch das tat er nicht. Der Vorfall zog eine ganze Reihe von Ereignissen 14
nach sich. In aller Ausführlichkeit nachzulesen ist die ganze Begebenheit in Peter Hoffmanns Buch »Stauffenbergs Freund. Die tragische Geschichte des Widerstandskämpfers Joachim Kuhn«. In letzter Konsequenz der Vorfälle wurde General Heisterman von Ziehlberg zum Tode durch den Strang verurteilt. Mein Vater wäre mit Sicherheit auch zum Tode verurteilt worden, hätte nicht ein guter Freund die Gelegenheit gehabt, die Akte meines Vaters einfach in den Kamin zu schmeißen, bevor er angeklagt werden konnte. Schuld, Vergebung und noch mal Schuld, letztlich das Lebensthema meines Vaters. Vielleicht war das auch mit ein Grund dafür, dass er mit 60 Jahren noch Pfarrer geworden ist. Oft denke ich über all das nach, insbesondere, seitdem ich dieses Buch über Major Kuhn gelesen habe.
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Der Kronenkranich
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ls Baby, so erzählte meine Mutter, war ich einmal einer schlimmen Gefahr ausgesetzt. Meine Mutter arbeitete immer viel an den Außenanlagen, die unser Haus umgaben. Das war besonders wichtig, da viele Menschen unser Zuhause besuchten. Wir lebten nämlich in einem Tierpark. Diesen hatte mein Vater nach dem Krieg im Oldenburger Land in Niedersachsen gegründet und betrieb ihn zusammen mit einem Tierhandel. Er kaufte besondere Vögel und andere Tiere – auch aus Übersee – ein, um sie dann an Vogelparks und Vogelliebhaber weiterzuverkaufen. Unter anderem viele verschiedene Kraniche, wie zum Beispiel diese wunderhübschen Kronenkraniche aus Südafrika, deren ansonsten hellgrauer Körper mit einer weißschwarzen und etwas roten Gesichtsmaske geschmückt ist. Der Kopf wird von einer strohgelben Federkrone geziert. Wenn meine Mutter an der Verschönerung des Tierparks arbeitete, war ich in meinem Kinderwagen meist mit von der Partie. Einmal kam es dabei zu einer äußerst gefährlichen Situation. Einer der Kraniche war ausgebrochen und stolzierte frei auf dem Gelände herum. Unbemerkt näherte er sich meinem Kinderwagen und pickte munter in mein 16
Babygesicht hinein. Ich muss wie am Spieß geschrien haben. Währenddessen wähnte meine Mutter mich schlafend und sicher im Kinderwagen. Sie holte gerade etwas aus dem Keller, was wohl etwas länger dauerte, und konnte mein Schreien nicht hören. Ein plötzlicher »Instinkt«, so erzählte sie mir Jahre später, habe sie ihre Suche im Keller einstellen lassen, um nach mir zu schauen. Was für einen Schreck bekam sie, als sie den Kranich erblickte, dessen langer Hals in meinem Kinderwagen steckte! Schreiend stürmte sie auf ihn zu. Zum Glück konnte sie den Angreifer schnell vertreiben. Wie groß war ihre Erleichterung, als sie feststellte, dass mir nichts weiter fehlte. Es war noch einmal alles gut gegangen. Hätte, hätte, hätte … was wäre wenn … wieso ist nichts passiert? Fragen über Fragen, die man sich ständig stellen könnte, statt einfach nur zu danken!
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Die Leiter
s war an einem heißen Sommertag im Tierpark meiner Eltern, ungefähr im Jahr 1967. Wie so oft waren viele Kinder bei uns zu Besuch. In einem Tierpark gibt es ja auch immer viel zu unternehmen und genug Platz zum Spielen. Meine Mutter war im Haus und machte eine Mittagspause. Bevor sie sich zurückgezogen hatte, waren die älteren Kinder beauftragt worden, gut auf die Kleinen aufzupassen. Das funktionierte normalerweise sehr gut. Doch diesmal war plötzlich einer von uns weg! Wie hatte das nur passieren können? Im einen Moment war der Kleine noch da gewesen, im nächsten war er spurlos verschwunden. Aufgeregt suchten wir überall nach dem zweijährigen Jungen. Hinter den Blumenbeeten, an der Haustür, auf dem Weg zu den Vogelgehegen … Weit konnte der Kleine in der kurzen Zeit doch nicht gekommen sein! Plötzlich kam einer von uns auf die Idee, mal nach oben zu schauen. Und da entdeckten wir ihn – ganz oben auf einer meterhohen Leiter, die an der Hauswand lehnte! Das Dach musste repariert werden und keiner der Erwachsenen hatte daran gedacht, die Leiter wegzustellen. Aufgeregt liefen wir laut schreiend zu meiner Mutter. 18
Der kleine Junge stand währenddessen wie angewurzelt oben auf einer der letzten Sprossen; es ging eben einfach nicht weiter hoch. Wenn ich an diesen Anblick zurückdenke, wird mir heute noch ganz anders. Allein die runden Sprossen: Im Rückblick erscheinen sie einem nicht besonders trittfest, aber so baute man damals eben Holzleitern … Der kleine Junge schien überhaupt keine Angst zu haben. Er bewegte sich kein bisschen. Stumm und völlig ruhig guckte er uns von da oben erstaunt an. Es müssen Engel um ihn herumgeflogen sein. Meiner Mutter stockte der Atem, als sie aus dem Haus stürmte und ihn in dieser Lage erblickte. Sprosse für Sprosse erklomm sie die sicherlich auch für sie wackelige hohe Leiter. Bange Sekunden dehnten sich endlos, bis sie den Kleinen endlich erreicht hatte. Erleichtert riefen wir: »Sie hat ihn!« Wie froh waren wir, als beide wieder heil unten ankamen. Der Kleine hatte wohl einfach nur mal die Leiter ausprobieren wollen und war eben immer eine Stufe höher geklettert. Die großen Kinder, die nicht richtig aufgepasst hatten, wurden ziemlich ausgeschimpft, das weiß ich noch. Trotzdem gab es dann erst einmal Knäckebrot mit Margarine darauf und Zucker darübergestreut und dazu Kakao. Köstlich! Wie ungesund! Wie herrlich! Was für ein Genuss! Das war etwas ganz Besonderes. Was für eine Bewahrung und ein Wunder, dass nichts passiert war. Was hätte alles passieren können, nicht auszudenken!
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Der Silbersee
ommer in der Sagerheide. Ort meiner Kindheit. Irgendwie waren die Sommer immer so heiß, meine ich mich zu erinnern. Und so sandig trocken. Viele Besucher aus der Umgebung und den umliegenden Städten kamen in den Tierpark, um Erholung und Abwechslung zu suchen. Unsere ganze Familie und die Mitarbeiter hatten gut zu tun. Es war eine schöne, aber auch harte Arbeit. Meine Mutter war insbesondere für ein hübsches Häuschen am Eingang des Tierparks zuständig, das zugleich als Kasse und Kiosk fungierte. Auf der einen Seite wurden Eintrittskarten und Süßigkeiten verkauft, auf der anderen konnte man Eis und Bratwürstchen erwerben. Vor dem Häuschen stand ein riesiger Kletterkirschbaum. Der ganze Eingangsbereich war für uns Kinder eine permanente Quelle von Versuchungen in Form von Eis und Süßigkeiten und viel Abwechslung durch die Besucher. Der für uns schönste Tag war, als die große Eistruhe ihren Geist aufgab und wir Eis satt essen durften und sogar unseren Hund damit füttern konnten … Rund um das Kassenhäuschen war immer etwas los. Die Besucher konnten sich hier gemütlich hinsetzen und bei Kaffee und Kuchen ein Gehege mit einem Teich angu20
cken, wo es viele exotische Enten, besondere Wasservögel und Kraniche zu beobachten gab. Heile Welt in der Heide in Niedersachsen, zumindest für uns Kinder und die Besucher, für meinen Vater ein harter Existenzaufbau. Einige Kilometer entfernt durch den Wald befand sich an einem stillen Waldsee eine geheime Badestelle. Der Name des Sees war Silbersee. Ich weiß allerdings nicht, ob er offiziell so hieß oder ob wir ihn so getauft hatten. Im Sommer bettelten wir Kinder täglich darum, dass wir dort an den Silbersee zum Baden fuhren durften. Trotz der vielen Arbeit wurde unserem Drängen manchmal nachgegeben, aber die Ausflüge blieben etwas sehr Besonderes. Wenn ich an den Silbersee denke, denke ich an Sommer, Mücken, Butterbrote. Das höchste der Gefühle war eine kleine Flasche, die wie eine Ananas aussah und in der sich ein prickelndes Getränk mit kleinen Fruchtstückchen darin befand. Sonst gab es für uns Kinder meist nur Wasser zu trinken oder Kakao oder Milch. Außerdem gab es bei unseren Ausflügen oft diese herrlichen kleinen weißen Pfefferminzpastillen in durchsichtigen runden Plastikdöschen, auf denen Sügro stand, in goldener Schrift. Ein Fest am See! Eines Tages waren wir wieder einmal dort am Silbersee. Das Ufer war so flach, dass wir Kinder allein und ohne Schwimmflügel im seichten Wasser plantschten. Es war sehr klar und schmeckte leicht brackig, wahrscheinlich durch das Eichenlaub, das man an einigen Stellen auf dem Grund sehen konnte und durch das man etwas waten musste. Ich lief vorsichtig Schrittchen für Schrittchen in den See, aus Respekt vor der immer höher kriechenden Kälte des Wassers an meinem Bauch. Noch ein Schritt und noch einer und – plötzlich war da kein Grund mehr. Ich versank! Ich 21
muss ungefähr vier Jahre alt gewesen sein. Trotzdem weiß ich noch wie heute, dass ich damals schon dachte: »Jetzt ist es vorbei.« Ich spürte, wie ich einfach sank, immer tiefer und tiefer. Es war gar nicht schlimm. Auf einmal aber war da eine kräftige Hand, die mich am Badeanzug packte und wieder nach oben zog. Es war die Hand meines Vaters! Lächelnd sah er mich an, als ich hustend und prustend wieder an die Wasseroberfläche kam. Er hätte ja auch gerade woanders hinschauen oder wie sonst so oft in seine obligatorische Zeitung vertieft sein können. Er hätte sich unterhalten und dadurch abgelenkt sein oder einfach nichts bemerken können. Dass es in dem See an dieser Stelle auf einmal eine Stufe im Seegrund gab, war ihm anscheinend nicht bewusst gewesen. Ein Wunder, dass er die Situation so schnell erfasst hatte. Später habe ich in diesem See übrigens mein Seepferdchen gemacht. Und wenn ich heute mit meinen Neffen und Nichten an den Suckowsee in Lichtenhain fahre, weiß ich, wie wichtig es ist, gut aufzupassen … und wie schwer, in dem Menschen- und Kindergewusel auf alle drei gleichzeitig zu achten!
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Die Regentonne
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er Tierpark Sagerheide war ein wahres Kinderparadies. Wir hatten alle Freiheiten zum Spielen – in einem festgelegten Bereich, der sich, je älter wir wurden, weiter ausdehnte. Jeden Tag waren wir draußen. An Spielkameraden mangelte es uns selten. Alle kamen nur zu gerne zu uns. Ich muss noch sehr klein gewesen sein, ca. vier oder fünf Jahre alt, schätze ich. Nicht so richtig irgendetwas spielend, war ich mal hier und mal dort, stromerte ziellos durch unseren Garten. Direkt am Haus gab es eine in die Erde versenkte Regentonne. Sie war einfach da. Heute wäre man wahrscheinlich vorsichtiger, aber damals schien sich keiner der Erwachsenen Gedanken zu machen, was für eine Gefahrenquelle diese Regentonne war. Es gab auch kein Verbot, sich ihr zu nähern, zumindest nicht, soweit ich mich erinnern kann. In der Tonne wurde das Regenwasser vom Hausdach zum Blumengießen aufgefangen. Wir Kinder hatten diesen Ort bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht wirklich als Spielmöglichkeit entdeckt. Aus irgendeinem Grund – ich weiß auch nicht mehr wieso – schlenderte ich zu der Regentonne und erblickte darin das vertraute Karomuster der Spielhose einer meiner 23
Spielkameraden. Ohne mir etwas dabei zu denken, lief ich zu einem Absperrseil weiter, über das man herrlich hin und her hopsen konnte. Während ich so über das Seil sprang, schoss mir plötzlich, wie ein Blitz, der Gedanke durch den Kopf: Das war doch nicht nur die Hose, sondern das war mein ganzer Spielkamerad! Ich rannte ins Haus und schrie nach meiner Mutter. Diese lief augenblicklich zur Tonne und zog das Kind heraus. Als erfahrene Krankenschwester machte sie sofort Wiederbelebungsversuche. Die Minuten, bis der Krankenwagen kam, dehnten sich zu Stunden. Erst eine gefühlte Ewigkeit später trafen die Rettungssanitäter ein. Jetzt rächte es sich, dass wir weitab vom nächsten Dorf, geschweige denn der nächsten Stadt wohnten. Glücklicherweise überlebte mein Spielkamerad. Nach ein paar Tagen im Krankenhaus war er wieder ganz der Alte. Er hatte doch nur sein Spielzeug, das in die Regentonne gefallen war, wieder herausholen wollen! Für mich waren die Tage, die er im Krankenhaus verbrachte, eine Zeit wundervoller Fürsorge und ich durfte Gummibonbons satt essen. Unendlich dankbar bin ich heute noch dafür, dass Gott mir diesen Gedankenblitz an dem Absperrseil, über das man so schön hüpfen konnte, geschenkt hat. Eins war mir damals als kleines Mädchen schon klar: dass Gott es war, der mir diesen Gedanken so ganz plötzlich gegeben hatte. Ich hätte ja auch einfach weiter gedankenversunken hin und her hopsen können. Die Schuldgefühle, die mich mein Leben lang begleitet hätten, obwohl ich noch so klein war, wären für mich sicherlich unerträglich gewesen. Wie dankbar bin ich für die Bewahrung meines Spielkameraden, der heute ein erfolgreicher und sehr kluger Manager ist. 24