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Lotte Bormuth

Aus meinem reichen Leben Zum 90. Geburtstag der Autorin


Inhalt Vorwort des Schwiegersohns und Verlegers......................... 5 Bessarabien – meine Heimat................................................... 7 Die Neuansiedlung ................................................................ 16 Auf der Flucht......................................................................... 23 Geburt und Tod...................................................................... 31 Ein Neuanfang ist in Sicht..................................................... 34 Christen nehmen uns in ihrem Haus auf............................ 39 Meine Hinwendung zu Christus.......................................... 48 Martin in der Zeltmission..................................................... 52 Abitur und Studium............................................................... 54 Die Studentenmission............................................................ 59 Der Partner fürs Leben.......................................................... 61 Die verbrannten Briefe.......................................................... 65 Liebende Menschen auf meinem Weg................................. 70 Ein neuer Start in Bad Arolsen............................................. 72 Unser neues Haus .................................................................. 74 Unser Haus soll ein Bethaus sein......................................... 77 Nosa Omoregi......................................................................... 84 Berufung ins Diakonissenmutterhaus................................. 89 Jesusbekenntnis im Alltag..................................................... 93 Hilfe, mein Kind wird nicht versetzt................................... 98 Daniels erste Bibel.................................................................102


Scholastikas Baby..................................................................104 Wie ich zum Schreiben kam................................................107 Papa bezahlt alles...................................................................113 Krach um eine alte Kommode.............................................116 Der Talar bedeckt alles..........................................................120 Für Gott unterwegs...............................................................122 Namen.....................................................................................127 Eine wunderbare Heilung....................................................130 Da bleibt mir nur das Staunen.............................................132 Aus der Kraft des Glaubens leben.......................................138 »Heute fahren wir über Zwickau«.......................................141 Ein mutiger Blick nach vorn................................................151 Die späten Jahre unserer Mutter – Daniel Bormuth ........154


Vorwort des Schwiegersohns und Verlegers Sehr genau erinnere ich mich noch an die Zeit, als ich Frau Bormuth kennenlernte. Es war im Jahr 1980. Ich saß in meiner Studentenbude in Marburg und machte mich mit dem Vorlesungsverzeichnis vertraut. Einige Wochen zuvor war ich an die Marburger Philipps-Universität gewechselt. Es war nicht leicht gewesen, eine geeignete Unterkunft zu finden. Ein Pfarrer hatte mir schließlich den entscheidenden Tipp gegeben: In Marburg wohne eine Familie Bormuth, die Zimmer an Studenten vermiete. Und wirklich, nach nur einem Telefonanruf war alles abgemacht. Nun saß ich in meinem neuen Zimmer. Da klopfte es an der Tür und meine Vermieterin fragte, ob sie mich einmal stören dürfe. Sie hätte gerade ihr erstes Buch geschrieben und weil ich Germanistik studierte, könnte ich es doch sicher einmal korrekturlesen. Ich sagte zu und las das Erstlingswerk »Ich staune über Gottes Führung«. Auf diese Weise lernte ich die Autorin, die vier Jahre später meine Schwiegermutter werden sollte, kennen und schätzen. Bei der Lektüre kam ich immer wieder ins Staunen: Was diese Frau nicht alles erlebte! Welch ungewöhnliche Menschen sie traf und welche besonderen Erfahrungen sie in ihrem Alltag machte. 5


Wer Frau Bormuth näher kennenlernt, staunt nicht schlecht darüber, wie das Leben bis ins hohe Alter um sie herum pulsier – und ein solches Leben bietet natürlich reichlich Stoff für Bücher. Zunächst waren es die Erlebnisse des eigenen Lebens, Flucht, Vertreibung, Hunger und Neuanfang nach dem schrecklichen Krieg. Aber auch die Geschichten der fünf Kinder, den Freunden aus der Gemeinde und den Untermietern fanden Eingang in die Bücher. Später sind es Erlebnisse auf Vortragsreisen, die zu Geschichten werden. Eines aber durchzieht alle Erlebnisse dieser außergewöhnlichen Frau: Nie verlernt sie das Staunen über den großen Gott und nie käme sie auf den Gedanken, überheblich zu werden. Inzwischen sind viele Jahre vergangen. Im April 2019 zog meine Schwiegermutter zusammen mit ihrem Mann Karl-Heinz zu uns ins Haus, weil beide im fortgeschrittenen Alter waren und Hilfe brauchten. Im selben Jahr am 7. August feierte sie im Kreis ihrer großen Familie den neunzigsten Geburtstag ihres Mannes, der ein halbes Jahr später von Gott in die Ewigkeit gerufen wurde. Danach wohnte sie noch drei Jahre lang bei uns im Haus, bis sie nach einem Schlaganfall im Februar 2022 in ein christliches Pflegeheim in Marburg umzog. Die Vortragstätigkeit und das Schreiben selbst erlebter Geschichten hat sie aufgegeben. Heute freut sie sich über die Besuche ihrer fünf Kinder, 15 Enkel und sieben Urenkel und lauscht aufmerksam deren Geschichten. Klaus Meiß, im Dezember 2023 6


Bessarabien – meine Heimat Bessarabien, das heutige Moldawien, ist ein herrliches Land. Obwohl ich nur sechs Jahre meines Lebens dort zugebracht habe, empfinde ich es als meine eigentliche Heimat. Vielleicht liegt es daran, dass wir uns sehr oft über unseren Ursprung unterhalten haben und in der Kindheit der Mensch seine tiefste Prägung erfährt. Dort bin ich in dem stattlichen Dorf Sofiental geboren. Acht Kilometer lag es vom Schwarzen Meer entfernt. Deutsche Siedler hatten hier ihre Häuser und Höfe gebaut. Die Kirche mit ihrem Glockenturm bildete die Mitte des Dorfes. Schmuck sahen die Gehöfte aus. Zur Straßenseite waren sie mit einer weiß getünchten Mauer umgeben. Blühende, fruchtbare Gärten waren der Stolz der Bäuerin. Akazienbäume umsäumten die Dorfstraße. Schon von Weitem roch man ihren wunderbaren Duft. Kam man näher an sie heran, dann summte es vor lauter Bienen, die sich ihren Honig aus den Blüten holten. Zwischen den beiden Häuserreihen war ein breiter fruchtbarer Streifen Land mit Rizinusstauden bepflanzt. Das Haus meiner Großeltern lag gegenüber der Kirche, so ziemlich in der Dorfmitte, wo auch der Dorfbrunnen stand. Das Haus meiner Eltern stand am Dorfausgang und war noch recht neu, aus roten Ziegeln errichtet. Unser Hof war zu der Zeit verpachtet und Onkel Emil bewirtschaftete das Erbe meiner Eltern. 7


In der Kirche war auch zugleich das Schulhaus untergebracht. Sonntags riefen die Glocken zum Gottesdienst und an den Werktagen tummelten sich die Schüler im Gebäude und wurden im Lesen, Rechnen und Schreiben unterrichtet. So hatte beides seinen Platz im Leben der Bevölkerung: das Wort Gottes und die Erziehung der Jugend zu einem verantwortungsvollen Dasein. In diesem schmucken, sauberen Dorf erblickte ich am 3. Januar 1934 das Licht der Welt. Meine Großeltern haben immer darauf bestanden, dass die Enkelkinder in ihrem Haus unter ihrer Obhut geboren wurden. So waren meine Eltern schon vor Weihnachten von ihrem Wohnort Purkari, wo die landwirtschaftliche Schule stand, an der mein Vater unterrichtete, nach Sofiental aufgebrochen, als der Geburtstermin näher rückte. Ich war das zweite Kind in der Familie und der Schrecken war groß, als ich geboren wurde und kaum lebensfähig war. Die Hebamme wickelte mich in ein Tuch und legte mich zur Seite. Sie versorgte erst meine Mutter, weil sie keine Hoffnung für mich hatte. Jedenfalls wurde mir dies später so erzählt. »Dieses Kind ist zu schwach«, sagte sie zu meiner Großmutter, »es wird den Abend kaum erleben.« Großvater wurde von der Hiobsbotschaft unterrichtet, eilte herbei, hob mich aus den Kissen, schlug mir kräftig auf den Rücken, rieb mir mit seinen großen warmen Händen den Körper, sah mir in die Augen und litt Not. Schnell wurde der Pfarrer geholt und ich wurde notgetauft. So stand mein Eintritt in diese Welt unter keinem gu8


ten Stern. Aber Gott wollte, dass ich lebe. Er hat mich geschaffen, elend, aber doch wunderbar und hat mir aller Todesahnung zum Trotz neue Kräfte geschenkt. Ich war ein schwaches Kind und blieb es auch über viele Jahre, aber doch regte sich in mir Lebensfreude und Energie. Großmutter hat mich vom ersten Tag an aufgepäppelt und mit jedem neuen Tag ging es aufwärts mit mir. Bald nach der Geburt ging es wieder nach Purkari. Im großen Schlitten, der von vier Pferden im hohen Schnee gezogen wurde, ging die Fahrt zurück nach Hause. In Bessarabien war es Sitte, dass eine Wöchnerin sehr gut versorgt wurde. Die Nachbarinnen sprachen sich miteinander ab und jeden Tag übernahm es eine Familie, die besten Speisen ins Haus der Wöchnerin zu bringen: Täubchensuppe, Hühnerschenkel, Reisbrei mit Zimt. Schnell sollte sich die junge Mutter erholen. Später, als ich selbst Mutter wurde, habe ich einmal sehr schmunzeln müssen. Unser Sohn Gottfried war geboren. Ich lag auf der Entbindungsstation des Bad Arolser Krankenhauses. Am dritten Tag besuchte mich mein Vater. Er war von Bebra über eine Strecke von hundert Kilometern im Zug angereist und hatte dreimal umsteigen müssen. In seiner Hand trug er eine Drei-Liter-Milchkanne und ein Hühnerbein guckte oben heraus. »Papa«, lachte ich schallend, »meinst du, ich müsste hier verhungern?« Dabei wurde es mir warm ums Herz. Wie viel Liebe verbarg sich in diesem Essen. Meine Mutter musste schon sehr früh aufgestanden sein, um das Huhn zu schlachten und die Nudeln 9


so fein zu schneiden. Niemals mehr habe ich so fein geschnittene Nudeln gesehen. Gesund sollte ich werden und mich gut nach den Strapazen der Geburt erholen. So scheuten meine Eltern keine Mühe. Und wie ich meinen Vater kenne, wird er allen Mitreisenden von seiner großen Freude erzählt haben, dass er schon wieder Großvater geworden sei. Zum vierten Mal sei ihm ein Enkelkind geschenkt worden und diesmal noch ein Junge dazu, wo er selbst nur fünf Töchter hatte. Aber zurück zu den Umständen meiner Geburt. Wir lebten in Purkari, einem kleinen Ort, der von Rumänen und Russen besiedelt war. Mehrere Tausend Morgen Land gehörten zum landwirtschaftlichen Institut. Es war ein Staatsgut, auf dem junge Bauernsöhne zu tüchtigen Landwirten herangebildet wurden. Der rumänische Königshof bezog seinen Wein, sein Getreide, sein Schlachtvieh, seine Butter und seine Milch von diesem hervorragend geleiteten Landgut. Hochwertige Weinsorten wurden angebaut und in Bezug auf die Schafzucht wurden Versuche unternommen, besondere Tiere zu züchten, die widerstandsfähig waren und gute Felle lieferten. Es waren die Karakulschafe. Für mich verbinden sich mit der Landwirtschaftsschule wunderschöne, frohe Erinnerungen. Oft kamen vom Königshaus aus Bukarest Delegationen angereist, die das Gut besichtigen wollten. Dann durfte ich auf dem Kutschersitz mitfahren, wenn mein Vater seinen Gästen die Felder zeigte. Unser Kutscher Nasari gab mir dann die Leine und die Peitsche in die 10


Hand und stolz lenkte ich die Kutsche. Manchmal musste ich die Pferde anhalten, die Besucher stiegen ab und mein Vater erklärte ihnen die verschiedenen Versuchsfelder mit Weizen und anderen Getreidesorten oder führte seine Gäste zu den Schafherden. Auch die kühlen Weinkeller, die unter der Erde angelegt waren, wurden besichtigt. Manche Fässer waren größer als ein Mensch. Ich hatte auch immer viele Spielkameraden. Die Kinder der Lehrer und Arbeiter waren meine Freunde. Sie sprachen russisch oder rumänisch und so bin ich mehrsprachig aufgewachsen. Wir waren die einzigen Deutschen auf dem Gut, wenn ich von unserer Köchin und dem Kindermädchen absehe. Ich konnte besser rumänisch als deutsch reden und flocht oft auch russische Worte in mein Reden mit ein. Jeden Sommer fuhren wir in einem Vierspänner zu den Großeltern nach Sofiental und dann nach Budaki, einem Badeort am Schwarzen Meer, wo unsere Familie die Sommermonate verbrachte. Die landwirtschaftliche Schule, an der mein Vater Professor war, hatte ihre Pforten geschlossen, denn die jungen Männer wurden dringend auf ihren Höfen bei der Ernte gebraucht. Während wir Kinder uns am Strand tummelten, zog sich mein Vater ins Sommerhaus zurück, um wissenschaftlich zu arbeiten. Nur am Spätnachmittag erschien er am Meer und dann war die Freude groß. Keiner konnte sich so gut mit uns in den Fluten vergnügen wie Vater. Am Strand spielten wir Fangen oder bauten Burgen, die wir mit großen und kleinen Muscheln verzierten. Am schöns11


ten aber war es, wenn wir nach dem Baden auf einer bunten Decke lagen, uns in der Sonne rekelten und Vater Geschichten aus seinem Leben erzählte. Es waren immer wahre Geschichten und wir Kinder haben gelacht und geweint, waren gespannt und aufgeregt, haben gehofft und gebangt. Mein Vater war ein Meister im Erzählen. Was hat er alles mit seinem Hund Rappka erlebt! Dieses treue Tier wurde uns zu einem guten Freund. Es war oft so, als finge er die Hasen vor unseren Augen oder vertriebe die Viehräuber und wir waren mitten unter den Herden. Stolz war ich auf meinen Vater, wenn er Rappka im Kampf mit einem Wolfshund aus seiner bedrohlichen Lage befreite und ihm dann seine Bisswunden verband. Ich litt mit diesem treuen Tier, bis Vater den befreienden Satz sagte: »Aber bis zur nächsten Hasenjagd waren alle seine Blessuren abgeheilt und Rappka konnte noch schneller springen als zuvor.« Oder ich denke an die Geschichte von den siebenundzwanzig zerschlagenen Tellern. Vater entstammte einer großen Familie. Sechs Jungen und sechs Mädchen hatte seine Mutter geboren. Hinzu kamen noch Knechte und Mägde. Wie viele an der Zahl, das weiß ich nicht zu sagen. Im Sommer, wenn er von Sarata, wo er das Gymnasium besuchte, nach Hause kam, musste er seiner Mutter im Haushalt helfen und die jüngeren Geschwister betreuen. Seine Brüder aber waren beim Ernten und Dreschen eingesetzt. So gehörte es zu seinen Pflichten, die Milch zu entrahmen, die Butter im Fass zu stoßen, den Brotteig zu kneten, den Backofen 12


mit Stroh und ausgedroschenen Maiskolben zu schüren, das Wasser aus dem Dorfbrunnen zu holen, die Petroleumlampen zu putzen, die Sommerküche zu fegen, Enten und Gänse zu füttern, die Eier aus den Nestern zu holen und nach den Glucken zu schauen. Nach dem Essen stand immer ein Berg von Geschirr auf dem Tisch, das gespült und abgetrocknet werden musste. Einmal passierte ihm bei der Arbeit ein Missgeschick. Während Vater einen Teller nach dem anderen abtrocknete und auf die etwas schräge Fensterbank stellte, sagte er das Gedicht vom Erlkönig auf: Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Es ist der Vater mit seinem Kind. Er hat den Knaben wohl in dem Arm, er fasst ihn sicher, er hält ihn warm. Immer höher stapelte er das Geschirr. Bei der siebten Strophe deklamierte er: Ich liebe dich. Mich reizt deine schöne Gestalt. Und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt. Plötzlich gab es einen lauten Krach. Der hohe Stapel mit Tellern geriet auf der schrägen Fensterbank ins Rutschen, fiel auf den Boden und die Teller zersprangen in tausend Stücke. Sein Schrecken war groß. Seine Mut13


ter – sie war eine resolute Frau – hatte das Klirren und den dumpfen Schlag gehört und erschien sofort in der Küche, einen Besenstiel in der Hand. Sein Vater war auf dem Hof und hatte das Malheur auch wahrgenommen. Er kam schnell herbeigerannt und rief laut: »Albert, komm sofort auf den Dreschplatz, du musst mir beim Ölen der Maschine helfen!« Kein Befehl war ihm lieber als dieser. Mit einem Satz entwischte er durch die Hintertür. Noch auf dem Hof hörte er das Schimpfen seiner Mutter: »Wozu hat man die Kinder großgezogen, wenn sie noch nicht einmal das Geschirr abtrocknen können? 27 Teller, welch ein Schaden!« Bis zum Abend ließ sich Vater wohlweislich nicht mehr in der Küche sehen. Bis zum Abendbrot aber hatte seine Mutter das Malheur vergessen. Neue Teller wurden gekauft. So haben wir Kinder am Strand des Schwarzen Meeres viele fröhliche und ernste Geschichten gehört. Wenn er mit dem Erzählen aufhören wollte, bettelten wir wie aus einem Mund: »Papa, erzähl weiter, immer weiter!« Sein Schatz an Geschichten war unergründlich. Es waren meist Alltagserlebnisse. Friedrich war sein ältester Bruder. Er kam vom Militärdienst im Urlaub nach Hause. Etwas großspurig und selbstbewusst zündete er sich vor den Augen seiner Mutter eine Zigarette an. Sie aber konnte das Rauchen nicht ausstehen. Ihr war es schon zu viel, dass ihr Mann ein starker Raucher war. Er brauchte fast keine Streichhölzer, weil er sich immer eine Zigarette an der anderen anzündete. Mutter sah Friedrich bei seiner Hantie14


rung zu. Er hatte noch nicht einmal den Glimmstängel zwischen den Lippen, da holte sie mit ihrer kräftigen Hand aus und die Zigarette landete auf dem Fußboden. »Hast du bei den Soldaten sonst nichts gelernt als nur das Rauchen?« Das war alles, was sie zu diesem Vorfall zu sagen hatte. Die jüngeren Brüder kicherten hinter vorgehaltener Hand. Die Schadenfreude war auf ihrer Seite. »Unser Soldat, unser Friedrich, hat sicher zum ersten und zum letzten Mal zu Hause geraucht«, flüsterten sie sich zu. Friedrich aber ging wortlos aus der Küche. Nie mehr in seinem Leben hat er eine Zigarette angefasst. Von ihren sechs Söhnen hat keiner geraucht oder sich betrunken. Dafür hat meine Großmutter mit ihrem strengen Regiment gesorgt. Und noch ein Erlebnis will ich erzählen: Ein sichtliches Vergnügen bereitete es den Brüdern, die oft zu sechst in einem überdimensionalen Bett – drei am Kopfende und drei am Fußende – schliefen, wenn sie ihre Kräfte zu messen begannen. Sie stemmten die Fußsohlen gegeneinander und drückten so lange, bis der Stärkere von beiden ermittelt war. Einmal barst bei diesem Kampf das rote Inlett. Die Federn wirbelten nur so durch die Luft. Dann trat vor lauter Schreck bei den Buben Ruhe ein. Das war nun wiederum für Großmutter sehr verdächtig. Mit ihrer ganzen Breite – sie wog über zwei Zentner und war von kleiner Statur – stand sie im Türrahmen. Sie sah das Malheur, fragte nicht lange, wer denn der Schuldige sei, sondern verteilte die Tracht Prügel gerecht. In der Schlafkammer kehrte danach Ruhe ein. 15


Die Neuansiedlung 1940 musste meine Familie Bessarabien verlassen und wir wurden im Herbst 1941 in Polen neu angesiedelt. Fünf Höfe im Warthegau übergab man uns, sie entsprachen in etwa dem Grund und Boden, den wir in Bessarabien zurückgelassen hatten. Mein Vater hatte nie selbst Landwirtschaft betrieben, er war ja als Agrarökonom an einer Schule tätig gewesen und hatte gelehrt. Die Ländereien in Bessarabien waren immer verpachtet gewesen und stammten aus dem Erbe seines Vaters und Schwiegervaters. Mühsam war nun der Neuanfang in Polen. Der November war nass und kalt. Schnee war schon gefallen, aber auf den Feldern steckten immer noch die Zuckerrüben in der Erde. Bis zu den Knöcheln versanken die Landarbeiter im Schlamm. Es war eine beschwerliche, anstrengende Arbeit, bis die letzte Rübe auf den Wagen geladen war. Schon früh wurden wir mit zur Arbeit eingeteilt. Morgens um fünf Uhr wurden wir Kinder abwechselnd geweckt und mussten in den Kuhstall. Zu unserer Aufgabe gehörte es, die gemolkene Milch zu messen und die Menge ins Melkbuch einzutragen. So lernte ich früh, Verantwortung zu übernehmen. Außerdem hatte mir Vater erlaubt, Kaninchen zu züchten. Meine Zucht florierte, als Vater mir einen großen Stall baute. Hafer, Grünfutter, Heu und Rüben 16


konnte ich aus der Scheune holen. Meine Tiere gediehen prächtig. Innerhalb von drei Jahren besaß ich über hundert Kaninchen. Ich war stolz auf meine Leistung und war sehr glücklich mit meinen Tieren. Nur am Schlachttag verkroch ich mich in mein Zimmer und von dem Braten konnte ich kein Stück essen. An unser Haus schloss sich ein riesengroßer Obstund Gemüsegarten an. Wie gerne saß ich im Kirschbaum, träumte vor mich hin und pflückte mir die schönsten Früchte. Im Sommer halfen wir bei der Beerenernte. Eimerweise trugen wir Himbeeren, Johannisund Stachelbeeren in die Küche. Unser Ertrag war so groß, dass wir sogar den Kindergarten mit dem köstlichen Obst versorgen konnten. Ich liebte den Umgang mit Erde und Tieren. Das Bauernblut floss in meinen Adern und es hat mich auch später glücklich gemacht, wenn mir in meinem Garten der Samen durch die Finger rann, ich die Erde in meinen Händen hielt und mir die Sonne warm auf den Rücken schien. Vater nahm mich auf seinem Einspänner mit, wenn er über die Felder fuhr und seine Landarbeiter beaufsichtigte. Erhobenen Hauptes saß ich neben ihm, durfte die Leine halten und mit der Peitsche knallen. Oft stiegen wir ab und Vater zerrieb die Roggenkörner in seinen Händen, um zu prüfen, ob sie reif waren. War die Kartoffelernte an der Reihe, dann ließ er fünfzig Frauen mit ihren Wärterinnen aus dem Gefängnis holen, damit die Felder geerntet werden konnten. Diese jungen Frauen kamen gerne zur 17


Unterstützung unserer Arbeiterinnen aufs Land, denn Mutter verköstigte die Gefangenen aufs Beste. Meist ließ sie eine kräftige Bohnensuppe mit Schinkenfleisch kochen und einen Schokoladenpudding gab es dazu. Wir Kinder wurden beim Kartoffellesen auch mit eingesetzt. Schon am Tag zuvor wurde das Feld in kleine oder größere Abschnitte aufgeteilt, je nach unserem Alter. Am schönsten waren die Mahlzeiten auf dem Acker mit allen Erntehelfern. In großen 20 Liter-Kannen war die Suppe herantransportiert worden und der Pudding in großen Töpfen. Für die gefangenen Frauen, die manchmal eine mehrjährige Haft abzusitzen hatten, war dies wie ein Festessen, denn meine Mutter sparte nicht an Fleisch und Sahne und anderen guten Zutaten. Oft wurde extra für die Kartoffelernte ein Schwein geschlachtet. Binnen weniger Tage waren die Felder abgeerntet und die Kartoffeln in langen Mieten eingegraben. Ein großer Teil wurde auch gleich zum Bahnhof gefahren und mit Waggons abtransportiert. Das war das Besondere an meinen Eltern. Sie überließen nichts dem Zufall, sondern planten alle Arbeiten genau ein. Knechte und Mägde wurden nach getaner guter Arbeit mit Extragaben an Naturalien belohnt. So gaben sie ihr Bestes. Viele polnische Arbeiterfamilien waren groß. Sieben, acht Kinder waren keine Seltenheit. Der Verdienst des Vaters war meist gering und mit ihren Lebensmittelkarten konnten sie nicht so viel kaufen wie wir Deutschen. So hat mein Vater jeder Familie ein Stück Land zuge18


teilt. Darauf konnten sie Gemüse und Kartoffeln anbauen. Es blieb ihnen auch die Möglichkeit, ein Schwein zu schlachten und ein paar Hühner zu halten. Waren die Zuckerrüben an die Fabrik geliefert und hatten wir unsere zusätzlichen Zuckersäcke als Prämie erhalten, dann vergaß meine Mutter nie, ihre Mägde an den Zuckerrationen zu beteiligen. So konnten auch sie herrliche Weihnachtsplätzchen backen. Wer seine Ländereien und sein Vieh gut versorgt wissen will, muss seine Arbeiter vortrefflich behandeln, ihren Fleiß achten und ihren Einsatz belohnen. Die Treue unserer Knechte haben wir besonders später auf der Flucht erfahren. Zwei polnische Männer begleiteten uns und lenkten die Wagen. Als die Amerikaner längst in Deutschland einmarschiert waren, stand uns unser Stachow noch immer zur Seite und betreute unsere Pferde bestens. Ohne die Mithilfe unserer Knechte hätten wir die vielen Kilometer auf vereisten Straßen nicht so gut zurücklegen können. Sie haben alle Strapazen auf sich genommen, obwohl zu Hause ihre Familien auf sie warteten. In schlechter Erinnerung bleibt mir die Schule. Ich kam erst im November in die erste Klasse. Die anderen Schüler waren im Unterrichtsprogramm weit fortgeschritten. Gewiss, mein Vater hatte mir Lesen und Schreiben beigebracht, aber nach der Sütterlinschrift. In meiner neuen Fibel konnte ich nun gar nichts lesen, da sie die lateinische Schrift enthielt. Meine Lehrerin kümmerte sich nicht allzu viel um mich und ließ mich in der hintersten Reihe sitzen. Ich zählte zu den Dum19


men. Mich hat diese Situation sehr verunsichert und geärgert. Ich schlug zu Hause meine Fibel auf und probierte, hinter das Geheimnis der lateinischen Buchstaben zu kommen. So nach und nach ging mir ein Licht auf und ich rückte einige Plätze nach vorne. Ich lernte nun mit großem Eifer und war glücklich, als ich das Geheimnis der Schrift entschlüsselt hatte. Nach drei Monaten hatte ich meine Klassenkameraden im Lesen eingeholt. Seitdem gehörten Lesen und Schreiben zu meinen Hobbys. Ein anderes Problem waren die kalten Winter und das schlechte Schuhwerk. Mein Schulweg betrug ungefähr drei Kilometer. Morgens nahm uns der Milchwagen mit. Aber oft fing der Unterricht erst mit der zweiten Stunde an und wir mussten so lange auf dem Schulhof in der Kälte warten. Damals sind mir die Zehen erfroren und über Jahre hinweg quälten mich die Frostbeulen. Saß ich im Warmen, dann fingen die erfrorenen Stellen heftig an zu jucken und zu schmerzen. Abends folgte immer das gleiche Ritual, um sich ein wenig Linderung zu verschaffen: kalte und warme Wechselbäder und das lästige Einreiben mit Frostsalbe. Oft habe ich in meinem Bett, das ich mit meiner jüngeren Schwester teilen musste, vor lauter Qual geweint, weil der Juckreiz mir den Schlaf verweigerte. Als ich später selbst Kinder hatte, habe ich ihnen immer sehr gutes Schuhwerk und warme Wollsocken gekauft. Dieses schreckliche, quälende Übel des Juckens und Schmerzens sollte ihnen erspart bleiben. 20


Aber der Winter brachte auch Vergnügen mit. So war ich begeistert, wenn ich mich auf dem zugefrorenen Teich tummeln konnte. Einmal jedoch bin ich im Eis eingebrochen. Vom Garten her beobachteten mich mein Vater und mein Onkel. Ich hörte noch, wie Onkel Rudolf sagte: »Na, Albert, hast du denn keine Angst, dass das Kind einbricht? Noch ist das Eis in der Tiefe nicht stark genug gefroren.« Die Antwort meines Vaters war sehr zuversichtlich: »Meine Lotte weiß, was sie tut.« Im nächsten Augenblick hörte ich das Knarren des Eises und brach ein. Vorsichtig schob ich mich auf das Eis und erreichte das rettende Ufer. Im Nu waren meine Hosen, Strümpfe und mein Pullover auch zu Eis gefroren und ich steckte wie in einem eisigen Panzer. Ich lief, so schnell mich meine Füße tragen konnten, nach Hause. Ein heißes Bad verhinderte eine Lungenentzündung. Danach wurde ich mit Wärmflaschen und gestrickten Socken ins Bett verfrachtet. Das Abenteuer auf dem Eis hatte keine weiteren bösen Folgen für mich. Aber ich bin nie wieder aufs Eis gegangen. Der Schock saß sehr tief. Auch wenn ich eine Dummheit begangen hatte und beinahe ertrunken wäre, so hat das Vertrauen, das Vater zu mir hatte, doch zu einem gesunden Selbstbewusstsein bei mir beigetragen. Ich liebe den Frühling, Sommer und Herbst. Der Winter bereitet mir wohl wegen der erfrorenen Zehen und dem Einbruch auf dem Teich bis heute Angst. Von allen Jahreszeiten ist mir der Herbst am liebsten. Dann wird die Ernte ein21


gebracht und ich kann den Lohn der Mühe und Arbeit deutlich sehen und erfahren. Waren die letzten Zuckerrüben abgeerntet und in der Fabrik abgeliefert, kehrte in der Landwirtschaft ein wenig Ruhe ein, wenn auch das Vieh in den Ställen gut versorgt werden musste. Für die Mägde war besonders die Zeit vor Weihnachten arbeitsintensiv. Gänse, Enten, Puten wurden geschlachtet. Brüstchen und Schenkel des Federviehs wurden geräuchert und so für mehrere Monate haltbar gemacht. An den langen Winterabenden stopften die jungen Frauen die Kissen mit herrlichen Daunen und unsere polnischen Familien freuten sich, wenn sie ein neues Federbett ihr Eigen nennen konnten. Das Leben auf einem Gutshof war interessant und wunderschön. Nie hatte ich Langeweile. Wenn wir unsere Schularbeiten und die vom Vater auferlegten Pflichten ordentlich erfüllt hatten, durften wir nach Herzenslust spielen. In der Scheune bereitete es uns Vergnügen, vom hohen Gebälk ins Heu herunterzuspringen. Auf dem Hof und den langen Feldwegen fuhren wir Fahrrad. In unserem Teich planschten wir in den heißen Sommermonaten und im Garten konnten wir uns so viele Beeren, Äpfel und Birnen holen, wie wir wollten. Ich liebte das Landleben und ging davon aus, dass es immer so glücklich weiterging. Aber da hatte ich mich getäuscht.

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Auf der Flucht Am Morgen des 19. Januar 1945 war ich noch in die Schule gegangen, aber schon nach einer Stunde Unterricht schickte uns die Lehrerin nach Hause. Auf unserem Gutshof herrschte Aufregung. Die Ackerwagen standen mit Zuckerrüben beladen noch auf dem Güterbahnhof. Zwei Knechte mussten die Rüben vom Wagen schaufeln und die Erde von den Brettern kehren. Ungeduldig wartete meine Mutter zu Hause auf die Knechte. »Wo bleibt ihr nur so lange? Wir müssen doch fort. Die russischen Panzer sind höchstens noch 80 km von uns entfernt. Ladet jetzt schnell Säcke mit Hafer auf die Wagen und helft dann, die Sachen, die mitgenommen werden, aus dem Haus zu transportieren.« Meine Mutter war erst ganz kurz vorher aus dem Krankenhaus geholt worden, wo sie mit einer schweren Gallenblasenentzündung und mit einer Gelbsucht wochenlang gelegen hatte. Nur ihrem Krankenhausaufenthalt war es zu verdanken, dass wir schon am 19. Januar 1945 flüchten konnten. Aber schon einen Tag später haben sich alle Deutschen auf die Wanderschaft begeben, von der man nicht wusste, wo sie hinführen sollte. »Westwärts!«, hieß die Parole, immer nur »westwärts!« In unserer Küche herrschte Hochbetrieb. Die ganze Nacht hindurch hatten die Mägde Brötchen gebacken, 23


die dann wie Zwieback haltbar gemacht wurden. Sie füllten mehrere Leinensäcke. Sie bewahrten uns auf unserem langen Fluchtweg vor Hunger. Aus der Räucherkammer ließ meine Mutter die Puten-, Gänse- und Entenschenkel holen und auf den Wagen laden. An Kleidung durfte nur das Nötigste mitgenommen werden, denn wir brauchten vor allen Dingen Platz für die Hafersäcke. Wie gerne hätte ich einige Bücher und mein kleines Puppenwägelchen auf den Wagen geschmuggelt – ich hatte diese Geschenke erst zu Weihnachten bekommen –, aber strengen Blickes wachte mein Vater über alles, was mitgenommen werden durfte. Zum Schluss fanden noch mehrere 20 Liter-Kannen Milch ihren Platz und ein großes Deckbett. Es hat uns vor dem Erfrieren bewahrt, denn die Temperaturen waren auf minus 20 Grad gefallen. Es war schon fast Mitternacht geworden, als sich Vater von seinen treuen Mitarbeitern auf dem Hof verabschiedete. Er gab dem Betriebsleiter schon die letzten Anweisungen, als Mutter noch schnell unsere Magd zu sich rief: »Helena, hol die Schinken vom Boden, die hätten wir beinahe vergessen!« Wie froh waren wir auf unserem monatelangen Fluchtweg über Speck und Schinken. In einer sternklaren Nacht verließen wir unser Gut. Meine Tante Anna mit ihrem Sohn Hugo schloss sich unseren zwei Wagen an. Onkel Rudolf aber durfte seinen Hof nicht verlassen. Er sollte als Volkssturmmann die russischen Truppen zurückschlagen. Für uns Kinder begann ein richtiges Abenteuer. 24


Noch hatten wir keine Angst. Vater und Mutter waren ja bei uns und an den Kanonendonner hatten wir uns allmählich gewöhnt. Tag und Nacht zogen unsere sechs Pferde die beiden schweren, offenen Kastenwagen über vereiste Straßen. Nur ab und zu wurde eine kurze Rast eingelegt, wenn die Pferde getränkt und gefüttert wurden. Am meisten zitterten wir, wenn über uns feindliche Bomber oder Tiefflieger auftauchten und ihr Dröhnen und ihre Schießereien uns Furcht einjagten. Wo hätten wir uns verstecken sollen, uns blieb ja nur die Landstraße und ihr Graben. Wenn die tödlichen Salven über uns hinwegratterten, waren wir wie gelähmt. Manches Kindergebet stieg zum Himmel auf, dem dann der Dank folgte, wenn der Angriff vorüber war. Eine ständige Gefahr war die Straßenglätte. Stürzte ein Pferd, dann bewegte uns die bange Frage: Wird das Tier wieder aufstehen können, oder hat es sich den Fuß gebrochen? Rechts und links lagen die Kadaver der getöteten Tiere, denn sie mussten nach solch einem Sturz einfach erschossen werden. Den Wagen aber schob man an den Straßenrand oder noch besser in den Graben. Zu Fuß ging dann die Flucht weiter. Was das für unsere Familie bedeutet hätte, ist kaum auszudenken. Meine Mutter litt ja noch unter den Folgen ihrer schweren Erkrankung und war zudem hochschwanger. Inzwischen hatten wir schon mehrere Wochen auf den Straßen zugebracht. Schnee und Eis waren gewichen. Der Frühling sagte sich an und in den Gärten blühten die ersten Schneeglöckchen und Krokusse. Die 25


Vögel begannen ihr Lied in den Himmel zu zwitschern und wir waren froh, dass Eisglätte und Frost vorüber waren. Aber da stellte sich uns ein neues Hindernis in den Weg. Wir näherten uns dem Harz und an unserem Kastenwagen hatten wir keine Bremsen, denn bei uns war alles eben gewesen. Bergauf war die Fahrt noch eher zu schaffen, obwohl sich die Pferde tüchtig ins Zeug legen mussten und mächtig keuchten. Wir mussten alle vom Wagen absteigen und kräftig anschieben. Aber wenn es bergab ging, dann drohte uns eine Katastrophe. Äste mussten von den Bäumen abgesägt und dann in die Speichen gesteckt werden, damit die Räder blockierten. Es war ein gefährliches Unterfangen, man musste neben dem Wagen herlaufen und den Ast fest in den Händen halten und damit bremsen. Meist musste ich mit meinen elf Jahren die Pferde lenken, während der Kutscher als Bremser fungierte. Jedes Mal atmete ich erleichtert auf, wenn wir die Talsohle erreicht hatten und alles gut gegangen war. Schweißgebadet legte ich dem Kutscher gerne die Leine zurück in seine Hände. In einem Ort schenkte uns ein Schmied einen Hemmschuh. Er wurde unter ein Rad gelegt, das mit einer Eisenkette blockiert wurde. So schleifte der Hemmschuh über die Straße. Bei einer Abfahrt, die mehr als zwei Kilometer lang war, flog der Hemmschuh gerade in dem Augenblick ab, als wir den Berg hinter uns gelassen hatten. Er war durch die starke Beanspruchung in zwei Teile zerborsten. Wäre uns dieses Malheur auf halber 26


Höhe passiert, wären mir rettungslos in den Abgrund gerast. Die Pferde hätten die schwere Last des Wagens nicht halten können. So erlebten wir viel Bewahrung auf unserer langen, beschwerlichen Reise. Der Harz bot mit seinen herrlich blühenden Wiesen und Wäldern ein idyllisches Bild. Buschwindröschen, Himmelsschlüsselchen und Trollblumen lagen wie ein ausgebreiteter bunter Teppich vor uns. Wir waren sehr über den Frühling beglückt, denn unser Vorrat an Hafer ging zur Neige. Wenn wir irgendwo an einer Stelle haltmachten, dann band unser Knecht die Pferde von der Deichsel los und weidete sie auf den Wiesen. Manchmal machten wir uns auch ein Vergnügen und ritten ein Stück weit in den Wald hinein. Solch schöne Augenblicke halfen uns zu vergessen, dass wir auf der Flucht waren und bangen mussten, bald dem Feind in die Hände zu fallen. In Großörner bei Hettstedt endete zunächst unsere Fahrt. Bei einer Familie wurden wir einquartiert und erhielten ein Zimmer. Die Knechte schliefen bei unseren Pferden im Stall oder auf dem Heuboden. Dies war wohl die schrecklichste Zeit meines Lebens, denn Nacht für Nacht wurden wir durch das Sirenengeheul aus dem Schlaf geschreckt. Wir konnten nur noch mit Kleidern ins Bett gehen. Ertönte die Sirene, dann musste jeder sein Köfferchen oder seinen Rucksack nehmen und so schnell wie möglich in einen nahen Park rennen. Dorthin wurden auch die französischen Gefangenen gebracht, denn die Luftschutzkeller reichten bei 27


Weitem nicht für die Bevölkerung aus. Im Schutz der Bäume saßen wir auf Parkbänken und beobachteten die herannahenden feindlichen Fliegerverbände. Flogen sie bloß über unseren Ort hinweg, dann waren wir froh. Aber einmal wurden sogenannte Christbäume an den Himmel gesetzt. Plötzlich erhellten Leuchtkugeln die Nacht. Es wurde taghell. Wir rannten, so schnell wir konnten, los und verkrochen uns im Gebüsch. Dann hörten wir auch schon die heftige Explosion der Bomben. Ich verspürte den Luftdruck, der mich zu Boden drückte. Die Angst riss mir fast das Herz aus dem Leibe und ich schrie zu Gott: »Vater im Himmel, rette uns! Lass uns nicht sterben!« Als der Bombenangriff vorüber war, befühlte ich meine Arme und Beine. Ich war heil geblieben. Ich kroch aus meinem Versteck, taumelte, als sei ich gelähmt, auf meine Parkbank zu und schrie nach meinen Eltern. Unbeschadet hatten wir den Angriff überstanden. Mit einem Stoßgebet dankte ich Gott für diese Rettung. Wir waren alle heil geblieben. Aber die Angst saß doch tief. Nicht weit von uns entfernt hatten die Bomben Todesopfer gefordert und verheerende Schäden angerichtet. Die Bombenangriffe auf Großörner wurden immer gefährlicher. Rüstungsbetriebe waren hier angesiedelt und ihnen galt die feindliche Zerstörungswut. Mein Vater war auf Sicherheit bedacht und beschloss, mit unseren Pferden in einen kleineren Ort zu ziehen, nach Braunschwende. Mein Vater ging von Haus zu Haus und bat bei den 28


Bauern um eine Unterkunft für die Nacht. Aber alle Häuser waren schon mit Flüchtlingen überbelegt. So suchten wir im einzigen Gasthof einen Platz für die Nacht. Er war mit Militär übervoll ausgelastet. Aber irgendwo fanden wir neben den Soldaten noch ein Bett für meine Mutter. Sie hatten ein Herz für sie, denn es war nicht zu übersehen, dass die Stunde der Geburt näher rückte. Wir Kinder holten uns unser Federbett vom Wagen und legten es auf die Holzdielen. Todmüde schliefen wir sofort ein. Als wir am nächsten Morgen erwachten, hatten sich die Soldaten alle aus dem Staub gemacht. Sie müssen wohl panikartig aufgebrochen sein, denn auf den Betten und in den Spinden lagen noch ihre Sachen: Rasierzeug, Schuhe, Fotos und auch Lebensmittel, über die wir uns besonders freuten, denn unsere Mägen waren leer. Es war uns zumute, als habe uns Gott ein Manna gerichtet. Aber der Gastwirt gab uns gleich zu verstehen, dass wir nicht länger in seinem Saal bleiben dürften. Wieder ging die Sucherei los. Gegenüber dem Löschteich stand ein unbewohntes Haus. Dort wurden Altmaterialien gelagert. Mein Vater schaute sich das etwas verwahrloste Haus an und war entschlossen, hier Quartier zu beziehen. Sofort machte er sich mit den Knechten an die Arbeit, sämtliche Lumpen, Knochen, Eisenteile und Papierballen aus den Zimmern zu schaufeln. Wir alle halfen mit und innerhalb eines Tages hatten wir das ganze Haus von Unrat befreit. Ein freundlicher Bauer überließ uns etwas weiße Farbe und unser Stachow tünchte 29


sofort die Wände. Aus hygienischen Gründen war dies dringend nötig. In der angrenzenden Scheune fanden wir einen alten gusseisernen Herd und schlossen ihn an. Unsere Wagenbretter dienten uns als Unterlage für unsere Schlafstatt. Elektrisches Licht und fließendes Wasser waren nicht vorhanden, aber im Hof war ein tiefer Brunnen und so hatten wir alles, was wir zum Leben nötig hatten. Heute staune ich, wie anspruchslos wir damals waren. Wir waren dankbar, wenn wir unsere nackte Haut retten konnten. Todmüde sanken wir an diesem Abend auf unsere Lagerstatt, aber der Beschuss durch feindliche Truppen war so stark, dass wir kein Auge zumachen konnten. Zwei Tage später fuhren die feindlichen Panzer durch unser Dorf. Aber bei uns war kein einziger Schuss gefallen. Braunschwende war vom Bürgermeister kampflos übergeben worden. Zum Zeichen, dass nicht gekämpft werden sollte, hatte die Bevölkerung weiße Betttücher aus den Fenstern gehängt. Wir dankten Gott für unsere Bewahrung.

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