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Melissa C. Feurer

S OM E T I MES H U RT S


Playlist Max Giesinger & Michael Schulte – More To This Life Ed Sheeran – Photograph The Script – Superheroes Calum Scott – Dancing On My Own OneRepublic – Apologize Luminate – Healing In Your Arms Daniela May – Sehnsucht P!nk & Nate Ruess – Just Give Me a Reason The Afters – Life Is Beautiful Faber Drive – Tongue Tied A Great Big World & Christina Aguilera – Say Something Malik Harris – Rockstars Kutless – All The Words Brandon Heath – Your Love Casting Crowns – Even When You’re Running Tenth Avenue North – Strong Enough To Save Daniel Powter – Bad Day Mark Harris – With You Reamonn – Supergirl Duncan Laurence – Arcade Måns Zelmerlöw – Heroes lil horsy feat. čecho – Flightmode Patrick Swayze & Wendy Fraser – She’s Like The Wind The Fray – How to Save a Life


Nora »Pünktlich wie nie! Wie kann das sein?« Ich liebe To-do-Listen. Das Gefühl, wenn man nach erfolgreich erledigter Arbeit ein Häkchen hinter eine Aufgabe setzen kann, ist die beste Belohnung. Am Ende des Tages sieht man, was man alles geschafft hat, und kann sich guten Gewissens in den Feierabend verabschieden. So weit die Theorie. Ich scheine allerdings irgendetwas falsch zu machen, denn der Anblick meiner To-do-App bereitet mir heute Abend wieder einmal eher Bauchschmerzen. Das liegt an den vielen Feldern ohne Häkchen. Wie komme ich Freitagabend um kurz vor 5 Uhr dazu, noch so viele unerledigte To-dos auf der Liste zu haben? »Schönen Abend dann noch, Frau Lichtenberg ... Ich meine, Leonor!« Ich lasse das Smartphone sinken und reiße den Kopf herum. »Was?« Braune Rehaugen schauen mir verschreckt unter einer wolligen Pudelmütze entgegen. Der Lidstrich ist unsauber gezogen. »Schönen Feierabend wollte ich nur wünschen.« Gabriella versucht sich an einem Lächeln. »Es ist ziemlich spät geworden und ich muss ...« »Sind die Mails schon alle raus?« Ich scrolle durch meine Liste und überlege, welcher der offenen Punkte am dringlichsten ist. »Nicht alle«, erwidert Gabriella. »Aber die wichtigsten. Den Rest mache ich dann am Montag. Am Wochenende ruft die ja eh keiner ab.« »Ach nicht?«, rutscht es mir heraus und gleich darauf sehe ich, wie Gabriellas Mundwinkel nach unten sinken. Mist, eigentlich weiß ich, dass sie mit Sarkasmus nicht umgehen kann. Ich ver7


gesse nur immer wieder, dass meine neue Mitarbeiterin mit ihren dreiundzwanzig Jahren zwar gar nicht so viel jünger ist als ich, aber eben einfach ein bisschen empfindlich. Und sie legt Wert auf einen pünktlichen Feierabend. Daran muss ich mich wohl erst noch gewöhnen. Ich seufze. »Ja, Montag geht in Ordnung. Schönen Abend dann noch.« Ich versuche, nicht an meine eigenen noch ausstehenden Aufgaben zu denken, und ringe mich zu einem Lächeln durch. »Haben Sie Pläne?« »Ja!« Gabriella rückt ihre Mütze zurecht und beginnt, sich nebenbei den Mantel zuzuknöpfen. Er ist aus beerenfarbenem Wollwalk und beißt sich mit dem Weinrot ihrer Stiefel. »Ich gehe mit ein paar Freundinnen ins Kino. Den neuen Marvelfilm anschauen. Und Sie?« Ich nicke. »Auch ein Treffen mit Freundinnen. Online allerdings. Die Wege sind einfach zu weit.« Mein Blick wandert zu meinem Computerbildschirm. Wenn ich mich nicht schnell wieder an die Arbeit mache, schaffe ich die restlichen Punkte auf der Liste niemals vor 7 Uhr. Über ihren Kleidungsstil und ihre Freizeitbeschäftigungen kann man denken, was man will – Gabriella ist aufmerksam, ihr entgeht fast nichts. Das ist einer der Gründe, warum ich sie eingestellt habe und nicht eine ihrer beiden erfahreneren Mitbewerberinnen. Für den Papierkram brauche ich jemanden, der den Überblick behält und dem so leicht nichts durchrutscht, denn darunter würden letzten Endes mein Ruf und der meines Hotels leiden. Und das kann ich mir nicht leisten. Ich habe den Posten als Managerin gerade erst übernommen und ich weiß, dass eine Menge Leute darauf warten, dass mir ein Fehler passiert. Dass das Hotel den Bach runtergeht, weil ich zu jung bin und frisch aus dem Studium komme. Ich muss mich erst beweisen. Darum darf am Ende des Tages auch nicht noch die halbe To-do-Liste übrig sein. »Dann Ihnen ein schönes Online-Treffen!«, wünscht Gabriella und ihr Lächeln ist wieder da. Sie scheint den Wink mit dem 8


Zaunpfahl verstanden zu haben. Außerdem kann sie es nicht erwarten, das Hotel zu verlassen und Zeit mit ihren Freundinnen zu verbringen – das ist nicht zu übersehen. Ein winziger Teil von mir würde sofort mit ihr tauschen. Selbst wenn ich dafür ihren grellen Mantel tragen und mir einen Superheldenfilm anschauen müsste. Ich nicke ihr nur noch zu, die Augen schon wieder auf den Bildschirm und die darauf geöffnete Exceltabelle gerichtet. Die Dienstpläne müssen noch durchgesehen werden. Der für den Verpflegungsbereich bereitet mir Kopfzerbrechen. Die Küche ist aktuell unterbesetzt und die Stunden sind kaum abzudecken. Die Küchenchefin hat einen Mitarbeiter X für den nächsten Monat eingetragen, der über zwanzig Stunden pro Woche arbeiten soll. Ihren Optimismus möchte ich haben; das Bewerbungsgespräch ist erst am Montag und schon die schriftliche Bewerbung war mangelhaft – zwei Rechtschreibfehler, eine unerklärte Lücke im Lebenslauf und der junge Mann sucht mitten in der Ausbildung eine neue Stelle. Vielversprechend klingt anders. Meine Augen brennen nach einem ganzen Tag mit Kontaktlinsen. Den Großteil davon habe ich vor einem Bildschirm verbracht und vermutlich habe ich auch wieder zu wenig getrunken. Kein Wunder, dass die Linsen regelrecht auf meinen Augäpfeln zu kratzen scheinen. Kurz überlege ich, die blöden Dinger rauszunehmen. Aber meine Brille liegt oben in meiner Wohnung und es würde entschieden zu viel Zeit kosten, sie zu holen. Mal davon abgesehen, dass ich mich mit dem eckigen Rahmen auf der Nase unwohl fühle. Also arbeite ich weiter, studiere die restlichen Pläne, schreibe drei wichtige Mails und führe ein noch wichtigeres Telefonat. Jetzt nur noch die Unterlagen für das Bewerbungsgespräch am Montag sichten und kopieren, dann kann ich den letzten Punkt für heute abhaken. Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass es auch höchste Zeit ist. Fast 7 Uhr und ich muss erst noch ins Pent-house und mein privates Notebook starten. Zu Abend gegessen habe 9


ich auch nichts, wie mein knurrender Magen mich erinnert. Das muss ich dann wohl während unseres Zoom-Beautyabends nachholen – Rachel und Minyu werden es verstehen. Um genau zu sein, ist es schon fast genauso Tradition wie unser Beautyabend, dass ich nebenbei Gemüsesticks oder ein Sandwich knabbere. Es ist Punkt sieben, als ich den PC herunterfahre und die wichtigsten Papiere verstaue. Den Rest meines Schreibtischs werde ich morgen aufräumen, auch wenn es mir schwerfällt, ihn so zurückzulassen. Am Samstag und Sonntag je ein paar Stunden ins Büro, um Unterlagen zu sortieren und noch ein paar Kleinigkeiten zu erledigen ... ein freier Freitagabend ist das wert. Ich stecke mein Handy ein und verlasse mein Büro. Gabriellas Schreibtisch im Vorraum sieht so ähnlich aus wie meiner – nicht chaotisch, aber weit entfernt von makellos. Was während der nächsten beiden Tage immerhin nur ich sehen werde. Im Flur begegne ich um diese Zeit niemandem mehr, was mir nur recht ist. So wie meine Augen brennen, sind sie bestimmt ganz rot und mein Pferdeschwanz sitzt auch schon lange nicht mehr, wie er sollte. Ein paar dunkle Strähnen haben sich links und rechts des geraden Ponys gelöst und hängen mir ins Gesicht. Ich warte auf den Aufzug, der mich ins Penthouse bringen wird. Doch als die Türen sich öffnen, stolpert mir Anton Becker entgegen, mein Personalmanager mit einer Vorliebe für bunte Anzüge. Der heutige ist limonengrün mit passender Krawatte. »Ah, gut, Sie sind noch da!« Ich schließe kurz die Augen. Diese Begrüßung lässt nichts Gutes vermuten. Und tatsächlich fällt er auch gleich mit der Aufzugtür ins Haus, die sich hinter ihm schließt, ohne dass ich einsteigen kann. Er erzählt irgendwas von einem Mitarbeiter, dessen Namen ich nicht zuordnen kann. Als ich nachhake, um welchen Bereich des Hotels es geht, sieht Anton mich irritiert an. »Um den Empfang.« Ein unangenehmes Schweigen entsteht. Den Empfang? Da er weiter nichts sagt, nehme ich an, dass der 10


betreffende Mitarbeiter eine leitende Position innehaben muss. Der Empfangschef? Nein, der heißt anders. Mein Kopf funktioniert nicht mehr richtig. »Bitte entschuldigen Sie, Anton«, sage ich so freundlich wie möglich. »Es war ein langer Tag und ich fürchte, ich kann im Augenblick nicht ganz folgen. Reicht es, wenn wir am Montag darüber sprechen? Oder von mir aus auch morgen?« »Ich fürchte nicht. Ich sagte doch, es geht um –« Er unterbricht sich und fasst sich ein wenig verlegen an die grüne Krawatte, als ich nicke. »Ich verstehe schon«, sage ich und kann die Müdigkeit nicht ganz aus meiner Stimme verbannen. »Gehen Sie schon mal in mein Büro. Ich muss noch kurz einen Anruf tätigen.« Und eventuell schnell nachsehen, um was für einen Mitarbeiter es sich handeln könnte. Ich bin mir sicher, den Namen schon einmal gehört zu haben. Aber meine Güte, hier arbeiten über hundert Leute – Anton kann nicht erwarten, dass ich sie bereits alle kenne! Oder müsste ich das? Ihn habe ich auch nur seiner ausgefallenen Anzüge wegen gleich in der ersten Woche gedanklich abgespeichert. Aber das sage ich ihm besser nicht. Ich sehe zu, wie Anton in meinem Büro verschwindet, und ziehe mein Handy aus der schmalen Tasche meines Hosenanzugs. Neun Minuten nach sieben. Keine Chance mehr, einfach eine schnelle Textnachricht zu schreiben. Ich öffne die App und klinke mich in den Videochat ein. »Wow, da ist sie ja schon!«, verkündet Rachels Stimme, noch bevor ich auch nur ein Bild angezeigt bekomme. »Pünktlich wie nie! Wie kann das sein?« Zwei der drei Bildschirmabschnitte erwachen zum Leben – nur meiner bleibt schwarz. Rachel sitzt in ihrem monströsen Ohrensessel und lackiert sich die Zehennägel mit routinierter Hand leuchtend rot. Sie schaut auf, ohne abzusetzen, und schenkt mir ihr strahlendes Lächeln. Auf dem zweiten Bild winkt mir Minyu zu. Sie hat sich das schwarze Haar mit einem plüschigen Stirn11


band nach hinten geschoben und ist gerade dabei, eine algengrüne Gesichtsmaske aufzutragen. Offenbar haben die beiden schon einmal begonnen – sie sind es gewohnt, dass ich mich verspäte. »Schön, dass du da bist, Nora.« Auch Minyu lächelt und beim Klang des vertrauten Spitznamens spüre ich, wie meine Gesichtsmuskeln sich entspannen, selbst wenn es nicht ganz zu einem Lächeln reicht. Im Hotel bin ich für manche Frau Lichtenberg, lediglich die wichtigsten Mitarbeiter in meinem direkten Arbeitsumfeld sagen Leonor wie meine Eltern. Nur meine Freundinnen nennen mich Nora und es ist, als wäre das jemand ganz anderes. Nicht die Hotelmanagerin, sondern die Privatperson, die ich viel zu selten bin. »Äh ja ... hi«, bringe ich heraus und überlege fieberhaft, wie ich den beiden beibringen soll, dass ich noch mal wegmuss und nicht weiß, wann ich es schaffe. Gleichzeitig versuche ich hektisch herauszufinden, warum mein Bildschirmsektor immer noch schwarz ist, und entdecke schließlich den Button, um meine Kamera zu aktivieren. »Das ist nicht deine Wohnung«, stellt Rachel fest. »Nein.« Ich seufze. Minyu schaut kurz zur Seite und dann zurück in die Kamera. Ich kann mir denken, dass sie Rachel angesehen hat – das Zoom-Äquivalent zum Tauschen eines bedeutungsvollen Blicks in der wirklichen Welt. »Es tut mir so leid, aber mir ist gerade etwas dazwischengekommen. Ein wichtiges Mitarbeitergespräch.« »Okay«, sagt Rachel nur. Ansonsten herrscht bei beiden enttäuschtes Schweigen. »Ja. Ehrlich, das hab ich mir so auch nicht vorgestellt. Ich hab mich auf den Abend mit euch gefreut und ... aber es geht nicht. Ich muss noch mal ins Büro. Aber ich komme nach, sobald ich kann.« »Wäre schön, wenn du es noch schaffst«, meint Minyu. Rachel sagt weiterhin überhaupt nichts mehr. Zu allem Überfluss steckt 12


Anton bereits den Kopf zu meiner Bürotür hinaus und sieht nach, wo ich bleibe. »Ich tu mein Bestes«, versichere ich schnell und drehe mich so, dass mein Personalmanager nicht auf den Bildschirm meines Handys sehen kann. Hoffentlich denkt er, ich sage einen anderen geschäftlichen Termin für ihn ab. Er muss nicht wissen, dass es sich nur um einen Mädelsabend handelt, den ich so ungern sausen lasse. »Bin gleich da«, bedeute ich ihm lautlos, ringe mich dann noch mal zu einem Lächeln durch und wünsche meinen Freundinnen einen schönen Abend. Sie erwidern den Wunsch nicht.

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Nora »Jetzt hab ich jedenfalls Wochenende.« Drei Stunden später ziehe ich die Bürotür hinter mir ein wenig zu schwungvoll zu. Der Knall hallt durch den leeren Flur. Zum Glück gibt es hier keine Gästezimmer, sondern nur Büros. Außer mir ist garantiert niemand mehr auf diesem Stockwerk. Der Aufzug bringt mich ins Penthouse und ich stolpere in meine stockfinstere Wohnung. Der Himmel vor der Fensterfront im Wohnzimmer ist bewölkt und dort draußen gibt es kein künstliches Licht, das hereinfallen und den Raum erhellen könnte. Der Sylvensteinsee liegt nahe der Grenze zu Österreich, über eineinhalb Fahrtstunden südlich von München und ist kaum touristisch erschlossen. Das Wellnesshotel Leonor steht allein – den Speichersee auf der einen Seite, Wald zu den drei anderen. Die perfekte Idylle zum Entspannen. Natur vor den Fenstern, Luxus dahinter. Dieses Versprechen lockt die Menschen hierher. Ich schlüpfe aus den unbequemen Pumps und lasse mich – immer noch im Dunkeln – auf das Sofa fallen. Bei einem kurzen Blick auf das Display meines Smartphones leuchten mir vier Ziffern entgegen: 22:23. Wo ist die Zeit nur geblieben? Zuerst das Gespräch mit Anton Becker, dann hat eines zum anderen geführt und eine wirkliche Lösung für sein Problem habe ich erst vor einer Viertelstunde gefunden. Entsprechend überfahren fühle ich mich jetzt auch. Ich öffne Zoom und versuche, mich in den Videochat mit Minyu und Rachel einzuklinken, doch offenbar haben die beiden das Gespräch bereits beendet. Spontan wähle ich Rachels Nummer und hoffe, dass sie noch wach ist. »Nora?«, meldet sie sich bereits nach wenigen Sekunden. 14


Ich atme auf. »Hey, Rachel. Schön, dass du drangehst. Schon fertig mit dem Beautyabend?« »Was hast du erwartet?«, fragt sie unerwartet spitz und ich zucke zusammen. Natürlich war mir klar, dass ich zu spät bin. Eigentlich war meine Frage eher der Auftakt zu einer Entschuldigung, doch die bleibt mir angesichts ihres Ärgers im Halse stecken. »Das war jetzt das dritte Mal in vier Monaten, dass du uns versetzt.« Sie muss wirklich sauer sein, denn eigentlich ist sie einer der herzlichsten Menschen auf der Welt. Nie nachtragend, oft viel zu verständnisvoll. »Weißt du, ich hab auch viel um die Ohren. So ein Medizinstudium ist kein Spaziergang. Aber ich weiß, dass ich Pausen brauche. Und Zeit für meine Freundinnen, wenn ich sie nicht verlieren will.« Der Vorwurf in ihren Worten erfüllt die Dunkelheit um mich herum und lässt sie beklemmend werden. Ich spüre mein Herz in meiner plötzlich viel zu engen Brust pochen und das Brennen von sich anbahnenden Tränen. »Ich hab mir das nicht ausgesucht«, presse ich heraus. »Es war ein Notfall. Mein Personalmanager –« »Ist es nicht jedes Mal ein Notfall?« Rachel seufzt. »Ehrlich, Nora, wir wissen, dass das Hotel dir eine Menge abverlangt.« Sie hat nun einen versöhnlicheren Tonfall angeschlagen. »Das tut es!«, bricht es aus mir heraus. »Das Studium war nichts dagegen. Du hast keine Vorstellung –« »Wenn du das sagst.« Die Wärme in ihrer Stimme ist verschwunden und ich würde meine Worte bereuen, wenn eine bittere Stimme in mir nicht darauf beharren würde, dass es wahr ist. Rachel kommt aus bescheideneren Verhältnissen. Sie ist ehrgeizig und arbeitet hart, aber ihre Familie hat keine besonderen Erwartungen. Ihre Eltern sind schon glücklich, weil sie ihr Abi bestanden und einen so vielversprechenden Studienplatz bekommen hat. Aber sie würden Rachel auch unterstützen, wenn sie morgen beschließen würde, ihr Studium an den Nagel zu hängen und 15


eine Ausbildung zu machen. Bei Minyu und mir ist das anders: Unsere Familien haben eigene Unternehmen und entsprechende Pläne für uns. Scheitern oder Umwege sind nicht vorgesehen. Trotzdem ist es gemein von mir, unsere Lagen so zu vergleichen. Unsere unterschiedlichen Hintergründe waren nie ein Thema zwischen uns. Nicht während der Schulzeit und auch nicht danach. »Rachel, ich wollte nicht ...«, setze ich an, finde aber keine Worte. Mein Kopf fühlt sich so voll und so leer zugleich an. Viel zu viele Leute haben heute schon auf mich eingeredet, Antworten und Lösungen von mir erwartet. Worte von mir gefordert, so viele Worte, dass ich jetzt einfach keine mehr übrig habe. Aber Rachel kennt mich seit mehr als einem Jahrzehnt und versteht auch das, was ich nicht aussprechen kann. »Wir machen uns Sorgen um dich«, sagt sie leise. »Minyu und ich. Du kannst nicht Tag und Nacht arbeiten. Dafür sind wir nicht gemacht.« Jetzt wird sie mir einen Vortrag über den Sonntag halten, den heiligen Ruhetag. Rachels Familie ist viel religiöser als meine. Bei mir war es immer nur mein Großvater, der Wert auf den Sonntagsgottesdienst gelegt und meinem Bruder Leo und mir von Gott erzählt hat. Ich mochte das und habe es nach Opas Tod sehr vermisst. Fast so sehr wie ihn. Manchmal war ich ein bisschen neidisch auf Rachels christliche Familie. Aber es gab auch Nachteile für sie: Sie durfte die Hausaufgabe nie auf den Sonntag schieben, wie Minyu und ich es häufig gemacht haben. Selbst im Studium hat sie daran festgehalten, diesen Tag frei zu halten. Es war mir immer ein Rätsel, wie sie das geschafft hat. »Ich weiß, Rachel, okay? Ich besuche am Wochenende meine Familie – deshalb musste ich heute auch alles Wichtige abschließen. Weil ich am Wochenende nur noch das Allernötigste machen werde.« »Deine Familie zu besuchen, klingt nicht gerade nach Urlaub«, gibt Rachel zu bedenken. 16


Ich schnaube. Sie kennt mich einfach zu gut. Besuche bei meiner Familie sind Geschäftstermine. Ich sollte die Fahrtkosten von der Steuer absetzen. »Ich verspreche feierlich, mir im Auto ein Hörbuch anzuhören!« Endlich lacht Rachel, wenn auch nur ein kleines bisschen. »Das klingt nach einem Schritt in die richtige Richtung. Trotzdem, Nora ... so kannst du einfach nicht weitermachen. Nicht dauerhaft.« »Das ist nur die erste Zeit. Ich kenne noch nicht alle Abläufe im Hotel, es ist so viel Neues, so viel, woran ich denken muss. Mit der Zeit wird es einfacher.« Zumindest hoffe ich das. Wenn ich mir allerdings meine Eltern so ansehe, die ebenfalls je ein Hotel managen, habe ich jedoch nicht viel Hoffnung. Freie Wochenenden waren bei ihnen schon immer die Ausnahme. »Trotzdem brauchst du ein Privatleben zum Ausgleich«, beharrt Rachel. »Sonst gehst du auf Dauer kaputt. Niemand kann immer nur leisten.« Ich weiß das. Ich weiß es so gut, spüre es mit jeder Faser meines angespannten Körpers. Aber die fünf Wochentage haben einfach nicht genug Stunden, um ein freies Wochenende zuzulassen. Ich habe geglaubt, mit Gabriellas Hilfe würde es besser werden, aber bisher hat sich kaum Erleichterung eingestellt. Es gibt zu viele Dinge, die ich weder aufschieben noch delegieren kann. »Jetzt hab ich jedenfalls Wochenende«, seufze ich. »Ich glaube, ich falle direkt ins Bett.« »Mach das. Und lass dich von deiner Familie nicht ärgern.« »Ich versuche es.« Wir verabschieden uns und ich lasse das Handy neben mich auf das Sofapolster sinken. Hinter meinen Schläfen pocht es und die Kontaktlinsen müssen jetzt wirklich dringend aus meinen brennenden Augen. Ich tapse ins Badezimmer. In einer durch einen Torbogen abgetrennten Nische befindet sich die frei stehende Badewanne und kurz spiele ich mit dem Gedanken, mir ein Schaumbad einzulassen, doch ich hätte zu große Angst, im Wasser einzuschlafen. 17


Stattdessen trete ich ans Waschbecken und erlöse meine Augen endlich von den Linsen. Wie erwartet sehe ich völlig fertig aus – blass mit geröteten Augen. Mit der Bürste fahre ich durch mein dunkelbraunes Haar und entferne anschließend sorgfältig das mitgenommen aussehende Make-up. Während ich meine Zähne putze, kehren meine Gedanken wieder an den Schreibtisch zurück und zu den Dingen, die ich morgen früh vor meiner Abreise noch erledigen muss. Vermutlich nehme ich ohnehin das Notebook mit zu meiner Familie nach Herrsching, um von dort aus arbeiten zu können. Den Gedanken, was Rachel dazu sagen würde, schiebe ich hastig beiseite. In meinem Schlafzimmer setze ich mich auf die Bettkante und streiche mit den Händen über die weiche Tagesdecke. Ich mag diesen Raum, eigentlich die ganze Wohnung. Das Penthouse gehört mir allein. Hier darf so gut wie niemand rein, es ist mein Rückzugsort. Mein Bruder Leopold hat sich darüber lustig gemacht, dass ich mein Schlafzimmer in einem ähnlichen Stil wie die Hotelzimmer zwei Stockwerke unter mir eingerichtet habe: sandfarbene Kissen und Vorhänge, die Wände in einem zarten Cremeton bis auf die hinter dem Bett. In den Hotelzimmern bedecken Makroaufnahmen von Schilf oder Wellen die Fläche, bei mir zeigt die Fototapete den Ammersee, an dem ich aufgewachsen bin. Ein Stück Heimat, das ich hierher mitgenommen habe. Ich kann mich noch nicht überwinden, mich umzuziehen und ins Bett zu legen. Aber wenn ich es nicht tue, laufe ich Gefahr, noch einmal runter ins Büro zu gehen. Ich kenne mich. Es wäre nicht das erste Mal. Ich könnte ein Buch lesen, um zur Ruhe zu kommen. Doch mein Kopf pocht immer noch und meine Augen beginnen schon beim Gedanken an noch mehr Anstrengung zu tränen. Ich versuche es stattdessen mit einem Abendgebet. Schon nach zwei Sätzen bleibe ich stecken. Mein Kopf ist so voll, dass er eigentlich platzen müsste. Zeit, ihn eine Runde auszuschalten. Mit traumlosem, tiefem Schlaf. Aber ich mache mir keine Illusionen – die 18


meisten Nächte sind nicht so ruhig. Das Gedankenkarussell will nicht zum Stillstand kommen. Es hat keinen Sinn, mich hinzulegen. Ich muss zuerst den Kopf frei bekommen. Aus dem Einbauschrank hole ich meine Sportklamotten, die Stirnlampe und meine dunkelroten Laufschuhe, die so viel bequemer sind als die Pumps. Ich sage mir, wenn mein Körper erst so richtig ausgepowert ist, wird mein Kopf auch herunterfahren. Bestimmt. Zum Aufwärmen nehme ich die Treppe hinunter ins Foyer. Die Rezeption ist nicht mehr besetzt, ich begegne niemandem. Nur der beleuchtete Brunnen in der Mitte plätschert vor sich hin. Die automatischen Türen sind auch längst abgeschaltet, also nehme ich den Seiteneingang. Draußen empfängt mich nicht nur Dunkelheit, sondern auch kalte Nachtluft. Mein Atem bildet sofort kleine Wölkchen und ich verfalle in einen leichten Trott, um nicht auszukühlen. Nicht weit vom Hotel führt ein schmaler Kiesweg zwischen die Bäume. Hier ist es stockfinster, doch der Kegel meiner Stirnlampe erhellt den Weg vor meinen Füßen, bis der Wald sich nach einigen Hundert Metern zum See hin öffnet und Mondlicht auf mich fällt. Das einzige Geräusch sind meine Schritte und mein eigener Atem. Ich konzentriere mich darauf, bis ich meinen Rhythmus gefunden habe. Ich werde nicht aufhören zu laufen, bis kein anderer Gedanke mehr in meinem Kopf ist. Egal, wie lange es dauert.

v »Aber dir bleibt keine andere Wahl, als den Bewerber einzustellen.« Meine Mutter hält mit der Gabel auf halbem Weg zum Mund inne. »Und wenn du ihn nach der Probezeit gleich wieder entlässt. Zum Überbrücken wirst du ihn brauchen.« Das Bratenstück in meinem eigenen Mund fühlt sich plötzlich 19


an wie Leder, obwohl das Fleisch ganz zart ist. Ich kaue und kaue und bringe es nicht fertig zu schlucken. »Das wäre aber in Sachen Personalmanagement eine Notlösung«, gibt mein Vater zu bedenken. »Ich sage nicht, dass es mir gefällt oder dass ich es generell so machen würde«, entgegnet Mama. »Aber nun, da es schon so weit gekommen ist, dass dem Küchenteam ab nächstem Monat Stunden fehlen … Eine unterbesetzte Küche ist etwas, das die Gäste sehr schnell zu spüren bekommen. Wenn das Essen nicht die erwartete Qualität hat oder sie unverhältnismäßig lange auf ein Gericht warten müssen –« »Vielleicht ist der Bewerber ja gar keine so große Katastrophe, wie Nora denkt«, mischt sich nun auch noch Leo ein. »Für eine Lücke im Lebenslauf gibt es hundert mögliche Gründe.« »Du musst es ja wissen, Leopold«, kommt es trocken von Mama. Mein Blick huscht zu meinem kleinen Bruder. Früher einmal wäre er bei dieser Spitze zusammengezuckt, hätte den Kopf gesenkt und die Klappe gehalten. Aber nicht der neue Leo. Oh nein. Nicht mit seiner Freundin Juna neben sich und seinem neuen Bühnenselbstbewusstsein. »Ich meine ja nur: Vielleicht war er krank oder es gab eine Notlage in seiner Familie«, beharrt er. »Das heißt doch noch lange nicht, dass er ein schlechter Koch ist.« »Angehender Koch«, korrigiere ich matt, als ich meinen Bissen endlich hinuntergewürgt habe. »Er ist noch in der Ausbildung. Was bedeutet, dass er weniger Gehalt bekommt, aber auch noch viel Unterstützung braucht. Und ich weiß nicht, ob der Rest des Teams das aktuell leisten kann.« »Nun, perfekt klingt es nicht«, fasst Mama zusammen. Aus ihrer Stimme höre ich Enttäuschung heraus. Dabei kann ich nichts dafür, dass einer der Köche so unerwartet gekündigt hat und auch noch einen Großteil der Kündigungsfrist krankgeschrieben ist, weshalb ich nur so wenig Zeit habe, für Ersatz zu sorgen. Oder 20


dafür, dass es so wenige Bewerbungen auf die Stelle gibt. Ob das an der abgeschiedenen Lage meines Hotels liegt? Oder an etwas anderem? Eilt dem Wellnesshotel Leonor am Ende ein Ruf voraus, der mögliche Bewerber abschreckt? »Warum fragst du deine Mitarbeiter nicht ganz offen, ob sie sich einen Auszubildenden als Unterstützung vorstellen können?« Juna streicht sich die braunen Locken hinters Ohr und sieht mich über den Tisch hinweg an. Als ich ihren Blick erwidere, flattert er nervös zu ihrem leeren Teller hinab. Sie hat kaum etwas gegessen – vermutlich vor Anspannung. Sie gibt sich so viel Mühe, aber unsere Eltern sind nun einmal ein klitzekleines bisschen einschüchternd. Deshalb hält Juna sich bei Begegnungen mit unserer Familie meistens eher an Leo und versucht sich, wenn es nicht anders geht, an Gesprächen mit mir. Was irgendwie auch immer eine etwas verkrampfte Sache ist, weil ich nicht so richtig weiß, worüber ich mit ihr reden soll. Auch jetzt starre ich sie schon seit Sekunden an, ohne etwas erwidert zu haben, fällt mir auf. Sie schluckt hörbar, sieht mich wieder an und wagt einen zweiten Anlauf: »Das Küchenteam weiß doch sicher am besten, ob ein Auszubildender eine Hilfe oder eher eine zusätzliche Belastung wäre.« Ich spare mir die Antwort und hebe nur müde einen Mundwinkel. Juna hat gerade mal ein Semester BWL und zwei Praktika in Hotels hinter sich, denkt aber, sie wäre schon ein Vollprofi in Sachen Hotelmanagement. Leo scheint sie darin noch zu unterstützen und lächelt sie auch jetzt zustimmend an. Leider hat sie recht: Ich werde letzten Endes mit der Küchenchefin über die Lage reden müssen. Beim Bewerbungsgespräch am Montag werden neben Anton Becker auch sie und ihr einziger Vollzeitmitarbeiter dabei sein. Beim Gedanken an die vielen Zuhörer wird mir jetzt schon flau im Bauch – als wäre ich die Bewerberin und nicht diejenige, die über eine mögliche Einstellung entscheidet. 21


Ich schiebe meinen noch halb vollen Teller von mir und tupfe mir mit der Serviette über die Mundwinkel. Ich werde ohnehin keinen Bissen mehr hinunterbekommen. Die Mahlzeiten mit meiner Familie sind die anstrengendste Art von Geschäftsessen. Ein permanentes Hinterfragen und Rechtfertigen. Das Schlimmste daran ist, dass ich auf die Unterstützung meiner Eltern angewiesen bin. Frisch aus dem Studium fängt man normalerweise klein an. Nicht mit einem eigenen Hotel. In meinem Arbeitsalltag gibt es tausendundeine Situationen, auf die die Uni mich nicht vorbereitet hat. Und jedes Mal muss ich abwägen, ob es besser ist, es selbst zu probieren und schlimmstenfalls auf die Nase zu fallen oder meine Eltern um Rat zu bitten und zuzugeben, dass ich mich eben doch ein wenig übernommen habe, als ich zugestimmt habe, den Managerposten direkt selbst zu besetzen. »Wie sind deine Prüfungen gelaufen, Leopold?«, wendet sich Mama nun zum Glück meinem Bruder zu. »Hast du schon Ergebnisse?« »Ein paar«, meint Leo leichthin. »Er hat eine Eins in seiner musiktheoretischen Vorlesung«, flüstert Juna gut hörbar quer über den Tisch. »Obwohl er am Abend vor der Prüfung einen Auftritt hatte und gleich nach der Prüfung wieder ins Bett ist.« »Himmel, Leopold, fordere dein Glück nicht immer so heraus!« Mama fasst sich an eine blonde Haarsträhne, die sich aus ihrer sonst makellosen Frisur gelöst hat, und schiebt sie wieder an Ort und Stelle. »Mit Glück hat das nichts zu tun.« Leo lehnt sich auf seinem Stuhl zurück. Ich hasse es, wie gelassen er aussieht. Als wäre das Musikstudium keine große Sache. Ist es für ihn vielleicht auch nicht – wer weiß. Aber nebenbei tritt er regelmäßig als Sänger auf, jobbt in einem Tonstudio, weil er zu stolz ist, sich neben der Wohnung auch noch ein Taschengeld von unseren Eltern bezahlen zu lassen, und nimmt gerade sein erstes Album auf. Er muss 22


es wirklich lieben, denn jedes Mal, wenn ich ihn sehe, sieht er zufrieden und tiefenentspannt aus. Ganz anders als früher. Ob das auch mit dem Glauben zu tun hat, der in den vergangenen Jahren immer mehr Raum in seinem Leben eingenommen hat? Durch Juna ist das Thema sogar noch wichtiger für Leo geworden und ich frage mich, ob er deshalb so sehr in sich ruht. Weil er eine Sicherheit hat, die mir fehlt, obwohl Gott für mich früher auch mal eine gewisse Rolle gespielt hat. Nur nie eine so große wie bei Leo. Es ist nicht so, als würde ich meinem Bruder sein Glück nicht gönnen. Er hat weiß Gott hart genug dafür kämpfen müssen, studieren zu dürfen, was er will, und es als Musiker zu versuchen. Ich weiß selbst, dass er als Hotelmanager todunglücklich gewesen wäre. Im Gegensatz zu mir hat er sich nie für unser Familienbusiness begeistern können. Aber ich glaube, er hat keine Ahnung, wie sehr seine Entscheidung die Erwartungen erhöht hat, die unsere Eltern in mich und das Wellnesshotel Leonor setzen. In ihren Augen ist Leo gescheitert, egal, was er als Musiker erreicht. Und zwei Kinder, die an dem scheitern, was für sie vorgesehen ist, kommen nicht infrage. »Ich glaube, er ist einfach ein Naturtalent.« Junas Hand streicht ganz beiläufig über Leos Arm und bleibt an seinem Handgelenk liegen, dort wo ein schwarzes Tattoo sich von seiner Haut abhebt. Eine Tonspur. Nicht dass ich das erkennen würde, aber er hat es mir erklärt, als er es sich hat stechen lassen. Damals, als die Musik noch ein unerreichbarer Traum für ihn gewesen ist. Der Gedanke erfüllt mich mit Bitterkeit, ohne dass ich sagen kann, warum. Ich mache genau das, was ich immer tun wollte. Ich bin genau wie Leo am Ziel meiner Träume. Ein abgeschlossenes Studium. Ein eigenes Hotel – wer kann das mit sechsundzwanzig schon von sich behaupten? Ich liebe das Wellnesshotel Leonor. Alles daran habe ich gemeinsam mit meinen Eltern geplant. Sie haben mich vieles entscheiden lassen, schon als ich noch studiert habe und den Kopf voller verrückter Ideen hatte. Wie den Spa im 23


isländischen Stil. Alles ist genau so, wie ich es immer wollte, und eigentlich müsste ich vor Glück platzen. »Wollen wir dann einen Blick auf deine Unterlagen werfen?«, reißt Papa mich aus meinen Gedanken. »Die anderen können ja noch ein wenig sitzen bleiben. Immerhin ist Wochenende.« Mama sieht nicht so aus, als wäre sie mit dieser Aufgabenverteilung glücklich, doch ich erhebe mich hastig, um mein Arbeitsnotebook zu holen. Mit nur einem der beiden durch die Bilanzen und Rechnungen zu gehen, klingt wesentlich entspannter, als ich zu hoffen gewagt habe. Nach einem Wochenende in Rachels Sinne allerdings trotzdem nicht.

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Liam »Fertig mit dem Wort zum Sonntag?« »Fang mich, Onkel Liam!« Ohne mit der Wimper zu zucken, stürzt sich die Miniaturpilotin mit der viel zu großen Fliegerbrille vom Klettergerüst in meine Arme. Ich keuche, als ich sie gerade noch so zu fassen bekomme, ehe sie auf dem Kies landet. »Uff, zum Glück bin ich Arbeiten unter Zeitdruck aus der Hotelküche gewohnt.« Annabell kichert auf meinem Arm. »Fallen da auch manchmal Sachen runter, die du fangen musst?« »Allerdings!« »Essen zum Beispiel?« »Das kommt vor. Aber schlimmer sind Messer oder Töpfe voller kochendem Wasser.« Ich stelle Annabell vor mir ab, doch sie hört nicht auf, mich mit ihren dunklen Augen zu mustern. »Ich glaube, ich will auch Köchin werden, wenn ich groß bin«, überlegt sie laut. »Da verdient man viel Geld, oder?« Verhalten räuspere ich mich. »Also ... das kommt darauf an, wo man arbeitet und wie gut man kocht.« Sie nickt verstehend. »Deswegen bist du reich, Onkel Liam. Du bist der beste Koch der Welt.« Ich lasse sie in dem Glauben. Wie sollte man das seiner sechsjährigen Nichte auch erklären? »Tja, danke für das Kompliment«, sage ich leichthin. »Wenn du willst, zeige ich dir schon mal ein paar Tricks. Deine Mama freut sich bestimmt, wenn wir das Abendessen vorbereiten, bevor sie nach Hause kommt.« »Okay.« Annabell zieht sich die Fliegerbrille vom Kopf. Das Accessoire ist ein Relikt von letztem Monat, als sie nicht Köchin, sondern Pilotin werden wollte. Ich habe es ihr von einem Floh25


markt mitgebracht und sie war hin und weg von dem Geschenk. Sieht so aus, als müsste ich mich jetzt nach einer Kochhaube umsehen. Annabell rennt voraus und erklimmt auch vor mir die Treppen zu dem kleinen Apartment, in dem sie und meine Schwester Elina wohnen. Der Flur hinter der Wohnungstür liegt voller Schuhe, als würden hier viel mehr Leute leben. Aber es waren schon immer nur die beiden. Viel mehr Platz würde die kleine Zweizimmerwohnung auch gar nicht bieten. Ein Blick ins Wohnzimmer verrät mir, dass Elina es heute Morgen wieder einmal nicht geschafft hat, ihr Bett zurück in ein Sofa zu verwandeln. Sie schläft im Wohnzimmer, weil sie unbedingt wollte, dass Annabell ein eigenes Zimmer hat. Eines mit einem Tipi voller Zierkissen, einer Patchwork-Tagesdecke auf dem Bett und kunstvoll bemalten Wänden, auf denen zierliche Elfen über rosafarbenen Wolken schweben. Ich kreiere aus einigen Resten, die ich im Kühlschrank finde, eine Pastasoße und zeige Annabell, wie man testet, ob die Spaghetti al dente sind. Sie ist sehr enttäuscht, als ich ihr gestehe, dass wir sie in der Hotelküche zu diesem Zweck nicht an die Wand werfen, um zu sehen, ob sie kleben bleiben. Wir sitzen bereits beim Essen, als Elina endlich nach Hause kommt. Wir hören sie im Flur rascheln und schimpfen, als sie über die herumliegenden Schuhe stolpert. Dann rauscht der Wasserhahn im Badezimmer nebenan und Sekunden später kommt sie in die Küche geplatzt. »Mama!« Annabell stellt sich auf ihren Stuhl, um die Arme um Elinas Hals zu schlingen. »Wir haben Soße gekocht. Onkel Liam hat Gemüse drin versteckt so wie du manchmal. Er hat es reinpüriert!« Sie kräuselt die Nase. »Aber es schmeckt eigentlich ganz gut. Magst du auch?« Elina nickt und lässt sich auf den Stuhl neben ihrer Tochter fallen. Ich fülle den bereitstehenden Teller mit Nudeln und Soße und 26


streue geriebenen Käse darüber. »Wie ist es gelaufen?«, frage ich und werde mir meiner eigenen Anspannung erst so richtig bewusst, als ich sie in meinen gedämpften Worten nur zu deutlich höre. Elina schüttelt den Kopf, zieht den Teller zu sich und beginnt zu essen. »Das heißt, du hast den Job nicht bekommen?«, frage ich vorsichtig, während ich vorgebe, sehr damit beschäftigt zu sein, uns allen Wasser nachzuschenken, und beobachte sie aus dem Augenwinkel. Wieder ein Kopfschütteln. »Eigentlich ist das Probearbeiten echt gut gelaufen«, seufzt meine Schwester schließlich zwischen zwei Bissen. »Bis ich einen Gast angeschrien habe.« »Du hast was?« Der Wasserkrug stößt klirrend an mein eigenes Glas, zerbricht aber zum Glück nicht. »Mich gewehrt«, knurrt Elina und schiebt sich noch eine Gabel Spaghetti in den Mund. Sie kaut und schluckt, dann platzt es aus ihr heraus: »Er hat mich angemault und seinen Drink zwei Mal zurückgehen lassen, weil seiner Meinung nach nicht genug Wodka drin war. Ich meine, ernsthaft, wer um diese Zeit schon einen Cocktail mit doppelt Wodka bestellt, hat doch echt ein Problem.« Sie sticht die Gabel unnötig aggressiv in ihre Nudeln und dreht sie so schwungvoll, dass ein wenig Soße auf die Tischplatte spritzt. Annabell hat aufgehört zu essen und sieht ihr mit aufgerissenen Augen dabei zu. »Ganz ehrlich, ich hab in meinem Leben schon genug eingesteckt.« Elinas Stimme zittert jetzt, was sie mit schierer Lautstärke zu überspielen versucht. »Mann, Liam, das weißt du besser als jeder andere. Zuerst unsere Eltern und dann mein beschissener Ex.« Sie wirft einen hastigen Blick zu Annabell, von deren Vater immerhin die Rede ist, und mäßigt ihren Ton eine Spur. »Jedenfalls kann ich keinen Job brauchen, bei dem ich mich nur wieder herumschubsen lassen muss.« 27


Ich schlucke die offensichtliche Erwiderung hinunter, nämlich dass sie die Stelle trotzdem dringend gebraucht hätte. »Hast ja recht«, murmle ich stattdessen, weil auch das stimmt. Schnell mache ich mich daran, Annabells und meinen Teller abzuräumen. Elina isst schweigend weiter; einhändig, weil Annabell auf ihren Schoß geklettert ist und sich an sie kuschelt. Ich räume die Küche auf, während Elina Annabell zum Umziehen und Zähneputzen scheucht. Auf dem Weg zur Wohnungstür strecke ich den Kopf zu ihnen ins Badezimmer, um mich zu verabschieden. Meine Schwester sitzt auf dem Badewannenrand und bürstet Annabells langes Haar, das so dunkel ist wie das von Elina und mir. Dunkelbraun, fast schwarz. Nur ist ihres nicht so seidig und glatt wie das ihrer Mutter, sondern meist ein bisschen zerzaust, weil Annabell so ein kleiner Wirbelwind ist. Und weil der Pony schon wieder etwas herausgewachsen ist und sie ihn ständig aus dem Gesicht wischen muss. Die Szene hat etwas Friedliches. Elina lässt sich Zeit beim Entwirren der Strähnen und streicht Annabell zwischendurch immer wieder über den Kopf. »Du bist so hübsch«, stellt sie fest. »Wunderschön wie eine Prinzessin. Eines Tages wirst du einen guten Mann finden. Vielleicht sogar einen, der viel Geld hat.« »Elina!« Ich platze in den Raum, ehe ich meine Gedanken auch nur filtern kann. »Du kannst doch nicht ...« Ich verstumme, als ich Annabells Blick im Spiegel begegne. Kopfschüttelnd wende ich mich von Elina ab und ihr zu. Ich gehe vor ihr in die Hocke, weil ich will, dass sie das, was ich ihr sage, ganz genau versteht und nie vergisst. »Du bist wunderschön, das stimmt natürlich. Und natürlich kannst du irgendwann heiraten, wenn du das möchtest. Aber du kannst auch alles andere tun, was du willst. Köchin werden oder Pilotin oder Model oder Lehrerin. Und zwar nicht, weil du hübsch bist.« Ich werfe Elina einen flüchtigen Blick zu, ehe ich schlucke und fortfahre. »Außer28


dem bist du nämlich schlau und du hast den gleichen Dickkopf wie deine Mama. Das schadet auch nicht.« Annabell nickt, sagt aber nichts. Prima, jetzt habe ich sie mit meinem Ausbruch erschreckt. Genau das, was ich wollte, nachdem wir vorhin schon so einen Mist vor ihr besprochen haben. »Ist ja gut«, meint Elina kühl und erhebt sich vom Badewannenrand. »Fertig mit dem Wort zum Sonntag?« »Jepp.« Ich richte mich ebenfalls auf und vergrabe die Hände in den Hosentaschen. »Eigentlich wollte ich auch nur Gute Nacht sagen.« Das Lächeln kehrt auf Annabells Gesicht zurück. »Gute Nacht, Onkel Liam!« »Gute Nacht«, murmle ich. »Träum was Schönes.« »Jaah, davon, Köchin zu werden.« Elina wirft mir einen vorwurfsvollen Blick zu, ehe sie sich wieder auf Annabell konzentriert. »Ist das dein neuer Traum, meine Süße?« Annabell bejaht und beginnt sofort, vom Al-dente-Test zu erzählen, während Elina sie sanft in ihr Zimmer hinüberbugsiert. Ich stehe unschlüssig im Badezimmer und begebe mich schließlich seufzend zurück in die Küche. So kann ich die Sache zwischen meiner Schwester und mir ja kaum stehen lassen. Sieht so aus, als würde es wieder mal spät werden. Es dauert eine Weile, bis Elina aus Annabells Zimmer kommt. Sie zuckt zusammen, als sie mich am Tisch sitzen sieht. »Du brauchst mich gar nicht so anzusehen«, faucht sie und holt eine Dose aus einem der Küchenschränke, um Annabells Pausenbrot für morgen vorzubereiten. »Du weißt nicht, wie das ist. Als Frau hat man es eben schwerer. Das verstehst du als Mann einfach nicht. Wir werden nun mal häufig auf unser Aussehen reduziert. Da schadet es nicht, wenn wenigstens das stimmt.« »Ist ja auch kein Wunder, wenn man seine Töchter schon von vornherein dazu erzieht zu denken, sie müssten nur gut aussehen, um es zu etwas zu bringen«, rutscht es mir heraus. Ich hatte lange genug Zeit, um mir alles zu überlegen, was mir an Elinas 29


Worten von vorhin sauer aufstößt. Und jetzt will all das auch heraus. »Und es zu etwas bringen, bedeutet zu heiraten, ja? Reich am besten.« Elina knallt die Dose auf die Anrichte und fährt zu mir herum. »Ja, warum nicht?« »Weil Annabell alles werden und alles erreichen kann! Einem Sohn würdest du doch auch nicht sagen, er habe Glück, weil er hübsch ist und eine gute Frau finden kann!« »Natürlich kann sie werden, was sie will!« Elina presst die Lippen aufeinander. »Das eine schließt das andere doch nicht aus. Aber was spricht dagegen, wenn sie einen guten Mann findet, der für sie sorgen kann?« Ich fühle die Wut in mir zusammenfallen wie einen punktierten Luftballon. Trotzdem müssen die Worte heraus – auch wenn sie hart sind, egal wie freundlich ich sie ausspreche: »Nichts, wenn es wirklich ein guter Mann ist. Aber dass einfach nur möglichst schnell heiraten und sich auf den Partner verlassen nicht alles ist, müsstest du doch am besten wissen.« Sie wendet sich wieder der Anrichte zu und beginnt, einen Laib Brot mit einem viel zu kleinen Messer zu bearbeiten. Die Scheibe, die sie am Ende mit Butter bestreicht, sieht fransig und zerdrückt aus. »Tja, wenn ich wenigstens reich geheiratet hätte, könnte ich Annabell jetzt auch ein besseres Leben bieten.« Mit einem dumpfen Pochen in meiner Brust meldet sich das schlechte Gewissen. Ich erhebe mich und trete neben Elina an die Anrichte. »Mit so einem Kerl hättest du sie nicht großziehen wollen und wenn er Millionär gewesen wäre.« Elina dreht sich nicht zu mir um. Ich sehe, wie sie sich über die Augen wischt. »Aber mehr Unterhalt müsste er dann zahlen«, meint sie schwach. »Geld ist nicht alles«, erwidere ich, aber obwohl ich will, dass es stimmt, fühlt es sich an wie eine Lüge. Ich weiß selbst, dass man es sich nicht leisten kann, Geld als Nebensache zu betrachten, wenn es am Ende des Monats viel zu oft nicht reicht. Das 30


hat sogar Annabell schon verstanden und bei jedem ihrer Berufswünsche ist die Frage nach dem Gehalt eine der ersten, die sie interessieren. »Annabell hat ein gutes Leben. Sie ist glücklich. Sie hat eine tolle Mutter. Und einen ganz passablen Onkel«, füge ich hinzu, als Elina immer noch nichts erwidert. »Der ihr feministische Vorträge hält«, seufzt sie schließlich, aber ich höre ihrer Stimme an, dass sie jetzt lächelt. »Was soll da nur aus ihr werden?« »Etwas ganz Wunderbares«, sage ich nur und reibe meiner Schwester tröstend über den Rücken. »Wart es ab.«

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