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Lynn Austin

FÜHR DU MICH ZUM FRIEDEN Die Chroniken der Könige Bd. 5


Prolog »Ich hasse es zu warten«, murmelte Josua vor sich hin. »Es gibt nichts Schlimmeres.« Was würde er darum geben, wenn diese Unterredung endlich vorbei wäre und er wüsste, wie seine Zukunft aussehen sollte. Aber so langsam, wie der Morgen in Richtung Nachmittag kroch, fürchtete er, dass sein Wunsch nicht in Erfüllung gehen würde. Er warf dem groß gewachsenen dunkelhäutigen Wachmann, der an der Tür zum Thronsaal des Pharaos stand, einen verstohlenen Blick zu und wandte seine Aufmerksamkeit dann wieder den farbenfrohen Wandmalereien im Vorraum zu. Sie zeigten Szenen von den vielen Eroberungen des Pharaos und ägyptische Triumphe aus längst vergangenen Tagen. Die Erinnerungen an Josuas eigene Vergangenheit und an die geliebten Menschen, die er verloren hatte, waren zu schmerzlich, um lange bei ihnen zu verweilen, und er starrte die verbotenen ägyptischen Bilder an, um diese Erinnerungen aus seinen Gedanken zu verdrängen. Gewalt und Blutvergießen bestimmten sein jetziges Leben als Flüchtling und er wollte dieses Leben so schnell wie möglich hinter sich lassen. Er trug die Narben davon noch im Gesicht und den Schmerz und die Schuldgefühle im Herzen. Inzwischen war er sich nicht mehr sicher, was Gott von ihm wollte oder was die Zukunft für ihn bereithielt; vielleicht würde er es erfahren, bevor dieser Tag zu Ende ging. Neben ihm rutschte Prinz Amarja unruhig auf seinem Platz hin und her und sah besorgt aus. »Ich wünschte, sie würden sich beeilen und uns endlich reinrufen«, sagte er. »Ich hasse es, von all diesen Bildern und Götzen umgeben zu sein. Wie kannst du sie nur ansehen?« Josua sah zu Amarja hinüber und dann zu der Delegation der führenden Priester und Leviten, die sie zum Palast des Pharaos 5


begleitet hatten. Da sie nirgendwohin blicken konnten, ohne zu sündigen, starrten sie auf den Boden, schweigend und nervös. »Wenn der Pharao uns erlaubt, in Ägypten zu bleiben, werden wir die ganze Zeit mit diesen Göttern leben«, erklärte Josua dem Prinzen. »Ihr gewöhnt Euch besser daran.« Josua verstand den Schock, den die judäischen Vertriebenen gerade erlebten. Vor einem Monat waren er und mehr als dreihundert Priester und Leviten mit ihren Familien am Passahfest auf dramatische Weise aus Jerusalem geflohen. Seitdem hatte sich ihre Euphorie langsam verflüchtigt, weil ihnen bewusst wurde, was sie alles verloren hatten. Für viele der Priester war die räumliche Trennung vom Gelobten Land so schmerzlich und traumatisch gewesen wie der Verlust eines Armes oder Beines. Salomos Tempel auf Gottes heiligem Berg zu verlassen, hatte sie in tiefe Trauer gestürzt. Jahrhundertelang hatte Gottes Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei am Passahfest bestimmt, wer sie als Volk waren, aber jetzt hatte Gott seinen Heilsplan offenbar umgedreht und sie alle nach Ägypten zurückgeführt. Josua konnte ihnen nicht versprechen, dass ihr Aufenthalt nur vorübergehend sein würde. Irgendwann ging die riesige Tür auf und ein Kammerdiener gab ihnen ein Zeichen. »Der Pharao wird euch jetzt empfangen.« Josua berührte die lederne Augenklappe, die er trug, und vergewisserte sich, dass sie richtig auf seinem blinden rechten Auge saß; dann folgten er und die Delegation Prinz Amarja in den Thronsaal. Staubpartikel tanzten in den schmalen Sonnenstrahlen, während die Sklaven des Pharaos die Luft mit Palmenzweigen bewegten. Der Palast hatte den verblichenen Glanz alternder Herrlichkeit – die Farbe war schmutzig grau, der Putz blätterte an einigen Stellen ab und die Luft war von dem Geruch feuchter Steine muffig. Josua unterdrückte ein Husten, als er sich tief vor Pharao Tirhaka, dem dritten nubischen König, der als Pharao über Oberund Unterägypten herrschte, verbeugte. Tirhaka hatte die makellose ebenholzfarbene Haut, die breite Nase und die vollen Lippen 6


seiner kuschitischen Vorfahren, aber seine reglose Miene verriet nicht, wie er auf die Bitte der Judäer, ihnen Zuflucht in Ägypten zu gewähren, reagieren würde. Als Josua vor einer Woche mit ihrer Petition eingetroffen war, hatte er dem Pharao erklärt, dass Amarja und er ehemalige Beamte in König Manasses Regierung gewesen waren; er hatte allerdings nicht verraten, dass Amarja ein königlicher Prinz aus dem Hause David war. »Der Pharao hat über eure Bitte um politisches Asyl nachgedacht«, begann Tirhakas Sprecher. Der Papyrus in seiner Hand knisterte wie trockene Zweige, als er die Schriftrolle vorsichtig öffnete. Glatt rasiert, mit nacktem Oberkörper und mit einem weißen Leinenkilt bekleidet, blickten er und die anderen Ägypter, die auf dem Podest neben dem Pharao standen, mit offensichtlichem Abscheu auf die bärtigen Gesichter und die langen Gewänder der Judäer hinunter. »Seine Majestät bietet euch die folgenden Bedingungen für euren Aufenthalt an. Ihr habt zwei Tage Zeit, entweder diese Bedingungen anzunehmen oder das ägyptische Territorium dauerhaft zu verlassen.« Prinz Amarja nickte leicht. »Verstanden, Herr.« Josua hatte kaum Zweifel daran, dass die Bedingungen akzeptabel sein würden. Die Priester hatten vor ihrer Flucht mithilfe von Urim und Thummim Gottes Willen erfragt und Gott hatte klargemacht, dass dieser Rest der Gläubigen nach seinem Willen in Ägypten Zuflucht suchen sollte. Jesajas Prophezeiung hatte es bestätigt. »Pharao Tirhaka ist so großzügig, euch ein Stück Land zu überlassen, auf dem ihr als jüdische Exilgemeinschaft leben könnt. Ihr dürft auch einen Altar errichten, um euren Gott anzubeten.« Einer der Hauptpriester hinter Josua stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. »Wir haben in Ägypten drei Jahreszeiten«, fuhr der Beamte fort. »Ihr seid während Schemu angekommen, der Erntezeit. Deshalb hat der Pharao in seiner Großzügigkeit beschlossen, eure Leute mit Getreide, Öl und genügend Nahrung zu versorgen, sodass ihr durch Achet kommt, wenn der Nil wieder über die Ufer tritt. Diese Periode nutzen wir für Bauvorhaben, da 7


in dieser Zeit keine Landwirtschaft betrieben werden kann. Damit habt ihr fünf Monate, um vor Peret, der Saison des Pflanzens und Säens, eure neuen Häuser zu bauen.« »Wir sind sehr dankbar«, sagte Prinz Amarja und verneigte sich erneut. Josua wusste, dass dieses Angebot nichts mit Großzügigkeit zu tun hatte. Mit Sicherheit würde der Pharao etwas als Gegenleistung fordern. »Wie können wir dem Pharao für seine Güte danken?«, fragte er. »Das Land, das ihr bekommt, befindet sich auf einer Insel im Nil, die unter dem Namen Elephantine bekannt ist«, sagte der Sprecher. »Sie ist ein wichtiger militärischer Außenposten und der Pharao erwartet, dass sie es auch bleibt. Die Vertragsbedingungen lauten wie folgt: »Erstens verlangt der Pharao, dass alle jungen Männer eurer Gemeinschaft eine militärische Ausbildung absolvieren, damit sie die Festung des Pharaos auf Elephantine besetzen können.« Diese Forderung machte Josua sprachlos. Er konnte nicht fassen, dass der Pharao einen Militärdienst erwartete. Dem würden die Priester und Leviten niemals zustimmen. »Zweitens wird diese jüdische Garnison dem Pharao zu Hilfe kommen, falls Ägypten von einer anderen Nation angegriffen wird. Drittens werdet ihr euch den anderen Truppen des Pharaos anschließen, wenn unser großer Gott Amun-Ra befiehlt, dass das ägyptische Reich expandieren soll … auch wenn es bedeutet, gegen eure ehemaligen Landsleute in Juda zu kämpfen. »Wir sind keine Soldaten –«, begann einer der obersten Priester, doch der Sprecher des Pharaos schnitt ihm das Wort ab. »Der Pharao weiß genau, wer ihr seid: Experten im jüdischen Gesetz und vertriebene Priester ohne Tempel.« »Warum will er dann, dass wir eine militärische Garnison führen?« Es wurde still im Saal, so als hätte der judäische Priester eine Todsünde begangen, weil er die Entscheidung des Pharaos hinterfragt hatte. Der Pharao selbst brach am Ende das Schweigen. 8


»Weil ich die Geschichte studiere«, sagte er. Es war das erste Mal, dass er überhaupt das Wort ergriff, das hatte er auch beim ersten Besuch der Delegation nicht getan. Seine Stimme hallte kraftvoll in dem riesigen Thronsaal wider. »Vor zwanzig Jahren, als Pharao Schabako regierte, ist euch Judäern etwas gelungen, das kein anderes Volk jemals geschafft hat – auch nicht unseres. Ihr habt Sanherib und seine gesamte assyrische Armee besiegt. Euer König Hiskia hat deutlich gemacht, dass der Sieg nicht durch sein eigenes Schwert errungen wurde, sondern durch das Schwert von Jahwe, seinem Gott. Jetzt kommt ihr hierher und behauptet, die wahren Priester Jahwes zu sein. Ihr wollt ihm hier in Ägypten einen Altar errichten. Aber als Gegenleistung will ich von Jahwes militärischer Macht profitieren.« Einer der obersten Priester wollte protestieren, aber Josua hielt ihn mit einem warnenden Blick davon ab. »Wo befindet sich die Insel Elephantine denn, Herr?«, fragte er den ägyptischen Beamten. Als der Sprecher des Pharaos antwortete, vermittelte sein kaltes Lächeln einen ersten Eindruck von Josuas Schicksal. »Ihr werdet sie ein gutes Stück flussaufwärts von hier finden in der Nähe des ersten Wasserfalls im Nil, eine einwöchige Schiffsreise in südlicher Richtung.« Josua nickte und bemühte sich, sein Entsetzen und seine Enttäuschung zu verbergen. Einer der Priester hinter ihm stöhnte. Sie alle wussten, auch ohne eine Landkarte zu Rate zu ziehen, dass sie an die südlichste Grenze Ägyptens verbannt wurden, viel weiter von zu Hause entfernt, als sie es sich jemals vorgestellt hatten. Josua warf Prinz Amarja einen Blick zu und sah ungläubiges Staunen in seiner Miene. Es war die Pflicht des Prinzen, für die gesamte Gruppe zu antworten, aber dazu schien er nicht fähig zu sein. Also trat Josua vor. »Eure Majestät, Pharao Tirhaka, bitte nehmt unsere Dankbarkeit für Eure übergroße Freundlichkeit an«, sagte er. »Aber wir brauchten keine zwei Tage, um eine Entscheidung zu fällen; wir akzeptieren dankbar alle Eure Bedingungen.« 9


Der Priester, der neben Josua stand, sog scharf die Luft ein. »Wie bitte?« Amarja starrte ihn entgeistert an. »Warte, Josua. Wir können nicht …« »Ich weiß, was ich tue«, flüsterte Josua. »Vertraut mir.« Der ägyptische Beamte musterte die murmelnden Priester mit gelangweilter Miene. »Da ihr euch nicht einig zu sein scheint, wird der Kammerdiener euch auf den Flur hinausbringen, wo ihr eure Diskussion weiterführen könnt. Auf den Pharao warten noch andere Bittsteller.« Die Delegation wurde eilig aus dem Saal befördert. Kaum hatten sie die Tür zum Hof erreicht, wandten sich die obersten Priester an Josua und alle redeten gleichzeitig auf ihn ein. »Was hast du dir dabei gedacht? Solche Bedingungen können wir unmöglich annehmen! Das ist kein Asyl, das ist eine Einberufung zum Militär und Verbannung!« »Wir sind keine Soldaten, Josua«, sagte einer der Priester. »Unsere Söhne sind dem Dienst Gottes geweiht, nicht dem Dienst für den Pharao. Und Jahwe wird sich nicht wie ein geschnitztes Götzenbild beeinflussen lassen, für die Ägypter zu kämpfen.« »Außerdem«, sagte Amarja, »können wir von unseren Leuten nicht verlangen, dass sie so weit ins Landesinnere reisen. Wir haben sie schon jetzt mehrere Tagesreisen von zu Hause weggeführt.« Josua verschränkte die Arme und bemühte sich, nicht die Beherrschung zu verlieren. »Habt ihr geglaubt, die Ägypter würden uns die fruchtbaren Ebenen von Goschen geben, die sie Josef und unseren Vorfahren angeboten haben?« »Ich bin sicher, viele von uns haben die üppigen grünen Landschaften des Nildeltas gesehen und sich das vorgestellt«, erwiderte Amarja. »Wie soll ich den Leuten erklären, dass wir an die Grenze zu Kusch ziehen sollen? Wir wissen beide von unseren Studien mit Schebna, wie das Land dort aussieht – jenseits des schmalen Streifens der Flussebene gibt es nichts als die Wüste Sahara. In dem Klima werden wir keinen Wein oder Oliven anbauen können oder …« 10


Josua machte eine ungeduldige Handbewegung. »Das weiß ich alles und ich weiß auch, dass Jahwe keine Fehler macht. Wenn er will, dass wir zu Kriegern ausgebildet werden, dann muss es einen guten Grund dafür geben. Ich bin genauso wenig erfreut darüber wie ihr, dass wir auf eine Insel verbannt werden, die fünf Tagereisen flussaufwärts entfernt ist. Aber seht ihr nicht, wie genau sich Jesajas Prophezeiung erfüllt? Zu der Zeit wird mitten in Ägypten ein Altar stehen, der dem Herrn geweiht ist, und an der Grenze ein Steinmal ihm zu Ehren.1« Die Priester starrten ihn verständnislos an. »Überlegt doch. Wir dachten, die Prophezeiung würde bedeuten, dass es zwei Heiligtümer geben wird, eins in der Mitte von Ägypten und eins an der Grenze«, erklärte er. »Aber wenn wir unseren Altar auf Elephantine errichten, wird er beide Bedingungen gleichzeitig erfüllen. Die Insel befindet sich an der südlichen Grenze Ägyptens, aber auch nah bei Kusch – und das Reich von Pharao Tirhaka besteht aus Ägypten und Kusch. Deshalb liegt Elephantine genau in der Mitte dieses Reiches.« Amarja schloss die Augen. »Aber es ist so weit von zu Hause weg«, sagte er leise. »Ja, aber es ist auch eine Insel. Seht ihr nicht Gottes Weisheit darin, dass er uns eine Insel ganz für uns gibt? Dort können wir abgesondert leben – heilig. Nicht verdorben von alldem hier.« Er zeigte auf die Bilder an den Wänden. Einen Moment lang sagte niemand etwas. Josua holte tief Luft. »Wir gehen jetzt wieder da rein und sagen dem Pharao, dass wir seine Bedingungen akzeptieren. Irgendwelche Einwände?« Als keiner ein Sterbenswörtchen äußerte, bekam Josua einen ersten Eindruck von seiner Zukunft und sie gefiel ihm genauso wenig, wie er sie verstand. Er würde Soldat in der Armee des Pharaos sein, stationiert auf der Insel Elephantine, mehr als zehn Tagesreisen von seiner Heimat Jerusalem entfernt.

1 Jesaja 19,19

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Teil 1 Herr, du hast dich von deinem Volk, den Nachkommen Jakobs, zurückgezogen. Denn ihr Land ist voll von fremden Bräuchen, […] Seine Bewohner beten Bildwerke an, die sie mit eigenen Händen gemacht haben. […] Verkriecht euch zwischen Felsen, versteckt euch in Erdlöchern, wenn der Herr Schrecken verbreitet und seine Macht und Hoheit zeigt! Jesaja 2,6.8.10

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Kapitel 1 Sanfter Kerzenschein tauchte den Tisch der Familie in ein schläfriges Licht, als das Passahmahl sich dem Ende näherte. Aber Josua rutschte rastlos auf seinem Platz herum, während er der vertrauten Geschichte der Befreiung lauschte. Dies war sein erstes Passahfest, das seine Vertriebenengemeinschaft seit ihrer Flucht aus Jerusalem vor einem Jahr feierte, und das Festmahl weckte unliebsame Erinnerungen. »Dankt dem Herrn, denn er ist gut zu uns«, rezitierte Josuas älterer Bruder Jerimot, »seine Liebe hört niemals auf. […] Als ich von allen Seiten bedrängt war, schrie ich zum Herrn um Hilfe. Er erhörte mich und machte mich frei.2« Josua fühlte sich nicht frei. Er würde sich niemals frei fühlen, bis sein Feind, König Manasse, tot war. Er trank einen Schluck von seinem Wein und sagte: »Ich frage mich, ob Manasse heute in Jerusalem das Passahfest feiert.« Jerimot drehte sich überrascht zu ihm um, als wäre der Name des Königs ein Eimer kaltes Wasser, das über ihren festlich gedeckten Tisch geschüttet wurde. »Was spielt das für eine Rolle, Josua? Ich danke Gott für das Privileg, zum ersten Mal mit meiner Familie in unserem neuen Zuhause zu feiern.« Jerimot breitete die Arme aus, als wollte er alle Familienmitglieder und Freunde am Tisch umarmen. Er hatte fleißig gearbeitet, um das muffige Haus aus Lehmziegeln auf Elephantine in ein bequemes Zuhause für seine Frau und seine Kinder zu verwandeln; Josua und er hatten für ihre Großfamilie mehrere aneinander angrenzende Häuser mit einem gemeinsamen Innenhof für alle gebaut. Ihre Schwester Tirza lebte mit ihrem Mann, Joel, dem Hohenpriester, in einem der Häuser. Josua teilte sich ein drittes Haus mit seiner Mutter Jeruscha und seiner Schwester Dina. Josua liebte seine Schwester, aber jedes Mal, 2 Psalm 118,1.5

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wenn er Dina ansah, musste er an Manasse denken und daran, wie der König Dina gefangen gehalten, sie zu seiner Konkubine gemacht und dann ihren Sohn dem Moloch geopfert hatte. Auch das Dienstmädchen Miriam und ihr Bruder Nathan lebten in Josuas Haus. Miriam übernahm mehr als nur ihren Teil der Arbeit, aber ihre Gegenwart war für Josua ebenfalls ein Ärgernis, weil sie ihn täglich daran erinnerte, dass seine dummen Fehler den Tod von Miriams Vater Maki verschuldet hatten. »Bin ich der Einzige, der sieht, wie irrsinnig das alles ist?«, fragte Josua jetzt. »Wir danken Gott dafür, dass er uns vor den Ägyptern gerettet hat, während wir mitten in Ägypten leben!« Er blickte in die Runde derer, die um den Tisch saßen, auf der Suche nach Zustimmung, aber alle erwiderten seinen Blick mit betretenem Schweigen. »Ich will euch ja nicht den Spaß verderben, aber jetzt sitzen wir schon beinahe ein Jahr hier fest. Vermutlich bin ich es leid, darauf zu warten, dass Gott eingreift.« Er lehnte sich wieder zurück und stützte das Kinn auf seine Hand, sodass er sein vernarbtes Gesicht mit den Fingern verdeckte. Er war entstellt und das war ihm unangenehm; die breite, zackige Narbe erstreckte sich über seine ganze rechte Gesichtshälfte von oberhalb der Augenbraue bis zum Unterkiefer, sodass sein Bart auf dieser Seite nur ungleichmäßig wuchs. Gelegentlich berührt Josua die lederne Augenklappe, um sich zu vergewissern, dass sie über seinem nutzlosen Auge nicht verrutscht war. Prinz Amarja sagte, die Wunde lasse ihn älter, kampferprobter und widerstandsfähig aussehen. Josua war der Held des ganzen Volkes und die jungen Soldaten in Ausbildung sahen ehrfürchtig zu ihm auf, obwohl er nur wenige Jahre älter war als sie. Sie hatten den Ochsen – Josuas Spitzname – als Symbol für das Regiment der Insel gewählt und ihre Flaggen und Schilde damit verziert. »Ich bitte meine verehrten Gäste für das Benehmen meines Bruders um Verzeihung«, sagte Jerimot mit einem gezwungenen Lächeln. »Bitte lasst mich Euren Becher noch einmal füllen, Majestät.« Josuas Ungeduld wurde noch größer, als Prinz Amarja Jerimot 16


seinen Becher hinhielt, anstatt zu verlangen, dass man ihn bediente. Auch wenn die Priester Amarja zu ihrem König und zum rechtmäßigen Erbe auf Davids Thron gesalbt hatten, fehlten ihm das selbstsichere Gebaren und die Autorität eines wahren Königs. Josua wusste, dass er selbst – nicht der Prinz – in jeder Hinsicht der eigentliche Anführer auf der Insel war. Jerimot wandte sich an seinen anderen Gast. »Möchtest du noch etwas Wein, Hauptmann Hadad?« »Er ist vorzüglich – aber nein, danke«, erwiderte Hadad. Auch er erinnerte Josua an alles, was er verloren hatte. Hadads Großvater Schebna hatte zusammen mit Josuas Vater als einer der beiden höchsten Beamten des Königs gedient, bis König Manasse mit seinem blutrünstigen Rachefeldzug begonnen hatte. Wegen Hadads ausgiebigen Militärtrainings in Jerusalem hatte er den Oberbefehl über die Garnison erhalten und den Rang eines Hauptmanns. Nach ihrer Flucht hatte er allen hochprozentigen Getränken abgeschworen und im vergangenen Jahr fleißig gearbeitet, um die gelehrten Söhne der Leviten in eine aktive Kampftruppe zu verwandeln, die mit Speer, Bogen und Schwert umgehen konnte. Während Josua zusah, wischte Hadad sich wieder die Handflächen an den Oberschenkeln ab – zum hundertsten Mal, wie es Josua schien. Warum war der Mann heute so nervös? Er war schon oft bei Josuas Familie zu Gast gewesen, also konnte es keine Schüchternheit sein. Josua fiel auf, dass Hadad seinen Teller kaum angerührt hatte. »Ist irgendwas mit deinem Essen?« »Nein, nein. Ich habe nur genug gegessen, das ist alles.« Hadad wandte sich an Jerimot, ihren Gastgeber, und ein Lächeln zog über sein attraktives Gesicht. »Ich möchte dir noch einmal dafür danken, dass du mich heute Abend eingeladen hast. Ich wusste nie, wie es ist, zu einer Familie zu gehören, weil ich den Großteil meines Lebens nur mit meinem Großvater verbracht habe.« »Du bist in unserem Haus immer willkommen, Hadad, das weißt du. Und jetzt sing das Schlusslied mit uns, wenn du den Text kennst.« 17


Josua stimmte nicht mit ein, während die anderen sangen. Stattdessen beobachtete er Hadad ganz genau, weil er sicher war, dass der Mann etwas auf dem Herzen hatte. Jerimot beendete die Passahfeier mit einem Gebet und die Frauen verließen den Raum, um die Küche aufzuräumen und die müden Kinder ins Bett zu bringen. Hadad erhob sich. »Es gibt etwas, das ich sagen möchte«, begann er und bestätigte damit Josuas Verdacht. Alle Männer wandten sich Hadad zu, der mit einem unsicheren Lachen ausatmete. »Puh! Das ist ja schlimmer, als in die Schlacht zu ziehen. Mein Magen fühlt sich an, als wäre ich wieder auf dem Schiff, das uns hierhergebracht hat.« »Du bist unter Freunden«, beruhigte Jerimot ihn. »Bitte sag, was du auf dem Herzen hast.« Hadad nickte und grinste nervös. »Ich möchte sagen, dass mein Leben eigentlich erst so richtig letztes Jahr am Passahfest begonnen hat. Vorher wusste ich nicht, wer ich war oder was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Aber seit unserer Flucht aus Jerusalem habe ich hier in Ägypten einen Sinn und eine Aufgabe gefunden. Ich mache meine Arbeit in der Garnison gerne. Kommandant bei der Armee zu sein, passt zu mir und ich glaube, ich habe mir endlich einen guten Namen gemacht. Jetzt fehlt mir nur noch eins, um mein Leben zu vervollkommnen.« Seine Stimme wurde leiser. »Nämlich die Frau zu heiraten, die ich liebe. Jerimot, ich bitte dich, als Haupt dieser Familie, um die Hand deiner Schwester Dina.« Hadads Bitte war so unerwartet, dass Josua einen Augenblick brauchte, um sie zu verdauen. Das konnte nicht Hadads Ernst sein! Es musste doch jedem klar sein, dass eine solche Ehe unmöglich war. Aber bevor Josua reagieren konnte, grinste Jerimot breit, als wollte er Hadads Antrag annehmen. »Mein lieber Freund Hadad, es wäre mir eine Ehre …« »Jerimot, halt!« Josua sprang auf und fiel seinem Bruder ins Wort. »Du darfst nicht zulassen, dass er Dina heiratet!« »Wenn das ein Scherz ist, Josua …« 18


»Es ist kein Scherz«, erklärte er seinem Bruder. »Ich dachte, du wüsstest Bescheid. Ich dachte, ihr alle wüsstet das … Dina muss Prinz Amarja heiraten.« »Was?« Hadad sah aus, als hätte Josua ihm die Faust in die Magengrube gerammt. »Wovon redest du?« »Dina hat früher zu König Manasses Harem gehört«, erklärte Josua. »Sie hat seinen Sohn geboren. Jetzt gehört sie zum Hause David. Jeder, der sie heiratet, wird Manasses Recht auf die Königsherrschaft anfechten und offiziell den Thron von Juda beanspruchen. Sie muss Prinz Amarja heiraten.« Hadads Hände ballten sich zu Fäusten. »Sie ist kein Besitzgegenstand, der von einem Mann zum nächsten weitergereicht wird! Du kannst Dina nicht zwingen, ihn zu heiraten!« Josua baute sich ebenso drohend auf wie Hadad. »Weder du noch ich können das entscheiden. Es steht in Gottes Gesetz.« »Moment mal«, schaltete sich Prinz Amarja ein, während er sich von seinem Platz erhob. »Da habe ich ja wohl auch noch ein Wörtchen mitzureden.« »Nein, habt Ihr nicht«, widersprach Josua. »Gott ist es, der königliches Blut in Euren Adern hat fließen lassen. Dies ist sein Racheplan. Ihr könnt lediglich entscheiden, ob Ihr um den Thron Eures Vaters kämpfen oder ihn Manasse überlassen wollt.« »Ich bin nicht sicher, ob ich ein Anrecht auf den Thron meines Vaters habe«, wandte Amarja ein. »Manasse ist der Erstgeborene und …« »Manasse hat sein Recht verwirkt, als er Götzendienst begangen hat«, gab Josua zurück. »Er hat seinen eigenen Sohn geopfert! Wenn Euer Vater noch am Leben wäre, was glaubt Ihr, wen er als seinen Nachfolger wählen würde? Euch oder Euren Bruder?« »I-ich verstehe, was du meinst«, lenkte Amarja ein, als hätte er Angst vor Josuas Wut. Hadad packte den Arm des Prinzen. »Amarja, nein! Hört nicht auf ihn. Ihr seid mein Freund! Ihr wisst, dass Dina mich liebt und nicht Euch. Fragt sie! Holt sie her und fragt sie, wen sie heiraten will.« 19


»Was sie will, spielt keine Rolle«, sagte Josua. »Es spielt sehr wohl eine Rolle!«, widersprach Jerimot ihm. »Abba hätte Dina nie gezwungen, gegen ihren Willen zu heiraten, und wir werden es auch nicht tun! Natürlich werden wir sie fragen.« Er stand auf und eilte hinaus, um kurz darauf mit Dina im Schlepptau zurückzukommen. Sie wirkte ängstlich, als sie den Raum voller streitender Männer betrat. Dann sah Josua, wie ihre Miene weicher wurde, als sie zu Hadad aufblickte. Josua war nicht bewusst gewesen, dass sie Gefühle füreinander entwickelt hatten, seit Hadad Dina vor einem Jahr bei der Flucht aus Jerusalem geholfen hatte. Er hätte besser aufpassen sollen. »Bitte, Dina«, flehte Hadad. »Sag Josua, was wir füreinander empfinden. Er versucht, unsere Heirat zu verhindern.« Josua ergriff das Wort, bevor sie antworten konnte. Er durfte nicht zulassen, dass sie Gottes perfekten Plan zunichtemachte. »Ich sehe, dass du Gefühle für ihn hast, Dina, aber deine Pflicht Gott und unserer Familie gegenüber muss an erster Stelle stehen.« »Ich … ich verstehe nicht.« Er trat einen Schritt auf sie zu, während er Mühe hatte, seine Stimme unter Kontrolle zu halten, weil zusammen mit den Erinnerungen auch Zorn in ihm aufstieg. »Erinnerst du dich an die Nacht, in der Manasses Männer unseren Großvater kaltblütig ermordet haben? Weißt du noch, wie hilflos du dich gefühlt hast, weil du dich nicht wehren konntest? Du musstest dabei zusehen, wie sie einen gütigen, wehrlosen alten Mann zu Tode geprügelt haben, und du konntest ihm nicht helfen!« Dina schlug die Hände vors Gesicht. »Es tut mir leid … Ich konnte nicht …« »Hör auf, Josua!«, sagte Jerimot. »Nein, ich werde nicht aufhören. Wir haben alle ein Jahr lang nicht mit ihr über Manasse gesprochen, aber unser Schweigen löscht nicht aus, was er getan hat. Dina muss sich daran erinnern – an alles –, bevor sie beschließt, wen sie heiraten will.« Josua packte sie an den Handgelenken und zog ihr die Hände vom Gesicht, sodass sie ihn ansehen musste. 20


»Manasse hat auch unseren Vater ermordet. Abba hat nichts Böses getan, nichts, was seine Hinrichtung gerechtfertigt hätte, aber Manasse hat ihm mit einer Peitsche, an deren Ende Knochenstücke befestigt waren, den Rücken blutig geschlagen und ihn getötet.« »Hör auf …!«, flehte Jerimot. Er hatte die Folter seines Vaters mit angesehen und Josua wusste, dass es grausam war, ihn daran zu erinnern, aber er fuhr trotzdem fort. »Manasse hat dich vergewaltigt, Dina. Er hat dich ein Jahr lang gefangen gehalten und er hat dir – wie oft? – Gewalt angetan. Dann hat er dir deinen neugeborenen Sohn weggenommen und …« »Es reicht, Josua! Es reicht!«, brüllte Jerimot. »Ich werde das in meinem Haus nicht zulassen!« Sein Gesicht war weiß wie die Wand, als er Josua zur Seite stieß und Dina in die Arme nahm. »Was tust du ihr an? Uns allen?« »Ich erinnere sie an die Tatsachen. Wenn Dina will, dass Manasse ungestraft mordet und vergewaltigt, dann kann sie ja Hadad heiraten. Aber wenn sie den Tod ihres Sohnes rächen will – und den Tod unseres Vaters und Großvater –, dann kann sie sich wehren, indem sie Amarja heiratet.« »Nein«, stöhnte Hadad. »Nein, hör nicht auf ihn, Dina.« »Wir wollen doch alle Manasse bekämpfen«, sagte Jerimot. »Deshalb sind wir hier in Ägypten. Aber wir werden uns gegen ihn wehren, indem wir unseren Glauben und unser Erbe bewahren. Das ist im Moment alles, was Jahwe von uns verlangt. Gott ist es, der Rache üben kann, nicht wir.« »Und Dina ist das Werkzeug für Gottes Rache«, gab Josua zurück, »ob es ihr gefällt oder nicht. Was glaubst du, warum Jahwe dafür gesorgt hat, dass sie gerettet wird?« »Aber ich habe geholfen, sie zu retten, weißt du noch?«, warf Hadad ein. »Sie liebt mich. Sag es ihm, Dina. Sag ihm, was du mir schon gesagt hast.« Josua sah zu, bereit einzuschreiten, als Dina sich an Hadad wandte. »E-es tut mir leid«, flüsterte sie. »Ich hätte es dir niemals 21


versprechen dürfen … Josua hat recht. Ich kann dich nicht heiraten.« »Nein …« Hadad schüttelte fassungslos den Kopf. »Nein … bitte tu das nicht, Dina.« »Ich liebe dich«, sagte sie, während ihre Tränen flossen. »Aber noch mehr hasse ich Manasse. Er hat meinen Sohn getötet. Ich muss Prinz Amarja heiraten.« Hadad schloss die Augen. Josua beobachtete ihn wachsam, weil er nicht wusste, was der Mann tun würde. Als Hadad sich so weit gefangen hatte, dass er wieder sprechen konnte, wandte er sich an Josua und seine Stimme zitterte vor Zorn. »Dafür werde ich dich umbringen, Josua! So wahr Gott mein Zeuge ist, du wirst dafür bezahlen, was du getan hast!« Dann stürmte er aus dem Haus und knallte die Tür hinter sich zu. Es klang wie eine Explosion.

W Miriam spürte die Schockwellen bis in die Küche, als Hadad das Haus verließ. Sie hatte noch nie das Passahfest gefeiert und sich schon seit Wochen darauf gefreut. Und jetzt hatte der Abend in einer Katastrophe geendet. Die anderen Frauen und sie hatten jedes Wort der Auseinandersetzung gehört und sobald Hadad fort war, hatte Jeruscha sich mit Dina in ein anderes Zimmer zurückgezogen, um sie zu beruhigen. Miriam wusste, dass Dina Hadad liebte und nicht den Prinzen, und sie hoffte, dass Jeruscha ihre Tochter zur Vernunft bringen konnte. Am liebsten wäre auch Miriam in ein anderes Zimmer gelaufen, um vor den wütenden Stimmen der Männer zu fliehen, aber sie hatte zu tun. Also holte sie tief Luft und betrat dann den Hauptraum, um den Tisch abzuräumen. Sie hoffte, dass der Streit jetzt endete, nachdem Hadad gegangen war, aber Josuas Miene war immer noch zornig. Er stand da, als wollte er sich in einen Kampf stürzen, während Jerimot weiter versuchte, ihn umzustimmen. »Josua, du darfst Dina und Amarja nicht zwingen zu heiraten. Das ist nicht richtig.« 22


»Ich zwinge sie nicht. Sie können sich frei entscheiden.« Er wandte sich zu dem Prinzen um, als wollte er ihn herausfordern. »Amarja, habe ich Euch gezwungen, mit uns nach Ägypten zu fliehen? Ihr seid nicht naiv; Ihr müsst gewusst haben, dass es Krieg mit Manasse bedeutet, wenn Ihr Euch auf meine Seite schlagt.« »Ich weiß nicht, was ich gedacht habe«, murmelte Amarja. »Ich wollte nur von meinem Bruder weg. Ich verabscheue, was er tut, und will nichts damit zu tun haben. Ich habe mich nie entschieden …« »Habt Ihr meine Tonscherbe mit dem Ochsensymbol dort zurückgelassen, wo Manasse sie finden würde?« »Ja, aber …« »Dann habt Ihr Eure Entscheidung getroffen. Ihr habt mit mir gemeinsame Sache gemacht und ich bin Manasses Erzfeind.« »Wie kommt es, dass wir jetzt über Feinde und Hass reden?«, stöhnte Jerimot. »Wir feiern das Passahfest … es gab einen Heiratsantrag … Bitte, Josua. Lass uns mit alldem aufhören.« Josua ignorierte ihn einfach. Miriam wusste, dass der gütige, sanfte Jerimot gegen Josuas erbarmungslosen Zorn keine Chance hatte. Die hatte niemand. »Es liegt an Euch, Amarja«, sagte Josua. »Seid Ihr bereit, unsere Schwester zu heiraten, oder nicht?« Miriam hörte auf, das Geschirr zu stapeln, und blickte auf. Josua stand vor dem Prinzen, als wollte er ihn zu einem Duell herausfordern, die Arme trotzig vor der Brust verschränkt. Amarja hatte resigniert den Kopf gesenkt. Miriam hätte sich gerne in den Kampf gestürzt und für Hadads Rechte gekämpft und den Prinzen angefleht, es ebenfalls zu tun, aber sie wusste, was sich für sie gehörte und was nicht. »Dina ist eine sehr schöne Frau«, sagte Amarja schließlich. »Ich wäre ein Narr, wenn ich mich weigern würde, sie zu heiraten. Aber Hadad ist mein Freund. Er liebt sie. Ich kann ihm das nicht antun.« »Ihr müsst«, sagte Josua. »Das Gesetz verlangt es.« 23


»Welches Gesetz?«, fragte Jerimot. »So ein Gesetz gibt es nicht.« »Doch! Wenn ein älterer Bruder ohne einen Erben stirbt, muss sein jüngerer Bruder seine Frau heiraten, um für einen Erben zu sorgen. Dinas erster Sohn mit Amarja wird dann als Manasses Erbe gelten und als Erbe für den Thron.« »Aber mein Bruder ist nicht tot.« »In Gottes Augen schon!« Der Prinz seufzte und schüttelte den Kopf. »Hadad ist mein Freund«, sagte er noch einmal. »Er hat sich nur in diese ganze Sache reinziehen lassen, um mich zu retten. Für mich hat er sein Leben aufs Spiel gesetzt. Er würde mir nie vergeben, wenn ich die Frau heirate, die er liebt. Du hast gehört, was er gesagt hat.« Miriam sah den Kummer in Amarjas Gesicht und sah zu Boden. Josua wandte sich von ihm ab. »Es gibt andere Frauen, die Hadad heiraten kann«, sagte er. »Er wird über sie hinwegkommen.« »Du solltest dich schämen, Josua!«, rief Jerimot. »Ausgerechnet du müsstest doch verstehen, wie Hadad sich fühlt, nach dem, was mit dir und Jael geschehen ist!« Miriam richtete ihren Blick auf Josua; sie wollte sehen, wie er auf den Namen der Frau reagieren würde, die er geliebt und verloren hatte, aber er stand mit dem Rücken zu Miriam. Es war das erste Mal, seit sie nach Ägypten gezogen waren, dass Miriam gehört hatte, wie jemand es wagte, Jaels Namen auszusprechen. Wer Josua kannte, fürchtete seinen Zorn, den er immer nur mit Mühe in Schach hielt. Sie alle vermieden es, ihn zu provozieren, und hielten sich von ihm fern, als wäre er ein hungriger Löwe an einer Leine. Als Josua antwortete, war seine Stimme hart wie Eisen. »Ja. Ich weiß, wie Hadad sich fühlt. Aber ich bin auch darüber hinweggekommen.« »Wirklich?«, fragte Jerimot. »Warum hast du dich dann geweigert, im vergangenen Jahr über die Heiratsanträge nachzudenken, die man dir gemacht hat?« 24


Die Nachricht schockierte Miriam. Mehrere der Ältesten waren bei ihnen zu Hause gewesen, aber Miriam hatte keine Ahnung gehabt, dass sie mit Josua über ihre Töchter sprechen wollten. Jetzt ergaben ihre Besuche einen Sinn. Josua regierte die Insel; natürlich würden die Ältesten versuchen, an Bedeutung zu gewinnen, indem sie in diese wichtige Familie einheirateten. Noch immer fiel es Miriam schwer, die Wahrheit zu akzeptieren: Sie würde nie als geeignete Frau für ihn infrage kommen, weil Josua ihre Liebe niemals erwidern würde. »Wir reden hier über Dinas Vermählung, nicht über meine«, entgegnete Josua. »Was werdet Ihr tun, Amarja? Ihr müsst Euch entscheiden?« Der Prinz starrte ihn an. »Jetzt? Heute Abend? Aber Hadad …« »Dina hat bereits eingewilligt, Euch zu heiraten und nicht Hadad.« Jerimot schlug mit der Faust auf den Tisch. »Hör auf, Josua!« Für gewöhnlich wurde er nicht laut und Miriam hatte ihn noch nie so wütend gesehen. »Rache ist der falsche Beweggrund für eine Ehe!« »Es ist keine Rache. Es ist das Gesetz.« »Ich kenne das Gesetz genauso gut wie du und der Prinz ebenfalls. Du verdrehst alles, damit es zu deinen eigenen Zielen passt, weil du blind vor Hass bist. Und Dina hat zugelassen, dass der Hass auch ihr eigenes Urteilsvermögen trübt. Bitte, Majestät, lasst Euch nicht von Josua blenden. Ihr würdet einen schrecklichen Fehler begehen.« Miriam räumte die letzten Teller ab und hoffte, dass Josua und Amarja beide auf Jerimot hören und den Streit beenden würden. Aber gleich darauf hörte sie Josua sagen. »Es wäre für alle leichter, wenn Ihr so bald wie möglich heiratet.« »Bist du sicher, dass Dina es will?«, fragte Amarja. »Sie will noch einen Sohn, einen königlichen Erben, und Ihr seid der Einzige, der ihr den schenken kann. Wir können die Verlobung auf der Stelle besiegeln. Miriam, bitte Dina herzukommen.« 25


Miriam rührte sich nicht, in der Hoffnung, der Prinz würde sich weigern. »Was ist mit einer Mitgift?«, fragte Amarja. »Muss ich nicht …?« »Gebt mir Euren Siegelring als Pfand. Miriam, hol Dina«, sagte er noch einmal. Miriam zögerte und blickte zu dem Prinzen auf, um zu sehen, ob er wirklich einverstanden war. Amarja nickte knapp und biss sich dann auf die Lippe, während er langsam den königlichen Ring von seinem Finger zog. »Tut das nicht«, hörte Miriam Jerimot sagen, als sie langsam den Raum verließ. »Nehmt Euch ein, zwei Tage Zeit, um darüber nachzudenken … bitte.« Während Miriam zu einem der Schlafzimmer ging, konnte sie Jeruscha und Dina darin reden hören. Sie klopfte an die Tür. »Dina?«, rief sie. »Josua möchte noch einmal mit dir sprechen.« Dina wirkte gefasst, als sie die Tür öffnete und mit Miriam zum Hauptraum zurückging. Dort wartete Amarja auf sie und hielt ihr einen Verlobungsbecher hin. »Ich weihe dir mein Leben, Dina«, sagte er mit zitternder Stimme. »Willst du meine Frau werden?« Tu es nicht, flehte Miriam im Stillen. Es war nicht richtig. Dina sollte Hadads Antrag annehmen, nicht den des Prinzen. Hadad liebte sie und sie liebte ihn. Aber Dina nahm den Becher, den Amarja ihr entgegenstreckte, und trank daraus, bevor sie ihm den Becher zurückgab und er ihn austrank. Sie waren verlobt. Miriam zog sich der Magen zusammen, als sie den zufriedenen Ausdruck in Josuas Gesicht sah. Sie liebte ihn, aber was er gerade getan hatte, war falsch. Sie ließ das Geschirr stehen und floh in den Hof hinter dem Haus. Draußen zog eine sanfte Brise vom Fluss herauf und brachte saubere, kühle Luft mit und den schwachen Duft von gebratenem Lamm. Miriam holte tief Luft, als wollte sie die Hässlichkeit dessen, was sie gerade miterlebt hatte, wegwischen. Konnte es wirklich Gottes Wille sein, dass Dina den Prinzen heiratete, wenn sie doch Hadad liebte? Josua hatte gesagt, dass das Gesetz es verlang26


te, aber ihre Herrin Jeruscha sprach immer von Gott als einem liebenden Vater, dessen Gesetze gerecht und gut waren. Heute Abend fiel es Miriam schwer zu verstehen, warum ein Gott der Liebe zwei Menschen zwingen sollte, auf diese Weise zu heiraten. Sie hörte, wie die Tür des Hauses aufging, und als sie sich umdrehte, sah sie Dina auf der Treppe stehen. »Ich muss dich um einen Gefallen bitten, Miriam.« »Was soll ich tun?« Dina hatte Tränen in den Augen und einen Moment lang konnte sie nicht sprechen. In den letzten Wochen hatte sie so glücklich gewirkt, als wären die schmerzlichen Erinnerungen an ihre Gefangenschaft endlich verheilt. Aber die Ereignisse dieses Abends hatten Dinas Freude ausgelöscht und ihr Gesicht hatte den gleichen leblosen Ausdruck, der Josuas Züge normalerweise prägte. Sie trat zu Miriam wie eine Schlafwandlerin. »Hadad wird unten am Fluss auf mich warten. Wir haben uns jeden Abend dort getroffen. Wahrscheinlich war es unrecht, aber das erste Mal sind wir uns zufällig dort begegnet und dann …« Sie lächelte traurig. »Dann wurde es zur Gewohnheit.« »Wenn du ihn liebst, Dina, dann …« »Liebe spielt keine Rolle. Ich habe meinen Großvater geliebt, aber es war meine Schuld, dass sie ihn ermordet haben. Hätte ich es ihm nicht erzählt, hätte er nicht gewusst, wo Josua an dem Abend war. Und meinen Sohn habe ich auch geliebt, meinen süßen kleinen Naphtali, aber dass Manasse ihn getötet hat, war auch meine Schuld. Ich hätte mich mehr bemühen müssen zu fliehen, als er noch sicher in meinem Leib war. Jetzt bin ich es ihnen beiden und Abba schuldig, ihren Tod zu rächen.« »Es scheint mir falsch, jemanden aus Rache zu heiraten.« »Es ist keine Rache. Es ist das Gesetz.« »Aber Jerimot hat gesagt …« »Ich werde Prinz Amarja heiraten. Kannst du Hadad bitte das hier von mir zurückgeben?« Dina öffnete ihre Hand, widerwillig, wie es schien, und gab Miriam einen Ring. Das glatte Metall fühlte sich warm an. Miriam erinnerte sich an die Qual in Hadads 27


Stimme, als er Dina angefleht hatte, und Miriam versuchte, ihr den Ring wiederzugeben. »Das ist unrecht, Dina. Wenn du Hadads Ring genommen hast, dann hast du ihm ein Versprechen gegeben …« »Ich habe einen großen Fehler gemacht. Ich hätte seinen Ring nie annehmen dürfen … aber er hat früher meinem Vater gehört. Er hat ihn getragen, als er Außenminister war. Und nachdem Abba befördert wurde, hat Hadads Großvater ihn getragen.« Miriam erkannte das Symbol des Hauses David, das in den Siegelring eingraviert war. Das schwere Gold glänzte schwach wie eine Sommersonne hinter Dunstwolken. Miriam ergriff mit beiden Händen Dinas Finger und versuchte, ihr den Ring wieder in die Hand zur drücken. »Tu Hadad das nicht an. Lass ihn nicht wegen König Manasses Verbrechen leiden. Hadad hat sein Leben aufs Spiel gesetzt, um dich zu retten, und seither hat er alles getan, um sich einen Namen zu machen und deiner würdig zu sein.« »Das ist unwichtig.« Dinas Miene wirkte jetzt hart und Miriam sah, dass sie sich entschieden hatte. »Wenn du ihm den Ring nicht gibst, werde ich eine Dienerin bitten, es zu tun.« Miriam wusste, dass es für Hadad besser war, die Nachricht von ihr zu hören und nicht von einer Fremden. Sie seufzte resigniert. »Also gut … ich werde es tun. Aber du machst einen schrecklichen Fehler.« Sie wandte Dina den Rücken zu und stapfte zum Tor hinaus. Sie wollte diesen entsetzlichen Auftrag hinter sich bringen und dieses Haus voller Aufruhr so weit wie möglich hinter sich lassen. Als sie sich dem Flussufer näherte, wurden ihre Schritte langsamer und sie folgte dem plätschernden Geräusch des Wassers. Miriam hatte ihr ganzes Leben in trockenen, unfruchtbaren Gegenden verbracht und nach fast einem Jahr in Ägypten war sie diesen herrlichen Klang noch immer nicht leid. Er erinnerte sie an entferntes Lachen. Sie dachte daran, wie ihr Lachen an diesem Abend das Zimmer erfüllt hatte, als die Familie gemeinsam das 28


Passahfest gefeiert hatte, bis ihre Freude zerschlagen worden war, weil Josua Rache und Hass hereingelassen hatte. Sie dachte immer noch an Josua, als sie aufblickte und jemanden im Schatten am Ufer auf und ab schreiten sah. Miriam erkannte Hadad an seinen breiten Schultern und der muskulösen Gestalt. Er sah sie kommen und lief ihr entgegen. »Dina?« »Nein, Hadad. Ich bin es, Miriam.« Wie angewurzelt blieb er stehen und wartete, bis sie bei ihm war. Seine Arme hingen von den gebeugten Schultern, als würden schwere Gewichte sie hinunterziehen. »Dina kommt nicht«, sagte Miriam. »Hat sie dich geschickt?« Miriam nickte. »Sie hat mich gebeten, dir das hier zu geben …« Sie nahm Hadads Faust, bog behutsam seine Finger zurück und legte den Ring auf seine Handfläche. Hadads Knöchel wurden weiß, als er die Finger um den Ring schloss und dann die Faust an sein Herz drückte. »Wie konnte Josua uns das antun?« Er blickte in den schwarzen Himmel hinauf, als wollte er die Sterne um eine Antwort anflehen, seine Miene schmerzverzerrt. »Ich habe ein Jahr lang gewartet, um Dina zu heiraten. Ich habe mich in sie verliebt, als wir in Ascheras Verschlag saßen und uns gefragt haben, ob wir leben oder sterben würden … Ich habe in meinem Leben nicht viel Liebe erfahren. Dina war alles, was ich hatte.« »Es tut mir schrecklich leid«, murmelte Miriam. »Ich weiß nicht, was ich sagen soll.« Lieber wäre sie in die Nacht hinausgerannt, als Hadads Verzweiflung mit ansehen zu müssen. Es war furchtbar, diesen starken Mann so leiden zu sehen. Hadads Stimme zitterte, als er weitersprach. »Ich habe versucht, etwas aus meinem Leben zu machen, damit ich ihrer würdig bin. Ich wurde nicht mit einem Namen geboren, aber ich habe ihn mir hart verdient … ich habe ihn verdient, Miriam! Ich habe fleißig gearbeitet, um diese Insel zu unserem Zuhause zu machen, habe die Männer zu Soldaten ausgebildet und Josua und Amarja geholfen, diese Garnison zu führen. Ich habe sie als meine Brü29


der, meine Freunde betrachtet. Aber wahre Freunde würden einem so etwas nicht antun, oder? Sie würden mir nicht den einzigen Menschen nehmen, den ich jemals geliebt habe.« »Nein, das würden sie nicht«, erwiderte Miriam. »Was Josua getan hat, ist falsch.« Hadads Trauer zwang Miriam, Josuas Grausamkeit zuzugeben. Er hatte seinen Freund verraten. Sie liebte Josua, aber Miriam wurde bewusst, dass die Wunden der meisten Menschen um sie herum zwar im vergangenen Jahr zu heilen begonnen hatten, dass Josuas Wunsch nach Rache sich aber nur verstärkt und vertieft hatte. Heute hatte sein Hass drei unschuldige Menschen verletzt, die ihn liebten. Nein, vier Menschen – denn dadurch, dass er offenbart hatte, wie es in seinem Herzen aussah, hatte Josua auch Miriam verletzt. Sie konnte Hadad nicht ansehen. »Ich finde, du solltest noch etwas wissen«, sagte sie und starrte dabei zu Boden. »Kurz bevor ich das Haus verlassen habe, wurde Amarjas und Dinas Verlobung besiegelt.« »Nein …«, stöhnte Hadad. Die Nacht schien einen Moment lang zu verstummen – das Flüstern der Gräser, das Quaken der Frösche, das Summen der Insekten schwiegen angesichts der Trauer dieses Mannes. Miriam fühlte sich, als hätte sie einen tödlichen Pfeil abgeschossen und müsste jetzt dabei zusehen, wie er sich in sein Ziel bohrte. »Ich schwöre bei Gott, dass sie dafür bezahlen werden«, flüsterte Hadad. »Ist das alles, woran ihr denken könnt?«, schrie Miriam. Sie packte seinen Arm und versuchte, ihn zu schütteln, um ihn zur Vernunft zu bringen, aber er stand unbeweglich wie ein Pfeiler. »Rache ist keine Lösung, Hadad. Sie ist der Grund! Sie wird nur weiteres Elend und noch mehr Kummer verursachen. Dieser Kreislauf muss enden!« Er betrachtete den Ring in seiner Hand, dann schloss er die Finger darum und holte aus, um ihn in den Nil zu schleudern. »Nein, nicht!«, schrie Miriam. Sie stürzte sich auf ihn, um seine erhobene Faust zu ergreifen und ihn aufzuhalten. »Tut das nicht, Hadad. Dieser Ring hat deinem Großvater gehört.« 30


Er zögerte einen Augenblick und ließ den Arm dann langsam sinken, während er in das dunkle Wasser starrte, als wäre er mit seinem Gedanken ganz weit weg. Schließlich steckte er sich den Ring an seinen Finger. »Danke«, flüsterte Hadad. Dann wischte er sich mit dem Handballen die Tränen fort. »Du hast ein mitfühlendes Herz, Miriam. Schenke es niemandem, der es nicht verdient. Oder, schlimmer noch, der es vergiften würde.« Miriam wusste, dass er Josua meinte, und sie fragte sich, woher er wusste, dass sie ihn liebte. War ihre Liebe so offensichtlich? Aber bevor sie noch etwas sagen konnte, verschwand Hadad in der Nacht.

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Kapitel 2 »So sollte man ein Fest feiern«, sagte Manasse. Er hatte sich auf seinem Thron im Tempelhof zurückgelehnt, wo er über der Mitternachtsorgie wachte. Sein Palastverwalter Zera saß neben ihm. Manasse sah zu, wie die Anbetenden den Platz und die Straßen unterhalb des Tempelberges füllten und dabei Tierkadavern und Geisterschreinen auswichen, während sie in Ekstase herumwirbelten und Zaubersprüche und Gesänge murmelten. Viele von ihnen trugen nichts als tätowierte Symbole und Blutspritzer und Manasse fragte sich, wieso sie in der kühlen Frühlingsnacht nicht froren. »Seht Euch unsere Zukunft an«, sagte Zera mit ausgebreiteten Armen. »Die Rituale, die heute Nacht vollzogen werden, sorgen für reiche Ernten und fette Herden im kommenden Jahr.« Manesse sah zu, wie drei junge Mädchen eine Ziege jagten, die sich von der Leine losgerissen hatte. »Das hier ist viel mehr nach meinem Geschmack als eine langweilige Mahlzeit mit gebratenem Lamm und alten Geschichten.« »Bei dieser Feier wird man Euch nichts verwehren, Majestät. Denkt daran, dass Ihr die Freiheit habt, alles zu genießen!« Manasse hatte sich längst daran gewöhnt, den Praktiken zu frönen, die seine Thoralehrer als Gräuel bezeichneten. Er erinnerte sich daran, dass er zunächst schockiert gewesen war, als Zera sie vor einem Jahr vorgeschlagen hatte, aber jetzt wirkten sie normal, ja beinahe langweilig auf ihn und er suchte ständig noch mehr Nervenkitzel. Wie leicht alles geworden war, als er sich erst einmal von den falschen Schuldgefühlen befreit hatte, die seine Priester ihm eingeredet hatten, und nachdem er erkannt hatte, dass niemand das Recht hatte, ihm vorzuschreiben, wie er zu leben hatte. Er allein war dafür zuständig zu entscheiden, was richtig und was falsch war. »Ich kann gar nicht mehr verstehen, 32


dass ich mir jemals von anderen habe Vorschriften machen lassen«, sagte er. Zera lächelte. Er schnitt noch eine dicke Scheibe Fleisch ab und gab sie Manasse. Der König seufzte verzückt. Das Fleisch war so zubereitet, wie er es am liebsten aß, im eigenen Saft geschmort und in der Mitte noch rosa. Mit einem Stück Brot saugte er etwas von dem Blut auf dem Teller auf. »Kaum zu glauben, dass schon ein Jahr verstrichen ist«, sagte Zera, »seit die Leviten gegangen sind und der Tempel seinen rechtmäßigen Priestern zurückgegeben wurde.« »Ich vermisse die Leviten nicht im Geringsten. Gut, dass wir sie los sind.« Manasse hob seinen Weinkelch wie zum Salut und leerte ihn dann in einem Zug. »Außerdem haben all der Besitz und Wohlstand, den sie zurückgelassen haben, meine Schatzkammer hübsch gefüllt.« »Ergibt es nicht viel mehr Sinn, Gott in all seinen vielen Formen anzubeten – Baal, Aschera, Moloch?«, fragte Zera. »Ich kann mich kaum noch daran erinnern, dass es mal anders war.« Als er sich von seinem Platz erhob, fiel Manasse plötzlich ein, dass sich heute auch der Tag jährte, an dem Dina ihn mit dem Messer angegriffen hatte. Das Entsetzen über seine eigene Verletzlichkeit packte ihn immer noch, wann immer er die hässliche, zackige Narbe auf seinem Bauch sah. Bei dem Gedanken, dass er beinahe gestorben wäre, fröstelte es ihn mit einem Mal und er schritt durch den Hof zu der Wärme des Feuers, wo er die Hände über die Flammen hielt. Am Himmel hingen dicke dunkle Wolken und verdeckten die Sterne. »So fühle ich mich«, murmelte er. Zera, der ihm gefolgt war, neigte den Kopf, um bei dem Lärm der Musik und dem Johlen der Betrunkenen besser zu hören. »Entschuldigung, Majestät?« »Ich fühle mich so, als würde eine dunkle Wolke über meinem Kopf hängen. Es ist jetzt ein Jahr her, weißt du. Ein ganzes Jahr und ich weiß immer noch nicht, wo Josua ist und was er vorhat.« 33


Zera grunzte genervt. »Ihr solltet nicht zulassen, dass Euer Feind Euch eine Nacht des Vergnügens verleidet.« »Er schmiedet Pläne gegen mich, das weiß ich. Er hat meinen Bruder, die Bundeslade, meine Konkubine … Was braucht er noch?« »Wir haben Informanten, die alle Grenzen beobachten, Eure Majestät. Wir würden es sofort erfahren, wenn er die Grenze zum judäischen Territorium überschreitet.« Manasse packte Zeras Arm und zog ihn näher, bis ihre Gesichter sich ganz nah waren. »Wie denn? Ihr könnt nicht jede Straße überwachen. Und was ist, wenn er nicht die Straßen nimmt? Wenn er sich durch die Wildnis von Juda schlägt? Wie wollt ihr mich dagegen schützen?« »Wir werden es erfahren. Die Omen werden uns warnen.« »Beim letzten Mal haben wir es auch nicht erfahren!« Ärgerlich stieß er Zera fort. »Außerdem könnten meine Wachen sich mit ihm verschworen haben. Wie ist Josua denn beim letzten Mal an ihnen vorbeigekommen? Er ist einfach in meinen Palast eingedrungen und hat sein Zeichen hinterlassen!« Zera hob die Hände in einer beruhigenden Geste. »Ihr habt recht. Wir brauchen einen Vorteil. Die Götter wissen alles, Majestät, also werden wir sie um Hilfe ersuchen. Dann sprechen wir einen Fluch aus, um …« »Deine Flüche haben bisher nicht funktioniert.« »Vielleicht brauchen wir einen stärkeren, mächtigeren Zauber.« Zeras Augen verengten sich, während er nachdachte. Manasse kannte diesen Blick. Zera wägte seine Worte ab, um etwas Schockierendes zu sagen. »Es gibt eine tiefere Ebene der Zauberei, Majestät. Ich kenne ihre Geheimnisse … aber ich bin nicht sicher, ob Ihr dafür bereit seid.« Die Angst kroch Manasse den Rücken hinauf. Die Geister, die Zera bereits heraufbeschworen hatte, schienen mächtig zu sein, von den Priestern kaum zu beherrschen. Manasse konnte sich kaum vorstellen, dass es eine noch kraftvollere Zauberei gab. Aber er konnte die Macht der Geister nicht leugnen und auch 34


nicht, dass er davon fasziniert war. Um Josua zu besiegen, würde er alles tun. »Ich bin bereit«, erwiderte er. »Sag mir, wie und wann.«

W Dina saß im Hof ihres Hauses, umgeben von ihren Brautjungfern, und wartete auf ihren Bräutigam, Prinz Amarja. Ihre Hochzeit hatte alles, was Dina sich als Mädchen erträumt hatte, und doch konnte sie ihre Tränen kaum zurückhalten. Dies war keine Feier, sondern eine ernste, freudlose Angelegenheit. Jedes Mal, wenn sie ihre Mutter oder ihren Bruder Jerimot ansah, entdeckte sie Unbehagen und Missbilligung in ihren ausweichenden Blicken und gesenkten Köpfen. Selbst als Dina schon ihr bestes Kleid anzog, hatten sie noch versucht, ihr die Ehe mit Amarja auszureden. »Diese Ehe wird nichts ändern«, hatte Jeruscha gesagt, um sie zu überzeugen. »Sie wird keinen unserer Lieben wieder lebendig machen.« »Manasse muss für das, was er getan hat, bezahlen«, beharrte Dina. »Dann lass Gott seine Verbrechen rächen«, sagte Jerimot. »Er ist der Richter der ganzen Welt.« »Lasst sie in Ruhe«, sagte Josua. »Das hier ist Gottes Plan der Rache.« Er war der Einzige, der Dinas Entscheidung unterstützte, und er hatte die ganzen Feierlichkeiten arrangiert. Aber jetzt, wo der Tag wirklich gekommen war, schien Josua sich auch nicht recht zu freuen. Er war nervös und Dina wusste, dass er nach Hadad Ausschau hielt, weil er sich Sorgen machte wegen der Drohungen, die Hadad ausgestoßen hatte. »Soldaten bewachen alle Anleger für den Fall, dass er versucht, auf die Insel zurückzukehren«, sagte Josua zu ihr. »Ich werde meine Meinung nicht ändern«, versicherte sie ihm, »selbst wenn Hadad zurückkommt.« Jedes Mal, wenn sie an Hadad dachte, verließ Dina beinahe der Mut, weil sie sich fragte, wie sie den Rest ihres Lebens ohne den Mann verbringen sollte, 35


den sie liebte. Aber dann zwang sie sich, jeden Augenblick ihres Jahres mit Manasse neu zu durchzuleben, indem sie daran dachte, wie seine Soldaten ihren Großvater zu Tode geprügelt hatten, und sich das winzige Gesicht ihres Sohnes vorstellte. Sie war entschlossen, aus Rache ihr Leben Manasses Bruder zu weihen. Der Abend fühlte sich warm an, während Dina wartete, und am Himmel über dem Hof schimmerten die ersten Sterne. Plötzlich ertönte ein Ruf. »Der Bräutigam kommt!« Dina sah Fackeln und hörte Flöten und Tamburine spielen, als Amarjas Prozession an ihrem Tor ankam. Sie ließ den Schleier über ihr Gesicht fallen und war froh, dass er auch ihre Tränen verbergen würde. Während sie zusah, wie ihr Bruder den von Fackeln erleuchteten Hof betrat, dachte sie an König Manasse. Prinz Amarja ging langsam über das Kopfsteinpflaster und blieb vor Dinas Stuhl stehen. Er sah bleich und ernst aus und gar nicht wie ein fröhlicher, erwartungsvoller Bräutigam. Er nahm ihre Hand und zog sie auf die Füße. Dinas Knie zitterten, als sie zu ihm aufblickte. Amarja war so groß, dass er sie weit überragte. Er war mehr als einen Kopf größer als Manasse und einen halben Kopf größer als Hadad. König Manasse war gedrungen und drahtig gewesen, Hadad stämmig und muskulös. Aber Amarja war schlaksig und linkisch, seiner selbst nicht sicher und nicht annähernd so attraktiv wie die beiden anderen Männer. Nichts an ihm war bemerkenswert. Der Kupferton in seinem Haar und dem Bart war nicht intensiv genug, um rot zu wirken, seine Augen waren unscheinbar braun. Dina empfand nichts für ihn außer einem leichten Abscheu, weil er sie an Manasse erinnerte. Während sie unter dem Hochzeitsbaldachin neben ihm stand, blickte Dina ein letztes Mal zum Tor hinüber auf der Suche nach Hadad und fragte sich, ob er sich einen Weg an den Wachen vorbeibahnen und sie entführen würde. Hadad war ein erfahrener Krieger; wenn er beschloss, um Dina zu kämpfen, würde Amarja ihn niemals aufhalten können. Selbst Josua würde ihn vermutlich nicht besiegen. Aber Hadad kam nicht, um sie zu retten. Dina konzentrierte sich wieder auf die Zeremonie und wieder36


holte pflichtschuldigst ihr Trauversprechen. Dann war es vorbei. Sie war Amarjas Frau. Die wichtigsten Familien auf der Insel waren zum Hochzeitsbankett im Hof des Hauses eingeladen, das Prinz Amarja für sie vorbereitet hatte. Das Fest und die Musik und das Lachen dauerten bis tief in die Nacht, aber Dina genoss nichts davon. Sie fürchtete den Augenblick, an dem ihr Gatte sie zu ihrem Ehebett führen würde. Sie fragte sich, ob sie es wirklich aushalten würde. Irgendwann stand Amarja auf und nahm ihre Hand. Dinas Beine fühlten sich schwer und bleiern an, als sie sich zu ihrer Hochzeitskammer führen ließ. Die Klänge des Festes wurden leiser, als Amarja die Tür hinter ihnen schloss. Als Dina den Duft der parfümierten Laken roch und an ihre Nächte in Manasses Schlafgemach zurückdachte, stieg Panik in ihr auf, bis sie kaum noch atmen konnte. »Du bist eine wunderschöne Braut, Dina«, sagte Amarja. Der Klang seiner Stimme, die ganz anders war als die seines Bruders, holte sie in die Gegenwart zurück. »Danke, Herr.« Allmählich ließ ihre Panik nach, als sie daran dachte, was Josua ihr gesagt hatte: Sie würde noch einen Sohn bekommen; sie tat Gottes Willen. Jetzt blickte sie Amarja in die Augen. Sie waren groß und von langen Wimpern umrahmt und hatten beinahe die gleiche Farbe wie die von Manasse, aber die überraschenden hellen Flecken fehlten; und auch das grausame Funkeln. Dina dachte an Hadads Augen – ein dunkles, lebhaftes Braun wie fruchtbarer Lehmboden – und erinnerte sich an die Liebe, die sie darin gesehen hatte. Dann dachte sie an den Schmerz, dem diese Liebe gewichen war, den Schmerz, den sie verursacht hatte. Ihr kamen die Tränen. »Es ist noch nicht zu spät, deine Meinung zu ändern«, sagte Amarja leise. Er hatte sie ebenfalls genau betrachtet. »Wir müssen das hier nicht tun.« Sie wischte ihre Tränen fort. »Ich habe meine Meinung nicht geändert.« »Was ist dann los?« 37


»Es … es tut mir nur furchtbar leid, dass ich Hadad wehtun musste.« »Ich weiß. Mir auch.« Er verschränkte die Arme vor der Brust, als wüsste er nicht, was er sonst damit anfangen sollte. Dina hatte erwartet, dass er sie umarmen würde, aber er zögerte. Einen Moment lang schwiegen sie beide. Im Hintergrund konnte Dina leise Musik von der Hochzeitsfeier und das Wischen von Palmenzweigen an den Fensterläden hören. »Ich musste heute den ganzen Tag an unsere Väter denken«, sagte Amarja. »Dein Vater hat mich erzogen, nachdem meiner gestorben war. Ich habe ihn und Abba gleichermaßen geliebt.« Er lehnte sich an die Tür und seufzte. »Josua ist davon überzeugt, dass sie das hier gewollt hätten – dass sie es von uns erwartet hätten. Aber ich bin mir nicht sicher. Ich wollte nie König sein, weißt du. Und ich will es noch immer nicht.« »Aber warum habt Ihr dann eingewilligt, mich zu heiraten?« »Josua sagt, du willst es so, und ich … ich wollte irgendwie wiedergutmachen … was Manasse dir angetan hat.« »Was Euer Bruder getan hat, war nicht Eure Schuld. Ihr hättet nichts tun können.« »Ich bin nicht sicher, ob das stimmt, weil ich es nicht einmal versucht habe.« Er löste die Arme aus der Verschränkung, als könnten seine Hände seine Gefühle besser vermitteln als bloße Worte. Dina fiel auf, dass er anmutige, künstlerische Hände mit langen, schmalen Fingern hatte. »Ich hätte etwas tun müssen, um Manasse daran zu hindern, dass er deinen Vater und Rabbi Jesaja umbringt. Sie haben nicht einmal einen fairen Prozess bekommen. Und als Manasse anfing, all diese Götzenbilder anzubeten, hätte ich wissen müssen, wohin das führt. Ich hätte versuchen müssen, deinen Sohn zu retten. Es tut mir leid.« Er verschränkte die Arme wieder wie in Resignation, sodass seine Hände nicht mehr zu sehen waren. »Ich gebe mir selbst die Schuld, nicht Euch«, sagte Dina, aber Amarja schien sie gar nicht zu hören. »Ich möchte dich dafür entschädigen, Dina … und wenn ich 38


dir noch ein Kind schenken kann, einen Erben für Davids Thron wie dein erster Sohn, dann möchte ich das gerne tun.« Seine Selbstlosigkeit rührte Dina. Aber trotz ihrer gemeinsamen Schuld und trotz der gleichen Wunden, die Manasse ihnen beiden zugefügt hatte, liebte sie Amarja nicht. Sie bezweifelte, dass sie es jemals tun würde. Sie war gerade einmal zwanzig Jahre alt und Amarja einundzwanzig. Sie konnten sehr lange verheiratet sein. Der Gedanke an all diese leeren Jahre, die sich vor ihnen erstreckten, machte sie ganz müde. Jeder Augenblick, den sie mit Hadad verbracht hatte, war voller Energie und Aufregung gewesen, sodass Dina sich ganz atemlos und lebendig gefühlt hatte. Sie lächelte, als sie an Hadads breites, attraktives Gesicht und sein strahlendes Lächeln dachte. Er war ihr Retter, stark und energiegeladen und doch überraschend zärtlich. Ein Engel, hatte sie zu ihm gesagt, den Gott geschickt hatte, um sie zu retten. »Es ist immer noch nicht zu spät«, sagte Amarja leise. »Unsere Ehe ist nicht amtlich … bis wir …« Aber Dina wusste, dass es zu spät war. Hadad war fort. Sie musste sich stattdessen auf Manasse konzentrieren – auf ihr Verlangen nach Rache. Sie trat einen Schritt auf Amarja zu. »Was wir tun, ist richtig«, sagte sie. »Keiner von uns beiden konnte Manasse aufhalten. Jetzt können wir uns endlich wehren.« Amarja nickte und zog sie behutsam in seine Arme. Seine Umarmung fühlte sich förmlich und unnatürlich an. Dina erinnerte sich, wie wohl sie sich in Hadads starken Armen gefühlt hatte, als er sie an seine breite, kräftige Brust gedrückt hatte. Schließlich beugte Amarja sich hinunter, um sie zu küssen. Dina sah den tiefen Kummer in seinen Augen und fragte sich, ob er ihren eigenen Kummer widerspiegelte.

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