Jody Hedlund
Stark wie
die blumen der Prärie
Kapitel 1 Council Grove, Kansas Mai 1863 Sie würde ertrinken. Der Neosho River legte seine kalten Finger um Linnea Newberry und wollte sie in die Tiefe ziehen. Panisch wehrte sie sich gegen die starke Strömung. Schlammiges Wasser schlug ihr ins Gesicht, schwappte in ihren Mund und in ihre Nase und machte das Atmen unmöglich. Über dem tosenden Wasser hörte sie laute Rufe und Schreie. Die besorgte Stimme ihres Großvaters drang am lautesten an ihre Ohren. Sie versuchte, mit den Beinen zu strampeln und ans Ufer zu schwimmen, aber ihr schwerer Musselinrock, unter dem sie einen Unterrock und ihre lange Spitzenunterhose trug, schlang sich um ihre Beine. Für eine kurze Sekunde schleuderte der Fluss sie in die Höhe und gewährte ihr einen Blick auf die Rückseite des bedeckten Planwagens, in dem sie gerade noch gesessen hatte. Sie war damit beschäftigt gewesen, den Südlichen Rohrkolben, Typha domingensis, zu analysieren, den sie am Morgen in einem sumpfigen Teich gepflückt hatte. Doch dann waren die Wagenräder allzu ruckelnd über die Furt gerollt und das Rütteln hatte sie von der Wagenkante ins tiefere Wasser des Flusses geworfen, der durch den starken Frühlingsregen gefährlich angeschwollen war. Nach Atem ringend, griff sie nach der Luft, nach dem Wasser, nach irgendetwas, um nicht unterzugehen. Als sie an einer umgestürzten Pappel vorbeitrieb, die über die Wasseroberfläche ragte, streckte 5
sie schnell den Arm aus und bekam mit den Fingern einen rauen Zweig zu fassen. Gott, hilf mir! Angst und Panik krochen in ihr hoch. »Halten Sie sich fest!«, rief ein Reiter, der ein rotbraunes Pferd auf sie zutrieb. Das Wasser klatschte mit Gewalt gegen die Flanken des Tieres und drohte das Pferd mitsamt seinem Reiter mitzureißen. Aber irgendwie trotzte das Pferd dem gierigen Griff des Wassers und kämpfte sich weiter zu ihr vor. Linneas nasse Hand glitt an dem Zweig nach unten. Sie klammerte sich so verkrampft fest, dass ihre Finger schmerzten. Ein Wasserschwall, den das näher kommende Pferd aufwühlte, schwappte ihr ins Gesicht. Sie blinzelte kräftig und prustete laut. Der Reiter beugte sich schnell zu ihr herab und im nächsten Moment legten sich seine Hände, die in Lederhandschuhen steckten, kräftig um ihren Unterarm. Sie klammerte sich an seinen Steigbügel. Als er begann, sie aus dem Wasser zu ziehen, griff sie nach seinem Sattel, um besser nach oben zu kommen. Mit überraschender Leichtigkeit zog er sie hoch, bis er sie an beiden Armen hielt. Dann schwang er sie mit einem letzten Ruck vor sich auf den Sattel. Hustend wischte sie das Wasser weg, das ihr immer noch übers Gesicht lief. Bevor sie etwas sagen oder ihren Retter auch nur ansehen konnte, lenkte er sein Pferd zum Westufer herum. Linnea hielt die Luft an und klammerte sich an den Sattelknauf, während sie betete, dass das Tier sicher durch die Fluten zum Ufer käme. Das tosende Wasser übertönte alle anderen Geräusche bis auf den keuchenden Atem des Mannes hinter ihr. Seine starken Arme umschlossen sie sicher und er hielt die Zügel fest in seinen Händen. In dem Bemühen, das Pferd zu kontrollieren und zu lenken, beugte er sich tief über den Hals des Pferdes und Linnea spürte die angespannten Muskeln seines Brustkorbes. Als das Pferd das seichtere Wasser in Ufernähe erreichte, wagte 6
Linnea, wieder zu atmen. Danke, himmlischer Vater, dass du mein Leben gerettet hast. Sie hatte gewusst, dass die Reise in den Westen mit Schwierigkeiten und Risiken verbunden war. Während der Vorbereitungen für die botanische Expedition hatte ihr Großvater unzählige Geschichten über Tragödien und Todesfälle vorgelesen, die viele Teilnehmer früherer Expeditionen auf dem Santa Fe Trail quer durch die Prärie heimgesucht hatten. Er hatte Linnea vor den Gefahren gewarnt und ihr von der Reise abgeraten. Trotzdem hatte sie nicht damit gerechnet, nach nur zehn Tagen bereits dem Tod ins Auge zu blicken. Das Pferd geriet auf den lockeren Steinen und dem zähen Schlamm leicht ins Straucheln. Diese Bewegung rüttelte Linnea auf und warf sie auf die Seite. Ihr Retter hielt sie zwischen seinen Armen fest, damit sie nicht vom Pferd rutschte. Gleichzeitig tätschelte er die Mähne und den Hals seines Pferdes, als wollte er ihm Mut zusprechen. Das Pferd fand wieder Halt und stapfte weiter die schlammige Böschung hinauf. Schließlich hatten sie wieder festen Boden unter den Füßen, der mit Bartgras, Knopfbusch, Moskitogras und Acker-Rindszunge bewachsen war. Bur-Eichen, Schwarznuss, Traubenkirsche, Rot-Eschen und Pappeln säumten die Ufer des Flusses und boten den Gruppen, die den Fluss bereits durchquert hatten, einen angenehmen Schatten. »Flynn!«, rief ein Mädchen, das unter den schattigen Zweigen einer weit ausholenden Pappel, die mit zartem Laub bewachsen war, auf- und niederhüpfte. »Nicht schlecht, Mann! Du hast es geschafft! Du hast sie gerettet!« Ein schlaksiger junger Mann von ungefähr sechzehn Jahren kam zu ihnen gerannt und griff nach dem Zaumzeug des Pferdes. »Wirklich gut gemacht, Flynn! Viel besser hätte ich es auch nicht gekonnt.« Als Linneas Blick auf die weite Flussebene fiel, bemerkte sie viele Rinder, die im Präriegras weideten oder im Schatten der 7
Bäume standen und versuchten, mit ihren Schwänzen die Fliegen zu vertreiben. Zwei andere junge Männer standen in Ufernähe und blickten neugierig zu ihnen. Das Lagerfeuer, das in der Nähe brannte, und die gusseiserne Pfanne, in der gebratene Fische schmorten, hatten alle völlig vergessen. »Du warst wirklich rasend schnell im Wasser, Flynn.« Das Mädchen, dessen dunkles Haar in ungezähmten Wellen um sein schmutzverschmiertes Gesicht hing, kam angelaufen und schaute Linneas Retter mit leuchtenden, braunen Augen bewundernd an. »Bring eine Decke, damit sie sich wärmen kann«, forderte Flynn das Mädchen auf. Das Mädchen wandte seine Aufmerksamkeit nun Linnea zu. Erst als Linnea sie anzulächeln versuchte, merkte sie, wie stark ihre Zähne klapperten und dass sie am ganzen Körper zitterte. Ihre Finger und Zehen waren taub und ihre Kleidung klebte an ihrem Körper wie eine eisige Frostschicht am Morgen. »Geh schon, Ivy«, wiederholte der Reiter seine Aufforderung, dieses Mal mit schärferer Stimme. »Und du, Dylan, mach ein größeres Feuer.« Das Mädchen nickte schnell und lief davon. Der junge Mann eilte ebenfalls los, um Flynns Anweisung nachzukommen. Waren die beiden seine Kinder? Wenn ja, wo war seine Frau? Linnea konnte im Lager keine Spur von anderen Frauen entdecken. »Halten Sie durch«, forderte die angenehm tiefe Stimme des Mannes hinter ihr sie auf. Er verlagerte sein Gewicht, wodurch sie den warmen Druck seines Körpers und seiner Arme nicht mehr spürte und der kalten Vormittagsluft ungeschützt ausgesetzt war. Als sie im Morgengrauen aufgebrochen waren, war es relativ warm gewesen. Es war auch warm gewesen, als sie das Sumpfgebiet an einem Teich, an dem sie vorbeigekommen waren, er8
kundet hatte. Und es war warm gewesen, als sie in der langen Wagenreihe darauf gewartet hatten, den Fluss zu durchqueren. Aber im Moment breitete sich eine eisige Kälte in ihrem ganzen Körper aus. Sie legte die Arme um ihren Bauch, um sich aufzuwärmen. Flynn glitt von seinem Pferd. Als er auf der Erde stand, schaute er zu ihr hinauf und sie konnte zum ersten Mal sein Gesicht sehen. Obwohl er die Krempe seines breiten Filzhutes tief in die Stirn gezogen hatte, waren seine attraktiven Gesichtszüge nicht zu übersehen. Der dunkle Schatten seiner Bartstoppeln auf den schmalen Wangen verlieh ihm etwas Verwegenes und zugleich Verwundbares und seine Augen zeigten ein faszinierenden Grünblau, die Farbe des Wiesenrispengrases. Da er offenbar für die Kinder verantwortlich war, hatte sie einen älteren Mann, einen Vater mittleren Alters, erwartet. Dieser Mann war zwar kräftig gebaut und muskulös, aber er war nicht viel älter als Linnea mit ihren einundzwanzig Jahren. Er musterte sie ähnlich neugierig und zog die Brauen hoch, als sei er von ihr genauso überrascht wie sie von ihm. Sie war völlig zerzaust und sah wahrscheinlich aus wie ein begossener Pudel. Als sie panisch um sich geschlagen hatte, hatte sich ihr Haar aus dem Knoten gelöst und hing jetzt in nassen, zerzausten blonden Locken über ihre Schultern und bis zu ihrer Taille hinab. Sie drehte den Kopf, um flussaufwärts zu blicken. Inmitten des langen Zuges, der den Fluss an seiner seichtesten Stelle durchquerte, entdeckte sie ihr Ochsengespann, das viel Kraft aufwenden musste, um den Wagen die Böschung hinaufzuziehen und den anderen Wissenschaftlern zu folgen, die auf ihren Pferden ritten. Ihr Großvater saß neben Clay, seinem Diener, vorne im Planwagen und winkte ihr mit beiden Armen zu. Ihr Team aus sechs Naturwissenschaftlern war in New York City aufgebrochen und zuerst mit dem Zug und dann mit dem Dampfschiff wochenlang unterwegs gewesen, bis sie im März in Fort Leavenworth angekommen waren. Ursprünglich hatten sie 9
den Santa Fe Trail ab Independence, Missouri, einschlagen wollen, aber angesichts der Unruhen und Überfälle in der Grenzregion hatten sie ihre Pläne ändern müssen, um möglichen Gefahren auszuweichen. Wie würde Großvater darauf reagieren, dass sie beinahe ertrunken war? Würde er sie zwingen, nach Hause zurückzukehren? »Ma’am?« Ihr Retter blickte immer noch zu ihr hinauf. »Ist alles in Ordnung?« Sie bemühte sich, ihre Lippen zu einem Lächeln zu verziehen, aber gegen das Klappern ihrer Zähne war sie machtlos. »Ja. Danke.« »Es ist wichtig, dass Ihnen schnell wieder warm wird.« Seine Hände legten sich um ihre Taille und hoben sie vom Pferd. Als ihre Füße den Boden berührten, gaben ihre Knie unter ihr nach. »Vorsicht.« Flynn ließ sie nicht los. »Ich glaube, ich friere nur ein wenig und bin erschöpft.« Sie versuchte, ihre Muskeln zu zwingen, sie zu tragen, aber sie gehorchten ihrer stummen Aufforderung nicht und sie musste sich mit beiden Fäusten an Flynns Weste klammern, um nicht zusammenzusacken. In einer geschmeidigen Bewegung schwang er sie auf seine Arme und marschierte auf das Feuer zu, das dank der Zweige und Äste, die Dylan nachgelegt hatte, lodernd brannte. Sie sollte eigentlich dagegen protestieren, dass ein Fremder sie so kühn trug, zumal er beim Gehen etwas humpelte und offenbar selbst Probleme hatte. Aber sein entschlossener Schritt – und die Tatsache, dass er sie aus den Klauen des Todes gerettet hatte – verriet ihr, dass dieser Mann das Zeug zu einem Helden besaß und sie von ihm nichts zu befürchten hatte. Ivy hockte auf der Rückseite eines Planwagens und ließ die Beine baumeln. Unter ihrem viel zu kurzen Rock ragten nackte Füße heraus, die an den Sohlen ganz schwarz waren. Mit einer 10
Quiltdecke in den Armen sprang sie auf die Erde und lief auf Linnea und Flynn zu. »Ich habe die schöne Quiltdecke gefunden, die Mama genäht hat.« Das Mädchen hielt ihnen die Decke hin, aber Flynn blieb erst stehen, als er beim Feuer ankam. Er setzte Linnea vorsichtig auf einen Baumstamm, der – wahrscheinlich von den vielen Reisenden, die sich vor ihnen hier nach der Durchquerung des Flusses ausgeruht hatten – völlig glatt gerieben war. Dann nahm er Ivy die Decke ab und legte sie Linnea über die Schultern. »Bitte sehr.« Er richtete sich auf und runzelte die Stirn. »Mit dieser Decke wird Ihnen bestimmt bald wieder warm.« Sie hielt die Hände nahe an die Flammen und genoss die Wärme. »Oh ja. Ich fühle mich schon viel besser.« Ivy ließ sich neben Linnea auf den Baumstamm plumpsen. »Du hast echt Glück, dass Flynn dich erwischt hat.« »Das sehe ich auch so.« Linnea lächelte wieder zu Flynn hinauf. Er stand über ihr, als wollte er ihr gern noch mehr helfen, wüsste aber nicht wie. »Sie haben mir das Leben gerettet. Ich weiß nicht, wie ich Ihnen je danken soll.« »Nicht nötig, Ma’am.« »Linnea. Bitte sagen Sie Linnea zu mir.« Er zögerte, wahrscheinlich war er eine so informelle Anrede bei einer Frau nicht gewohnt. So ging es den meisten Männern. Für viele waren auch ihr Studienabschluss und ihre wissenschaftliche Arbeit als Botanikerin ungewohnt. Wenn sie dann aber erklärte, dass ihre Mutter eine führende Persönlichkeit in der aufkommenden Frauenrechtsbewegung war, konnten sie sich Linneas unkonventionelle Art ein wenig besser erklären. Ihre Mutter und ihre ältere Schwester waren viel liberaler als Linnea und setzten sich für Ideale ein, die ihr manchmal die Röte ins Gesicht trieben. »Lin-ne-a?« Ivy legte die Decke enger über Linneas Beine. »Das ist aber ein ungewöhnlicher Name.« 11
Flynn warf dem Mädchen einen strengen Blick zu. »Ivy, benimm dich!« Linnea schmunzelte. »Kein Problem. Mein Name ist wirklich ungewöhnlich und ich bin es gewohnt, ihn erklären zu müssen.« Dylan blickte vom Lagerfeuer auf, in das er immer noch Zweige warf. »Ein sehr schöner Name. Genauso schön wie Sie.« »Dy-lan«, knurrte Flynn. Der Jugendliche hatte große Ähnlichkeit mit Flynn und war dabei, sich zu einem genauso attraktiven Mann wie sein Bruder zu entwickeln. Er ignorierte Flynns Zurechtweisung und zwinkerte Linnea mit einem sorglosen Grinsen zu. »Mein Großvater heißt Linnus und mein Vater hieß auch so.« Ihr Blick wanderte zu ihren Reisegefährten. Ihr Großvater stieg gerade von ihrem Wagen, der jetzt etwas abseits von den anderen stehen geblieben war. Sie musste sich schnell aufwärmen und sich so normal wie möglich verhalten, um ihrem Großvater zu beweisen, dass er sich wegen ihres Sturzes in den Fluss keine Sorgen zu machen brauchte. Sie beugte sich näher über die Flammen und rieb die Hände aneinander. »Mein Großvater und mein Vater haben sich beide einen Jungen gewünscht, der den Familiennamen weitertragen würde. Aber da ich als Mädchen auf die Welt kam, blieb ihnen nichts anderes übrig, als mich Linnea zu nennen.« Ivy legte den Kopf schief. »Sie wollten nicht warten, bis irgendwann ein Junge kommt?« »Meiner Mutter hätte ein einziges Kind genügt – meine ältere Schwester. Aber da mein Vater einen Sohn wollte, willigte sie ein, zwei Kinder zu bekommen.« »Das ist aber echt ungewöhnlich. Ich wusste nicht, dass eine Frau bestimmen kann, wie viele Babys sie bekommt.« Dylan lachte leise. »Halt den Mund, Ivy.« Flynn zog seine Hutkrempe tiefer in seine Stirn und stocherte so kräftig in dem Feuer, dass die Funken flogen. 12
»Was ist denn?« Ivy schaute ihn mit großen Augen unschuldig an. »Ich dachte immer, dass die Babys einfach kommen, egal ob eine Frau noch eines will oder nicht. Wenigstens war es bei Mama so.« Flynn kniff die Lippen zusammen und schüttelte wortlos den Kopf. Das Thema »Kinderkriegen« war ihm sichtlich unangenehm. Aber Linnea war durch die unverblümten Gespräche ihrer Mutter zum Thema »Fortpflanzung, Kinder und Entbindung« abgehärtet. Es gab nicht viele Themen, die ihre Mutter als unanständig betrachtete. Und obwohl Linnea kein Problem damit hatte, über Methoden der Empfängnisverhütung zu diskutieren, war sie es nicht gewohnt, das mit Leuten zu tun, die sie noch nicht lange kannte, und schon gar nicht mit einem Mädchen in Ivys Alter. »Meine Mama hat ein Baby nach dem anderen bekommen.« Ivy hatte offensichtlich kein Problem, über dieses Thema zu sprechen. »Sie bekam vier Jungen und dann mich. Als mein Vater starb und sie Rusty heiratete, bekam sie eine Totgeburt nach der anderen, bis sie bei der letzten selbst starb.« »Ivy! Es reicht.« Flynns Tonfall wurde hart. »Halt den Mund. Sonst verpasse ich dir eine Abreibung.« Ivy sprang auf die Beine und warf trotzig ihr zerzaustes Haar über ihre Schultern. »Zwölfjährigen verpasst man keine Abreibung mehr.« Flynn und das Mädchen schauten sich mit geballten Fäusten und harten Mienen herausfordernd an. Dies war offensichtlich nicht ihr erster Konflikt. Sie waren wie zwei brennende Zündschnüre, die jeden Augenblick explodieren konnten. Linnea schob sich von dem Baumstamm hoch und trat zwischen die beiden. »Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber ich könnte eine Tasse heißen Kaffee gut vertragen, um mich aufzuwärmen. Natürlich nur, wenn ihr Kaffee übrig habt.« Neben dem Lagerfeuer standen die Pfanne mit dem Fisch und eine Kaffeekanne im Gras. Flynn erwiderte Ivys Blick noch einen Moment länger, dann 13
richtete er ihn auf Linnea. In seinen Augenwinkeln standen Sorgenfalten. Vermutlich war er einer der vier älteren Brüder, von denen Ivy gesprochen hatte, und versuchte, sich nach dem Tod seiner Eltern um seine jüngeren Geschwister zu kümmern. Linnea konnte sich gut vorstellen, dass es schwer sein musste, jüngere Geschwister zu erziehen, noch dazu ein Mädchen wie Ivy, das bald zur Frau heranwachsen würde. »Natürlich haben wir Kaffee übrig.« Dylan griff nach der Kaffeekanne. Er schüttelte sie leicht, als wollte er beurteilen, wie viel Kaffee noch darin war, dann nahm er eine Blechtasse, die im Gras lag, kippte die schwarze Brühe, die sich darin befand, aus und schenkte Flüssigkeit aus der Kanne in die Tasse. Das Gebräu, das in den Becher lief, sah so dick aus wie der Schlamm im Fluss und versiegte zu Linneas Erleichterung, noch bevor der Becher halb voll war. »Hier ist der Kaffee, schöne Frau.« Sie versuchte, nicht an die Münder zu denken, die diese Tasse schon berührt hatten, oder daran, dass die Blechtasse kalt war und also wohl auch ihr Inhalt. Bevor der Mut sie verließ, hob sie die Tasse an, trank einen Mundvoll und schluckte – alles in einer einzigen Bewegung. Der Kaffee war so kalt und bitter und furchtbar, wie sie vermutet hatte, aber sie verkniff sich ein Schaudern. »Danke. Sehr freundlich von dir.« Dylans Grinsen wurde breiter. »Falls Sie Hunger haben: Wir haben auch gebratenen Fisch. Ich habe ihn selbst gefangen.« Sie wagte es nicht, einen Blick auf die Pfanne zu werfen, da sie sonst wahrscheinlich doch erschauern würde. »Danke für das Angebot, aber mir reicht im Moment der Kaffee.« Die Gruppe, mit der sie reisten, bestand aus einem Dutzend Wagen und hielt gewöhnlich erst später am Vormittag zu einer Pause an. Dann gab es die erste Mahlzeit des Tages, da sie bei Tagesanbruch alle Hände voll zu tun hatten, um ihre Sachen zu packen und alles für die Weiterfahrt vorzubereiten. Sie hatte gehört, dass es die meisten Trecks ähnlich handhabten und oft mittags 14
zwei Stunden ausruhten, um sich in der heißesten Tageszeit zu schonen und dem Vieh Gelegenheit zum Grasen zu geben. Die Pause ihrer Gruppe müsste bald fällig sein. Als sie den letzten Wagen das Ufer hinaufrollen sah, vermutete sie, dass der Anführer den Treck irgendwo in der Nähe zu einem schattigen Platz im Flusstal bringen würde. Da sah sie, wie ihr Großvater sich schnell einen Weg an den anderen vorbeibahnte und geradewegs auf Linnea zusteuerte. »Großvater.« Sie winkte und versuchte, unbeschwert zu wirken. »Mir geht es gut.« In seinem steifen Mantel, mit seiner ordentlich gebundenen Krawatte und seinem hohen Zylinder strahlte er eine vornehme Eleganz aus. Sein Monokel hing an einer Kette, die an seiner Weste befestigt war, und schwang bei jedem seiner langen Schritte wie ein Pendel hin und her. Sein Haar – früher genauso blond wie ihres – war jetzt mit silberfarbenen Strähnen durchzogen. »Linnea!« Die Besorgnis war ihm anzusehen. »Geht es dir gut?« »Ja, ich bin nur ein bisschen nass.« Sie warf die Schultern zurück und war dankbar, dass sie nicht mehr vor Kälte bibberte, auch wenn ihre Füße immer noch taub waren. Leider ließ sie sich genauso wie ihr Vater leicht ablenken und konzentrierte sich oft so sehr auf eine Sache, dass sie nicht mehr wahrnahm, was um sie herum geschah. Großvater machte sich bestimmt Sorgen, dass sie genauso wie ihr Vater lange vor der Zeit einen tödlichen Unfall erleiden würde. Dazu kam, dass Großvater sie als schwächer einschätzte, nur weil sie eine Frau war. Mit ihren ein Meter dreiundsechzig hatte sie die schlanke, zarte Gestalt ihrer Mutter geerbt, die sie zerbrechlich erscheinen ließ, obwohl sie stark und robust war – das hatte sie wiederholt betont, als sie ihn angefleht hatte, sie an der Expedition teilnehmen zu lassen. Trotzdem ging Großvater davon aus, dass sie weniger Mut und Kraft besäße als die Männer, da sie die erste Frau bei einer solchen Forschungsreise war. 15
Inzwischen hatte sie hoffentlich unter Beweis gestellt, dass ihr wertvoller Beitrag zu der Expedition die Risiken überwog, besonders da sie mehr als alle anderen Naturwissenschaftler arbeitete, um die Pflanzenwelt, die sie auf ihrer Reise fanden, zu katalogisieren. Großvater zog sie in seine Arme. Er drückte sie erleichtert an sich und hielt sie so fest, dass sie das Zittern in seinen Gliedern fühlen konnte. »Ich hatte solche Angst um dich.« Sie durfte ihm nicht verraten, dass sie selbst auch Angst gehabt hatte. Sie musste stark bleiben. Denn sie hatte auf die harte Tour lernen müssen, dass Männer ihre Fähigkeiten nur noch mehr infrage stellten, sobald sie irgendeine Schwäche zeigte. Großvater zog den Oberkörper zurück, steckte das Monokel in seine Augenhöhle, hielt sie an den Armen von sich weg und schaute sie so prüfend an, wie er sonst seine Pflanzen untersuchte. Lachend entzog sie sich seinem Griff. »Keine Sorge, Großvater. Ich bin keine zarte Blumenblüte. Ich werde nicht welken.« »Das weiß ich, Liebes. Aber du hättest ertrinken können.« »Ich bin nicht ertrunken. Mir geht es bestens.« Ihr Großvater betrachtete sie noch einen Moment länger, dann seufzte er tief und hielt Flynn die Hand hin. »Junger Mann, danke, dass Sie meine Enkelin gerettet haben. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie dankbar ich bin.« Flynn drückte seine Hand. »Das war doch selbstverständlich, Sir.« Linnea war diesem Mann noch nicht richtig vorgestellt worden, aber sie wollte höflich sein. »Großvater, das ist Flynn …« Sie kannte jedoch seinen Nachnamen nicht. Als sie abbrach, schaltete er sich ein. »McQuaid. Flynn McQuaid.« Großvater legte den Kopf schief und betrachtete Flynn durch sein Monokel. »Es freut mich, Sie kennenzulernen, Mr McQuaid. Ich bin Dr. Howell. Meine Enkelin haben Sie ja bereits kennengelernt, Mrs Asa Newberry.« 16
Ivy, die Linnea nicht aus den Augen ließ, seit Großvater sie in die Arme genommen hatte, stieß ein leises Pfeifen aus. »Heiliger Bimbam! Für eine verheiratete Frau bist du aber noch furchtbar jung.« Ivys vorlaute Bemerkung ließ Flynn erstarren. Doch bevor er das altkluge Mädchen tadeln konnte, tat Linnea die Bemerkung mit einer lässigen Handbewegung ab. »Ich bin einundzwanzig. Das ist gar nicht so furchtbar jung, oder?« »Wo ist dein Mann?« Ivy blickte sich um. »Warum hat er dich nicht gerettet? So schön wie du bist, hätte er sich doch sofort ins Wasser stürzen müssen, um dich herauszuholen.« Eine unerwartete Schwermut legte sich auf ihre Brust. »Er wäre mir bestimmt nachgesprungen, wenn er hier wäre. Aber er ist nicht hier … er ist tot.«
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Kapitel 2 Die scharfe Zurechtweisung an Ivy, die Flynn auf der Zunge lag, ging in einem Ansturm an Fragen unter. Er hatte nicht damit gerechnet, dass Linnea verheiratet gewesen war. Wie hatte sie ihren Mann verloren? War er im Krieg gefallen? In einer der jüngsten Schlachten? Vielleicht im Dezember in Fredericksburg? Oder beim Kampf am Stones River? Er betete zu Gott im Himmel, dass Brody in keiner der beiden Schlachten gewesen war. Nachdem Flynn die Zeitungsberichte gelesen hatte, hatte er fast eine Woche lang Albträume gehabt. Auch wenn Brodys Name nicht in den Gefallenenlisten erschienen war, hatte Flynn das Bild nicht aus seinem Kopf verbannen können, das ihm vorgaukelte, sein jüngerer Bruder läge verletzt und allein irgendwo auf einem Schlachtfeld. Ein Schatten zog über Linneas blasses Gesicht. Zweifellos weckte dieses Thema traurige Gefühle in ihr. »Ist er im Krieg gefallen?« Ivy platzte mit ihrer Frage heraus, bevor Flynn sie auffordern konnte, Linnea in Ruhe zu lassen. Auch wenn er Ivy zustimmte, dass Linnea wirklich sehr jung für eine Ehefrau aussah, hatte er von seiner Mutter genug Manieren gelernt, um nicht neugierig im Privatleben anderer Menschen herumzuschnüffeln. Aber leider war Ivy die Erziehung durch eine Frau verwehrt geblieben, seit Ma Rusty geheiratet hatte. Sie hatte eine anstrengende Schwangerschaft und eine Fehlgeburt nach der anderen durchgestanden und war zu ausgelaugt und zu erschöpft gewesen, um Ivy viel Aufmerksamkeit schenken zu können. Ivys Erziehung war zum größten Teil Flynns Aufgabe gewesen und er war darin genauso gut wie eine Henne, die ein Stachelschwein erziehen soll. 18
»Komm jetzt, Ivy.« Er bemühte sich um eine ruhige Stimme, aber seine kleine Schwester wurde in letzter Zeit immer kampflustiger und aufmüpfiger. »Hör auf, deine Nase in die Angelegenheiten dieser Frau zu stecken.« »Ich stecke meine Nase sicher nicht in ihre Angelegenheiten.« Ivy hob das Kinn und ihre Augen funkelten ihn trotzig an. »Ich habe sie nur etwas gefragt. Daran ist doch nichts falsch, oder etwa doch?« »Nein, natürlich nicht«, schaltete sich Linnea schnell ein und ihr Blick wanderte zwischen Ivy und ihm hin und her, da die Anspannung zwischen ihnen nicht zu übersehen war. »Mein Mann hat nicht im Krieg gekämpft, denn er war … nun ja, er war ein wenig älter …« »Neunundvierzig ist doch nicht alt«, mischte sich Dr. Howell ein, während er das Augenglas, das an einer Kette baumelte, wieder in seine Westentasche steckte. Linnea senkte den Kopf, als sei ihr das Alter ihres Mannes peinlich. »Er ist Ende März in Fort Leavenworth an einer Lungenentzündung gestorben.« »Das tut mir leid.« Flynns Worte waren viel zu schwach, aber sie mussten trotzdem gesagt werden. Obwohl Linnea erst frisch verwitwet war, trug sie nicht die übliche schwarze Kleidung. Aber vermutlich hatte sie für ihre Reise keine Trauerkleidung eingepackt, da sie nicht damit gerechnet hatte, dass ihr Mann unterwegs sterben würde. Erneut zogen dunkle Schatten über ihr Gesicht. Ihre Finger verkrampften sich um die bunten Muster von Mamas Quiltdecke und sie zog die Decke enger um sich. »Wir waren nur knapp zwei Monate verheiratet.« Dr. Howell schüttelte den Kopf und zwischen seinen Augenbrauen gruben sich tiefe Falten in seine Stirn. »Es war wirklich tragisch, einen so brillanten Wissenschaftler und Freund zu verlieren. Wir hielten uns eine Woche in Fort Leavenworth auf, um Vorräte zu kaufen und letzte Vorkehrungen zu treffen, als Asa 19
erkrankte. Keiner von uns hätte erwartet, dass er so schnell von uns gehen würde.« Ivy trat neben Linnea und ergriff ihre Hand. Flynn öffnete den Mund, um seine Schwester anzuweisen, die Frau nicht länger zu belästigen, aber bevor er etwas sagen konnte, nahm Linnea Ivys Hand in ihre beiden Hände und drückte sie dankbar. Sein Ärger verflog und eine ungewohnte Traurigkeit erfüllte ihn – eine Trauer um alles, was sie verloren hatten: Brody, ihre Eltern, ihr Zuhause, ihre Farm. Ihnen war keine andere Wahl geblieben, als das Angebot seines älteren Bruders anzunehmen und nach Colorado zu ziehen. Wyatt hatte im Frühling ’62, kurz nachdem Präsident Lincoln den Homestead Act unterzeichnet hatte, angefangen, sich eine Ranch aufzubauen. Jetzt besaß Wyatt Land und ein eigenes Haus und hatte seine Familie eingeladen, bei ihm zu wohnen. Da Rusty sie von dem Hof gejagt hatte, der seit Generationen im Besitz der McQuaids gewesen war, war Flynn keine andere Wahl geblieben, als Wyatts Angebot anzunehmen. Flynn hatte gehofft, die Aussicht auf ein neues Leben im Westen würde Brody genügend reizen, um nicht in den Krieg zu ziehen. Er hatte Pennsylvania schnell hinter sich lassen und bereits auf dem Weg zu Wyatts Ranch sein wollen, bevor Brody seine Pläne, in die Unionsarmee einzutreten, in die Tat umsetzen könnte. Doch diese Hoffnungen hatten sich leider nicht erfüllt. Aber selbst wenn sein Plan aufgegangen wäre, bestand natürlich immer noch die Möglichkeit, dass auch das Ziel ihrer Reise, das Colorado-Territorium, diensttaugliche Männer zum Krieg einziehen würde. Trotzdem war es, wenigstens im Moment, dort für alle sicherer – vor allem für seinen kleinen Bruder Dylan, der ebenfalls schon davon redete, in den Krieg zu ziehen. »Es tut mir sehr leid, dass du deinen Mann verloren hast, Linnea.« Aus Ivys verschmutztem Gesicht sprach ein ungewöhnliches Mitgefühl. »Aber du wirst bestimmt schneller wieder heiraten, als du blinzeln kannst.« 20
»Da bin ich mir nicht so sicher.« »Klar wirst du bald wieder heiraten. Warte nur ab! Was hältst du davon, Flynn zu heiraten? Er könnte eine Frau brauchen und ich fände es schön, noch eine Frau in der Familie zu haben, die etwas auf mich achtet. Flynn sagt immer, eine weibliche Hand würde mir bestimmt nicht schaden.« »Zum Kuckuck, Ivy!« Er verschränkte die Arme vor seiner Brust, um dem Mädchen nicht den Hals umzudrehen. »Du hast keine Ahnung, was du da redest.« »Klar weiß ich das.« Sie warf einen Blick auf die beiden jungen Männer, die sich wieder in den Schatten gesetzt hatten und die Rinder im Blick behielten. »Nash hat zu Jericho und Dylan gesagt, dass du gereizt bist wie eine Zecke auf einem Kalb. Sie sind sich einig, dass du dringend eine Frau brauchst.« »Das stimmt«, grinste Dylan, der mit einem Stock im Feuer herumstocherte. »Nash hat keine Ahnung, wovon er spricht.« »Er sagt einfach, wie es ist.« In Dylans Antwort lag sein gewohnter neckender Charme, mit dem er angespannte Momente oft entschärfen konnte. Er richtete sein gewinnendes Lächeln wieder auf Linnea. »Ma’am, wenn Flynn Sie nicht heiratet, kann ich das übernehmen. Sie brauchen nur ein Wort zu sagen, dann …« »Hör auf!« Flynn war dabei überzukochen. »Geh lieber mit Ivy angeln, damit wir abends etwas zu essen haben.« Ivy öffnete den Mund, als wollte sie protestieren, doch Linnea kam ihr zuvor. »Vielleicht kannst du mir zeigen, wie man angelt. Das wollte ich schon immer lernen.« Ivys Augen begannen zu funkeln. »Ich kann wirklich gut angeln.« »Super. Dann kannst du mir alles zeigen, was ich wissen muss.« »Als Erstes müssen wir Grashüpfer fangen. Die brauchen wir als Köder. Du hast keine Angst vor Insekten wie die meisten Frauen, oder?« »Nein, Liebes. Du wirst bald merken, dass ich nicht so bin wie 21
die meisten Frauen.« Linnea warf Flynn einen Blick zu, mit dem sie ihm versichern wollte, dass er sich wegen der Bemerkungen der anderen keine Sorgen zu machen brauche und dass sie gut auf Ivy aufpassen würde. Er atmete angespannt aus und nickte dankbar. Sie reichte ihm die Kaffeetasse und ließ sich dann von Ivy mitziehen. Während sie auf der Suche nach Grashüpfern loszogen, blickte Dr. Howell seiner Enkelin nach und die Falten auf seiner Stirn vertieften sich. »Ich muss sie nach Hause schicken. Sie ist eine gute Naturwissenschaftlerin, aber ich mache mir einfach große Sorgen, dass sie die Reise nicht überlebt.« Ivy und Linnea schlenderten jetzt über eine Wiese, die von der Sonne warm beschienen wurde. Linnea legte die Quiltdecke enger um ihre immer noch triefende Kleidung. Sie sollte eigentlich dringend etwas Trockenes anziehen. Aber in der Sonne wurde ihr wenigstens schnell warm. »Ich habe sie nur wegen Asa mitkommen lassen.« Dr. Howells Tonfall war leise und vertraulich. »Er war von ihr sehr angetan.« Das konnte Flynn gut nachempfinden. Selbst in ihrem zerzausten Zustand war Linnea die schönste Frau, die er je gesehen hatte. Ein Mann musste schon blind sein, um ihr angenehmes, attraktives Gesicht nicht zu bemerken. Ihr langes, gewelltes Haar leuchtete goldblond. Ihre Augen waren sanft und rehbraun. Und ihr warmes, strahlendes Lächeln ließ einen Mann glatt seinen eigenen Namen vergessen. »Nach diesem Vorfall«, fuhr Dr. Howell fort, »wird mir wieder bewusst, warum ich sie zu dieser Expedition nicht hätte mitnehmen sollen.« Expedition? Statt die Nase in Dinge zu stecken, die ihn nichts angingen, trank Flynn einen Schluck von dem Kaffee, den ihm Linnea gereicht hatte. Das Gebräu lief kalt und bitter über seine Zunge. Das hatte er davon, dass er das Kaffeekochen Ivy überließ! Sie konnte einfach nicht kochen und brachte nicht einmal eine anständige Kanne Kaffee zustande. 22
Es ließ sich beim besten Willen nicht leugnen: Ivy benötigte dringend die Begleitung und Erziehung durch eine Frau. Aber das bedeutete nicht, dass er heiraten musste. Egal, was seine Viehtreiber dachten – er brauchte keine Frau. Er kam ohne Frau sehr gut zurecht, seit er im letzten Sommer seine Beziehung zu Helen beendet hatte. Klar gab es immer noch Momente, in denen sein Bedürfnis, eine Frau in den Armen zu halten, sehr stark war. Er war kein Heiliger. Aber jedes Mal, wenn ihn sein Verlangen zu sehr quälte, musste er nur an den Tag denken, an dem seine Mutter gestorben war, nachdem sie eine weitere Totgeburt erlitten hatte. Er hatte an Mas Bett gesessen und ihre Hand gehalten, als sie ihren letzten Atemzug getan hatte. In diesem Moment hatte er sich geschworen, dass er einer Frau niemals das antun würde, was Rusty seiner Mutter angetan hatte: mit einer Frau ein Kind zeugen und sie den grauenhaften Qualen einer Entbindung aussetzen. Es spielte keine Rolle, dass Frauen seit der Erschaffung der Erde Kinder auf die Welt brachten und die meisten von ihnen diese Torturen überlebten. Er würde dabei nicht mitmachen, und dafür gab es nur eine einzige sichere Methode: Er musste sich so weit wie möglich von Frauen fernhalten. Dr. Howell rückte seinen hohen schwarzen Hut zurecht. »Wenn nur Asa noch hier wäre! Er war ein guter Mann und er hat versprochen, auf Linnea aufzupassen. Aber er ist nicht mehr da und ich bin leider nur ein schwacher Ersatz.« »Sie sollten sich keine Vorwürfe machen, Sir. Ich schätze, sie wäre auch aus dem Wagen gefallen, wenn ihr Mann noch leben würde.« Flynn hatte gerade sein Pferd am Flussufer getränkt, als Linnea aus dem Wagen gepurzelt war. Von seinem Platz aus hatte er das Geschehen genau beobachten können. Er hatte keine einzige Sekunde abgewartet, ob sie sich allein retten könnte, denn er hatte den Fluss selbst erst eine Stunde zuvor durchquert und wusste, wie stark die Strömung war. Er hatte sich auf Rimrock geschwungen und sein Pferd zu ihr ins Wasser getrieben. 23
»Wenn ich sie in den Osten zurückschicke, wird sie am Boden zerstört sein.« »Sie müssen das tun, was Sie für das Beste halten.« Dr. Howell schaute zu, wie sich seine Enkelin neben Ivy über das hohe Gras beugte, regungslos in dieser Stellung verharrte und einen Moment später einen Grashüpfer in der Hand hielt. Als sie entzückt lächelte, wurde ihr Gesicht noch schöner. »Ich weiß nicht, was das Beste ist, Mr McQuaid. Sie ist eine intelligente Frau und gehört zu den kompetentesten Botanikern, die ich kenne. Seit dem Tod meines Sohnes ist sie mein ganzer Stolz und meine ganze Freude, aber sie ist genauso zerstreut wie er und ich kann den Gedanken nicht ertragen, sie auch noch zu verlieren.« Flynns Blick folgte Linnea und Ivy, die auf das Flussufer zusteuerten. »Ihr größter Wunsch war es, Teil dieser bahnbrechenden Expedition zu sein und bei der Entdeckung und Katalogisierung der Pflanzenwelt mitzuwirken.« Diese Leute waren also Naturwissenschaftler, die Pflanzen studierten. Offensichtlich sehr gebildet. Wahrscheinlich reich. »Aber es hat keinen Sinn, das Leben Ihrer Enkelin in Gefahr zu bringen.« »Das sehe ich auch so.« Ivy nahm eine Angelrute, die sie vorher am Ufer liegen gelassen hatten, und führte Linnea vor, wie man einen Grashüpfer am Haken befestigt. »Soweit ich gehört habe«, schob Flynn nach, »werden die Risiken auf dem Trail noch gefährlicher, je weiter wir in den Westen kommen.« »Nach allem, was ich gelesen und gehört habe, befürchte ich das auch. Auf dem Weg in den Westen sterben jedes Jahr Hunderte Menschen an den verschiedensten Krankheiten und durch alle möglichen Unfälle.« Linnea bückte sich, um die zweite Angelrute aufzuheben. Da 24
sie jetzt keine Hand mehr frei hatte, um die Decke festzuhalten, glitt sie von ihren Schultern und blieb neben ihren Füßen liegen. Als sie sich wieder aufrichtete, klebten ihr Kleid und ihre seltsame weiße Rüschenunterhose auf ihrer Haut. Die nasse Kleidung betonte ihre schöne Figur und überließ nur wenig der Fantasie. Flynn schluckte schwer und wandte den Blick ab. Heiliger Bimbam! Ein solcher Anblick war nicht gut für ihn, denn er weckte seine Sehnsucht nach einer Frau und machte ihm das Leben nur noch schwerer. Obwohl er stark versucht war, sich einen weiteren Blick auf Linnea zu gönnen, wandte er sich bewusst ab. Dabei fiel sein Blick auf Nash und Jericho Bliss. Von dem Platz aus, an dem sie die Rinder bewachten, hatten sie einen ungehinderten Blick auf Linnea. Sie waren verstummt und starrten sie unverhohlen an. Dylan, der Rimrock striegelte, unterbrach seine Arbeit und betrachtete Linnea mit großen Augen. Zweifellos tat das jeder Mann im Umkreis von hundert Meilen. Mit Ausnahme von Dr. Howell, der sich an seinem sauber rasierten Kinn kratzte, ins Feuer starrte und für die Wirkung seiner Enkelin auf die Männerwelt völlig blind war. Flynn hatte Mühe, den Ärger, der plötzlich in ihm aufstieg, zu beherrschen. »Ich liebe meine Enkelin sehr. Aber für einen alten Mann wie mich kann sie ziemlich anstrengend sein.« So alt war Dr. Howell gar nicht. Flynn würde den Mann auf höchstens fünfundsechzig schätzen. »Ehrlich gesagt«, fuhr Dr. Howell fort, »ist sie für einen Mann jeden Alters anstrengend. Sie sprüht so vor Energie und Lebensfreude, dass sie manchmal nicht an die Folgen denkt, die ihr Tun hat, bevor es zu spät ist.« »Dann ist es vielleicht das Beste, wenn Sie eine Gruppe finden, die nach Fort Leavenworth fährt, und Ihre Enkelin mit ihr zurückschicken.« Dr. Howell starrte ins Feuer. Das Plätschern des Flusses und das Rauschen der Blätter im Wind füllten das Schweigen. Schließ25
lich seufzte er. »Junger Mann, Sie haben wahrscheinlich recht. Ich weiß, dass Linnea meine Entscheidung nicht gefallen wird, aber was kann ich sonst tun?« »Sie können nicht viel tun, es sei denn, Sie heuern jemanden an, der sie Tag und Nacht bewacht.« Natürlich könnte Dr. Howell auch Ivys Vorschlag, wieder einen Mann für Linnea zu finden, in Erwägung ziehen. Sobald sie verlauten ließe, dass sie einen Ehemann suchte, würden sich zweifellos jede Menge bereitwillige Kandidaten melden. Als er den durchdringenden Blick bemerkte, mit dem ihn Dr. Howell ansah, zog er fragend die Brauen hoch. »Sie würden so etwas nicht in Erwägung ziehen, nicht wahr?« Flynn wich einen Schritt zurück. »Sie heiraten? Nein, Sir. Das könnte ich nicht.« Nicht einmal dann, wenn ihn jemand fesseln und zum Altar schleifen würde. Dr. Howell öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, stockte aber. Zu spät erkannte Flynn seinen Lapsus. Dr. Howell hatte kein Wort von Heiraten gesagt und würde einem Mann, den er gerade erst kennengelernt hatte, so etwas niemals vorschlagen. »Natürlich haben Sie nicht vor, sie so bald nach dem Tod ihres Mannes wieder zu verheiraten. Sie trauert ja noch. Und ich will damit auch nicht sagen, dass ich Interesse hätte, denn das käme mir nie in den Sinn. Wenigstens nicht so, wie Sie denken …« Flynn atmete scharf aus und rieb sich den Nacken. Er sollte endlich den Mund halten, um sich nicht noch mehr zum Narren zu machen. In Dr. Howells Augenwinkeln bildeten sich kleine Fältchen, als er lächelte. »Keine Sorge. Diese Wirkung hat sie auf die meisten Männer. Sie hatte schon ein halbes Dutzend Heiratsanträge bekommen, als Asa zu einer Party ihrer Mutter im letzten Herbst kam und sich Hals über Kopf in sie verliebte. Obwohl er mit den Vorbereitungen für unsere Expedition in den Westen alle Hände voll zu tun hatte, nahm er sich die Zeit, sie zu um26
werben, und nach wenigen Wochen machte er ihr einen Heiratsantrag.« Trotz des Schattens der Äste und der Kälte seiner feuchten Kleidung war Flynn vor Verlegenheit ganz heiß. Er atmete die kühle Luft ein, die mit dem Holzrauch des Lagerfeuers durchsetzt war. Dr. Howells Belustigung verschwand wieder. »Sie hätte sich einen der begehrtesten Junggesellen New Yorks aussuchen können, aber sie entschied sich für Asa.« Ein trauriges Schweigen kehrte zwischen ihnen ein. Flynn stieß mit der Stiefelspitze gegen ein niedergetretenes Grasbüschel. Er musste irgendetwas sagen, um die Traurigkeit dieses Mannes zu lindern. »Asa muss ein guter Mann gewesen sein, wenn Ihre Enkelin ihn interessanter fand als alle anderen Männer.« Dr. Howell winkte ab. »Sie hat sich für ihn entschieden, weil er ihre Arbeit als Botanikerin genauso unterstützte, wie das ihr Vater immer getan hatte. Außerdem hat Asa sie eingeladen, ihn als seine Frau bei dieser Expedition zu begleiten. Als ich mich dagegen aussprach, hat sich Asa für sie eingesetzt. Außerdem hatte sie die Unterstützung ihrer Mutter, die in ihren Ansichten, was Frauen erlaubt sein sollte, viel zu liberal ist.« Flynns Blick wanderte unwillkürlich zu Linnea. Sie hatte die Angelrute ausgeworfen und stand mit dem Rücken zu ihnen. Sie gab ein faszinierendes Bild ab, wie sie da so am Flussufer stand und ihre Haare ungezähmt im Wind flatterten. »Ich überlege, ob ich ihr vorschlagen soll, Dr. Greely zu heiraten, einen anderen Wissenschaftler in unserer Expeditionsgruppe.« Dr. Howells Blick wanderte über das Flusstal, als suche er zwischen den Wagen und Reitern, die sich etwas weiter entfernt aufhielten, den besagten Mann. »Er ist der einzige unverheiratete Mann in unserer Gruppe. Er ist von Linnea sehr angetan, aber ich schätze ihn nicht als stark genug ein, um mit ihr fertigzuwerden. Doch selbst wenn er das wäre, bezweifle ich, dass sie wieder heiraten will.« 27
»Weil sie noch zu sehr um den Tod ihres Mannes trauert?« Flynn befürchtete, dass er sich mit seinen neugierigen Fragen genauso unhöflich benahm wie Ivy, aber irgendwie konnte er seinen Wunsch, mehr über die faszinierende junge Frau herauszufinden, die er aus dem Fluss gerettet hatte, nicht unterdrücken. Dr. Howell schüttelte den Kopf. »Natürlich hat sie Asa gemocht. Aber nein, sie waren so kurz verheiratet, dass noch keine tiefe Bindung entstehen konnte, die zu echter Trauer führen würde.« Flynn verlagerte das Gewicht von seinem schwachen Bein auf sein gesundes und beschloss, keine weiteren Fragen über Linnea zu stellen. Sie ging ihn nichts an. Sobald sie aus dem Flusstal des Neosho aufbrachen, würden sich ihre Wege trennen und er würde sie wahrscheinlich nie wiedersehen. »Also, junger Mann, was denken Sie? Sie wirken auf mich wie ein guter, anständiger Kerl. Und da Sie ihr so mutig das Leben gerettet haben, sind Sie ein ausgezeichneter Kandidat für die Aufgabe, sie für die Dauer der Reise zu beschützen.« Dr. Howell bedachte ihn mit einem gewinnenden Lächeln, das viel Ähnlichkeit mit dem Lächeln seiner Enkelin hatte. Flynn vermutete, dass es nicht viele übers Herz brachten, dem älteren Mann eine Bitte auszuschlagen. Er hatte nicht die Absicht, auf Dr. Howells Enkelin aufzupassen, aber wie konnte er ihm höflich eine Absage erteilen? Er trank einen Schluck von dem kalten Kaffee, um ein wenig Zeit zu gewinnen. »Natürlich würde ich Sie für Ihre Mühen entlohnen. Was halten Sie von hundert Dollar?« Flynn verschluckte sich und spuckte den Kaffee ins Gras. Hundert Dollar?! Da er jeden Cent seiner Ersparnisse ausgegeben hatte, um die Fahrt mit dem Zug und dem Dampfer nach Missouri zu bezahlen und die nötigen Vorräte zu kaufen, die sie für die langen Monate auf dem Weg zu Wyatts Ranch brauchten, war Flynn jetzt pleite. 28
Wie konnte er ein Angebot, hundert Dollar zu verdienen, ablehnen? Gleichzeitig stellte er sich die Frage, wie er ein solches Angebot annehmen konnte. Er konnte unmöglich Geld für etwas nehmen, das er bereitwillig kostenlos tat. Er öffnete den Mund, um Dr. Howell eine Absage zu erteilen, aber der ältere Mann kam ihm zuvor. »Zweihundert Dollar.« Flynns Kinnlade fiel herunter. »Ich bin ein sehr reicher Mann, Mr McQuaid. In dieser Hinsicht brauchen Sie sich also keine Sorgen zu machen. Ich zahle Ihnen jetzt die Hälfte. Die andere Hälfte bekommen Sie, wenn Sie sie sicher zum Ziel unserer Reise gebracht haben.« »Mein Weg führt nicht bis nach Santa Fe. Ich werde auf die Bergroute abbiegen und nach Colorado weiterziehen.« »Das ist ja perfekt. Wir wollen ebenfalls nach Colorado. Wir haben vor, uns durch die Plains und zur Front Range hinauf nach Denver vorzuarbeiten, wo wir den Winter verbringen wollen, bevor wir im nächsten Frühling die Rocky Mountains in Angriff nehmen.« Flynn suchte eilig einen anderen Grund, um das lukrative Angebot abzulehnen. »Ich bin mit einer Herde Shorthorn-Rinder unterwegs, Sir. Mit knapp zweihundert Tieren bewegen wir uns deutlich langsamer als die anderen Trecks, da wir den Tieren genügend Zeit zum Grasen gönnen müssen.« »Das kommt uns sehr gelegen. Wir wären für ein langsameres Tempo sogar dankbar, da wir dadurch mehr Gelegenheit haben, unterwegs die Flora zu erforschen und zu dokumentieren. Wir können die zusätzliche Zeit gut nutzen. Hauptsache, wir kommen vor dem Wintereinbruch in Denver an.« »Wir müssen lange, bevor die ersten schweren Schneefälle den Weg unpassierbar und gefährlich machen, oben in den Bergen sein.« Sobald sie in Pueblo eintrafen, würden sie eine nordwestliche Route einschlagen, einen gemäßigten Anstieg durch fast ebene Bergtäler. Wenigstens hatte ihm Tom Gordon, der Züchter der Missouri Shorthorns, das geraten, als er sie mit der Herde losgeschickt hatte. 29
Er plante, bei Wyatt anzukommen, bevor winterliche Verhältnisse drohten. Aber sie durften die Rinder nicht überfordern. Tom hatte sie gewarnt, dass der Weg in den Westen auch ohne größere Verzögerungen fünf oder sechs Monate dauern konnte und die Rinder selbst bei einem langsamen Tempo an ihre Grenzen bringen würde. Die Tiere würden ermüden, wunde Hufe bekommen und abmagern. Es bestand das sehr reale Risiko, dass einige unterwegs starben – oder gestohlen wurden. Aber Flynn war entschlossen, sein Bestes zu geben, um die Herde rechtzeitig und so wohlbehalten wie möglich abzuliefern. Besonders da Wyatt, wie ihm Tom verraten hatte, ein Vermögen in die Rinder investiert hatte und jedes einzelne Tier brauchte, um mit seiner Ranch Erfolg zu haben. Wenn Flynn die Rinder verlieren würde, bliebe Wyatt auf den hohen Schulden, die er bei seinem Geschäftspartner hatte, sitzen und hätte keine Mittel mehr, um seine Ranch weiter aufzubauen. Flynn war zwar kein so erfahrener Viehtreiber wie Wyatt, aber er kannte sich mit Rindern bestens aus, da sie auf der Farm jede Menge Vieh gehabt hatten. Dank Nashs und Jerichos Hilfe hatten sie in den letzten zwei Wochen keine Schwierigkeiten gehabt, die Herde zu treiben und genügend Futtergras zu finden. Er betete inbrünstig, dass sie weiterhin so gut vorankämen. Für sie alle stand so viel auf dem Spiel, dass er keine Ablenkung von der Aufgabe brauchte, zu der er sich verpflichtet hatte. »Ihr Angebot ist sehr verlockend, Sir. Aber ich muss mich um meine Familie kümmern und diese Rinderherde nach South Park hinaufbringen.« Der ältere Mann richtete seinen Blick wieder auf Linnea. Sie zog ihre Angelleine ein, an der eine Forelle zappelte. Ihr begeistertes Lachen vermischte sich mit Ivys lobenden Worten. »Wenn ich sie zurückschicke, breche ich ihr das Herz, Mr McQuaid.« Seine Stimme war leise und ernst. »Sie arbeitet so fleißig, um ihren Beitrag zu dem Forschungsprojekt zu leisten, dass ich einfach nicht weiß, ob ich ihr das antun kann. Aber nachdem ich sie 30
heute beinahe verloren hätte, weiß ich nicht, wie ich sie weiter mitkommen lassen kann, ohne dass jemand auf sie aufpasst und für ihre Sicherheit sorgt.« Flynn ließ den Rest des Kaffees über den Boden seiner Tasse kreisen und war hin- und hergerissen. Zweihundert Dollar waren verlockend. Sehr verlockend. Besonders da er plante, im Rahmen des ein Jahr zuvor erlassenen Heimstättengesetzes ein Stück Land zu erwerben, genauso wie Wyatt es getan hatte. Mit einer solchen Summe hätte er genug Geld, um ein Haus zu bauen und das Land zu bearbeiten, wie es das Gesetz verlangte. Das würde auch bedeuten, dass er nicht von Wyatt abhängig wäre, denn das war das Letzte, was er wollte. Er atmete schwer aus. »Angenommen, ich ließe mich auf Ihr Angebot ein: Was genau würden Sie von mir erwarten?« Dr. Howell warf die Schultern zurück und seine Augen leuchteten auf. »Meine Enkelin im Auge zu behalten, dürfte Sie eigentlich nicht von Ihren anderen Aufgaben abhalten. Sie bräuchten nur darauf zu achten, dass Sie in ihrer Nähe bleiben, sie bei ihren Erkundungen begleiten und dafür sorgen, dass sie sich nicht zu weit entfernt oder in Schwierigkeiten gerät.« Nur?! »Das klingt, als suchten Sie jemanden, der von morgens bis abends nicht von ihrer Seite weicht.« »Nicht die ganze Zeit. Das wäre selbstverständlich unmöglich. Aber Sie könnten sie doch in Ihrem Blickfeld behalten, selbst wenn Sie nicht in ihrer Nähe sind, oder?« Linnea zog den Haken aus den Kiemen des Fisches. Ihre schönen Augen weiteten sich in unschuldigem Staunen und sie kaute auf ihrer Unterlippe. Obwohl er nicht viel über sie wusste, war sie freundlich und nett und umgänglich. Sie würde bestimmt keine zu großen Probleme bereiten. Wenn sie auf dem Trail weiter in Indianergebiet vordrangen, wäre es sogar hilfreich, ein paar Männer mehr in ihrer Gruppe zu haben. Je größer die Gruppe war, umso geringer war die Gefahr, 31
dass sie von Indianern angegriffen wurde, besonders wenn Männer mit Waffen dabei waren. »Also gut.« Er hielt Dr. Howell die Hand hin. »Ich mache es.« »Ausgezeichnet.« Dr. Howell ergriff seine Hand und schüttelte sie kräftig. »Dann ist die Sache abgemacht.« Flynn warf einen Blick auf Nash und Jericho, die Linnea immer noch angafften. Er musste sie über die neue Situation informieren. Als Flynn schon die Hand zurückziehen wollte, hielt Dr. Howell sie noch einen Moment fest und runzelte die Stirn. »Eine Sache noch, junger Mann.« Er beugte sich vor und senkte die Stimme. »Ich halte es für besser, wenn wir diese Abmachung für uns behalten. Linnea braucht von unserer Vereinbarung nichts zu erfahren.« Ein spürbares Unbehagen regte sich in Flynn und er zögerte. »Sie ist … nun ja, sie reagiert empfindlich auf meine eher traditionelle Vorstellung, was die Rollenverteilung von Männern und Frauen betrifft. Da Linneas Mutter ziemlich progressiv ist, hat meine Enkelin leider auch einige dieser Ansichten übernommen.« Flynn hatte nicht die geringste Ahnung, wovon Dr. Howell sprach. Aber er hatte kein gutes Gefühl dabei, Linnea ihre Abmachung zu verschweigen. Wenn sie ihr nicht sagten, dass er nur auf sie aufpassen wollte, würde sie bestimmt misstrauisch werden, sobald er anfinge, ihr überallhin zu folgen. Oder sie käme womöglich auf die Idee, er wäre in sie verknallt und liefe ihr deshalb ständig nach. Er schüttelte den Kopf und entzog Dr. Howell seine Hand. Nein, er würde nur zustimmen, wenn Linnea die Wahrheit erfuhr. »Sie muss wissen, dass …« »Also gut. Wie Sie meinen.« Dr. Howell winkte ungeduldig ab. »Ich erkläre ihr die Sache. Aber sie braucht nicht zu wissen, dass ich Sie dafür bezahle.« Flynn zögerte erneut. 32
Dr. Howells Blick wanderte zu seiner Enkelin, die mit begeisterter Aufregung den Fisch, den sie gefangen hatte, betrachtete. Der Fisch wählte ausgerechnet diesen Moment, um mit der Flosse zu schlagen und aus ihren Händen auf die Erde zu springen, wo er zappelnd im Gras liegen blieb. Sie machte einen Satz zurück und drückte die Hände an ihre Brust. Ihr unschuldiges Lachen erfüllte die Luft. Dr. Howells Miene wurde weicher. Ivy lachte auch. Von der Aufmüpfigkeit, die sie in letzter Zeit viel zu oft an den Tag legte, war nichts zu sehen. Sie war so sorglos – sogar glücklich – wie seit Monaten nicht mehr. Diese Ivy vermisste Flynn. Die Ivy, die er necken und aufziehen konnte. Die Ivy, die ihn mit Spinnen und Eidechsen überraschte. Die Ivy, die ihn liebte und zu ihm aufblickte. Hin und wieder erhaschte er einen Blick auf die alte Ivy. Er wollte sie nicht wieder verlieren. Aber ihm war klar, dass sie mehr brauchte, als er ihr geben konnte. Vielleicht würde Ivy von Linneas Nähe und ihrem Einfluss profitieren. Dr. Howell beobachtete Linnea noch einen Moment länger, dann wandte er sich wieder Flynn zu. »Bitte, Mr McQuaid?« Flynn nahm seinen Hut ab, strich sein Haar zurück und genoss den kühlen Wind auf seiner juckenden Kopfhaut. »Ich finde es nicht richtig, Ihrer Enkelin etwas zu verheimlichen, Sir. Aber ich tue das, was Sie für das Beste halten.« »Danke, junger Mann.« Dr. Howell schaute ihn mit sichtlicher Erleichterung an. »Sie werden es nicht bereuen. Versprochen.« Flynn hoffte, diese Worte würden sich bewahrheiten, aber er hatte den Verdacht, dass der Mann mit seiner Einschätzung völlig danebenlag.
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