Lynn Austin
Eines Tages finden wir
nach Hause
Kapitel 1
Peggy Hudson Valley, New York Juni 1946 »Ich weiß, es sieht hoffnungslos aus«, sagte ich zu Jimmy Barnetts Vater. »Aber wir dürfen nicht aufgeben, bis es Jimmy besser geht und er wieder zu Hause ist.« Wir standen an diesem Nachmittag im Sommer auf dem Hof der Blue Fence Farm und sahen zu, wie eines ihrer ganz frischen Rassefohlen die ersten Gehversuche machte. Mr Barnett und ich verstanden uns gut und brauchten nie viel zu sagen, wenn wir zusammen waren. Er sah mich an und nickte und die Traurigkeit, die ich in seinen Augen sah, gab mir das Gefühl, als hätte mir jemand ein Messer in die Brust gerammt. Mr B. nahm mich manchmal mit zu den Hausbesuchen, die er als Tierarzt machte, obwohl ich nur das Mädchen war, das gegenüber von seiner Praxis in der Wohnung über der Autowerkstatt wohnte. Er meinte, ich hätte ein Händchen für Tiere und sie würden sich sofort beruhigen, wenn sie mich sähen. Aber eigentlich hätte Jimmy derjenige sein sollen, der seinem Vater half, jetzt wo der Krieg zu Ende war. Sie hätten zusammen über Land zu all den Milchviehfarmen und Pferdezüchtern fahren und Kühe mit Mastitis und Pferde mit Koliken behandeln sollen. Bis zu dem schrecklichen Dezembertag, an dem die Japaner Pearl Harbor bombardierten, hatte Jimmy Tiermedizin studiert, genau wie sein Dad. »Wir dürfen nicht zulassen, dass Jimmy sich aufgibt«, sagte ich. Mr Barnett antwortete nicht sofort. Das neue Fohlen stakste 5
auf der anderen Seite des Zaunes herum, seine langen Rennpferdbeine so dünn wie Streichhölzer. Ich musste lächeln, als ich das Tier so sah. Aber Mr Barnett sah nicht das Fohlen an. Sein Blick ging in die Ferne, wo die Sonne die Kreidefelsen des Bergs beleuchtete. Mir fiel der Psalm ein, in dem es heißt: »Ich schaue hinauf zu den Bergen – woher kann ich Hilfe erwarten? Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat!«1, und ich flehte Gott im Stillen an, uns zu helfen. Schließlich sprach Mr B. »Jim muss unsere Hilfe wollen, Peg. Aber das will er nicht.« Er blinzelte, als würde die Sonne ihn blenden, und fügte dann hinzu: »Nicht einmal leben will er.« Mr B. drehte sich um und ging mit hängenden Schultern zu seinem Pick-up zurück und zum ersten Mal fand ich, dass er aussah wie ein alter Mann. Er war mir immer so robust und stark erschienen, mit breiter Brust und Armen, die so muskulös waren, dass er ein Pferd in seine Box manövrieren oder ein Kalb in seinen Stall heben konnte. Aber er hatte ein sanftes Lächeln und ein fröhliches Lachen, das auch die Falten in seinem Gesicht freundlich erscheinen ließ. Wie sehr es Mr und Mrs Barnett wehtun musste zu wissen, dass ihr einziges Kind versucht hatte, sich das Leben zu nehmen. Jimmy war vor mehr als einem Monat aus dem Krieg zurückgekehrt und hatte seitdem kaum mit seinen Eltern gesprochen. Eigentlich redete er mit niemandem, sondern saß nur in seinem Zimmer und starrte ins Leere, so als würde er mit offenen Augen schlafen. Als ich ihn besuchte, sah er regelrecht durch mich hindurch, ohne mich wahrzunehmen. Ich lief weinend nach Hause, denn solange ich ihn kannte, war Jimmy einer der wenigen Menschen gewesen, der mich wirklich sah. Mr B. stieg in seinen Pick-up, einen alten Ford aus dem Jahr 1938, der schon vor dem Krieg auf allen möglichen Nebenstraßen und über Kuhweiden gefahren war. Während des Krieges hatte niemand neue Autos gebaut, aber Mr Barnett hatte vorgehabt, mit Jimmy zum Ford-Händler zu gehen und einen neuen Wagen zu kaufen, sobald der Junge vom Militärdienst nach Hau1 Psalm 121,1-2
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se zurückkam. Jimmy kam zwar nach Hause, konnte seinen Vater aber nicht begleiten, weil er sein Zimmer nicht verließ – noch nicht einmal, um einen nagelneuen Pick-up zu kaufen. Ich riss die Tür auf der Beifahrerseite auf und stieg ein. Die Tür knarrte rostig, als ich sie zuzog. Wir sollten eigentlich zur Tierarztpraxis zurückfahren, aber Mr B. saß nur da, die Fahrertür offen und ein Bein noch draußen. Er sah wieder zu den Bergen, wo Wolkenschatten über den Hang unterhalb der Felsen zogen. »Mr B.?«, sagte ich. »Ich bin sicher, Jimmy wird wieder gesund. Er braucht nur noch etwas Zeit.« »Ich hoffe es«, erwiderte er seufzend. »Er muss im Krieg schreckliche Dinge gesehen haben und wahrscheinlich dauert es eine Weile, bis er die verarbeitet hat. Aber Sie haben im Ersten Weltkrieg gekämpft, oder? Und Sie waren danach okay.« Es gab ein Bild auf dem Kaminsims in ihrem Wohnzimmer, auf dem ein viel jüngerer Mr Barnett in einer Soldatenuniform zu sehen war. Jimmys Foto hatten sie daneben gestellt, als er sich freiwillig zum Dienst gemeldet hatte. Mr Barnett war im Großen Krieg Tierarzt gewesen, denn damals hatte man bei der Kavallerie noch Pferde eingesetzt. Jimmy war in diesem Krieg als Sanitäter im Einsatz gewesen und hatte Soldaten versorgt und keine Pferde. Aber ich vermutete, dass sein Vater und er teilweise die gleichen Dinge erlebt hatten. »Ja, einige Männer, die ich damals kannte, hatten einen Schützengrabenschock«, nickte Mr B. »Heute nennen sie es Kriegsneurose. Damals hat man uns allen gesagt, wir sollten nach Hause gehen und den Krieg vergessen.« »Und das haben Sie dann getan, oder?« »Jimmy und ich sind sehr unterschiedlich. Er hatte immer ein weiches Herz. Weißt du noch, wie das mit deinem Hund damals war?« »Ja, ich erinnere mich.« Der struppige Streuner war vor neun Jahren aus dem Nichts aufgetaucht, als ich elf Jahre alt war, kaum eine Woche nach Mamas Beerdigung. Er war immer um Pops Autowerkstatt herumgeschlichen und hatte jeden Abend den Müll durchwühlt. Pop hatte eine Eisenstange geschwenkt und 7
gerufen: »Hey! Verschwinde hier, Bürschchen!« Da habe ich angefangen, ihn Bürschchen zu nennen. Wenn man ihn mit seinem verlausten Fell damals sah, wunderte man sich nicht, dass alle ihn wegjagten. Aber ich habe ihn gewaschen, mich um ihn gekümmert, ihn gefüttert und dann wurde er ein richtig süßer Hund mit kurzem sandfarbenem Fell, zu großen spitzen Ohren, die in die Höhe standen, und einem langen Schwanz, der vor Freude wedelte, wann immer Bürschchen mich sah. Eigentlich war er der einzige Freund, den ich hatte. Ich habe mir immer vorgestellt, dass Mama aus dem Himmel auf mich heruntergeschaut und mir Bürschchen geschickt hat. Eines furchtbaren Tages rannte Bürschchen hinter einem Kaninchen her und lief dabei direkt auf die Straße. Mrs Franklin konnte nicht mehr rechtzeitig anhalten und fuhr ihn mit ihrem Wagen an. Ich sah alles, rannte auf die Straße, wo Bürschchen kläffte und wimmerte, und versuchte, den Hund in Sicherheit zu bringen. Ich hob ihn hoch, mitsamt dem Blut und den gebrochenen Knochen, und rannte weiter, gleich über die Straße zur Tierarztpraxis. Im Wartezimmer saßen Leute mit ihren Rassehunden und Edelkatzen, aber ich lief hinein, vollgeschmiert mit Bürschchens Blut, und weinte und schrie: »Hilfe! Hilfe! Jemand muss meinem Hund helfen! Bitte!« Es war Sommer und Jimmy arbeitete in der Praxis und das war ein Glück, denn Mr B. warf einen Blick auf Bürschchen und sagte: »Wir müssen ihn einschläfern.« Zuerst dachte ich, er wollte ihm ein Schlafmittel gegen die Schmerzen geben, aber Mr B. schüttelte den Kopf und sagte: »Das überlebt der Hund nicht. Er quält sich nur.« »Nein, nein, bitte nicht! Können Sie nicht was machen? Können Sie ihn nicht operieren?« »Ich glaube nicht, dass ich da viel tun kann. Es tut mir leid.« »Sie müssen es versuchen! Bürschchen ist mein bester Freund!« »Selbst wenn ich ihn operiere, sind die Chancen, dass er überlebt, nicht groß. Er könnte innere Verletzungen haben.« Ich hörte, was er sagte, aber ich konnte nicht aufhören zu weinen und zu betteln. Dann schaltete Jimmy sich ein. »Können wir 8
es nicht versuchen, Dad? Ich habe gesehen, dass der Hund ihr überallhin folgt.« »Das Bein können wir nicht retten, das ist zu kaputt.« »Dann hinkt er eben auf drei Beinen herum«, erwiderte Jimmy. »Für mich wäre es eine gute Übung zu sehen, wie du so eine Operation machst.« Ich sah, dass Mr B. den Kopf schüttelte, als wollte er nicht, und allmählich gab ich die Hoffnung auf. Aber Jimmy lehnte sich zu seinem Dad hinüber und sagte: »Denk dran, die Kleine hat gerade erst ihre Mutter verloren.« Ich hielt die Luft an und wartete ab. Jimmy nahm mir Bürschchen ab. »Wie heißt er denn?« »Bürschchen.« »Und du?« »Peggy. Peggy Ann Serrano. Bitte versuchen Sie, ihn zu retten! Bitte!« »Okay, Peggety. Ich kann nicht versprechen, dass Bürschchen die Operation überlebt, aber ich verspreche dir, dass wir alles dafür tun werden, ihn zu retten. Ich werde Bürschchen nicht aufgeben und wir lassen nichts unversucht.« Ich erinnerte mich immer noch an Jimmys Worte. Daran, dass er gesagt hatte, er würde nicht aufgeben. Er sah immer Grund zur Hoffnung, selbst in Situationen, wo es keine gab. Ich war in jeder freien Minute drüben in der Praxis und kümmerte mich um Bürschchen, bis wir sicher waren, dass er überleben würde. Natürlich konnte ich für so eine Operation nicht bezahlen, also sagte ich zu Mr B., ich würde die Hundezwinger und Pferdeställe für ihn sauber machen – was auch immer nötig war. Jimmy wurde mein Held, weil er meinen Hund gerettet hatte. An dem Tag damals gab er mir den Spitznamen Peggety und seitdem nennt er mich immer so. »Vor neun Jahren haben Sie Bürschchen operiert«, sagte ich jetzt zu Mr. B., »und er läuft auf seinen drei Beinen ganz prima herum.« »Das stimmt.« Mr B. lächelte traurig, zog das Bein in den Wagen und schlug die Tür zu. Ein tiefer, ermüdender Kummer hatte sich seit dem Memorial Day auf ihn gesenkt – seit dem Tag, an 9
dem Jimmy versucht hatte, sich umzubringen. Ich erinnerte mich an den Tag, weil der Ortsvorstand auf dem Friedhof hinter der Kirche einen Gedenkgottesdienst für all die gefallenen Soldaten abgehalten hatte. Jetzt betrachtete ich Mr Barnetts fahles Gesicht, das aussah, als wäre alle Hoffnung aus ihm gewichen. Ich fürchtete, die Traurigkeit könnte ihn umbringen, wenn Jimmy nicht gesund wurde. Das war noch ein Grund, warum ich nicht aufgeben konnte – Mr Barnetts wegen und auch für Jimmy. »Vielleicht können die Ärzte herausfinden, warum er so deprimiert ist«, sagte ich, »und ihn wieder zum Reden bringen. Vielleicht wird seine Kriegsneurose besser, wenn er eine Weile im Krankenhaus war.« »Wir wollen es hoffen.« Mr Barnett drehte den Schlüssel im Zündschloss und der Wagen erwachte knurrend zum Leben. Die Barnetts wohnten neben der Praxis in einem hübschen weißen Bauernhaus mit Erkerfenstern nach vorne hinaus und einer geschwungenen Veranda, die sich um beide Seiten des Hauses erstreckte. Bevor Jimmy in den Krieg gezogen war, hatte er die Veranda an warmen Sommerabenden mit seinen Freunden gefüllt. Die Musik der Andrew Sisters und der Jimmy Dorsey Band ergossen sich aus Jimmys Radio in die Nacht. Oft sah ich von meinem Zimmer aus über die Straße zum Haus hinüber und summte die Melodien mit. Als Mr Barnett und ich zurück waren, ging ich ins Farmhaus und rief an der Küchentür schon Mrs Barnetts Namen, um ihr zu sagen, dass wir wieder da waren. »Ich bin oben, Peggy«, rief sie zurück. »Komm ruhig hoch.« Sie war in Jimmys Zimmer. Nach all den Wochen, die er dort verbracht hatte, mit geschlossenen Fensterläden, um das Sonnenlicht auszusperren, als wollte er die entfernte Bergkette oder die frischen gelbgrünen Blätterknospen an den Bäumen nicht sehen, musste der Raum dringend geputzt werden. Aber ich hatte den Eindruck, dass Mrs Barnett nicht nur zum Saubermachen dort war. Als Jimmy geschrieben hatte, er würde nach Hause kommen, war sie ganz aus dem Häuschen gewesen und hatte Pläne gemacht, um alle seine Lieblingsgerichte zu kochen und ihm den Kuchen zu backen, den er sich immer zum Ge10
burtstag wünschte. Mrs Barnett war auch mir eine Freundin und eine Mutter, mehr als Pops Freundin Donna es je gewesen war. Als damals sicher war, dass Bürschchen überleben würde, und ich eine Zeit lang Hundezwinger sauber gemacht und gekehrt hatte, kam Mrs Barnett eines Tages zu mir und sagte: »Ich habe ein kleines Geschenk für dich, Peggy, weil du so fleißig gearbeitet hast.« Es war ein Set aus Schaumbad und Talkumpuder, die nach Rosen dufteten. Dann füllte sie die Wanne in ihrem eigenen Badezimmer mit Wasser für mich und gab mir eine Flasche Shampoo, von dem meine Haare ganz hübsch und glänzend wurden, und sagte, die könne ich auch behalten. Als ich dreizehn wurde, war es Mrs Barnett, die mit mir den ersten BH kaufen ging und mir erklärte, welche Veränderungen mein Körper auf dem Weg zur erwachsenen Frau durchmachen würde. Nachdem Jimmy sich zum Kriegsdienst gemeldet hatte, war ich ständig rübergelaufen und hatte seine Mutter gefragt, ob sie etwas von ihm gehört hatte. Ich wusste, wie sehr sie ihn liebte und wie sehr sie leiden würde, wenn die Ärzte keinen Weg fanden, ihn zu retten. Auch um ihretwillen wollte ich Jimmy unterstützen. »Kann ich Ihnen mit dem Zimmer helfen, Mrs B.?«, fragte ich sie jetzt. Sie wandte sich zu mir um und ich sah die Tränen in ihren Augen. Jimmys Augen hatten die gleiche graugrüne Farbe wie die seiner Mutter, eine Farbe wie Regenwasser. Es waren gütige Augen, voller Liebe und Mitgefühl, so wie ich mir die Augen von Jesus immer vorgestellt habe. Aber Mrs Barnett wirkte auch älter als jemals zuvor, ihre braunen Locken wurden allmählich grau wie eine alte Fotografie, während ihr liebes, runzeliges Gesicht voller Sorgenfalten war. »Stell dir vor … unser Jimmy hat diesen ganzen Krieg überlebt, hat all die schrecklichen Kämpfe und gefährlichen Orte fast ohne Kratzer überstanden. Und jetzt das. Es gibt wohl Wunden, die man einfach nicht sieht.« »Ich werde einen Weg finden, ihm zu helfen.« Ich trug den Staubsauger aus Jimmys Zimmer und stellte ihn für Mrs B. in den Flurschrank zurück. »Ich gebe nicht auf, bis er gesund ist.« »Oh, Peggy …« 11
»Das ist mein Ernst. Ich weiß, dass Mr B. zu tun hat, aber ich kann Sie zum Veteranenhospital fahren, wenn wir ihn wieder besuchen dürfen. Wir werden mit ihm reden und ihn an all die guten Gründe erinnern, warum er am Leben bleiben muss.« Mrs Barnett sank auf Jimmys Bett und fuhr mit ihrer Hand über den Bettüberwurf. »Wir haben so lange darauf gewartet, dass er aus dem Krieg heimkommt, und jetzt … Na ja, wir müssen den Ärzten vertrauen. Sie sind die Fachleute. Aber ich kann den Gedanken, dass Jimmy dort ganz allein ist, einfach nicht ertragen.« »Ich werde Sie begleiten.« Als ich mich neben sie setzte, nahm Mrs Barnett meine Hände und drückte sie. Tränen kullerten ihr über die Wangen. Ich sah, dass ihr Kehlkopf sich bewegte, als wollte sie etwas sagen, aber sie brachte kein Wort heraus. Sie war es gewesen, die Jimmy gefunden hatte, kaum noch am Leben, und ich wusste, dass die Erinnerung daran ihr immer noch zu schaffen machte. Sie zog mich in ihre Arme. »Wir werden nicht aufgeben, Mrs B.«, sagte ich, ebenfalls mit Tränen in den Augen. »Auf keinen Fall!« Sie drückte mich lang und fest, dann lehnte sie sich zurück, um sich die Augen mit ihrer Schürze zu trocknen. »Gordon und ich haben versucht, Jimmy dazu zu bringen, dass er uns sagt, was passiert ist«, sagte sie. »Wir dachten, etwas Schreckliches müsse geschehen sein, weil er so niedergeschlagen war. Etwas, das er einfach nicht vergessen konnte.« »Oder vielleicht sind es auch viele Dinge, die zusammenkommen.« »Ja … vielleicht.« »Wenn wir herausfinden könnten, was ihn so traurig gemacht hat, könnten wir alle helfen, einen Teil der Last für ihn zu tragen. Vielleicht liegt die Antwort irgendwo da drin«, sagte ich und zeigte auf die Tasche und den Rucksack, die Jimmy in der Ecke seines Zimmers auf den Boden hatte fallen lassen. »Vielleicht können wir die Puzzlestücke zusammenfügen und herausfinden, was passiert ist.« »Glaubst du wirklich?« Ich sah in ihren Augen Hoffnung und 12
die tiefe Liebe, die sie ihrem Sohn entgegenbrachte, und wollte es unbedingt glauben. »Ja, das tue ich. Sehen wir gemeinsam in seinen Sachen nach.« Ich hob den Rucksack hoch und legte ihn aufs Bett. Dann sah ich zu, wie Mrs Barnett hineingriff und jeden einzelnen Gegenstand herauszog – sein Essgeschirr, Rasierzeug, seine Entlassungspapiere. Sie fand eine kleine Taschenausgabe des Neuen Testaments und der Psalmen und ich blätterte darin und sah, dass mehrere Verse unterstrichen waren. Ganz hinten hatte Jimmy eine Adresse ohne Namen notiert: 573 S. Second Street, Brooklyn, NY. »Ich frage mich, wer dieses Mädchen ist«, sagte Mrs B. Sie hatte ein Foto aus dem Rucksack gezogen, das mit einem schlichten Metallrahmen versehen war und eine hübsche junge Frau mit einer Krankenschwesternhaube zeigte. Ich drehte das Bild um und sah, was hinten auf der Pappe stand: Deine Gisela. Mein Puls begann, einen Foxtrott zu tanzen. Vielleicht war Gisela der Schlüssel, der Jimmys Depressionen aufschließen konnte. »Ist sie eine Freundin aus dem College?«, fragte ich. »Ich glaube nicht. Bevor er sich beim Militär gemeldet hat, hatte er keine feste Freundin.« »Gisela ist ein ungewöhnlicher Name. Hat Jimmy sie in seinen Briefen jemals erwähnt?« Mrs Barnett starrte in die Ferne, als versuchte sie, durch die Zeit und über das riesige Meer zu schauen. »Nicht, dass ich wüsste. Aber nachdem die Nazis sich ergeben hatten, hat er nicht mehr so oft geschrieben. Er hat in einem Krankenhaus gearbeitet …« »Könnte sie vielleicht eine der Krankenschwestern sein, mit denen er zusammengearbeitet hat? Ihre Kappe sieht aus wie eine Schwesternhaube. Vielleicht hat er sie dort kennengelernt.« »Vielleicht. Aber er hat in seinen Briefen keine Frau erwähnt. Auch nicht, als er wieder hier war. Andererseits hat er ja überhaupt kaum ein Wort gesagt.« Mrs Barnett und ich drangen bis zum Boden von Jimmys Rucksack vor, aber wir fanden keine weiteren Informationen über Gisela. »Ich habe alle Briefe aufgehoben, die er nach Hause geschickt hat«, sagte Mrs Barnett, als wir fertig waren. »Du kannst sie lesen, wenn du willst.« 13
»Das ist eine gute Idee. Vielleicht finden wir noch einen Hinweis.« Sie ging in ihr Zimmer, um die Briefe für mich zu holen, wurde aber durch das Telefon unterbrochen. Ich hörte, wie sie nach unten in den Hausflur eilte, um an den Apparat zu gehen, und dann ihre Stimme in der Ferne. »Ja … Ja, ich verstehe … Dann um zehn Uhr … Danke.« Als sie die Treppe wieder heraufkam, war sie ganz außer Atem. »Das war das Veteranenhospital. Sie wollen, dass wir morgen früh kommen, um über eine Behandlung für Jimmy zu reden.« »Geht es ihm besser? Kann er bald nach Hause kommen?« »Das haben sie nicht gesagt. Aber wir dürfen ihn kurz sehen, nachdem wir mit dem Doktor gesprochen haben.« Ich fragte Mrs Barnett nicht, ob ich mitkommen durfte, aber sie musste den flehenden Blick gesehen haben, denn sie fragte: »Möchtest du uns begleiten, Peggy?« »O ja, gern, wenn ich darf. Wenn das Krankenhaus es erlaubt.« »Sie haben gesagt, nur Angehörige dürfen ihn besuchen, aber nach all den Jahren gehörst du doch zur Familie, oder nicht?« Ich fragte mich, ob Mrs Barnett eine Ahnung hatte, wie glücklich ihre Worte mich machten. Ich liebte Jimmy Barnett und ich liebte auch seine Eltern. Ihr Haus hatte mir einmal so viel Leben und Freude geschenkt und so sollte es wieder sein, um ihretwillen ebenso wie um meinetwillen. Während des Krieges hatte ich bei IBM auf der anderen Flussseite gearbeitet und Bordwaffen für Flugzeuge gebaut. Ich war überzeugt davon gewesen, wenn ich meinen Beitrag leistete, würden die Alliierten gewinnen und Jimmy und seiner Familie würde nichts passieren und das Leben würde weitergehen. Der Krieg endete und meine Gebete wurden erhört, als Jimmy nach Hause kam. Aber nichts war so, wie es vorher gewesen war. Mrs Barnett reichte mir die Schachtel mit Briefen, die sie geholt hatte, und wir setzten uns wieder auf Jimmys Bett. Er hatte sich 1942 freiwillig gemeldet und seine Briefe füllten einen Schuhkarton, in dem einmal Mr Barnetts Arbeitsschuhe gelegen hatten. Wir hatten nur Zeit, die letzten Briefe zu überfliegen, die Jimmy 14
in dünnen Luftpostumschlägen aus Deutschland geschickt hatte. In keinem von ihnen tauchte Giselas Name auf. »Du kannst die Briefe zum Lesen mit nach Hause nehmen«, sagte Mrs B., aber ich schüttelte den Kopf. Jimmys Briefe gehörten hierher, zu seinen Eltern. Seine Worte waren kostbar für diese beiden Menschen, vor allem, weil er jetzt mit niemandem mehr sprach. »Aber darf ich das hier mitnehmen?« Ich hielt das kleine Neue Testament mit Psalmen hoch, das wir in seinem Rucksack gefunden hatten. Ich wollte die Verse lesen, die Jimmy unterstrichen hatte, weil ich dachte, sie könnten ihm wichtig sein. »Ja natürlich«, erwiderte Mrs Barnett. Sie nahm mich in ihre weichen Arme, bevor ich ging, was uns beiden guttat. Eilig überquerte ich die Straße und lief in Pops Werkstatt, bevor ich nach oben ging, um meine Arbeitskleidung auszuziehen. »Brauchst du meine Hilfe bei irgendwas, Pop? Bevor ich mich umziehe?« Er war über einen Motor gebeugt und blickte nicht einmal auf. »Du bist doch sowieso nie da, wenn ich deine Hilfe brauchen sollte«, murmelte er. Ich erledigte Pops gesamte Post und schrieb für ihn die Rechnungen. Er war momentan mit vielen Reparaturen an Autos und Traktoren beschäftigt und hätte Hilfe gebrauchen können, aber ich hatte nach meinem Kriegsjob in der Fabrik meine Arbeit in der Tierarztpraxis wieder aufgenommen. Ich konnte Zündkerzen tauschen und einen Ölwechsel machen, weil ich Pop dabei geholfen hatte, seit ich klein war. Er hätte mir noch mehr beibringen können, aber ich arbeitete lieber mit Hunden und Pferden und sogar mit Kühen und Schweinen als mit Automobilen und Lastwagen. Es gab nichts Herrlicheres, als dabei zuzusehen, wenn ein Kalb oder ein Fohlen geboren wurde – dieses Wunder neuen Lebens, das nach einem schmerzhaften Kampf auf die Welt kam. Das wurde ich nie leid. In all den Jahren, die ich in Mr Barnetts Praxis gearbeitet hatte, war meine Aufgabe nicht nur das Reinigen von Hundezwingern und Pferdeställen gewesen, sondern Mr B. hatte mir gezeigt, wie man die Tiere fütterte und pflegte, bis sie gesund genug waren und wieder nach Hause konnten. Die Praxis nahm kranke Tiere 15
auch in Pflege, sodass es immer einen Hund gab, mit dem jemand Gassi gehen musste, oder ein Pferd, das zu striegeln war. Einen Monat nach Bürschchens Operation fütterte ich gerade einen frisch kastrierten Hund, als Mr Barnett fragte: »Wie alt bist du eigentlich, Peggy?« »Elf.« »Okay, und arbeitest du gerne hier?« »Oh ja, Sir! Das ist für mich der beste Teil des Tages.« »So, so. Ich glaube, es ist an der Zeit, dass ich dich für all die Arbeiten bezahle, die du hier erledigst.« Mein Herz vollführte einen kleinen Tanz. Ich arbeitete wahnsinnig gerne in der Praxis und hoffte, dass er es ernst meinte. »Aber … muss ich nicht noch für Bürschchens Operation bezahlen?« »Die Schuld hast du inzwischen beglichen«, sagte Mr Barnett mit einer wegwerfenden Handbewegung. »Wenn dein Vater damit einverstanden ist, würde ich dich gerne dafür bezahlen, dass du mir auch in Zukunft nach der Schule hilfst. Du hast ein Händchen für Tiere. Sie mögen dich.« Beinahe wäre ich bei diesen freundlichen Worten in Tränen ausgebrochen. Ich musste heftig schlucken und ganz schnell blinzeln, um es nicht zu tun. »I-ich werde Pop fragen, wenn ich nach Hause gehe. Aber bestimmt hat er nichts dagegen.« Und er hatte nichts dagegen gehabt. Die Weltwirtschaftskrise warf immer noch einen Schatten auf das Land und viele Menschen waren darauf angewiesen, sich etwas dazuzuverdienen. Aber ich merkte, dass Pop enttäuscht war, weil ich mich nicht mehr für die Werkstatt interessierte, mit der er seinen Lebensunterhalt verdiente. »Wenn ich mich umgezogen habe, setze ich mich gleich hin und schreibe diese Rechnung für dich«, erklärte ich Pop jetzt. »Und sag mir, welche Teile ich bestellen soll.« Bürschchen wartete draußen am Fuß der Treppe zu unserer Wohnung, wo er mich mit wedelndem Schwanz begrüßte. Pops Freundin Donna ließ ihn nur ins Haus, wenn ich da war, weil sie fand, dass er stank. Ich begrüßte Bürschchen und sagte ihm, wie froh ich sei, ihn zu 16
sehen, dann sagte ich ihm, er solle draußen warten, während ich die Treppe zu unserer Wohnung hinauflief, um meine Stallklamotten auszuziehen. »Du klingst wie eine ganze Herde Elefanten, wenn du die Treppe heraufkommst!«, meckerte Donna von ihrem üblichen Platz auf unserem durchgesessenen Sofa aus. Sie trug immer noch ihren Morgenmantel und war von einer Wolke aus Zigarettenqualm umgeben. »Tut mir leid. Ich habe noch meine Arbeitsschuhe an.« Ich streifte sie an der Tür ab und öffnete eines der Wohnzimmerfenster. Es war beinahe Zeit fürs Abendessen, aber ein schneller Blick in die Küche verriet mir, dass Donna noch nicht angefangen hatte, irgendetwas vorzubereiten. Mein Pop liebte Donna, also gab ich mir wirklich Mühe, sie zu mögen. Aber ich hatte den Verdacht, dass Donna glücklicher wäre, wenn ich auszog und sie Pop ganz für sich hätte. Nach Mamas Tod war er einsam gewesen und hatte angefangen, jeden Abend in der Crow Bar zu trinken, in der Donna als Kellnerin arbeitete. Die ganze Stadt wusste, dass sie hier lebte und dass die beiden nicht verheiratet waren. Und ich war alt genug, um mich dafür zu schämen. Aber ich verstand Pops Einsamkeit und dass er jemanden zum Reden brauchte. Mama hatte ihm früher nach einem langen Arbeitstag die Schultern massiert und dafür gesorgt, dass ein warmes Essen auf dem Tisch stand, auch wenn das Geld knapp war, weil noch eine Hypothek für seine Werkstatt bezahlt werden musste. Mama hatte aus abgelegten Dingen Kleider für mich genäht und mich mit gebürsteten und geflochtenen Haaren in die Schule geschickt. Aber an dem letzten Morgen, als ich sie gesehen hatte, war sie mir sehr müde erschienen. Zu müde, um mich zu kämmen oder meine Butterbrote zu machen. Sie saß in einem Sessel in unserem Wohnzimmer, ihre geschwollenen Knöchel auf dem Schemel. »Kannst du heute mal dein eigenes Mittagessen einpacken wie ein großes Mädchen?«, fragte sie. »Okay, Mama.« Ich strich Gelee auf ein übrig gebliebenes Brötchen und tat noch einen Apfel in meinen Essensbeutel. Bevor ich zur Schule aufbrach, nahm Mama meine Hand und legte sie 17
auf ihren Bauch, damit ich fühlen konnte, wie unser Baby darin strampelte. Ich sah sie nie wieder. Pop kam mittags zum Essen nach Hause und fand sie auf dem Boden liegend. Er trug sie zum Auto und raste zum Lukas-Hospital, aber es war zu spät. Mama und unser Baby starben beide wenige Stunden später. Die Fahrt zum Veteranenhospital, um Jimmy zu sehen, bereitete mir noch immer Kopfschmerzen, als ich nach unten ging, um in Pops vollgestopftem Büro zu arbeiten. Überall hing der vertraute Geruch von Motorenöl und Abgasen. Bürschchen lag zu meinen Füßen wie mein Schatten, während ich Rechnungen schrieb und neue Keilriemen und Zündkerzen bestellte. Ein paar Rechnungen mussten bezahlt werden, aber die Geschäfte der Werkstatt liefen gut und es kam mehr Geld rein als rausging. Während ich arbeitete, Schecks ausstellte und Zahlen in die Rechenmaschine tippte, streckte ich immer wieder den Arm nach unten, um Bürschchen hinter den Ohren zu kraulen, und betete im Stillen, dass die Ärzte uns sagen würden, Jimmy ginge es besser und er könne morgen nach Hause gehen. Neben Bürschchen hatte auch Jimmy in den schrecklich einsamen Jahren nach Mamas Tod, als zu Hause alles den Bach runterging, geholfen, eine Lücke in meinem Leben zu füllen. Jimmy hatte an meiner Seite in der Praxis gearbeitet, als ich dort angefangen hatte, und auch wenn er vier Jahre älter war als ich, nahm er sich immer die Zeit zu fragen: »Wie geht es dir heute, Peggety?« Genauso hatte es Mama auch immer getan. Ungefähr ein Jahr nach dem Tod meiner Mutter sah Jimmy einmal, wie ich in einer leeren Pferdebox hockte und mir die Augen ausheulte. »Hey, hey! Was ist denn los, Peggety?«, hatte er gefragt. »Nichts … nichts.« Ich schniefte und wischte mir die Nase an meinem Ärmel ab, aber als ich versuchte aufzustehen, drückte er mich sanft wieder hinunter. »Jetzt lass uns mal hier sitzen, dann kannst du mir alles erzählen«, sagte er. Er sank neben mir ins Stroh und wartete, so als hätten wir alle Zeit der Welt, und währenddessen flocht er ein paar 18
Strohhalme zu einem Zopf zusammen. Seiner Geduld konnte ich am Ende nicht widerstehen. Meine Geschichte floss zusammen mit meinen Tränen aus mir heraus. »Ein paar Kinder haben mich auf dem Weg von der Schule nach Hause in den Matsch geschubst und mich dann ausgelacht. Sie machen sich immer über mich lustig und sagen, dass ich die Krätze habe. Manchmal nennen sie mich ›Schmieräffchen‹ und dann machen sie Affengeräusche wegen Pops Werkstatt und weil ich die Schmiere unter den Fingernägeln nicht wegkriege, wenn ich Pop geholfen habe. Aber heute haben sie sich wegen Bürschchen über mich lustig gemacht. Sie haben mich ›Hundemädchen‹ genannt und haben den ganzen Heimweg über gebellt und geheult.« Während ich Jimmy alles erzählte, fühlte ich mich noch einmal ganz furchtbar. »Was sind denn das für Kinder?«, fragte er, als ich fertig war. Er war total wütend. »Sag mir ihre Namen, dann kümmere ich mich darum.« Es waren zu viele, als dass ich ihm die Namen hätte sagen können. »Es spielt keine Rolle«, sagte ich. »Natürlich spielt es eine Rolle!« »Pop sagt, ich muss lernen, ihnen die Stirn zu bieten.« Er hatte auch gesagt: »Stock und Stein brechen mein Gebein, doch Worte bringen keine Pein.« Aber das stimmte nicht. Worte taten auch weh. »Diese Kinder haben aber nicht recht«, sagte Jimmy. »Du bist ein tolles Mädchen, Peggety. Und Bürschchen ist einer der tapfersten Hunde, die ich kenne.« Bei seinen Worten kamen mir schon wieder die Tränen. »Du solltest deiner Lehrerin erzählen, dass sie dich schikanieren.« »Okay.« Ich hatte genickt, damit er mir glaubte, dass ich es tun würde. Aber in dem Jahr war Miss Hastings meine Lehrerin und sie sah mich genauso an wie die anderen Kinder in meiner Klasse. Ich wollte gerne in ihrer Nähe sein, weil sie so gut roch, wie Mama. Allmählich fing ich an, meine Mama zu vergessen, und das wollte ich nicht. Aber immer, wenn ich Miss Hastings zu nah kam, wich sie ein Stück zurück. 19
Von den Schikanen habe ich ihr natürlich nie erzählt. Die Kinder machten sich weiter über mich lustig und Miss Hastings hielt Abstand zu mir. Aber die Tatsache, dass es Jimmy wichtig gewesen war, dass er all diesen Kindern meinetwegen die Stirn geboten hätte, bedeutete mir alles. »Du bist ein tolles Mädchen, Peggety. Du bist ein tolles Mädchen.« Diese Worte wiederholte ich im Stillen immer wieder. Und ich behielt den kleinen Strohzopf, den er geflochten hatte, um mich an seine Worte zu erinnern. Das war Jahre her, aber ich wünschte mir so sehr, dass Jimmy sich mir jetzt so öffnen könnte, wie ich es damals ihm gegenüber getan hatte. Ich würde ihm zuhören und mein Möglichstes tun, um ihm zu helfen. Es war ein schreckliches Gefühl, meinem besten Freund nicht helfen zu können. Nachdem Donna sich auf den Weg zur Arbeit gemacht hatte, holte ich Bürschchen in mein Zimmer rauf. In dieser Nacht las ich alle Verse aus dem Neuen Testament, die Jimmy in seiner kleinen Bibel unterstrichen hatte, und versuchte, ein Muster zu erkennen, aber es gelang mir nicht. Ich wollte schon aufgeben, als ich sah, dass der erste Vers in Psalm 22 unterstrichen war. »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.« Daneben hatte Jimmy den Namen Gisela an den Rand geschrieben. Ich beschloss, die kleine Bibel mitzunehmen, wenn wir Jimmy am nächsten Tag besuchten. Ich hatte noch immer den kleinen Zopf aus Stroh, den er geflochten hatte, und damit markierte ich die Seite, auf der Psalm 22 stand. Früher hatte Jimmy an Gott und ans Beten geglaubt. Ob er das wohl immer noch tat? Ich schaltete das Licht aus und rief mir das Gesicht der Frau auf dem Foto in Erinnerung. »Wer bist du, Gisela?«, fragte ich das lächelnde Mädchen. »Was ist geschehen, dass Jimmy es nicht ertragen kann, darüber zu sprechen?«
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Kapitel 2
Gisela Berlin, Deutschland November 1938 An dem Tag, an dem die Welt für mich und meine Familie unterging, geschah dies nicht durch eine Sintflut wie damals bei unseren Vorfahren zur Zeit Noahs. Sie ging mit Feuer unter. Dieser Tag war der 9. November 1938, mein 16. Geburtstag. Wir hatten in unserer Wohnung im jüdischen Viertel von Berlin, wo die Familie von Mutti und Vati seit Generationen lebte, in aller Stille gefeiert. Aber im Gegensatz zu früheren Geburtstagen, an denen es in unserer Wohnung nur so von Tanten und Onkeln und Cousins und Cousinen gewimmelt hatte, waren nur Mutti und Vati und meine zehnjährige Schwester Ruthie da, um mit mir zu feiern. Unsere Familie hatte das Unheil schon fünf Jahre vorher gespürt, als Adolf Hitler an die Macht gekommen war, und meine Onkel hatten sofort nach Wegen gesucht, wie sie aus Berlin entkommen könnten. Aber mein Vater hatte sich geweigert zu fliehen. »Dieser Sturm wird sich wieder legen«, behauptete er steif und fest, nachdem der Reichstag 1933 gebrannt hatte. »So wie bei den Gezeiten kann das Wasser steigen, aber es wird sich auch wieder zurückziehen. Die Menschen werden zur Vernunft kommen. Die Nazipartei wird nicht lange an der Macht bleiben.« Doch das Wasser hatte sich nicht zurückgezogen. Es stieg immer höher und höher, bis es zu einer überwältigenden Flut wurde. Die zwei Brüder von Vati wollten in die USA auswandern, erfuhren aber, dass es Einwanderungsquoten gab und nur eine 21
begrenzte Anzahl Juden jedes Jahr einreisen durfte. Daraufhin ging Onkel Hermann nach Ecuador und Onkel Aaron nach Kuba, wo sie darauf warteten, in die Vereinigten Staaten einreisen zu dürfen. Muttis Bruder und seine Familie zogen nach Paris und nahmen meine geliebte Großmutter mit. Meine Eltern und ich waren die Einzigen, die in Berlin zurückblieben. An dem grauen Novembernachmittag meines Geburtstags, als Ruthie und ich von unserer jüdischen Schule nach Hause eilten, glich die Nervosität auf den Straßen Berlins einem Bienenstock, in dem jemand herumstocherte. Vati kam früh von der Arbeit nach Hause. Er tat so, als täte er das für mich, aber ich sah die Sorge und Angst in seinen Augen. Ich rettete seine Zeitung aus dem Mülleimer und überflog die Schlagzeilen. Ein deutscher Diplomat namens Ernst vom Rath war von einem siebzehnjährigen Juden in Paris ermordet worden. Es wirkte wie ein unwahrscheinlicher Funke, so viele Kilometer von Berlin entfernt, aber er entzündete einen Flächenbrand und löste einen Feuersturm von Hass aus, der von vielen als »Reichskristallnacht« bezeichnet wurde – die Nacht des zerbrochenen Glases. Eine Nacht des Schreckens. Vati hatte mir zum Geburtstag einen Band mit Gedichten der amerikanischen Schriftstellerin Emily Dickinson geschenkt. Es war ein wunderschönes Buch mit goldenen Buchstaben auf dem Ledereinband. Die Gedichte waren in Englisch, einer Sprache, die ich gerade lernte. Muttis Geburtstagsgeschenk für mich war eine Perlenkette, die einmal ihrer Großmutter gehört hatte. Ich hatte die Perlen gerade angelegt und genoss das kühle, seidige Gefühl auf meiner Haut, als wir auf der Straße unter unserer Wohnung Rufe und Schreie hörten. Wir rannten zum Fenster und sahen voller Entsetzen dabei zu, wie junge Männer von der Hitlerjugend in unsere Straße gerannt kamen, die Schaufenster der Läden im Erdgeschoss einschlugen und die Regale plünderten. Als die jüdischen Inhaber versuchten, sie aufzuhalten, zerrten die Jugendlichen sie auf die Straße und prügelten erbarmungslos auf sie ein. Die wütenden Rufe und die Schreie, die uns das Blut in den Adern gefrieren ließen, kamen uns vor wie ein Albtraum. 22
Dann sah Vati Rauch und Flammen aus der Synagoge ein Stück die Straße hinunter aufsteigen und er lief, um seinen Mantel zu holen. »Daniel, nicht!«, flehte Mutti. »Bitte geh nicht da raus! Bitte!« »Ich muss helfen, die heiligen Bücher zu retten«, erwiderte er. »Mach das Licht aus, Elise, und geh nicht an die Tür.« Die Feuerwehrmänner kamen zwar, aber mit ihren Wasserschläuchen schützten sie nur die Gebäude, die Nichtjuden gehörten. Um unsere Synagoge kümmerten sie sich nicht. Ich zitterte am ganzen Körper, während der Schrecken mich überwältigte. Vati! Mein geliebter Vati war da draußen! Mutti zog mich vom Fenster weg und schickte Ruthie und mich ins Elternschlafzimmer, wo wir uns verstecken sollten. Der Rauchgestank kroch in die ganze Wohnung, während die Nacht quälend langsam verstrich. Das Geräusch von zerberstendem Glas ertönte immer wieder, als würden Tausende Kronleuchter zu Boden geworfen. Als die Reichskristallnacht nach zwei Tagen endlich vorbei war, erfuhren wir, dass Hunderte jüdischer Gebäude und Geschäfte in ganz Berlin angezündet worden waren. Jüdische Häuser und Schulen und Krankenhäuser waren geplündert und mit Äxten und Knüppeln und Vorschlaghämmern zertrümmert worden. Hunderte Juden waren zusammengeschlagen und abgeschlachtet worden. Als die letzten Flammen erstarben und der Rauch sich verzogen hatte, war ich kein Kind mehr. Vati kam nie wieder nach Hause. Zwei Monate lang warteten wir angespannt darauf, dass wir erfuhren, was mit ihm geschehen war. Im Januar erhielten wir endlich eine Postkarte von ihm und weinten vor Erleichterung, weil wir wussten, dass er noch am Leben war. Er war mit Tausenden anderer jüdischer Männer verhaftet und ins Konzentrationslager Buchenwald gebracht worden. Man hat ihm nie einen Grund genannt oder gesagt, was ihm vorgeworfen wurde. Die Nazis brauchten keinen Grund. Nimm die Mädchen und verlass sofort Berlin stand auf der Postkarte. Geht zu meinem Bruder Aaron. Ich liebe Dich mehr, als ich jemals in Worte fassen kann. Mutti weinte drei Stunden lang, als sie das gelesen hatte. 23
»Wir müssen nach Kuba, so wie Vati es gesagt hat«, erklärte ich ihr, als sie sich endlich beruhigt hatte. »Weißt du, ob er ein Visum und eine Aufenthaltserlaubnis für uns bekommen hat?« Wieder kamen Mutti die Tränen und sie schüttelte den Kopf. »Davon weiß ich nichts. Er wollte nicht, dass ich mir Sorgen mache. Ich habe keine Ahnung, wo ich überhaupt anfangen soll.« Mutti versank in einer solchen Verzweiflung, dass ich nicht sicher war, ob sie jemals aus diesem tiefen Loch wieder würde herausklettern können. Sie hatte sich in allen Dingen auf Vati verlassen und er hatte sie verwöhnt und auf Händen getragen. Noch nie hatte sie länger als einen Tag im Voraus planen müssen und jetzt konnte sie es nicht. Wenn meine Mutter, meine Schwester und ich jemals in Kuba Zuflucht finden sollten, würde ich diejenige sein, die uns würde retten müssen. Ich fing damit an, dass ich zu Vatis Anwaltspraxis ging. Ich stapfte allein durch die verschneiten Straßen, weil es Juden nicht gestattet war, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen. Einer von Vatis Partnern, Herr Kessler, war schon seit vielen Jahren mit uns befreundet. Auch noch, als es schon verboten war, Umgang mit uns zu pflegen. Er wirkte erschüttert, als ich ihm sagte, dass Vati in Buchenwald sei. »Es tut mir wirklich leid, das zu hören«, sagte er, als er seine Fassung wiedererlangt hatte. »Er will, dass wir nach Havanna fliehen, Herr Kessler, aber Mutti weiß nicht, wo unsere Papiere sind.« Er sah mich an und seine Miene hellte sich auf. »Die sind hier. Die kubanischen Papiere sind hier in unserem Bürotresor. Dein Vater hat die eidesstaatlichen Erklärungen und die anderen Unterlagen, die deine Familie braucht, um Visa für die USA zu bekommen, und ihr steht auf der Warteliste.« Meine Erleichterung war so groß, dass meine Knie unter mir nachgaben und ich zu Boden sank. Herr Kessler eilte um seinen Schreibtisch herum und half mir auf einen Stuhl, bevor er seine Sekretärin rief, die mir eine Tasse Kaffee bringen sollte. »Außerdem hat er Geld für eure Schiffspassage in den Tresor getan, aber es war noch nicht genug. Er musste für die Papiere ungeheuer viel bezahlen. Er wollte noch ein paar Dinge verkaufen.« 24
»Wir können diese Perlen verkaufen«, sagte ich und suchte nach dem Verschluss der Halskette, die Mutti mir zum Geburtstag geschenkt hatte. Ich legte sie nur selten ab. »Nein, mein liebes Kind«, sagte Herr Kessler mit sanfter Stimme. »Die sind für dich und deine Familie von großem Wert. Behalte sie. Ich komme nach Einbruch der Dunkelheit bei euch vorbei und spreche mit deiner Mutter. Und ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, um deinen Vater aus Buchenwald herauszuholen, aber ihr drei müsst so bald wie möglich nach Kuba fliehen.« In den folgenden Wochen half Herr Kessler uns, unser restliches Hab und Gut zu verkaufen, um an Geld zu kommen. Er musste das heimlich tun und behauptete, Vati schulde ihm Geld und zum Ausgleich würde unser Besitz beschlagnahmt. Wir schickten Vati ein Päckchen mit Essen und warme Socken nach Buchenwald und lebten wie Vagabunden in unserer fast leeren Wohnung, während wir warteten. Und dann im Mai ein Wunder! Gott teilte das Rote Meer für Vati. Das verdankten wir Herrn Kesslers Bemühungen hinter den Kulissen, war meine Vermutung. Mein Vater schickte uns eine Postkarte, auf der stand, dass er und eine Handvoll anderer jüdischer Gefangener aus Buchenwald entlassen werden würden, unter der Bedingung, dass sie Deutschland innerhalb von zwei Wochen verließen. Allerdings durften sie ihre Familien nicht mitnehmen. So rannte ich an einem sonnigen Frühlingstag mit Vatis Postkarte in der Hand quer durch Berlin zu Herrn Kesslers Büro. Er freute sich sehr für uns. »Ich sage meiner Sekretärin, dass sie alle Schifffahrtsgesellschaften heraussuchen soll«, sagte er. »Und dann buchen wir für euch die erste Reise nach Kuba, die wir finden.« »Aber Vati darf doch nicht mit uns reisen.« »Ich weiß. Aber vielleicht können wir das umgehen, wenn ich sein Ticket in der Touristenklasse buche und deine Mutter und euch Kinder eines in der ersten Klasse. Dann könnt ihr euch an Bord treffen.« 25
Ich umarmte Herrn Kessler. »Wie sollen wir Ihnen jemals für alles danken, was Sie getan haben?« »Das ist nicht nötig. Dein Vater ist ein guter Mensch. Deine Familie hat nichts von alldem verdient.« Herr Kessler fand heraus, dass das Luxusschiff der Hamburg Amerika Line, die St. Louis, am 13. Mai von Hamburg aus zu einer Sonderfahrt nach Havanna aufbrechen würde. Mehr als 900 Passagiere würden an Bord sein, die meisten von ihnen Juden. Jedes Ticket in der ersten Klasse kostete 800 Reichsmark, in der Touristenklasse 600. Außerdem verlangten die Nazis, dass wir jeder noch 230 Reichsmark für die Rückreise bezahlten, obwohl keiner von uns vorhatte zurückzukommen. Nachdem wir die Schiffspassagen und unsere Bahnfahrt nach Hamburg bezahlt hatten, war kaum noch etwas von unserem Geld übrig. Aber das war egal. Die Regierung erlaubte uns ohnehin nicht, mehr als 10 Reichsmark pro Person in der Tasche zu haben, wenn wir abreisten. Sechs Monate nach der Reichskristallnacht war unsere Not fast vorbei. Unsere Familie würde auf Kuba sicher sein, während wir darauf warteten, dass wir in die Vereinigten Staaten einreisen durften. Auf der Bahnfahrt von Berlin nach Hamburg war ich so nervös, dass ich Bauchweh bekam. Würde Vati wirklich dort auf uns warten? Würden die Nazis uns tatsächlich gehen lassen? Ich machte mir Sorgen um tausend Dinge, die schieflaufen könnten, aber vor allem fürchtete ich, dass sich alles als ein grausamer, sadistischer Trick erwies und wir am Ende gar nichts mehr haben würden – keinen Vater, kein Geld, keinen Besitz und kein Zuhause in Berlin, zu dem wir zurückkehren konnten. Aber trotz meiner Ängste machte ich Mutti und Ruthie Mut. Das war jetzt meine Aufgabe. Als wir an diesem Abend am Hamburger Hafen eintrafen, erstreckte sich die Schlange aus Passagieren, die an Bord gehen wollten, über den gesamten Anleger bis hin zur Gangway. Ich blieb staunend stehen, um das riesige Schiff zu betrachten. Von meinem Standort aus war es unmöglich, den ganzen Dampfer zu sehen, aber der Anblick des großen schwarzen Schiffsrump26
fes, des glänzend weißen oberen Teils mit den daran befestigten Rettungsbooten und der beiden dampfenden Schornsteine, die rot, weiß und schwarz gestrichen waren, machte mir wieder Mut. Eine Blaskapelle spielte Marschmusik, um uns zu verabschieden. Es kam mir so vor, als würden die Nazis unsere Abreise feiern und »Endlich sind wir sie los!« sagen, vor allem, als ich die Flaggen mit den Hakenkreuzen an Bord der St. Louis sah. Einen Moment lang hatte ich schreckliche Angst, dass wir ein schwimmendes Gefängnis betreten würden. »Wo ist Vati?«, flüsterte Mutti und sah sich um, während wir uns in die Schlange der Wartenden einreihten. »Seht ihr ihn irgendwo?« Ich konnte ihn nicht ausmachen. Langsam schoben wir uns vorwärts und näherten uns Zentimeter für Zentimeter der Gangway. Das Wasser hob sich und schlug gegen den Hafendamm und den Schiffsrumpf. Die Taue, die das Schiff an Land festhielten, waren dicker als meine Beine. »Wir sollten nicht am Sabbat abfahren«, hörte ich eine Frau hinter mir sagen. »Außerdem ist heute der 13. Das sind sehr schlechte Omen.« »Abergläubischer Unsinn«, erwiderte ein Mann. »Selbst wenn es Unsinn ist«, sagte sie, »sollten wir nicht den Sabbat brechen.« Als wir endlich an der Reihe waren und an Bord gehen konnten, blieb meine Mutter stehen, als hätte sie beschlossen, keinen Schritt weiterzugehen. Sie hatte Vati immer noch nicht gesehen und bestand seit Monaten darauf, dass sie nicht ohne ihn nach Kuba reisen würde. »Vielleicht ist er ja schon auf dem Schiff«, flüsterte ich ihr zu. »Komm und mach keinen Aufstand. Er darf doch eigentlich nicht mit uns reisen, erinnerst du dich?« Ein Steward brachte uns zu unserem holzgetäfelten Prunkgemach. Ich war noch nie an Bord eines Schiffes gewesen und betrat es als Letzte, wobei ich nicht aufhören konnte, die herrliche Innenausstattung anzustarren. Alles erinnerte mich an die vornehmen Hotels, in denen wir früher Urlaub gemacht hatten. Nachdem der Steward gegangen war, wollte ich gerade die Tür schließen, als ich eine Bewegung im Schatten vor unserer Kajüte 27
sah. Es war Vati! Ich stieß einen Schrei aus und rannte in seine Arme. Mutti und Ruthie hörten mich und liefen ebenfalls hinaus, um ihn zu umarmen. »Daniel! Oh, Daniel! Ich dachte, ich würde dich nie wiedersehen«, weinte Mutti. Sie klammerte sich an ihn, als wollte sie ihn nie wieder loslassen. Ich hörte Stimmen auf dem Korridor näher kommen und schob die anderen schnell in unser Zimmer und schloss die Tür. »Ich darf eigentlich nicht auf dieses Deck«, sagte Vati, »aber ich musste dich einfach sehen, Elise. Ich musste wissen, dass du mit den Mädchen hier bist. Dass ihr in Sicherheit seid.« »Bleib bei uns, Daniel. Wer sollte es schon erfahren?« »Die Stewards auf dem unteren Deck wissen, wer die ehemaligen Gefangenen aus Buchenwald sind. Sie werden merken, wenn jemand fehlt. Wir haben dort unten ein schönes Quartier, ein Deck, Gemeinschaftsräume und einen eigenen Speisesaal, getrennt von der ersten Klasse. Mir wird es dort gut gehen, Elise. Wenn wir auf See sind, werden wir einen Ort finden, an dem wir uns jeden Tag treffen können. Die Reise dauert ja nur zwei Wochen.« Ich wischte Tränen der Freude und Erleichterung fort. Vati war wieder mit uns vereint. Jetzt musste ich unsere Familie nicht mehr zusammenhalten. Seit der Kristallnacht hatte ich immerzu das Gefühl gehabt, eine riesige Last auf dem Rücken herumzuschleppen, weil ich die Verantwortung für meine Mutter und meine Schwester trug. Jetzt konnte ich sie endlich ablegen. Ich konnte mich entspannen und die Reise genießen und ich wollte jeden Augenblick unseres Weges in die Freiheit bewusst erleben, auch unsere Abreise. »Wir setzen bestimmt bald die Segel«, sagte ich. »Ich gehe an Deck, um zu sehen, wie wir ablegen, wenn ihr nichts dagegen habt. Komm mit, Ruthie.« Ich nahm meine Schwester an der Hand und öffnete die Tür, ohne die Antwort meiner Eltern abzuwarten. Die beiden brauchten ein paar ungestörte Minuten, nachdem sie so lange getrennt gewesen waren. Die Passagiere mit ihren ernsten Mienen, die sich schon an der Reling versammelt hatten, hatten eine merkwürdig dämpfende 28
Wirkung auf mich. Ich fragte mich, ob sie dieselben gemischten Gefühle hatten wie ich – Erleichterung, den Flammen der Verfolgung entflohen zu sein, aber zugleich Kummer beim Abschied unserer Heimat, der Heimat unserer Vorfahren. Würden wir Deutschland jemals wiedersehen? Einige Passagiere winkten den Menschen auf dem Anleger unter uns zu, aber wir hatten niemanden, dem wir hätten zuwinken können. Die Kapelle spielte weiter und ignorierte die gebrüllten Befehle der Matrosen und Hafenarbeiter, als sie die Gangway hinaufzogen und die Leinen losmachten. Das plötzliche Schrillen der Schiffssirene ließ mich zusammenzucken und ich hielt mir die Ohren zu. Ruthie schrie erschrocken auf, doch dann sahen wir uns an und lachten. Die Kapelle an Land hörte auf zu spielen. Dann erbebte das Schiff unter mir und wir setzten uns in Bewegung. Der Wassergraben, der uns vom Ufer trennte, wurde immer breiter. Ich wollte sehen, wie die Stadt Hamburg allmählich kleiner wurde, bis sie nicht mehr zu sehen war. Mein altes Leben endete und ein neues begann. »Ganz pünktlich«, sagte eine Stimme hinter mir. Ich drehte mich um und sah, wie ein junger Mann, der etwa so alt war wie ich, auf seine Taschenuhr blickte. »Die Deutschen sind immer pünktlich.« Er klappte die Uhr zu und steckte sie wieder in seine Hosentasche. Mit seinen honigfarbenen Haaren und den Augen, die so grünblau waren wie das Wasser, sah er aus wie ein Filmstar. Ich fragte mich, ob er ein Goj war und es trotzdem wagen würde, mit mir zu sprechen, wo ich doch Jüdin war. Er lächelte und streckte die Hand aus. »Guten Abend. Ich heiße Sam Shapiro.« Ein jüdischer Name. Ich erwiderte das Lächeln und ließ Ruthies Hand los, um seine zu ergreifen. Das war das erste Mal, dass ich Sams starke, warme Hand in meiner hielt. »Ich heiße Gisela«, sagte ich zu ihm. »Gisela Wolff.« »Das kannst du jetzt abnehmen«, sagte er und zeigte auf den gelben Stern, den wir an unserer Kleidung tragen mussten. »Wir sind nicht mehr in Deutschland. Wir sind frei.«
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