Einen Mann, der sie hasste, um Hilfe zu bitten, war schwer. Richtig schwer. Aber sie hatte keine andere Möglichkeit. Jack Colby war ihre letzte Chance. Trotz des kühlen Windes hier in Oregon, der durch den Dockside Drive wehte, rann Christi Reece ein Schweißtropfen über die Schläfe, während Jack seinen Einkauf an dem Essensstand im Hafen beendete. Sie löste verkrampft eine Hand, an der ihre Fingerknöchel weiß hervortraten, vom Lenkrad, atmete die salzige Meeresluft von Hope Harbor tief ein und tupfte sich die Stirn trocken, um den sichtbaren Beweis für ihre Nervosität wegzuwischen. Ihre Magenkrämpfe und das unruhige Rasen ihres Herzens waren zum Glück äußerlich nicht zu sehen. Aus dem weißen Lieferwagen, auf den Jack an diesem sonnigen Aprilnachmittag zugesteuert war, strömte ein so verlockender Duft, dass Christis Magen knurrte. Aber Essen war unwichtig – auch wenn ihre letzte Mahlzeit Stunden zurücklag und nur aus einem alten Brötchen und Kaffee von der Tankstelle bestanden hatte. Der Mann, zu dem sie über dreißig Stunden gefahren war, blieb am Stand stehen und wechselte ein paar Worte mit dem Koch, der die Baseballkappe über seinem langen, grauen Pferdeschwanz zurückschob und in Jacks Lachen einstimmte. Immer noch lächelnd hob Jack die Hand zum Abschied, nahm die braune Tüte, in der sich sein Essen befand, und schlenderte in ihre Richtung. Wenn sein Herz im Laufe der Zeit nicht weicher geworden war, würde dieses Lächeln bald verschwinden. Christi ballte die Hände zu verkrampften Fäusten und trat auf ihn zu. Im Gegensatz zu ihr hatten es die Jahre gut mit ihm gemeint. Der attraktive dreiundzwanzigjährige Mann, der Farbe und Glück in jenen sorglosen Sommer gebracht hatte, war erwachsen geworden. Reifer. Er strahlte Gelassenheit und ruhiges Selbstbewusstsein aus, die ihn noch interessanter machten als früher und seine Attraktivität verstärkten. Kurz vor ihm blieb Christi stehen und versuchte, ihre streikende Lunge mit Luft zu füllen. »Hallo, Jack.« Die Begrüßung klang aufgrund der Erkältung, mit der sie sich in der letzten Woche herumgeschlagen hatte, ein wenig heiser. Sein Lächeln verschwand und zwei Falten gruben sich in seine Stirn. »Entschuldigung. Kennen wir uns?« Er erkannte sie immer noch nicht. »Es ist eine Weile her.« Sie atmete zitternd ein und nahm ihre Sonnenbrille ab. »Christi Reece.« Als der Name der Frau, die vor Jahren sein Herz gestohlen hatte – und dann darauf herumgetrampelt war –, in der stillen, friedlichen Atmosphäre der Stadt widerhallte, die jetzt sein Zuhause war, blieb Jack die Luft weg. Christi Reece war hier? Unmöglich. Aber als er sie musterte, traf ihn die Realität wie ein Schlag ins Gesicht. Ihr Haar war kürzer und nicht mehr hellblond. Die letzten zehn Jahre hatten ihrer Haut etwas von der jugendlichen Ausstrahlung geraubt und einen dunklen Schatten unter ihre langen, dichten Wimpern geworfen. Aber das strahlende Kornblumenblau ihrer Augen war ungetrübt und die Lippen, die seinen Mund leidenschaftlich geküsst hatten, sahen genauso weich aus wie früher, auch wenn die Mundwinkel leicht nach unten hingen. Sie war es, auch wenn ihre Stimme tiefer klang als in seiner Erinnerung. Sein Magen verkrampfte sich und er schluckte den plötzlichen bitteren Geschmack in seinem Mund hinunter.
Warum brach sie nach so vielen Jahren in seine Welt ein? Und trübte das neue Leben, das er sich weit entfernt von seinen Wurzeln im Mittleren Westen aufgebaut hatte? Und ließ die Erinnerungen an den Tag, an dem seine Welt in Trümmern zerfallen war, wieder erwachen? Jack knirschte mit den Zähnen. Sein Appetit war wie weggeblasen, trotz des verlockenden Dufts von Charleys Tacos, der aus der Tüte aufstieg, die er verkrampft in den Fingern hielt. »Was machst du hier?« Wenn die Frage härter und unfreundlicher klang, als er beabsichtigte, konnte er das nicht ändern. Er konnte seine Gefühle nicht leugnen. Sie schob eine Haarsträhne hinter ihr Ohr. »Ich bin deinetwegen hier. Ich wi-will mit dir sprechen.« »Ich habe dir nichts zu sagen.« Jack zog seine Sonnenbrille heraus, setzte sie auf und wollte schnell verschwinden. Als spüre sie seine Absicht, trat Christi einen Schritt näher und hielt die Handflächen in einer beschwichtigenden Geste hoch. »Ich weiß, dass ich dich verletzt habe. Ich weiß, dass das, was ich getan habe, falsch war. Mehr als falsch. Es war gefühllos und grausam. Seitdem ist kein Tag vergangen, an dem ich mein Verhalten nicht bereut hätte. Wenn ich es wiedergutmachen könnte, würde ich es tun.« Er wappnete sich gegen die Tränen in ihrer Stimme. »Was zwischen uns passiert ist, ist eine uralte Geschichte. Wenn du gekommen bist, um die Sache endgültig abzuschließen, dann betrachte sie als abgeschlossen.« Er drehte sich auf dem Absatz um und marschierte davon. »Jack, warte! Bitte! Ich brauche deine Hilfe.« Bitte? Er blieb abrupt stehen. Wie konnte diese Frau, die ihn benutzt und verletzt hatte, immer noch die Macht haben, direkt sein Herz zu berühren? Aber er hatte schon immer eine Schwäche für Menschen gehabt, die in Schwierigkeiten steckten – besonders wenn sie verzweifelt waren. Und Christi klang verzweifelt. Er wappnete sich und drehte sich langsam zu ihr um. Ein großer Fehler. Sie war ihm gefolgt und stand dicht hinter ihm. Eine Träne hing an ihrer Wimper und drohte über ihre Wange zu laufen. Sein Magen zog sich zusammen, als er einen schnellen Schritt zurücktrat. Das half auch nicht. Der Anblick, wie diese früher so beherrschte, selbstsichere Frau den Tränen nahe war, weckte in ihm einen starken – und ungewollten – Beschützerinstinkt. »Was für eine Art von Hilfe?« Er nahm die einschüchternde, breitbeinige Haltung an, die ihm als Polizist immer zugutekam und die seine Entschlossenheit, Abstand zu halten, stärkte. »Ich brauche Geld. Einen Kredit. Ich zahle ihn dir so schnell wie möglich zurück. Mit Zinsen.« Sie nannte eine Summe. Hoch, aber nicht zu viel für seine Verhältnisse. »Warum kommst du ausgerechnet zu mir?« Ihr Blick schweifte zu zwei Möwen, die neben ihnen auf der Erde landeten und sich aneinanderschmiegten. »Weil ich dir früher einmal etwas bedeutet habe.« Er würde auf die Wehmut in ihrer Stimme nicht hereinfallen, die klang, als hätte sie damals auch Gefühle für ihn gehabt. Er wusste es besser. Jack kniff die Augen zusammen. »Das ist ein ganz schöner Batzen Geld. Wie kommst du auf die Idee, dass ich so viel habe?« »Ich habe vor zwei Wochen deinen Debütroman in der Buchhandlung gesehen. Unter den Bestsellern.« Christi schaute ihn unverwandt an – ein Zeichen, dass sie die Wahrheit sagte. »Ich habe das Buch in die Hand genommen, weil mich der Titel ansprach, und als ich es umdrehte, habe ich auf der Rückseite dein Foto gesehen. Dort stand zwar ein anderer Name, aber ich wusste, dass du es bist. Ich erinnerte mich daran, dass du schon immer davon gesprochen hattest, eines Tages ein Buch zu schreiben. Als ich das Buch entdeckte, war das
wie ein Zeichen von oben. Eine Erhörung meiner Gebete um Führung.« Er versuchte gar nicht erst, seine Skepsis zu verbergen. »Seit wann hast du etwas mit Religion am Hut?« »Ich habe im Laufe der Jahre einiges gelernt.« »Warum brauchst du eine so große Summe?« »Ich muss einer Verpflichtung nachkommen.« Die zwei Möwen standen auf und watschelten näher, um dieses menschliche Schauspiel mit ihren Vogelaugen zu verfolgen. Sonderbar. Warum umschwirrten sie nicht andere Touristen und bettelten um Futter oder folgten den Fischerbooten wie alle anderen Möwen? »Es tut mir leid, dass du finanzielle Probleme hast.« Diese Bemerkung war bestenfalls oberflächlich. Christis Schwierigkeiten waren nicht sein Problem. »Aber du warst immer sehr geschickt darin zu bekommen, was du wolltest. Dieses Talent wird dir jetzt bestimmt auch helfen.« Ihre Lippen zitterten. »Ich habe sonst niemanden, an den ich mich wenden könnte, Jack. Sonst wäre ich nicht hier. Du warst meine letzte Hoffnung.« Warst. Vergangenheitsform. Das klang nicht gut. Verzweifelte Menschen neigten zu verzweifelten Schritten. Aber auch das war nicht sein Problem. Jack trat einen weiteren Schritt zurück. »Dir wird schon etwas einfallen.« Eine der Möwen vor seinen Füßen schlug mit den Flügeln, schaute ihn mit ihren Knopfaugen an und gab einen krächzenden Ton von sich, der wie eine Schelte klang. Er verkniff sich ein Schnauben. Als ob Möwen zu einer solchen Reaktion fähig wären! Der Vogel hoffte zweifellos auf ein Stück von seinen Fischtacos. Er wollte etwas von ihm. Genauso wie die Frau, die vor ihm stand. Sie hatten beide kein Glück. Christis Schultern sackten resigniert nach unten und sie wirkte sehr deprimiert. »Ich wusste, dass die Chancen schlecht standen, aber außer Benzingeld hatte ich nichts zu verlieren.« Ein paar schweigende Sekunden vergingen. Es gab nichts mehr zu sagen – es sei denn, er bot ihr den Kredit an, um den sie ihn gebeten hatte. Auf keinen Fall. Er verstärkte seinen Griff um seine Tacotüte – die Tacos mussten mittlerweile schon kalt geworden sein –, wandte sich ab und marschierte auf seinen Jeep zu. Er würde nicht zurückblicken, weder im buchstäblichen noch im übertragenen Sinn. Christi Reece war Teil seiner Vergangenheit und dort würde sie auch bleiben. Er hatte die Vergangenheit hinter sich gelassen, sich ein neues Leben aufgebaut und seinen Traum verwirklicht, einen Bestseller zu schreiben. Er war genau da, wo er sein wollte. Es hatte ihn Jahre gekostet, diese Frau aus seinen Träumen zu verbannen. Jack würde nicht zulassen, dass sie sich jetzt in sein Leben drängte und den Seelenfrieden und das beschauliche Leben, das er in Hope Harbor führte, durcheinanderbrachte. Auch wenn die schlummernden Gefühle, die sie in ihm geweckt hatte, bereits anfingen, beides in Unordnung zu bringen.