Rachel Dylan
IM VISIER DER MACHT
Kapitel 1 Das wird eine lange Nacht. Vivian Steele überprüfte noch ein letztes Mal ihren pinkfarbenen Lippenstift, bevor sie die Damentoilette verließ und sich in das Haifischbecken begab – offiziell als Diplomatendinner in Washington, D.C., bekannt. Aber dies war nicht irgendein Abendessen. Dies war das erste jährliche Sommerevent in einem schicken Fünf-Sterne-Hotel im Norden Virginias, an dem namhafte Diplomaten aus der ganzen Welt teilnahmen. Vivians Vorgesetzter hatte darauf bestanden, dass sie ebenfalls hinging. Vivian arbeitete im Büro der Rechtsabteilung im Außenministerium und hatte nach sechs Jahren als Anwältin im Staatsdienst mittlerweile eine Menge gesehen und erlebt. Aber nichts verursachte ein solches Unbehagen bei ihr wie solche eleganten Veranstaltungen, bei denen Netzwerker aus der Hauptstadt und der Umgebung sich ein Stelldichein gaben, miteinander plauderten und neue nützliche Beziehungen knüpften. Als sie an ihrem knielangen schwarzen Cocktailkleid heruntersah, hatte Vivian das Gefühl, völlig fehl am Platze zu sein. Rüschen und Glitzer waren überhaupt nicht ihr Ding, deshalb hatte sie sich für einen klassischen Look entschieden. Wenigstens fiel sie damit in der Menge nicht weiter auf. Als sie Layla Karam McCoy auf sich zukommen sah, stieß Vivien einen Seufzer der Erleichterung aus. Ihre beste Freundin hatte seit ihrer Hochzeit gar nicht mehr aufgehört zu strahlen und dieses Strahlen wurde durch ihr langes, glitzerndes, elegantes Abendkleid noch verstärkt. »Was machst du denn hier? Ich hätte nicht gedacht, dass sie Spioninnen hier reinlassen«, witzelte Viv mit gedämpfter Stimme. 5
Layla stöhnte. »Ich wünschte, ich wäre nicht hier, aber ich repräsentiere heute die Behörde. Mein Boss hat sich in letzter Minute aus der Affäre gezogen und mir erklärt, dass ich mir dieses Essen antun muss, erst recht, weil der Job fürs Außenministerium meine Tarnung ist.« Viv trat näher zu ihrer Freundin. »Wie viele von den sogenannten Diplomaten hier gehören wohl in Wirklichkeit zu irgendwelchen Geheimdiensten?« Layla sah sich im Raum um. »Wahrscheinlich zehn Prozent. Vielleicht auch mehr.« Viv hatte schnell gelernt, dass Geheimagenten oft Diplomatenjobs als Tarnung hatten, und das war in anderen Ländern ähnlich. Laylas Tarnung war ein Job als Analystin im Außenministerium. »Hey!« Layla packte Viv am Ellbogen. »Wer ist denn der Muskelprotz mit den dunklen Haaren, der dich die ganze Zeit beobachtet?« »Von wem redest du?«, flüsterte Viv zurück. »Warte einen Moment und dreh dich dann langsam zum Vorspeisenbüfett um.« Viv wartete ein paar Sekunden und sah dann beiläufig in die entsprechende Richtung. Layla hatte nicht übertrieben. Der Mann, von dem sie gesprochen hatte, war deutlich über ein Meter achtzig groß. Er hatte wellige dunkle Haare und war gut gebaut. Sehr gut gebaut. »Ich habe keine Ahnung, wer das ist.« Layla lachte. »Wenn ich mich nicht irre, würde er aber gerne wissen, wer du bist.« »Das bildest du dir ein.« Viv seufzte. »Seit deiner Hochzeit kennst du wirklich nur noch ein Thema.« Layla war fest davon überzeugt, dafür sorgen zu müssen, dass auch Viv den Richtigen fand, aber ihre bisherigen Verkupplungsversuche waren ein ziemlicher Reinfall gewesen. »Ich werde nicht aufgeben.« Layla lächelte schelmisch. Viv warf noch einen Blick zu dem geheimnisvollen Mann hinüber. »Was den Typen betrifft, scheint er jedenfalls sehr wach6
sam zu sein, nicht nur bezogen auf mich. Seine ganze Haltung riecht nach Militär.« Layla drückte die Hand ihrer Freundin. »Ja, aber ich weiß, was ich gesehen habe.« Ein Gong ertönte und bedeutete ihnen, dass es an der Zeit war, ihre Plätze einzunehmen. Leider gab es eine feste Sitzordnung, sodass Viv nicht neben Layla sitzen konnte. »Wir reden anschließend«, sagte Layla. »Oder wenn du mich während der Veranstaltung sprechen musst, schreib mir eine Nachricht, dann rette ich dich vor deinen Tischnachbarn.« »Mach ich.« Viv ging zu ihrem Tisch. Ihre Freundschaft mit Layla war eine der Konstanten in ihrem Leben, für die sie unendlich dankbar war. Pflichtbewusst betrieb Viv höflichen Small Talk an ihrem Tisch, an dem Vertreterinnen und Vertreter mehrerer Länder saßen – die zum Glück allesamt Englisch sprachen. Im Gegensatz zu Layla hatte Viv keine Palette von Sprachkenntnissen zur Verfügung. Ihre einzige Fremdsprache war Spanisch und selbst das sprach sie nicht fließend. Gerade schob sie einen Bissen von ihrem ziemlich faden gebratenen Hühnchenfilet in den Mund, als jemand hinter ihr einen lauten Schrei ausstieß. Instinktiv sprang Viv auf, während um sie herum das Chaos ausbrach, und ihr Pulsschlag beschleunigte sich. Überall im Saal ertönten Rufe und Schreie. Viv rannte zu dem Tisch, an dem die Aufregung ihren Anfang genommen hatte, und sah den ägyptischen Botschafter, der sein Land in den Vereinigten Staaten repräsentierte, regungslos auf dem Fußboden liegen. Ihr Magen zog sich zusammen. Sie kannte diesen Mann – Ali Zidan war ein wichtiger Verbündeter der USA und ein Freund. Ein Mann beugte sich gerade über Zidan, um mit einer HerzLungen-Reanimation zu beginnen, als Zidans Leibwächter erschienen und sich wie eine Schutzmauer um ihn herum aufbauten. Viv war keine Expertin in medizinischen Dingen – sie hatte 7
nur grundlegende Erste-Hilfe-Kenntnisse –, aber sie hatte den Eindruck, dass alle Reanimation der Welt nichts an der Situation ändern würde. Der ägyptische Botschafter war tot. Eine große Hand packte sie am Arm und zog sie zurück. Viv versuchte, sich aus dem festen Griff zu befreien. »Lassen Sie mich los!« »Sie sollten zurücktreten, Ma’am.« Viv blickte in die großen braunen Augen des geheimnisvollen Fremden von vorhin. »Und Sie sind?« »Jacob Cruz, leitender Special Agent vom DSS, Diplomatischer Sicherheitsdienst.« Aha. »Haben Sie gesehen, was passiert ist?« Agent Cruz trat einen Schritt näher. »Moment mal. Jetzt bin ich erst mal dran mit der Frage, wer Sie sind.« Es gab keinen Grund, ihm die kalte Schulter zu zeigen. »Ich bin Vivian Steele. Ich arbeite als Juristin im Außenministerium.« Er runzelte die Stirn. Es musste das Wort Juristin gewesen sein, das diesen finsteren Blick ausgelöst hatte. Sie kannte den Ausdruck. »Bitte treten Sie zurück, Ma’am.« Viv entging nicht, dass er ihre Frage, ob er etwas gesehen hatte, nicht beantwortete, aber angesichts des Tumults im Saal ließ sie die Sache auf sich beruhen und gehorchte. Sie sah sich um und entdeckte Layla, ihr Handy am Ohr. Zweifellos informierte sie die CIA über die Ereignisse. Das Mikrofon am Rednerpult machte ein schrilles pfeifendes Geräusch und dann ergriff der Moderator des Abends das Wort. »Achtung, bitte hören Sie alle zu! Bitte gehen Sie ruhig zu ihren Plätzen zurück. Wir haben einen medizinischen Notfall und müssen Platz für die Sanitäter machen. Wenn bitte alle schnell und ruhig zu ihren Tischen zurückkehren … Ich wiederhole: Bitte nehmen Sie wieder ihre Plätze ein, damit wir den medizinischen Notfall versorgen können.« Die Durchsage wurde in verschiedenen Sprachen wiederholt und schien manche Nerven 8
zu beruhigen, denn die meisten Personen folgten der Aufforderung. Viv sah zu, wie der reglose Körper des Botschafters auf einer Trage hinausgebracht wurde. Sie hatte keine besondere Verbindung zur Abteilung für Nahostbeziehungen, aber bei ihrer juristischen Arbeit kam sie mit allen Regionen in Berührung, deshalb wusste sie, dass Zidans Tod größere Auswirkungen haben würde. Er hatte sich sehr gegen antidemokratische Kräfte in Ägypten starkgemacht. Sein Tod war ein herber Verlust. Viv warf einen Blick auf das Display ihres Smartphones, um nachzusehen, ob jemand angerufen oder geschrieben hatte. Ihre Tischgenossen unterhielten sich aufgeregt über den Botschafter und tauschten Theorien aus. Jemand sagte, der Mann müsse einen Herzinfarkt gehabt haben, während andere bemerkten, dass er Kettenraucher gewesen sei. Viv schwieg. Sie hatte nichts beizutragen und wollte sich nicht an wilden Spekulationen beteiligen. Ein Mann war gerade zusammengebrochen, womöglich sogar gestorben, aber es dauerte nicht lange, bis die Menschen um sie herum wieder anfingen zu essen und zu trinken. In was für einer verrückten Welt wir doch leben. Als das Dessert aufgetragen wurde, hatte Viv bereits heftige Kopfschmerzen, aber sie wusste, dass sie sich noch nicht verabschieden konnte. Sie aß einen Bissen von ihrem Erdbeerkäsekuchen und trank einen Schluck Kaffee, während sie überlegte, was sie als Nächstes tun sollte und wie sie sich aus den Unterhaltungen herausziehen konnte. Einige Gäste hatten ihren Nachtisch bereits stehen lassen, um sich stattdessen den Cocktails zu widmen, und schlenderten zwischen den Tischen herum. Vermutlich gab es nicht wenige, die die Gelegenheit nutzten, um sich von den Personen zu entfernen, mit denen sie die vergangenen zwei Stunden am Tisch gesessen hatten. Viv sah, dass Penelope King, die US-Botschafterin in Belgien, in der Nähe stand und mit dem türkischen Botschafter sprach. Penelope bemerkte Viv und winkte ihr zu. Viv erhob sich, ent9
schuldigte sich bei ihren Tischnachbarn und schob den Stuhl zurück, um sich zu Penelope zu gesellen. Noch während sie näher kam, bemerkte sie, dass Penelopes Gesicht plötzlich aschfahl geworden war. »Botschafterin King, geht es Ihnen nicht gut?« »Viv …« Penelope machte einen Schritt auf sie zu und klammerte sich an Vivs Arm, als sie zu Boden sank. Viv musste alle Kraft aufwenden, dass sie nicht selbst mit nach unten gezogen wurde. Viv kniete sich neben die Botschafterin, während diese sich auf dem Boden krümmte. »Hilfe! Hilfe!«, schrie Viv, so laut sie konnte. Ein tiefes Gefühl der Angst überfiel sie. Was, wenn das Essen vergiftet war? Was, wenn sie alle starben? »Was ist denn los?«, fragte der türkische Botschafter. »Gerade war mit ihr noch alles in Ordnung.« »Ich weiß es nicht.« Vivs Stimme zitterte, genau wie ihre Finger, als sie versuchte, Penelopes Puls zu fühlen. Der türkische Botschafter wich einen Schritt zurück. Im nächsten Moment stürzten einige Sanitäter herbei. Sie befragten Viv, was sie gesehen hatte, und sie fasste es in wenigen Worten zusammen, während sie zur Seite trat. Vivian kannte Penelope. Nicht besonders gut, aber trotzdem war es schockierend, sie dort blass und zitternd auf dem Boden liegen zu sehen. Ihr Körper stand eindeutig unter dem Einfluss irgendeiner Substanz. Das war kein Herzinfarkt. Die Botschafterin war Mitte vierzig, eine trainierte Läuferin und ungeheuer fit. »Sie schon wieder!« Viv drehte sich um und sah, dass Jacob Cruz sie wütend anstarrte. »Typisch Anwältin, immer auf der Suche nach Ärger.« Viv hatte mehr als genügend Juristenwitze und abfällige Bemerkungen über Anwälte gehört und war nicht geneigt, sich zurückzuhalten. »Special Agent Cruz – wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich mir mehr Sorgen darüber machen, ob hier ein 10
ganzer Saal voller Diplomaten in Gefahr ist, und nicht darüber, ob ich Juristin bin oder nicht. Sind Sie nicht für die Sicherheit zuständig?« Er zog eine Augenbraue hoch. »Ja, und wir werden umfassende Ermittlungen anstellen. Dazu gehört auch die Tatsache, dass Sie eine der letzten Personen waren, die in der Nähe der Botschafterin waren, als sie zusammengebrochen ist.« »Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ich etwas damit zu tun habe, oder?« Viv war so wütend, dass ihre Stimme bebte. Jacob verschränkte die Arme und funkelte sie an. Viv stemmte die Hände in die Hüften. Sie war kurz davor zu explodieren. »Ich schlage vor, Sie hören auf, mich zu belästigen, und fangen an, Ihre Arbeit zu machen.« Sie holte tief Luft, um zu verhindern, dass sie etwas sagte, was sie später bereuen könnte. Dann ließ sie Special Agent Cruz ohne ein weiteres Wort stehen. Sie musste so schnell wie möglich Layla finden. Ja, der ägyptische Botschafter hatte vielleicht einen Herzinfarkt gehabt, aber jetzt, nach Penelopes Zusammenbruch, hatte Viv eine Menge Fragen. Hier ging etwas vor sich, das schlimmer war. Und sie war sich nicht sicher, ob der Schrecken vorüber war oder erst begann.
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Kapitel 2 Dem Diplomatendinner am Samstag war eine hektische Nacht gefolgt, in der Jacob keinen Schlaf gefunden hatte. Deshalb nutzte er die kurze Zeit vor dieser Besprechung, um ein kurzes Nickerchen zu machen, wie er es während seiner zehn Jahre bei den Navy-SEALs gelernt hatte. Er war der für die Sicherheit zuständige Agent gewesen und hatte ganz offensichtlich versagt. Das hatte ihm sein Boss in sehr deutlichen Worten zu verstehen gegeben und Jacob hatte jedes Wort davon verdient. Aber wie hätte er einen solchen Anschlag verhindern sollen? Falls es denn tatsächlich ein Anschlag gewesen war. Jacob war die Folge der Ereignisse immer wieder durchgegangen. Mit seinen Kollegen hatte er im Vorfeld unzählige Szenarien durchgespielt und alle möglichen Gefahren und Bedrohungen in Betracht gezogen, aber auf das, was dann geschehen war, war niemand vorbereitet gewesen. Das war völlig unerwartet geschehen. Jacob war immer noch der Meinung, dass der ägyptische Botschafter möglicherweise einen Herzinfarkt gehabt hatte und dass Penelope King die eigentliche Zielscheibe gewesen war, aber es gab noch eine Menge zu tun, bis sie offiziell zu diesem Schluss kommen konnten. Deshalb war er am Sonntagnachmittag zu einer Sitzung im Außenministerium zitiert worden, zu dem seine Abteilung, der Diplomatische Sicherheitsdienst, gehörte. Er war nicht sicher, wer dabei sein würde. Klar war nur, dass er dort sein musste. Ohne Wenn und Aber. Er arbeitete erst seit sechs Monaten auf dieser Stelle und diese ganzen Ereignisse würden sich in seinem Lebenslauf nicht gerade 12
gut machen. Er sollte diesen Job eigentlich sowieso nicht machen. Er sollte mit seinem ehemaligen Kollegen draußen im Einsatz sein. Aber das ging nun mal nicht. Jacob betrat einen abhörsicheren Raum des Außenministeriums, wo ihn ein ganzes Meer von Gesichtern erwartete. »Gut, dass Sie da sind, Jacob.« Sein Boss – Sherman Oaks, stellvertretender Direktor des DSS – nickte ihm zu. Jacob hatte eigentlich gedacht, er wäre pünktlich, aber offenbar war eine Minute Verspätung für die Anwesenden im Raum eine Minute zu viel. Und einige von diesen Anwesenden waren wichtige Gestalten, darunter der frischgebackene Direktor des FBI, Lang Phillips. Phillips war bekannt dafür, dass er kompromisslos und knallhart handelte und sich in der Behörde sehr schnell hochgearbeitet hatte. Als Jacob sich umsah, entdeckte er noch ein bekanntes Gesicht – nämlich das der starrsinnigen, aber attraktiven Juristin vom Abend zuvor. Sie kniff die haselnussbraunen Augen ein wenig zusammen, als sie bemerkte, dass er sie ansah. Ganz offensichtlich hatte sie ihn auch nicht vergessen. »Danke, dass Sie alle gekommen sind.« Lang Phillips stand auf. Er hatte einen dichten, silbernen Haarschopf und einen ausgeprägten Südstaatenakzent, weil er aus Tennessee stammte. »Damit wir alle auf demselben Stand sind, gebe ich Ihnen die jüngsten Informationen. Botschafter Ali Zidan wurde beim Eintreffen im Krankenhaus gestern Abend für tot erklärt. Wir gehen im Moment davon aus, dass Zidan einen Herzinfarkt hatte, aber angesichts des Anschlags auf unsere eigene Botschafterin können wir nicht sicher sein.« Sherman Oaks räusperte sich. »Und ich hatte vor ein paar Minuten noch eine Unterhaltung mit unseren ägyptischen Freunden. Sie verweigern eine Autopsie aus religiösen Gründen. Natürlich können wir nicht darauf bestehen, die Autopsie durchzuführen, weil davon religiöse Empfindlichkeiten berührt werden. Deshalb 13
kann es sein, dass wir die genaue Todesursache von Botschafter Zidan nie erfahren werden.« Direktor Phillips nickte. »Bevor wir weitermachen, sollte ich alle darüber informieren, dass wir eine spezielle gemeinsame Taskforce gebildet haben, um zu untersuchen, was genau gestern Abend bei dem Diplomatendinner passiert ist. Unter meiner Leitung bringen wir Ressourcen aus FBI, Außenministerium und Geheimdiensten zusammen, um auf die Vorfälle zu reagieren. Sehen Sie sich um – Sie alle sind heute in diesem Raum, weil Sie diese Taskforce sind. Wir werden mit der CIA in Kontakt sein, sofern das nötig sein sollte. Und ansonsten machen wir jetzt bitte ein kurze Vorstellungsrunde, weil nicht jeder jeden kennen dürfte.« Jacobs Vorgesetzter sah sich im Raum um. »Für diejenigen, die mich nicht kennen: Ich bin Sherman Oaks, stellvertretender Direktor des DSS, dem Diplomatischen Sicherheitsdienst. Wenn die Kolleginnen und Kollegen vom Außenministerium sich bitte vorstellen?« Jacob wartete, wer als Erster das Wort ergreifen würde. Eine zierliche dunkelhaarige Frau machte den Anfang. »Ich bin Rania Assad vom Büro für Nahostbeziehungen. Ich arbeite in der Abteilung Ägypten, deshalb bin ich hier.« Die Anwältin, die Jacob am Abend zuvor getroffen hatte, sah sich um, bevor sie sprach. Heute waren ihre hellbraunen Haare, die sie bei dem Empfang offen getragen hatte, zu einem strengen Juristinnenknoten hochgesteckt. »Ich heiße Vivian Steele. Ich bin Staatsanwältin und unterstütze die Rechtsabteilung.« Direktor Phillips schaltete sich ein. »Ich weiß, dass manche sich fragen werden, warum wir eine Juristin in der Taskforce haben, aber Vivian wird eine entscheidende Rolle übernehmen. Wir müssen eine Menge Dinge gleichzeitig im Blick behalten und wollen sicher sein, dass wir rechtlich an allen Fronten abgesichert sind. Außerdem war Vivian zufällig bei dem Empfang und als eine der Ersten bei Botschafterin King, als sie zusammengebro14
chen ist. Deshalb glauben wir, dass es von unschätzbarem Wert sein wird, sie im Team zu haben.« Es war noch unklar, ob Vivian Steele Freundin oder Feindin war. Jacobs natürlicher Instinkt war es, niemandem zu trauen, und Vivian war irgendwie tief in die ganze Sache verstrickt. Ein großer Mann mit dunklen Haaren und Brille stand auf. »Mein Name ist Cody Rico. Ich vertrete das Büro für europäische Angelegenheiten.« Einen Moment lang war es still im Raum und Jacob wurde bewusst, dass er der Letzte in der Runde war, der zum Außenministerium gehörte. »Ich bin Special Agent Jacob Cruz vom DSS.« »Das waren unsere Leute vom Außenministerium«, sagte Phillips. »Machen wir mit dem FBI weiter.« Eine Frau mit langen, lockigen, roten Haaren und leuchtend grünen Augen meldete sich zu Wort. »Ich bin Special Agent Delaney O’Sullivan.« »Und ich bin Delaneys Partner, Special Agent Weston Lee«, ergänzte der Mann neben ihr. Jacob musterte Special Agent Lee. Er schien noch jung zu sein; vielleicht in den Zwanzigern, schätzte Jacob. Er fragte sich, wie sie wohl alle zusammenarbeiten würden. »Also gut«, sagte der Direktor. »Folgendes ist der Plan: Rania und Cody werden im Außenministerium bleiben. Alle relevanten Infos laufen bei ihnen zusammen, sie managen die Zentrale. Was die Außenteams betrifft, werden die Agenten O’Sullivan und Lee zusammenarbeiten. Vivian, Sie bilden ein Team mit Special Agent Cruz.« Jacob hatte irgendwie den Eindruck, dass er den Babysitterjob als Strafe erhielt, weil er bei dem Dinner die Sicherheit vermasselt hatte. Er wollte viel lieber mitten im Geschehen sein und hatte wirklich keine Lust, mit der widerspenstigen Juristin vom Schreibtisch aus zu arbeiten – wo sie im Übrigen auch sein sollte. Anwälte wurden nicht für gefährliche Außeneinsätze geschult. Direktor Phillips beugte sich vor. »Wir müssen alles im Auge 15
behalten und brauchen entsprechend viele Leute, weil wir uns weitere Fehler nicht leisten können. Die Ägypter sitzen uns im Nacken, weil ihre Regierung sicher sein will, dass kein Verbrechen hinter dem Tod ihres Botschafters steckt. Und eine von uns liegt im Krankenhaus und kämpft um ihr Leben. Bis dieser Fall aufgeklärt ist, gibt es keine anderen Prioritäten. Verstanden?« Allgemein zustimmendes Murmeln war zu vernehmen. Phillips stand auf. »Also gut. Macht euch an die Arbeit, Leute.« Die Gruppe löste sich auf, aber Jacob rührte sich nicht sofort, sondern wartete darauf, dass Vivian Steele zu ihm kam. Er hatte keine Ahnung, wie er mit dieser Situation umgehen sollte. »Sieht so aus, als hätten Sie mich am Hals, Agent Cruz.« Vivian trat zu ihm. »Ja, würde ich auch sagen, Miss Steele.« »Viv wäre mir lieber.« »Geht klar. Jacob.« Viv passte sowieso besser zu ihr. Sie starrte ihn an. »Wir müssen ein paar grundsätzliche Regeln klären.« Es war amüsant, wie sie die Führung übernahm. Viv zog die Augenbrauen hoch. »Was gibt’s da zu grinsen? Ist dir nicht klar, wie ernst die Lage ist? Der ägyptische Botschafter ist tot und unsere Botschafterin liegt im Krankenhaus und könnte jeden Augenblick ebenfalls sterben.« Er wollte nicht, dass sie den falschen Eindruck bekam. »Ich habe nicht wegen der Situation gelächelt. Ich finde es nur lustig, dass du meinst, du könntest mir Befehle erteilen.« Sie schüttelte den Kopf. »Wir sind ein Team, aber ich denke, keiner von uns beiden sollte versuchen, einen auf Hierarchie zu machen.« Sie zögerte. »Apropos Hierarchie: Du warst früher beim Militär, oder?« »Ja.« Viv biss sich auf die Unterlippe. »Spezialeinheit?« Jetzt musste er sich wirklich anstrengen, um sein Grinsen zu unterdrücken. »Ja.« 16
»Ranger? SEAL?« »SEAL.« »Kannst du auch mehr als ein Wort auf einmal sagen?« »Vielleicht.« Er merkte, dass sie irritiert war, aber das war ihm gerade recht. Er musste sie verunsichern. Vielleicht kam sie dann zur Vernunft und erkannte, dass Außeneinsätze oder Taskforces nicht ihr Ding waren, und dann konnte er eine richtige Partnerin bekommen. Viv verschränkte die Arme. »Was für ein Problem hast du eigentlich mit mir? Ich bin schon vielen Menschen begegnet, die keine Anwälte mögen – sie sogar hassen –, aber du scheinst eine besondere Abneigung gegen Juristen zu haben. Darüber müssen wir reden, wenn wir zusammenarbeiten wollen. Du kennst mich ja nicht einmal. Überhaupt nicht. Also, was ist los?« Jacob seufzte. »Ich habe nichts gegen dich persönlich. Ich bin es nur nicht gewohnt, mit Anwälten ein Team zu bilden. So arbeite ich nicht.« Sie lachte. »Jetzt schon.« »Ehrlich gesagt läuft es nie gut, wenn Juristen an den Einsätzen beteiligt sind. Meine Erfahrung.« Viv legte ihre Hand auf seinen Arm, sodass er zusammenzuckte. »Ich werde hier alles geben. Ich weiß, dass es ungewöhnlich ist, aber diese Ermittlungen sind wirklich wichtig. Ich kann nichts dafür, dass ich mitten in die Sache reingeraten bin. Ich werde tun, was ich kann, um dem Vorfall auf den Grund zu gehen.« Er trat einen Schritt zurück. »Und ich werde auch mein Bestes geben, aber ich kann mich nicht von dir aufhalten lassen. Verstanden?« Er erwartete, dass sie verärgert reagieren würde, aber das tat sie nicht. »Okay.« Wieder unterdrückte er ein Lachen. »Also, machen wir uns an die Arbeit. Wir müssen davon ausgehen, dass Botschafter Zidans Tod nicht von einem Herzinfarkt 17
verursacht wurde und dass das, was ihn umgebracht hat, auch Penelope geschadet hat.« Er zog eine Augenbraue hoch. »Du meinst Botschafterin King?« Sie schob sich eine Haarsträhne, die sich aus ihrer strengen Frisur gelöst hatte, hinters Ohr. »Ja, sorry. Ich kannte sie. Ich meine, ich kenne sie.« Es war das erste Mal, dass sie einen nervösen Eindruck auf ihn machte. »Sie könnte überleben.« Viv ließ den Kopf hängen. »Ja, stimmt, aber ich mache mir lieber keine allzu großen Hoffnungen.« »Wie gut kennst du die Botschafterin denn?« »Wir waren keine besten Freundinnen, aber vor ein paar Jahren habe ich mit ihr bei einem Projekt zusammengearbeitet und wir haben uns gut verstanden.« »Was glaubst du denn, was passiert ist?«, fragte Jacob. »Ich glaube, die beiden wurden vergiftet. Und solange Botschafterin King am Leben ist, ist sie weiterhin in Gefahr. Ich gehe davon aus, dass ihr zusätzliche Sicherheitskräfte beim Krankenhaus installiert habt?« »Natürlich. Sie wird rund um die Uhr bewacht.« Das hatte er gestern Abend gleich als Erstes veranlasst, während die Botschafterin noch auf dem Weg ins Krankenhaus gewesen war. »Gut. Denn ich fürchte, die Sache ist noch längst nicht vorbei und jemand könnte zurückkommen, um sie zu beenden.«
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Kapitel 3 Am Montagmorgen wartete Viv in einem Café in Foggy Bottom auf Jacob, damit sie ihre Strategie besprechen konnten. Sie hatten sich am Tag zuvor schon unterhalten, aber dabei war es eher darum gegangen zu analysieren, was schiefgelaufen war, und die grobe Vorgehensweise zu überlegen; nicht um die Einzelheiten der Ermittlungsarbeit. Special Agent Jacob Cruz war eindeutig komplizierter, als sie zuerst gedacht hatte. Anfangs war sie sicher gewesen, seine abweisende Haltung käme nur aus einer generellen Abneigung gegenüber Juristen – ein Typ, der lieber die Waffe zog als zu verhandeln, der keine Regeln mochte und die Ansicht vertrat, Anwälte würden ihn nur daran hindern, seinen Job zu machen. Aber sie hatte das Gefühl, dass noch mehr hinter Jacobs Geschichte steckte. Viv versuchte immer, anderen zu helfen. Das war einer der Gründe, warum sie Anwältin geworden war, aber sie hatte die Erfahrung machen müssen, dass nicht jeder die Hilfe wollte. Und sie fürchtete, Jacob könnte auch in diese Kategorie fallen. So oder so würde sie unerbittlich kämpfen, um sich bei den Ermittlungen nützlich zu machen und Jacob zu beweisen, dass sie der Aufgabe gewachsen war, denn sie liebte Herausforderungen über alles. »Hi.« Jacob stellte einen Becher vor ihr auf den Tisch. »Tut mir leid, dass ich mich verspätet habe, aber es sah aus, als hättest du nichts zu trinken. Ist schlichter Kaffee – die altmodische Variante mit Sahne und Zucker.« Viv lächelte. »Danke für den Kaffee, das ist perfekt. Aber das mit der Verspätung scheint typisch zu sein.« Er hob eine Hand. »Gestern war ich gerade mal eine Minute zu spät.« 19
Viv trank einen Schluck Kaffee, bevor sie antwortete. »Bei dieser Art Besprechung mit den Oberhäuptlingen sollte man eher zu früh dran sein.« »Ich wusste nicht, dass Direktor Phillips dabei sein würde, ehrlich.« Das konnte Viv kaum glauben. »Dein Boss hat dir das nicht gesagt?« Jacob zuckte mit den Schultern. »Nein. Ich spreche kaum mit meinem Boss. Er ist sehr distanziert. Und ich bin mir sicher, dass er sich nicht jeden Tag erkundigen wird, wie es mit der Taskforce so läuft. Direktor Phillips macht die Ansagen. Deshalb hat Oaks ihm auch gestern die Führung überlassen. Unter uns: Oaks hat politische Ambitionen, deshalb hält er sich lieber im Hintergrund, für den Fall, dass was schiefläuft.« »Das zu verhindern, ist unser Job.« Jacob nahm seinen Becher. »Ich habe gehört, dass Phillips total loyal ist, aber wenn man ihn ärgert, hasst er einen für immer.« Das klang nicht gut. »Dann ärgern wir ihn besser nicht.« Viv trank noch einen Schluck. »Wie sieht unsere Strategie aus?« Sie wollte Jacobs Meinung hören, bevor sie ihm erzählte, was sie sich vorstellte. »Das Team hat eine sichere Cloud eingerichtet, sodass wir unsere Ergebnisse bündeln können und nichts doppelt machen.« Er zog sein Tablet aus der Tasche, schaltete es ein und wählte sich über eine gesicherte Leitung ein. Viv überflog die ersten Handlungsanweisungen für die Teammitglieder. »Wir sollten der ägyptischen Botschaft einen Besuch abstatten.« »Meinst du, wir beide sind dafür die besten Leute? Was ist mit Rania? Ist sie nicht die Expertin, was Ägypten betrifft?« »Du hast recht, Rania scheint auf den ersten Blick besser zu passen, aber ich bin diejenige, die eingeladen wurde.« Jacob zog eine Augenbraue hoch. »Wie denn das?« »Ich habe dort eine Kontaktperson.« 20
»Sprichst du Arabisch?«, fragte er. Viv lachte. »Nein. Du etwa?« »Ein bisschen was weiß ich tatsächlich von meinen Auslandseinsätzen.« Noch eine Überraschung, was diesen Mann betraf. »Gut. Dann wird das Ganze prima funktionieren. Ich kenne die Leute und du kennst die Sprache. Obwohl die meisten dort ziemlich fehlerloses Englisch sprechen, also wird Arabisch nicht notwendig sein.« Jacob stützte die Ellbogen auf den Tisch. »Und woher kennst du sie?« »Ich habe in den letzten Jahren mit einigen von ihnen an verschiedenen Aufträgen gearbeitet. Wir verstehen uns gut mit den Ägyptern und bei allem, was in der Region dort passiert, ist unsere Beziehung zu ihnen für amerikanische Interessen enorm wichtig.« Er lehnte sich zurück. »Jetzt klingst du wie eine Politikerin und nicht wie ein Anwältin.« Viv musste etwas richtigstellen. Vielleicht verbesserte es ja ihre Arbeitsbeziehung. »Denk bitte daran, dass ich niemanden vor Gericht vertrete. Ich halte keine Plädoyers vor Richtern. Ich unterstütze lediglich das Außenministerium mit juristischem Wissen. Ein großer Teil dessen, was ich mache, hat mit Politik zu tun. Ich muss mich mit politischen Fragen auskennen, um eine beratende Funktion in Sachen Gesetze und Risiken zu erfüllen. Insofern ist meine Arbeit anders als bei normalen Anwälten und das gefällt mir an meinem Job. Im Gerichtssaal aufzutreten, ist nicht meine Stärke. Ich denke, ich bin besser hinter den Kulissen.« Jacob rieb sich das Kinn. »So habe ich das wohl nicht betrachtet.« »Ich sollte die Botschaft anrufen und ihnen sagen, dass wir ihre Einladung annehmen. Sie werden nicht begeistert sein, wenn wir unangemeldet auftauchen, auch wenn sie uns eingeladen haben.« Er schüttelte den Kopf. »Es ist besser, wenn wir einfach dort auflaufen. So bekommen wir mehr Informationen.« 21
Auf gar keinen Fall. »Kommt nicht infrage! Ich kenne diese Leute mittlerweile ziemlich gut. Wenn wir einfach auf der Matte stehen, lassen sie uns vielleicht nicht mal rein. Die Einladung war kein Freifahrtschein. Es gibt eine diplomatische Etikette.« Jacob verdrehte die Augen. »Etikette? Deren Botschafter ist tot. Unsere eigene Botschafterin könnte es jeden Augenblick sein. Ich würde sagen, wir sollten uns alle weniger Gedanken über diplomatische Nettigkeiten machen.« Dieser Agent musste noch eine Menge darüber lernen, wie die Dinge in Vivs Welt funktionierten. »Wie lange arbeitest du schon bei der DSS?« Er wandte den Blick ab. »Sechs Monate.« Viv lachte. »Du hättest als SEAL im Außendienst bleiben sollen.« Jacob sah sie finster an. »Du kannst mir glauben, dass ich nichts lieber täte, aber das geht nicht.« Sie wollte ihn fragen, warum, aber jetzt war kein guter Zeitpunkt für neugierige Fragen. Außerdem hatte sie ein schlechtes Gewissen wegen ihrer Bemerkung. Er machte diesen Job, weil er musste, und nicht, weil er wollte. »Lass mich anrufen.« »Gut.« Und schon wieder war der abweisende Jacob wieder da. Wie sollte sie mit diesem Mann nur effektiv zusammenarbeiten?
*** Sie nahmen die U-Bahn, stiegen bei Van Ness aus und liefen die kurze Strecke zur ägyptischen Botschaft. Jacob gab es nicht gerne zu, aber Viv schien ein Profi in diplomatischen Dingen zu sein. Er verstand nicht, wie jemand die Geduld haben konnte, all die verschiedenen Erwartungen zu erfüllen. Eine gute Dreiviertelstunde lang hatte sie telefoniert und erst mit diesem, dann mit jenem gesprochen, bevor der Besuch heute offiziell genehmigt worden war. Und erst, als alles vereinbart war, hatte Viv 22
erwähnt, dass sie noch einen Kollegen mitbringen würde. Es war ein kluger Schachzug. Etwas widerwillig musste Jacob zugeben, dass Vivs diplomatisches Geschick offenbar ganz nützlich war. Er selbst ging meist sehr direkt vor – was nur einer von unzähligen Gründen war, warum er nie in der eigentlichen Diplomatie würde arbeiten können. Security war eher sein Ding. Muskeln, schnelle Reaktionsfähigkeit und Taktik waren seine Stärken. Und ihm fehlte die Geduld, was sich schnell als Problem erweisen könnte. Sie meldeten sich beim Pförtner und warteten darauf, dass ihre Personalien überprüft wurden. Obwohl die ägyptische Botschaft sich auf amerikanischem Boden befand, musste sie trotzdem die ausdrückliche Genehmigung der Ägypter haben, um eintreten zu dürfen. Und dafür war Viv zuständig. »Hör auf, die Stirn zu runzeln«, flüsterte sie. »Tue ich doch gar nicht. So sehe ich nun mal aus.« »Ach, komm. Gib dir ein bisschen Mühe, okay?« Jacob versuchte, so gut es ging, einen neutralen Gesichtsausdruck aufzusetzen, und versprach Viv, sich an dem zu orientieren, was sie tat. Sie wurden von einem untersetzten Mann mit Geheimratsecken begrüßt. »Miss Vivian, bitte kommen Sie mit in den Besprechungsraum, wo wir reden können.« Er musterte Jacob skeptisch. »Danke, Samir. Dies ist Special Agent Cruz von der DSS, dem Diplomatischen Sicherheitsdienst.« Samir nickte Jacob zu, sagte aber nichts weiter, sondern führte die Besucher zu dem Konferenzraum. »Miss Vivian, wir sind alle in großer Trauer wegen des vorzeitigen Ablebens unseres Botschafters.« »Es tut uns unendlich leid, Samir. Ich möchte Ihnen das tiefste Beileid des gesamten Außenministeriums überbringen. Botschafter Zidan war ein Freund und ein großartiger Mensch.« Viv trug dick auf, aber Jacob vermutete, dass es Teil einer um23
fassenderen Strategie war, und beobachtete schweigend, wie sich das Gespräch entwickelte. »Sie verstehen sicher, dass wir der Sache genauso sehr auf den Grund gehen wollen wie Sie«, fuhr Viv fort. Samir nickte. »Ich kann Ihnen einige Informationen geben. Wir haben mit dem Arzt von Botschafter Zidan gesprochen. Er hatte eine Vorerkrankung des Herzens.« »Sie gehen also davon aus, dass er an einem Herzinfarkt gestorben ist?«, fragte Viv. Samir senkte den Blick. »Das wird die offizielle Position der ägyptischen Regierung sein.« »Aber?« Viv zog eine Augenbraue hoch. Samir runzelte die Stirn. »Inoffiziell hätten wir gerne eine Bestätigung, dass es so war. Angesichts der Situation von Botschafterin King sind einige Mitglieder meiner Regierung sehr nervös. Sie machen sich Sorgen, dass mehr dahintersteckt. Eine Art koordinierter Anschlag.« »Zu Recht«, sagte Jacob. »Wissen Sie denn etwas, Special Agent Cruz?«, fragte Samir. Natürlich wusste Jacob nichts, aber er hatte ein Bauchgefühl, dass dies nur die Spitze des Eisbergs war. Leider würde besagtes Bauchgefühl sie nicht weit bringen. »Noch nicht, Sir, aber wir werden ermitteln und es herausfinden.« »Wie geht es Ihrer Botschafterin?«, erkundigte sich Samir. Viv antwortete, um die Unterhaltung wieder an sich zu ziehen. »Leider befindet sie sich immer noch in einem kritischen Zustand. Es steht auf Messers Schneide. Die Ärzte machen noch etliche Untersuchungen.« Samir schüttelte den Kopf. »Das tut mir leid.« Er holte tief Luft. »Ich weiß, ich habe gesagt, dass meine Regierung Antworten braucht, aber wir müssen auch diskret sein und man hat mich gebeten, Ihnen das zu sagen. Die Lage in meinem Land ist momentan etwas angespannt und wir wollen keine Panik auslösen.« Oder weitere politische Unruhen, ergänzte Jacob im Stillen. 24
Ein strenger Blick von Viv ließ keinen Zweifel daran, dass er den Mund halten sollte. Das tat er auch, aber er traute Samir nicht. Genau genommen war er nicht sicher, ob er überhaupt jemandem traute. Nicht einmal Vivian Steele. Er war nicht sicher, was ihr Plan war. Ja, sie beide mussten zusammenarbeiten, deshalb blieb ihm nichts anderes übrig, als weiterzumachen, aber das bedeutete nicht, dass er ihr traute. Wenn man den falschen Menschen traute, konnte es einen das Leben kosten. Viv trat einen Schritt auf Samir zu. »Ich kann Ihnen versichern, dass dies für die US-Regierung nicht nur oberste Priorität hat, sondern wir verstehen auch sehr gut, dass diese Situation für alle Beteiligten sensibel ist.« Samir schenkte Viv ein freundliches Lächeln. »Danke, Miss Vivian. Ich wusste, dass wir auf Sie zählen können.« Jacob fragte sich, wie die gemeinsame Geschichte der beiden aussah. Es schien nichts Romantisches zu sein, aber irgendetwas verband diese zwei. Eine wie auch immer geartete gemeinsame Vergangenheit, von der er nichts wusste, und das machte ihn nur noch misstrauischer. Viv warf Jacob einen Blick zu, bevor sie sich wieder an Samir wandte. »Und was Ihre Hilfe betrifft … wenn Sie von irgendjemandem wissen, der Botschafter Zidan möglicherweise schaden wollte, wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, uns diese Namen zu nennen.« »Das habe ich mir schon gedacht.« Samir zog einen USB-Stick aus der Tasche seines Jacketts. »Hier ist alles, was ich weiß. Bitte behandeln Sie diese Informationen mit größter Vertraulichkeit. Das politische Klima in meinem Land ist sehr heikel. Der Präsident hat viele Feinde, die sich als Freunde ausgeben. Die antidemokratischen Kräfte werden von Tag zu Tag mächtiger.« »Ich verstehe«, erwiderte Viv. »Danke für Ihren Besuch. Wahrscheinlich ist es das Beste, wenn wir dieses Treffen kurz halten.« »Sie machen sich Sorgen um jemanden in der Botschaft?«, fragte Jacob. 25
Samirs Augen verengten sich ein wenig. »Ich mache mir Sorgen um alles.« »Wir kümmern uns gleich darum«, versicherte Viv ihm. »Danke noch einmal für Ihre Hilfe. Trotz der traurigen Umstände hat es mich gefreut, Sie wiederzusehen, Samir.« Viv und Jacob verabschiedeten sich und wurden aus der Botschaft hinausbegleitet. Nachdem sie das Gelände endgültig verlassen hatten, fragte Jacob: »Was ist da zwischen dir und Samir?« Viv zog eine Augenbraue hoch. »Wie meinst du das?« »Ihr zwei habt offensichtlich eine gemeinsame Geschichte.« »Ich habe dir doch gesagt, dass wir in der Vergangenheit zusammengearbeitet haben.« »Ist das alles?« »Mir gefallen deine Unterstellungen nicht.« Er versuchte, Viv zu provozieren, um zu sehen, ob er ihr irgendwelche Informationen entlocken konnte, aber sie sah ihn nur an, als wären ihm plötzlich fünf Köpfe gewachsen. »Ich sage ja nicht, dass ihr beide eine Affäre hattet. Ich sage nur, dass es da eine enge Verbindung gibt. Vertraust du ihm?« Sie antwortete nicht sofort. »Ich vertraue nur sehr wenigen Menschen«, sagte sie schließlich. »Na, wenigstens das haben wir gemeinsam.«
*** Viv war bekannt dafür, dass sie sehr geduldig war, aber Jacob Cruz stellte selbst ihre Geduld auf die Probe. Sie hatten die letzten zwei Stunden in Vivs Büro im Außenministerium verbracht und waren die Unterlagen durchgegangen, die Samir ihnen zur Verfügung gestellt hatte. »Wir müssen herausfinden, wo diese Männer sind, und wir brauchen Unterstützung von den Kollegen, um Nachforschungen über sie anzustellen«, sagte Jacob. 26
»Das klingt vernünftig. Und du hast recht, sie sind allesamt Männer.« Das überraschte sie nicht. »Wir müssen feststellen, ob sie hier sind oder in Ägypten oder sonst wo. Wenn sie nicht im Land sind, brauchen wir auf jeden Fall die Hilfe von der CIA, weil wir nicht davon ausgehen können, dass die Person, die hinter dem Anschlag steckt, selbst bei dem Empfang anwesend war. Der Verantwortliche könnte auch jemanden angeheuert haben.« »Es ist eine Schande, dass sie einer Autopsie von Zidan nicht zustimmen«, bemerkte Jacob. »Ja, aber wir müssen ihre religiösen Überzeugungen respektieren. Es bedeutet nur, dass es für uns schwieriger ist festzustellen, ob es ein Herzinfarkt war oder nicht.« »Was denkst du denn?« Viv lachte. »Interessiert dich wirklich, was ich denke?« Er seufzte. »Na gut, diese Retourkutsche habe ich wahrscheinlich verdient. Ich weiß, dass ich ein bisschen schroff war, als wir uns kennengelernt haben, aber ich verstehe mittlerweile, wie wichtig deine Arbeit in der Taskforce ist. Also ja, Viv, ich wüsste gerne, was du denkst.« Sie lächelte. »Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, das klingt wie eine Entschuldigung. Also nehme ich sie an. Und was ich glaube? Dass es ein Zufall ist.« Ihr Handy klingelte. »Da muss ich drangehen.« Sie stellte den Anruf laut. »Vivian hier.« »Hi, ich bin’s, Delaney. Ich habe gerade eine Nachricht vom Krankenhaus erhalten. Erste toxikologische Untersuchungen bei Botschafterin King zeigen eine Straßenversion von Fentanyl in ihrem Körper. Diese Substanz ist hundertmal stärker als Morphium. Das war kein Unfall. Jemand wollte sie umbringen.« »Sind wir sicher, dass jemand es ihr gegeben hat und sie das Mittel nicht selbst genommen hat?« »Angesichts der Konzentration und des Zeitpunkts glauben die Ärzte nicht, dass die Botschafterin das Zeug absichtlich eingenommen hat. Außerdem deutet ihr hervorragender gesundheitlicher Zustand nicht darauf hin, dass sie regelmäßig Opioide 27
nimmt. Da sind sich die Ärzte ziemlich sicher. Das alles bedeutet, dass jemand eindeutig versucht hat, Botschafterin King zu töten – und so dreist war, es bei einem Diplomatendinner zu tun.« Viv sah Jacob an, der mit den Fingern auf den Schreibtisch trommelte. »Danke für das Update. Bist du sicher, dass ihre Sicherheit im Krankenhaus garantiert ist?« »Ja. Wir haben mehrere Agenten dort stationiert, aber der Botschafterin geht es nicht gut. Die Menge Fentanyl in ihrem Körper in Kombination mit dem Alkohol, den sie bei dem Dinner getrunken hat, ist eine fatale Kombination – wenn nicht am Ende sogar tödlich. Die Ärzte tun, was sie können, aber ihr Leben hängt am seidenen Faden.« »Verstehe.« Viv tat es in der Seele weh, diese Worte zu hören. Sie fürchtete, dass Penelope die Sache nicht überleben würde, aber sie wollte vor Jacob nicht emotional reagieren. Er hatte schon einmal daran gezweifelt, dass sie hart genug war. »Wir sprechen uns später wieder, Delaney.« »Wenn sie stirbt«, sagte Jacob, nachdem Viv das Gespräch beendet hatte, »geht die Angelegenheit eine Ebene rauf.« »Eins nach dem anderen.« Viv widmete sich ihrem Computer. »Ich werde diese Namen, die Samir uns gegeben hat, an Rania weiterleiten. Sie kann mit ihren Kontakten bei der CIA zusammenarbeiten, um Infos über diese Männer zu sammeln.« Sie sah auf ihre Uhr. »Wir sollten Feierabend machen«, sagte Jacob und überraschte sie mit seiner Fürsorge. »Ich bin mir sicher, du hast noch nicht richtig geschlafen. Wir müssen Kraft tanken, sonst nützen wir niemandem etwas.« Sie musste ihm recht geben. »Stimmt. Sollen wir uns morgen früh wieder hier treffen?« Jacob nickte. »Klingt gut. Brauchst du noch was?« »Nein. Bis morgen.« Was sie brauchte, war eine Pause von seinen Augen, die sie unaufhörlich anstarrten. Sie hatte das Gefühl, dass er alles, was sie tat, beurteilte, und das machte sie nervös. 28
Jacob verließ Vivs Büro. Als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, holte Viv tief Luft. Alles an ihm wirkte angespannt – irgendwie war es, als würde er alle Energie aus dem Raum saugen. Und da war noch etwas, eine Tatsache, die sie vergeblich zu ignorieren versuchte: Sie war doch tatsächlich fasziniert von diesem Special Agent. Viv schüttelte den Kopf. Sie hatten einen Auftrag zu erledigen und auf keinen Fall wollte sie sich in einen ehemaligen SEAL verlieben, der ganz offensichtlich mehr Probleme hatte als auf ihren Schreibtisch passten. Sie seufzte und packte ihre Tasche. Das Problem mit einem nicht vorhandenen Liebesleben war, dass es kompliziert wurde, wenn ein Mann wie Jacob auf der Bildfläche erschien. Andererseits, überlegte sie, als sie ihre Jacke anzog, brauchte sie sich keine Sorgen zu machen. Denn auch wenn Jacob sich inzwischen besser benahm als bei ihrer ersten Begegnung, konnte er nicht verbergen, dass er nicht gerade ein Fan von ihr war. Vielleicht sollte sie aufhören, sich über diese Dinge Gedanken zu machen, und darüber nachdenken, was ihre eigentlichen Probleme waren. Zum Beispiel die Tatsache, dass sie nichts zu essen im Haus hatte. Also würde es wohl Thai oder Pizza werden – oder beides, denn mit einem Mal verspürte sie riesigen Hunger. Viv verließ das Außenministerium und schlug den üblichen Weg zur Metrostation Foggy Bottom ein, um die Blue Line zu nehmen. Da die Rushhour vorbei war, würde sie eine Weile auf die nächste Bahn warten müssen. Doch zum Glück kam der nächste Zug schon wenige Augenblicke später. Nachdem sie sich auf einen der vielen freien Plätze gesetzt hatte, dachte sie über das nach, was sie seit Samstagabend erfahren hatte. Was als lästiges Dinner begonnen hatte, war zu etwas ganz anderem mutiert. Viv erinnerte sich daran, wie Penelope ihren Namen gerufen und die Hand nach ihr ausgestreckt hatte. Diese Ereignisse waren unauslöschlich in ihr Gedächtnis eingebrannt. Sie fürchtete das Schlimmste, aber das hielt sie nicht davon ab, für Penelopes Heilung zu beten. 29
Sie stieg an der Station Rosslyn aus, um von dort das kurze Stück zu ihrer Eigentumswohnung zurückzulegen. Diese Wohnung gehörte zu den Dingen, die ihre Eltern ihr hinterlassen hatten. Komplett schuldenfrei, was gut war, weil Viv sich mit ihrem Beamtinnengehalt eine solche Wohnung nicht hätte leisten können. Sie war sicher, dass ihre Eltern niemals davon ausgegangen waren, dass Viv diese großzügige Wohnung allein bewohnen würde. Als sie ihr Testament verfasst hatten, war ausdrücklich hinterlegt worden, dass Viv die Wohnung als Kapitalanlage verwenden könne, wenn sie das wollte. Aber ein Autounfall in Europa hatte die Welt von Viv und ihrer Zwillingsschwester in ihrem zweiten Studienjahr mit einem Schlag zum Stillstand kommen lassen. Und jetzt war sie hier und lebte in einer Luxuswohnung. Sie würde die Wohnung sofort hergeben, wenn sie ihre Eltern zurückhaben könnte, und sei es auch nur einen einzigen Tag lang. Auch wenn sie ihre Trauer verarbeitet hatte, gab es Augenblicke – wie heute Abend –, in denen sie an die beiden dachte und sie so sehr vermisste, dass es wehtat. Vivs Smartphone summte. Als sie auf das Display blickte, sah sie, dass sie eine SMS von einer Nummer erhalten hatte, die sie nicht kannte. Hallo, Vivian. Samir hier. Danke für Ihren Besuch heute, aber ich muss allein mit Ihnen sprechen. Können wir uns heute Abend im Café Latte in der Embassy Row treffen? Es gibt Dinge, die ich vor Ihrem Freund nicht sagen konnte. Ich vertraue im Moment nur Ihnen. Viv stockte der Atem, als sie Samirs Nachricht las. Dies konnte der Durchbruch sein, den sie brauchten! Sie verstand sein Zögern. Samir war Jacob vorher noch nie begegnet, und auch wenn sie gemerkt hatte, dass ihr Kollege sich im Gespräch in der Botschaft viel Mühe gegeben hatte, strahlte sein Verhalten immer etwas aus, das andere auf Abstand hielt. Sie beantwortete die Nachricht schnell. 30
Ich kann in etwa einer halben Stunde da sein. Sie wartete nicht auf die Antwort, sondern drehte auf dem Absatz um und ging zurück zur U-Bahn. Danke. Bis gleich. Und schkran. Das hieß danke auf Arabisch, das wusste sie. Viv spürte, wie das Adrenalin durch ihre Adern schoss, und alle Gedanken an ihr Abendessen verflogen. Samir wusste etwas. Etwas, das er ihr in Jacobs Beisein nicht sagen konnte, und sie musste unbedingt wissen, was das war. Während sie auf die nächste Metro wartete, wippte sie ungeduldig auf und ab. Endlich kam die Bahn. Sie zählte die Stationen, bis sie aussteigen konnte, und ging rasch in Richtung Café Latte. Sie war ungefähr zwei Häuserblocks von dem Café entfernt, als zwei Männer vor ihr auf den Gehweg sprangen. Erschrocken fuhr sie zusammen. Sie versuchte, den beiden auszuweichen, aber sie versperrten ihr den Weg. Vivs Puls raste, als ihr bewusst wurde, dass die Männer nicht die Absicht hatten, ihr Platz zu machen. Da, plötzlich, packte der größere der beiden Kerle sie grob an beiden Armen. Angst durchzuckte sie und sie schrie auf. Der kleinere Mann schlug ihr so hart ins Gesicht, dass sie wankte. Sie schmeckte Blut und war ganz benommen von dem Schmerz, der in ihrer Wange brannte. Der Schlag hätte sie niedergestreckt, hätte der andere Mann sie nicht festgehalten. Seine Hände krallten sich um ihre Oberarme. Viv versuchte, um sich zu schlagen, so heftig sie konnte, aber es brachte kaum etwas. Dieser Kampf war in jeder Hinsicht unfair. Warum griffen diese beiden Männer sie an? Als ein Hieb sie in die Magengrube traf, hätte sie sich beinahe übergeben. Sie schrie, so laut sie konnte, aber nichts, was sie tat, 31
beendete den Angriff. Sie hatte noch nie solche Schmerzen gehabt. Ein erneuter kräftiger Schlag von dem kleineren der beiden Angreifer schleuderte Viv zurück gegen den Mann, der sie von hinten festhielt. Er warf sie zu Boden und sie konnte sich gerade noch so weit abfangen, dass ihr Kopf nicht auf den Gehweg aufschlug. Der Mann beugte sich über sie und sie fürchtete, er würde sie wieder schlagen, doch dann riss er ihr stattdessen die Handtasche von der Schulter. Sie kämpfte nicht um ihre Sachen – nein, es schien ein Kampf um ihr Leben zu sein. Viv schloss eine Sekunde lang die Augen, flehte im Stillen zu Gott und wappnete sich dann für den nächsten Hieb. »Hey, was machen Sie da?« Eine laute Männerstimme schallte über die Straße. Die beiden Angreifer wichen zurück und rannten weg. Viv hatte Mühe, Luft zu bekommen, während der Schmerz durch ihren Körper fuhr. »Sind Sie in Ordnung?«, fragte die neue Stimme besorgt. Sie zitterte am ganzen Körper, als der Mann, der sie angesprochen hatte, sich neben sie hockte. Sie sah in seine hellbraunen Augen, konnte aber nichts sagen. »Ich glaube, Sie stehen unter Schock. Soll ich jemanden anrufen?«, fragte er. Sie konnte nicht denken. Nicht aufhören zu zittern. Die Schmerzen waren zu stark und Viv fürchtete, sie könnte ohnmächtig werden. Als sie nicht antwortete, zog der Mann sein Handy heraus. Sie konnte hören, wie er die Polizei kontaktierte, in wenigen Worten ihre Situation schilderte und um einen Rettungswagen bat. »Sie sind gleich da. Ich warte hier, damit die Kerle nicht zurückkommen.« »Danke.« Ihre Stimme bebte. »Kein Problem. Ich bin übrigens Mark.« »Ich heiße Viv«, antwortete sie. »Sie haben mir das Leben gerettet.« Sie schluckte die aufsteigenden Tränen hinunter. 32
Er legte eine Hand auf ihre Schulter. »Jetzt sind Sie in Sicherheit. Die Polizei wird gleich hier sein.« »Wie soll ich Ihnen das jemals danken?« »Ich bin nur froh, dass ich hier war. Diese Straßen sind normalerweise einigermaßen ungefährlich, aber man weiß ja nie, was für Schurken da draußen lauern.« »Sie haben mir alles weggenommen. Ich habe nicht mal mein Handy.« »Soll ich jemanden anrufen? Oder wollen Sie mein Telefon benutzen?« »Ja, bitte.« Sie würde Layla anrufen. Aber zuerst musste sie wissen, wer ihr barmherziger Samariter war. »Haben Sie eine Visitenkarte?« Er zog eine Augenbraue hoch. »Ja, habe ich.« Er zog sein Portemonnaie heraus und gab ihr eine Karte. »Aber Sie brauchen wirklich nichts zu tun, um sich zu bedanken.« Das sah sie anders. Wenn dieser Mann nicht im richtigen Moment aufgetaucht wäre und Zivilcourage bewiesen hätte, hätte der Angriff in einem brutalen Mord enden können.
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