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Elizabeth Musser

Hickory Hills

Ein Gestüt. Zwei Frauen. Die Geheimnisse einer Familie.


1. Allie Atlanta, Georgia Donnerstag, 5. März 2020 »Sensationsfund in Buckhead: Dinosaurierknochen im Garten!« Die Zeitungsmeldung war einfach nur zum Lachen. Wahnsinn ... Dinosaurierknochen! Normalerweise hätte ich bei solchen Zeilen in der Online-Ausgabe der Atlanta Journal-Constitution laut losgeprustet. Stattdessen brach ich in Tränen aus. Ich wusste genau, um wessen Garten es ging und wem die Knochen gehörten. Es handelte sich jedenfalls nicht um Dinosaurier. Ich hatte das Gefühl zu sterben. Ich wollte schreien, weil irgendein verrückter Bagger mein ganzes Leben exhumierte – Vergangenheit und Zukunft zugleich. Konnte er bitte, bitte damit aufhören? Mein Mobiltelefon holte mich mit einer vertrauten Tonfolge aus meiner morbiden Stimmung. »Hey, Schwesterchen. Schätze, du hast den Artikel in der AJC gesehen.« »Jep.« »Ich musste zig Mal ungläubig blinzeln, als ich das gelesen habe. Das waren fast wortwörtlich deine Worte, vor zwanzig Jahren. Weißt du noch? ›Eines Tages wird jemand im Rondell graben und glauben, dass sie in Nana Dales Garten Dinosaurierknochen gefunden haben!‹« »Natürlich weiß ich das noch. Damals fand ich es ungeheuer lustig. Ein Witz! Und jetzt wird er Realität und mir dreht sich der Magen um!«

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»Hey, fang jetzt nicht an, dir Vorwürfe zu machen. Dich trifft keine Schuld. Du hast gekämpft wie ein T-Rex.« »Ha. Danke, Brüderchen.« Aber meine Worte klangen leer. Ich wusste, dass Wick irgendwo in Frankreich auf die Onlineausgabe des Artikels starrte. Ich dachte an meinen monatelangen Kampf und wie Wick sich geärgert hatte, dass er so weit weg wohnte. Wick liebte Ahnenforschung, seit er herausgefunden hatte, dass er nach unserem Urgroßvater mütterlicherseits, Jeremiah Wickliffe Butler, benannt worden war. Vor Kurzem hatte er seinen Master in Denkmalpflege gemacht und diese beiden Fähigkeiten häufig auf ungewöhnliche Weise verknüpft, zuletzt mit einem einjährigen Zeitvertrag im Louvre. Er war bereits für Nana Dales Beerdigung und Testamentseröffnung im Dezember zurück in die Vereinigten Staaten gekommen. Er konnte jetzt nicht schon wieder verreisen. »Ich wünschte, du wärst hier«, sagte ich trotzdem. »Du könntest mir helfen, dieses ganze Chaos zu entwirren.« »Es wurde bereits im Januar entwirrt. Es ist nicht mehr dein Problem.« »Aber das ist es ja gerade. Es ist mein Problem, dass es nicht mehr mein Problem ist. Das war mein Traum, mein Lebensziel. Alles.« Ich schluchzte in mich hinein, weil ich nicht am Telefon meinem Bruder etwas vorheulen wollte. »Und mehr noch: Es war auch ihr Traum. Es war ihr Wille, dass ich ihn fortführe.« »Hey, tut mir leid. Ich weiß, das ist großer Mist, aber du kannst nun mal nichts dran ändern. Ist das Haus inzwischen geräumt?« Danke für das Mitgefühl. »Fast«, log ich. Ich hatte noch nicht eine einzige Kiste gepackt. Aber Wick kannte mich. Er seufzte theatralisch. »Hör mal, wenn du nicht die Sachen durchgehst und das raussuchst, was wir behalten wollen, wird alles verkauft oder verschenkt werden. Bitte.« »Ja, mache ich noch. Versprochen.«

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»Und lass dir von der Immobilienagentur helfen. Das meine ich ernst.« »Ich vertraue denen nicht.« »Es ist nicht ihre Schuld. Oder die unseres Anwalts. Das weißt du.« Ich schwieg. »Komm schon. Lass dir von jemandem helfen.« Ich war froh, dass er das Gespräch nicht auf Austin brachte. »Ich werde die Knochen besuchen!«, sagte ich und versuchte verzweifelt, das Thema zu wechseln. »Was?« »Die Dinosaurierknochen.« Ich lachte kurz. »Ich wette, sie haben die Hälfte noch gar nicht gefunden.« »Himmel noch mal, lass es einfach! Du hast doch genug lebende Dinge, um die du dich kümmern solltest, ohne auch noch ...« Er zögerte. »Ohne auch noch dem Reporter von der AJC dabei zu helfen, das Rätsel der Dinosaurierknochen zu lösen.« Ich verdrängte den Gedanken an Kindheitsspiele und die schwülen Sommertage, an denen unsere Eltern uns bei den Großeltern abgesetzt hatten, um sich in der Welt herumzutreiben. »Ich muss los«, sagte ich. »Keinen Blödsinn machen, Schwesterchen. Versprochen?« Ich sagte nichts und wusste, dass Wick das nicht überraschte. Dann legte ich mein Handy ab und stand abrupt auf. Maggie, meine Katze, sprang erschrocken von meinem Schoß. Sie funkelte mich mit ihren grünen Augen an und meine schwarze Leggins zeigte Spuren ihres flauschigen Fells. Absicht, natürlich. Ich schnappte mir den Schlüssel zu meinem Hyundai, verließ meine Wohnung im elften Stock mit Ausblick auf Buckheads Peachtree und East Paces Ferry Road und fuhr die zehn Minuten zur Nancy Creek Road und dem Viertel, in dem so viele meiner Erinnerungen und Träume wohnten. Die Menschen, die einst wie meine Großmutter in Buckhead gewohnt hatten, hatten ihre Häuser mit eigenen Händen errich-

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tet, als Atlanta nach dem Sezessionskrieg wiederaufgebaut werden musste und die Straßen noch unbefestigt waren. Sie hatten schwer geschuftet, waren gerade so über die Runden gekommen und hatten ein gutes Verhältnis zu ihren Nachbarn unterhalten. Aber jetzt war das Viertel eine Mischung aus Wohlhabenden und Neureichen und gerissenen Bauunternehmern, die wunderschöne Häuser dem Erdboden gleichmachten, um Reihenvillen auf Land zu errichten, auf dem einst Herrenhäuser mit Säulen und Pferdeställen gestanden hatten. Vor dem Haus meiner Großeltern bremste ich ab, dem Haus, das eigentlich mein Haus sein sollte. Es stand weit ab von der Straße, versteckt hinter großen Hickorybäumen, und man musste durch eine Fülle von jungen Frühlingsblättern spähen, um die Schönheit aus rotem Backstein zu sehen, die sich hinter einem kleinen, mit gepflegtem Ziergras bewachsenen Hügel erhob. Ich fuhr an der Kieseinfahrt und dem Haus zu meiner Rechten vorbei und bog in eine zweite Kieseinfahrt ein. Mein kleiner Hyundai hoppelte einen steilen Abhang herunter, der schließlich wieder den Hügel hinaufführte, gesäumt von alten Hickorybäumen, Hartriegelbäumchen und Eichen. Anheimelnd, dunkel, tief die Wälder, die ich traf, zitierte ich im Stillen aus dem berühmten Gedicht von Robert Frost, als ein Eichhörnchen über den Weg und auf einen Baum huschte. Der buschige graue Schwanz flüchtete auf einen wartenden Ast wie eine wild wehende Fahne. Mir krampfte sich der Magen zusammen. Wie ich diese Bäume und die Tiere liebte, die unbeschwert und glücklich auf diesem Grundstück lebten! »Um Himmels willen, lasst ja die guten Bäume stehen!«, hatte meine Großmutter angeordnet – so die Geschichte –, als ein Eissturm 1973 ein Dutzend davon umgeweht hatte, zusammen mit den Oberleitungen überall in der Stadt, lange, bevor ich geboren war. »Und jetzt werden sie alles hier plattmachen, Nana Dale«, flüsterte ich, als ich auf einer gerodeten Lichtung hielt. Ich schüt-

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telte den Ärger ab und beschloss stattdessen, auszusteigen und auf dem Weg zu meiner Linken den Hügel hinaufzusteigen, einen Morgen oder zwei hinter dem Haus, anstatt mich nach rechts auf den flachen, steinigen Pfad zur Scheune zu machen. Ich erreichte den Reitplatz, wo ein Bagger stand, das stählerne Maul leer neben einem Berg aus für Georgia typischer roter Erde. Ich starrte die abgeflachte Ebene an, wo der Holzzaun, die Hindernisse, die Koppeln und die Bäume gestanden hatten. Dinosaurierknochen. Von wegen. Der Baggerführer beachtete mich nicht. Er trug schlammige Arbeitskleidung, hatte mir den Rücken zugewandt und trat eine Zigarette im lehmigen Boden aus. Und während sein Rauch gelangweilt durch die Luft wirbelte, dachte ich an Nana Dales häufige Warnung: »Streichhölzer an der Scheune sind tabu!« »Wie können Sie es wagen, hier zu rauchen!«, rief ich. »Das könnte hier alles Feuer fangen!« Er drehte sich langsam um, mit einem leichten Grinsen auf den Lippen, zog die Augenbrauen hoch und deutete auf den feuchten roten Tonboden, der sich meterweit um uns herum erstreckte. »Das halte ich für unwahrscheinlich, Miss Allie.« Ich schnappte nach Luft. »Barnell!« Ich ging zu ihm und schlang die Arme um seine gebeugten Schultern. »Miss Allie«, wiederholte er, ein aufrichtiges Lächeln im Gesicht, die Fältchen von einem dichten grauen Bart verdeckt. »Eigentlich darfst du gar nicht hier sein, das weißt du, oder?« »Ja, aber es ist mir egal. Wie hast du das angestellt? Dass du hier alles ausgraben darfst? Kennst du den Bauunternehmer?« Barnell verzog das Gesicht. »Jeder kennt den Bauunternehmer. Und vor allem seinen Ruf.« Er zuckte die Achseln. »Tut mir echt leid, dass deine Großmutter es an diesen Halunken verkauft hat. Dachte mir, dass ich dann wenigstens hier die Erdarbeiten durchführe.« »Danke. Was für eine schöne Überraschung an so einem

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furchtbaren Tag. Du bist extra deswegen aus dem Ruhestand zurückgekommen, oder?« Er nickte voller Mitgefühl. »Das alles tut mir wirklich leid.« »Haben sie die Knochen schon abtransportiert?« Die Frage kam zu barsch heraus, aber als ich Barnell ansah, lachte er. Sein Bart wackelte im Rhythmus seines Gelächters. »Dinosaurierknochen! Ausgerechnet Dinosaurierknochen.« Ich schluckte Tränen hinunter. Komisch, dass ich zugleich lachen und heulen wollte. »Wie viele hast du denn hier vergraben? Drei?« »Ja. Und mein Vater noch zwei. Ich habe erst einen ausgegraben, mehr nicht.« Wir grinsten einander an. »Darf ich sie sehen?« »Komm«, sagte er und bedeutete mir mit einer Kopfbewegung, ihm zu folgen. Dabei wischte er sich das braun gebrannte Gesicht mit einem abgewetzten Halstuch, dann den Nacken, knallrot von der Sonne. Wir gingen zur Mitte dessen, was einst ein Reitrondell gewesen war, mit einer Reitbahn von einer Viertelmeile Länge darum herum. Ich schloss die Augen und sah mich als Jugendliche im kurzen Galopp auf meiner Stute außen um das Rondell reiten, dann diagonal durch die Mitte, wo wir mühelos über die Backsteinmauer sprangen – gebaut aus rot und weiß angemaltem Sperrholz – und fünf Schritte machten, bevor wir zu einem Sprung über den weißen Zaun ansetzten. Dann schlängelten wir uns zwischen mehreren hohen Kiefern hindurch und galoppierten um eine große Eiche, bevor wir das Rondell wieder diagonal durchschnitten und über eine Reihe von grünweißen Stangen sprangen. Das waren die Sprünge meiner Kindheit und Jugend gewesen. Und jetzt war alles hier eine einzige Fläche roten Tonbodens, außer an der Stelle, wo es aussah, als wäre ein Krater vom Himmel gefallen und hätte einen Mammutabdruck im Boden hinterlassen.

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Barnell und ich gingen zum gähnenden Loch hinüber. »Gestern morgen waren drei Reporter da«, sagte er und schmunzelte. Ich warf ihm einen Blick zu. »Wie haben die das mit den Knochen überhaupt rausgefunden?« Er zuckte die Achseln und warf dann laut lachend den Kopf zurück. »Du hast es ihnen gesteckt, oder?« »Ich konnte nicht anders, Miss Allie. Ich weiß noch, wie oft ich hier den Zaun repariert oder die Wasserleitung geflickt oder sonst irgendetwas gemacht habe, und dein großer Bruder preschte gerade durchs Rondell und spielte, ihr wärt Familie Feuerstein und würdet Dinosaurierknochen vergraben. Dachte, das könnte eine gute Story sein.« »Und sie haben dir tatsächlich geglaubt?« Forensische Sachverständige werden die Knochen nun untersuchen, um ihr Alter zu bestimmen, hatte es im Artikel geheißen. Ich setzte mich neben das Loch auf die rote Erde. »Hast du eine Idee, wer das ist?« »Das ist No-No Nicotine«, sagte er und griff nach einer weiteren Zigarette, was ich herrlich ironisch fand. »Die gute alte Nicky«, raunte ich. »Sie war die Letzte, die hier begraben wurde, oder?« »Jep, genau.« »Und wer war die Erste?« »Das Pony von deiner Nana Dale ... Der Name fällt mir nicht ein, aber es lag schon hier, da war ich noch nicht einmal geboren. Und dann gab es noch eine Stute namens Krystal, glaube ich. Mein Vater hat sie hier vergraben, als ich zehn oder elf war. Und dann gab es natürlich noch diese schöne gescheckte Schimmelstute, die sie Essie genannt hatte. Ich habe meinem Daddy geholfen, sie zu begraben. Es hat uns fast das Herz gebrochen.« Essie. Ja. Natürlich. Ich hatte viele Geschichten über meine Großmutter und ihr besonderes Vollblutpferd gehört. Im Haus gab es diverse Schwarz-Weiß-Fotos von meiner Großmutter

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auf der Stute, beim Sprung oder nebeneinander, Nana mit einem strahlenden Lächeln, in der Hand eine silberne Trophäe. Meine Großmutter servierte hausgemachtes Gebäck oder auch Schweinshaxe auf Silbertellern, auf denen Dinge wie Chastain Park Shriners Hunter Show, 1. Platz, 1947 eingraviert waren. Nana Dale hatte mir schon, als ich noch ein kleines Kind war, von ihrer geliebten Stute erzählt. »Das war die außergewöhnlichste Fellzeichnung, die ich je bei einem Pferd gesehen habe«, sagte sie dann. »Stahlgrau mit schneeweißen Flecken, eine flachsfarbene Mähne und Schweif, und weiße Beine, alle außer das rechte Hinterbein, das bis zum Sprunggelenk rabenschwarz war.« Ich hatte nicht gewusst, was »flachsfarben« war, aber als ich es nachschlug, stellte ich enttäuscht fest, dass es eine Art blasses weißgelb war. Ich hatte mir eine viel exotischere Farbe vorgestellt. Barnell sah in das Loch hinunter. Dann bückte er sich und holte einen Knochen heraus, der größer als jeder menschliche Knochen war. »Jep. Ich sehe noch deine Grandma vor mir, wie sie mich antreibt, das Loch für Nicky schneller zu buddeln, ›bevor die Polizei kommt und uns festnimmt, weil wir Pferde innerhalb der Stadtgrenze von Atlanta vergraben.‹« Auch ich erinnerte mich daran. Ich war höchstens sechs oder sieben gewesen, als ich genau wie jetzt auf einem Haufen roten Tonbodens gesessen hatte, von Barnells Bagger aufgeworfen. Ich war ans Loch getreten und hatte hineingeguckt, bevor er mich am Pferdeschwanz hatte festhalten können. Im Loch lag eine tote braune Stute. »Wieso schläft Nicky da drin?«, hatte ich gefragt, obwohl meine Mutter mir am Abend zuvor erklärt hatte, dass die uralte Stute meiner Großmutter gestorben war. Und jetzt griff ich in dasselbe Loch und umfasste mit den Händen einen dicken Knochen. »Das ist mehr als zwanzig Jahre her, nicht wahr?« »Jep. Hat deine Großmutter fast selbst ins Grab gebracht, die

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hier zu beerdigen. Beinahe so schlimm wie der Tag, an dem sie Essie begraben musste.« Jedes Mal, wenn meine Großmutter ein Pferd begraben musste, hatte sie das schwer mitgenommen. Nana Dale gehörte zu den unerschrockensten, dickköpfigsten Frauen dieser Erde. Hart im Nehmen. Außer, wenn es um ihre Pferde ging. Und jetzt war das Erbe, das ich in ihrem Namen fortführen sollte, das Anwesen, das seit dem Sezessionskrieg in Familienbesitz gewesen war, verkauft worden. Das Land hinter dem Haus wurde dem Erdboden gleichgemacht, damit die steinige Einfahrt asphaltiert werden und im Reitrondell drei neue Häuser gebaut werden konnten, genau da, wo so viele meiner Erinnerungen lagen. »Dachte, das hier würdest du vielleicht lieber behalten.« Barnell reichte mir mit einem Blick aus seinen dunkelbraunen, funkelnden Augen eine kleine Blechkiste, und als ich sie öffnete, wurden meine Augen feucht. Wenn meine Großmutter eins ihrer geliebten Pferde begrub, gab sie jedem eine kleine Kiste mit ins Grab. Nickys Körper war längst verwest, aber die metallene Kiste, bedeckt mit Ton und Lehm, war noch intakt. Ich öffnete sie und blickte auf vier rostige Hufeisen. Aus Gründen, die niemand außer Nana Dale verstand, ließ sie die Hufeisen von einem Hufschmied entfernen, bevor das Pferd in die Erde kam. »Die sollen sich nicht auch noch im Himmel damit rumquälen«, hatte sie immer gesagt. Ich starrte auf die Hufeisen. »Warum sie es wirklich gemacht hat, haben wir nie herausgefunden, oder?« Barnell legte den Kopf schief und sah fast peinlich berührt aus. »Die Wahrheit ist, Miss Allie, dass deine Großmutter mir vor langer Zeit gesagt hat: ›Barnell, wenn ich je Hickory Hills verliere, versprich mir, dass du die Knochen ausgräbst.‹ Dachte zuerst, deine Großmutter hätte nicht mehr alle Latten am Zaun, bis sie es mir erklärte.« Er zeigte mit wehmütigem

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Blick auf die Blechkiste. »Sie meinte, du solltest die Hufeisen bekommen. Und dass du schon eine gute Verwendung dafür finden würdest, genau wie sie. Das sollte ihr Geschenk an dich sein. Und sie bestand darauf. Ich musste bei Essies Grab schwören, dass ich es wirklich mache.« Sein Grinsen war bittersüß. Ich musste zweimal schlucken, räusperte mich und holte tief Luft, während die Erinnerungen mich wie ein Wasserfall überschütteten. Als ich etwa zwölf war, hatte ich im Sommer Nana Dale dabei zugesehen, wie sie alte Hufeisen auf Holztäfelchen nagelte. Die Hufeisen ragten im rechten Winkel darüber hinaus, damit man Zaumzeug, einen Führstrick oder ein Halfter daran aufhängen konnte. Bevor sie das tat, durfte ich mit dem Brandmalereiset, das sie mir zu Weihnachten geschenkt hatte, das Holz verzieren und den Namen jedes Pferdes einbrennen. Immer, wenn ein neues Pferd zu uns kam, wiederholten wir das Ritual. Nana Dale hatte extra einen Stapel mit alten Hufeisen für diesen Zweck in der Sattelkammer. Das Täfelchen wurden dann an der Wand neben dem Stall des Pferdes angebracht. »Jeff Jeffrey hat mich als Erster auf die Idee gebracht, da war ich nicht älter als du«, hatte mir Nana Dale erklärt. »Ich finde, es ist sehr angebracht, dass wir das fortsetzen, was vor so langer Zeit begonnen wurde.« Ich betrachtete die vier Hufeisen und das vergilbte Briefpapier mit Monogramm, auf das Nana Dale mit ihrer hübschen Schreibschrift No-No Nicotine (1962-1995) geschrieben hatte. »Hufeisen bringen Glück, Allie«, hatte sie mir oft bei der Arbeit gesagt. »Und in diesem Leben brauchen wir alles Glück, das wir kriegen können.« Das erste Mal, als sie das sagte, hatte sie aus dem Fenster der Sattelkammer geschaut. »Aber ich nenne es nicht gern Glück«, hatte sie gesagt. »Sondern Gottvertrauen.« Ich hielt meine Großmutter nie für besonders fromm. Sie ging zur Kirche, wie die meisten Leute in ihrem Alter. Aber Nana Dale steckte voller Geheimnisse und Überraschungen, darunter nicht

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zuletzt auch Bauernweisheiten, die sich irgendwie danach anhörten, als kämen sie aus dem Buch der Bücher. Behutsam holte ich die Hufeisen aus der Kiste und wog sie in der Hand. Wie oft hatte ich draußen vor der Scheune gestanden und zugesehen, wie der Hufschmied eins der Pferde oder Ponys beschlug? »Danke«, sagte ich und versuchte, mir den Kloß im Hals nicht anmerken zu lassen. »Danke, dass du den Bauunternehmer überzeugt hast, dass er dich die Erdarbeiten machen lässt.« Ich sah ihm direkt in die Augen. »Du rufst mich an, wenn du die anderen ausgräbst, oder?« Er erwiderte meinen Blick. »Du brauchst mich gar nicht so anzugucken aus deinen hübschen türkisfarbenen Augen. Ich wusste, dass du es in der Zeitung lesen wirst. Hab nur gewartet, wann du endlich auftauchst.« Dann zuckte er die Achseln. »Aber ja, ich rufe dich an, wenn die anderen Knochen dran sind.« Er fischte ein uraltes Mobiltelefon aus seinem Blaumann. »Hab deine Nummer irgendwo hier drin.« Dann ließ er den Blick über das Gelände schweifen. »Könnte aber eine Weile dauern, bis das alles abgeschlossen ist.« »Du lässt dir schön Zeit, nicht wahr?« »Sie haben mich als Fachmann angeheuert, damit ich die Bäume ausgrabe, was ich getan habe. Und jetzt kann ich mir so viel Zeit lassen, wie ich will. Hab schon angedeutet, dass es sein könnte, dass wir noch eine Menge mehr Knochen finden. So habe ich zu tun und halte diesen Windhund von der Scheune fern.« »Er wird sie im Handumdrehen abreißen lassen.« »Ich weiß.« »Wann ist das Haus dran? Hat er schon ein Datum erwähnt?« Barnell spielte an einer weiteren Zigarette. »Glaube, es ist der achtundzwanzigste März.« Er sah mich durchdringend an. Noch drei Wochen. Drei Wochen und dann gab es kein Zurück mehr. Drei Wochen und meine Familie konnte endlich einen

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Seufzer der Erleichterung ausstoßen. »Gott sei Dank muss sie endlich aufgeben! Das hat sie doch fast umgebracht, irgendetwas retten zu wollen. Jetzt gibt es nichts mehr, was gerettet werden kann.« Barnell unterbrach meine Gedanken. »Wo ist denn dein Verlobter, Miss Allie?« »Er ist nicht mehr da.« Auch das konnte die liebe Allie nicht retten, schalt ich mich selbst. »Tut mir leid, das zu hören. Aber warum – hat er keinen Verstand?« »Ich denke, er hat sogar zu viel Verstand«, murmelte ich. »Allie, Süße, manchmal habe ich das Gefühl, du liebst das Land mehr als mich.« »Er hatte es satt, dass ich meine ganze Zeit investiere, um das Haus und das Grundstück zu retten.« »Ich weiß, wie viel dir dieser Ort bedeutet. Euch allen.« »Ja.« Ich hatte noch versucht, mit Austin zu diskutieren, aber dann gab ich zu, dass er womöglich recht hatte. Und jetzt hatte ich das Haus verloren, das Land und den Mann, den ich liebte. Alles war fort. Ich fuhr wieder los, die rostigen Hufeisen auf dem Beifahrersitz neben mir, die mich mit ihrem Versprechen von Glück geradezu verhöhnten. Im Grunde hatte das Glück mich in dem Augenblick verlassen, als Barnells Bagger sein Maul geöffnet und angefangen hatte, den Boden zu zermahlen.

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2. Dale Atlanta 10. Januar 1931 Das Fohlen kam genauso auf die Welt wie das Mädchen, durch eine schwere Geburt. Dale saß in einer Ecke der Stallbox und beobachtete die graue Stute, die auf der Seite lag, der rundliche Bauch schweißgebadet. Jeder Atemzug von Greta war ein Stöhnen. Hin und wieder hob sie den Kopf, um hinter sich zu sehen, wo Dale einen durchsichtigen Beutel sehen konnte, wie einen milchigen Ballon, der unter ihrem Schweif aus dem Körper hing. Dale gähnte und fröstelte. Sie zog die Pferdedecke enger um die Schultern. Seit Stunden, so schien es, saß sie in der Ecke des Stalls, hielt ein Hufeisen wie eine Ikone in der Hand und betete, während Greta vor- und zurückgetänzelt war, ihre Flanke betrachtet und sich schließlich mit einem schweren Ächzen auf die frischen Sägespäne hatte fallen lassen. Die Stute kämpfte und stöhnte. Da es ein besonderer Tag war, hatte Mama ihr erlaubt, die Geburt zu beobachten. Dale schüttelte sich vor Kälte und eigenartiger Faszination beim Anblick der Wehen, die bis weit in die Nacht hinein anhielten. Sie hörte die Stimme ihrer Mutter, die versuchte, dem Pferd Mut zuzusprechen, dieselbe Stimme, die Dale tröstete, wenn sie sich einen Holzsplitter im Finger oder ein blutiges Knie eingefangen hatte. Als der Tierarzt kam, fand er Dale mit ihren gerade einmal fünfzehn Kilogramm in einer Ecke des Stalls auf frischem Stroh zusammengerollt liegen. Ihre durchgefrorene Hand war um das Hufeisen geklammert, während sich der tröstende Ton ihrer Mut17


ter in Hektik und Panik verwandelte. »Das Fohlen liegt falsch. Ich glaube, es steckt fest. Greta leidet fürchterlich.« Ihre Stimmen wurden leise, sodass Dale nur noch das Stöhnen von Greta hörte. Dann nahm ihr Mama das Hufeisen ab und hob Dale hoch. »Komm, mein Pfläumchen. Dr. Horner wird sich gut um Greta kümmern. Du kannst das Fohlen dann gleich morgen früh sehen.« »Nein!«, sagte Dale und schob trotzig die Unterlippe vor. »Du hast gesagt, dass ich alt genug bin, um zuzugucken!« Dale starrte in die blassblauen Augen ihrer Mutter. Mama trug fleckige Latzhosen und hatte Stroh und Sägespäne in ihrem dichten blonden Haar, weil sie neben Greta gelegen und versucht hatte, die von Schmerzen geplagte Stute zu beruhigen. Dale hatte ihre Mutter noch nie in diesem Zustand gesehen. Dale stampfte mit ihrem Gummistiefel auf, in dem ihr Fuß hin- und herrutschte. »Aber ich will hierbleiben! Ich bleibe!« Pferde faszinierten sie. Sie wollte die Geburt miterleben. »Du bist so dickköpfig wie der Tag lang ist«, sagte ihre Mutter in ihrem gedehnten Südstaatendialekt und setzte Dale auf eine Bank vor Gretas Stall. Mama sagte das öfter. Als Mama wieder in den Stall ging, ließ Dale die schwere Decke von den Schultern gleiten und ging auf Zehenspitzen zur halbhohen Stalltür. Sie konnte kaum darüber spähen, aber sie hörte Dr. Horner. »Sehr gut! Gutes Mädchen, Greta«, säuselte der Arzt. Dale sah, wie er den milchigen Beutel zwischen Gretas Beinen herauszog. Greta stöhnte noch einmal auf. Dann öffnete der Tierarzt den Beutel und holte ein dürres Fohlen heraus. Oder zumindest den Kopf davon. Der Rest des Körpers steckte noch in dem milchigen Sack. Dale sah fasziniert zu, wie das Fohlen den Kopf hob, die winzigen nassen Ohren noch festgeklebt, und sich desorientiert umsah.

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»Mama, das Baby steckt in dem Beutel fest«, raunte Dale. Mama drehte sich um, zog sich einen Halm aus den Haaren und lächelte müde. »Psst. Alles wird gut, mein Pfläumchen. Du wirst sehen.« Greta drehte den Kopf zum kämpfenden Fohlen und gab mit nach vorn gerichteten Ohren einen kurzen Laut von sich. Für Dale sah es aus, als wollte sie ihrem Kind signalisieren, dass es sich beeilen sollte. Als aus dem Laut ein Wiehern wurde, nahm das Fohlen, dessen Beine in alle Himmelsrichtungen ragten, alle Kraft zusammen und schlängelte sich aus dem Beutel. Ein paar Minuten später rappelte sich Greta auf und ging zum Fohlen hinüber. Sie begann, sein nasses graues Fell abzulecken. »Da haben Sie ein hübsches kleines Fohlen«, sagte Dr. Horner. Dale hörte das Lachen in seiner Stimme und war erleichtert. Sie erinnerte sich noch, wie er vor nicht allzu langer Zeit dünn und kratzig geklungen hatte. Damals war Lady gestorben. Dale kicherte. »Sie heißt ihr Baby auf der Welt willkommen, oder, Mama?« Mamas Augen strahlten feucht. »Ja, ganz genau.« Das Fohlen mühte sich mit seinen langen staksigen Beinen im Stroh ab. Jedes Mal, wenn es versuchte aufzustehen, bekam es seine Vorderbeine nur in einem seltsam auf dem Kopf stehenden V aufgestellt, was ihm erlaubte, den Kopf, Nacken und Hals zu heben. Dann brach es wieder im Stroh zusammen. »Mama, ist das Fohlen krank?« »Es geht ihm sehr gut. Es hat nur eine ziemlich schwere Geburt hinter sich. Das dauert noch ein bisschen, bis es seine langen Beine benutzen kann. Das Fohlen muss das erst herausfinden.« Nachdem Greta das Fohlen sauber geleckt und mehrere Male gewiehert hatte, während sie es mit der Schnauze angestupst hatte, kämpfte sich das kleine Pferd zitternd nach oben. Dann stand es endlich auf seinen staksigen, wackligen Beinen. »Es ist eine Kämpfernatur, wie du, mein Pfläumchen«, sagte ihre Mutter, kam zur Stalltür und wuschelte Dale durchs verfilzte

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kastanienbraune Haar. Dale hatte die Geschichte ihrer Geburt oft genug gehört, um dankbar zu sein, ja, sogar stolz. »Die Nabelschnur lag ihr um den Hals, und wegen des Schneesturms konnte der Doktor nicht kommen. Sie kam blau wie eine verwelkte Hortensie auf die Welt und atmete erst nach einer geschlagenen Minute ...« Aber heute Abend strahlte Dale. Das Fohlen hatte in den frühen Morgenstunden ihres sechsten Geburtstags das Licht der Welt erblickt, genau, wie sie es sich gewünscht hatte. »Es gehört dir, mein Pfläumchen«, sagte ihre Mutter.

W Dale nannte das Fohlen Silk Stockings, weil die kleine graubraune Stute drei weiße spindeldürre Beine hatte und nur das rechte Hinterbein schwarz war. »Kann sein, dass es die graue Färbung verliert, wenn es größer wird«, sagte der Tierarzt. »Aber eine Schönheit wird es so oder so.« Und tatsächlich, das Fohlen veränderte im Lauf der Zeit seine Farbe. Mit acht Monaten war es stahlgrau mit weißen Sprenkeln. Mähne und Schweif waren flachsfarben und die Vorderbeine waren bis zum Knie komplett weiß, genauso wie das linke Hinterbein. Das rechte Hinterbein jedoch blieb rabenschwarz. Die Ohren waren schneeweiß und zeigten mal nach vorn, mal nach hinten. Genau wie der stummelige Schweif verrieten sie den frechen Übermut des Tiers. Der schmale Kopf war genauso stahlgrau wie der Rücken, abgesehen von einem weißen Fleck, der unter der Mähne anfing und sich bis um die Schnauze herum zog. Dort hatte er einen leichten Rosastich. Für Dale sah er aus wie der Schönheitsfleck bei Jean Harlow, der Schauspielerin. Dale verbrachte ihre Tage damit, das Fohlen zu beobachten und den anderen Pferden und Ponys im Stall hinter dem Haus die weichen Nüstern zu streicheln. So einfach beschrieb sie ihr Zuhause, aber sie wusste, wie es die Zeitschriften nannten. Sie hatte die Fotos gesehen. Dale konnte außerdem schon lesen und

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wusste sogar, was einige der schweren Wörter unter den Fotos bedeuteten: Das herrschaftliche Anwesen von Mr und Mrs Jeremiah Wickliffe Butler V, Einwohner Atlantas in der vierten Generation und extravagantes Paar, mit ihrem Wohnsitz mit fünfzehn Zimmern und modernsten Stallungen, in denen wertvolle Ponys und Pferde leben. Ein Foto zeigte ihre Eltern, wie sie vor dem Stall posierten. Sie gaben ein hübsches Paar ab – ihre Mutter als zierliche blauäugige und blonde Schönheit im Ballkleid und ihr großer schlaksiger Vater im Smoking mit seinen dunklen Augen und welligen kastanienbraunen Haaren, die er lässig nach hinten gekämmt hatte. Dale war gern im Stall oder hüpfte an Sommerabenden über die samtige Wiese, wo die Glühwürmchen auf dem Weg zum Haus blinkten, das oft aus jedem Fenster schimmerte, als hätten sich die Glühwürmchen auch im Haus niedergelassen. Im obersten Stock gab es zwei riesige Schlafzimmer, »groß genug, um drei Ponys unterzubringen«, sagte Mrs Hughes, ihr Kindermädchen, oft aus Spaß. Jedes Zimmer hatte einen begehbahren Kleiderschrank und sein eigenes Bad. Das Hauptstockwerk hatte zwei gleichermaßen große Schlafzimmer an gegenüberliegenden Enden, jedes mit einem Badezimmer. Manchmal fragte sich Dale, wofür sie so viele Schlafzimmer brauchten, schließlich waren sie nur zu dritt und Mama und Daddy teilten sich ein Zimmer. Sie wünschte sich einen kleinen Bruder oder eine Schwester, aber jedes Mal, wenn sie ihre Mama um ein Geschwisterchen anbettelte, hatte Mama feuchte Augen bekommen und trauriger und verletzlicher ausgesehen als sonst. Also hatte Dale aufgehört, danach zu fragen. Zwischen den Schlafzimmern im ersten Stock gab es eine Küche, ein Frühstückszimmer, ein Arbeitszimmer, ein Esszimmer, ein Wohnzimmer und einen getäfelten Familienraum mit kleiner Bar und einer Reihe von Panoramafenstern mit Blick auf den Garten und die Scheune. Mr Jeffrey und Mrs Hughes arbeiteten für ihre Eltern, küm-

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merten sich um das Haus, das Grundstück und die Pferde. Und um Dale. Mama verbrachte ihre Zeit bei ihren »besonderen Veranstaltungen«. Dale wusste nicht genau, was das bedeutete, aber ihre Mutter verließ das Haus oft in Kaschmir gekleidet und mit Perlen behängt. »Die besten Freunde einer Frau«, raunte Mama oft, wenn sie Dale das dichte Haar kämmte. Mr Jeffrey kümmerte sich um den Stall – zumindest nannte das ihre Mutter so. Mr Jeffrey war ein dünner, drahtiger Mann mit einem stets verbrannten Nacken, schwarzen Locken, buschigen Augenbrauen und schokoladenbraunen Augen, in denen der Schalk blitzte. Er wusste mehr über Pferde als jeder andere und Dale war sein begeisterter Schatten, wenn er die Pferde und Ponys fütterte, einen Zaun oder Wasserhahn reparierte oder die Sättel und das Zaumzeug mit Ochsenklauenöl reinigte. Sie setzte sich dann neben ihn auf einen Heuballen, während er mit gebräunten Armen das Öl ins Leder einarbeitete. »So wird es nicht spröde, verstehst du?«, erklärte er ihr. Wenn ihre Mutter vom Ausritt auf Greta zurückkam, das Pferd glänzend vor Schweiß, schwang sie sich vom Pferderücken und warf Mr Jeffrey die Zügel zu. »Und reib sie ja schön trocken, Jeff«, sagte sie jedes Mal. Dann ging sie fort in ihren Reithosen und schwarzen Reitstiefeln, die blonden Haare unter einen samtgrünen Reithelm gesteckt. Wieso ihre Mutter diese Anweisung jeden Tag wiederholen musste, wusste Dale nicht. Der Zustand, in dem Mr Jeffrey die Scheune hielt, war pikobello, aber vor allem kümmerte er sich um die Pferde, alle vierzehn Stück – um die, die ihrer Mutter gehörten, und die, die andere Leute eingestellt hatten. Die Scheune war durch einen gepflegten Garten vom Haus getrennt: Hohe Hickorybäume, Eichen und Hartriegelbäumchen säumten den akkurat getrimmten Rasen und das saubere Schwimmbecken. Ein hölzernes Schild mit der Aufschrift Hickory Hills hing an der Front der graugrünen Scheune mit ihren großen weißen Kreuzen an den Toren. Dale öffnete oft das weiße Tor

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und spazierte zwischen Pferden und Ponys den Gang hinunter, die sie anwieherten und die Köpfe mit gespitzten Ohren über die halbhohen Tore steckten, weil sie die Äpfel und Karotten wollten, die das kleine Mädchen in ihrer Latzhose versteckt hatte. Dale verteilte sie an jedes Tier mit flacher Hand, damit keiner der riesigen Pferdezähne versehentlich einen der kleinen Finger zu fassen bekam. Am anderen Ende der Scheune trat sie in die umzäunte Koppel hinaus, wo oft Pferde zu beiden Seiten angebunden standen und darauf warteten, abgebürstet, mit einem Schlauch abgespritzt oder beschlagen zu werden. Hufeisen waren Dales Lieblingsobjekte. Sie stibitzte sich oft die alten Hufeisen und versteckte sie in einer Schuhschachtel. Eines Tages würde sie Mr Jeffrey bitten, sie auf einem Holzbrett an die Wand zu nageln, damit sie all die Bänder daran aufhängen konnte, die sie gewinnen würde, genau wie ihre Mutter es tat. Während Mr Jeffrey sich um den Stall kümmerte, tat Mrs Hughes dasselbe mit Dale. Sie wohnte seit Dales Geburt in einer kleinen Wohnung im Erdgeschoss und Dale liebte sie wie eine zweite Mutter. Mit drei gab sie ihr den Namen Husy, der sich seitdem eingebürgert hatte. Oft besuchte Dale Husy noch vor dem Frühstück in ihrer Wohnung und jedes Mal traf sie ihr Kindermädchen auf Knien an, gebeugt vor einem abgewetzten Sessel, die Hände im Gebet gefaltet. Dale ließ die Stille im Raum auf sich wirken und beobachtete Husy, die immer erst aufblickte, als ihr Gebet beendet war. »Ich rede mit dem Allmächtigen und er hat meinen Respekt verdient, Dale. Vergiss das nicht. Und denk immer dran, kein Gebet ist zu groß oder zu klein für Gott.« Husy hatte keine eigenen Kinder, kümmerte sich aber außerdem um ihre zwei Nichten, deren Eltern die spanische Grippe dahingerafft hatte. Bis sie ins Internat gingen, wohnten Darlene und Marjorie unten bei Husy und Husy liebte alle ihre Schützlinge, als wären es ihre eigenen Kinder. Für Dale hatte Husy schon immer uralt ausgesehen. Sie trug

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ihr silbergraues Haar in einem tief sitzenden Haarknoten zusammengebunden und aus Dales Perspektive ging dieser Knoten in einen größeren Buckel auf Husys Rücken über, der dazu führte, dass sie mit gesenktem Kopf herumlaufen musste. »Wieso läuft Husy so und hat eine Kugel auf dem Rücken, Mama?« »Psst! Barbara Dale! Was ist das denn für eine Frage. Über so etwas redet man nicht«, schimpfte ihre Mutter. Erst am Abend lieferte ihr Vater die Erklärung. »Mrs Hughes hat einen Buckel. Sie wurde mit einer Krankheit namens Hyperkyphose geboren.« Daddy berührte Dales Rücken. »Ihre Wirbelsäule, hier, dieser Teil, ist übermäßig gekrümmt, Schätzchen. Manchmal tut das weh. Sie kann sich nicht aufrichten. Aber sie ist stark. Sie kann sich ganz wunderbar um dich kümmern.« Dale hatte keinen Zweifel an ihrer Kraft. Husy war aber auch freundlich und gut und Dale wusste genau, wie sie sie um den kleinen Finger wickeln konnte.

W Als Dale sieben und Silk Stockings – die von ihr auch den Spitznamen Essie bekommen hatte – ein Jahr alt wurden, ließ Dales Mutter sie ohne Sattel auf dem Fohlen sitzen. Essies Ohren klappten nach vorn und nach hinten, als sie das Fliegengewicht auf ihrem Rücken spürte, und sie drehte den Kopf herum, um die winzige Reiterin zu sehen. Dale beugte sich vor und schlang die Arme um den warmen, fleckigen Hals. »Hab dich lieb, Essie. Eines Tages werden wir zusammen Champions sein. Wie Mama und Greta.« So lange Dale darauf warten musste, bis Essie alt genug war – Mr Jeffrey hatte gesagt, dass man sie erst mit drei Jahren an Sattel und Zaumzeug gewöhnen durfte –, brachte Husy Dale in die Scheune und sattelte Mr Jinx, ein fettes braunes Pony, das zugleich alterslos und sittsam zu sein schien. Husy führte das Pony

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und das kleine Mädchen durch die Scheune und den Hügel hinauf zum Reitrondell, wo Mamas Trainer Dale beibrachte, wie man im Englischsattel saß. Eines Tages kam Dale in die Scheune und sagte frech: »Husy, wieso ist Mr Jinx noch nicht gesattelt? Ich habe dir schon vor Ewigkeiten den Auftrag gegeben!« Sie stemmte die kleinen Hände in die Hüfte und funkelte ihr Kindermädchen an. Husy zog die Augenbrauen hoch und Dale begriff, dass die Zeit des Um-den-kleinen-Finger-Wickelns vorbei war. Nur Mama konnte ungestraft so reden. Nach ihrer Übungsstunde warf sie Mr Jeffrey die Zügel zu, wie sie es bei Mama schon viele Male gesehen hatte. »Na los, lass ihn auslaufen. Ich habe hundert Sachen, um die ich mich im Haus kümmern muss!«, imitierte sie ihre Mutter. Kurz huschte ein Grinsen über Mr Jeffreys spröde Lippen, aber dann verdunkelte sich sein Blick. »Du führst dich auf wie eine verwöhnte Göre, Miss Dale, und das ziemt sich nicht. Wenn du dieses Pony reiten willst, dann wirst du auch lernen, wie man sich darum kümmert. Man stellt nie ein Pony in den Stall, wenn es so schwitzt wie Mr Jinx. Du weißt, was das für Koliken geben kann. Hast du mich verstanden?« Dale konnte Mr Jeffrey kaum ansehen. Sie ballte die Hände zu Fäusten und sah finster drein. Ihre Wangen glühten. »Mama hat dich angestellt, damit du das machst!« »Wenn ich noch einmal höre, dass du so mit Mr Jeffrey sprichst, hole ich die Gerte!«, ging Husy dazwischen. »Mr Jeffrey und ich haben dich viel zu lieb, als dass wir aus dir so ein verzogenes Kind werden lassen.« Sie vollendete den Satz nie, aber Dale sah es in Husys Augen: »Wie deine Mutter.« Dale galoppierte manchmal mit Mr Jinx auf den Nebenstraßen von Buckhead. Der Lehm flog in roten Staubwölkchen hinter ihnen auf und der Wind blies ihr die dichte schwarze Mähne ins Gesicht, während sie sich tief über seinen Widerrist beugte. Aber in einem oder zwei Jahren würde sie auf diesen Straßen Essie reiten.

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W Eines Samstags kam Linda Betts zum Spielen, während ihre Mütter an einer Feier teilnahmen. Dale mochte Linda nicht besonders. Sie verpetzte andere Mädchen in der Schule, trug auffällige Kleider zum Unterricht und spielte nur mit Puppen. Mittags bekam Linda große Augen, als Husy die Teller mit Essen an den Tisch brachte. Nachdem Husy gegangen war, flüsterte sie: »Dein Kindermädchen ist so hässlich. Wie erträgst du bloß ihren Anblick? Sie hat einen Buckel und eine Hakennase und ist so alt wie die Berge. Mein Kindermädchen ist wunderschön und jung.« Dale hatte gerade von ihrem Truthahnsandwich abgebissen und versuchte, den Bissen herunterzuschlucken, aber in ihrer Kehle brannte die Wut. Sie wischte Lindas Teller vom Tisch, dass er auf den Fliesenboden krachte und in hundert Scherben zersprang. »Sie ist nicht hässlich – sondern du! Vielleicht ist sie äußerlich nicht schön, aber innen schon, und sie ist richtig und nett und lieb, aber du bist schlecht und hässlich und gemein. Verschwinde aus meinem Haus, sofort!« Als Mama davon hörte, nannte sie das Ganze ein Fiasko. »Ich schäme mich so für dich, Dale! Was sollen die Leute von dir denken?« »Sie sollen denken, dass ich sehr wohl weiß, wer hässlich ist und wer nicht«, gab sie frech zurück. »Du wirst dich bei Linda entschuldigen.« »Werde ich nicht! Sie sollte sich entschuldigen.« Später am Abend kam Daddy in ihr Zimmer, wo Dale auf dem Bett lag und schluchzte. »Linda ist gemein!« Ihr Vater umarmte sie und drückte ihr die Hand. »Linda hat etwas Gemeines gesagt. Aber du, Dale, hast sehr unklug reagiert. Du hattest Grund dazu, aufgebracht zu sein, aber in der Art, wie du deinem Ärger Ausdruck verliehen hast, bist du ...« Dale war 26


es, als würde sie ein winziges Lächeln auf seinen Lippen sehen, »ein wenig übers Ziel hinausgeschossen.« »Tut mir leid. Ich entschuldige mich morgen in der Schule bei ihr.« Sie seufzte theatralisch. »Linda wird mal genauso wie dein gemeiner Cousin Mr Weatherby.« »Wie kommst du denn darauf?« »Er macht dir das Leben doch zur Hölle, Daddy. Er will, dass dein Sägewerk jetzt mitten in der schwierigen Zeit pleitegeht. Das will er doch, oder? Er sucht nach einer Gelegenheit, wie er dich ruinieren kann, damit er unser Land kriegt. Und dann gehört er auch noch zur Familie!« Daddy sagte nichts und zuckte nur die Achseln. Dale hatte zwei Tage zuvor eine sehr hitzige Debatte zwischen Mr Weatherby und ihrem Vater mitgehört. Sie wollte ihm eigentlich ihre neusten Ponyzeichnungen im Arbeitszimmer zeigen, aber die Tür war geschlossen und die Stimmen laut gewesen. Sie konnte sich genau vorstellen, wie es ausgesehen hatte. Mr Weatherby war immer häufiger zu Gast in ihrem Haus seit einem Ereignis, das die Erwachsenen »Börsencrash« nannten. Er trug stets einen edlen Anzug und seine Haare waren mit Haarwasser frisiert. Er war ungefähr so alt wie ihr Vater, aber sein Blick war hart und gemein und in seinen Augen zeigte sich etwas, das sie nicht in Worte fassen konnte. Etwas wie Hunger. »Hör zu, Jeremiah. Ich mache dir einen guten Preis. Das hier ist das schönste Fleckchen Erde in North Fulton County.« »Ich verkaufe nicht, Weatherby.« »Und was ist mit dem Sägewerk?« »Auch das gebe ich auf gar keinen Fall …« Das Gesicht ihres Vaters war puterrot, aber er hielt mitten im Satz inne, als Dale die Tür öffnete, und tat so, als wäre nichts. »Daddy, guck mal, was ich für dich gemalt habe.« In Wahrheit hatte Dale sich die Verantwortung einer Erwachsenen auferlegt, ihrem Vater zu helfen, Grund und Boden zu behalten. Sie hatte auch gehört, wie ihre Eltern darüber gesprochen

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hatten. »Er hört nicht auf, bis er uns ruiniert hat, Eleanor. Er hat es sich in den Kopf gesetzt, das Land zu besitzen. Wieso meine arme Cousine Jane ihn überhaupt geheiratet hat, ist mir schleierhaft.« Jetzt kuschelte sie sich noch fester in den Schoß ihres Vaters. »Wirst du die Butler Lumber Company verlieren, Daddy?« »Na, na, Dale! Seit wann bist du auf einmal eine Erwachsene? Mach dir mal keine Sorgen.« Bevor er das Licht löschte, blieb er noch einmal stehen. »Es besteht kein Zweifel daran, dass du deinen Weg gehen wirst, aber du musst lernen, dich zu beherrschen.« Dabei grinste er und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. »Du hast Mumm und du hast Geschäftssinn. Du schaffst das schon.« Dale wusste, wie viel Erleichterung ihm das brachte, so etwas sagen zu können, weil sie einmal gehört hatte, wie besorgt er darüber war, dass ihre Mutter weder mit Geld noch mit ihrer Zeit noch mit sonst irgendetwas umgehen konnte. An jenem Abend dachte Dale über den Tag nach. Ja, ihr geliebtes Kindermädchen war nicht schön anzusehen, das stimmte. Meist blickten die Leute zweimal hin und wandten dann den Blick ab. Aber Husy war auch der schönste Mensch, den Dale kannte, denn Dale hatte die wahre Husy gesehen und sie würde nicht zulassen, dass jemand sich über sie lustig machte. Selbst in ihrem jungen Alter begriff Dale etwas, das sie erst in einigen Jahren in Worte würde kleiden können: Es gab Dinge, die scheinbar in sich absolut widersprüchlich waren und dennoch wahr.

W 1932 Einige Familien in Atlanta blieben vor den fürchterlichen Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise verschont, aber Dales Fami-

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lie gehörte nicht dazu. Seit drei Jahren kämpfte ihr Vater dagegen an, die Sägemühle schließen zu müssen. »Niemand braucht gerade Bauholz, Dale«, räumte ihr Vater ein. »Niemand baut in diesen Tagen etwas, abgesehen von Schuldenbergen und Hütten aus Pappkartons.« Sie sah, wie Mama und Daddy sich von dem Leben verabschiedeten, dass sie kannten, ein Leben, das die Society-Zeitschrift als eine Vergangenheit aus »Luxus, Privatclubs und extravaganten Gartenpartys« beschrieben hatte. Und von Pferden. Mamas Pferde waren das Erste, was Daddy verkaufen musste. Im Juli 1932 ging die Butler Lumber Company pleite und zwang ihn, sieben Angestellte zu entlassen. Mama weinte, das Gesicht fleckig und aufgedunsen. »Jeremiah, sie gehören doch zur Familie. Wir können die Pferde nicht verkaufen.« Daddys Miene wurde streng und hart und zum ersten Mal hörte Dale, wie er lauter wurde. »Eleanor, ich habe gerade den größten Teil meiner Arbeiter entlassen. Sie haben jetzt nichts mehr, womit sie ihre Kinder ernähren können. Und wir müssen auch an unsere kleine Barbara Dale denken. Die Pferde kommen weg!« Daddy war selten hart zu Dales Mutter. Dale wusste, dass der Hammer gefallen war, als Mama es mit einem Nicken und einem Wischen über ihre hübschen blauen Augen akzeptierte. Dale liebte das Funkeln in ihren Augen, aber an jenem Tag waren sie rot und sehr traurig. Noch trauriger, als wenn Dale nach einem Geschwisterchen fragte. Dale rannte in die Scheune und ging in die Box, wo ihr Fohlen auf frischer Streu lag. Sie legte sich daneben und schluchzte. »Die dürfen dich mir nicht wegnehmen, Essie! Das lasse ich nicht zu!« Sie verbrachte die Nacht im Stall bei Essie, und als die Dämmerung die ersten Pastelltöne an den Himmel zeichnete, wieher-

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te das Fohlen und leckte ihr über die kleine Hand. Dale spürte die raue Zunge, weinte und suchte in ihrer Latzhose nach dem letzten Zuckerwürfel. Neun andere hatte sie im Lauf der Nacht bereits verfüttert. Am Vormittag, während Mama, Mr Jeffrey, Husy und Dale zusahen, kam ein Mann und holte sowohl die Pferde und Ponys ab, die Mama gehörten, als auch die, die andere Leute hier eingestellt hatten. Und er holte ihr geschecktes Fohlen, das Mama Dale zum sechsten Geburtstag geschenkt hatte. Das Fohlen, mit dem sie auf großen Pferdeshows über Hindernisse springen wollte, genau wie Mama mit Greta. Das Fohlen, neben dem Dale mit einer glänzenden Siegertrophäe stehen wollte, während an Essies Zaumzeug ein dreifaches Band prangte und im Wind wehte. Als der Mann auf die Box ihres Fohlens zutrat, schrie Dale: »Das ist meine! Das ist mein Fohlen. Sie dürfen sie mir nicht wegnehmen!« Untröstlich klammerte sich Dale an Essies Halfter, bis Husy Dales Hand nahm und sie gemeinsam zusahen, wie der Mann Pferde und Ponys verlud. Husy liebte die Tiere genauso wie Dale und ihre Mutter, aber auch sie hatte eine besondere Schwäche für Essie. »Sie ist genauso hübsch und frech wie du, Barbara«, sagte sie oft. Dale schluchzte. Krokodilstränen liefen ihr übers Gesicht, als das Fohlen in den Trailer gebracht wurde. »Du bist meine beste Freundin, Essie!«, rief sie. »Ich werde dich niemals vergessen.« Essies weiße Ohren flackerten vor und zurück. Sie stemmte die zarten Beine gegen die Rampe, drehte sich und wieherte schrill, sichtlich verwirrt. Dabei sah sie Dale direkt an. Das durfte doch nicht wahr sein! »Ich finde dich. Ich komme und finde dich, Essie. Versprochen.«

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3. Allie Freitag, 6. März Ich stand hinter einigen dicken Eichen und beobachtete, wie das Haus vorbereitet wurde. Mit jeder Bewegung der Arbeiter verkrampfte sich mein Magen mehr. Das durfte doch nicht wahr sein! Hatten sie uns nicht versichert, dass sie das alte Haus restaurieren würden? Und jetzt, in wenigen Augenblicken, würde es zerstört werden. Mein ganzes Leben, die Familiengeschichte und meine Zukunft würden in sich zusammenfallen. Ich unterdrückte ein Schluchzen. Überall auf dem großen, idyllischen Grundstück meiner Großeltern hatte ich gespielt, von der großen Eiche, die uns Schatten und eine schöne Baumschaukel schenkte, bis zum Schwimmbecken, das an den drückenden, heißen Tagen in Georgia kühle Erfrischung bot, und der Scheune, wo die Pferde in ihren Boxen wieherten. Sehnsüchtig streckte ich die Hand aus, als wollte ich das alte Haus berühren. Es trug sein Alter in stiller Würde und unaufdringlicher Schönheit. So, wie es auf dem Grundstück angelegt war, sodass man nur das Erdgeschoss mit Erkerfenstern und das Giebeldach wahrnahm, täuschte es über die fünfzehn Zimmer in seinem Inneren hinweg. Zimmer, die aufwendig dekoriert und immer wieder im Stil der Zeit renoviert worden waren, während die antiken Möbel die Zeiten überdauerten. Vor meinem geistigen Auge sah ich Nana Dale am Herd stehen, gekleidet in Reithosen, gerade zurück von einem Ausritt, wie sie mit noch schweißnassem Gesicht einen Schmorbraten vorbereitete. Dann sah ich mich selbst, wie ich meine kastanienbraune Stute auf dem Pfad hinterm Haus in Richtung Reitplatz führte. Nana

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Dale lief vor mir und drehte sich mit einem strahlenden Lächeln zu ihrer Reitkollegin um. Und schon im nächsten Moment sah ich sie in einem eleganten Hosenanzug und in Riemchensandalen vor mir, das ergraute Haar wellig und kurz, wie sie meinen Eltern, Wick und mir zurief: »Lieber Himmel, jetzt steht doch mal still, damit ich ein Foto machen kann!« Drei Monate später prangten Mom, Dad, Wick und ich mit Nana Dale in unseren Sonntagskleidern hinter dem hölzernen Weidezaun auf der Weihnachtskarte. Auf dem Foto sahen wir allesamt nervös aus. Jedes Mal, wenn wir es später betrachteten, mussten wir lachen. Nana Dale hatte auf den Selbstauslöser ihrer Nikon gedrückt und musste dann die gut fünfzehn Meter in ihren Absatzschuhen überwinden, um neben mir aufs Bild zu kommen. Sie hatte es kaum geschafft, als das rote Licht am Fotoapparat schon hektisch zu blinken begann, und dann, Klick! Da stand sie, hielt sich an mir fest, und ihre zimtfarbenen Augen strahlten vor Lebenslust und wilden Ideen. KAWUMM! Das Geräusch riss mich aus meinen Gedanken. Ein Teil des Hauses fiel in sich zusammen. Ich schnappte nach Luft und hatte das Gefühl zu ersticken. »Nein!«, schrie es in mir. Wie konnten sie es mir jetzt schon entreißen? Barnell hatte mir versprochen, dass es mindestens noch drei Wochen stehen würde! KAWUMM! Ich saß kerzengerade im Bett, schweißgebadet, das Herz ein Hammer in der Brust. Mein Handy klingelte. »Hallo?« Ich schüttelte den Kopf, um den Rest des Albtraums loszuwerden. Mit einem süßen französischen Akzent stellte sich eine Dame von der Immobilienfirma vor. »Hallo, mein Name ist Cécile.« Als ich, noch ganz in meinem Traum gefangen, schwieg, fügte sie hinzu: »Ich würde gern einen Termin machen, damit ich vorbei-

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kommen und die Preisermittlung starten kann, Miss Massey. Der Verkauf soll in zwei Wochen stattfinden.« Ich hörte etwas Sorge in ihrer Stimme. Ja, ich weiß.

W Vielleicht gehörte ich zu den Millennials, aber nun fühlte ich mich eher wie Scarlett O’Hara, als sie sich herunterbeugte, die rote Erde in ihre Hand nahm und schwor, dass sie nie wieder Hunger leiden würde. Ich wusste um den Wert von Grund und Boden. In unseren Zeiten ging er viel zu schnell verloren. Ich hatte Pläne für dieses Grundstück. Schon seit meiner Kindheit wusste ich, dass ich jeden Tag Pferde um mich haben wollte. Meine Großmutter war noch mit siebzig in der Hunterklasse geritten. Aber zu meinen schönsten Erinnerungen an sie gehörten, wie sie die Knirpse auf einem Ponyrücken unterrichtete und ihnen zeigte, wie man den Trab aussitzen konnte. Sie hatte halb Atlanta an den Englischsattel gewöhnt. Meine frühesten Erinnerungen waren, wie ich in einem Ställchen zwischen zwei Kiefern neben dem Reitrondell spielte, während Nana Dale Reitstunden gab. Mir machte es überhaupt nichts aus, bei meiner Großmutter »geparkt« zu werden. Mein Großvater Daniel Taylor war ein Jahr vor meiner Geburt verstorben. Ich fragte mich, ob Nana Dale in dem riesigen Haus nicht einsam war. Aber immer, wenn ich sie danach fragte, sagte sie: »Ich langweile mich keinen Augenblick, Dale, mit all den Pferden und meinen Schülern. Aber die schönsten Augenblicke sind immer, wenn du zu Besuch kommst.« Ich liebte Nana Dale und die Pferde über alles. Meine Mutter wollte nichts damit zu tun haben. Oder besser gesagt, sie hatte schon genug damit zu tun gehabt als Kind und Jugendliche, gezwungen zum Pony-Club und zu Pferdeshows und später zum Turnierreiten. Als ihr Wallach in eine ein Me-

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ter zwanzig hohe Mauer krachte und sie darüberschleuderte, was ihr ein gebrochenes Genick einbrachte – auf wundersame Weise, ohne sie zu lähmen –, hatte sie die Nase voll gehabt. »Allie, tu, was du willst«, sagte Mom oft. »Aber tu es nicht für deine Großmutter oder mich. Tu es für dich.« Ich kannte die Geschichte ihres Unfalls und hatte immer das Gefühl, ein wenig Angst in ihren Augen zu sehen, wenn sie mich bei der Scheune hinter ihrem Elternhaus absetzte. Aber ich wollte keine Turnierreiterin werden und meine Großmutter drängte mich auch nicht dazu. Vielleicht hatte sie ihre Lektion mit meiner Mutter gelernt. Mir genügte es, im Reitrondell zu galoppieren oder eine Freundin auf ihrem Pony zu treffen und über die Wege an unserer Privatschule zu reiten, die eine Meile von Grandmas Grundstück entfernt lag. Noch bevor ich zehn war, wusste ich, dass ich Menschen helfen wollte, auf dem Rücken von Pferden Heilung zu finden. Als Teenager las ich von Pferdetherapie. Zwei Freunde meines Bruders, die sich mit Kokain zudröhnten, gingen auf eine Therapieranch nach Colorado. Dann fand ich heraus, dass man in den Stallungen von Chastain Horse Park ganz in der Nähe dieselbe Therapie anbot. Ich hatte die Bedeutung von pferdegestützter Therapie schon lange begriffen, bevor ich jemals den Fachbegriff dazu hörte. Nana Dale gab gerade eine Reitstunde im Reitrondell und ich, knapp fünf, war dem Laufstall entwachsen und saß auf meinem Hosenboden mit alten Blättern und Kiefernnadeln als Spielkameraden. Meine Plastikpferde galoppierten im Kreis um mich herum oder sprangen über die kleinen Zweige, die ich aufgestapelt hatte, um den Baumstamm einer Eiche nachzubilden, der in der Mitte des Rondells lag und über den ich schon unzählige Pferde mitsamt Reitern hatte springen sehen. Aber an diesem Tag unterrichtete Nana Dale einen Anfänger. »Und hoch, runter! Hoch, runter!« Nana Dale rief dem Jungen, der etwa in meinem Alter sein musste und dem der zu große

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Reithelm auf dem Kopf hin und her rutschte, Anweisungen zu. Er hüpfte auf Nickys Rücken herum, aber Nicky war das entspannteste Pferd der Welt. Sie war mit einem Stockmaß von ungefähr 1,44 Meter recht klein und ging gerade so als Pferd durch. Ich wusste nicht genau, wie alt sie war, aber Nana Dale hatte gesagt, dass sie weit über dreißig war, was in Pferde- und Ponyjahren fast einhundert sein musste. Obwohl sie das sanfteste Tier überhaupt war, flößte sie Kindern am Anfang immer Angst ein. Nicky hatte nur ein Auge und dort, wo sie das andere durch einen Tumor verloren hatte, klaffte eine leere graue Augenhöhle. Außerdem hatte Nicky eine hässliche gezackte Narbe unter dem rechten Vorderbein, dort, wo sie sich einmal an Stacheldraht aufgerissen hatte. Das Pferd hatte neun Leben und Nana Dale konnte mit dem Zehnfachen an Geschichten über ihre Leben aufwarten. Ihr offizieller Name war »No No Nicotine«, weil Nana Dale an dem Tag, als ihre Stute Essie das Fohlen bekommen hatte, zu Barnell gesagt hatte: »Du holst dir noch den Tod von deinen Glimmstengeln, das weißt du, oder?« Während Nicky das unkontrollierte Gehüpfe des Kindes ertrug, konzentrierte ich mich auf das »Hoch, runter! Hoch, runter!« von Nana Dale. Ihre Stimme, in der dritten Unterrichtsstunde des Tages schon heiser geworden, klang trotzdem irgendwie beruhigend. Ich hatte selbst schon als Kleinkind auf Nicky gesessen und mit vier hatte Nana Dale mir erlaubt, auf einem Sattel mit den Zügeln in der Hand Nicky durch das Rondell zu führen. Ich war süchtig. Bald beherrschte ich den Trab und mit fünf galoppierte ich schon auf der kleinen Stute durchs Rondell und bettelte darum, über den Baumstamm springen zu dürfen, was Nana Dale kategorisch ablehnte. »Deine Mutter zieht mir das Fell über die Ohren!« Mom hatte ständig Angst, dass mir zustoßen könnte, was ihr zugestoßen war. Aber da meine Mutter nie auf dem Reitplatz blieb, ließ Nana Dale mich allmählich vom Schritt zum Trab und zum Galopp fortschreiten.

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Deswegen konnte ich nicht begreifen, wieso der kleine Carter den Trab nicht beherrschte. Das hier war seine fünfte Stunde – ich hatte mitgezählt – und er hüpfte noch immer wie eine wilde Puppe auf dem Sattel herum. Und obwohl auch meine Großmutter sicher allmählich die Nerven verlor, ließ sie es sich nicht anmerken. »Gerade sitzen! Bauch anspannen! Nutze die Zügel, Carter, um sie zu lenken. Überlass ihr nicht die Führung. Genau so. Ruhig!« »Carter lernt das nie«, sagte ich, nachdem der kleine Junge an der Hand seiner Mutter davongehüpft war, als hätte er gerade Galopp gelernt. »Das ist Zeit- und Geldverschwendung.« Nana hockte sich vor mich hin und sah mir direkt in die Augen. »Da hast du in gewisser Weise recht, Allie. Er wird niemals so reiten wie du. Und deswegen könnte man es als Zeit- und Geldverschwendung bezeichnen. Aber Carter ist anders als andere Kinder. Er kann seine Bewegungen nicht so kontrollieren wie du. Aber auf Nicky zu reiten, gibt ihm Selbstvertrauen. Du hast doch gemerkt, dass er keine Angst mehr vor ihr hat, oder?« Ich nickte. »Seine Mutter ist sehr klug. Sie weiß, dass es ihm, nun … eine ganz neue Welt eröffnet, hier bei der Scheune und den Pferden zu sein und auf Nickys Rücken zu sitzen.« »Musst du deswegen einen Hocker neben Nicky stellen und Carter helfen, damit er aufsteigen kann?« »Genau. Und ja, wir machen seit vielen Wochen dasselbe. Aber er macht Fortschritte.« Nana Dale hatte einen Blick, den ich in den folgenden Jahren noch oft bei ihr sehen würde. »Du denkst an früher, oder?« Sie sah mich an. »Du merkst aber auch alles. Ja, ich denke an einen Freund von mir. Tommy. Er ritt Springpferde und hat alle möglichen Wettbewerbe gewonnen. Dann wurde er schwer krank. Die Ärzte sagten ihm, dass er nie wieder auf einem Pferderücken sitzen würde. Aber ich glaubte ihnen nicht. Ich wusste, dass er genügend Biss und Durchhaltevermögen hatte. Aber

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Tommy musste von ganz vorne anfangen und sein Körper machte nicht mit wie früher. Er hüpfte auf dem Pferd herum wie der kleine Carter. Bis er lernte, wie er sein Handicap zu seinem Vorteil einsetzen konnte.« Danach passte ich auf, dass ich keine Unterrichtsstunde von Carter mehr verpasste. Der Unterricht ging weiter, Woche für Woche, Jahr für Jahr, bis ich eines Tages mit Carter im Reitrondell und über Pfade und sogar im Pony Club reiten konnte. Nana Dale hatte keine Ausbildung in pferdegestützter Therapie oder in sonst irgendeiner der vielen therapeutischen Spielarten. Aber sie war eine großartige Reiterin mit einem großen Herz – etwas ruppig vielleicht, aber entschlossen, jedem Kind Selbstvertrauen, Vergnügen und Liebe zu den Pferden zu vermitteln. Ich fragte mich, ob Pferdetherapie vielleicht auch meiner Mutter helfen konnte. Tommy hatte sie jedenfalls geholfen. Als Nana Dale von ihrer Jugendzeit mit Tommy und den Pferden erzählte, kamen diese Geschichten mir fast wie ausgedacht vor, als hätte Nana sie aus einem Walter-Farley-Roman mit seinem strahlenden schwarzen Hengst entnommen. »Einmal sind wir ohne Sattel gemeinsam auf Tommys Pferd geritten, mitten in der Nacht. Ich hatte einen Arm im Gips und schwenkte in der gesunden Hand eine Taschenlampe, um die wilden Bären zu verscheuchen ...« »Wir führten unsere Pferde im Madison Square Garden vor, ganz da oben in New York, und alle möglichen Leute staunten uns an ...« Ich fragte mich oft, ob die Geschichten stimmten, aber immer, wenn ich sie darauf ansprach, bekam meine Großmutter feuchte Augen – und sie war eigentlich nicht nah am Wasser gebaut – und nickte. »Natürlich stimmen die Geschichten! Wieso sollte ich mir so etwas ausdenken?« Ich wusste es nicht. Ihre Erzählungen klangen einfach irgendwie wie Märchen.

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»Einmal, während des Krieges, fand ich einen Matrosen mit Brandwunden und halb ertrunken am Strand. Sein Tankschiff war von einem deutschen U-Boot versenkt worden. Wir zogen ihn raus, mein Pferdchen und ich ...« Aber immer, wenn sie diese Geschichte erzählte, hielt sie mitten im Satz inne, sah sich um, als würde ihr jemand hinterherspionieren, und sagte dann leise: »Das erzähle ich dir später einmal.« Aber sie tat es nie. Meine Mutter wollte jedenfalls nichts mehr mit Pferden oder Pferdetherapie zu tun haben und ich fragte mich, ob mehr dahintersteckte als nur ihr furchtbarer Sturz. Ich ritt Foxtrot, meine Stute, weiter und plante meine Zukunft, träumte von Pferden, von einer glücklichen und gesunden Mutter und von dem Beruf, über den ich nur im Flüsterton mit meiner Großmutter gesprochen hatte. »Später will ich aus deiner Scheune mal ein Zentrum machen, in dem Kindern mit körperlicher und geistiger Behinderung geholfen wird.« Die nächsten Worte gingen mir schwer über die Lippen. »Wie bei Tommy.« Nana Dale lächelte traurig und blieb stehen. Egal, wie beschäftigt sie war, es brachte sie immer aus dem Konzept, wenn Tommy erwähnt wurde. Sie nickte und sagte irgendwann so etwas wie: »Du hast so einen großen Traum, Allie. Deine Mutter will vom Haus und den Pferden jedenfalls nichts wissen.« Dann runzelte sie die Stirn. »Ich habe Mary Jane zu sehr gefordert, fürchte ich. Und jetzt komme ich nicht mehr an sie heran. Aber du, Liebes, hast noch das Herz und den Traum dazu.« Als mit achtzehn mein Traum noch immer lebendig war, wurde ich langsam konkreter. »Aber Nana, es kostet doch ein Vermögen, das Grundstück zu bewirtschaften. Keiner von uns hat so viel Geld!« »Das Grundstück ist Millionen wert. Zehn Morgen, mitten in Buckhead.« »Das bezweifelt ja niemand. Wir wissen, dass das Anwesen

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viel wert ist. Aber keiner von uns hat genug Geld, um es zu behalten.« Nana ließ nicht locker. »Ich weiß, aber glaub mir, wenn ich einmal nicht mehr bin, wird genug Geld da sein, genug für das Haus und das Grundstück, wenn du willst, und noch genug für deine Eltern und deinen Bruder.« Das klang wie ein schrecklich großer Haufen Geld, aber ich glaubte meiner Großmutter und büffelte wie eine Verrückte, um meinen Abschluss in Physiotherapie zu machen und die Zulassung des Berufsverbands für Therapeutisches Reiten zu erlangen, die man brauchte, um ein zertifiziertes Zentrum für pferdegestützte Therapie gründen zu können. Sechs lange Jahre Studium, dann zwei Jahre Praktikum im neuen Therapieprogramm von Chastain Park, plus endlose, nervtötende Stunden Papierkram, um »Hickory Hills Horse Therapy« zu gründen – meine Hommage an Nana Dales Grundstück und unsere Liebe zur Alliteration. Nana Dale wurde inzwischen älter und vergesslicher. Als ich endlich meinen Abschluss hatte, fragte ich: »Nana Dale, können wir jetzt loslegen?« »Natürlich, Liebes!«, sagte sie. Wir waren alle begeistert – meine Eltern, Wick und am allermeisten Nana Dale. Jeder wollte, dass das Anwesen in der Familie blieb. Ich hatte vier Therapiepferde erworben und zwei junge, fähige Therapeutinnen eingestellt. Außerdem gab es mehrere Ehrenamtliche. Und ich hatte mich mit Austin angefreundet, den ich noch aus Schulzeiten kannte, einem nachdenklichen jungen Tierarzt und jemandem, der genauso wie ich seine Fähigkeiten einsetzen wollte, um anderen zu helfen. Ich hatte mich in den jungen Mann verliebt – und er sich in mich. Es schien, als sei unser Leben schon vorgezeichnet. Wir waren gerade dabei, die Internetpräsenz für Hickory Hills Horse Therapy einzurichten, als Nana Dale starb. Es war nicht wirklich ein Schock. Sie war vierundneunzig Jahre alt und hatte

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schon öfter mit ihrem typisch verschmitzten Augenzwinkern gesagt, dass sie bereit war, ihrem Schöpfer gegenüberzutreten. »Du weißt, dass es auch im Himmel Pferde gibt, nicht wahr?«, sagte sie oft. »Lies einfach das Buch der Offenbarung, wenn du mir nicht glaubst. Ich kann es kaum erwarten, meine Lieblinge wiederzusehen.« Dann wurde ihr Blick sehnsüchtig. »Vor allem Essie, meine liebe, geliebte Essie.« Nein, der Schock kam einige Tage später. Es wehte ein starker Wind, als wir das Hochhaus an der Peachtree Road betraten und mit dem Fahrstuhl ins vertraute Büro von Ted Lorrider fuhren. Er war seit Jahrzehnten der Anwalt unserer Familie. Im makellosen grauen Nadelstreifenanzug, das volle silbergraue Haar nach hinten gekämmt, begrüßte er zuerst meine Eltern mit einem Lächeln und einem Händedruck – »Irvin, Mary Jane!« – und dann Wick und mich. Wir ließen uns auf bequemen Ledersesseln nieder. Ich freute mich darauf, diesen letzten bürokratischen Schritt zu vollziehen, damit Hickory Hills Horse Therapie endlich Realität werden konnte. An diesem Tag konnte ich noch nicht einmal richtig Trauer um Nana Dale empfinden. Ich wusste, wie sehr sie sich für mich freuen würde. Aber als Mr Lorrider sich hinter seinen gewaltigen Mahagonischreibtisch setzte, sah er besorgt aus, fast ratlos. Er druckste einen Augenblick herum und räusperte sich. So hatte ich ihn noch nie erlebt. Er setzte seine Brille auf, nahm einen Stapel Blätter in die Hand und rückte ihn umständlich auf dem Tisch zurecht. Dann räusperte er sich ein weiteres Mal und sah meine Mutter an. »Mary Jane, es tut mir sehr leid, aber wie es scheint, hat Ihre Mutter, Mrs Butler-Taylor, einen kleinen Fehler gemacht, als sie ihr Testament hat ändern lassen.« Wir tauschten ratlose Blicke aus. »Nana? Das ist doch absurd«, warf ich in die Runde. Doch ich bekam ein flaues Gefühl im Magen, als Mr Lorriders Stirn in zahlreiche Falten gelegt blieb.

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Sie hat es mir versprochen! »Sie, äh, hat das Haus verkauft«, sagte er leise und wir schnappten kollektiv nach Luft. »Sie hat das Haus und das Grundstück verkauft. Alles.« Mr Lorriders Gesicht wurde grau, während er weiter nach angemessenen Worten suchte, mit denen er unser Leben ruinieren würde. »Ich kenne Ihre Großmutter seit vielen Jahren und sie ließ sich von niemandem ein X für ein U vormachen«, fuhr er fort, ohne uns anzusehen. »Sie war sehr ausdrücklich in ihrem Wunsch, dass Sie, Allie, Haus und Grundstück besitzen sollen, um Ihr ›heilendes Pferdehotel‹ zu gründen, wie sie es nannte.« Er lächelte müde. »Also bat sie mich, einen Entwurf für einen speziellen Treuhandfonds aufzusetzen, der es Ihnen ermöglichen würde, an die nötigen finanziellen Mittel für Steuern, Reparaturen und Pflege des Anwesens zu gelangen. Ich hielt das für einen klugen Schritt und machte mich an die Umsetzung des Entwurfs.« Er griff nach einer Aktenmappe, klappte sie auf und betrachtete die Dokumente darin. Dann ließ er sie wieder sinken. »Aber irgendwann letzten Herbst wurde sie offensichtlich von einem anderen Anwalt kontaktiert« – dabei sah er auf seine Unterlagen – »einem gewissen Mr Mark Rawlings, der behauptete, ich hätte ihn zum Haus Ihrer Großmutter geschickt, um das Dokument für den Treuhandfonds in ihrem Beisein aufzusetzen. Ich vermute, er war recht überzeugend ...« Mr Lorrider schob die Papiere hin und her und konnte mich nicht ansehen. Ich merkte, wie ich rote Flecken am Hals und im Gesicht bekam. »Mr Rawlings gab Ihrer Großmutter ein Rechtsdokument, von dem ich ausgehen muss, dass Mrs Butler-Taylor es gelesen hat. Was sie am Ende unterschrieb, war jedoch kein Treuhandfonds, sondern ein Zusatz zu ihrem Testament, der den Verkauf des Anwesens und des Hauses vorsah. Er wurde außerdem von einem Zeugen und einem Notar unterzeichnet.« Mr Lorrider lehnte sich zurück und sah uns endlich an. »Zu

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ihrer Verteidigung muss ich sagen, dass Mrs Butler-Taylor wohl davon ausging, dass Mr Rawlings ein offizieller Mitarbeiter meines Büros war. Die Verkaufsurkunde sieht sogar konkret vor, dass Mrs Butler-Taylor aus ihrem Besitz ein pferdegestütztes Therapiezentrum für Kinder und Familien machen wollte.« Dabei sah er mich über seine dicke Hornbrille hinweg an. »Aber irgendwie muss sie übersehen haben, dass sie in der Sache keinen Treuhandfonds einrichtete, sondern das ganze Anwesen an Mr Ralph Hightower, einen der berüchtigtsten Bauunternehmer Atlantas, verkaufte.« Er räusperte sich. »Ich frage mich, ob Mr Rawlings tatsächlich ein Vertragsdokument für einen Treuhandfonds aufsetzte und bei der Unterzeichnung gegen den Kaufvertrag austauschte. Aber das lässt sich nicht beweisen.« Mr Lorriders Gesicht war knallrot geworden und er schwitzte sichtlich. »Ich glaube, sie war fest davon überzeugt, einen Treuhandfonds einzurichten, um Ihnen alles Nötige zur Verfügung zu stellen, damit dieses Anwesen in der Familie bleibt.« Er schob die dicke Aktenmappe zu unserer Einsicht über den Tisch. »Wie Sie sehen können, setzte Mr Rawlings dieses Dokument als Addendum zum Testament auf, das den Sachverhalt ersetzt, der im Testament selbst festgehalten ist – nämlich, dass der Besitz an Sie gehen soll, Allie.« »Das ist doch lächerlich«, sagte ich. »Niemand hat Nana Dale je übers Ohr gehauen. Sie war eine knallharte Geschäftsfrau!« »Ja, das sehe ich auch so. Ich habe über vierzig Jahre mit ihr zusammengearbeitet. Aber sie war weit über neunzig.« Er sagte das, als würde es erklären, wieso mein Lebenstraum gerade zerplatzte. »Offensichtlich hat Mr Rawlings diesen testamentarischen Zusatz erst wenige Wochen vor ihrem Tod hinzugefügt. Er besagt, dass Haus und Grundstück für eine schockierend niedrige Summe an Mr Ralph Hightower verkauft werden sollen. Alle restlichen Besitztümer sollen zu gleichen Teilen unter Ihnen aufgeteilt werden.«

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»Aber Sie haben ihr Testament! Sie waren ihr Anwalt«, rief ich empört. Er fühlte sich sichtlich unwohl in seiner Haut. »Ja, dessen bin ich mir bewusst. Aber sie hatte dieses Addendum in ihrem Safe. Es war korrekt datiert, unterzeichnet und mit einem notariellen Stempel versehen.« Er schluckte. »Und ich wusste nichts davon. Ich hatte sogar Ihre Großmutter wenige Wochen vor ihrem Tod angerufen, um ihr mitzuteilen, dass ich den Treuhandfondsvertrag fertig hier liegen hatte, damit sie ihn sich ansah.« Er legte den Kopf schief. »Auf ihre typisch unverblümte Art meinte sie, es wäre schon in Ordnung. Dabei kam ich nicht auf den Gedanken, dass sie schon einen anderen Weg gegangen war.« Wir starrten ihn schweigend an, während er sich erneut entschuldigte. Dass Nana senil geworden war, wussten wir, aber sie hatte nicht an Alzheimer oder irgendeiner schweren Demenz gelitten. »Das kann nicht sein!«, sagte ich. »Als ich drei Tage vor ihrem Tod bei ihr war, hat sie mich angesehen und gesagt: ›Versprich mir, dass du das Haus hältst, Allie. Das Grundstück. Wenn mir etwas zustößt.‹« Mr Lorrider nickte. »Ja, sie rief mich noch am Morgen vor ihrem Krankenhausaufenthalt an und klang bezüglich des Treuhandfonds recht verwirrt. Ich habe versucht, sie zu beruhigen, und meinte, dass ich ihr den Vertrag gleich bringen würde. Aber dann hatte sie den Schlaganfall.« Wir heuerten einen Privatdetektiv an, und obwohl wir alle wussten, dass meine Großmutter übers Ohr gehauen worden war, behauptete der Anwalt, als der Privatdetektiv ihn unter Druck setzte, dass Nana Dale ihn mit der Bitte um Hilfe kontaktiert habe. Das Addendum war rechtlich wasserdicht und Haus und Grundstück wurden an den furchtbaren Mr Hightower verkauft. Meinen Eltern, meinem Bruder und mir blieb noch ein hübsches Sümmchen. Aber Hickory Hills Horse Therapy schwebte fort ins

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Land der Fantasien wie die Geschichten, die mir Nana Dale als Kind erzählt hatte.

W Ich fuhr am Vormittag zu Hickory Hills, vorbei an der Kieseinfahrt auf der rechten Seite des Hauses, und bog auf den steinigen Weg ein, der hinter das Haus führte. Dort verzweigte er sich in Richtung Reitrondell und Scheune. Ich parkte wieder auf der Lichtung und war froh, dass mein Albtraum keine böse Vorahnung gewesen war. Das Haus stand noch immer am Fuß des Hügels. Ich stieg aus dem Wagen und ging über die weitläufige Terrasse zu den großen Fenstertüren. Die Art, wie das Haus auf dem Grundstück und am Hang errichtet worden war, ließ es von vorn aussehen wie ein einstöckiges Backsteinhaus, von hinten ragten jedoch drei Stockwerke in die Höhe. Ich schloss die Tür auf und holte tief Luft. Im Wintergarten setzte ich mich auf eine farbenfrohe Couch und holte den Brief heraus, den mir Mr Lorrider noch gegeben hatte. Nachdem meine Welt von ihm zerstört worden war, hatte er mich über den Brillenrand angesehen und gesagt: »Ihre Großmutter hat Ihnen noch etwas vermacht.« Dann hatte er in seinen Notizen gesucht und vorgelesen: »Und meiner Enkelin Allene Massey vermache ich die kleine Truhe aus Kirschholz, die mein Vater Jeremiah Wickliffe Butler V. so liebevoll mit Hufen und Herzen dekoriert hat. Alles andere im Haus soll zwischen meiner Tochter und meinen Enkeln aufgeteilt werden, aber die Kirschholztruhe ist für Allie.« Der arme Mr Lorrider hatte die Achseln gezuckt. »Unglücklicherweise kann ich über den Verbleib dieser Truhe nichts sagen.« Meine Eltern, Wick und ich hatten uns ratlos angesehen. Ich war so todunglücklich, dass ich keinerlei Dankbarkeit für eine hölzerne Kiste empfinden konnte, und weder meine Eltern noch

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Wick konnten sich daran erinnern, diesen Gegenstand irgendwo bei Nana Dale gesehen zu haben. Mr Lorrider hatte sich erneut geräuspert. »Dieser Teil über die Truhe wurde vor Jahren in das Testament aufgenommen, Miss Massey, ich bezweifle also stark, dass er ...« Er zog ein weißes Taschentuch aus seiner Jacketttasche und wischte sich über die Stirn. »... etwas mit den unschönen Umständen zu tun hat, denen wir uns stellen müssen.« Dann überreichte er mir einen Umschlag mit meinem Namen in Nana Dales unverkennbarer Handschrift. Stets sauber nach rechts geneigt, sogar trotz Nana Dales fortgeschrittenen Alters, blieb ihre Handschrift gut lesbar, auch wenn die Buchstaben aussahen, als würden sie zittern. »Sie hat mir diesen Brief vor Jahren als Zusatz zum Testament gegeben.« Ich hatte mit dem Lesen gewartet, bis ich allein zu Hause war, aus Angst davor, wütende Tränen vor meiner Familie zu vergießen, wenn ich ihn im Büro des Anwalts öffnete. Zurück in der kalten Dezemberluft auf dem Balkon meiner kleinen Wohnung riss ich den Umschlag auf und erwartete eine Entschuldigung von Nana Dale. Stattdessen sah ich nur einen Brief, gefüllt mit Rätseln. Jetzt, hier im alten Haus, holte ich ihn aus meiner Jeanstasche und las ihn zum hundertsten Mal. Der Brief – oder eigentlich eher eine kurze Nachricht – datierte vom 14. September 2017. Liebste Allie, Du sollst wissen, dass alles, was Du für den Start von Hickory Hills Horse Therapy brauchst, in dieser kleinen Truhe ist. Dein Großvater hat sie einst für mich gemacht. Es ist mein größter Schatz und ich vermache sie Dir. Du wirst schon herausfinden, wo das Geld ist, und du wirst alles über Tommy und meine Lügengeschichten erfahren. Und denk an das Bettelarmband. Es ist der Schlüssel zu deiner Zukunft. In Liebe, Nana Dale

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Schockierenderweise hatte Nana Dale noch einen Smiley hinter ihren Namen gemalt. Drei Monate lang hatte ich nun das Haus durchkämmt und diese kleine Truhe gesucht, ohne Erfolg. Aber an das Armband erinnerte ich mich. Der Gedanke ließ meine linke Hand an das leere rechte Handgelenk wandern, wo hin und wieder während meiner Kindheit Nana Dales silbernes Bettelarmband gebaumelt hatte. »Das hier soll dir gehören, Allie. Mein Vater hat es mir zum zehnten Geburtstag geschenkt und ich habe immer wieder neue Charms hinzugefügt«, hatte Nana Dale gesagt, als sie es mir zum zehnten Geburtstag gegeben hatte. Ich hatte es mit einem Kloß im Hals angenommen. Mein Hang zur Sentimentalität war nicht neu und dieses Kleinod hatte Nana Dale offensichtlich viel bedeutet. Erst später hatte ich herausgefunden, dass die Charms und die Kette aus Sterling-Silber gefertigt waren. Viele Jahre schon bewahrte ich das Armband in einer Limoges-Porzellanschüssel auf, auch ein Geschenk meiner Großmutter, aber die kleinen Anhänger unter die Lupe zu nehmen, hatte mir nicht verraten, wo ich die hölzerne Truhe finden würde. Und jetzt war es höchste Zeit, die Suche nach einer kleinen Truhe oder einem Geldversteck aufzugeben und stattdessen alles andere durchzusehen, bevor die Immobilienfirma übernahm, bevor all die Antiquitäten und Ölgemälde ein Preisschild bekamen und an jemanden verkauft wurden, der keine Hemmungen hatte, das Unglück eines anderen auszunutzen. »Während der Weltwirtschaftskrise haben viele das Unglück anderer ausgenutzt«, hatte Nana Dale mir erzählt. »Aber ich hatte meine Träume und ich hatte meine Gebete.« Sie hatte mich über den Rand ihrer Lesebrille angesehen. »Vergiss nicht zu beten, Allie.« Ich stieg die mit Teppichboden belegte Treppe vom völlig neu renovierten Erdgeschoss ins Hauptgeschoss hinauf und lief dann quer durchs Haus bis zur nächsten Treppe, die mich ins Oberge-

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schoss führte. Dort wandte ich mich in Richtung eines der beiden riesigen Schlafzimmer, die von dem kleinen Flur abgingen. »Das rosa Zimmer«, sagte ich leise zu mir selbst. Das Haus hatte vier Schlafzimmer. Wir unterschieden sie anhand einer Farbe. Dieses hatte meiner Großmutter als Kind gehört und war schon mehrmals aufgefrischt worden, wie Nana Dale es nannte, aber es atmete noch immer den Zauber kindlicher Mädchenträume. Ein Baldachin mit weißer Spitze schwebte über einem zarten Bett mit vier Bettpfosten aus Kirschholz, das vor hellrosafarbenen und weißen Kissen auf einer Rüschendecke überquoll. Eine Aussteuertruhe aus Zedernholz stand am Fußende des Betts. »Mit Schnitzereien von meinem Daddy«, hatte Nana Dale mir mehr als einmal gesagt. Hier und da mischten sich an drei tapezierten Wänden schwarze und graue Pferde unter stolze, hellrosafarbene Rosen und eine Wand war ganz von einem weißen Bücherregal eingenommen, in dem die Lieblingskinderbücher meiner Großmutter, Nippes und alte Fotoalben standen. Ich berührte das raue Holz einer mit einem Pferd bemalten Plakette, die umgeben von Porzellanpferden auf einem der Regalbretter stand. Immer, wenn ich sie gesehen hatte, musste ich schmunzeln. »Die behalte ich auf jeden Fall«, sagte ich laut ins Leere hinein und nahm sie aus dem Regal. Dabei lächelte ich auch dieses Mal, als ich las, was unter den Hinterbeinen des dicken, gescheckten Pferdes stand: Der Wert eines Fohlens hängt davon ab, wie gut es erzogen ist.

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