Hans-Dietrich Nehring
Matze macht
fet te B e ute Abenteuer im Rauhen Haus
Inhalt 1. Hunger................................................................ 7 2. Leni....................................................................19 3. Gefangen............................................................35 4. Erste Freunde......................................................47 5. Der Wall muss weg!..............................................64 6. Jan......................................................................83 7. Auf dem Weihnachtsmarkt..................................100 8. Milch................................................................116 9. Ein echter Rauhhäusler.......................................132 10. Pläne................................................................147 11. Blumen und Unkraut..........................................164 12. Der Brief...........................................................180 13. Joseph Baumgartner...........................................198 14. Richtfest...........................................................212 15. Die Liebe vergibt alles.........................................226 16. Feuer!...............................................................239 17. Die Rettungsmission .........................................253 Nachwort ..............................................................271 Vielen Dank! ..........................................................279 Das Rauhe Haus – heute ..........................................280 Literaturverzeichnis.................................................282 Übersichtskarten ....................................................284
1. Hunger Matze hat Hunger. Es gibt verschiedene Arten von Hunger. Einmal den Hunger nach etwas Leckerem, etwas ganz Besonderem, und dann den Hunger, der einfach nur Hunger ist. Matze hat einfach nur Hunger. Mit seinem blonden Wuschelkopf und den vielen Sommersprossen im Gesicht sitzt er auf einem klapprigen Stuhl. Seinen Kopf hat er in die Hände gestützt, sein Blick ruht liebevoll auf seinem kleinen Bruder Jan. Jan liegt auf einer Matte am Boden. So wie Matze hat er ein löchriges Hemd. Seine Hose ist zu kurz und reicht nur knapp über die Knie. Seinen Kopf hat er zur Wand gedreht. Er starrt die Wand an. Matze fühlt sich für Jan verantwortlich, immerhin ist er fünf Jahre älter und letzte Woche schon zwölf Jahre alt geworden. Der Hunger nagt ein Loch in die Bäuche der Jungen. Sie warten beide auf ihren Vater. Er soll ihnen etwas zu essen bringen. Matze steht auf und geht zum Fenster. Er schaut auf die schmale Gasse, die unten vorbeiläuft. Ein Rinnsal läuft in der Mitte und transportiert allen Dreck aus dem Viertel fort. Matze hasst den Gestank, der aus dem Rinnsal bis in die kleine Wohnung steigt. Sein Blick geht in Richtung »Breiter Gang«. Von dort muss der Vater kommen. Dunkle Gestalten huschen im Dämmerlicht die Straße entlang. Ihr Vater ist nicht dabei. 7
Papa ist bestimmt im »Alten Seebären« versackt, durchfährt es ihn, und ich darf wieder gucken, wie wir was zu essen bekommen. Jan liegt immer noch auf seiner Matte mit dem Gesicht zur Wand. »Papa kommt bestimmt! Er hat es versprochen!«, flüstert er, ohne sich umzudrehen. »Vergiss es! Der ist wieder saufen gegangen!«, zischt Matze vom Fenster her. »Doch, Papa kommt und er bringt etwas zu essen mit. Ich habe Hunger!« Jan dreht sich um und schaut seinen Bruder mit weinerlichem Gesicht an. »Papa ist im ›Alten Seebären‹ und säuft!«, erwidert Matze. Da sieht er eine Träne über Jans Wange laufen. Und sofort heult Jan richtig los. Jetzt tut es Matze leid, was er gesagt hat. Jan ist nicht nur sein Bruder, sondern auch sein einziger Freund. Er weiß, wie sehr Jan seinen Papa liebt. Früher hat Matze das auch getan. »Papa kommt gleich!«, trotzt Jan weiter. Bei diesen Worten laufen noch mehr Tränen über seine Wangen. »Ja, der kommt bestimmt!«, tröstet Matze ihn. »Und in der Zwischenzeit organisieren wir was zu essen und bringen Papa auch was mit.« »Na gut, meinetwegen. Aber wir bringen Papa ein Bier oder einen Schnaps mit! Das mag er!« »Ja, das mag er«, wiederholt Matze. Bei sich denkt er: Der ist bestimmt schon sternhagelvoll, wenn er nach Hause kommt. Matze hält seinem kleinen Bruder die Hand hin. »Komm, wir gehen auf Tour!«
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Jan zieht sich an der ausgestreckten Hand hoch. »Und wir bringen Papa was mit!« Jan hält sich mit seiner kleinen Hand an Matze fest. Die beiden verlassen das dunkle Zimmer und steigen die düstere Holztreppe hinunter zum Gang. »Wir laufen zum Schaarmarkt und sehen, was geht.« »Und was machen wir mit Grothkopp?«, flüstert Jan erschrocken. Dabei lässt er Matzes Hand los. »Wenn er uns erwischt, musst du wieder ins Zuchthaus!« Grothkopp ist Polizeiwachtmeister. Er hat Matze vor einem Jahr im Zuchthaus eingesperrt, weil er ihn beim Klauen erwischt hatte und weil er nicht in die Armenschule gegangen war. Sechs lange Wochen blieb er eingesperrt. Sechs Wochen musste er Jan allein lassen. Allein mit einem Vater, der entweder im Hafen arbeitete oder besoffen war. Seitdem haben die beiden Angst vor Polizeiwachtmeister Grothkopp. »Ich lass mich nicht noch mal erwischen!«, zischt Matze. Er überlegt kurz und flüstert: »Du kennst doch unseren Pfiff für Gefahr. Wenn du Grothkopp siehst, pfeifst du!« »So?« Jan lässt einen durchdringenden Pfiff hören. »Genau!« »Und wenn ich fette Beute finde, pfeife ich so!« Jan pfeift, so laut er kann einen Ton, der immer auf und ab geht wie eine Sirene. »Genau, das ist das Zeichen für fette Beute!«, grinst Matze. Schon lange hofft er, irgendwas aus Gold oder Silber zu klauen. Das könnte er dann zu Geld machen und müsste
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nie wieder mit seinem Bruder losziehen, um zu »organisieren«, wie sie es nennen. »So, jetzt komm!« Mit diesen Worten greift Matze wieder nach der Hand von Jan und läuft durch den dunklen Gang. Jan reißt sich los und fängt an, über das stinkende Rinnsal in der Mitte des Ganges hin und her zu hüpfen. »Fall da bloß nicht rein«, schimpft Matze. »Das letzte Mal hast du drei Tage gestunken wie die Pest und ich musste das aushalten!« Jan dreht sich um und streckt Matze die Zunge heraus. Dann rast er los in Richtung Schaarmarkt. Matze nimmt die Verfolgung auf. Ihr Weg führt sie hinaus aus dem Gängeviertel, dorthin, wo die Straßen heller, breiter und freundlicher werden. Matze läuft extra langsam. Er will seinem Bruder den Triumph lassen, schneller zu sein als er. Am Schaarmarkt angekommen, mustern sie die Verkaufsstände. Es gibt Gemüse, Brot, Kuchen, Fleisch und Fisch. Alles, was einen leeren Magen satt machen kann. Eine ganze Weile stehen sie hungrig da und sichten die Lage. Sie wollen sichergehen, dass Grothkopp nicht irgendwo auf der Lauer liegt. Er könnte ihnen den Beutezug vermiesen. »Siehst du ihn irgendwo?«, flüstert Matze seinem Bruder zu. »Nö, hier ist er nicht!« Jan schüttelt den Kopf. »Komm, wir versuchen unser Glück beim Bäcker! Ich habe Lust auf was Süßes.« Matze zeigt auf einen Stand mit Brot, Kuchen und anderem leckeren Gebäck.
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Er nimmt Jan an der Hand und sie laufen auf den Bäckerstand zu. Dabei schauen beide Jungs in Richtung Boden, so als wenn man sie so nicht sehen würde. Plötzlich stößt Matze gegen etwas Weiches. Er hebt den Kopf und erschrickt. Er sieht in das rosige Gesicht von Wachtmeister Grothkopp. »Na, ihr zwei, was habt ihr denn vor? Ihr schaut aus, als wenn ihr auf Diebestour seid.« Matze fängt an zu stottern: »Wir … wir … wir sind nicht auf Diebestour! Wir gucken uns nur um!« »Dann ist ja gut«, antwortet Grothkopp scharf. »Das würde euch auch schlecht bekommen, das Zuchthaus wartet schon auf euch!« »Ich hab Hunger!« Jan fängt an zu weinen. »Wagt es ja nicht!«, lässt Grothkopp seine Stimme ertönen. »Ich hab Hunger!«, weint Jan weiter. »Haut bloß ab!«, zischt Grothkopp. »Ja, ja, machen wir«, antwortet Matze. Er denkt an das Zuchthaus. Dann packt er seinen kleinen Bruder an der Hand und zieht ihn weg vom Wachtmeister. Er läuft aber nicht nach Hause. »Wo willst du hin?« Jan zerrt an seinem Arm. »Vielleicht kommt Papa nach Hause und hat etwas zu essen für uns!« »Hat er nicht!« Matze hält seinen Bruder fester. Er soll ihm ja nicht entkommen. »Hat er doch!«, antwortet Jan verzweifelt. Matze rollt die Augen. »Vergiss Papa, der ist saufen!« Kurz vor dem Michel, einer großen Kirche, bleiben sie
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stehen. Dabei halten sie sich immer noch an den Händen. Groß und mächtig steht die Kirche da. Ihr Turm ragt wie ein Gebet aus Stein in den Himmel. Aber das sehen die beiden Jungs nicht. Sie haben Hunger. »Komm, wir setzen uns dahinten hin!« Matze deutet auf die große Eingangstür. Wieder zieht er seinen Bruder hinter sich her. Sie setzen sich auf die Stufen, die hinauf zur Eingangstür führen. »Ich hab Hunger!«, quengelt Jan los. »Hier gibt es nichts zu essen!« »Sei still, ich muss nachdenken!« Tatsächlich schafft es Jan, still zu sein. Matze kann nachdenken. So geht es nicht weiter. Er betrachtet sich und seinen Bruder. Ihre dünnen Beine stecken in Hosen, die an vielen Stellen zerrissen sind. Schuhe sind Fehlanzeige; wie immer laufen sie barfuß, obwohl es schon empfindlich kalt geworden ist. Ihre dünnen Hemden bieten nur wenig Schutz gegen die Kälte. Matze fröstelt von dem eisigen Wind, der von der Elbe hochzieht. Es wird Winter. Sie brauchen nicht nur etwas zu essen, sondern auch warme Kleidung und Schuhe. Vor allem Schuhe! Ein Winter ohne gute Schuhe ist die Hölle. Matze überlegt. Man müsste mal richtig was klauen. Gold, Silber, Edelsteine, einfach richtig fette Beute. Da kann man dann alles kaufen, was man braucht. Wo findet man Gold und Edelsteine? So was liegt nicht auf der Straße. Da erinnert er sich an die Häuser der reichen Leute.
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Gibt es da nicht Gold und Silber genug? Man muss es sich nur holen. Da wird er aus seinen Gedanken gerissen. Die Glocken des Michel beginnen zu läuten und hüllen die Jungen in ihren Klang. Die beiden Türflügel des Kirchenportals werden weit aufgestoßen. Auf der Straße fährt eine Kutsche vor. Vorne auf dem Kutschbock sitzen ein Mann und eine Frau. Der Mann springt ab, geht um die Kutsche herum und reicht der Frau die Hand. Die Frau lacht fröhlich. »Ich bin eine vornehme Dame! Man hilft mir aus der Kutsche!« Der Mann verbeugt sich tief und reicht ihr seine Hand. »Natürlich bist du eine vornehme Dame! Du bist eine Prinzessin. Die Prinzessin meines Herzens! Da wohnen nur du und unser Herr Jesus allein!« Matze verdreht unwillkürlich die Augen. So etwas Albernes hat er noch nie gehört. … Du bist die Prinzessin meines Herzens …? Und dann auch noch Jesus … Das hält man ja im Kopf nicht aus! Inzwischen haben die beiden es geschafft, von der Kutsche herunterzusteigen und die Pferde anzubinden. »Liebste Amanda, darf ich Ihnen meinen Arm zum Geleit anbieten?« »Liebster Hinrich, Sie dürfen!« Die junge Frau strahlt ihren Begleiter an. Matze will sich die Ohren zuhalten. So viel Glück auf einem Haufen hält man nicht aus!
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Da entdeckt das junge Paar die beiden Brüder. Von einem Moment zum nächsten werden die beiden ganz still. »Was macht ihr hier?« Der Mann, den die Frau gerade Hinrich genannt hat, schaut Matze an. »Das geht Sie gar nichts an!« Matze steht rasch auf und zieht Jan mit hoch. »Da hast du recht – und auch wieder nicht!«, antwortet der Mann mit ernster Stimme. »So wie ihr ausseht, überlebt ihr den Winter nicht!« »Ihr braucht unbedingt ein paar gute Schuhe und etwas Warmes zum Anziehen«, pflichtet die junge Frau dem Mann bei. Dabei schaut sie die Brüder besorgt an. »Sie können uns gern was schenken!«, seufzt Matze genervt. Als könnte er in den Laden gehen und sich was Warmes kaufen! Die beiden haben doch keine Ahnung vom echten Leben. »Nein, aber vielleicht haben wir etwas viel Besseres für euch. Ich muss jetzt im Michel einen Vortrag halten. Wenn ich wieder rauskomme, kümmere ich mich um euch!« »Das macht er wirklich«, lächelt die junge Frau die beiden Jungs an. »Also bleibt bitte hier sitzen und wartet. Nach dem Vortrag mache ich euch ein Angebot.« Mit diesen Worten verschwinden die beiden im Michel. Verwundert schauen sich die beiden Brüder an. Allerdings nicht lange. Eine zweite Kutsche fährt vor. Matze kennt den Mann, der jetzt aussteigt, sehr gut. Es ist Senator Hudtwalcker, der Polizeiherr von Hamburg, gemeinsam
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mit seiner Frau und seinen Kindern. Er hat Matze damals eingesperrt. Das soll nicht noch mal passieren und Matze will nicht warten, bis er ihn entdeckt. Er stößt seinen Bruder mit dem Ellenbogen an und flüstert ihm zu: »Das ist Senator Hudtwalcker. Wir hauen ab! Den kann ich jetzt nicht auch noch gebrauchen!« Er läuft los in Richtung Alster, wo die großen Villen stehen. »Wohin willst du?«, antwortet sein Bruder. »Wir wohnen da nicht!« »Vertrau mir! Ich habe einen Plan!« »Ich will aber nicht«, murrt Jan. »Ich will nach Hause. Vielleicht ist Papa wieder zurück!« Matze reicht Jan die Hand hin, so wie er es immer macht. Jan muss ihm folgen, ob er will oder nicht. Schließlich ist Matze der größere Bruder. Als Jan bei ihm ist, zieht er ihn zu sich heran und flüstert: »Wir gehen zu den Reichen und machen richtig fette Beute!« Hand in Hand laufen die beiden Jungs in die Gegend, wo Kaufleute, Senatoren, Richter, Fabrikanten und Unternehmer wohnen. Alles Leute mit richtig viel Geld und jeder Menge Gold und Silber. Ihre Häuser bergen sicherlich große Schätze. Matze grinst vor Freude. Er will dort alles auf eine Karte setzen und fette Beute machen. »Wenn es mir gelingt, einen richtigen Schatz zu klauen, haben wir genug für den Winter und alle Zeit«, erklärt er leise seinem Bruder.
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Je weiter sie in Richtung Alster laufen, desto reicher und vornehmer wird es. Die Häuser werden größer und schöner. Die Sonne geht über der Stadt unter. Hinter den Fenstern werden Kerzen und Öllampen entzündet. Matze und Jan erkennen vornehme Damen und Herren in großen hellen Räumen. »Was willst du hier?«, flüstert Jan ängstlich. Und wieder quengelt er: »Ich will nach Hause zu Papa!« »Wir machen einen Einbruch! Papa ist sowieso nicht da.« »Da sind doch überall Leute drin!« »Das ist es ja gerade. Wir suchen ein Haus, in dem es dunkel ist. Da ist dann keiner und da brechen wir ein!« Trotz seines Plans spürt Matze die Angst in sich hochkrabbeln. Wagt er zu viel? Er kennt nur die engen Gassen und dunklen Zimmer im Gängeviertel. Angestrengt mustert er ein Haus nach dem anderen. Überall ist Licht. Überall sehen sie Leute hinter dem Fenster, sie sitzen an Tischen oder laufen am Fenster vorbei. Matze und Jan schleichen weiter und überprüfen ein Haus nach dem anderen. Plötzlich zupft Jan Matze am Ärmel: »Guck mal da!« Er deutet auf ein großes Haus. Es steht dunkel da. Nirgendwo ist ein Schimmer zu entdecken. Da ist niemand zu Hause!, denkt Matze. Ihm klopft das Herz. Er nickt seinem Bruder zu. »Du hast recht. Da ist kein Licht. Da gehen wir rein.« Er hofft, endlich so viel Gold zu finden, dass er sich alles kaufen kann: Essen, Kleidung, Schuhe.
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Ganz vorsichtig schleichen die beiden weiter. Jetzt stehen sie direkt neben der Gartenpforte. Am Pfosten daneben ist ein Schild angebracht. Sie können es nicht lesen. Sonst wären sie umgekehrt, denn auf dem Schild steht: Polizeiherr und Senator Martin Hieronymus Hudtwalcker. »Was steht da?«, will Jan wissen. Seine Stimme zittert vor Aufregung. Auf dem Markt etwas zu essen stehlen, ist etwas ganz anderes, als in ein reiches Haus einzubrechen. »Du weißt doch, dass ich nicht lesen kann. Da steht bestimmt nur ein Name! Wem das Haus gehört oder so«, beruhigt ihn Matze. Sie klettern im Dunkeln rasch über den Zaun, ducken sich und rennen zu einem Busch, wo sie im Verborgenen stehen bleiben können. Matze sieht sich ein Fenster nach dem anderen an. Vielleicht steht ja eines offen? »Guck mal da!« Jan deutet auf ein Kellerfenster direkt vor ihnen. Es ist nur angelehnt. Matze dreht sich um und lässt den Blick nach allen Seiten schweifen. Sie werden von niemandem beobachtet. Er läuft auf das Fenster zu und zerrt Jan hinter sich her. »Komm jetzt! Wenn wir da was finden, haben wir für immer genug.« Matze bückt sich und drückt auf das Fenster. Es lässt sich wie von selbst öffnen. Zuerst streckt er den Kopf hindurch und schaut rein. Dort drin ist es dunkel. Er dreht sich um und klettert mit den Füßen voran in das fremde Haus. Er hält sich am Fensterrahmen fest und lässt sich langsam hinab. Einen kurzen Moment baumeln seine Füße in der
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Luft, dann finden sie festen Stand. Er schaut sich um, doch er kann nichts sehen. Dunkelheit umgibt ihn. Er schaut zurück nach draußen. Dort erkennt er das Gesicht seines kleinen Bruders. »Jan, jetzt bist du dran«, flüstert er. »Keine Angst, ich helfe dir. Denk an fette Beute!« Da steigt auch Jan durch das Kellerfenster in das fremde Haus ein. Er hat keine Angst mehr, denn seine Gedanken sind bei dem einen großen Schatz, der für alle Zeit reichen soll.
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2. Leni Matze und Jan stehen im Dunkeln. Nur wenig Licht scheint durch das Kellerfenster von draußen rein. Langsam gewöhnen sich ihre Augen an die Dunkelheit. Es riecht feucht und modrig. Matze versucht sich in der Dunkelheit zurechtzufinden. »Guck mal da, da geht es nach oben!« Matze hat eine steile Holztreppe entdeckt. Sie ist eigentlich ein Zwischending zwischen Leiter und Treppe. »Da geht’s bestimmt ins Haus.« Vorsichtig tappt er zu der Holztreppe. Dabei hält er die Hände vor sich, damit er nirgendwo dagegenstößt. Er will keinen Lärm machen, denn es könnte ja doch noch eine Wache oder so im Haus sein. Jan schleicht ihm hinterher. Bei der Treppe bleibt Matze stehen und lauscht wieder. Er will sicher sein, dass niemand zu Hause ist. Er hört nichts, es ist still. »Da gehen wir jetzt rauf!«, flüstert er seinem Bruder zu und klettert den schmalen Stieg nach oben. Jan hält sich an Matzes Hemd fest und steigt hinterher. An der obersten Stufe angekommen, stehen sie vor einer Holztür. Vorsichtig drückt Matze dagegen. Sie quietscht leise, als sie sich öffnet. Vor ihnen liegt die große Eingangshalle.
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*** Zur gleichen Zeit steht Polizeipräsident Hudtwalcker mit seiner Frau und ihren Kindern vor dem Michel. Sie haben sich eingehakt und suchen die Menschen ab, die aus der Kirche strömten. Irgendwo muss Leni sein, eine ihrer Töchter. »Wo ist Leni nur wieder?«, fragt Frau Hudtwalcker ihren Mann. »Immer hat sie ihre eigenen Ideen und jetzt ist sie wieder mal nicht da!« »Vielleicht ist sie mit den Bediensteten und Wachtmeister Grothkopp nach Hause gelaufen«, überlegt Hudtwalcker laut. »Das kann gut sein! Wahrscheinlich will sie als Erste da sein, damit sie die Kerzen im Leuchter mit deinen schicken neuen Streichhölzern anzünden kann«, schmunzelt Frau Hudtwalcker. »Sie muss ja immer alles ausprobieren!« Es ist noch kälter geworden. Frost liegt in der Luft. Auf der Alster hat sich schon eine dünne Eisfläche gebildet. Das stört die Familie wenig, denn alle sind warm angezogen. Sie schlagen einfach ihre Wollmäntel am Hals hoch und stecken die Hände in die warmen Taschen. »Das würde zu ihr passen!«, nickt Herr Hudtwalcker. »Es wäre nur besser, sie würde uns Bescheid sagen, meinst du nicht auch, meine Liebe?« »Deine Streichhölzer sind wirklich etwas Besonderes!«, antwortet Frau Hudtwalcker. »Es ist doch nur verständlich, dass sie das machen will!«
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»Da kommt Wichern mit seiner Frau. Ich bitte ihn, ob er auf dem Heimweg bei uns vorbeikommen kann. Ich muss ihm noch wichtige Unterlagen vom Verwaltungsrat mitgeben. Sag mir bitte noch mal, wie heißt seine junge Frau?« »Du warst doch bei der Hochzeit dabei – da musst du sie doch kennen!« Frau Hudtwalcker schüttelt den Kopf. Immer muss ihr Mann alle Namen vergessen. »Jetzt weiß ich es wieder: Sie heißt Amada!« »Nein, sie heißt Amanda! Nicht Amada, mein Liebster!« »Gut, wenn du meinst, dann heißt sie eben Amada. Ich muss unbedingt zu Wichern, er muss noch mal kurz bei mir vorbei! Kommst du, meine Liebste?« »Amanda!«, flüstert Frau Hudtwalcker hilflos. Aber da muss sie schon hinter ihrem Mann herlaufen, der sich einen Weg zu Hinrich Wichern bahnt. Kurz darauf sieht man das Ehepaar Hudtwalcker mit dem jungen Paar in ein Gespräch vertieft. Sie haben viel zu besprechen. Dabei merken sie nicht, wie kalt es ist. So wichtig sind ihre Pläne für das neue Rettungshaus. Schließlich beenden sie ihr Gespräch und steigen in ihre Kutschen und fahren in Richtung von Hudtwalckers Haus, denn die wichtigen Unterlagen sollen noch übergeben werden. *** Die beiden Jungs stehen in der geöffneten Kellertür und schauen in die Eingangshalle. Matze will weiter, doch Jan hält ihn zurück. »Ich will da nicht rein!«
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»Sei still, ich will noch mal lauschen, ob jemand da ist!« Eine Weile stehen Matze und Jan still da und lauschen. Nur das Ticken einer Standuhr ist zu hören. »Da ist niemand!«, freut sich Matze »Das ist eine Standuhr – ich habe so was schon mal gesehen.« »Ich will nach Hause! Papa ist bestimmt schon da.« »Du nervst. Papa sitzt bestimmt in einer Kneipe und säuft!« Jan seufzt, aber er widerspricht nicht mehr. Wahrscheinlich weiß er tief in seinem Herzen, dass sein Bruder recht hat. Matze lässt seinen Blick durch die Halle schweifen. Hier ist es heller als im Keller, denn der Mond lässt sein fahles Licht durch die Fenster scheinen. Sein Licht fällt auf einen Schrank, der größer erscheint als das kleine Zimmer, das die beiden zusammen mit ihrem Vater bewohnen. Direkt gegenüber steht die Standuhr, die sie eben gehört haben. Eine große Freitreppe führt in die oberen Stockwerke. An der Decke hängt ein riesiger Kerzenleuchter. Er wird mit einem Seil heruntergelassen, damit man die Kerzen anzünden kann. Matze und Jan kommen aus dem Staunen nicht mehr raus. »Siehst du den Schrank da? Da ist bestimmt ein Schatz drin!«, flüstert Matze. »Ob der wohl aufgeht?«, überlegt Jan. Dabei hallt seine Stimme durch die große Halle. »Bist du wohl still!«, schimpft Matze. »Was, wenn uns jemand hört?«
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»Da ist doch keiner! Außerdem bist du doch selbst ganz laut!«, gibt Jan kleinlaut zur Antwort. Einen kurzen Augenblick lauschen die beiden. Es bleibt still. Nur die Standuhr tickt gleichmäßig. »Komm, wir schauen uns den Schrank einmal genauer an«, bestimmt Matze. Die beiden laufen auf den Schrank zu. Sie probieren alle Schubladen und Türen. Keine davon lässt sich öffnen. »Oh Mann!«, stöhnt Jan. »Komm, wir gehen die Treppe hoch!« Matze zeigt auf die große Freitreppe nach oben. Wieder packt er seinen kleinen Bruder an der Hand und steigt mit ihm vorsichtig die Treppe hoch. Irgendwo muss es doch hier Gold oder Silber geben. Irgendwo ist der große Schatz zu finden – da ist er sich sicher! »Zur Not mache ich den Schrank unten kaputt und dann finde ich schon was.« Matze will nur so viel klauen, wie er braucht. Dann fällt es vielleicht gar nicht auf und sie werden nicht verfolgt. Oben angekommen, stehen sie vor vielen verschiedenen Türen. Hinter irgendeiner dieser Türen muss doch was zu finden sein, überlegt sich Matze. Jan hat sich von der Hand seines Bruders gelöst und schaut vom Geländer aus auf den großen Raum runter. Der will bestimmt den Schrank aufbrechen, denkt Matze. »Lass den Schrank!«, flüstert Matze seinem Bruder zu. »Hier oben finden wir bestimmt auch etwas!« Er geht zur ersten Tür und drückt den Türgriff vorsichtig herunter. Die Tür geht tatsächlich auf. Sein Blick fällt
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in ein kleines Zimmer. Dort gibt es ein Bett, Regale, einen Tisch, einen Schreibtisch und Stühle. Über einem der Stühle hängt ein rotes Kleid. »Da ist ein Kleid! Hier wohnt bestimmt ein Mädchen«, flüstert er seinem Bruder zu. Jan drängt sich an ihm vorbei. Er will auch mal ein Mädchenzimmer sehen. Er kennt nur Jungs und seine Mama ist schon lange tot. Jan streicht staunend über den weichen roten Stoff. »Komm weiter, hier ist nichts!« Matze zieht Jan am Ärmel. »Guck mal, was ist das da?« Jan deutet auf eine silberne Schale, die mitten auf dem Tisch steht. Mit ein paar Schritten steht er am Tisch, greift nach der Schale und untersucht sie. »Da steht etwas drauf.« Wieder können die beiden nicht lesen, was dort steht. In das kostbare Silber sind folgende Worte eingraviert: Magdalena Amalie Hudtwalcker, geboren am 7.3.1820, getauft am 9.3.1820. Es ist die Taufschale des Mädchens, das hier wohnt. »Gib mal her!« Matze sieht die Taufschale von allen Seiten an. Er versteht nicht, was da draufsteht. Aber er sieht sofort, dass sie aus Silber ist. »Die ist richtig wertvoll!«, freut er sich. »Die nehmen wir mit!« »Gib her, ich habe sie gefunden«, meldet sich Jan. »Weißt du was: Du nimmst die Schale und gehst nach
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unten. Ich guck, ob ich in den anderen Zimmern noch etwas finde!« »Ich will nicht allein runtergehen«, protestiert Jan. »Geh nur, da kannst du mich warnen, wenn jemand kommt. Du kennst ja den Pfiff für Gefahr.« Klar kennt Jan den Pfiff. Es ist ein langer schriller Ton. Er weiß auch, dass er seinen Bruder so warnen kann. Trotzdem will er nicht allein durch das unheimliche Haus schleichen. »Nun geh schon! Wenn ich was finde, rufe ich dich. Es ist sicherer so! Wir sind dann schneller weg, wenn jemand kommt.« Mit diesen Worten wendet sich Matze dem nächsten Zimmer zu. Jan dreht sich um und schleicht langsam zur Treppe. Dabei hält er die silberne Schale ganz fest. »Nun mach schon!« Matze hat sich umgedreht und schaut seinem Bruder zu. Der ist jetzt an der Treppe angekommen und setzt vorsichtig eines seiner nackten Füßchen nach dem anderen auf die Stufen. Unten angekommen, bleibt er unter dem Kronleuchter stehen und lauscht. Sein Herz pocht. Alles ist still. Nur die Standuhr tickt. »Geh in den Keller und warte dort auf mich!«, flüstert Matze seinem Bruder von oben zu. Jan sucht die Kellertür, durch die sie hereingekommen sind. Sie ist direkt neben der Haustür. Langsam geht er dorthin und öffnet sie. Er bleibt in der geöffneten Kellertür
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stehen und dreht sich nach seinem Bruder um. Der flüstert ihm wieder zu: »Nun geh schon!« Jan pocht das Herz. Er will nicht allein in den dunklen Keller. Matze zuckt mit den Schultern, dreht sich wieder um und untersucht die anderen Zimmer. Sie sind verschlossen. Er geht zurück zu dem Mädchenzimmer und öffnet die Tür. Er lässt seinen Blick durch das Zimmer wandern. Vielleicht kann er etwas anderes klauen. Sein Blick bleibt beim Schreibtisch hängen, der unter dem Fenster steht. Dort liegen ein paar Hefte, ein kleines Tintenfass und eine Bibel. Eines der Hefte liegt offen da. Er nimmt es in die Hand. Er bewundert die schönen Buchstaben und Zahlen. Alles ist ordentlich aufgeschrieben. Das möchte er auch einmal können. Wenn sie etwas Geld finden, kann er vielleicht wirklich in die Schule gehen und muss nicht immer klauen. Vorsichtig legt er das Heft wieder hin und dreht sich um. Er greift nach der Schranktür und zieht daran. Knarzend springt sie auf. Im Mondlicht, das durch das Fenster fällt, erkennt er Kleider und Wäsche. Mist, lauter Mädchensachen, denkt er. Da ist noch nicht mal ein Paar Schuhe für mich drin. Er schließt den Schrank und mustert erneut den Schreibtisch. Vielleicht ist ja etwas Verwertbares in einer der Schubladen? Da klimpert es an der großen Haustür. Ein Schlüssel wird umgedreht und die Tür geht mit einem Schlag weit auf. Schritte sind zu hören.
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Matzes Herz bleibt stehen. Da kommt jemand! Er läuft zur Tür und schaut auf den dunklen Gang. Er lauscht. Er hört, wie die schwere Eingangstür mit Krach zuschlägt. Wo ist Jan? Hoffentlich rennt er weg! Eigentlich sollte er ihn warnen, aber dann würde er sofort entdeckt. Matze schleicht leise aus dem Zimmer und linst über die Brüstung nach unten. Eine Wolke hat sich vor den Mond geschoben, sodass er in der Dunkelheit nichts erkennen kann. Wenn da jemand ist, ist er gefangen. Es gibt nur den Weg über diese Freitreppe nach unten. Vorsichtig tritt er den Rückzug an. Stufe für Stufe steigt er die Treppe nach unten. Wenn man mich entdeckt, renn ich einfach los!, überlegt er. Durch die Kellertür müsste ich ganz schnell draußen sein. Auf der halben Treppe bleibt er stehen und lauscht wieder. Geräusche sind zu hören. Es raschelt und quietscht. Ob das der Kronleuchter ist?, fragt sich Matze. Vorsichtig steigt er Stufe für Stufe weiter runter. Da blitzt eine helle Stichflamme auf. Matze erstarrt vor Schreck. Das Licht fällt auf ein Mädchen. Sie hat lange, wuschelige Haare, die ihr bis über die Schulter gehen. Sanft leuchten ihre Augen im Widerschein des Lichts. Matzes Knie werden weich. In seinem ganzen Leben hat Matze noch nie so ein schönes Mädchen gesehen. Er muss sie einfach anschauen. »Wer bist denn du?«, fragt das Mädchen und zeigt mit dem Finger auf ihn. »Ein Dieb!«, stottert Matze. Dabei wird er rot. Was ist das für eine dumme Antwort?
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»Und hat der Dieb auch einen Namen?« »M-Matze!«, stottert er weiter. Warum ergreift er nicht die Flucht? »Matze also. Und was hast du geklaut?« »Nichts!« »Dann bist du aber ein schlechter Dieb!«, antwortet das Mädchen schnippisch. »Bleib hier stehen! Gleich kommt Polizeiwachtmeister Grothkopp. Der kann dich dann verhaften!« Als Matze diesen Namen hört, kehrt Leben in ihn zurück. Er wird sich auf keinen Fall von Grothkopp erwischen lassen! Er nimmt die nächste Stufe, um zu fliehen. Das Mädchen fixiert ihn mit ihren Augen und deutet mit ihrem Zeigefinger auf ihn: »Bleib schön da stehen, ich mache nur kurz die Lampe an!« Matze gehorcht verwirrt. Gleichzeitig denkt er: Was mache ich da? Bin ich denn blöd? Das Mädchen zündet den großen Kronleuchter mit dem Streichholz in ihrer Hand an. Was eben noch im fahlen Mondlicht schemenhaft zu erkennen war, wird jetzt ausgeleuchtet. Das Mädchen geht neugierig auf Matze zu und stellt sich unten an die Freitreppe. »Wie du aussiehst! Du hast ja nur Lumpen an. Wo sind deine Schuhe? Papa hat schon recht. So geht das nicht weiter.« »Entschuldige, ich muss los!«, presst Matze zwischen den Zähnen hervor und bewegt sich langsam nach unten auf sie zu.
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»Du bleibst schön stehen!«, protestiert das Mädchen streng, steigt ein paar Stufen hoch und versperrt ihm den Fluchtweg. »Du bist verhaftet!« »Na gut!« Wieder bleibt Matze einfach stehen. Da öffnet sich die schwere Eingangstür erneut. »Fräulein Leni! Ist bei Ihnen alles in Ordnung?« Polizeiwachtmeister Grothkopp betritt das Haus. »Ja, Herr Grothkopp. Ich habe einen Einbrecher gefangen!« »Ich bin sofort bei Ihnen!« Polizeiwachtmeister Grothkopp seufzt laut. Mit schweren Schritten läuft er quer durch den Raum und steigt an Leni vorbei die Stufen zu Matze hoch. Oben angekommen, mustert er ihn mit finsterem Blick. »Na, dich kenn ich doch!«, pustet er zwischen zwei Atemzügen hervor. »Habe ich nicht gesagt, dass wir uns noch mal sehen werden?« Er packt Matze hart am Arm. »Jetzt geht es ab ins Zuchthaus.« Dann fragt er, wieder zu Leni gewandt: »Was hat er denn gestohlen?« »Er sagt: Nichts!« »Das wollen wir doch mal sehen!« Mit diesen Worten greift Polizeiwachtmeister Grothkopp in Matzes Taschen. Das ist schnell passiert. Was will man in den paar Lumpen schon verstecken? »Er hat wirklich nichts. Wir haben ihn rechtzeitig gefangen! Warten wir auf Ihren Vater, den Senator Hudtwalcker. Schließlich ist er der Polizeiherr und kann ihn gleich verurteilen, dann nehme ich ihn mit und bring ihn ins Zuchthaus.«
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Mit diesen Worten holt Polizeiwachtmeister Grothkopp einen Riemen aus seiner Tasche und bindet Matze damit an das Treppengeländer. »Wir wollen ja nicht, dass du auf dumme Ideen kommst!« Matze kauert sich wie ein gefangenes Tier auf die Stufe. Zum Glück haben sie Jan nicht erwischt, geht es ihm durch den Kopf. Der Raum füllt sich. Die Bediensteten kommen zurück von der Kirche. Sie bestaunen den festgebundenen Jungen. Kurz darauf betritt auch der Polizeiherr und Senator Hudtwalcker mit seiner ganzen Familie die Diele. Hinrich und Amanda Wichern warten draußen auf die wichtigen Papiere. »Herr Senator, bei Ihnen ist eingebrochen worden! Ihre Tochter hat den Dieb gefangen!«, dröhnt die Stimme von Grothkopp durch den Raum. »Was hast du gemacht?« Frau Hudtwalcker wird blass. »Ich habe den Dieb gefangen!«, strahlt Leni stolz. »Ich habe zu ihm gesagt: Du bist verhaftet! Da ist er stehen geblieben und hat sich nicht mehr von der Stelle gerührt.« »Dann muss es sich um einen ganz besonders gefährlichen Dieb handeln. Oder meine kleine Tochter verfügt über magische Fähigkeiten!«, schmunzelt der Senator. »War aber so! Ich habe gesagt: Bleib stehen!, und da ist er stehen geblieben«, verteidigt sich Leni. »Schon gut, was hat er denn gestohlen?« »Nichts, Herr Hudtwalcker!«, beteuert Grothkopp, »aber ich kenne ihn gut. Er ist ein stadtbekannter Dieb und He-
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rumtreiber und hat sich der Armenschule mehrfach entzogen!« Matze sackt in sich zusammen und schaut auf den Boden. Er weiß: Gleich geht es ins Zuchthaus. »Papa«, meldet sich Leni zu Wort. »Er kann doch ins Rauhe Haus zu Herrn Wichern!« Matze runzelt die Stirn. Von einem Zuchthaus »Rauhes Haus« hat er noch nie gehört. Ihn schaudert bei dem Namen. Lenis Vater nickt. »Das wäre eine Idee! Wichern wartet draußen auf mich. Er könnte ihn gleich mitnehmen. Schaut doch mal, ob irgendwo etwas fehlt. Wenn er nichts gestohlen hat, kann er ins Rauhe Haus. Aus einem schlechten Dieb kann immer noch ein guter Rauhhäusler werden.« Zu seinen Bediensteten gewandt, sagt er: »Schaut bitte alle herum, ob irgendwo etwas fehlt.« »Herr Senator«, meldet sich einer seiner Bediensteten zu Wort. »Es wird doch immer alles abgeschlossen. Wie will er da etwas klauen? Höchstens in der Küche, die ist immer auf wegen des Feuers!« »Seht mal nach, ob alle Türen zu sind.« Leni wird rot. »Meine Zimmertür war offen. Ich guck mal nach!« Mit leichten Füßen läuft sie die Treppe an Matze vorbei in ihr Zimmer. Matze hebt den Blick und schaut ihr nach. Sie betritt ihr Zimmer. Gleich wird er als Dieb entlarvt. Sie muss sehen, dass die Taufschale fehlt. Matze wartet und lässt seinen Blick nicht von der geöffneten Zimmertür. Ei-
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gentlich müsste sie schon lange herauskommen. Es rührt sich nichts. Leni bleibt still. »Also gut«, beendet Senator Hudtwalcker die Suche. »Wenn nichts weg ist, darf er ins Rauhe Haus! Wachtmeister Grothkopp, bitten Sie doch mal Herrn Wichern herein.« Matze schaut immer noch gebannt nach oben. Aber Leni sagt kein Wort. Hat sie das Fehlen der Taufschale nicht bemerkt? So etwas muss man doch sehen! »Herr Senator Hudtwalcker, darf ich dazu meine Meinung sagen?«, wendet sich Grothkopp an seinen Vorgesetzten. »Ja natürlich!« Grothkopp deutet auf Matze. »Stecken Sie ihn ins Zuchthaus. Aus so einem wird nie was Gutes! Es ist nicht das erste Mal, dass ich ihn erwische.« Aber Hudtwalcker schüttelt den Kopf. »Wenn er nichts gestohlen hat, darf er ins Rauhe Haus.« Matze sieht Leni zur Treppe kommen. Ihr Blicke treffen sich. Sie schweigt immer noch. »Wie Sie meinen!« Mit diesen Worten geht Grothkopp nach draußen. Kurz darauf kommt er mit Hinrich Wichern zurück. »Na, wo haben wir denn den kleinen Einbrecher?«, fragt er. Stumm zeigt Senator Hudtwalcker auf Matze. »Schau mich mal an!«, sagt Wichern zu Matze. Vorsichtig hebt Matze den Kopf. Er möchte ausweichen, aber er kann nicht. Ihre Blicke treffen sich.
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»Bist du nicht einer von den beiden Jungs beim Michel? Hab ich dir nicht gesagt, ihr sollt auf mich warten?« Matze erinnert sich und schweigt. »Wo ist denn der andere von euch beiden?« Matze beißt sich auf die Lippen und denkt an Jan, der sich noch irgendwo versteckt haben muss. »Na gut, wie dem auch sei – dann hast du eben hier auf mich gewartet. Wie Gott es einrichtet, so nehmen wir es an!« »Können Sie ihn gleich mitnehmen? Dann kommt er statt ins Zuchthaus ins Rauhe Haus«, bestimmt Senator Hudtwalcker. Schließlich hat er als Polizeiherr die Macht, über jugendliche Verbrecher Recht zu sprechen. »Herr Wachtmeister, bringen Sie den Jungen zur Kutsche von Herrn Wichern und begleiten Sie die Wicherns bis zum Stadttor!« »Wie Sie wünschen!«, antwortet Grothkopp beflissentlich. Er öffnet Matze die Fesseln und führt ihn hinaus zur Kutsche. Dort wartet Amanda Wichern. »Ich habe hier einen neuen Zögling für Sie! Er ist bei Senator Hudtwalcker eingebrochen«, erklärt Grothkopp kurz. Matze muss sich hinten auf den Wagen setzen. Grothkopp bindet ihn mit den Riemen an den Wagen fest und setzt sich neben ihn. »Ich fahre noch mit, damit du nicht auf dumme Gedanken kommst! Wir wollen ja nicht, dass du stiften gehst«,
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zischt er Matze mit finsterem Blick zu und setzt sich neben ihn auf die Pritsche. Sie warten darauf, dass auch Wichern aus dem Haus kommt. Matze schaut sich um. Wo ist sein Bruder? Da entdeckt er ihn im Schatten eines Baumes. Jan guckt zu ihm hinüber. Am liebsten würde Matze von der Kutsche springen und zu ihm laufen. Doch er kann nicht. Er ist ja gefesselt und muss ins Zuchthaus »Rauhes Haus«. Hoffentlich passt Jan gut auf die Taufschale auf. Jetzt kommt Wichern aus dem Haus. Er hat die Papiere von Herrn Hudtwalcker unter dem Arm, setzt sich vorne neben Amanda und nimmt die Zügel in die Hand. Mit einem Ruck setzt sich die Kutsche in Bewegung.
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