Auf der Spur des
Goldenen Pharaos Felicitas Brandt
Inhalt Kapitel 1 – Erste Regel im Schatzjägerhandbuch: Niemals den glitzernden Stein berühren!.........................5 Kapitel 2 – Gestrandet................................................................. 17 Kapitel 3 – Die Suite der vielen Knöpfe.......................................... 31 Kapitel 4 – Ein bissiger Gast ........................................................ 47 Kapitel 5 – Auf zur Reise ins Nirgendwo........................................ 61 Kapitel 6 – Das Zeltlager in der Wüste........................................... 76 Kapitel 7 – Lagerfeuer und Schwarzbrot........................................ 91 Kapitel 8 – Ein nächtliches Abenteuer für Constantin................... 103 Kapitel 9 – Ein neuer Freund...................................................... 109 Kapitel 10 – Der Verdacht .......................................................... 115 Kapitel 11 – Die besten Waffeln der Welt..................................... 122 Kapitel 12 – Müde Knochen und Schokoladenpudding................. 130 Kapitel 13 – Ein Markt in der Wüste............................................ 140 Kapitel 14 – Im Inneren der Pyramide......................................... 159 Kapitel 15 – Die Gefahr aus der Wüste ........................................ 168 Kapitel 16 – Lichter in der Nacht ................................................ 178 Kapitel 17 – Der Fluch der Wüste................................................ 189 Kapitel 18 – Asyl bei den Pharaonen ........................................... 201 Kapitel 19 – Eine Landschaft aus Sand ........................................ 215 Kapitel 20 – Noch mehr Mysterien.............................................. 224 Kapitel 21 – Ein Geheimnis weniger........................................... 230 Kapitel 22 – Ein nächtlicher Angriff ........................................... 239 Kapitel 23 – Das Geheimnis der Flüsternden Steine ..................... 250 Kapitel 24 – Der Schatz des Goldenen Pharaos............................. 258 Kapitel 25 – Auf der Flucht ........................................................ 273 Kapitel 26 – Ein ziemlich fehlerhafter Gefangenenaustausch........ 285 Kapitel 27 – Pyramidengespenster mit bunten Haaren.................. 297 Dank ....................................................................................... 304
Kapitel 1
Erste Regel im Schatzjägerhandbuch: Niemals den glitzernden Stein berühren! Scotty Scotty Blackbird war sich sicher, dass ihr Herz noch nie so schwer und schnell geschlagen hatte wie heute. Mit großen Augen sah sie zu dem riesigen Gebilde auf, das sich vor ihr aus dem Sand erhob und über dessen Spitze ein wunderschöner Vollmond schwebte. »Das ist definitiv die dümmste Idee, die wir jemals gehabt haben!«, flüsterte sie. »So weit würde ich nicht gehen«, kam es von ihrem Bruder Constantin, der neben ihr im Sand kauerte. Sie konnte das Grinsen in seiner Stimme hören. »Das damals am Nil mit den Eingeborenen war auch ganz schön dämlich.« 5
»Ich weise darauf hin, dass ich nicht wusste, was du mit dem Stab ihres Medizinmannes vorhattest! Aber ihn als Hebel zu benutzen, war so selten däml…« »Faule Ausreden, Schwesterchen. Werfen wir jetzt einen Blick in den alten Kasten oder was?« Scotty legte den Kopf in den Nacken, doch selbst so konnte sie die Spitze des Bauwerks nicht erkennen. Die Pyramide war gigantisch, Ehrfucht einflößend und auf eine wilde Art wunderschön. Und definitiv kein alter Kasten. »Du willst es doch«, flötete Constantin. »Wenn Mam das herausfindet, gibt es für dich jeden Abend Rosenkohl, Bruderherz. Lebenslänglich.« »Und dir nimmt sie deine Bücher weg.« Constantins Zähne blitzten im Licht der Fackel. »Also sollten wir uns wohl nicht erwischen lassen.« »Wir könnten Dylan fragen.« Scotty warf einen Blick zurück. Hinter ihnen, am Fuße der Sanddüne lag das Lager der Schatzjäger, ihrer Familie. »Er würde mit uns kommen.« »Wer ist Dylan?« Scotty fuhr verwirrt wieder zu ihrem Bruder herum. »Dylan? Dylan O’Conner? Hast du dein Gedächtnis verloren?« In dem silbrigen Licht des Mondes wirkten Constantins Stirnfalten beinahe mystisch. »Scotty, schlafwandelst du gerade? Oder kriegst du Panik?« »Ich ...« Doch Constantin hatte lange genug gewartet. »Also, ich
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gehe jetzt rein.« Und damit sprang er auf und stürmte in langen Sätzen auf den dunklen Eingang zu. Scotty zerbiss einen wütenden Aufschrei zwischen ihren Zähnen und jagte ihrem Bruder hinterher. Sand rutschte unter ihren Chucks weg, schliddernd kämpfte sie sich die Düne hinunter und zum steinernen Eingang der Pyramide. Die Schatten verschluckten sie, innerhalb von Sekunden war es beinahe pechschwarz um sie herum. Warme, staubige Luft schlug ihr entgegen und Angst begann ihre Neugier zu überlagern. »Constantin?!«, zischte Scotty. »Wo bist du?« »Hier«, machte es neben ihr und Scotty sprang vor Schreck fast bis zum Mond. Constantin lachte leise und entzündete mit raschen Bewegungen die Fackeln, die sie beide in den Händen trugen. Seine eichhörnchenrote Haarmähne leuchtete im Schein der Flammen auf und wundersame Umrisse tanzten um sie herum auf den steinernen Wänden. Einen Augenblick lang meinte Scotty ein Flüstern zu hören. Aber das konnte nicht sein, ihr Bruder und sie waren die Ersten, die diesen Ort betrachteten, vielleicht seit Jahrhunderten. Oder? Aber irgendetwas stimmte nicht. Ihr Bauch sagte ihr das und Scotty wusste, dass auf ihren Bauch Verlass war. Irgendetwas war falsch. Versonnen betrachtete sie die Malereien an den Wänden. Pharaonen vor ihrem Gefolge, Frauen in langen Gewändern und immer wieder das blaue Band des Nils. »Wunderschön«, flüsterte Scotty. »Was denkst du, wie alt ist das alles?«
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Keine Antwort. Verwirrt wandte Scotty sich um. Der lange Gang, in dem sie sich befand, war leer. Constantin war verschwunden. »Constantin?« Scotty drehte sich einmal um die eigene Achse. Wie lange hatte sie hier gestanden und die Malereien betrachtet? Bestimmt ist er schon vorgegangen, dachte sie, packte ihre Fackel fester und folgte mit großen Schritten dem alten Gang. Wieder war da dieses Flüstern, umwehte sie wie ein Windhauch. »Oder wie ein Geist«, murmelte Scotty und schüttelte die Gänsehaut von ihren Schultern. »Ganz ruhig bleiben, Scotty. Du bist schon an gruseligeren Orten gewesen. Finde einfach Constantin und alles wird gut.« »Constantin«, wisperte es von den uralten Steinen. »Constantin.« »Mit dir hat niemand geredet!«, fauchte Scotty die Pyramide an und kam sich im nächsten Moment völlig verrückt vor. Hastig lief sie weiter unter den stummen Augen der Wandmalereien. Irgendwo erklang ein Rumpeln, dann ging ein Zittern durch den ganzen Gang. Sand rieselte von der Decke. »Oh, oh«, murmelte Scotty. »Gar nicht gut.« »Scotty!« Eine Gestalt kam auf sie zugerannt. »Scotty, lauf !« Im nächsten Moment war Constantin neben ihr, packte ihre Hand und zerrte sie mit sich. »Was hast du angestellt?«, schrie Scotty, während sie förmlich durch den Gang zu fliegen schienen. »Ich habe irgendwas ausgelöst, fürchte ich!«, brüllte
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Constantin über das lauter werdende Poltern hinweg. »Da lag so ein Stein auf einer Säule und ich ...« »Du hast ihn nicht angefasst, sag, dass du ihn nicht angefasst hast!« »Ich konnte einfach nicht anders, er hat so gefunkelt und ich wollte doch nur sehen ...« »Erste Regel im Schatzjägerhandbuch: Niemals den glitzernden Stein berühren!« Scotty warf einen Blick über die Schulter. Eine gewaltige Kugel kam auf sie zugerollt und füllte den kompletten Gang aus. Das kann nicht sein, schoss es ihr durch den Kopf. Das geht nicht, das ist nicht real und warum ...? Im nächsten Moment war die Kugel schon direkt hinter ihnen. Ein seltsam blumiger Geruch drang Scotty in die Nase und ... »Scotty!« Mit einem erstickten Schrei riss Scotty die Augen auf und wurde zurück in die Wirklichkeit katapultiert. Schwer atmend sah sie sich um. Das hier war keine Pyramide, es war nicht mal Ägypten. Sie saß noch immer in dem Flugzeug, das sie genau in dieses Land bringen sollte, und Taisia, die freundliche Stewardess, die die Blackbird-Kinder auf ihrer Reise betreute, sah besorgt zu ihr herunter. »Scotty, du hast schlecht geträumt, oder?« Scotty löste ihre steifen Finger von den Armlehnen, die sie krampfhaft umklammert hatte. »Geträumt, ja. Nur ein Traum.« Sie fuhr sich über die Augen, fühlte noch immer den Wüstensand auf der Haut und die stickige Luft in ih-
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rer Lunge. Der Geruch entpuppte sich als Taisias Parfum. Scotty beugte sich zur Seite und warf einen Blick nach hinten, zwischen den Sitzreihen hindurch. Drei Reihen hinter ihr erwiderte ein blaugrünes Augenpaar ihren Blick, als hätte ihr Bruder genau gewusst, dass sie sich umdrehen würde. Seine Lippen, von denen die obere etwas voller war als die andere, verschoben sich zu einem schiefen Grinsen, das kleine Grübchen in seine Wangen zeichnete. Der riesige blaue Kopfhörer drückte seine rotbraune Lockenmähne zusammen. Scottys Haare waren ebenso lockig, hatten aber die Farbe von Kupfer. Und doch konnte man die Ähnlichkeit zwischen ihr und ihrem Bruder Constantin angeblich nicht übersehen. »Alles okay?«, formten seine Hände in ihrer eigenen Geheimsprache, die sie sich als Kinder ausgedacht hatten. »Nur geträumt«, erwiderten Scottys Finger rasch. Bei der Reservierung war etwas schiefgegangen und die Geschwister hatten trotz allem Protest nicht nebeneinandersitzen können. Irgendwann hatte Scotty einfach aufgehört zu diskutieren, weil sie keine Zicke sein wollte, aber ihr Herz hatte doch sehr geklopft, als sie sich allein neben die fremde Frau hatte setzen müssen. Nicht mal am Fenster durfte sie sitzen, dabei war der Blick nach draußen doch das Coolste am Fliegen. Natürlich war sie kein Baby mehr, sie wurde dieses Jahr zwölf, aber neben Constantin hätte sie sich doch ein bisschen wohler gefühlt, besonders bei Start und Landung. »Sind bald da«, sagten Constantins Hände und Scot-
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ty richtete sich mit einem Nicken wieder auf. Dieser Flug dauerte einfach viel zu lange und es war kaum möglich, die Beine zu strecken, ohne dass ihre Knie dabei schmerzhaft mit dem Sitz vor ihr kollidierten. Es ging nicht. Selbst für sie, mit ihren knapp 1,47 m, war in dieser Konservendose mit Sitzen, die sich Flugzeug schimpfte, einfach nicht genug Platz. Taisia wartete noch immer geduldig neben ihr, während Scottys Sitznachbarin mit der undefinierbaren Haarfarbe und dem leichten Damenbart ein lautes Schnarchen von sich gab, aber nicht aufwachte. »Tut mir leid«, sagte Scotty. »Mir geht es gut, wirklich. Es ist nur ...« »Es ist nur ein langer Flug, nicht wahr?« Taisia zwinkerte ihr verschwörerisch zu, griff in die Jackentasche ihrer dunkelblauen Uniform und reichte ihr einen halb in einer Serviette eingewickelten Keks. »Keine Sorge, wir landen in wenigen Minuten. Halte durch!« Scotty murmelte mit warmen Wangen ein Danke und zeigte ihren Cookie triumphierend nach hinten. Constantin machte das Zeichen für »Angeberin!« und sah dabei ganz schön neidisch aus. Glücklich knabberte Scotty an dem Keks herum und dachte an das Abenteuer, das vor ihr lag.
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Zwanzig lange Minuten später erloschen die Anschnallzeichen. Augenblicklich sprangen die meisten Passagiere auf, schlüpften in ihre Jacken, zerrten Rucksäcke und andere Gepäckstücke aus den Ablagen und strömten zum Ausgang. Scotty duckte sich unter einem Ellenbogen hinweg und wich dann gerade noch rechtzeitig einer herabrutschenden Handtasche aus. Die Dame neben ihr schnarchte selig weiter. Scotty wartete ab, bis die Schlange im Gang sich aufgelöst hatte, ehe sie ihren Rucksack schulterte und sich in Bewegung setzte. Zuvor gab sie ihrer Sitznachbarin noch einen sachten Stups, die nur sehr langsam wach wurde. Schon nach wenigen Schritten entdeckte sie Constantin, der sich gemütlich durch den Gang schob und immer wieder innehielt, um ... Scotty riss die Augen auf. Innerhalb von Sekunden hatte sie ihren großen Bruder eingeholt. Er zuckte sichtlich zusammen, als sie plötzlich hinter ihm zischte: »Constantin, was tust du denn da?« Constantin blickte über die Schulter und grinste sie betont unschuldig an. »Hallo Schwesterchen. Hast du den Flug überlebt?« »Wie man sieht«, gab Scotty unbeeindruckt zurück. »Aber vermutlich wandern wir gleich in den Knast, weil du gerade das Flugzeug beklaust!« »Es ist kein Klauen«, erwiderte Constantin unbeeindruckt und fischte eine weitere der kleinen Tüten, die jeder Passagier zur Begrüßung erhalten hatte, aus einer Sitztasche. Die Tüte war ungefähr so groß wie Scottys Handtel-
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ler, leuchtend blau und mit einer Nussmischung gefüllt. Sie hatte ihre in der Hosentasche verstaut, weil sie Nüsse nicht so besonders gern mochte, aber Constantin schien es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, all die armen kleinen Schalenfrüchte vor dem Müll zu bewahren, oder welches Schicksal sie auch immer erwarten mochte. »Sie haben sie ja schon verschenkt. Ich nehme nur die, die niemand wollte.« »Du Nuss-Samariter«, scherzte Scotty und schielte besorgt über die Schulter, in Erwartung einer wütend auf sie zustürmenden Stewardess. »Und was genau willst du mit den ganzen Nüssen?« »Man weiß nicht, was kommt, Schwesterchen.« Grummelnd folgte Scotty ihrem Bruder, vorbei an einem lächelnden Kapitän, aus dem Flugzeug. Taisia schloss zu ihnen auf und versprach, ihnen bei der Suche nach ihren Koffern zu helfen. Constantin meinte zwar, dass das gar nicht nötig sei, aber Scotty war dankbar für die Hilfe. Der Flughafen war riesig und laut und voller Menschen, die mit wichtigen Mienen durch die Gegend rannten. Sie schüttelte ein paar Haarsträhnen zurück, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatten, und versteckte die kalten Finger in den Ärmeln ihres Pullovers. Ihre schwarz-weiß gemusterten Chucks, die sie eigentlich liebte, kamen ihr neben den ganzen Ballerinas und High Heels um sie herum irgendwie schäbig vor. Ihre Wangen wurden warm. Es gefiel ihr nicht, dass sie sich von dem Aussehen anderer so einschüchtern ließ. Constantin dagegen wirkte völlig ungerührt, obwohl sein
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T-Shirt ein dicker Klecks zierte, vermutlich Ketchup von dem Sandwich, das Aurora für ihn gemacht hatte. Was für ein Irrsinn, Ketchup auf Sandwiches zu tun! Da gehörte Mayo drauf oder Frischkäse, aber doch kein Ketchup! Constantin trug ebenfalls Chucks, leuchtend blaue, die zu dem Kopfhörer passten, den er sich in den Nacken gestreift hatte, und seine Jeans waren an einem Knie kaputt, und zwar nicht modisch kaputt, sondern einfach kaputt kaputt. Aber das hatte Scottys großen Bruder noch nie gestört, es war allgemein recht schwer, ihn aus der Ruhe zu bringen. Es sei denn, zu Hause fiel das WLAN aus. Scotty kicherte bei diesem Gedanken, doch das verging ihr rasch, als sich ihr Magen lautstark zu Wort meldete. Hastig presste sie eine Hand gegen ihren Bauch. Im Rucksack hatte sie noch zwei Brötchen, aber da war Knoblauchsalami drauf und die wollte sie jetzt nicht im Gehen neben der schicken Taisia herunterschlingen, die bestimmt nach frischer Minze duftete und nicht nach Knoblauch. Constantin grinste seine Schwester an, griff in die Hosentasche und zog eine grüne Tüte hervor. »Lakritz?« Scotty verzog angewidert das Gesicht. »Weiche von mir, du Suchti.« »Genießer«, verbesserte ihr großer Bruder sie und schob sich gleich zwei Lakritze in den Mund. Constantin war absolut süchtig nach Essen und besonders nach Lakritz, ständig hatte er eine Tüte davon in der Tasche, die er dort allerdings auch gerne mal vergaß, wenn sie leer war, was wiederum schon zu so manchem Waschmaschinendrama
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geführt hatte. Sogar am Abreiseflughafen hatte er beim Kiosk noch so viel Lakritz gekauft, dass ihn ein kleines Kind in der Schlange mit Blicken zu erdolchen versucht hatte. Peinlich. Einfach nur peinlich. »Hier sind wir richtig.« Taisia wies lächelnd auf das vor ihnen liegende Kofferband, das sich gerade langsam zu drehen begann. »Eure Sachen werden sicher bald da sein und dann zeige ich euch, wo es nach draußen geht. Werdet ihr ein Taxi nehmen oder ...?« »Ein Freund unserer Eltern holt uns ab«, fiel Scotty ihr ins Wort und beim Gedanken an Dylan zeichnete sich ein Lächeln auf ihren Lippen ab. Dylan Murray O’Conner war Schotte und der beste Freund ihres Vaters, Nathan Blackbird. Die beiden hatten in Oxford studiert, später auch zusammen gearbeitet und waren um die ganze Welt gereist, auf der Suche nach Abenteuern, Schätzen und Geheimnissen. Irgendwann dann war Nathan in der Schweiz auf der Versteigerung eines wertvollen Gemäldes auf Evie, die zukünftige Mrs Blackbird, getroffen und hatte sich sofort in sie verliebt. Dylan war ihr Trauzeuge und der Patenonkel von Constantin und Scotty. Er hatte ihnen beigebracht, wie man auf einem Pferd ritt und wie man aus Stöcken Pfeile schnitzte. Constantin konnte auch noch andere Sachen schnitzen, nicht so gut wie Dylan, aber wesentlich besser als Scotty, die sich als handwerklich völlig unbegabt entpuppt hatte. Dafür trafen ihre Pfeile immer ins Schwarze, während Constantin manchmal nicht einmal die Scheibe traf. Scotty erinnerte sich an den Tag, als Constantin aus
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Versehen eine der Gartenstatuen erwischt hatte. Ihre Mutter hatte ihn mit dem Wasserschlauch durch den ganzen Garten gejagt und danach verboten, dass sie hier weiter ihre »Barbareien« ausübten. Stattdessen sollten sie auf die alte Apfelbaumwiese nebenan gehen, was sie schließlich kichernd und mit eingezogenen Köpfen getan hatten. Ein komisches Ziehen machte sich in Scottys Brust bemerkbar. Sie vermisste ihre Mutter. Schon seit drei Wochen war sie zusammen mit Scottys Vater und dem gesamten Forschungsteam der Blackbirds in Ägypten. Doch heute würde Scotty sie endlich wiedersehen.
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Kapitel 2
Gestrandet Constantin Constantin kaute auf einer seiner Lakritze herum und beobachtete aufmerksam das Kofferband. Eine Gitarre wanderte jetzt schon das zweite Mal an ihm vorbei und seine Fingerkuppen prickelten unter dem Bedürfnis, sie auf eine Saite zu legen und zu spielen. Seine Schwester wippte neben ihm auf den Fersen auf und ab. Die Sohlen ihrer Chucks machten dabei kleine Quietschgeräusche. Zu Hause hätte er sie damit aufgezogen, aber nicht hier. Scotty gab sich zwar alle Mühe, ihre Nervosität zu verstecken, aber er merkte sie ihr trotzdem deutlich an. Sie mochte keine Flugzeuge, auch keine Achterbahnen und U-Boote waren ihr sowieso ein Graus. Constantin kannte Scotty zu gut, als dass ihm solche Kleinigkeiten entgingen. Sie zu verstehen, war eine andere Sache. Ein Ding der Unmöglichkeit sogar!
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»Da!« Scotty begann auf der Stelle zu hüpfen wie ein Flummi und deutete auf den waldgrünen Koffer, der eben auf dem Kofferband erschien. Das Ding stach hervor wie Nemo in einem Schwarm Goldfische. Constantin drückte seiner Schwester den Griff seines eigenen schlichten grauen Koffers in die Hand und trat vor, um ihr grünes Monstrum einzusammeln. Der Zusammenstoß ging ganz schnell. Es war nur ein Schatten in den Augenwinkeln, dann prallte schon etwas hart gegen seine Schulter. Mit einem Ächzen wich Constantin zurück und starrte den Mann, der ihn angerempelt hatte, erschrocken an. Er trug einen schwarzen Anzug mit Nadelstreifen, eine glänzende Uhr blitzte an seinem Handgelenk und fing das Funkeln des Siegelringes ein, den er an der rechten Hand trug. Ohne Constantin eines Blickes zu würdigen, zog der Mann einen schwarzen Koffer vom Band und wollte sich abwenden, wobei er Constantin beinahe ein zweites Mal umgerannt hätte. »Hey!« Constantin sprang beiseite und machte ein empörtes Gesicht. So was Rücksichtsloses! »Es gibt auch noch andere Menschen auf der Welt. Verzeihung, dass unsere Existenz Sie belästigt«, platzte es aus ihm heraus. Bei dem Gedanken, was seine Mutter darauf erwidert hätte, zuckte er innerlich zusammen, denn die legte – genau wie Scotty – viel Wert auf gute Manieren. Der Mann hob den Kopf, langsam, gelangweilt … doch dann weiteten sich seine Augen plötzlich. Er sah Constantin ins Gesicht und stolperte einen halben Schritt zurück,
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als hätte er ihn erkannt – und zwar nicht auf eine gute Art. »Du? Was machst du hier?« Constantin runzelte die Stirn und betrachtete den Fremden genauer. Ihm fiel auf, dass die Augen des Mannes seltsam farblos waren. Wie ausgewaschen. »Entschuldigung, kennen wir uns?«, fragte er verwirrt. »Wo ...?« Der Mann unterbrach sich selbst, rammte den Koffer auf den Boden, drehte sich um und eilte mit großen Schritten davon. »Ihnen auch einen schönen Tag«, knurrte Constantin, konnte sich gerade noch Scottys Koffer schnappen, ehe dieser eine weitere Runde drehte, und ging zurück. Seine Schwester sah ihm aus großen Augen entgegen. »Was war das denn?« »Keine Ahnung.« »Kanntest du den?« Scotty blickte mit gerunzelter Stirn in die Richtung, in die der Mann verschwunden war. »Es schien, als würde er dich kennen.« »Ganz ruhig, Sherlock.« Constantin tippte Scotty gegen die Stirn und schob ihr dann ihren Koffer hin. »Der hat mich bestimmt verwechselt.« »Dieser Mann war sehr unhöflich.« Taisia lächelte entschuldigend und bedeutete den Geschwistern mit einem Wink, ihr zu folgen. »Na kommt, bringen wir euch zu eurem Patenonkel. Dann kann euer Urlaub endlich starten. Besucht ihr die neue Hotelanlage des Sunrise Royal Makadi?« Scotty schnappte sich ihren Koffer und lief neben Taisia
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her. »Nein, wir wollen raus in die Wüste«, erklärte sie, während Constantin zu ihr aufschloss. »Die Wüste?« Taisia blickte verwirrt drein. »Aber da ist doch gar nichts. Nur Sand und Steine und …« Ihre Augen wurden groß. »Wartet mal, seid ihr wegen der Pyramide hier, die sie gefunden haben?« Sie lachte auf, als wäre dieser Gedanke absolut albern, fuhr im Scherz aber fort: »Seid ihr nicht etwas zu jung, um für die Paparazzi zu arbeiten?« »Unsere Eltern arbeiten bei der Pyramide«, erklärte Constantin. »Als Reporter?« »Nein, als Forscher.« Er beobachtete amüsiert die Verwirrung, die sich im Gesicht der jungen Frau widerspiegelte. Es war ein mittlerweile vertrauter Anblick, der das Zusammenleben mit Eltern wie den seinen nun einmal mit sich brachte. »Sie sind vor drei Wochen hergebeten worden. Offensichtlich möchte Ihre Regierung die Angelegenheit gerne in erfahrene Hände legen.« Taisia blieb stehen. Ihr Blick zuckte über die Geschwister, ihre großen Koffer, weiter über die Einkaufsmeile, die sich links von ihnen erstreckte, die landestypischen Backwaren in der Auslage und den Zeitungsständer gleich daneben. Zeitungen, deren Titelseiten sehr gut zu lesen waren, Titelseiten, auf denen überall das gleiche Foto prangte: ein rothaariger Riese und eine wunderschöne zierliche Frau, die gemeinsam in die Kamera lächelten. Ägyptischer Staatspräsident bittet hochrangiges Forscherteam um
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Unterstützung. Nathan und Evie Blackbird erforschen die neue Pyramide in der Wüste. »Blackbird«, murmelte Taisia. »Ach du meine Güte. Das sind eure Eltern?!« »Jep.« Scotty lächelte zuckersüß. »Sollen wir eine Mumie nach Ihnen benennen?« »Ich glaube kaum, dass das angemessen wäre«, bemerkte Constantin nüchtern und versuchte, sein Grinsen zu verbergen, damit Taisia sich nicht von ihnen beiden auf den Arm genommen fühlte. Ihre Eltern hatten in der Welt der Wissenschaft schon immer eine gewisse Bekanntheit innegehabt. Als sie dann vor zwei Jahren die Verlorene Stadt der Inka im Dschungel gefunden hatten, waren Zeitungen und Internet von ihren Gesichtern schon fast überschwemmt worden. Ja, ihre Eltern waren berühmt und die BlackbirdKinder blieben selten davon verschont, mit großen Augen angesehen zu werden. Die freundliche Stewardess schüttelte den Kopf, als würde ihr das helfen, ihre Gedanken zu klären, wobei ihr die kleine Kappe verrutschte, die zu ihrer Uniform gehörte. »Es tut mir leid, ich hatte keine Ahnung, dass ich es mit Berühmtheiten zu tun habe ...« »Hey, wir sind ganz normal.« Scotty zeigte auf Constantin und sich. »Unsere Eltern sind die Berühmten und glauben Sie mir, mit ihnen zu leben, ist nicht so glamourös, wie es in der Zeitung steht. Sie sind superstreng, wenn es um Hausaufgaben geht, und lange Aufbleiben kann man gleich ganz vergessen.«
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Constantin versteckte sein Prusten hinter einem Husten, während Taisia ihr Lächeln wiederfand und Scotty mit echter Sympathie ansah, ehe sie die Kappe, die zu ihrer Uniform gehörte, richtete und die Schultern straffte. »Na dann, jetzt wollen wir aber mal los. Wer weiß, was hier sonst gleich noch alles ans Licht kommt.« Constantin zwinkerte seiner Schwester zu, dann trabten die drei gemeinsam durch den Flughafen. Alles war hell und freundlich und vor allem voll klimatisiert. Constantin graute es schon vor der Hitze, die draußen auf sie lauerte. Warum musste diese Pyramide auch ausgerechnet im Sommer gefunden werden? November oder Dezember hätte ihm wesentlich besser gepasst. So lange würden die Verantwortlichen allerdings nicht warten wollen, überall rätselte man darüber, was sich wohl im Inneren der Pyramide befand, die vor genau drei Wochen und drei Tagen durch einen Sturm freigelegt worden war. Um genau zu sein, hatte es erst ein Erdbeben gegeben und dann einen Sturm. Und jetzt befand sich dort, wo seit Jahrhunderten eine riesige Düne gewesen war, ein Tal, mit einer Pyramide darin. Was für eine verrückte Welt. Sie umrundeten eine lange Schlange von Menschen, die für irgendetwas anstanden, und für einen Moment glaubte Constantin wieder den unfreundlichen Mann zu sehen. Er stand etwas abseits, ganz regungslos, und starrte zu ihnen herüber. Aber als er blinzelte und dann genauer hinsah, konnte er ihn nirgendwo entdecken. Sie waren jetzt in der letzten Halle angekommen, die sie
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von der Außenwelt Ägyptens trennte. Überall waren Stände der verschiedenen Urlaubsanbieter, Hotels und Taxi- oder Busunternehmen. Dazwischen standen Menschen mit Schildern in der Hand, braun gebrannte Reiseführer, adrett gekleidete Busfahrer und Hotelangestellte. Aber kein breit grinsender Schotte, der fast so groß wie Goliath war. »Vielleicht ist er weiter hinten. Wir laufen einfach die ganze Reihe ab, dann finden wir ihn schon«, schlug Scotty vor. Taisia wurde gerade stürmisch von einer Frau umarmt, die in schnellem Arabisch auf sie einredete und dabei immer wieder auf ihre linke Hand deutete, an der ein schmaler Ring funkelte. »Wartet, ihr beiden, ich komme mit!«, rief Taisia, aber die Geschwister schüttelten die Köpfe. »Lassen Sie nur, von hier schaffen wir es auch alleine. Wir werden Dylan sicher schnell finden«, versicherte Constantin und versuchte, wie ein verantwortungsbewusster großer Bruder zu klingen. »Aber wenn ihr ...« »Danke fürs Herbringen!«, fiel Scotty ihr ins Wort und winkte. »Vielleicht sehen wir uns ja auf dem Rückflug. Und jetzt gehen Sie mit Ihrer Freundin, bevor sie vor Neuigkeiten noch platzt.« »Ich gehe mit Alischa da vorne an den Stand mit den Säften, in Ordnung? Von da aus habe ich den Ausgang im Blick und ihr winkt mir, wenn ihr mit eurem Patenonkel rausgeht. Ich bewege mich dort nicht weg, ehe ich nicht weiß, dass ihr ihn gefunden habt.« Taisia drohte ihnen mit dem erhobenen Zeigefinger.
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»Geht in Ordnung«, versprach Constantin und dann zogen sie los. Er drehte den Kopf nach links und rechts, doch sosehr er sich auch streckte und Ausschau hielt ... Dylan blieb verschwunden. Ein ungutes Gefühl machte sich in seinem Magen breit, doch er setzte ein gleichmütiges Gesicht auf, damit Scotty nichts merkte. Er wollte seine kleine Schwester nicht beunruhigen. »Ob es noch einen Ausgang gibt, wo Dylan vielleicht wartet?«, mutmaßte Scotty irgendwann. »Das hätte Taisia uns doch gesagt. Warte kurz.« Constantin begann in seiner Tasche zu kramen und warf dabei beinahe seine Lakritze zu Boden. Hastig stopfte er die Tüte zurück und zog stattdessen sein Handy hervor. Es war neu, ein Geschenk von Onkel C, mit allem Schnickschnack für die Reise: einer super Kamera für Erinnerungsfotos und einem Auslandsvertrag zum Telefonieren. Das Display leuchtete auf und Constantin wählte die Nummer seines Vaters. Schon nach wenigen Sekunden ließ er das Handy wieder sinken. »Ausgeschaltet.« »Wie immer«, stöhnte Scotty. »Versuch’s bei Mam.« Constantin nickte, rief den Kontakt seiner Mutter auf und hob das Handy wieder ans Ohr. Es tutete eine ganze Weile, doch gerade, als er aufgeben wollte, erklang die Stimme seiner Mutter. »Constantin, mein Schatz, was gibt’s? Frag mich nicht noch einmal, wie viel dein Koffer wiegen darf, das hatten wir schon Dutzende Male, und nein, auch Sherlock und Watson dürfen nicht mit, glaub mir, für Chinchillas ist das Camp hier nichts, und wenn ihr morgen kommt ...«
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»Mama, wir sind schon hier.« Am anderen Ende der Leitung herrschte für einen Moment Stille, nur ein entferntes Klopfen war zu hören. »Mama?«, hakte Constantin nach und drückte das Handy fester ans Ohr. »Was meinst du damit, ihr seid schon hier?«, fragte Evie Blackbird und in ihrer Stimme schwang ein Anflug von Panik mit. »Sieben Uhr, hat Christoph gesagt. Er sagte ›am Sonntag um sieben Uhr‹!« »Wir sind um neunzehn Uhr angekommen«, sagte Constantin, dem Übles schwante. »Heute. Jetzt, um genau zu sein. Wir sind am Flughafen.« »Dieser ... NATHAN!« Constantin riss sich hastig das Handy vom Ohr. »Nathan, leg diesen Hammer weg und komm da runter, deine Kinder sind hier!« »Sie haben uns vergessen?«, flüsterte Scotty. Ihre Augen waren kugelrund. »Es kommt niemand?« Constantin versuchte, ihr ein beruhigendes Lächeln zu schenken, während er gleichzeitig angestrengt in die Leitung lauschte. Seine Mutter schien das Handy noch in der Hand zu haben, sie redetet auf jemanden ein, während ihre Stimme immer schriller wurde. Er verstand nur wenig, hauptsächlich Wörter wie »Kinder« und »Flughafen« und ein paar Brocken, die sehr nach Hebräisch klangen. Seine Mutter hatte es sich angewöhnt, nicht in einer Sprache zu fluchen, die ihre Kinder verstehen konnten, dasselbe galt für das Beraten über Weihnachtsgeschenke, was ziemlich frustrierend war, wenn man schon mit den Latein-Vokabeln Probleme hatte.
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Constantin bemühte sich, nicht in Panik zu verfallen, während seine Gedanken hin und her huschten wie aufgeschreckte Mäuse. Die Geschwister hatten ein wenig Geld von Onkel C zugesteckt bekommen, mit dem sie sich etwas zu essen kaufen könnten. Die Ausgrabungsstätte lag ein ganzes Stück weit entfernt, das wusste Constantin, ein paar Stunden würden sie hier also aushalten müssen. Sie könnten sich in ein Café setzten, nach einem heißen Kakao wäre Scotty sicher beruhigt und in der Lage, ihr Buch zu lesen oder so was. Und sie könnten ein bisschen rumlaufen, allerdings wäre das mit den Koffern ziemlich umständlich und außerdem war es ja schon Abend. Wie lange war hier der Aufenthalt wohl erlaubt? Es gab doch Nachtflüge, oder? Constantin biss sich auf die Lippe. Hilfe! Am liebsten hätte er sich ein Lakritz in den Mund geschoben, essen hatte einfach eine beruhigende Wirkung auf ihn, aber die Tüte war so in seine Hosentasche gequetscht, dass er nicht so leicht an die Öffnung drankam. »Was sollen wir hier denn machen?«, fragte Scotty mit dünner Stimme. »Sollen wir die Gepäckwagen wegräumen und von den Münzen darin leben, die die Leute haben drinstecken lassen, so wie Tom Hanks in Terminal? Auf Bänken schlafen, weil wir den Flughafen nicht verlassen dürfen, aber auch kein Geld für ein neues Ticket haben und niemand hilft uns weiter, weil wir die Sprache nicht sprechen? Der Film war so traurig. Ich weiß nicht, ob ich auf so einer Bank schlafen kann, Ny.« Dass seine kleine Schwester seinen Kinderspitznamen
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verwendete, bedeutete, dass es ernst war. Er war ein Jahr älter als sie und Scotty hatte seinen vollen Namen lange nicht aussprechen können. Sie hatte ihn ganz einfach zu Ny abgekürzt und das so beibehalten. Erst als sie auf derselben Schule gewesen waren, hatte sie damit aufgehört, weil einer von Constantins Klassenkameraden ihn damit aufgezogen hatte. Scotty war eine Planerin, ungewohnte Situationen konnten sie schon mal aus dem Gleichgewicht bringen. Constantin beugte sich vor und drückte ihre Schulter. »Alles wird gut, okay? Ich kläre das schon.« »Constantin?« Plötzlich drang die Stimme seines Vaters an sein Ohr. Das Handy hatte er für einen Moment völlig vergessen. »Hörst du mich?« »Hi, Papa.« Constantin richtete sich erleichtert auf. »Hör zu, Sohn, bleibt ganz ruhig, ja? Ich funke Dylan an, er ist mit dem Jeep draußen, um ein paar Untersuchungen zu machen. Dann kommen wir euch holen. Aber die Fahrt dauert eine ganze Weile ...« »Eine Weile?«, schimpfte Evie im Hintergrund los. »Das sind Stunden, Nathan! Was zum fliegenden Sandkäfer sollen unsere Kinder denn so lange am Flughafen machen? Bis ihr endlich dort seid, ist es mitten in der Nacht und dann ...« Nathan schien eine Hand auf das Handy zu drücken, denn seine Stimme klang nur noch gedämpft. Offensichtlich versuchte er, seine Frau zu beruhigen, was – noch offensichtlicher – nicht funktionierte.
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Constantins Gedanken rasten und formten sich schließlich zu einer Idee. »Papa? Hallo?« »Ich bin hier.« »Hör zu, Mama hat recht. Es macht keinen Sinn, jetzt hierherzukommen. Wer weiß, wo du landest, wenn du mitten in der Nacht durch die Wüste fährst.« »Aber ...« »Wir suchen uns ein Hotel«, fuhr Constantin hastig fort, beugte sich über seinen Rucksack und zog sein Portemonnaie hervor. Sorgfältig in einem kleinen Fach verstaut, steckte die goldene Karte, die ihm Onkel C letztes Jahr gegeben hatte, in einer seiner seltsamen Stimmungen. »Für den Notfall, mein Lieblingsneffe«, hatte er gesagt und Constantin tief in die Augen gesehen. »Für den allergrößten Notfall.« Am anderen Ende der Leitung wurde es für einen Moment still. Dann begann Nathan. »Constantin ...« »Wir suchen uns ein Hotel, bleiben eine Nacht und morgen, ganz früh, kann Dylan uns abholen. So schwer kann das ja nicht sein, etwas zu finden, hier sind überall Informationsstände.« »Bist du dir sicher?« Nathan klang nachdenklich, es war nicht zu überhören, dass ihm die Idee nicht schmeckte, er sie aber dennoch in Betracht zog. Denn, wenn man ehrlich war ... Sie hatten nicht wirklich eine Wahl. »Ganz sicher«, sagte Constantin und versuchte so zuversichtlich wie nur möglich zu klingen, auch wenn er sich eigentlich gar nicht so fühlte. Nervös versuchte er noch ein-
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mal, in die Lakritztüte zu greifen, ohne dass alles zu Boden fiel. »Allerdings weiß ich gar nicht … Können Kinder Hotelzimmer buchen? Wir ...« »Kinder?« Taisia war hinter den Geschwistern aufgetaucht. »Was ist denn los?«, fragte sie besorgt. Mit leichter Panik in der Stimme schilderte Scotty Taisia in kurzen Sätzen die Situation. Die Stewardess nickte konzentriert, ging in die Hocke und legte einen Arm tröstend um Scotty, während sie die freie Hand nach dem Handy ausstreckte. »Mister Blackbird? Hi, mein Name ist Taisia Mansour. Ich bin Flugbegleiterin und es war meine Aufgabe, Ihre Kinder sicher zu ihrem Abholort zu bringen. Ihr Schwager hat mich damit beauftragt. Mein Onkel hat ein Hotel, hier ganz in der Nähe. Ich kann die beiden ohne Schwierigkeiten dort unterbringen, es wird ihnen an nichts fehlen. Ja, das Lotusblüte. Genau, Rashid Mansour ist mein Onkel. Natürlich Sir, das ist selbstverständlich. Ich bringe die Kinder persönlich dorthin. Ich gebe Ihnen Ihren Sohn noch einmal.« Hastig würgte Constantin das Lakritz, das er endlich aus der Tasche gefischt hatte, herunter und nahm das Handy entgegen. »Ist das wirklich in Ordnung?«, ertönte die Stimme seiner Mutter. »Du weißt, wir würden sofort losfahren und euch holen.« »Bis ihr hier seid, hat Scotty ihr Buch verschlungen und ich sterbe vor Hunger«, versuchte Constantin sich lässig zu geben, auch wenn sein Herz angesichts dieses Abenteuers
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schon ziemlich pochte. »Wir können mit Taisia gehen, das ist kein Problem.« »Wir kennen das Hotel und auch Rashid. Da seid ihr für heute Nacht gut aufgehoben.« »Na, dann ist doch alles okay, oder nicht?« Constantin schöpfte Hoffnung. »Gib mir mal deine Schwester, bitte.« Constantin reichte das Handy weiter und lächelte Scotty zu. Sie lauschte der Stimme ihrer Mutter. Ihre Finger trommelten auf ihrem Oberschenkel herum, eine nervöse Angewohnheit, die sie schon hatte, solange er sich zurückerinnern konnte. Constantin hätte seine Schwester gerne in den Arm genommen, hatte aber Angst, dass ihr das vor Taisia peinlich sein könnte. Schließlich nickte Scotty und murmelte ein Gut, bis später in den Hörer, dann legte sie auf. »Okay«, sagte sie und griff nach ihrem Koffer. »Es kann losgehen.«
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