Dorothea Balzer • Vanessa Siemens
SCHWESTERN BLUT
Personenverzeichnis Spoiler Alert! Solltest du »Feuerprobe« noch nicht gelesen haben, wirst du in dieser Auflistung Infos bekommen, die dir die Spannung dafür rauben könnten 😉 Für alle anderen hier noch einmal eine Zusammenfassung unserer Personen und die wichtigsten Infos zu ihnen. Jim Dunlap – 17 Jahre alt, auch bekannt als Jonah, Jay-Dee, Jay-Jay oder Key Seventeen. Hackergenie. Dunkle Geheimnisse, die er vor aller Welt zu verbergen versucht. Wurde von seinen Adoptiveltern Will und Shakira Dunlap zu seinen Verwandten geschickt. Die wenigen Personen, die ihm wichtig sind, darunter Rick, Elena, seine Tante Grace und sein Onkel Walter, verteidigt er notfalls mit seinem Leben. Rick Anderson – 16 Jahre alt. Zwillingsbruder von Elena. Bester Freund von Jim. Zeichnet gerne, ist hartnäckig und kann ein Geheimnis für sich behalten. Elena Anderson – 16 Jahre alt. Zwillingsschwester von Rick. Hat Jim mehr als nur gern. Trauert um ihre große Schwester Mari, die vor zwei Jahren verschwunden ist. Hat im letzten Sommer ein bisschen zu viel Party gemacht, hat diesem Leben aber den Rücken gekehrt. Alec Hyde – FBI-Agent, der Jims Fall betreut und sich um sein Untertauchen gekümmert hat. Er ist derjenige, den man anruft, sollte es Probleme geben. Er arbeitet oft mit seiner alten Kollegin Agent Marlene Jones zusammen, die den Fall ebenfalls kennt. 5
Sam Crimson – ein Schatten aus Jims Vergangenheit, der auf Rache aus ist. Andeutungen zufolge hat Jim ihn, Chase und Ray wohl mal verraten. Chase – Sams rechte Hand und Mann fürs Grobe. Scheut keine Gewalt und ist genauso von Rache besessen wie Sam. Ray – Hackergenie, der es geschafft hat, Jim zu finden und aus seinem Versteck zu locken. Er sorgt außerdem dafür, dass die Spuren der drei stets verwischt werden und sie nicht gefunden werden können. Alysha – Jims verlorene Schwester, die einige Jahre zuvor brutal aus seinem Leben gerissen wurde. Rico – Freund und Vorbild von Jim; war der erste Christ in seinem Leben. Wurde vor einigen Jahren ermordet. Mike – Fester Freund von Alysha, der durch eine Überdosis gestorben ist. Er hätte alles für Alysha und Jim getan; er hat die beiden als seine Familie angesehen. Kamney House – Benannt nach dem Leiter dieser Einrichtung, Dr. Kamney. Ein Kinderheim, in dem Jim, Alysha, Mike, Rico, Sam, Chase und Ray aufgewachsen sind.
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Prolog Alec Hyde spähte aus dem Fenster. Der Lieferwagen fuhr fast bis vor das Haus und hielt quer davor. Alec fluchte verhalten. Sie hatten Boaz geschnappt. Zusammengesunken saß er auf dem Beifahrersitz; Ray hielt ihm das Gewehr direkt an den Kopf. Alec sah zur Scheune, wo Marlene seinen Blick auffing und ihm konzentriert zunickte. Vorsichtig öffnete Alec die Haustür und trat auf die Veranda. Der Motor erstarb und für einen winzigen Augenblick lag vollkommene, trügerische Stille über dem Hof. Ray ließ die Scheibe ein Stück herunter. »Wenn ihr nur einen Schritt näher kommt, knalle ich ihn ab!« Er stand vom Fahrersitz auf und zog sich in den hinteren Bereich zurück. Nur noch der Gewehrlauf blieb in Sichtweite, der unmissverständlich auf Boaz gerichtet blieb, der langsam zu sich kam. Marlene zeigte aufs Dach des Lieferwagens. Eine Kamera war darauf installiert worden und drehte sich jetzt in ihre Richtung. Alec hatte es auch gesehen. Wie um alles in der Welt hatte es zu einer Geiselnahme kommen können? Wie gut, dass Marlene hier war, die für Verhandlungen ausgebildet worden war. »Ray, wir können über alles reden«, rief sie zum Auto hinüber. »Was wollt ihr?« »Das wisst ihr genau!«, brüllte er zurück. »Und wir werden hier nicht eher verschwinden, bis wir es bekommen haben!« Alec sah zum Waldrand. Waren die anderen in Sicherheit? Waren Sam und Chase bei Ray im Lieferwagen? Oder war das eine Falle? »Du weißt, dass wir das nicht machen können!« Marlene gab Alec ein Zeichen, dass sie die Situation im Griff hatte. Unschlüs7
sig blieb Alec, wo er war. Er wollte seine Partnerin nicht alleinlassen. »Ray, noch könnt ihr hier heil raus, wenn ihr einfach wieder verschwindet!« Alec entschied sich, seinem Instinkt zu folgen, und bewegte sich langsam weg von der Veranda. Marlene sah, was er vorhatte, und verließ den Schutz der Scheune, um sich dann hinter Boaz’ Pick-up-Truck zu positionieren. Die Kamera fokussierte sich auf sie. »Bleib, wo du bist!«, rief Ray scharf. »In Ordnung, ich bleibe hier, wo du mich sehen kannst.« Alec hatte fast den Waldrand erreicht. Nur noch ein paar Meter … »Lasst eure Geisel frei, dann versprechen wir, dass wir euch nicht hinterherjagen«, hörte er Marlene sagen. Ray lachte auf. »Gegenvorschlag: Wir lassen ihn frei. Dafür gebt ihr uns Rick Anderson.«
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1 6 Wochen zuvor »... und ich will euch wirklich nahelegen, die Leseliste in den Ferien abzuarbeiten, die ich euch ausgeteilt habe. Und ...« Das Klingeln unterbrach ihren Englischlehrer und läutete die langersehnten Sommerferien ein. Die letzten Worte von Mr O’Neal wurden vom Freudengeschrei der Schüler verschluckt und alle stürmten der Freiheit und dem Sonnenschein entgegen. Rick stieß Jim fröhlich den Ellenbogen in die Seite. »Endlich Zeit ohne Ende!« Jim grinste. »Für mich heißt das: Arbeit ohne Ende!« Walter hatte schon eine Party schmeißen wollen, weil Jim endlich mehr Zeit zum Helfen hatte. Einige der Ferienhütten mussten dringend instand gesetzt und überprüft werden, bevor neue Gäste kommen würden. Rick verzog das Gesicht. »Ich würde ja echt nicht mit dir tauschen wollen ...« »... wäre da nicht das coole Auto, das ich mir dadurch verdient habe?« Jim lachte. »Der Schrotthaufen, der es mal war, ist fast nicht mehr zu erahnen!« »Ihr schraubt ja auch schon seit Wochen daran herum, du und Walter.« Rick sah sich suchend nach Elena um, die sich noch angeregt mit Chelsea und Anne unterhielt. »Blöd nur, dass du schon seit drei Monaten deinen Führerschein hast und immer noch nicht fahren kannst.« »Na ja, wenn ich weiterhin manchmal das Auto von Grace und Walter fahren darf, werde ich schon nicht aus der Übung kommen.« 9
»Hey, Jungs!« Elena kam lächelnd auf die beiden zu. »Mensch, hat sich dieser letzte Tag hingezogen! Ich dachte schon, ich werde die Ferien nicht mehr erleben, weil ich vorher vor Ungeduld sterbe!« Sie fuhr sich durch die offenen blonden Haare. »Wollen wir noch ins Barry’s?« »Du meinst, noch schnell nen Burger reinziehen, bevor es nach Hause an den vollen Mittagstisch geht?« Rick grinste. »Ich bin dabei!« Jim sah auf seine Uhr. »Ich muss in einer Stunde zurück sein, also geht das noch.« »Ich hab Chelsea und Anne auch gefragt, aber Chelsea hat schon was vor und Anne wird gleich direkt von ihren Eltern abgeholt. Die fahren übers Wochenende in den Urlaub!« »Cool, wohin?«, fragte Jim. »Nach New York!« »Krass, da muss ich auch unbedingt mal hin.« Gut gelaunt machten sie sich auf den Weg zum Barry’s, das zu Fuß eine gute Viertelstunde entfernt war. Rick bemerkte immer wieder die misstrauischen Blicke, die Jim von Passanten zugeworfen bekam. Eine Mutter zog sogar ihr Kind enger an sich, als sie an ihnen vorbeigingen. Rick hob missbilligend die Augenbrauen. »Manchmal schäme ich mich für unsere Kleinstädter!«, unterbrach er Elenas Ausführungen über ihre Sommerpläne. »Wieso?«, fragte sie verdutzt. »Ist dir das Starren noch nie aufgefallen?« »Lass gut sein, Rick«, versuchte Jim, ihn zu beschwichtigen. »Das ist aber nicht gut! Die können doch langsam echt mal vergessen, was im Herbst passiert ist! Vor allem, weil nie bewiesen wurde, ob du den Brand gelegt hast oder nicht! Die Leute tun so, als hättest du die Pest!« Elena sah betroffen drein. »Stimmt. Sogar die Lehrer behandeln dich manchmal ungerecht!« »Damit komm ich klar.« 10
Rick schüttelte ungläubig den Kopf. »So sollte es aber nicht sein! Das ist total unfair!« »Es sind doch jetzt Ferien und es machen ja auch nicht alle so.« Jim lächelte. »Glaub mir, ich hab da schon Schlimmeres erlebt.« »Schlimmeres, als dass jemand wegen dir die Straßenseite wechselt?« Jims Lächeln verschwand. »Ja«, sagte er nur. »Fahrt ihr auch in den Urlaub?« Elena sprang auf den Themenwechsel an. »Wir planen einen Shoppingtrip mit Chelsea nach Chicago, darauf freue ich mich schon besonders! Aber mit der Familie fahren wir nicht weg. Unser Dad fliegt wegen des Jobs nach Kanada und bleibt bis kurz vor Ende der Ferien da.« »Und die letzte Woche der Ferien ist ja die Teeny-Freizeit im Camp«, freute Rick sich. »Das wird ein Spaß!« »Wenn du Mückenschwärme, angebranntes Essen und kenternde Kanus als Spaß betrachtest ...«, murmelte Elena und verdrehte die Augen, als Rick zu lachen begann. »Ich war noch nie campen, also wird das an sich schon spaßig.« Jim hielt Elena die Tür zum Diner auf. »Ich glaub, ich will nur einen Milchshake. Grace hat versprochen, heute etwas ganz Besonderes zu kochen zur Feier des Tages.« »Feier? Hatte sie Geburtstag?« »Nee, ich hab ein ganzes Schuljahr geschafft, ohne mehr als zwei Wochen zu schwänzen.« Jim grinste breit und Rick fragte sich, ob er das ernst meinte. Sie suchten sich einen freien Platz am Fenster und warteten auf die Bedienung. »Oh schaut mal«, flüsterte Elena wenig begeistert. »Brians Clique ist auch hier.« Tatsächlich näherte sich die lärmende Gruppe dem Diner und der Geräuschpegel ging sofort in die Höhe, als Brian mit seinen Freunden einige Tische auf der entgegengesetzten Seite belagerte. 11
»Wollen wir lieber gehen?«, fragte Elena und rutschte unruhig auf ihrem Platz herum. »Ich hab echt keinen Bock auf die.« »Entspann dich.« Rick lehnte sich betont lässig zurück. »Die sind mit sich selbst beschäftigt.« Jim beobachtete Elena. »Wenn du dich unwohl fühlst ...« »Nein, geht schon. Ich kann ja nicht ewig vor denen davonlaufen.« Sie lächelte dünn und blätterte dann wieder durch die abgegriffene Speisekarte. Nach ein paar Minuten kam Mrs Barry selbst zu den Dreien an den Tisch und nahm freundlich ihre Bestellungen auf. Sie plauderten eine Weile und Rick sah, dass sich seine Schwester allmählich wieder entspannte. Nachdem Mrs Barry ihnen ihre Milchshakes und Elenas und Ricks Portion Pommes gebracht hatte, schob Rick den Teller in die Mitte. »Hau rein, Jim. Die können wir auch ruhig durch drei teilen.« »Wie süß«, ertönte da Brians Stimme vom anderen Ende des Diners. »Rick, spielst du die Anstandsdame bei diesem Date?« »Ignorier die einfach«, zischte Rick Elena zu, die sich versteift hatte. Er sah zu Jim, der seelenruhig an seinem Milchshake nippte. »Ey! Ich rede mit euch!« Brian schob geräuschvoll seinen Stuhl zurück und schlenderte mit betont lässigen Schritten auf sie zu. »Seid ihr euch jetzt schon zu gut, um mir zu antworten?« Breitbeinig blieb er vor ihrem Tisch stehen. »Lass uns einfach in Ruhe, Brian.« Rick versuchte, nicht zu aggressiv zu klingen, doch natürlich ließ sich Brian davon nur noch mehr anstacheln. »Wie unhöflich von dir, Ricky.« Er beugte sich so weit vor, dass er nur noch wenige Zentimeter von Ricks Gesicht entfernt war. »Sollt ihr als Christen nicht nett sein? Und die andere Wange hinhalten oder so?« Jim drehte langsam den Kopf in seine Richtung, dann rieb er sich vielsagend über die Nase und ließ die Fingerknöchel seiner Faust knacken. Und lächelte leicht. 12
Brian wurde ein wenig blass. »Ihr seid echt ein Haufen Loser«, murmelte er halblaut und zog sich zurück zu seinen Freunden. Elena stieß die angehaltene Luft aus. »Ich frag mich, ob der je erwachsen wird.« Sie tauchte eine Pommes in ihren Erdbeershake. Jim tat es ihr nach. »Du hast ihm schließlich als einziges Mädchen an der ganzen Schule einen Korb gegeben. Das bleibt ihm garantiert im Gedächtnis.« Er zwinkerte ihr zu und Rick musste sich ein Grinsen verkneifen, als Elena errötete. »Wollen wir später noch zum Klettersteig?« Rick nahm einen großen Schluck seines Shakes. »Oder musst du heute auch schon arbeiten?« »Muss ich erst einmal abklären.« Jim sah auf die Uhr. »Ich muss auch schon bald los.« »Gut, dann lasst uns gehen.« Rick winkte Mrs Barry und holte sein Portemonnaie hervor.
»Herzlichen Glückwunsch zum abgeschlossenen Schuljahr!« Grace strahlte Jim an, als hätte er seinen Doktortitel erworben, und umarmte ihn. »Dankeschön.« Er lächelte verlegen und ließ sich von seiner Tante durchs Haus zur Terrasse ziehen. »Walter hat argentinische Steaks bestellt und ich habe Barbecue-Sauce nach dem Rezept meiner Mutter gemacht.« Beeindruckt beäugte Jim die riesigen Fleischstücke, die auf dem Grill vor sich hin brutzelten. »Ihr wisst noch nicht einmal, was ich für Noten habe ...« »Ach, Noten«, winkte Grace ab. »Ich weiß, dass du fleißig warst, und das reicht mir.« »Ich würde das Zeugnis trotzdem gern sehen«, meinte Walter lächelnd und wendete das Fleisch. »Um zu schauen, ob wir dich ein wenig mehr motivieren müssen oder nicht.« 13
Jim nickte und holte das Dokument aus seinem Rucksack. Grace setzte sich ihre Lesebrille auf. »Hmm, eine Drei in Englisch und eine Vier in Biologie.« Sie sah über den Rand ihrer Brille zu Jim, der sich ein Glas von ihrer selbst gemachten Limonade eingegossen hatte. »Habt ihr eine Leseliste bekommen?« Jim verschluckte sich fast an seiner Limo. »Du erwartest doch nicht, dass ich in den Ferien lese, oder? Das ist doch Zeitverschwendung!« »Ist es nicht.« Walter nahm einen Schluck von seinem Rootbeer. »In Büchern steckt Weisheit und Wissen. Wer lesen kann, hat Macht, auch wenn sie heutzutage nicht mehr so geschätzt wird wie früher.« Walter schüttelte den Kopf. »Alle verlassen sich nur noch aufs Internet. Man kann da ja wirklich alles nachlesen.« »Ist doch praktisch.« »Ja, aber wie schnell vergisst du das, was du da gelesen hast, wieder? Wenn du es dir jedoch durch Bücher aneignest, ist das was ganz anderes.« Jim zog die schon zerknickte Leseliste von Mr O’Neal hervor. »In Ordnung. Was davon würdest du mir empfehlen?« Grace überflog die Liste. »Oh, Mark Twains Tom Sawyer! Und Onkel Toms Hütte ...« Sie ließ ihren Finger über die Zeilen gleiten. »John Bunyans Pilgerreise!« Walter grunzte. »Da gibst du ihm gleich das Schwierigste von allen.« »Wenn er das durchliest, schafft er auch die anderen Bücher auf der Liste. Außerdem ist es allegorisch.« Jim runzelte die Stirn. »Was mit Algorithmus?« »Nein, nein, es ist wie ein Gleichnis vom Leben eines Christen. Es wird dir gefallen!« »Okay, ich kann es ja mal versuchen.« »Oh, und jetzt darf ich natürlich nicht die lobenswerte Erwähnung deiner guten Noten vergessen!« Grace strahlte stolz. »In Mathe eine Eins und Informatik sogar eine Eins plus!« 14
Jim grinste breit. »Erzählt das bloß nicht rum, sonst werde ich noch als Streber abgestempelt.« »Auf seine guten Leistungen darf man ruhig stolz sein«, widersprach Walter. »Apropos, ich glaube, die Steaks sind jetzt perfekt! Lasst uns essen!«
Als Rick und Elena nach Hause kamen, saßen ihre Eltern im Wohnzimmer. »Rick, Elena, kommt ihr bitte einmal her?«, rief sie ihr Vater dazu. Rick stockte, als er die ernsten Mienen der beiden sah. »Was ist denn los?« »Kommt, setzt euch.« Seine Mutter klopfte neben sich aufs Sofa. »Wir müssen was besprechen.« Rick tat, wie ihm geheißen, und versuchte, an ihren Gesichtern irgendetwas abzulesen. War er vielleicht in Schwierigkeiten? Oder gab es Neuigkeiten über Mari? Elena schien nicht mehr zu wissen als er, denn in ihren Augen sah er nur Fragezeichen. »Ihr wisst ja, dass euer Dad noch heute für ein paar Wochen wegfliegt. Das wäre an sich kein Problem gewesen, aber jetzt ist eure Tante Peggy pflegebedürftig geworden.« »Tante Peggy?«, wiederholte Elena erschrocken. Das war die älteste Schwester von ihrer Mutter und sie lebte seit einigen Jahren in Minnesota. Seitdem sahen sie sie nicht mehr besonders oft, aber sie war immer ihre Lieblingstante gewesen. Ihre Mutter nickte. »Sie ist gestürzt und hat sich die Hüfte gebrochen. Jetzt bräuchte sie für einige Zeit Hilfe und da hat sie mich gefragt.« Erwartungsvoll sah sie zwischen ihren beiden Kindern hin und her. Rick begann zu verstehen. »Das heißt ... wir haben den ganzen Sommer über sturmfrei?« Er versuchte, nicht zu begeistert zu klingen. 15
»Ich werde hoffentlich nicht durchgehend dort sein«, beeilte sich ihre Mutter klarzustellen. »Und mit Danny haben wir auch schon geredet. Seine Semesterferien fangen ja bald an und er hat sich in der Nähe einen Sommerjob gesucht. Er wird zwar wie geplant demnächst als Mitarbeiter auf diese christliche Kinderfreizeit fahren, aber bis dahin wird er wieder nach Hause ziehen. Und Grace hat auch gesagt, dass ihr jederzeit zu ihnen kommen könnt.« »Mom, da brauchst du dir wirklich keine Sorgen zu machen. Wir können ganz gut auf uns aufpassen!« »Genau«, stimmte Rick seiner Schwester zu. »Es sind ja sowieso Ferien. Und Elena kann kochen.« »He!« »Also, ihr solltet alles zusammen machen«, mahnte ihr Dad. »Den Haushalt, das Kochen, Putzen, alles. Rick, du lässt Elena abends nirgends allein hingehen! Und Elena, du guckst vielleicht wirklich mal, dass ihr euch nicht ausschließlich von Fast Food ernährt.« »Und Danny wird ja auch für euch da sein. Nur wird er eben oft arbeiten gehen.« »Wir sind keine kleinen Kinder mehr, Mom, keine Angst«, grinste Rick. »Wir können uns benehmen.« »Oh, dass ihr das könnt, bezweifle ich nicht.« Ihre Mutter lächelte breit. »Nur ob ihr es auch tut ...« »Wann musst du weg, Mom?« »Ich würde übermorgen schon fahren wollen, wenn das für euch in Ordnung ist.« »Klar!« »Und Danny würde gleich nächstes Wochenende kommen.« »Cool! Er war schon seit Ostern nicht mehr hier!« Rick freute sich besonders. Seit Danny vor drei Jahren ausgezogen war, um in Milwaukee Architektur zu studieren, war er nicht besonders oft zu Hause gewesen. Er versuchte, wenigstens einmal im Monat fürs Wochenende zu kommen, nur hatte er die letzten Wochen besonders viel lernen müssen. 16
»Du tust so, als sei das ne halbe Ewigkeit.« Elena streckte ihm die Zunge raus, woraufhin Rick ein Sofakissen nach ihr warf. »Ach ja«, unterbrach ihre Mom den geschwisterlichen Schlagabtausch. »Ich hätte gerne, dass die Einrichtung zumindest zum größten Teil heile bleibt. Wäre das machbar?« »Klar, Mom«, antworteten die beiden wie aus einem Munde. »Na, dann ist ja gut. Ich rufe euch an, sooft ich kann.« Ihre Mom schien trotz allem ein wenig unschlüssig zu sein. »Macht keinen Unsinn, okay?« Rick zwinkerte seiner Schwester verschwörerisch zu. »Bestimmt nicht.« »Und wenn es gar nicht geht, komme ich wieder nach Hause.« »Ach was, Mom.« Elena strich ihrer Mutter über den Arm. »Wir kommen klar. Tante Peggy braucht dich doch jetzt mehr als wir!« »Ihr könnt mich aber wirklich jederzeit anrufen.« »Klar, machen wir!«
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2 »Ich bräuchte dich heute noch mal bei den Hütten.« Walter legte die Freitagszeitung ordentlich zusammengefaltet auf den Frühstückstisch. »Mir hat ein Urlauber gemeldet, dass er gesehen hat, dass eine unserer Hütten anscheinend aufgebrochen wurde.« Jim runzelte die Stirn. »Warum sollte jemand das tun? Da sind doch keine Wertsachen drin, oder?« Grace schüttelte den Kopf. »Das nicht, aber Lebensmittel. Ein paar von den Kids brauen sich irgendwo tief im Wald ihre Drogen zusammen und wollen nicht für Essen wieder in die Stadt kommen. Da kann es schon mal passieren, dass sie die Hütten plündern.« Das ergab Sinn, und was hier in den Wäldern vor sich ging, war Jim nicht neu. Er musste an seine Ausreißerzeiten denken, wo er tage- oder auch wochenlang durch den Großstadtdschungel gezogen war. Ein paar wenige Male hatte er auch etwas geklaut, aber noch einfacher war es für ihn gewesen, fremde Konten anzuzapfen und Geldbeträge umzuleiten. Gut, das war auch Diebstahl, aber dabei wurde man nicht von Ladendetektiven erwischt. Jim verzog das Gesicht. Auf diesen Abschnitt seines Lebens war er wirklich nicht stolz. »Das heißt für uns, wir fahren hoch und sehen nach dem Rechten. Wenn wirklich nur ein paar Lebensmittel fehlen, können wir die ja schnell auffüllen. Aber vielleicht muss auch etwas repariert werden. Diese Kids randalieren auch gerne mal.« »Weißt du denn, wer das war?« Walter nickte. »Ich hab da so meine Vermutung.« »Wieso nimmst du sie nicht fest?«, fragte Jim verwirrt. 18
»Weil das nicht viel bringt. Falls wir das beweisen können, müssen die höchstens ein paar Sozialstunden ableisten. Aber damit ist ihnen auch nicht geholfen. Und außerdem ...« Walter lächelte verschmitzt, »würde eine Verhaftung aufgrund eines einfachen Verdachtes ja auch nicht immer gerechtfertigt sein, nicht wahr?« Jim musste ebenfalls lächeln. »Stimmt.« Er selbst war ja ganz froh, dass Walter keine voreiligen Schlüsse zog und auch mal Gnade vor Recht ergehen ließ. »Und was die Drogenlabore betrifft, die sind so gut wie nicht zu finden. Du weißt ja selbst, wie dicht der Wald hier ist. Und es gibt genug Verstecke, in denen sie die immer wieder aufbauen können.« Walter seufzte. »Ich wünschte nur, diese jungen Leute würden ihre Kreativität in etwas Gutes investieren. Aber so kann das nicht weitergehen. Wir beide sollten uns mal zusammensetzen und ein paar Überwachungskameras bestellen. Sicher ist sicher.« Jim grinste. Da würde er seinem Onkel bestimmt weiterhelfen können.
Elena stieß die nur angelehnte Tür zu Ricks Zimmer auf. Wo hatte der Typ schon wieder den Föhn versteckt? Grummelnd trat sie zum Tisch, wo seine Zeichensachen, Farben und Pinsel verteilt herumlagen. Wieso konnten Jungs nie hinter sich aufräumen? Wenn er es schon schaffte, den Föhn aus dem Bad herzuholen, war es doch nicht zu viel verlangt, ihn auch wieder an seinen Platz zu räumen! Unter einem Stapel Schmierpapier zog sie das Gerät endlich hervor, dabei fielen ein paar der Zeichnungen herunter. Seufzend legte sie den Föhn auf den Stuhl und begann, sie wieder aufzusammeln und neugierig durchzuschauen. Rick hatte im Frühling einen Zeichenkurs belegt, seitdem war 19
er deutlich besser geworden. Schon vorher hatte er ein ordentliches Talent gezeigt, doch jetzt schien er sein Können zu perfektionieren. Leider hatte er nicht bei diesem Zeichenwettbewerb im Herbst gewonnen, aber der wurde jährlich wiederholt und vielleicht würde es ja beim nächsten Mal klappen. Elena musste lächeln, als sie Karikaturen von sich und ihren Freunden aus der Teeny entdeckte. Ein wenig beleidigt betrachtete sie eine Fratze von sich, schluckte, als sie eine Skizze von Mari fand, seufzte tief, als Jim ihr vom nächsten Blatt aus zulächelte – dann stutzte sie. Ein ihr völlig fremdes Gesicht blickte ihr aus starren Augen entgegen. Elena schüttelte sich, als sie auf eine klaffende blutige Schnittwunde sah, die dem Kerl quer über die Wange bis fast zum Auge ging. Stirnrunzelnd drehte sie das Blatt um. Auf der Rückseite waren wieder diese Augen gezeichnet, die Elena eine Gänsehaut bescherten. Wer war dieser Typ? Wo hatte Rick ihn gesehen? Hatte er sich einfach jemanden ausgedacht für den Zeichenkurs? Dafür sah die Zeichnung viel zu detailliert aus. Das Rot des Bluts schimmerte beinahe, so als würde es gleich aus der Zeichnung tropfen. Beim nächsten Bild verknotete sich ihr Magen. Es musste der gleiche Typ sein, doch dieses Bild hatte etwas Dämonisches an sich. Der Mann hatte den Mund zu einem diabolischen Lächeln verzogen, obwohl das Blut immer noch aus der Wunde strömte. Und die Augen ... sie waren noch schlimmer als auf dem ersten Bild. Noch böser, noch dunkler, noch ... mordlustiger? Elena versuchte, den Kloß in ihrem Hals herunterzuschlucken, schob das Bild schnell unter den Stapel, schnappte sich den Föhn und floh aus dem Zimmer. Im Bad wickelte sie sich das Handtuch vom Kopf und begann, sich die Haare zu föhnen. Dabei wirbelten ihre Gedanken mit ihren Haaren um die Wette. Sollte sie Rick mal darauf ansprechen? Vielleicht war es ja wirklich eine vollkommen harmlose Sache und er hatte im Zeichenkurs einfach die Aufgabe gehabt, einen bösen Menschen zu zeichnen. Aber was, wenn nicht? Sollte sie ihren Eltern vielleicht Bescheid 20
geben? Elena wusste, dass Rick Albträume hatte und dass er immer noch regelmäßig die Psychologin Erin Creighton besuchte, aber sie hatte immer geglaubt, dass das mit dem Zwischenfall zwischen ihm und Jim im Herbst zusammenhing. Vielleicht war aber noch etwas anderes geschehen ...? Elena schaltete den Föhn aus und starrte ihr Spiegelbild an. Sie wollte ihren Bruder nicht verpetzen. Sie hatte sich auch mies gefühlt, als er ihren Eltern erzählt hatte, dass sie überfallen worden war. Vielleicht fragte sie ihn doch einfach mal. Oder, noch besser, sie beobachtete ihn. Wenn es noch mehr Anzeichen gab, dass da etwas im Busch war, konnte sie ihn immer noch damit konfrontieren.
Jim schaffte es nicht ganz rechtzeitig zur Teenystunde, aber das war okay. Er war lange mit Walter unterwegs gewesen und sie hatten es geschafft, in nur wenigen Stunden die beschädigte Hütte auszubessern und aufzuräumen. Tatsächlich hatten die Einbrecher lediglich einige Lebensmittel, eine Flasche Petroleum und eine Decke mitgehen lassen. Trotzdem hatte Walter grummelig vor sich hin geschimpft, während sie das Türschloss ausgewechselt hatten. Neben Elena war noch ein Stuhl frei und Jim schlich sich leise zum Platz, um Nathan nicht bei seiner Einführung ins Thema zu stören. Sie lächelte scheu, als sie ihn entdeckte, richtete ihren Blick aber wieder schnell auf Nathan. Jim musste ebenfalls lächeln. Er hatte sie in den letzten Monaten richtig lieb gewonnen, wie sie ihn und Rick immer mit ihrer einerseits schüchternen, andererseits frechen Art ärgerte. Sie war abenteuerlustig und machte jeden Quatsch mit, den Rick und er sich ausdachten. Jim hatte von Anfang an geahnt, dass sich eine coole Persönlichkeit hinter dem Partygirl versteckt hatte, und er 21
verstand bis jetzt nicht, wieso sie im letzten Jahr das Bedürfnis gehabt hatte, zu Leuten zu gehören, die ihr nicht annähernd das Wasser reichen konnten. Er kramte seine Bibel hervor und versuchte einzuordnen, worum es heute ging. Nathan war schon mitten in der Bibelarbeit, doch Jim fand schnell den Anschluss, nachdem er die Textstelle in 1. Korinther 5 überflogen hatte. Er bemerkte, dass Elena ein wenig unruhig wurde, als Nathan über den fünften Vers sprach, in dem es darum ging, eine verlorene Seele loszulassen, damit sie letztendlich gerettet werden konnte. Er verstand, dass sie das ziemlich mitnehmen musste. In Bezug auf Mari klang diese Stelle echt krass. Er hoffte nur, Elena dachte auch daran, dass bei Gott immer noch alles möglich war. Nachdem sie noch ein paar Lieder gesungen hatten, setzten sich ein paar Teens zusammen, um mit Nathan noch ein wenig über das Thema zu diskutieren, während einige andere anfingen, das Buffet mit den versprochenen Hot Dogs vorzubereiten. Aus den Augenwinkeln beobachtete Jim, wie Elena zur Tür hinausschlüpfte. Allein. Er runzelte die Stirn. Es war doch schon beinahe dunkel draußen. Das war keine gute Idee von ihr. Aber sie hatte eben wirklich betroffen gewirkt. Vielleicht brauchte sie nur ein paar Minuten.
»Du solltest nicht allein draußen herumstreifen, wenn es bald dunkel wird.« Elena zuckte beim Klang von Jims Stimme hinter ihr zusammen und wischte sich hastig über die Augen. »Alles okay?«, fragte Jim besorgt und setzte sich neben sie auf die Bank. Elena nickte, auch wenn neue Tränen sie Lügen straften. »Willst du lieber allein sein?« »Nein, ist schon gut.« Sie versuchte zu lächeln. »Ich wollte nur 22
nicht vor allen ...« Sie schluchzte und kramte in ihrer Jacke nach einem Taschentuch. »Es ist wegen Mari, oder?«, fragte Jim leise. Elena schnäuzte sich geräuschvoll und nickte wieder. »Ich vermisse sie einfach so sehr … und ich hab schreckliche Angst um sie.« Jim rutschte näher und legte einen Arm um sie. »Ich weiß genau, wie du dich fühlst.« Elena vergrub ihr Gesicht an seiner Schulter und ließ ihren Tränen freien Lauf. Sie war dankbar dafür, dass Jim sich nicht bemühte, sie irgendwie aufzumuntern, sondern einfach nur da war. Er hielt sie stumm fest und ließ sie weinen. Es dauerte einige Minuten, bis Elena sich einigermaßen beruhigt hatte. Plötzlich war es ihr peinlich, dass Jim sie so gefunden hatte. Schnell löste sie sich von ihm. »Tut mir leid.« Unbeholfen tupfte sie seine Jacke mit ihrem Ärmel trocken. »Ich wollte dich nicht vollheulen.« Jims Augen funkelten. »Schon in Ordnung. In der Bibel steht doch, dass wir füreinander da sein sollen.« »Ja ... ja. Du hast recht.« Schnell stand sie auf und strich sich die Haare zurück. Natürlich. Füreinander da sein. Als Geschwister im Herrn … Mehr als die Schwester seines besten Freundes sah er wahrscheinlich immer noch nicht in ihr. Jim erhob sich. »Ich wollte jetzt sowieso gehen.« Er schien zu zögern. »Wenn du willst, bringe ich dich nach Hause.« Zeit mit Jim zu zweit … Ein verlockender Gedanke. Elena sah ihn von der Seite an, doch seine Miene war so typisch unlesbar wie immer. Ging es ihm vielleicht doch wie ihr? Wollte er mehr Zeit mit ihr verbringen oder war er nur um ihre Sicherheit besorgt? »Ähm … ja, gerne.« Zurück in den Teenyraum wollte sie nicht und auf Rick warten auch nicht unbedingt. Schweigend gingen sie nebeneinander im Dämmerlicht der untergehenden Sonne die Straßen entlang. Einerseits war Elena 23
dankbar für die Ruhe, wollte sie doch nicht über Mari und ihren Seelenzustand reden. Aber andererseits tobten so die Gedanken über sie ungehindert durch ihren Kopf. Am besten lenkte sie sich ab, denn sie wollte nicht, dass ihr wieder die Tränen kamen und Jim sie dann für eine Heulsuse hielt. Der Horizont im Westen flammte orangerot auf und darüber zogen leuchtend pinke und zartrosa Streifen über den Himmel. Es könnte ein so romantischer Spaziergang sein.
Jim stopfte die Hände in die Taschen seines Kapuzenpullis, bevor er sich vergaß und Elenas Hand nehmen konnte. Ein großartiger Freund war er. Fand noch nicht einmal ein tröstendes Wort. Er konnte nicht länger leugnen, dass sie ihm wichtig war. Als sie an seiner Schulter geweint hatte, war ihm wieder einmal klar geworden, dass er sie nicht zu nah an sich heranlassen durfte. Er war nicht gut für sie. Sie verdiente jemand Besseren als ihn. Sie verdiente jemanden, der sie aufmuntern und zum Lachen bringen konnte und nicht einfach nur stumm wie ein Trottel dasaß. Nicht einmal jetzt wusste er, was er sagen sollte, ohne plump oder taktlos zu sein. Er musterte sie von der Seite. Der Abendwind wirbelte durch ihr blondes Haar und das Licht der untergehenden Sonne ließ es fast golden schimmern. Wahrscheinlich hatte sie bemerkt, dass er sie angestarrt hatte, denn sie drehte den Kopf und erwiderte seinen Blick. Jetzt musste er etwas sagen. »Heute haben wir echt einen schönen Sonnenuntergang.« Wow. Tolle Beobachtungsgabe, Jay. Sie lächelte leicht. Er atmete unmerklich auf. »Ja, er ist wunderschön.« Sie schaute den Himmel an und Jim 24
sah, wie sich ihre Gesichtszüge etwas entspannten. Okay. Vielleicht war das mit dem Trösten doch nicht so schwer. »Die schönsten Sonnenuntergänge habe ich aber in Florida am Meer gesehen.« Der Satz war ihm herausgerutscht, bevor Jim groß darüber nachdenken konnte. »In Florida? Warst du da mal?« Er spürte wieder ihren Blick. Warum sollte er ihr nicht ein bisschen was erzählen? Nur von den schönen Erinnerungen natürlich. Es würde sie etwas ablenken. »Dort bin ich aufgewachsen. Wir lebten nicht weit vom Strand entfernt. Und meine Schwester und ich haben abends oft auf den Wellenbrechern gesessen und auf das Meer geschaut.« Manchmal hatte Alysha gesungen. Manchmal war ihr Freund Mike dabei gewesen und hatte Jim von seinem Nebenjob in der KFZ-Werkstatt erzählt. Oder hatte versucht, ihm das Pfeifen beizubringen. »Ich wusste ja gar nicht, dass du eine Schwester hast.« Er lächelte leicht. »Sie hieß Alysha.« »Hieß?« Er schluckte, als er ihren bestürzten Gesichtsausdruck sah. »Sie ist leider gestorben, kurz bevor ich adoptiert wurde.« »Oh, Jim.« Ihre Augen füllten sich wieder mit Tränen. Trösten, Jay! Nicht wieder zum Heulen bringen! »Eigentlich war sie gar nicht meine leibliche Schwester. Aber wir standen uns so nah, als wäre sie es, weißt du? Sie hat sich immer um mich gekümmert.« Er legte die Hand auf Elenas Arm. »Deswegen verstehe ich, wie es dir mit Mari gehen muss.« Sie nickte. »Danke, dass du es mir erzählt hast«, flüsterte sie. Langsam zog er die Hand wieder zurück. Das Haus ihrer Eltern kam in Sicht. Er war überrascht, wie gut es getan hatte, Elena von Alysha zu erzählen. Bei ihr fühlte er sich irgendwie frei, darüber zu reden.
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Ihre Eltern saßen noch im Wohnzimmer, als Elena zur Tür hereinschlüpfte. Glücklicherweise waren sie beschäftigt, also rief Elena ihnen schnell ein »Gute Nacht!« zu und verschwand nach oben. Im Bad schloss sie die Tür hinter sich und drehte sich dann zu ihrem verheulten Spiegelbild um. Es war ihr immer noch unangenehm, dass Jim sie so gesehen hatte. Aber es schien ihn irgendwie nicht gestört zu haben. Ihr wurde warm, als sie sich an den Blick erinnerte, mit dem er sie betrachtet hatte. Hatte sie sich die Intensität darin nur eingebildet? Seufzend begann sie, die verbliebenen Reste ihrer Wimperntusche und ihr Make-up zu entfernen. Was brachte es, sich darüber den Kopf zu zerbrechen? Sie war einfach nur froh, dass er sich ihr endlich mal geöffnet und von seiner Schwester erzählt hatte. Alysha. Wie sie wohl gewesen war? Sicher sehr fürsorglich und vorbildlich. Eine perfekte große Schwester. Elena putzte sich die Zähne, wusch sich das Gesicht und bat Gott wieder einmal darum, dass er Mari nach Hause bringen würde. Auf dem Weg in ihr Zimmer blieb sie vor der Fotowand im Flur stehen. Im Halbdunkel betrachtete sie die Bilder, die so viele Erinnerungen in ihr wachriefen. Die meisten waren gut, aber viele davon auch mit Schmerz verbunden. Besonders die mit Mari. Elenas Blick wanderte über den Flur bis zu Maris verschlossener Zimmertür. In letzter Zeit war sie öfter mal heimlich hineingegangen. Auch heute sah sie sich noch einmal um, dann schlich sie ins Zimmer. Das meiste hatte ihre Mutter so gelassen, wie es bei Maris Verschwinden gewesen war. Bis auf die Berge von Klamotten auf dem Fußboden natürlich. Es war sauber und ordentlich aufgeräumt, eine geblümte Tagesdecke lag auf dem Bett und die Lampe auf der Fensterbank ließ ihre Mutter Tag und Nacht brennen. Es war ein Zeichen für sie, dass sie Mari jederzeit willkommen hieß, und ein Symbol dafür, dass sie noch Hoffnung hatte. 26
Elena strich vorsichtig die Bettdecke glatt und setzte sich dann auf den Boden davor. Selbst die Poster von den Sängern, die Mari an die Wände gepinnt hatte, hatte ihre Mutter hängen lassen, auch wenn sie sich oft genug gegen sie geäußert hatte. Elena kramte in der Kiste unter Maris Bett nach ihrem pinken iPod, den sie zurückgelassen hatte. Warum, war Elena zwar bis heute ein Rätsel, da sie kaum noch ohne ihn anzutreffen gewesen war, aber es verband sie seltsamerweise mit ihrer Schwester, ihre Lieblingsmusik darauf zu hören. Nun, die Musik war nicht mehr so wirklich nach ihrem Geschmack und die Texte waren auch sehr ichbezogen, aber das waren ja die meisten in den Charts. Elena setzte die Kopfhörer auf und scrollte durch die Playlist mit den Top 25. Ihr Herz wurde immer wieder warm, wenn sie das eine alte Kirchenlied in der Liste entdeckte. Es ließ Elena hoffen, es könnte Mari doch nicht vollkommen egal sein, dass sie eigentlich ein Kind Gottes war. Sie drückte auf Play und hörte auf die ruhige Melodie und die Worte: »Does Jesus care ...« Obwohl Elena geglaubt hatte, an diesem Abend schon genug geweint zu haben, kamen ihr doch noch ein paar Tränen, die sich still ihren Weg bahnten und auf ihre Jeans tropften. Es folgten zwei, drei ebenfalls ruhige Lieder, in denen Elena einfach nur ins dunkle Zimmer starrte und ihre Schwester vermisste. Erst als das nächste Lied mit einer arrogant klingenden Sängerin startete, wischte sie sich die Tränen weg und schaltete den iPod wieder aus. Es fiel ihr immer noch schwer, für Mari zu beten. Sie wusste nicht, was sie Gott sagen sollte. Er wusste doch, was los war. Sie hatte ihn schon Dutzende Male darum gebeten, Mari wieder nach Hause zu bringen. Würde ein weiteres Gebet denn viel ändern? Warum sollte sie überhaupt dafür beten, wenn Gott doch sowieso das tat, was er für richtig hielt? Was brachte es da, ihn 27
anzuflehen, etwas zu bewirken, wenn er sowieso nach seinem eigenen Plan handelte? Ratlos packte Elena den iPod zurück in die Kiste und schob sie unters Bett. Vielleicht sollte sie mal mit ihrer Mutter darüber reden.
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