ANNI E. LINDNER
Staub
FLIEGT HÖHER
ALS GLITZER
Prolog Das Mädchen saß auf dem kühlen Stahlträger und starrte hinunter in die Tiefe. Unten schimmerte der Fluss. Einladend. Ruhig. Tröstlich. Tanzen! Sie wollte tanzen. Schwerelos schweben über all dem, was da unten am Boden auf ihre Schultern drückte. Sanfter Wind strich über das Haar des Mädchens wie eine letzte, liebevolle Berührung. Eine Zärtlichkeit, die sie von keinem Menschen kannte. All die Menschen, die sich auf sie verließen. Als könnte sie die Retterin sein. Langsam löste sie die Hände von den Metallstangen des Brückengeländers, die sie bis jetzt umklammert hatte. Atmete tief ein und blinzelte, geblendet vom goldenen Schimmer des Lichts auf dem Wasser. Das Licht würde sie tragen. Sie würde schweben, durch die Luft gleiten, sich in schwindelnde Höhen emporschwingen. Es war, als gäbe die Sonne alles, um das Mädchen zum Leben zu überreden. Und doch zögerte sie. Spürte, wie ihre Knie zitterten. Sie wusste, sie sollte nicht springen. Nicht heute, nicht mit dieser Last auf ihren Schultern. 7
Doch es war zu spät. Die Entscheidung war längst gefallen. Sie musste es tun. Für ihre Familie, für alle, die sich auf sie verließen. Tief atmete sie ein. Spannte sich vom Kopf bis in die Zehenspitzen und schloss die Augen. »Es ist so weit«, sagte sie laut in die atemlose Stille des Abends. »Meine Geschichte ist zu Ende.« »Es wird weitergehen, meine Liebsten«, schickte sie in Gedanken voraus, bevor sie sprang. »Ich tue es für euch.« Das Mädchen richtete sich auf, streckte die Arme weit gen Himmel und machte einen Schritt nach vorn. Sie flog. Spannte und bog ihren Körper, wie sie es unzählige Male vorher schon getan hatte. Hörte das Rauschen der Luft, die an ihren Ohren vorbeiströmte. Riss die Augen auf, um die Hände zu sehen, die sie erwarteten. Der Fall änderte alles. Plötzlich rauschte das Blut in den Ohren des Mädchens. Zu kurz! Sie war zu kurz gesprungen. Es fehlten nur ein paar Zentimeter, doch in diesem Bruchteil einer Sekunde war ihr klar, dass sie es nicht schaffen würde. Die rettenden Hände waren unerreichbar fern. Das Ende, sie hatte es herbeigesehnt. Doch in diesen letzten Sekunden wurde ihr klar, dass sie die falsche Entscheidung getroffen hatte. Sie hörte ihren Namen, während sie fiel. Ich liebe dich, war alles, was sie denken konnte. Es tut mir so leid. Ich will nicht sterben! 8
»Nein, oh Gott, nein!«, schrie sie. Sie hielt die Augen geöffnet, während der Tod auf sie zuraste. Sie hatte die Retterin ihrer Familie sein wollen, doch nun würde sie alles zerstören. Dann schlug das Mädchen auf dem Wasser auf. Ein scharfer Schmerz zerschnitt seinen Körper, und alles war vorbei.
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Kapitel 1 Das Mädchen saß auf dem kühlen Stahlträger und starrte hinunter in die Tiefe. Unten schimmerte der Fluss. Einladend. Ruhig. Tröstlich. »Clementine. Wie die Frucht.« Der Stift kratzte über das Papier und ihr Name erschien, natürlich falsch geschrieben. Wie so oft. Ungeduldig trommelte Cleo mit den Fingern auf ihren Oberschenkeln. Wann würde diese nervige Befragung endlich vorbei sein? Es war heiß in dem stickigen Büro des Kaufhausdetektivs. Zwischen ihren Brüsten bildeten sich schon Schweißperlen und das konnte Cleo nicht leiden. »Du weißt, dass ich deine Daten überprüfen werde«, zischte der hässliche kleine Mann, in dessen Fängen sie sich befand. Schon wieder. Gut, beim letzten Mal war es eine tätowierte Frau um die vierzig gewesen und das Büro wesentlich geräumiger. Trotzdem war es immer dasselbe. Strafende Blicke, eine endlose Standpauke und die Androhung, sie dürfe den Laden ein ganzes Jahr lang nicht mehr betreten. Als ob es nicht genügend andere Supermärkte gäbe, auf die sie ausweichen konnte. Hausverbot hatte sie derzeit nur in zwei Discounterketten. Morgen würde sie es eben noch einmal an der Tankstelle versuchen. Dort hatte sie schon zweimal Tabak geklaut, ohne erwischt zu werden. Aber erst einmal musste sie hier rauskommen. Erfahrungsgemäß ließen die Erzieher sich Zeit, bevor sie auf10
tauchten. Letzte Woche hatte es fast zwei Stunden gedauert, bis Mike mit dem blauen Polo auf dem Parkplatz erschienen war. »Was soll das, Cleo?«, hatte er mit hochgezogenen Brauen gefragt. »Wir haben Besseres zu tun, als dich ständig aus irgendwelchen Detektivbüros abzuholen. Steig ein.« Mike war eigentlich ganz okay. Er interessierte sich für seine Schützlinge und er war der Einzige, der Cleo manchmal zum Lachen bringen konnte. Außerdem sah er gut aus. Durchtrainiert, aber nicht protzig. Mit so schönen, leuchtend blauen Augen, und die Frisur immer ein wenig strubbelig. Aber er war uralt, mindestens Anfang dreißig. Also komplett uninteressant. »Ich habe dich etwas gefragt«, drang plötzlich die Stimme des Kaufhausmackers in Cleos Bewusstsein. Irritiert hob sie den Blick. »Wen ich anrufen soll, will ich wissen. Jemanden, der dich abholt.« Seufzend nannte Cleo die Nummer ihrer Wohngruppe. »Fragen Sie nach Mike.« Während der Mann sich abwandte, um zu telefonieren, drückte Cleo das T-Shirt auf die Schweißperlen. Verdammte Hitze. Sie mochte den Sommer, aber hier in dieser stickigen Kammer war es einfach unerträglich. Immerhin gab es, schräg gegenüber dem Stuhl, auf dem sie saß, einen kleinen Spiegel. Kritisch betrachtete Cleo sich darin. Langes schwarzes Haar umrahmte ein schmales Gesicht mit vollen Lippen und einer kleinen, hübschen Nase. Ein großes braunes Auge funkelte daneben; das andere wurde von der glatten schwarzen Pracht beinahe verdeckt. Aus gutem Grund. Viel mehr als das Gesicht war im Spiegel nicht zu sehen. Der elegante Hals und ein kleiner Ansatz ihres Dekolletés, mehr nicht. Aber Cleo wusste, dass sie gut aussah. Zu gut für manchen. »Er sagt, dass es eine Weile dauern kann.« Der Detektiv ließ den Hörer sinken und warf ihr einen unwilligen Blick zu. »Wie 11
ich es hasse, wenn ihr Kröten mir meine wertvolle Zeit stehlt. Ich habe wichtigere Aufgaben, als auf kleine Mädchen aufzupassen.« Cleo musterte ihn angriffslustig. »Ach ja, was denn? Ich dachte, es sei Ihr Job, böse Diebe dingfest zu machen.« Leider klang ihre Stimme nicht halb so selbstbewusst, wie sie es gewollt hatte. Im Gegenteil, sie kratzte ein wenig, als wollte sie verraten, dass da eigentlich Tränen darauf warteten, fließen zu dürfen. »Jetzt werd nicht noch frech.« Der kleine Mann setzte sich auf einen Stuhl ihr gegenüber, genau vor den Spiegel. »Warum macht ihr das eigentlich? Hast du wirklich kein Geld oder ist das eine Mutprobe?« Cleo zuckte mit den Schultern und wandte den Blick ab. Als ob sie erklären könnte, warum sie tat, was sie tat. Es war ihr ja selbst ein Rätsel, aber das ging diesen Typen gar nichts an. Nein, es lag nicht am mangelnden Geld. Sie musste auch niemandem etwas beweisen – außer vielleicht sich selbst. Die Dinge, die sie geklaut hatte, waren ihr nicht einmal wichtig. Sie hatte sie einfach eingesteckt und das Gefühl genossen, unsichtbar zu sein. Tja, nicht unsichtbar genug. Beim nächsten Mal würde sie noch geschickter vorgehen müssen. Die folgenden Minuten unter dem kritischen Blick des stämmigen Mannes mit der lächerlichen Lederweste vergingen quälend langsam. Cleo vermutete, dass Mike sie absichtlich schmoren ließ – im wahrsten Sinne des Wortes. Er betrat erst den Raum, als Cleo das Gefühl hatte, ihre Körpertemperatur wäre bis kurz vor der Kernschmelze angestiegen. »Endlich«, stöhnte sie und stand auf. Aber der Kaufhausdetektiv drückte sie zurück auf den Stuhl. »He!«, protestierte Cleo und stieß seine Hand heftig weg. Wie konnte er es wagen, sie anzufassen! Sie spürte, wie ihr Herz zu rasen begann, neue Schweißtropfen bildeten sich auf ihrer Stirn und rannen an ihren Schläfen herab. Cleo stützte sich mit der 12
Hand an der Wand ab, um wegen des plötzlich aufkommenden Schwindels nicht zu wanken. Mike warf ihr einen beschwörenden Blick zu. Jetzt bloß ruhig bleiben, hieß das. Der Erzieher stellte sich in die winzige Lücke zwischen Cleo und dem Detektiv, eine menschliche Mauer gegen den Übergriff. Dankbar schloss das Mädchen die Augen und atmete durch. Mike würde das hier regeln. »Wo muss ich unterschreiben?«, hörte sie ihn fragen. Zum Glück waren die Formalitäten rasch geklärt. Sogar die umfangreiche Belehrung konnte Mike abwenden, indem er versicherte, er hätte so etwas schon mehrmals gemacht. Als sie zum Auto gingen, fühlte Cleo das schlechte Gewissen stärker als je zuvor. Obwohl sie nicht schnell genug von diesem Supermarkt wegkommen konnte, schienen ihre Füße aus Blei zu sein. Mit gesenktem Kopf folgte sie Mike über den Parkplatz. Er öffnete ihr die Autotür. Für einen kurzen Moment sah er ihr in das freie Auge. Für Cleo war es, als dringe dieser Blick bis in ihre Seele. Rasch schlüpfte sie auf den Sitz, um diese Intimität zu unterbrechen. Niemand hatte in ihrer Seele etwas zu suchen. Mike schlug die Tür zu, umrundete den Wagen und setzte sich ans Steuer. Er drehte den Zündschlüssel im Schloss und das beruhigende Vibrieren des Motors setzte ein. Aber anstatt loszufahren, wandte Mike ihr das Gesicht wieder zu. »Was sollen wir nur mit dir machen, Cleo?« Er sah ehrlich besorgt aus und Cleo spürte, wie ihr Bauch sich verkrampfte. Sie biss auf ihre Unterlippe. Wie gut der Schmerz tat. »Das ist das dritte Mal innerhalb von vier Wochen, dass du beim Klauen erwischt wirst. Wo soll das hinführen?« Weil ihr keine Erwiderung einfiel, zuckte Cleo mit den Schultern. Sie fühlte sich hilflos, wusste aber, dass Mike es als Trotz auffassen würde. Endlich löste er die Handbremse und legte einen Gang ein. Der 13
Wagen rollte über den Parkplatz. Cleo starrte bewegungslos aus dem Fenster, die Zähne noch immer in die Lippe gepresst. Wohin soll das führen? Gute Frage. Nirgendwohin. Denn sie gehörte nirgendwohin. Cleo schmeckte Blut und lockerte widerstrebend den Druck ihres Kiefers. Mike akzeptierte ihr Schweigen und wenig später erreichten sie das Gelände der Wohngruppe. Der Polo kam zum Stehen. Obwohl sie lieber einfach sitzen geblieben wäre, löste Cleo rasch den Gurt und stieg aus dem Wagen. Nur schnell in ihr Zimmer, bevor Mike weitere Fragen stellen konnte. Die vordere Tür des Hauses stand offen. Im Jugendclub, der im Erdgeschoss untergebracht war, herrschte bereits Hochbetrieb. Eilig ließ Cleo möglichst viel Haar vor ihr Gesicht fallen, sodass nur noch ein kleiner Spalt zum Sehen frei blieb. Dann ging sie mit langen Schritten durch das Tor zum Hinterhaus und schlüpfte hinein. Drinnen im Flur war es kühl und ruhig. Aber oben am Treppenabsatz wartete wahrscheinlich schon Mona, die Sozialarbeiterin, die heute Tagschicht hatte. Cleo wünschte sich erneut, unsichtbar werden zu können. Das war die einzige Superkraft, die sie wirklich gern gehabt hätte. Es würde so vieles einfacher machen. Und es hätte so vieles schon verhindert, was ihr zugestoßen war. Aber daran wollte Cleo jetzt auf keinen Fall denken. Auf Zehenspitzen huschte sie die Stufen hinauf. Richtig, oben am Tresen saß Mona. Sie blickte auf einen Block, der vor ihr lag: Vermutlich rechnete sie irgendwelche Ausgaben durch. Wenn Cleo ganz leise war, konnte sie vielleicht unbemerkt an ihr vorbeihuschen. »Hi, Cleo.« War ja klar. Sozialarbeiter waren wie Lehrer. Sie hatten scheinbar überall Augen. »Ich hab Kopfschmerzen«, behauptete Cleo und versuchte, möglichst unschuldig auszusehen. Vielleicht hatte Mike noch nichts von dem Diebstahl gesagt. »Okay, aber wir reden später.« 14
Natürlich. Wer hätte auch erwartet, dass nicht sämtliche Angestellten mit ihr über jeden ihrer Fehltritte hätten sprechen wollen. Cleo wusste, wie der Hase lief. Sie rannte beinahe durch den kurzen Flur zu ihrem Zimmer. Endlich. Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss. Instinktiv drückte sie noch einmal dagegen, als würde das verhindern, dass ihr jemand folgte. Leider war es verboten abzuschließen. Cleo warf ihren Rucksack auf das Bett und schob mit dem Fuß ihren Sitzsack vor die Tür. Am liebsten hätte sie auch noch den Schreibtisch dorthin geschoben. Erst jetzt, in der Abgeschiedenheit ihres Zimmers, bemerkte Cleo, wie schnell sie noch immer atmete. Ihr Herz raste, als hätte sie den Mount Everest erklommen. Verdammt, diese Scheißgefühle! Wie ein Tiger im Käfig ging Cleo zwischen Tür und Schreibtisch auf und ab. Beruhige dich, Cleo. Ganz ruhig. Es ist vorbei. Aber die Panikattacke ließ sich nicht wegreden. Wie eine Lawine brachen tausend Gedanken über sie herein. Raue Finger griffen nach ihr und zerrten an ihrem T-Shirt. Die Hand, auf ihren Mund gedrückt, war hart wie Stahl. Wehe, wenn du schreist! Wenn du stillhältst, ist es schnell vorbei. Cleo fühlte, wie ihr erneut der Schweiß ausbrach. Diesmal lag es nicht an der Hitze. Mit zitternden Händen packte sie das ehemals rosafarbene Schwein, das auf ihrem Kopfkissen lag, und presste ihr Gesicht hinein. Atmen. Ruhig atmen. Du bist ganz allein hier, Cleo. Es ist keiner da, der dir etwas tun kann. Aber die Logik hatte keine Chance. Als hätte jemand die mühsam zugedrückte Tür eines überfüllten Schrankes geöffnet, so stürzten vergangene Ereignisse über sie herein. Sie krallte die Hände in den ausgebleichten Plüsch und versuchte, sich nur auf ihren Atem zu konzentrieren. Ein und aus. Ein und aus. Endlich wurde die Erinnerung weniger intensiv. Die Knie wurden ihr weich und Cleo ließ sich auf den Sitzsack fallen. Das 15
Schwein sank in ihren Schoß. Wie oft Rosalie ihr in den letzten Jahren geholfen hatte, das Hyperventilieren zu stoppen. Cleo hasste es, welche Macht die Vergangenheit noch immer über sie hatte. Dabei war das alles so lange her. Wie aus einem anderen Leben. Aus einer Zeit, in der noch keine zartrosa gestrichenen Wände ihr Schutz geboten hatten. Nichts war damals so gewesen, wie es heute war. Mit einem tiefen Atemzug ließ Cleo die Anspannung entweichen, die sie seit dem Moment im Griff gehabt hatte, als der Kaufhausdetektiv sie auf den Stuhl gedrückt hatte. Natürlich hatte dieser Mann nichts mit alldem zu tun, was geschehen war. Er hatte jedes Recht, sie, die Diebin, zu maßregeln. Es war nicht seine Schuld, dass er sie an den Mann erinnerte, dem sie ausgeliefert gewesen war. Nein, es war nicht seine Schuld. Es war ihre eigene.
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Kapitel 2 Tanzen! Sie wollte tanzen. Schwerelos schweben über all dem, was da unten am Boden auf ihren Schultern drückte. »Okay, Leute, das war’s mal wieder von mir – Danics Trixx, live und ohne Filter. Nächste Woche gibt’s mehr, wenn ihr den Kanal abonniert habt. Kommt auf jeden Fall im Zirkus vorbei, wenn ihr in der Nähe seid. Und denkt dran: Nur nachmachen, wenn ihr’s wirklich könnt!« Danic drückte den Aufnahmebutton und wischte das Fake– Lächeln, zusammen mit ein paar Schweißperlen, aus seinem Gesicht. Aurelie warf ihm sein Handtuch zu. »Lief doch gut heute«, stellte sie zufrieden fest. Danic verdrehte die Augen und zog das Handtuch über seinen nassen Rücken. Seine Brustmuskeln glänzten in dem violetten Licht, das die Manege ausleuchtete. »Wie lange wollen wir das eigentlich noch durchziehen?« Er griff nach der Wasserflasche und trank in großen Schlucken. Aurelie betrachtete ihn liebevoll. Danic ahnte, dass sie an den vergangenen Abend dachte und an die nächste Pause, die nur ihnen beiden gehören würde. Diesen Blick hatte sie immer, wenn sie allein waren. Mit mehr Druck als gewollt zog Danic das Handtuch erneut über seinen Rücken und zuckte unter dem brennenden Schmerz, den die Reibung verursachte, zusammen. Warum war er nur so frustriert? Es lief doch alles super. Aurelie, seine beste Freundin von Kindheit an und seit fast fünf Jahren auch seine Partnerin, war offensichtlich verliebt wie am ersten 17
Tag. Das heutige Video hatten sie direkt beim ersten Durchgang im Kasten gehabt. Aurelie würde sich darum kümmern, es zu schneiden und mit Musik zu unterlegen. Die besten Szenen für TikTok und Instagram finden und die Kurzclips posten. Mehr als zweihunderttausend Follower warteten sehnsüchtig auf jeden neuen Beitrag. Tausende Mädchen würden Herzchen und verliebte Kommentare senden. So war das Geschäft. Er wusste, dass Aurelie nichts falsch daran fand – solange sie die Einzige war, die dem umschwärmten Zirkusboy nahekommen durfte. Ihrem Danic. Sie liebte ihn, seit sie denken konnte, und daran würde sich nie etwas ändern – zumindest behauptete sie das immer wieder. Nur Danic zweifelte. Er zweifelte ständig und an allem, vor allen Dingen an sich selbst und seiner sogenannten Berufung. Unwillkürlich zog er die Stirn in Falten und warf das Handtuch in die Box mit den Requisiten. Aurelie strich ihm sanft über die Schulter, zog sich das Top glatt und warf ihm einen aufmunternden Blick zu. Ihre Augen funkelten glücklich. Bis zur Vorstellung heute Nachmittag waren es noch fast drei Stunden. Genug Zeit für eine Dusche, etwas zu essen in Nanas Wohnwagen und eine entspannte Runde Kuscheln auf Danics Bett – das war ihre Pärchenroutine. Aurelie grinste auf diese Art und Weise, an der er sehen konnte, wie heiß sie auf ihn war. Danic fühlte Schuldgefühle in sich aufsteigen. »Du hast seit vorgestern schon wieder fünfhundert neue Abonnenten. Es wäre Wahnsinn, jetzt aufzuhören. Das weißt du genau,« knüpfte Aurelie leichthin an seine Frage an. »Wir können ewig so weitermachen!« Seufzend stellte Danic die Wasserflasche weg und zog ein T-Shirt über. Es war zwar recht warm im Zirkuszelt, aber durch die offenen Seitenwände kam zugige Luft herein. Danic hatte keine Lust, reißende Muskelschmerzen zu riskieren. »Wir sind längst wieder live unterwegs«, murrte er. »Diese ganze Videosache haben wir angefangen, als wegen dieser dämlichen Pandemie keine Auftritte möglich waren. Jetzt ist es nur noch ein nervi18
ges Zusatzpaket. Klar weiß ich, dass die Follower hilfreich sind. Aber wie viele von denen kommen schon als zahlendes Publikum hierher?« Er zuckte resigniert mit den Schultern und raffte die Utensilien zusammen, die noch vom Dreh herumlagen. Ihm war klar, dass sein Internetauftritt eine riesige PR-Wirkung für den Zirkus hatte. Er sorgte dafür, dass die Leute wussten, wer die beste Artistikshow des Landes zu bieten hatte: Zirkus Wittenmeer. Dafür war das Familienunternehmen seit jeher bekannt – Danic führte nur die Tradition fort. Aber musste die ganze Sache wirklich an ihm allein hängen? Er war müde. Hatte keine Lust mehr, das Aushängeschild der Familie zu sein. Seine Träume gingen in eine ganz andere Richtung. Eine, in der gutes Aussehen und ein durchtrainierter Körper ziemlich nebensächlich waren. Aber davon wollten seine Eltern nichts wissen. Aurelie klappte das Stativ zusammen und packte die Kamera in ihre Umhängetasche. »Ich gehe schon mal rüber«, warf sie ihm über die Schulter zu. »Hör einfach auf, dich zu beschweren, und genieße deinen Fame. Okay? Es hat nicht jeder den Luxus, ein Superstar zu sein. Ist doch klar, dass dafür ein bisschen Anstrengung nötig ist.« Sie lächelte ihm noch einmal zu, um ihrer Aussage die Schärfe zu nehmen. Dann schob sie den Riemen der Tasche über ihren Kopf und ging. Mit schwingender Hüfte verließ sie die Manege. Professionell sexy, dachte Danic stirnrunzelnd. Selbst Aurelies rotblonder Pferdeschwanz wippte verführerisch im Takt. Kein Zweifel, dass sie sich ihrer Wirkung bewusst war. Hinter dem Vorhang knipste Johann den großen Scheinwerfer aus. Sobald das geheimnisvolle violette Licht erlosch, wirkte die Manege trist und schmutzig. So sind wir doch, wenn wir aus dem Rampenlicht treten, dachte Danic bitter. Alles nur Schein. Von wegen »Da nix Tricks«, dieser dämliche Werbespruch, den Polnik »erfunden« hatte. Und er, Danic, hatte sich schon so daran gewöhnt, dass sein Nickname zum Alltagsnamen geworden war. 19
Frustriert klopfte er sich Staub und Sägemehl von der eng anliegenden Hose aus schwarzem Trikotstoff und schwang sich über die niedrige Sperrwand, die die Logenplätze von der Manege trennte. Schluss mit dem miesen Gegrübel!, rief er sich selbst zur Räson. Noch drei Stunden bis zur Nachmittagsvorstellung. Genug Zeit für eine Dusche, etwas zu essen in Nanas Wohnwagen und eine Runde Lernen, nur er und sein Rechtswissenschaftshefter, auf seinem Bett. Entgegen seiner Erwartung hatte Aurelies Großmutter, die von allen Zirkusleuten »Nana« genannt wurde, den Tisch im Freien gedeckt. Also würden sie alle gemeinsam essen. An den meisten Tagen holte sich jede Familie die Mahlzeit ab und jeder aß, wo er wollte. Aber bei schönem Wetter gab es häufig die »lange Tafel«. Viel Lust auf Gesellschaft hatte Danic nicht. Doch die Sonne schien seit Tagen unverdrossen von einem hellblauen Himmel und in den Wohnwagen stand die Luft. Im Schatten der Stallungen dagegen war es angenehm und genau hier stand nun die lange Tafel. Das weiße Tischtuch flatterte in der sanften Brise, die den Geruch von Pferdedung und frisch gekochtem Gemüseeintopf vermischte. Danic grinste, als er die interessante Note wahrnahm. Grübeleien hin oder her, das hier war sein Zuhause, und irgendwie liebte er es doch. Nanas Vorliebe dafür, den Mittagstisch an heißen Tagen möglichst nahe bei den Tieren zu servieren, war beinahe legendär. Vielleicht lag es daran, dass sie Freddy so ins Herz geschlossen hatte, seit ihr eigener Mann verstorben war. Der alte Tierpfleger saß bereits am Tisch, einen riesigen Krug Bier vor sich. »Na, Daniel, wie läuft’s?« Dankbar lächelte Danic ihm zu. Er liebte Freddy dafür, dass er ihn als Einziger noch bei seinem eigentlichen Namen nannte. Als habe er den Moment verpasst, in dem der Rest der Großfamilie 20
einen Zeitsprung gemacht hatte, der sie alle aus der nostalgischen Vergangenheit in die stressige Gegenwart geführt hatte. »Welchen Bereich des Lebens meinst du?«, fragte Danic sicherheitshalber nach. Inzwischen kamen von allen Seiten hungrige Familienmitglieder zusammen. Seine Eltern, Vater mit dem Handy am Ohr, Mutter im kurzen Sommerkleid. Ihr langes lockiges Haar wurde von dem Stirnband gebändigt, das sie immer trug, wenn sie putzte. Sie verdrehte die Augen, als Nana Danics Vater einen ihrer vorwurfsvollen Blicke zuwarf. Nana mochte es nicht, wenn jemand auch nur in der Nähe des Esstisches telefonierte. Mutter zwängte sich neben Danic auf die schmale Holzbank und drückte liebevoll seine Schultern. An der anderen Seite der Tafel nahmen Aurelies Eltern und ihre beiden jüngeren Geschwister Platz. »Du teilst das Leben in Bereiche auf?« Freddy kratzte sich nachdenklich am Hinterkopf. »Ich weiß nicht, ob das gut ist, Junge.« Unbehaglich rutschte Danic auf seinem Platz herum. Er hatte keine Lust, auf Freddys freundliche Frage nach seinem Befinden mit Informationen zu antworten, die für einen der anderen Zuhörer Sprengstoff waren. Dabei war jede persönliche Information aus seinem Mund in letzter Zeit Sprengstoff. Er hatte das Gefühl, ausschließlich »falsche« Sachen zu sagen, seit er an diesem verhängnisvollen Abend vor drei Wochen erklärt hatte, er wolle studieren. Keiner aus der Familie Wittenmeer hatte je ein Studium in Betracht gezogen. »Alles bestens, Freddy«, murmelte er deshalb nur. »In allen Bereichen.« Freddy sah ihn eindringlich an. Ihm konnte man nichts vormachen und Danic war froh darüber. Sie würden später reden. Jetzt übernahm erst einmal Nana die Regie. »Eine Schüssel für jeden«, gab sie in befehlsgewohntem Ton bekannt. »Filou und Fee, ihr verteilt. Hopp, hopp, meine Kleinen, bevor die gute Suppe kalt wird!« 21
Die beiden Kinder schlüpften von ihren Plätzen und nahmen artig die dampfenden Schalen entgegen, die Nana füllte. Danic bewunderte einmal mehr Fees Anmut. Die Siebenjährige wurde ihrem Namen mehr als gerecht. Anmutig tanzte sie mit der heißen, beinahe übervollen Schüssel leichtfüßig ans andere Ende des Tisches, wo sie sie Freddy mit einem strahlenden Lächeln servierte. In der Manege war sie schon jetzt eine würdige Artistin, doch hier draußen gab sie keine Show. Sie war einfach echt – ein Zirkuskind durch und durch. Danic konnte sich nicht erinnern, in Bezug auf seine Kunst jemals diese Sicherheit empfunden zu haben. »Was ist los, Liebster?« Er zuckte zusammen, als Aurelie neben ihm auf die Bank glitt. Sie strubbelte ihm durchs Haar und hauchte einen Kuss auf seine Wange. Ihr frischer Duft nach Vanilleduschgel hob sich angenehm von der Pferdedung-Gemüseeintopf-Note ab. »Guck doch nicht so ernst, Sorgenfalten sind nachher schwer wegzuschminken.« Die Bemerkung brachte ihr zustimmendes Gelächter am Tisch ein. Danic hingegen schluckte eine sarkastische Erwiderung hinunter. Er war froh, dass Filou in diesem Moment mit einem Suppenteller hinter ihm auftauchte. »Danke, Großer«, sagte er. Filou nickte nur und lief eifrig zurück zu Nana. Vermutlich wollte er so schnell wie möglich alle Schüsseln ausliefern, um sich endlich selbst seine Mahlzeit zu gönnen. »Wir haben heute ungefähr ein Drittel des Zeltes schon mit vorbestellten Plätzen belegt«, eröffnete Danics Vater die übliche Dienstbesprechung, als jeder etwas zu essen vor sich hatte. Zufriedenes Kopfnicken bei den Erwachsenen. »Siehst du«, flüsterte Aurelie Danic triumphierend ins Ohr, »das ist garantiert allein dein Verdienst!« Danic schnaubte leise und Aurelie hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. »Polnik und Sara machen die Kasse«, fuhr Danics Vater fort. 22
»Fee, dich brauche ich heute an der Popcornmaschine. Traust du dir das zu?« »Na, klar!« Das Gesicht der Kleinen strahlte vor Stolz. Angesichts ihrer Verzückung darüber, fremden Menschen Popcorn verkaufen zu dürfen, fühlte Danic plötzlich Wut in sich aufsteigen. Oder war es Enttäuschung? Was war nur los mit ihm? Warum triggerten ihn heute tausend Kleinigkeiten und brachten ihn zum Grübeln? Hastig senkte er den Blick, löffelte die viel zu heiße Suppe, verbrannte sich die Zunge und fluchte. Aurelie kicherte, verstummte aber sofort, als Danics Vater zu ihnen herübersah. »Danic, pass in der Pause bitte auf, dass nicht wieder Kinder durch den Zaun kriechen, um kostenlos an die Tiere zu kommen. Wir haben es noch nicht geschafft, das Loch zu flicken.« Mit immer noch gesenktem Kopf nickte er. Aurelie beugte sich zu ihm herüber, während Danics Vater auch den anderen Aufgaben zuwies. »Hey, ich sehe doch, dass irgendwas mit dir heute nicht stimmt.« Danic brummte und legte den Löffel weg. Mit der freien Hand fuhr er sich durch die Locken, die ihm ins Gesicht fielen. »Ich muss mich noch um Mamas Kostüm für heute Nachmittag kümmern«, zwitscherte Aurelie neben seinem Ohr. »Aber dann komme ich bei dir vorbei, okay?« Sie ließ ihre Finger spielerisch an seiner Wirbelsäule hinauflaufen. »Ich werd es schon schaffen, dich aufzumuntern.« Das bezweifle ich, dachte Danic. Du schaffst es ja nicht einmal, mich zum Reden zu bringen, weil du selbst viel zu viel zu sagen hast. Doch er nickte nur, nahm den Löffel wieder zur Hand und wünschte sich, den Tag einfach von hier aus zum Ende vorspulen zu können.
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Kapitel 3 Sanfter Wind strich über das Haar des Mädchens wie eine letzte, liebevolle Berührung. Eine Zärtlichkeit, die sie von keinem Menschen kannte. Jetzt war es also passiert. Sie war nicht mehr unsichtbar, zumindest für die Gesetzeshüter. Cleo knibbelte an ihrer Unterlippe und zog die Stirn in Falten. Ein leichter Schmerz an der Schläfe, wo das Stirnrunzeln die Narbe dehnte, erinnerte sie an den Tag, der eigentlich alldem hätte vorbeugen sollen. Sie hätte unsichtbar bleiben müssen. Warum hatte sie nicht rechtzeitig aufgehört, ihre Sicherheit immer wieder aufs Spiel zu setzen? Dämlicher Ladendiebstahl. Jetzt musste sie den Mist ausbaden, den sie verbockt hatte. Wütend biss Cleo noch fester zu. Wieder Blut. Sie musste damit aufhören. Sie musste aufhören, aufhören, aufhören … »Cleo? Kannst du mir noch folgen?« Mona, die Sozialarbeiterin, in deren Büro Cleo saß, sah von ihren Papieren auf. Sichtlich erschrocken registrierte sie das Blut auf Cleos Lippe und griff instinktiv in die Taschentuchbox. »Du blutest schon wieder, Maus. Hier.« Cleo nahm das Tuch entgegen und presste es auf die Wunde. Maus. Mona nannte wahrscheinlich jede Bewohnerin hier so, aber Cleo trieb der Kosename Tränen in die Augen. Scheiße, sie wollte nicht heulen. Sie wollte nicht auffallen. Sie wollte nicht hier sein. »Wir finden schon eine Lösung. Komm.« Mona schien ihren Gefühlsausbruch komplett falsch zu interpretieren. Die junge 24
Frau mit den glatten braunen Haaren und den sanften Augen stand auf, umrundete den Schreibtisch und nahm Clementine von hinten sachte in den Arm. Cleo versteifte sich. Sie zwang sich, ruhig zu atmen und die Tränen zurückzudrängen. »Alles okay«, murmelte sie. Ihre Stimme klang rau. Mona ließ sie los, strich ihr leicht über den Kopf und ging zum Aktenschrank. Sie zog einen dicken schwarzen Ordner heraus. Mein Leben, dachte Cleo bitter. Alles schön sortiert und abgeheftet. Kein Chaos, nur ein paar riesengroße Lücken. Aber wen interessierte das schon? Die meiste Zeit stand der Ordner doch sowieso nur da im Regal und setzte Staub an. Nur wenn etwas schieflief, warf jemand einen Blick auf das Leben von Hanssen, Clementine, geboren am 17. August 2006. Vor sechzehn Jahren und zehn Monaten. Noch so ein Tag, der besser anders hätte enden sollen. Das hätte ihr den ganzen Stress erspart, leben zu müssen. Mona setzte sich wieder auf den Stuhl Cleo gegenüber, legte den Ordner auf den Schreibtisch und schlug ihn auf. Cleo zerknüllte das blutige Taschentuch in ihrer Faust. »Lass mal sehen.« Die Sozialarbeiterin blätterte durch die Sammlung von Krankenscheinen, Diagnoseblättern, Zeugnissen und Hilfeplänen. Cleo hatte keine Ahnung, wonach sie suchte. »Ah, ja.« Mona überflog irgendeinen Text und schien zufrieden mit dem, was sie las. Cleo wandte den Blick von ihr ab und starrte auf die riesige bunte Uhr an der Wand. Unwillkürlich begann sie, mit dem Fuß zu wippen. Wie lange musste sie noch hier sitzen und abwarten, welche tolle Idee die Frau hatte, in deren Händen ihr Schicksal momentan zu liegen schien? Der dritte Ladendiebstahl innerhalb von vier Wochen – der dritte, bei dem sie erwischt worden war. In Wirklichkeit war es der unzähligste von unzähligen Diebstählen, die Cleo beinahe täglich beging. Aber das würde keiner je erfahren. 25
Jedes Mal, wenn ein Kaufhausdetektiv sie zur Rede stellte, dachte Cleo an ihre roten Schuhe. Sie trug sie immer noch, jeden Tag, seit ihrem vierzehnten Geburtstag vor fast drei Jahren. Auch jetzt steckten ihre Füße in den verblichenen Chucks mit den ehemals weißen Schnürsenkeln. Sie hatten neunundsechzig Euro fünfundneunzig gekostet. Cleo hatte bar bezahlt, mit einem Fünfzigeuroschein und zwei Zehnern. Das Geld hatte sie zum Geburtstag bekommen von ihrer Tante Pho, der großen Schwester ihrer Mutter. Tante Pho wusste allerdings nichts davon, denn sie hatte Cleos Geburtstag einfach vergessen. Genau wie Cleos Vater, mit dem sie sich an diesem Tag so heftig gestritten hatte, dass Cleo sich im Wohnungsflur die Ohren hatte zuhalten müssen. Während die beiden Erwachsenen sich anbrüllten, hatte Cleo die Handtasche entdeckt. Sie hatte auf dem Sideboard gelegen, der Reißverschluss offen. Die Geldbörse aus hellbraunem Leder hatte zwischen einer Packung Taschentücher und dem jadegrünen Seidentuch, das Tante Pho meist um den Hals trug, hervorgelugt. »Sag deiner Schwester, dass sie uns gestohlen bleiben kann!«, hatte Cleos Vater im Wohnzimmer gekreischt. Ja, er kreischte wie ein kleines Kind, wenn er wütend war. Gestohlen bleiben. So redete er von ihrer Mam. Mama. Cleo hatte die Tränen in ihrem Hals gespürt, bevor sie ihr aus den Augen gestürzt waren. Mama hatte ihren Geburtstag bestimmt ganz genauso vergessen wie Vater. Sie hatte sich schon im letzten Jahr nicht gemeldet. Bis zu diesem Moment hatte Cleo nicht einmal gewusst, dass Mam vielleicht mit Tante Pho in Kontakt stand. »Sie kann uns gestohlen bleiben!«, wiederholte der wütende Mann im Wohnzimmer seine Worte. Das war der Moment, in dem Cleo zugriff. Sie schnappte sich die Geldbörse, öffnete sie und nahm, ohne nachzudenken, einen Packen Geldscheine heraus. Sie schloss die Börse wieder und schob sie zurück in die Tasche. Dann schlüpfte sie in ihre Turnschuhe und lief aus der Wohnung. 26
Der erste Diebstahl war so leicht gewesen, und er war nie entdeckt worden. Clementine erinnerte sich jeden Tag daran, wenn sie die roten Schuhe anzog. Sie war stolz darauf. Tante Pho hatte ihr die Mutter gestohlen. Vater hatte ihr die Kindheit gestohlen. Es war mehr als richtig gewesen, sich an diesem vergessenen Geburtstag selbst etwas Gutes zu tun. »Clementine, du musst mir zuhören. Es ist wichtig!« Monas Stimme holte Cleo unsanft in die Gegenwart zurück. Cleo blinzelte, leckte mit der Zunge über ihre noch immer blutig schmeckende Lippe und zwang sich, Mona ins Gesicht zu sehen. »Ich höre doch zu«, erwiderte sie trotzig. Eine schwarze Haarsträhne fiel ihr vor das linke Auge. Cleo schob sie nicht zur Seite. Seufzend klappte Mona den Ordner zu. »Du hast also verstanden, dass du morgen rechtzeitig und ordentlich gekleidet im Gericht erscheinen musst, ja?«, fragte sie, den Blick fest auf Cleos freies Auge gerichtet. Clementine nickte, obwohl es nicht stimmte. »Gehe ich allein hin?« »Cleo! Ich habe dir gerade erklärt, dass Mike dich begleitet. Hast du mir wirklich überhaupt nicht zugehört?« Cleo senkte den Kopf und starrte auf den Fußboden. Unsichtbar und taub. Sie wollte nicht hier sein. Sie wollte am liebsten gar nicht existieren. »Mike fährt um acht Uhr mit dir los. Sei einfach pünktlich beim Frühstück, dann kann nichts schiefgehen.« Mona klapperte mit der Tastatur ihres Computers, dann stand sie auf und ging zum Drucker. Den Zettel, den sie daraus hervorzog, legte sie vor Cleo auf den Schreibtisch. Vorladung zur Anhörung, stand darauf. Angeklagte: Clementine Hanssen. Cleo nahm das Blatt, stand auf und ging zur Tür. »Du kannst jederzeit anfangen, dein Leben wieder in den Griff 27
zu kriegen, Cleo«, sagte Mona und ihr Gesicht spiegelte ehrliche Anteilnahme. »Jeder von uns hier ist bereit, dir zu helfen. Aber es geht nur, wenn du selbst es willst.« Die Tränen würgten Cleos Hals, wie sie es damals an ihrem vierzehnten Geburtstag getan hatten. Aber heute würde sie ihnen nicht erlauben, ihr in die Augen zu steigen. Cleo schluckte, öffnete die Tür und ging wortlos hinaus. Das Leben in den Griff kriegen? Diesen Versuch hatte sie längst aufgegeben. Mit elf hatte sie noch daran geglaubt, selbst über ihr Schicksal bestimmen zu können, wenn sie sich nur genug anstrengte. Mittlerweile wusste sie, dass nicht sie ihr Leben, sondern ihr Leben sie im Griff hatte. Und sie sah keinen Sinn mehr darin zu versuchen, das zu ändern. Sie trat nach draußen in den weiß gestrichenen Flur, an dessen Wänden gerahmte Kinderzeichnungen hingen. Folgte dem glänzenden Linoleumfußboden in Holzoptik bis zum Eingangsbereich der Jugendwohngruppe, ignorierte die Blicke der beiden Jungen, die auf dem roten Sofa lümmelten, und bog dann in den schmalen Gang ab, in dem ihr Zimmer lag. Wieder war es eine Erleichterung, die Tür hinter sich zu schließen, die ihr winziges Reich von der großen feindlichen Außenwelt trennte. Cleo ließ sich auf ihr Bett fallen. Der Zettel mit dem Gerichtstermin glitt ihr aus der Hand und flatterte zu Boden. Morgen würde sie als Angeklagte im Rampenlicht stehen müssen. Sie, Clementine Hanssen, sechzehn Jahre jung, zierliche Straftäterin mit unschuldigem Blick. Die Augen der alten Männer würden sie durchbohren. Schuldig. Du schlüpfst uns nicht mehr durch die Finger, Kleine. Du kannst nicht verschwinden wie deine Mutter und dein Bruder. Dich lassen wir nicht entwischen. Du bist uns ausgeliefert. Unsichtbar? Ja, davon träumst du vielleicht. Aber du bist es nicht. Nicht für Männer wie uns. Wir sind die Guten. Und du? Du bist nichts als ein schwieriges Mädchen mit dem Aussehen einer niedlichen Asiatin. Uns machst du nichts vor, Clementine Hanssen. Sei einfach still, dann ist es schnell vorbei. 28
Wieder war es Rosalie, die Cleo half, ihren Atem zu beruhigen. Die zitternden Finger in den Stoff des Kuscheltiers gekrallt, lag sie da und hoffte, die rosa gestrichenen Zimmerwände würden über ihm zusammenstürzen und dem ganzen sinnlosen Mist ein Ende machen.
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