Bodie Thoene
Der Weg nach Zion
Über die Autorin: Bodie Thoene hat mit ihren Zion Chroniken ein Millionenpublikum in der ganzen Welt erreicht. Sie war zunächst als Drehbuchautorin tätig, bevor sie sich ganz dem Schreiben christlicher Romane widmete. Sie ist verheiratet und lebt mit ihrem Mann Brock am Lake Tahoe in Nevada. Das Paar hat vier erwachsene Kinder. www.thoenebooks.com bodiebrockthoene ThoeneBooks
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
ISBN 978-3-96362-319-6 Alle Rechte vorbehalten Originally published in English under the title The Gates of Zion Copyright © 2021 by Bodie Thoene All rights reserved. German edition © 2023 by Francke-Buch GmbH 35037 Marburg an der Lahn Deutsch von Traute Reil-Kaczorowski Umschlagbilder: © pixabay / designnox © Alamy Stock Photo / Artokoloro Umschlaggestaltung: Francke-Buch GmbH / Marion Schramm Satz: Francke-Buch GmbH Printed in Czech Republic www.francke-buch.de
Prolog Qumran, am Toten Meer, 68 n. Chr. Helle gekräuselte Rauchwolken stiegen von der Öllampe zur Decke des aus Steinquadern errichteten Raumes empor. Simon Bar Giora rieb sich müde mit dem Ärmel seiner Tunika über seine schmerzenden Augen. Er lehnte sich gegen die Wand und starrte auf seinen jüngeren erst siebzehnjährigen Bruder, der ohnmächtig und völlig regungslos auf dem Stroh neben ihm lag. »Reuben«, flüsterte er traurig. Er streckte seine Hand aus und berührte mit dem Finger den blutgetränkten Verband, der um den Kopf des schlanken jungen Mannes gelegt war. »So jung – so jung.« Der Arzt der Bruderschaft hatte ihm gesagt, dass der Junge die Nacht nicht überstehen würde. Niedergeschlagen und ohne Hoffnung hatte der nur die Achseln gezuckt, als er Simon in seiner traurigen Nachtwache allein ließ. Simon beugte sich über Reubens Kopf und schob sanft eine dunkelbraune Haarlocke zurück, die sich unter dem Verband hervorgeschoben hatte. »Was ist bloß mit Mutter?«, fragte er flüsternd. Sie und seine drei Schwestern waren in Jerusalem zurückgeblieben, von den römischen Legionen Vespasians und Titus’ umzingelt. »Kannst du mir nicht ein Wort der Hoffnung sagen, Reuben?«, flehte er. »Du hast dich auf einem Weg voller Gefahren bis hierher durchgeschlagen und willst nun ohne ein Wort über ihr Schicksal sterben?« Er wischte Reuben etwas Blut von der Schläfe und schaute dann gedankenverloren auf den dunkelroten Fleck. War das Blut der Menschen, die er liebte, schon in den Straßen Jerusalems von römischen Schwertern vergossen worden? »Sprich doch, kleiner Bruder. Nur ein Wort. Leben sie noch?« Er legte seine Lippen 3
dicht an Reubens Ohr. Als Antwort hörte er nur das flache Atmen des Jungen, dessen Wunden deutlicher sprachen als Worte. »Dein Blut ist auch meines«, sagte Simon leise. Die Tränen schmerzten in seinen Augen. Er nahm Reubens schlaffe Hände in seine eigenen und begann das Schema zu beten: »Höre, oh Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist Einer ...« In seinen Gesang fiel eine andere Stimme ein, die gleichmäßig von der Türöffnung hinter ihm ertönte. Während sie den alten Bittgesang zusammen rezitierten, wurde Reubens Atem immer gequälter, bis zuletzt das Röcheln des Todes aus seiner Kehle kam. Simon neigte seinen Kopf und presste Reubens Hände gegen seine Wange. »Als er klein war, hat er mir diese Hände entgegengestreckt«, sagte er mit schmerzverzerrter Stimme. »Er hat seine ersten Schritte in meine Arme gemacht.« »Es tut mir leid, Simon«, sagte die Stimme und tiefes Mitgefühl klang in diesen schlichten Worten. »Sie werden alle tot sein, inzwischen wohl alle«, erwiderte Simon voller Trauer. »Und ich habe sie im Stich gelassen. Anstatt zu kämpfen, bin ich von ihnen weggegangen und habe mich einem Leben des Friedens und dem Studium von Gottes Wort gewidmet. Ich wäre besser mit den Zeloten gestorben!« Bitterer Schmerz wütete in seiner Stimme, als er die Fäuste ballte. »Jerusalem ist gefallen. Aber du hast ein größeres Ziel in deinem Leben, als an Pest oder Hunger hinter den Toren dieser Stadt zu sterben«, tröstete ihn sein Gefährte. »Du bist noch nicht am Ende.« »Was hat das für einen Sinn?«, schleuderte ihm Simon entgegen. »Wer wird je erfahren oder sich dafür interessieren, was wir hier tun?« »Jerusalem ist gefallen«, sagte die Stimme wieder. »Wäre es vielleicht besser gewesen, wenn du zu den Hungernden und Toten gehört hättest? Sogar die Frau des Hohenpriesters ist, vom Hunger getrieben, in den Gassen der Stadt auf der Suche nach irgendetwas Essbarem umhergeirrt. Und Einwohner, die sich nach 4
Einbruch der Dunkelheit auf der Suche nach Wurzeln aus den Stadtmauern gestohlen haben, hat man jede Nacht zu Hunderten gekreuzigt. Alle Bäume sind gefällt und zu Kreuzen gemacht worden. Sie säumen nun die Straßen, die in die Stadt hineinführen. Und wenn sie ihrem üblen Zweck gedient haben, werden mit ihnen Feuer gemacht, in denen die Leichen unseres Volkes verbrannt werden. Solch ein Tod ist nicht edel, Simon. Das ist nur ein Umkommen.« »Woher weißt du das alles?«, fragte Simon, dessen Augen sich immer noch nicht von Reubens blutbeflecktem Gesicht lösen konnten. »Erst vor einer Stunde sind zwei Zeloten völlig erschöpft ins Lager gekommen. Sie sind dem Tode noch einmal entronnen, aber ich glaube, er wird sie nur zu bald einholen. Ich habe gehört, dass die Legionen auf dem Weg zu uns sind.« Simon seufzte, nickte und kreuzte dann Reubens Hände über dessen Brust. »Dann habe ich dringende Arbeit zu erledigen.« Er tat einen tiefen Atemzug und straffte seine Schultern. »Ist denn alles verloren? Sind denn alle tot?« »Man sagt, Titus hat seinen Angriff am Nordwall begonnen. Bei Tage ließ er Rammböcke gegen die Befestigungsmauern krachen. Bei Nacht rackerten sich die Zeloten ab, um die Mauereinbrüche wieder auszubessern, und rasteten nur, wenn sie vor Erschöpfung zusammenbrachen – oder wenn sie vom Tod erlöst wurden. Vor zwei Wochen ist der äußere Wall gefallen, dann der zweite. Und letzte Woche zerbrach auch das dritte Bollwerk. Als sich die Legionen durch die Straßen der Stadt wälzten, zogen sich die Überlebenden zum Tempel zurück und setzten ihren Widerstand von dort aus weiter fort. Sechs Tage lang hallte das Krachen der Rammböcke in den Höfen der Heiligen Zitadelle wider, dann war auch sie genommen. Die Soldaten töteten jeden, den sie lebend fanden. Es war ein furchtbares Gemetzel. Einige konnten entkommen. Nur wenige – wie dein Bruder und diese zwei Männer. Aber während sie flüchteten, färbte der Rauch, der 5
aus dem brennenden Tempel aufstieg, den Himmel hinter ihnen schwarz.« Er hielt inne und fuhr dann mit sanfter Stimme fort: »Es tut mir leid, Simon. Deine Familie ist tot. Wir werden für sie Kaddisch sagen.« »Und wenn die Römer hierherkommen und auch der letzte Jude tot ist? Wer wird dann Kaddisch sagen?« »Vielleicht Gott«, antwortete er langsam. »Dann müssen wir die Worte seiner Verheißung bewahren.« Simon wischte sich die Augen und richtete sich auf. »Und wenn seine Worte versiegelt sind, können auch wir in Frieden sterben.« »Ja, Simon. Wir gehen andere Wege, um gegen die zu kämpfen, die behaupten, dass es keinen Gott in Zion gäbe. Auch wenn wir alle ins Grab müssen und Israel entvölkert ist, lebt Gott dennoch.« Simon wandte sich dem Sprecher in der Türöffnung zu, einem freundlichen, graubärtigen alten Mann. »Dann will ich wieder zu meiner Feder greifen und meine Feinde mit Frieden im Herzen bekämpfen.« Langsam ging Simon über den dunklen, verlassenen Hof zu der Schreibstube, die jetzt leer war. Er öffnete die verriegelte Tür und blickte sich in dem länglichen, aus Steinquadern gebauten Raum um, als ob er ihn zum ersten Mal sähe. Zwei Dutzend Schriftrollen lagen sauber in Leinen eingewickelt auf dem Holztisch, der sich am anderen Ende des Raumes befand. Morgen würden sie eine letzte Pechschicht erhalten, bevor sie, in Tonkrügen versiegelt, in den Höhlen der öden Hügel bei Qumran versteckt würden. Nur diese eine Schriftrolle, das Buch des Propheten Jesaja, war noch unvollendet. Er wischte sich die Hände an seinem Gewand ab, ging hinüber an seinen Tisch, setzte sich und strich liebevoll über das neue Leder, das vor ihm ausgebreitet lag. Wie lange, fragte er sich, würde es dauern, bis menschliche Augen die Worte wieder lasen, die er so sorgfältig von der abgegriffenen und verblassten Originalschriftrolle abschrieb? Bei dem trüben Licht der Öllampe musste er seine Augen anstrengen, um 6
die nächste Zeile der Spalte lesen zu können: »Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße des Freudenboten, der Frieden verkündet, gute Botschaft bringt ...« Seine eigene Stimme hallte hohl von den Steinwänden des Raumes wider. Sein Herz war von Schmerz erfüllt, als er daran dachte, wie Reuben erst vor zwei Tagen erschöpft in der Gemeinde angekommen war. Seine Füße hatten nicht lieblich ausgesehen. Da er keine Sandalen getragen hatte, waren sie blutig, bis auf die Knochen zerschunden gewesen. »... der Frieden verkündet, gute Botschaft bringt, der Heil verkündet, zu Zion spricht: Dein Gott ward König!« Die jubelnden Worte erschienen ihm wie Spott. Es wird kein Heil geben, keine Nachricht vom Frieden, dachte Simon, während er sorgfältig seine Feder in das Tintenfass tauchte und die Worte der Verheißung abschrieb, die er soeben gelesen hatte. Nur die Römer regierten jetzt in Zion. Die Verheißung Jesajas würde sich erst in einer anderen Zeit, in einem anderen Leben erfüllen. Oder würde sie überhaupt jemals in Erfüllung gehen?, fragte er sich flüchtig. In wenigen Tagen würden die Legionen hier in diese Gemeinde eindringen und im Namen von Vespasian und Titus töten, verbrennen und zerstören. Nur die heiligen Schriften würden vor der Vernichtung sicher sein. Das Wort Gottes würde ruhig in einer Höhle bis zu einer fernen Zeit schlafen – wer wusste schon, wie lange? – und spätere Geschlechter würden die Verheißungen vernehmen und deren Erfüllung erleben. Langsam streckte Simon seinen zittrigen Finger aus und verfolgte ehrfürchtig die Worte des Propheten. Seinen eigenen Tod fürchtete er nicht. Aber er hatte Angst vor dem Feuer, das unausweichlich dem Massaker folgen würde. Die Schriftrollen müssen erhalten bleiben! »Hilf uns, Jahwe!« Sein stummer Schrei wandte sich an den Gott Abrahams. Er seufzte tief, als sich die Gesichter seiner Familie vor sein geistiges Auge drängten. Der Gott Israels würde seine Verhei7
ßung nicht vergessen; ganz sicher würde er sich an seine Stadt Jerusalem erinnern! Simon wischte sich die Tränen mit dem Handrücken weg und tauchte noch einmal seine Feder ein. Jeder Buchstabe, jede Kleinigkeit muss vollkommen sein. Nichts kann geändert oder gestrichen werden. Der Tempel ist niedergebrannt, dachte er mit Wehmut. Sind noch Heilige Schriftrollen gerettet worden, oder bin ich es, Simon bar Giora, der die letzte Rolle mit der Verheißung in Händen hält, die verkündet, dass dort, wo jetzt nur Asche liegt, dereinst wieder ein Volk leben wird? Er war ganz in dem Gedanken an die Legionen vertieft. Nur ein paar Tagesmärsche von dem Ort entfernt, wo er jetzt saß, schärfte gerade jemand das Schwert, das seinem Leben ein Ende bereiten würde. Schnell! Ich muss diese Arbeit sorgfältig, aber auch eilig beenden, beschloss er, während er seine Feder eintauchte. Er und seine Landsleute würden dem römischen Vernichtungsfeldzug gegen die Juden den endgültigen Sieg nehmen. Gemeinsam, dachte Simon, werden wir die Wächter der Verheißung sein, auch dann, wenn wir im Stillen sterben.
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1. Die Entdeckung »Antikas! Antikas!«, rief der alte Beduinenhirte, als Ellie Warne das mahagonigetäfelte Arbeitszimmer ihres Onkels betrat. Nach sechs Monaten in Jerusalem verstand sie das Wort nur zu gut. Für einen arglosen Touristen, der sich im Irrgarten der Altstadt-Souks verloren hatte, bedeutete es in der Regel, dass ein Stück des wahren Kreuzes oder der wirklichen Dornenkrone dem Meistbietenden zum Verkauf angeboten wurde. »Antikas!« Der alte Mann öffnete seinen Mund zu einem breiten zahnlosen Lächeln und klopfte dabei seinem jungen Begleiter auf die Schulter, in der Hoffnung, etwas mehr Begeisterung bei ihm zu wecken. Ellie strich sich müde mit der Hand über die Stirn und widerstand dem Drang, umzudrehen und geradewegs zurück ins Bett zu gehen. Was, fragte sie sich, hatte die alte Miriam sich nur gedacht, als sie diese beiden windigen Gesellen in diesen Raum mit echten archäologischen Antiquitäten gelassen hatte? Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass sie Ellie mit der allerschlimmsten Grippe aus dem Bett geholt hatte, nur damit sie sich etwas ansehen sollte, was höchstwahrscheinlich doch nur unechter Trödel war. Drei Tage lang war Ellie ihrer Arbeit an der Ausgrabungsstelle ferngeblieben. Krank und müde wie sie war, hatte sie eigentlich nur das Bedürfnis, sich auszuruhen und zu schlafen. Ihr Onkel Howard Moniger war schließlich der Archäologe, während sie ja nur seine Funde fotografierte. Gar keine schlechte Beschäftigung, hatte sie gedacht, wenn ein Mädchen gerne Henkel von zweitausendjährigen Krügen aufnimmt. Solange ihr alle erstklassigen Fotojournalistenstellen von GIs weggeschnappt wurden, die von Europa oder dem Pazifik 9
wiedergekommen waren, war das immer noch besser als in Long Beach zu kellnern. Selbst mit einem Examen in Fotojournalismus von der »University of California Los Angeles« war es für sie ein Glücksfall, eine Stelle zu haben, das wusste sie. Der gute alte Onkel Howard hatte es wirklich geschafft! Die Bezahlung bei der Amerikanischen Schule für Orientforschung war zwar bescheiden, aber immerhin regelmäßig. Doch auf den Fall, der ihr jetzt bevorstand, war sie in ihrer Ausbildung nicht vorbereitet worden. »Antikas! Antikas!«, wiederholte der alte Araber und deutete wild gestikulierend auf den zerschundenen Lederbeutel, den er über seiner knochigen Schulter trug. »Gut, Gut! Nur einen Augenblick!« Sie bedeutete ihnen ungeduldig, sich zu setzen, und murmelte dann: »Bleibt hier stehen; ich will nur eben eine reizende alte Dame erwürgen; dann werfe ich einen Blick auf die Schätze, die ihr mitgebracht habt.« Sie drehte sich um und blickte durch die offene Tür in die Diele. »Miriam!«, rief sie. »Kommen Sie mal schnell her!« Ellie wandte sich wieder ihren ungewöhnlichen Besuchern zu. Sie saßen steif auf Lederstühlen mit geraden Rückenlehnen und betrachteten unverwandt die Bücherwände und die ausgestellten archäologischen Funde, mit denen der Raum gefüllt war. Die beiden sehen selbst so aus wie archäologische Funde, die man in Onkel Howards Vitrinen zwischen Scherben und Werkzeugen aus der Bronzezeit ausstellen könnte, fand Ellie. Während die Beduinen den Raum musterten, betrachtete Ellie sie genauer. Sie wären wunderbare Fotomotive, dachte sie. Beide waren in traditionelle Sandalen und lange Gewänder gekleidet und gekrönt mit der Keffijah, der Kopfbedeckung der Nomadenstämme Palästinas. Der eine von ihnen mochte achtzehn oder neunzehn Jahre alt sein. Sein struppiger Bart umrahmte ein schmales Gesicht. Der Ältere trug einen lockigen grauen Bart und hatte hohe Backenknochen. »Miriam!«, rief sie wieder. Endlich erschien Onkel Howards alte Haushälterin in der Türöffnung. »Ich glaube, ich brauche Sie 10
…« Sie machte eine vage Handbewegung zu den beiden Hirten, die immer noch abwartend dasaßen und sich dabei interessiert umsahen. Als Ellie sich ihnen wieder zuwandte, hatten sie offensichtlich ihre Verkaufsstrategie geändert. Der ältere der beiden sprang auf und versetzte seinem Begleiter einen heftigen Schlag auf den Kopf. Ellie, mit ihren 1,65 m, überragte den alten Mann. Der jüngere, groß und mit gebeugten Schultern, erhob sich etwas langsamer. »Salaam.« Beide Männer sprachen gleichzeitig und verbeugten sich majestätisch vor Ellie. »Salaam«, erwiderte Ellie. Die drei standen sich einen peinlichen Moment lang gegenüber, bis Ellie das Schweigen brach. »Bitte setzen Sie sich wieder«, sagte sie. »Der Professor ist leider nicht hier, aber er kommt in ein paar Tagen zurück ...« Ihre Stimme verebbte langsam, als die beiden stehen blieben und nicht aufhörten, sie anzulächeln. »Antikas …«, begann der Ältere wieder. »Miriam«, flehte Ellie und sah zur Tür, wo die alte Frau stand. Aber bevor Miriam übersetzen konnte, stürmte der alte Araber plötzlich zwischen Ellie und die Tür. Er schob ihr den abgenutzten Lederbeutel entgegen. »Antikas!«, sagte er beharrlich. Dann machte er mit der Feierlichkeit eines Stammeshäuptlings eine Handbewegung, mit der er ihr bedeutete, stehen zu bleiben. »Gut«, stöhnte Ellie. »Wir wollen mal sehen, was du da hast: den Silberkelch; die echten Nägel vom ...« Bevor sie den Satz zu Ende sprechen konnte, zog die verhutzelte braune Hand einen Gegenstand aus dem Lederbeutel, der wie eine Miniaturmumie aussah. Er war ungefähr 30 cm lang und gut 10 cm dick. Er schien in Leinenlappen eingewickelt. Der Spott verging ihr und machte einer vorsichtigen Neugier Platz. Der alte Mann lächelte sein zahnloses Lächeln und hielt ihr den Gegenstand ehrerbietig hin. »Antikas«, wiederholte er ruhig und aufrichtig. »Du gucken, echte Antikas.« Beschämt über ihr leichtfertiges Urteil, betrachtete Ellie den 11
Gegenstand erst längere Zeit intensiv, bevor sie ihre Hände vorsichtig danach ausstreckte. Dabei schaute sie den Alten prüfend an, um sich zu vergewissern, ob sie den Gegenstand auch nehmen durfte. Der Mann nickte ihr zu und lächelte wieder. »Ja, du gucken. Mach.« Behutsam legte er ihn ihr in die Hand und trat zurück. Sogar Ellies ungeübtes Auge konnte erkennen, dass dies eine Schriftrolle war. Sie war erstaunlich schwer, von brauner Farbe und die Ränder schienen bröckelig zu sein; sie sah wirklich sehr alt aus. In der Archäologie war der Begriff »alt« allerdings etwas sehr Relatives. Ellie hatte schon so viel Erfahrung gesammelt, um zu wissen, dass ein Fundstück von nur zweihundert Jahren nicht viel wert war. »Sehr alt«, meinte der Mann aufmunternd. Ellie sah ihn lächelnd an. Es war unmöglich zu sagen, ob das, was sie in Händen hielt, hundert oder tausend Jahre alt war. »Es tut mir leid«, entgegnete sie. »Ich weiß einfach nicht genug darüber. Der Professor ist nicht da und kommt auch erst in einigen Tagen zurück ...« »Aufmachen«, beharrte der alte Araber und entriss ihr die Rolle. Als er sie hastig an sich nahm, bröckelten Teile des Randes ab und fielen zu Boden. »Du gucken, Antikas.« Er legte sie auf die große Schreibtischfläche und rollte sie ohne Feierlichkeit auf. »Da!«, sagte er strahlend. »Sehr alt.« Das Innere der Schriftrolle war bedeckt mit Kolumnen einer sorgfältigen, wie mit dem Lineal gezogenen Schrift, die Hebräisch zu sein schien. Die Rolle bestand aus mehreren zusammengenähten Teilen, die vermutlich aus Leder waren. Während Ellie sie eingehend betrachtete, versuchte sie sich zu erinnern, was Onkel Howards Kollege ihr über die hebräischen Schriftrollen erzählt hatte, die in »Genizahs«, speziellen Lagerräumen, aufbewahrt wurden, wenn sie abgenutzt waren. Dies konnte eine solche Rolle von unbedeutendem Wert sein. Und doch hatte die Ausführung der Buchstaben etwas Eigenartiges an 12
sich. Soweit sie sich erinnern konnte, war diese Rolle anders als alles, was Mosche ihr bisher gezeigt hatte. »Ja, sehr schön«, nickte sie dem Araber zu. Er wandte sich an seinen jungen Begleiter und strahlte triumphierend. »Zweihundert englische Pfund«, verkündete er. »In bar.« »Hören Sie mal«, versuchte Ellie zu erklären. »Das geht nicht. Ich meine, ich habe keine Ahnung von diesen Dingen. Mein Onkel, der Professor ...« »Zweihundert englische Pfund«, sagte er wieder. »Wo kommt die Rolle her? Wo haben Sie sie gefunden?« »In bar«, erwiderte er und hielt ihr seine Handfläche offen hin. Ellie sah zuerst auf die knorrige Hand, die vor ihr ausgestreckt war, dann in die Augen, die erfüllt waren von dem Vergnügen an der Gier. »Hier handelt es sich um ein großes Missverständnis, guter Mann. Sie stehen vor dem Lieschen Müller in der Welt der Archäologie. Nein. Nein. Tausendmal nein.« Sie putzte sich die Nase und gestikulierte ungeduldig zu Miriam hinüber, die immer noch in der Türöffnung stand. »Machen Sie ihm das klar, Miriam.« Man konnte nicht mit einem Mann reden, dessen Wortschatz nur »Antikas«, »sehr alt« und »in bar« umfasste. Miriam kam neugierig näher, als der alte Araber einen Schwall von Worten hervorsprudelte, dabei mit der einen Hand in die Luft stieß und die andere nach Geld ausgestreckt hielt. Als Miriam mit einem ähnlichen Wortschwall antwortete, bemerkte Ellie, dass sich sein Verhalten abrupt änderte. »Bah!«, stieß er hervor, indem er seine gierig ausgestreckte Hand senkte. Er starrte Ellie an, als ob sie ein Eindringling in die Welt der Hochfinanz sei, und packte dann die Schriftrolle wie ein verärgerter Verwaltungsbeamter ein, der enttäuschende Berichte einer Vierteljahresschrift in seine Aktentasche stopft. »Miriam!«, rief Ellie. »Sagen Sie ihm, dass er das nicht tun soll! – Tun Sie das nicht!«, befahl sie ihm und eilte zum Schreibtisch. 13
»Bah!«, stieß er wieder hervor und würdigte diese Anfängerin keines Blickes. Miriam sprudelte los und ertränkte seine Sturheit in einem Schwall von Arabisch, mit dem Erfolg, dass er die Schriftrolle mitten im Satz noch einmal aus dem Lederbeutel nahm, beleidigt die Luft einzog und seine Augen nicht von Ellie wandte, bis Miriam mit ihrem Redefluss zu Ende war. »Hmmm«, sagte er und rieb sich gedankenvoll das Kinn. »Hmmm.« Dann erschien erneut sein zahnloses Lächeln. Er klopfte seinem jungen Begleiter wieder auf die Schulter und die beiden nahmen noch einmal Platz. »Sehen Sie«, sagte Miriam zu Ellie. »Man muss einfach wissen, wie man mit diesen Wüstenbauern zu reden hat.« »Was haben Sie ihnen gesagt?«, fragte Ellie ehrfürchtig. »Dass Sie die allergrößte Autorität in antiken Schriftrollen sind und ihm nichts zahlen werden, bis er Ihnen alle gezeigt hat.« »Autorität!«, wiederholte Ellie verzagt. »Alle? Sie meinen, es gibt noch mehr von diesen Dingern?« »Hat er Ihnen das nicht gesagt?« »Wieso? Nein.« Miriam hielt dem alten Hirten eine ordentliche Standpauke, der er eine eigene Schimpfkanonade folgen ließ, während Ellie sich einen Weg zu Onkel Howards massivem ledernen Schreibtischstuhl suchte und darauf niedersank. »Nun«, sagte Miriam naserümpfend, »dieser Hund von einem Lügner sagt, er hätte Ihnen alles erzählt: dass es noch mehr davon gibt und dass sein Sohn sie in einer Höhle gefunden hat, als er eine Ziege suchte. In Krügen aufbewahrt.« »Kann sein«, meinte Ellie achselzuckend. »Ich habe kein Wort verstanden.« Miriam kniff die Augen zusammen und schüttelte den Kopf. »Ha!«, schnauzte sie den Hirten an. »Sprechen Sie bitte King’s English.« Der Alte sah den jungen Hirten neben sich an, der intensiv 14
eine Vitrine mit antikem Werkzeug betrachtet hatte. Dann schlug der Alte ihm auf den Arm. »King’s English bitte«, schnaubte er und murmelte dann einige arabische Flüche. Der junge Mann räusperte sich nervös und rieb sich die Lippen mit seiner schmutzigen Hand, als ob er so seine eingefrorene Zunge lösen wolle. Dann holte er tief Luft und begann: »Ich bitte um Entschuldigung, Ma’am.« Er nickte Ellie zu. Seine tiefe, angenehm klingende Stimme mit einem ausgesprochen britischen Akzent hätte Ellie beinahe dazu veranlasst, sich nach dem Bauchredner umzusehen, der einem derartigen Bündel von Knochen und Schmutz solch gebildete Töne in den Mund zu legen vermochte. »Mein Vater ist ein ziemlich ungebildeter Mann«, erklärte er. »Er hat mir gesagt, er müsse dieses Unternehmen selbst durchführen und ich müsse lernen.« Ein Lächeln spielte um seine Lippen, als er aus dem Augenwinkel seinen Vater ansah, der grübelnd neben ihm saß. »Er meint es nicht böse.« »Da Sie die Sprache offensichtlich so gut beherrschen, werden Sie auch verstanden haben, dass ich nicht die Autorität bin, für die mich meine Haushälterin ausgibt.« Miriam wandte sich um und schickte sich an wegzugehen. »Ich bringe Tee«, kündigte sie gekränkt an. »Danke, Miriam«, rief Ellie ihr hinterher. »Und, Miriam ...« Sie blieb stehen. »Danke.« Der junge Hirte sah ihr nach. »Das hat sie gut gemacht. Wenn mein Vater das nämlich wüsste, ginge er gleich zum Antiquitätenhändler nach Bethlehem.« »Erzählen Sie mir, wie Sie an die Rollen gekommen sind.« Ellie legte ihren schmerzenden Kopf an die Lehne des Lederstuhles. »Mein jüngerer Bruder, Mohamed der Wolf, hat eine Höhle mit Krügen und solchen Schriftrollen gefunden. Viele waren zerstört und es lagen eine Menge zerbrochener Krüge und Scherben herum. Er hatte eine Ziege verloren, wissen Sie, und hat dann einen Stein in die Höhle geworfen, um herauszufinden, ob sie 15
dort hineingelaufen war. Er hat gehört, wie etwas zerbrach, mich geholt. Wir haben diese Rolle gefunden und sechs weitere unversehrte.« »Wo befindet sich die Höhle?« »Es gibt viele Höhlen in der Wüste«, erwiderte er mit einem ausweichenden Lächeln. »Diese ist eine von vielen in der Nähe des Toten Meeres. Ich weiß, wo sie liegt, aber jetzt ist nicht der Zeitpunkt, darüber zu sprechen.« »Ich verstehe.« Ellie wusste, was er meinte. Solange er kein Geld erhalten hatte, würde er nichts sagen. Der Alte, dachte Ellie, hätte gut daran getan, bei seinem Sohn in die Lehre zu gehen. »Sie wissen, ich kann Ihnen nichts versprechen, solange der Professor sie sich nicht angesehen hat.« »Dann gehen wir vielleicht doch besser zu den Händlern nach Bethlehem«, meinte er seufzend. »Nein. Lassen Sie die Rolle hier und bringen Sie morgen die anderen.« »Ach, nein. Ich fürchte, wir werden viele Tage in der Wüste sein. Es wird wohl zwei Wochen dauern, bis wir nach Jerusalem zurückkommen. Wir reisen morgen ab.« Er stand langsam auf. »Nein, warten Sie.« Ellie forderte ihn mit einer Handbewegung auf, sich hinzusetzen. »Ich bin die Fotografin des archäologischen Teams. Wenn ich nicht krank geworden wäre, wäre ich jetzt mit dem Professor unterwegs.« »Möge Allah Ihnen Gesundheit verleihen, gelobt sei sein Name.« Der Hirte neigte seinen Kopf. »Nun, Gesundheit hat er mir nicht verliehen und so bin ich jetzt hier«, meinte sie leise. »Also, würden Sie mir die Schriftrolle über Nacht hier lassen? Ich kann sie fotografieren und dem Professor zeigen, wenn er zurückkommt. Wenn sie ihm gefällt, können Sie vielleicht Ihren Vater das Geschäftliche erledigen lassen.« Der junge Mann räusperte sich nachdenklich. »Entschuldigen Sie bitte«, sagte er zu Ellie und sprach dann zu dem Alten, der Ellie argwöhnisch musterte. Geraume Zeit verhandelten sie auf 16
Aramäisch und berieten hin und her, ob es wirklich klug sei, dieser rothaarigen, unverschleierten, ungläubigen Frau einen solch wertvollen Gegenstand zu überlassen. Schließlich beherrschte sie noch nicht einmal die Sprache des Landes, in dem sie lebte. Die Diskussion wendete sich jedoch entschieden zu ihren Gunsten, als Ellie schließlich eine Fünf-Pfund-Note aus ihrem Portemonnaie hervorholte. »Sagen Sie ihm, dass dies nur eine Kaution sein soll. Auf Ehre.« Als der Alte den Schein beäugte, ergänzte Ellie: »Er kann die Schriftrolle morgen früh wiederhaben, aber ich will dann auch mein Geld zurück.« »Tausendmal nein«, erwiderte der junge Hirte und schüttelte beharrlich den Kopf. »Er behält das Geld und wir nehmen die Schriftrolle morgen früh wieder an uns.« »Aber Sie müssen mir versprechen, heute auf den Tag genau in zwei Wochen mit dieser und den anderen Schriftrollen wiederzukommen«, hakte Ellie nach. »Und diese fünf Pfund gehen vom Kaufpreis ab, wenn der Professor sich entschließt, sie zu nehmen.« Listig kniff sie die Augen zusammen, als sie ihr Verhandlungstalent ausprobierte. Der junge Mann wiederholte seinem Vater das Angebot, der darüber sogleich nachzudenken begann. Nach einem Moment zögernden Überlegens – mehr zum Schein als aus Notwendigkeit, dachte Ellie belustigt – riss er ihr den Geldschein aus der Hand und sprudelte freudig einen aramäischen Wortschwall hervor. Als Miriam ein Tablett mit dampfendem Tee hereinbrachte, umarmte er gerade schwungvoll seinen Sohn und verließ, triumphierend die Fünf-Pfund-Note schwenkend, mit langen Schritten das Arbeitszimmer und das Haus. Schriftrollenverleih, dachte Ellie. Mal etwas Neues in Palästina. »Bis morgen früh dann.« Der junge Araber verbeugte sich und ging. »Ja, wenn ich dann noch lebe«, ächzte Ellie und ließ ihren Kopf auf den Schreibtisch sinken. 17
»Das gebe unser gnädiger Gott«, meinte Miriam nüchtern, als sie das Tablett auf den Schreibtisch stellte. »Wollen Sie Ihren Tee im Bett einnehmen?«, erkundigte sie sich. Ellie hob ihren Kopf und sah Miriam angestrengt an: »Nein. Im Fotolabor.«
W Als Ellie die Schriftrolle zum Fotografieren vorbereitete und im Labor hin und her ging, um das dafür nötige Material zusammenzusuchen, dachte sie über ihre Auseinandersetzung mit Miriam nach, die dem Gespräch mit den Beduinen vorausgegangen war. Die achtzigjährige Haushälterin fühlte sich für die leichtsinnige, unkonventionelle Nichte des Professors zuständig und war entschlossen, aus ihr eine vernünftige junge Frau zu machen. Verschroben, beherrschend, aber fürsorglich auf Ellies Wohl bedacht, hatte Miriam die Verantwortung für die rothaarige Fotografin auf sich genommen. »Ich habe den Männern gesagt, es ginge Ihnen nicht gut«, hatte Miriam ihr mitgeteilt, als sie Ellie wegen der Unterredung mit den Beduinenhirten geweckt hatte, »aber es ist sehr wichtig, dass Sie mit ihnen sprechen. Äußerst dringend. Denn wenn ich sie wegschicke, kommen sie vielleicht für längere Zeit nicht wieder. Trinken Sie Ihren Tee und ich helfe Ihnen beim Anziehen.« Miriam war zum Schrank geschlurft und hatte sich daran gemacht, Ellies Kleider durchzusehen. »So viele hübsche Kleider haben Sie und ziehen sie nie an«, hatte sie geschimpft. »Wollen Sie, dass ich einen Angorapullover bei den Ausgrabungen anziehe?«, hatte Ellie sich ärgerlich verteidigt. »Wäre es nicht besser, wenn wir unseren Wohlstand mit anderen teilten? Wenn Sie diese Sachen nicht tragen, dann gibt es doch so viele jüdische Flüchtlinge im Hafen. Arme Frauen ...« »Ich habe nicht vor, für ewig in Palästina Wurzeln zu schlagen. Wenn ich hier fertig bin, gehe ich nach Europa, nach Paris und 18
London, in die Zivilisation, wissen Sie.« Sie hatte sich die Nase geputzt und sich im Bett aufgerichtet. Als sie ihr Bild im Spiegel gesehen hatte, war sie stöhnend in ihre Kissen zurückgesunken. »Sehen Sie mich doch an, Miriam. Ich sehe aus wie eine wandelnde Leiche. Ich kann niemanden sprechen ...« »Egal, wie Sie aussehen. Dies hier ist nur Jerusalem und die Männer, die Sie sprechen möchten, sind nur Beduinenhirten. Sie sind sehr ungebildet und hüten den ganzen Tag Ziegen. Sie werden Sie schön finden.« Die alte Frau hatte belustigt mit den Augen gezwinkert, als sie eine Khakihose und eine dazu passende Bluse ausgesucht hatte. »Ich glaube, es ist wichtiger, dass Sie jetzt wie eine Archäologin aussehen.« Sie hatte die Sachen auf Ellies Bett gelegt. »Ich soll aufstehen, um mit Beduinenhirten zu sprechen? Ich soll mich aus dem Bett quälen?« Miriam hatte Ellie ihre kühle Hand auf die Stirn gelegt. »Der Professor wird sehr erleichtert sein, dass Sie kein Fieber mehr haben.« »Großartig.« »Wenn Sie möchten, bringe ich die Beduinen hierher an Ihr Bett«, hatte Miriam freundlich vorgeschlagen. »Ja, dann bleibt mir wohl nichts anderes übrig, Miriam.« Miriams festem Blick hatte sie nicht standhalten können. Ellie lachte in sich hinein, als sie sich an den Bluff erinnerte, während ihre Hände geschickt den Film einlegten und den Belichtungsmesser einstellten. Als Miriam mit dem Tee kam, war Ellie gerade dabei, die Schriftrolle auf dem großen Tisch in der Mitte des Labors auszubreiten. »Jesus passt schon auf Sie auf, liebe Ellie«, sagte Miriam, »aber Sie müssen auch selbst etwas für sich tun. Kommen Sie, trinken Sie Ihren Tee. Hier bitte …« Mit diesen Worten hielt sie Ellie eine Schachtel mit Papiertaschentüchern hin. Was würde ich jetzt für amerikanische Kleenextücher geben, 19
dachte Ellie. Das Toilettenpapier war schon schlecht genug, aber das Zeug, mit dem sich diese Leute ihre Nase putzten, war eine Mischung aus Maishülsen und Schmirgelpapier und schabte garantiert die Keime mitsamt der Haut und allem anderen ab. »Danke«, brummte Ellie, ohne dass ihre Stimme auch nur die geringste Dankbarkeit erkennen ließ. Aber sie schnupperte anerkennend den Duft des Tees und ließ sich schwerfällig mit einem Becher in der Hand auf einem Stuhl nieder, um die Schriftrolle zu begutachten. Miriam berührte mit ihrem Handrücken leicht Ellies Stirn. Dann schlurfte sie zur Tür und schloss sie hinter sich. »Wo in aller Welt«, fragte sich Ellie, »hat Onkel Howard wohl Miriam aufgetrieben?« Diese Araberin konnte sich mit den Besten ihres Volkes im Handeln messen, aber die Schärfe ihrer Zunge wurde gemildert durch den Drang, jeden zu bemuttern, der ihre Fürsorge brauchte; sie war eine Frau, die, zu Ellies Erstaunen, an Gott glaubte und von ihm sprach, als sei er tatsächlich vorhanden. Die meisten Juden hatten die Hoffnung auf den Messias aufgegeben; diejenigen, die diese Hoffnung immer noch hegten, warteten auf einen militärischen Fanatiker. Aber Miriam, die alte Araberin, glaubte an Jeschua. Ellie wischte sich die Hände an ihrer Khakihose ab und berührte vorsichtig die brüchige Schriftrolle. Ellie selbst hielt nicht viel von Religion; eigentlich hatte sie kaum ernsthaft darüber nachgedacht. Sie seufzte und blickte auf die Wand, wo wahllos verstreut Fotografien hingen, die sie während der letzten Monate in Palästina gemacht hatte. Sie betrachtete die Gesichter der Menschen, denen sie in den verwinkelten Gässchen Jerusalems begegnet war. Vom fotografischen Standpunkt aus betrachtet waren sie nicht schlecht. Professor Tierney von der Universität in Los Angeles hätte sie vielleicht zusammengepackt und an die Zeitschrift »National Geographic« geschickt oder sie zumindest für eine Ausstellung in einem Oberstufenkurs in Geschichte im Mittle20
ren Osten gerahmt. Alles in allem war Palästina ein Paradies für Fotografen. Ein bewaffneter Araber in fließenden Gewändern und einem Tarbusch war in jedem Fall besser als das Bild einer Verbindungsstudentin beim Studentenball. Und die gepflasterten engen Gässchen der Altstadt waren, was fotografische Interessen betraf, dem Westwood Boulevard in jeder Hinsicht überlegen. Seit einiger Zeit schon war Ellie im Stillen der Meinung, dass jeder, der auch nur einen Funken Talent besaß, hier fantastische Aufnahmen machen konnte. Mosche sah das anders. Er lobte ihre Begabung und erzählte jedem, der es hören wollte, dass sie der Rembrandt in der Welt der Fotografie sei, dass noch niemand Jerusalem so eingefangen hätte wie sie. »Du fängst etwas in den Gesichtern ein«, sagte er dann mit vibrierender Stimme. »Es ist etwas ...« Ellie fühlte sich natürlich geschmeichelt, aber sie hatte das Gefühl, dass Mosche von Fotografie so viel verstand wie sie von der babylonischen Keilschrift. Und doch, wenn sie in die stillen Augen blickte, die auf sie herabsahen, waren die Gesichter so lebendig und beseelt, dass sie das Bedürfnis verspürte, mit den Menschen zu sprechen, die sie nur durch das Auge der Kamera gesehen hatte. Was hatten sie alle gemeinsam? Ein arabischer Kaufmann, der von der Türöffnung seines Ladens eingerahmt wurde, eine verschleierte Beduinenfrau, die einen Wasserkrug auf dem Kopf balancierte, ein orthodoxer Jude an der Klagemauer, ein kleiner jüdischer Flüchtlingsjunge, der stolz seine erste Orange in der Hand hielt – irgendwie wurden alle zu dem gleichen Bild. Sie alle sprachen von dem gleichen – dem gleichen Etwas ... Was hatte sie dazu veranlasst, ihre Kamera auszulösen? Sie heftete lange ihren Blick auf die Augen dieser Menschen. Und dann wusste sie es. Sie alle gehörten irgendwo hin. Nicht so wie sie selbst. Nicht wie David. Sie waren alle wie Mosche; alle waren irgendwie im Brennpunkt. Mosche! Der Gedanke an ihn ließ ein Lächeln auf Ellies Lip21
pen erscheinen, während sie sich nicht nur an sein Lob ihrer Arbeit erinnerte, sondern auch daran, wie wunderbar er ihr Leben bereichert hatte. Mosche Sachar war Archäologe und Linguist an der Hebräischen Universität Jerusalem. Groß und schlank, mit markanten Gesichtszügen und einer von der Sonne seines Heimatlandes tief gebräunten Haut, stellte dieser Mann einen auffallenden Kontrast zu Ellies heller, mit feinen Sommersprossen überzogenen Haut, ihrem kupferfarbenen Haar und ihren grünen Augen dar. Er fühlte sich sowohl in den Gassen als auch im Bazar der Altstadt zu Hause. Die Zurufe der arabischen Kaufleute beantwortete er in ihrer Muttersprache, während Ellie, verwirrt und beeindruckt von dem Feilschen, daneben stand. Ziemlich oft war sie selbst Gegenstand dieses Feilschens. Kaum ein Spaziergang verstrich, ohne dass Mosche zwanzig Kamele als Kaufpreis für die rothaarige junge Frau ohne Schleier angeboten wurden. Ein Handel, den nach Meinung der arabischen Bevölkerung kein vernünftiger Mensch ausschlagen würde. »Und du gerätst niemals auch nur in Versuchung?«, neckte ihn Ellie. »Was? Für zwanzig Kamele? Du bist mindestens fünfzig wert und noch ein paar Ziegen dazu«, meinte er dann und wich ihrem spielerischen Angriff aus. Mosche war zweiunddreißig, unverheiratet und seinem Beruf mit Leidenschaft ergeben. Von allen Menschen, die Ellie kannte, stand er eigentlich am meisten im Brennpunkt. Sie hatten sich in derselben Woche kennengelernt, in der Ellie in Jerusalem angekommen war. Onkel Howard hatte ihn zum Essen eingeladen, um mit ihm die Entdeckung der Kruggriffe zu besprechen, auf denen der Name der historischen Stadt Gibeon stand. Ellie hatte so viel Begeisterung in der Stimme eines Mannes bisher nur gehört, wenn sich ihre Brüder über das »Rose Bowl Stadium« unterhielten oder die Karten befragten, ob der Krieg schon zu Ende wäre, bevor sie sich zum Militär melden könnten. Drei Stunden lang hatte Ellie still dagesessen, während On22
kel Howard und Mosche über die Möglichkeit nachdachten, ob sie tatsächlich auf die historische Stätte gestoßen seien, an der Davids Krieger gegen die von Saul gekämpft hatten. Ellie wollte gerade höflich gähnen und sich entschuldigen, als Mosche mit den dunkelbraunsten Augen, die sie je gesehen hatte, zu ihr aufsah und sagte: »Ich muss mich entschuldigen. Ich empfinde es als einen Verstoß gegen die guten Sitten, in Gegenwart einer so hübschen Frau über historische Schlachten zu reden. Es tut mir leid, dass ich für normale Gespräche nicht mit viel Interessantem aufwarten kann.« Ellie hatte den Blick der dunklen Augen, die sie so forschend betrachteten, erwidert und fühlte sich dahinschmelzen. »Ach, nein, Mr Sachar«, flunkerte sie. »Ich finde das alles furchtbar interessant. Bitte erzählen Sie mir mehr darüber!« Ein freundliches Lächeln und ein Augenaufschlag genügten, um dies zu erreichen. Die nächsten Monate waren erfüllt mit himmlischen Gesprächen über die Verwendung der babylonischen Keilschrift und die Vorteile von Lederschriftrollen gegenüber solchen aus Kupfer. Sie stellte fest, dass sie sich tatsächlich genauso für dieses Gebiet zu interessieren begann wie ihr Lehrer. Sie mochte Mosche wirklich gern; es mochte sein, dass ihre Freundschaft sich allmählich zu etwas Tieferem entwickelte. Das Wichtigste war jedoch, dass sie, wenn sie in seiner Nähe war, niemals über David nachdachte oder niemals davon träumte, wie er sie in seinen Armen gehalten oder was er in ihrem Leben für eine Rolle gespielt hatte. Ellies Augen stellten sich wieder auf die geheimnisvollen Schriftzeichen vor ihr ein. Was, fragte sie sich, würde Mosche von diesen Schriftrollen halten? Wahrscheinlich, dachte sie, habe ich gerade fünf Pfund für die Brooklyn Bridge bezahlt.
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2. Die Schmuggler Der spitze Bug des alten Fischerbootes hob und senkte sich im Rhythmus des keuchenden, stampfenden Dieselmotors. Mosche Sachar ergriff die feuchte glatte Reling und stemmte sich gegen die Wogen des Mittelmeeres. Wie eine lebende Galionsfigur stand er da und suchte, gepeitscht von Wind und beißend salziger Gischt, die mitternächtliche Dunkelheit ab. Er dachte daran, dass sie nur wenige Kilometer von ihrem Ziel entfernt waren und immer noch nichts von den gefürchteten britischen Kanonenbooten zu sehen war. Vielleicht schafften sie es, durch die Absperrzone zu kommen und ihre kostbare Schmuggelfracht an den Ufern Palästinas zu löschen. Vielleicht würden ihnen die Leuchtsignale und das Flutlicht und die mit Gewehren bewaffneten Soldaten erspart bleiben, die sich gewaltsam ihren Weg unter Deck bahnten, um sie ihrer Schätze zu berauben. Mosche konnte sich lebhaft vorstellen, wie die menschliche Schmuggelware da unten im Schiffsrumpf, aufs Engste zusammengepfercht, schweigend das Elend der Seekrankheit ertrug – vierundachtzig menschliche Wesen zusammengedrängt in einem Raum, der dazu bestimmt war, ein Dutzend Fischer aufzunehmen. Aber diese Menschen hatten es geschafft – hatten Auschwitz, Ravensbrück und Birkenau überlebt – Orte, an denen Millionen von Männern, Frauen und Kindern den Tod erlitten hatten, einzig und allein, weil sie Juden waren. Diese Millionen von Menschen hatten Hunger, Zwangsarbeit, Brutalität und Folter durchgestanden – nur, weil sie Juden waren. Und zuletzt waren sie den Gaskammern, den Öfen und der Anonymität von Massengräbern ausgeliefert worden – nur, weil sie Juden waren. Viele Gesichter der vierundachtzig Menschen, denen er erst 24
am Tag zuvor zu einer Überfahrt über das Meer verholfen hatte, waren Mosche noch in lebhafter Erinnerung. Fast achthundert Flüchtlinge hatten sich auf dem Deck des rostigen Ozeanriesen gedrängt und auf kleine Schiffe gewartet, die sie durch die britische Absperrzone bringen sollten. Als sie auf Mosche und das in die Jahre gekommene Fischerboot hinabgesehen hatten, ausgemergelt, schweigsam, hager und völlig entkräftet, hatten sogar die ganz Jungen auf ihn alt und zerbrechlich gewirkt. Beim Hinablassen der vierundachtzig Menschen auf das Deck des kleinen Schiffes jedoch waren Rufe der Hoffnung aus der Menge an der Reling aufgestiegen, so als ob ein Regenschauer nach einer langen Zeit der Dürre jubelnd begrüßt würde. »He, Aram«, rief einer von ihnen scherzend, als sein Freund, von Mosches Hand gestützt, an Bord kam, »kannst du überhaupt schwimmen?« »La Chaim!«, schrien andere. »Auf das Leben!« »Dieses Jahr in Jerusalem«, rief ein alter Mann, dem bei dem Gedanken an die Verheißung seiner Väter die Tränen kamen. Es gab keinen Abschied. Zu oft für ein einziges Leben hatten sie schon Abschied nehmen müssen. Im Namen derer, die ohne Hoffnung gestorben waren, würden die Überlebenden den Boden ihrer alten Heimat berühren und ein neues Leben und eine bleibende Hoffnung finden – weil sie Juden waren. Das heißt, wenn sie es schafften, an den britischen Kriegsschiffen vorbeizukommen, die dieses Meeresgebiet nach »illegalen« Einwanderern absuchten. Mit wachsamen Augen durchforschte Mosche die schwarze Nacht auf der Suche nach einem Streifenboot. In der Ferne funkelten die Lichter von Tel Aviv – so nah und doch so fern. Heute Abend klangen aus allen Radios in Palästina Nachrichten aus dem fernen Amerika, wo die Vereinten Nationen in diesem Moment zusammenkamen, um über die Teilung Palästinas in zwei Staaten zu entscheiden: einen jüdischen und einen arabischen. Vielleicht hatte die britische Marine diese Nacht ihre Patrouillen 25
ausgesetzt, um die Abstimmung zu verfolgen, die die Frage der Präsenz Großbritanniens im Mittleren Osten endgültig und für immer entscheiden würde. Mosche konnte sich gut vorstellen, wie die englischen Offiziere in ihren Messen herumlungerten, an ihrem Whiskey nippten und dabei zur Abstimmung jeder Nation ihren Kommentar abgaben. Wenn die Teilung von den Vereinten Nationen rechtskräftig verabschiedet würde, könnten sich die Briten zurückziehen und diese geheimen Touren ein Ende finden. Damit wäre auch der »illegalen« Einwanderung von Juden ein Ende gesetzt. Sie könnten bei helllichtem Tage und mit einer Genehmigung in der Hand in ihre Heimat kommen. Sie könnten in Freiheit leben und ihr eigenes Schicksal bestimmen. Und Mosche Sachar, geheimes Mitglied der jüdischen Untergrundorganisation Haganah, Blockadenbrecher bei Nacht, Archäologe und Gelehrter bei Tag, könnte endlich wieder nur noch der Archäologe Mosche Sachar sein. Er wischte sich das Salzwasser aus den Augen und betete für einen glücklichen Ausgang der Abstimmung. Ein bisschen beneidete er die Menschen, die sich an ihren Feuern wärmen, Radio hören und miteinander Kaffee trinken konnten, während die Welt dem »Jüdischen Problem« ein Ende setzte. Dann dachte er an Ellie, daran, wie schön sie war, und dass sie das alles gar nicht berührte. Was für eine Zuflucht bedeutete sie für ihn! Sie hatte nicht die leiseste Ahnung von seinem Doppelleben. Und selbst wenn sie davon wüsste, würde sie nur darum bitten, mitkommen zu dürfen, um das Abenteuer begeistert zu fotografieren. Für Ellie gab es weder Politik noch Streitfragen, nur Menschen und ihre Kamera. Luxusschiffe könnten kollidieren und sinken, aber das Einzige, was Ellie daran interessieren würde, war, dass die Menschen zum Schluss doch noch überlebten und dass sie genügend Filme hatte, um das Ereignis festzuhalten. Sie ist Journalistin mit Leib und Seele, dachte Mosche. Abgesehen davon, dass er eine tiefe Zuneigung zu ihr empfand, war ihre Kameradschaft ein perfekter Deckmantel für einen Mann, 26
der von den britischen Behörden gesucht wurde und wegen seines Schmugglergeschickes unter dem Namen »das Känguru« bekannt war. Niemals ließ er sich mit jemandem sehen, der auch nur im Entferntesten im Verdacht stand, Mitglied der Haganah zu sein. Ellie und ihre Kamera waren seine einzigen Berührungspunkte mit anderen Mitgliedern der Organisation. Fotografien von Hieroglyphen und Keilschriftzeichen übermittelten den Mitgliedern chiffrierte Nachrichten über seine Vorhaben, wenn er sie davon in Kenntnis setzen musste. Eine Serie von hebräischen Schriften, von Schriftrollen abfotografiert, enthielt z. B. Informationen über seine Pläne und Absichten. Ellie nahm die Bilder auf und ein arabischer Bote überbrachte sie anderen »Mitgliedern« der archäologischen Gesellschaft – alles sehr unauffällig und sicher. Niemals hegte sie auch nur den geringsten Zweifel und selbst wenn, war Mosche sich nicht sicher, ob ihr das überhaupt etwas ausgemacht hätte. Ihre Hilfe war also nicht nur praktisch, sondern Ellie war für ihn auch die entzückendste Frau, die er je kennengelernt hatte. Manchmal dachte er, dass er in sie verliebt sei. Er hoffte, dass er später einmal mehr Zeit haben würde, um sich über seine Beziehung zu ihr mehr Klarheit zu verschaffen. Im Augenblick jedoch stand zu viel anderes auf dem Spiel: die Zukunft einer Heimstätte für die Juden. Er konnte es sich nicht leisten, zu weit in die Zukunft zu denken oder gar sich zu verlieben. Ein Mann, der liebt, neigt zu sehr dazu, am Leben zu hängen. Ein Mann, der liebt, verliert den Mut und die Fähigkeit, dem Tod ins Auge zu sehen, ohne mit der Wimper zu zucken. Ein Mann, der liebt, zögert, wenn sich die Gefahr über ihm zusammenbraut. Deshalb wollte Mosche warten, bevor er Ellie zu viel Raum in seinem Herzen gab. Doch schon jetzt hatte sie ihm sein Leben in gefährlicher Weise wertvoll gemacht. Obwohl die Lichter an der Küste inzwischen deutlicher zu erkennen waren, gab es immer noch kein Anzeichen einer Verfolgung durch die Behörden. 27
Mosche schlug den Kragen seines blauen Wollmantels hoch und zog seine Mütze tief in die Stirn. Als das kleine Schiff von einer besonders hohen Welle erfasst wurde, fiel er nach hinten gegen einen anderen Menschen, eine Frau, und brachte sie beinahe zu Fall. Sie war eine der Flüchtlingsfrauen. Wie lange hatte sie schon dort gestanden und ihn betrachtet, während er in Gedanken versunken war? Er stützte sich auf ihren Arm, um wieder festen Stand zu gewinnen. »Verzeihen Sie«, meinte er und suchte für sie einen sicheren Halt an der Reling. »Sie sollten eigentlich unten bei den anderen sein.« »Die See ist heute stürmisch«, erwiderte sie ausweichend und entzog sich seinem Griff. Im Schein der Sterne konnte Mosche flüchtig ihr Gesicht erkennen. Ihre Haut sah im Kontrast zum dunklen Rahmen ihres Haares sehr hell aus und ihre Stimme klang jugendlich. Obwohl sie in einen dicken Schal gehüllt war, ahnte er aufgrund ihres Zusammenstoßes, wie leicht, beinahe zerbrechlich, sie war. »Ist die See immer so stürmisch?«, fragte sie ernst und sah ihn mit hellen, leuchtenden Augen an. »Manchmal ist es viel schlimmer. Nichts Besorgnis erregendes.« Sie blickte über die Reling in das schwarze schäumende Wasser. »Ich kann nicht schwimmen«, bemerkte sie ruhig. »Schwimmen gehört also nicht zu Ihrem Reisegepäck«, erwiderte er lächelnd. Sie sah ihn einen Moment lang an, ohne seinen Versuch, humorvoll zu sein, zur Kenntnis zu nehmen, wandte sich dann aber ab und betrachtete schweigend das Ufer. »Das ist es, nicht wahr? Palästina?«, fragte sie. »Ja«, antwortete er. »Aber es steht unter der Kontrolle der Streitkräfte Seiner Majestät.« »So nah«, meinte sie traurig. »Werden sie uns verfolgen?« »Schon möglich«, erwiderte Mosche. »Wenn sie Wind von uns bekommen ...« 28
»Ich kann nicht schwimmen«, wiederholte sie. »Ich will nicht in Gefangenschaft geraten.« »Sie sollten unten bei den anderen sein«, beharrte er, weil er allmählich Sorge bekam, wie sie wohl reagieren würde, wenn sich ein Kanonenboot am Horizont zeigte. »Bitte«, flehte sie, indem sie die Reling mit festem Griff umklammerte. »Ich kann nicht. Es ist so eng, so überfüllt da unten. Lassen Sie mich nur einen Moment frei atmen.« Mosche trat einen Schritt zurück und fragte sich, während er sie schweigend betrachtete, welche Qualen diese junge Frau durchgemacht haben musste, bevor sie hierhergekommen war. »Unser Landeplatz liegt nur ein paar Kilometer nördlich von hier«, entgegnete er ruhig. »Ihre Heimat, Ihre neue Heimat, ist ein Kibbuz nicht weit ent...« »Ich gehe nach Jerusalem«, unterbrach sie ihn. »Ich habe Familie dort. Ich bin nicht als Einzige übrig geblieben. Ich habe anders als all die anderen Familie!« Die letzten Worte spie sie förmlich aus und es war etwas in ihrer Stimme, das sie auf unbestimmte Weise von den anderen dreiundachtzig Menschen, die auf das Gelobte Land hofften, unterschied. »So«, meinte Mosche etwas unschlüssig, weil er den Zorn in ihrer Stimme nicht begriff. »Dann können Sie sich ja glücklich schätzen.« »Glücklich«, wiederholte sie matt. »Ich hatte vergessen, dass es dieses Wort überhaupt gibt.« Dann drehte sie sich um und verschwand, gegen das Schlingern des Schiffes ankämpfend, durch die Luke nach unten. Mosche suchte noch einmal den Horizont ab und folgte dann der jungen Frau die Leiter hinunter. Alle, Jung und Alt, hockten zusammengepfercht auf dem Boden. Ein kleines Kind weinte und eine alte Frau versuchte es zu beruhigen. Die anderen aber schwiegen. Eine trübe Laterne schwang am mittleren Balken und warf fahle Schatten auf ihre abgemagerten Gesichter. Als Mosche auf der Leiter erschien, wandten ihm alle ihre Augen hoffnungsvoll zu 29
– alle außer der jungen Frau, der er gerade oben auf Deck begegnet war. Sie hielt sich, steif in einer Ecke sitzend, abseits von den anderen. Ihr langes dunkles Haar bewegte sich mit den Schatten und feuchte Strähnen klebten in ihrem Gesicht. Wie schön sie ist, dachte Mosche flüchtig. Sie hatte ein schlankes Gesicht und bemerkenswert volle Lippen. Die Frau starrte auf den Boden und weigerte sich standhaft, den Mann anzusehen, der ihr gesagt hatte, dass sie sich »glücklich« schätzen könne. Sie war tatsächlich nicht wie die anderen. Geistesabwesend strich sie mit ihren Fingern über die Tätowierung ihrer Identifikationsnummer auf ihrem Unterarm. Als ob sie sie abreiben wollte, dachte Mosche. Eine Welle von Mitleid überkam ihn. Er wusste, dass sie immer noch litt. Ein zerlumpter, vagabundenhaft aussehender Mann folgte Mosches Blick zu der jungen Frau und fragte dann: »Haben Sie Neuigkeiten für uns?« Damit hatte er Mosche wieder in die Realität zurückgeholt. »Wir sind …«, begann Mosche und musste erst den Kloß in seinem Hals hinunterschlucken. »Wir sind bald am Ziel.« Er lächelte über das Leuchten, das die müden Gesichter verwandelte, und das freudige Gemurmel, das durch die Gruppe ging. Nur die schöne Frau zeigte keine Reaktion. »Wie lange noch?«, war die erste Frage. »Was ist mit den Briten?« – »Wann kommen wir an?« »Vielleicht in einer Stunde«, erwiderte Mosche. »Während unserer Fahrt war Funkstille. Bis jetzt sieht es so aus, als ob die Briten noch keinen Wind von uns bekommen hätten. Geben Sie die Hoffnung nicht auf. Wir sind bald in der Heimat.« Mosche warf noch einen kurzen Blick auf das niedergeschlagene Gesicht der jungen Frau und machte dann auf der Stelle kehrt, um seine Nachtwache auf Deck wieder aufzunehmen. Als er aus dem stickigen Lagerraum emporstieg, wehte ihm ein frischer Wind ins Gesicht. Er schlug seinen Kragen wieder hoch und schwankte mit gesenktem Kopf über Taurollen und 30
Fischernetze vorwärts. Wenn das Schiff keine illegalen Passagiere transportierte, war es ein normales Sardinenschiff. Es führte, mit anderen Worten, ein Doppelleben. »Es ist also ganz passend, dass man hier alle wie die Sardinen zusammenpfercht«, sinnierte Mosche. Der Kapitän, ein rumänischer Jude namens Ehud Schiff, hatte sein legales Auskommen als Fischer. Sein einziger Lohn für seine illegalen Aktivitäten war die Befriedigung, dass die Fracht, die er nach Palästina lieferte, sozusagen direkt vor der Nase der gesamten britischen Flotte herfuhr. Mosche wusste, dass bei Ehuds Tätigkeit als Blockadenbrecher sein Wunsch, den Engländern eins auszuwischen, genauso groß war wie sein Patriotismus und sein Mitleid. Grauhaarig und behaart und stark nach dem Fang vom Vortag riechend, gehörte Ehud Schiff doch zur Elite der Blockadenbrecher. Er und sein dürftiges kleines Schiff hatten allein in den letzten vier Monaten die stattliche Zahl von zwölfhundert Flüchtlingen verbuchen können. Wenn man noch bedachte, dass die Briten jeden Monat nur fünfzehnhundert Juden legal ins Land ließen, hatte er eine eindrucksvolle Leistung vollbracht. Dabei war er nur einer von vielen, die nicht nur den Verlust ihres Schiffes, sondern auch eine Gefängnisstrafe riskierten, wenn sie gefasst wurden. In der Nähe von Tel Aviv schwammen oft Teile von anderen kleinen Schiffen im Wasser, die dieselbe Heldentat versucht hatten. Als Mosche zu Ehud am Steuer aufsah, lächelte er, weil er daran denken musste, dass Ehud oft, wenn sie nach einer besonders schwierigen Fahrt wieder in den Hafen einliefen, bei der Vorbeifahrt an dem Wrack eines weniger glücklichen Schiffes seinem alten Schiff zumurmelte: »Schließ deine Augen, meine Liebe. Sieh nicht hin, mein Schatz.« Dann ließ er jedes Mal seine knochigen, vom Wetter gegerbten Hände über das Steuer gleiten, als ob er das Gesicht seiner Geliebten liebkosen wollte. Aber das Lustigste an Ehud und seinem Sardinenschiff war wohl, dass sein Name Ave Maria war. Ein jüdisches Sardinenschiff »Gegrüßet seist du, Maria« zu nennen, musste einem, gelinde gesagt, merkwürdig erscheinen. 31
»Ich habe dieses Schiff in Italien gekauft«, knurrte Ehud, wenn man ihn nach dem Grund fragte. »Maria war Jüdin und trug ein jüdisches Kind. Ist das dann etwa kein passender Name für meinen Engel?« Niemand ließ sich auf eine Diskussion mit ihm ein. Einige Rabbis mochten wohl scheel geguckt haben, aber die britische Marine hatte die Ave Maria auch nicht ein einziges Mal angehalten, wenn sie »schwanger« war. Und alle, denen sie das Leben im Land Palästina schenkte, segneten ihren muschelverkrusteten Schiffsrumpf. Am Bug nahm Mosche wieder seine Kräfte zusammen und schaute angestrengt nach Tel Aviv hinüber. Er konnte die Umrisse von Schlachtschiffen erkennen, die vor Anker lagen. Da er mit bloßem Auge keine Einzelheiten ausmachen konnte, nahm er das Fernglas zu Hilfe. Dort hinten, im Widerschein der Lichter der Stadt, entdeckte er etwas, das sein Herz einen Moment lang stocken ließ, um es dann als scharfen Kontrapunkt zum Tuckern des Schiffsmotors schlagen zu lassen: zwischen zwei vor Anker liegenden Schiffen bewegten sich die Leuchtkegel eines dritten Schiffes in direktem Kurs auf die Ave Maria zu. Ein Blick sagte ihm alles. Mosche machte auf dem Absatz kehrt und sprang die Leiter hinauf zu Ehud, der am Steuer stand. »Ich habe es auch gesehen«, knurrte Ehud, als Mosche bei ihm ankam. »Ein Kanonenboot.« »Ja«, sagte Mosche und fühlte den Schweiß zwischen seinen Schulterblättern. »Es fährt mit Höchstgeschwindigkeit aus dem Hafen.« »Es hält auf jemanden zu.« »Wir sind direkt auf seinem Kurs. Es hat keinen Zweck, es auf eine Verfolgungsjagd ankommen zu lassen«, meinte Mosche. »Ich schätze, wir haben noch fünf Minuten, bevor es uns abfängt.« Ehud streichelte das glatte Holz des Steuers. »Ach, meine Liebe«, sagte er traurig zu dem Schiff, »du bist schön, aber zu langsam, was?« 32
»Wenn wir ihnen nicht davonfahren können, müssen wir ihnen die Sache eben ausreden. Bei einem solchen Wetter werden sie nicht an Bord kommen.« »Aber sie können uns zwingen, zurück in den Hafen zu fahren oder dieses Gewässer zu verlassen.« Mosche lief zur Leiter zurück. »Dreh um, Ehud«, wies er ihn an. »Aufs Meer hinaus.« Mosche tastete sich den Weg die Luke hinunter, während die Ave Maria eine heftige Kehrtwendung machte. Die schwingende Laterne beleuchtete die angstvollen Gesichter der Männer und Frauen im Lagerraum. Sie brauchten keine Erklärung. Die Richtungsänderung des Schiffes und Mosches Gesicht sagten ihnen deutlich genug, dass etwas schiefgegangen war. Mosches Blick streifte kurz den Blick der jungen Frau. Ihre Augen waren voller Resignation und Anklage. Warum hatte er ihnen Hoffnung gemacht? Sie sah schnell weg. »Ist irgendjemand von Ihnen Fischer?«, wollte Mosche wissen. »Wir brauchen sofort eine Mannschaft oben auf Deck.« Drei dürre Männer, nur noch die Schatten der jungen, kraftstrotzenden Fischer, die sie einst gewesen waren, standen auf und bahnten sich den Weg zu Mosche. Keiner von ihnen sah aus wie ein Fischer aus dem Mittelmeerraum. Von ihren abgetragenen Straßenschuhen bis hin zu ihren langen schwarzen Mänteln und sackartigen Westen, die um ihre abgemagerten Körper hingen, waren sie unverkennbar europäische Juden, die sich durch die Hintertür nach Palästina einschleichen wollten. Sie wären sofort durchschaut, wenn die Ave Maria angehalten würde. Mosche untersuchte die Gruppe nach Mützen und Mänteln, die den kritischen Blicken der britischen Marineoffiziere standhalten könnten. Mehrere Flüchtlinge trugen Mützen, die denen griechischer Fischer ähnlich sahen. Besser ging es eben nicht. Mosche riss sie den verwirrten Besitzern vom Kopf und durchstöberte dann die Fächer unter ihren Sitzen nach Regenmänteln und Stiefeln. Er 33
fand einen ölgetränkten, aus dickem Garn gestrickten Pullover und einen zerrissenen Wollmantel. Seinen eigenen Mantel zog er aus und gab ihn einem der drei Männer, der etwa so groß war wie er selbst. »Zieht dieses Zeug an!«, instruierte er sie. »Und seht zu, dass eure Schuhe nicht zu erkennen sind. Man braucht keinen Detektiv, um zu merken, dass euer Schuhwerk nicht für das Deck eines Sardinendampfers geeignet ist. Bleibt hinter den Netzen oder hinter irgendetwas anderem stehen, verstanden?« Die buntgemischte Mannschaft folgte ihm die Leiter hinauf und jeder nahm seinen Posten ein – einer am Steuer bei Ehud, die anderen beiden gaben vor, die Netze zu flicken, die über das Deck verstreut lagen. Mosche stand in der Nähe der Luke und trank bedächtig einen Becher kalten Kaffees: ein Bild der Unbekümmertheit, wie er hoffte. Er hoffte auch, man würde ihnen glauben, dass die Ave Maria gerade erst aus dem Hafen auslief und nicht von einer längeren Reise zurückkehrte. Im Gegensatz zu dem kleinen Schiff, das von den Wogen auf und nieder getragen wurde, flitzte das britische Kanonenboot durch die Wogen wie ein Terrier auf der Jagd nach einer Katze. Sein unheilvolles Dröhnen schwoll mit dem Wind an und schien dabei warnend zu knurren: »Weg, weg, weg.« Aber sie konnten nicht weg. Es gab nur noch den einen kleinen Hoffnungsschimmer, dass sie wie durch ein Wunder übersehen würden und das Boot an ihnen vorbeifuhr. »Gott Abrahams«, betete Mosche, »gedenke unser.« Wenn dieses Wunder nicht eintreten sollte, wäre nur noch ein anderes denkbar: dass die Briten sie für Sardinenfischer hielten, die zum Morgenfang ausliefen. »Denk daran, wie diese, deine Kinder, gelitten haben.« Mosche dachte an die Käfige, die sich auf den Decks der britischen Deportationsschiffe befanden; Käfige für festgenommene Immigranten auf ihrem Weg in die Straflager von Zypern: noch mehr Stacheldraht, wieder Gefangenschaft für die Kinder, von denen manche noch keinen Atemzug in Freiheit getan hatten. 34
»Wir wagen nicht, unsere monatliche Quote von Juden zu überschreiten«, hatte ihm ein britischer Oberst bei einem Glas Bier im King David erklärt. »Warum gehen sie nicht einfach dorthin zurück, wo sie hergekommen sind? Und wann hören sie damit auf, die Araber zu reizen?« Während der gesamten acht Jahre, in denen er Juden aus dem von den Nazis beherrschten Europa geschmuggelt hatte, war Mosche niemals näher daran gewesen, sich zu verraten. Mit kaltem Blick und starrem Lächeln hatte er entgegnet: »Zurück in die Öfen von Auschwitz, was?« Der Oberst hatte unbehaglich gelacht und dann, von Mosches Blick befangen, heftig die Nase gerümpft. »Sie wissen ja, was ich meine. Mann, Sie sind doch von hier. Sie merken doch sicher, dass die Einwanderung nichts als Probleme bringt. Wir werden die Verantwortung für einen zweiten Holocaust zu tragen haben und dieses Mal werden die Araber sich die Hände schmutzig machen, stimmt doch, oder?« Ja, dachte Mosche, unter den duldenden Augen des Britischen Mandats in Palästina konnten die Araber tun, was sie wollten. Juden wurden nicht nur daran gehindert, das Land zu betreten, sondern darüber hinaus wurde den einheimischen Juden Palästinas untersagt, irgendetwas bei sich zu tragen, das auch nur im Entferntesten an eine Waffe erinnerte. Ein Jude konnte von britischen Soldaten jederzeit und bei jeder Gelegenheit angehalten und durchsucht werden; er konnte sogar verhaftet werden, wenn er nur eine Schere bei sich trug. Ein Araber hingegen konnte in aller Öffentlichkeit ein Gewehr auf dem Markt verkaufen. Die Briten sagen ein blutiges Massaker an den Juden durch die Araber voraus, wenn die Resolution über die Teilung heute Nacht rechtskräftig wird, dachte Mosche. Die Araber haben geschworen, die Juden ins Meer zu treiben. Vielleicht würden sie ihren Schwur auch in die Tat umsetzen, aber niemals wieder würden Juden wie Schafe kampflos sterben. »Niemals wieder«, murmelte Mosche, als er die Lichter des Kanonenbootes wie gefährlich leuchtende Augen über die Wasserfläche jagen sah. 35
»Weg, weg, weg«, brummte das Kanonenboot. »Niemals wieder!«, murmelte Mosche. »Nie wieder werden wir weggehen.« Er fühlte eine heiße Welle des Zorns durch seinen Körper fluten. Wie David gegen Goliath würde sich der kleine Staat Israel erheben und kämpfen, sollte er heute Nacht tatsächlich geboren werden. Auch die Ave Maria würde kämpfen und lieber untergehen, als ihre Kinder den Straflagern in Zypern preiszugeben. Es hatte schon genug sinnloses Leiden gegeben. »Gott Abrahams«, betete Mosche, »gedenke unser!« Das Kanonenboot war jetzt ungefähr 400 Meter hinter ihnen und noch immer nicht von seinem direkten Kurs auf das Rettungsschiff abgewichen. Suchscheinwerfer wurden zum Leben erweckt und durchtrennten die Dunkelheit mit ihren Strahlen. Mosche musste an die Scheinwerfer denken, die während des Blitzkrieges den Himmel über London nach deutschen Bombern abgesucht hatten. Jetzt suchten die Scheinwerfer mit derselben gewissenhaften Entschlossenheit die Opfer der Nazityrannei. Plötzlich durchzuckte Mosche ein Gedanke, der ihm zutiefst widerstrebte: »Für die sind wir alle gleich, eben Feinde.« Mosche schaute zum Steuerhaus hinauf, von wo aus Ehud das Schiff unter Kontrolle hielt. Nur noch wenige Augenblicke und sie würden entdeckt sein. Die Ave Maria tuckerte tapfer vorwärts. Die Scheinwerfer schoben sich näher heran und tasteten das Meer nur etwa 350 Meter hinter ihnen ab. »Gott Abrahams – Gott Zions«, flüsterte Mosche. Dann wurde er plötzlich von hinten angerempelt. Jemand stieß mit aller Kraft durch die Luke und stürmte aufs Deck. Mosche wurde nach vorn geworfen und verschüttete seinen Kaffee, als er über eine Seilrolle stolperte. »Ich will nicht in Gefangenschaft kommen!«, schrie eine verzweifelte Stimme. »Ich kann nicht! Lassen Sie mich sterben.« Es war die junge Frau. Sie kletterte über Mosche, der am Boden lag, und rannte zur Reling. 36
»Nicht springen!«, schrie Mosche, während er mühsam versuchte, sich wieder auf die Beine zu stellen. »Springen Sie nicht!« Aber die junge Frau rannte einfach weiter und sprang, ohne anzuhalten, über die Reling ins Wasser. »Oh Gott!«, rief Mosche und sprang ohne zu überlegen hinterher. Kalte Schwärze umfing ihn, drang sofort in seine Stiefel ein und zog ihn in die Tiefe. Er musste ganz nah bei der jungen Frau sein. Als er wieder über Wasser war, schnappte er nach Luft und hielt sich, mühsam gegen das Gewicht von Stiefeln und Kleidung ankämpfend, durch Beinarbeit über Wasser, während er sich nach ihr umsah. Ihr Körper würde ums Überleben kämpfen, das wusste er, obwohl ihr Geist den Tod suchte. In weniger als drei Meter Entfernung hörte er sie würgen und gegen die See ankämpfen, die Anspruch auf sie erhob. Er tauchte unter, streifte seine Stiefel ab, tat einen tiefen Atemzug und schwamm durch das schäumende Kielwasser der Ave Maria zu ihr. In ihrem verzweifelten Kampf gegen den Zugriff des Todes schlug sie wild mit den Armen um sich und traf dabei Mosche hart an der Wange. Er tauchte und fasste sie um die Hüfte, kam nach Luft schnappend wieder nach oben und nahm sie in den Rettungsgriff, während er mit kräftigen Beinschlägen versuchte, an der Oberfläche zu bleiben. »Hör auf, um dich zu schlagen, du Idiot!«, schrie er sie an. »Du bringst uns beide noch um!« Mit einem Mal lag sie regungslos in seinen Armen. War sie ohnmächtig geworden? »Lassen Sie mich sterben«, röchelte sie, während sie unter Husten Wasser schluckte. »Ach, lassen Sie mich doch sterben!« »Seien Sie still, sonst tue ich es wirklich.« Während er mit dem linken Arm ihr Kinn umschlang, um ihren Kopf über Wasser zu halten, führte er mit dem rechten Arm kräftige Ruderbewegungen aus, um sie beide vor dem Untergehen zu bewahren. Sie bäumte sich kurz auf, als ihr eine Welle ins Gesicht spritzte und ihren Mund mit Salzwasser füllte. »Entspannen!«, brüllte er ungehalten. Was, in aller Welt, hatte 37
er getan? Nur drei Kilometer vom Ufer entfernt nach einer Verrückten ins Meer zu springen? Die Ave Maria tuckerte in einiger Entfernung links von ihm und ihr Motor stotterte jedes Mal, wenn sie hinter einer Welle niederging. Rechts von ihm ragte drohend das Kanonenboot auf. Mosche verabscheute den fürchterlichen Gedanken, sein Leben als kleingehacktes Fischfutter unter einem britischen Kanonenboot zu beenden. »Gott Abrahams!«, brüllte er gegen den Strudel des Todes an. Es war keine Zeit mehr, aus der Fahrtrichtung des Kanonenbootes herauszuschwimmen. Keine Zeit! Es sei denn, er überließe die junge Frau sich selbst. »Gott!«, rief er wieder. »Lassen Sie mich sterben!«, schrie gellend die junge Frau. »Bitte! Retten Sie sich selbst!« »Halten Sie den Mund!«, befahl er, während er im Angesicht des Todes mit aller Kraft mit den Beinen arbeitete. »Schwimmen Sie weg!«, flehte sie. »Das war meine Entscheidung, nicht Ihre.« Ihr nasses schwarzes Haar schwamm wie Seetang um ihn herum auf der Wasseroberfläche und klebte an seinem Gesicht. Er wollte nicht sterben. Nicht auf diese Weise. »Höre, oh Israel ...« Er begann das Schema zu sagen, das Todesgebet der Juden. »Der Herr ist unser Gott; der Herr ist Einer ...« »Retten Sie sich selbst!«, schrie sie wieder. »Der Herr ist unser Gott ...« Er bemühte sich verzweifelt, über Wasser zu bleiben, aber seine Last zog ihn in die Tiefe. Er klammerte die junge Frau fest an sich, als der Bug des Kanonenbootes nur noch etwa hundert Meter vor ihnen aufragte. So also war es, wenn man sterben musste. »Höre, oh Israel ...«, rief Mosche lauter. »Sprechen Sie mit mir«, forderte er. »Los!« »Höre, oh Israel, der Herr, unser Gott, ist Einer«, japsten sie beide zusammen. Sie glaubten ihren Augen nicht zu trauen, als sie sahen, dass das Kanonenboot langsam von ihnen abdrehte, weg von der Ave 38
Maria. Lichtstrahlen glitten über die Wogen wie Wasserläufer, ganz dicht an der Stelle vorbei, an der Mosche und die junge Frau hilflos im Wasser schaukelten. Wenn das Licht sie einfing, würden sie aus dem Wasser gezogen und in die relative Sicherheit eines britischen Gefängnisses gebracht werden. Das Scheinwerferlicht kam näher und tanzte nur Zentimeter von ihnen entfernt übers Wasser. »Lassen Sie mich los!«, sträubte sich die junge Frau schwach. »Ich darf nicht gefangen werden.« Mosche war sich augenblicklich darüber im Klaren, dass zumindest für diese Frau der Tod gnädiger wäre als die Gefängniskäfige. »Still!«, schrie er gegen das Dröhnen des Motors an. »Wenn ich ›jetzt‹ sage, halten Sie die Luft an.« Sie nickte verzweifelt, da ein heller Lichtkegel geradewegs auf sie zu glitt. »Jetzt!«, rief Mosche, füllte seine Lungen und zog sie hinunter. Der Lichtschein glitt über sie hinweg, erleuchtete das Wasser in einer unheimlichen grünen Farbe und strich wieder über die Stelle, an der sich die Haare der jungen Frau fächerförmig an der Wasseroberfläche ausbreiteten. »Es ist nichts«, vermeinte Mosche einen Seemann sagen zu hören. »Nur Seetang.« Das Kanonenboot glitt vorbei, weniger als 50 Meter von der Stelle entfernt, an der sie auftauchten und ihre Lungen mit köstlicher Luft füllten. Auf dem Deck konnte man die schwachen Umrisse der Seeleute erkennen, die keinerlei Verdacht hegten, dass sie nur um Sekunden einen Fang verpasst hatten. Das stark aufgewühlte Kielwasser des Kanonenbootes brandete auf sie zu und warf sie mit Macht durch die hohen Wellen Richtung Ufer. »Lassen Sie sich tragen«, schrie Mosche und presste seine Last fest an sich. »Strampeln Sie mit den Beinen! Strampeln, sage ich, vielleicht überleben wir dann beide!« Das Kanonenboot setzte seine große Kurve fort und machte dabei nacheinander alle Scheinwerfer aus. Er kraulte langsam auf die Lichter im Hafen zu. 39
Was hatte das britische Schiff veranlasst abzudrehen, da es so nah an seinen Opfern war? Mosche sah sich nach dem langsam in der Ferne verschwindenden Kanonenboot um, während es einen weiten Bogen in Richtung Tel Aviv beschrieb. Es hatte einfach nicht geahnt, was sich nur wenige Meter außerhalb der Reichweite seiner suchenden Scheinwerfer befand. Mosche dachte an die Ave Maria. Möglicherweise würde Ehud, wenn das Kanonenboot in sicherer Entfernung war, nach ihnen suchen. Die »Mannschaft« hatte zweifellos ihren dramatischen Sprung ins Meer mit angesehen. »Gott, lass ihn nicht umdrehen, um uns zu suchen. Sag ihm, dass es hoffnungslos ist«, betete Mosche. Das Gewicht des Rocks, den die junge Frau trug, zog ihn in die Tiefe und dieser wickelte sich um seine ermüdenden Beine. Er brach seine langsamen Kraulbewegungen in Richtung Ufer ab und hielt sich nur noch durch Beinarbeit über Wasser, weil sie sich kläglich gegen ihn lehnte. »Sie müssen Ihren Rock ausziehen«, wies er sie an. »Ich kann nicht gegen die See ankämpfen und auch noch gegen den Rock.« Er merkte, wie sie sich vor Ablehnung steif machte. »Dann ertrinke ich«, sagte sie mit erstickter Stimme. »Ach, jetzt will sie also leben!«, spottete er. »Ziehen Sie Ihren Rock aus, sonst ertrinken wir beide.« Mit Mosches Unterstützung knöpfte sie unbeholfen ihren Wollrock auf und stieß ihn mit dem Fuß weg. Unter Würgen und Schlucken von Salzwasser gelang es ihr schließlich auch, ihre Arme zu befreien. Als ihr Unterrock um ihren Körper schwamm, fühlte sie sich sofort erleichtert. Schließlich erlahmte ihre Anspannung in Mosches Griff vor Erschöpfung. »Ich kann nicht mehr«, stöhnte sie. »Haben Sie Lust auf eine Meeresbestattung?«, fragte er spöttisch. »Beweg deine Beine, Mädchen. Ich lasse Sie einen Moment los.« »Nein!«, schrie sie und klammerte sich an seine Arme. »Ich muss meine Hose ausziehen. Und meinen Pullover.« Er 40
stieß sie kräftig weg, in dem Vertrauen, dass sie immer noch um sich schlagen würde, bis er fertig war. Er glitt unter die Wasseroberfläche, während er seinen Pullover über den Kopf zog und seine schwere Hose mit den Füßen wegstieß. Er zog sie, um sie nicht zu verlieren, vorsichtig an die Wasseroberfläche. Mit einem starken Armzug war er wieder an ihrer Seite und zog sie an den Haaren zu sich heran. »Entspannen«, befahl er, »oder ich lasse Sie wieder los.« Sie hustete und schluchzte voller Protest, aber er fühlte, wie sich ihr schlanker Körper entspannte. Mit einem Schwung schwenkte Mosche seine schwere Hose durch das Wasser vor sie hin. »Ihre Hände sind frei«, meinte er. »Knoten Sie die Hosenbeine am Aufschlag zusammen.« Mit einiger Anstrengung machte sich die junge Frau an der Hose zu schaffen und gehorchte den Anordnungen, auch wenn sie diese nicht verstand. »Fertig«, sagte sie. Mosche unterbrach die Beinarbeit noch einmal, nahm ihr die Hose ab und öffnete sie im Bund, sodass er Luftblasen im Innern des wassergetränkten Stoffes einfangen konnte. Er schlang die Hosenbeine unter ihre Arme, wobei er den Hosenbund unter Wasser hielt, sodass die Luft nicht entweichen konnte. »So. Ihre Schwimmweste ist fertig.« Mosche legte seinen Arm um sie. »Jetzt schwimmen Sie«, ordnete er an, »oder ich liefere Sie den Briten persönlich aus.«
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