Nancy Rue
Am Ende der Unendlichkeit Ein Roman über die Wette des Blaise Pascal
Die Wette des Pascal Entweder existiert Gott oder er existiert nicht. Diese zwei Möglichkeiten gibt es. Doch für welche Möglichkeit sollen wir uns entscheiden? Allein mit der Vernunft können wir nichts entscheiden. Uns trennt die Unendlichkeit. Am Ende der Unendlichkeit wird eine Münze geworfen, die – wenn sie gefallen ist – entweder Kopf oder Zahl zeigen wird. Worauf setzt du? Die Vernunft kann weder vorhersagen, wie du dich entscheiden wirst, noch kann sie deine Entscheidung begründen. Lass uns die Konsequenzen deiner Wahl abwägen: Angenommen, Kopf bedeutet, dass Gott existiert, und du setzt darauf. Wenn du gewinnst, gewinnst du alles; doch wenn du verlierst und die Münze mit der Zahl aufkommt, verlierst du nichts. Deshalb zögere nicht – wette darauf, dass Gott existiert. Blaise Pascal (1623–1662)
Kapitel 1 Ich kam wieder einmal viel zu spät zum Auditorium Maximum der Universität. Es war meine Form eines leisen Protests – am liebsten wäre ich gar nicht erst hingegangen. Ich gab es nicht gerne zu, aber auch mit dreißig Jahren fand ich es unglaublich schwierig, mich meiner Mutter gegenüber durchzusetzen. Andererseits stand ich damit nicht allein da. Von Dr. Elizabeth McGavock, der bedeutenden Hämatologin und begnadeten Verwaltungschefin im dezent-eleganten Designeranzug, ließen sich noch ganz andere Kaliber einschüchtern. Diese Beschreibung meiner Mutter ist übrigens keine Übertreibung. Schade eigentlich. Als ich an diesem Oktoberabend über den Campus hetzte, dessen altehrwürdige Gebäude förmlich Wissenschaft zu atmen schienen, lag eine feuchte Kühle in der Luft. Ich konzentrierte mich auf mein altes Mantra: Lass dich von ihr bloß nicht fertigmachen, Jill. Schließlich ist sie schon fünfundfünfzig – und du erst dreißig. Du hast ja überhaupt noch keine Zeit gehabt, es so weit zu bringen wie sie. Das kann sie dir schließlich nicht zum Vorwurf machen. Sie kann dir überhaupt gar nichts zum Vorwurf machen. Aber ich merkte trotzdem, wie sich mein Gesicht zu einem hässlichen Grinsen verkrampfte. Ich wählte die Abkürzung über die Wiese und nahm die letzten Stufen zum Audimax in einem leichten Galopp. Wem wollte ich hier eigentlich etwas vormachen? Ein einziger kritischer Blick, eine einzige abfällige Bemerkung vonseiten meiner Mutter – und mein Tag war gelaufen, so oder so. Als ich zum Eingang weiterlief, kam ich mir vor wie eine Sechstklässlerin, die zu spät zur Schule kommt. Im Gegensatz zu den meisten Gebäuden auf dem Universitätsgelände ist das Audi5
max keines der üblichen alten, efeuumrankten Bauten, sondern ein moderner, weitläufiger Bau, der irgendwie an eine Ranch erinnert. Und wer weiß, vielleicht war das ja sogar Absicht, um dem Ganzen einen Hauch von Gemütlichkeit zu verleihen. Meine Mutter schien sich dort nach fünfundzwanzig Jahren jedenfalls wie zu Hause zu fühlen; heute Abend allerdings war sie als Ehrengast geladen. Die Eingangstür öffnete sich und ein Student kam mir entgegen. Er trug das Jackett, das der Cateringservice der Universität den Aushilfen für solche Anlässe zur Verfügung stellte, und leierte seinen Guten-Abend-sind-Sie-hier-für-das-JubiläumsbankettGruß herunter, als würde er ihn ablesen. Ich bin nicht wegen des Essens hier, Kleiner, war ich versucht zu sagen. Aber ich nickte nur und er deutete hinüber zum großen Saal. Mom hatte es also offensichtlich weit gebracht, wenn man den edelsten Speisesaal reservierte, um ihr Jubiläum zu feiern. Na ja, wirklich überraschend war das nicht. Ich schenkte dem Kleinen ein verkrampftes Lächeln und machte mich zunächst einmal schnurstracks auf in Richtung Damentoiletten. Zum Glück war niemand da, aber auch wenn alle Kabinen belegt gewesen wären, hätte mich das nicht davon abgehalten, mich ausgiebig im Spiegel zu betrachten. Dank einiger guter Gene väterlicherseits verfügte ich über eine einigermaßen reine Haut, dunkle Augen und dunkles Haar. Meine Mutter hielt mir seit der Pubertät Vorlesungen darüber, dass ich unbedingt Make-up auflegen und ein bisschen eleganter aussehen sollte. Aber ich hatte nie auf sie gehört. Sie hatte auch bei mehr als einer Gelegenheit gemeint, mich darauf hinweisen zu müssen, dass ich mit hochgesteckten Haaren viel professioneller aussah. Also griff ich nach der Spange, die mein Haar zusammenhielt, und ließ es mir in dunklen Wolken auf die Schultern fallen. Ich konnte fast schon ihre bissige Bemerkung hören: »Wenn du schon unbedingt wie ein zotteliger Steppenwolf herumrennen willst, dann hör doch wenigstens auf, dir ständig durchs Haar zu 6
streichen. Als Nächstes fängst du wahrscheinlich noch an, an den Nägeln zu kauen oder in der Nase zu bohren.« Ich ließ meine Nägel und meine Nase in Ruhe, aber auch jetzt konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, mir mehrmals kräftig mit den Fingern durchs Haar zu fahren, sodass es herrlich verwuschelt aussah und allen, die es wissen wollten, deutlich vermittelte, dass ich aufwendige Frisuren für blanke Zeitverschwendung hielt. Dann warf ich mir meine Tasche über die Schulter, raufte mir zum Abschied noch einmal die Haare und machte mich auf den Weg zum großen Speisesaal. Meine schwarze Jacke im Oversized-Look wehte einen halben Schritt hinter mir her und ich sah so ungepflegt aus, dass meine schockierte Mutter wahrscheinlich mit einer Dose Haarspray vom Podium steigen würde. Einige Gabeln klapperten schon, als ich den Raum betrat. Max, der gute alte Teddybär, stand an einem Tisch ganz vorne und winkte mir in seiner gewohnten überschäumenden Lebhaftigkeit zu. Sein dunkler Haarschopf, an dem er schon von Weitem zu erkennen war, geriet dabei gleich mit in Bewegung. Alle Anwesenden im Umkreis von zwei Tischen vergaßen ihr gedünstetes Hühnchen und ihren kalten Brokkoli, rissen die Köpfe hoch und starrten zu mir herüber. Es ist immer ein bisschen schwierig festzustellen, ob Max gerade Beethovens Fünfte dirigiert oder einfach jemanden begrüßt. Er war im Gluckenmodus und flatterte aufgeregt um mich herum. »Ich war schon ganz krank vor Sorge«, sagte er und gestikulierte wild in Richtung seines vollen Tellers. »Schau dir das bloß an. Ich hab kaum einen Bissen heruntergekriegt.« »Bloß weil’s keine Lammfiletspitzchen gibt«, konterte ich und gestattete ihm den obligatorischen Kuss auf beide Wangen, gegen den ich mich nie wehrte, weil Widerstand ohnehin zwecklos war. Max hat mich noch nie gefragt, ob ich eigentlich wie eine Statue aus dem fünften Jahrhundert bewundert und umschwärmt werden will – er tut es einfach. »Setz dich, setz dich doch«, nötigte er mich. »Ich hab denen 7
gesagt, dass sie deinen Teller abdecken sollen. Aber wahrscheinlich ist jetzt trotzdem alles kalt. Soll ich dir noch was bestellen?« »Ist schon in Ordnung«, erwiderte ich. »Ich glaube nicht, dass es warm so viel besser schmeckt.« »Ich kämpfe schon lange nicht mehr für besseres Essen bei Universitätsveranstaltungen«, seufzte Max und seine Worte sprudelten wie üblich in einer bemerkenswerten Geschwindigkeit aus ihm heraus. »Ich hab’s denen schon so oft gesagt – ich hab wirklich alles versucht. Eine Universität von unserem Renommee – und all die Gäste, die wir hier haben ... Jill, Schätzchen, iss doch was, iss doch! Es geht doch nicht an, dass du noch an deinem Nachtisch löffelst, wenn deine Mutter ihre Rede hält. Kennst du eigentlich die anderen hier? Ach du liebe Zeit, ich bin ja wirklich als Gastgeber zu nichts zu gebrauchen ... Das hier ist Jill McGavock, die Tochter von Liz.« Die Vorstellung hätte er sich wahrscheinlich genauso gut sparen können. An den Mienen der Tischgenossen, die etwas müde zu mir herüberblickten, konnte ich ablesen, dass Max den ganzen Abend noch kein anderes Thema gehabt hatte als mich und wo ich denn wohl stecken mochte. Und sie waren ganz offensichtlich erleichtert, dass ich nun endlich aufgetaucht war und sie mit Max über interessantere Dinge reden konnten. Natürlich ist Max furchtbar nett – aber manchmal kann er wirklich ein bisschen anstrengend sein. »Das ist Dr. Wang von der Pathologie«, erläuterte mir Max, »und Stephanie, seine Frau.« »Oh ja, natürlich, wir kennen uns schon«, wandte ich mich an das mausgraue Wesen mit der wilden Dauerwelle. »Guten Abend, Stephanie.« »Ellen Van Dyke«, fuhr Max fort und gestikulierte wild. »Ist gerade in der Krankenhausdirektion eingestiegen. Faszinierend, sag ich dir. Sie erzählt dir sicher von China. Sie war nämlich gerade da und kennt sich wirklich aus.« Er hob die Hand, um den aufkommenden Protest abzuwehren: »Oh doch, Ellen, das stimmt schon. Seien Sie nicht so bescheiden.« 8
»Freu mich schon drauf«, murmelte ich. »Und das ist ... meine Güte, bin ich schon so alt? Wie war Ihr Name noch mal? Du liebe Zeit, Sie müssen das wirklich entschuldigen!« Der Mann, dessen Arm Max inzwischen wrang wie einen Putzlappen, grinste fröhlich. »Ich bin Sam Bakalis«, stellte er sich vor. »Ich hab mich einfach an Ellen drangehängt. Wegen des kostenlosen Essens und so.« Er grinste und deutete auf meinen Teller. »Kann ich von Ihnen auch noch was abhaben?«, fragte er. »Nein, um ganz ehrlich zu sein, bin ich wegen der angenehmen Gesellschaft hergekommen.« »Ach, spar dir das doch, Sam«, zog Ellen ihn auf. »Du kennst alle meine China-Geschichten sowieso schon. Die anderen an diesem Tisch übrigens auch; Sie haben Glück, Jill, dass Sie heute Abend verschont bleiben.« »Aber schauen Sie trotzdem mal in Ellens Büro vorbei und lassen Sie sich ihre Bilder zeigen«, beschwor mich Sam. »Arbeiten Sie auch in der Uniklinik?«, wollte Max wissen. »Nein, ich bin an der philosophischen Fakultät«, erklärte Sam. Ach ja – und was machst du da?, fragte ich mich. Akten sortieren? Aber so einfach war es sicher nicht. Verwaltungschefinnen der Klinik in Stanford daten keine Büroangestellten. Aber dieser Sam sah irgendwie gar nicht aus wie der typische Wissenschaftler. Nicht dass man den typischen Wissenschaftler genau beschreiben könnte; wenn man morgens in einem Pulk von Radfahrern über den Campus radelt, sieht man Universitätsangehörige jeden Stils, auch unter den Dozenten. Nur wenige legen es allerdings ernsthaft darauf an, wie ihre Studenten auszusehen; Sam dagegen hatte offensichtlich genau das getan. Er hatte dunkles lockiges Haar, das fast schon ein bisschen struppig aussah; es lugte hinter seinen Ohren hervor, als wäre er mit dem Geld, das ihm seine Mom für den Friseur geschickt hatte, abends in der nächstbesten Kneipe hängen geblieben. Er hatte buschige Augenbrauen, an die sich offensichtlich auch noch kein Friseur herangewagt hatte. 9
Und er lächelte – nein, grinste – mehr als die meisten Menschen, die eine wissenschaftliche Karriere eingeschlagen haben. Von alldem einmal abgesehen, sahen sein Jackett und sein Hemd so aus, als hätte er sie gerade aus den Tiefen eines riesigen Kleiderstapels gezogen. Meine Güte, du solltest unbedingt an deinem Aussehen arbeiten, bevor du dich auf die Suche nach einem Date machst, dachte ich. Bei Ellen würde ich es an deiner Stelle gar nicht erst versuchen. Die ist eher so ein Typ wie meine Mutter. Frauen in Designerschuhen daten normalerweise keinen Mann, der aussieht wie ein ungemachtes Bett. An dieser Stelle schaute ich von meinem Teller auf und bemerkte, dass das ungemachte Bett mich anstarrte. »Max sagt, Sie schreiben gerade an Ihrer Doktorarbeit«, sprach er mich an. »Stimmt«, bestätigte ich. »Bin jetzt im fünften Jahr.« Ich steh übrigens auch nicht auf ungemachte Betten. »Mathe, nicht wahr?«, hakte Dr. Wang nach. Ich nickte, schob meinen Teller beiseite und nahm mir den Salat vor. Vielleicht war er ja eher genießbar als der Reis mit den undefinierbaren Fleischstückchen. »Mathe – da haben Sie sich ja ganz schön was aufgehalst«, sagte Ellen mitleidig. »Ihre Mutter muss unglaublich stolz auf Sie sein.« »Stolz ist gar kein Ausdruck«, meldete sich Max zu Wort. »Sie plustert sich auf wie ein Pfau, wenn die Rede auf Jill kommt.« Das stimmte nun wirklich nicht. Aber Max hatte es noch nie geschafft, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. In Bezug auf meine Mutter hatte er längst jede Objektivität verloren. Schon vor Jahren war mir aufgefallen, dass die Liz McGavock, für die er sich begeisterte, eine völlig andere Person war als die Liz McGavock, mit der wir anderen alle leben mussten. »Aha, im fünften Jahr«, nahm Sam den Faden wieder auf. »Dann müssten Sie ja schon ziemlich weit sein.« »Bin ich auch«, bestätigte ich. »Ich kann meine Hypothese schon fast beweisen.« 10
»Das ist gut«, freute sich Dr. Wang. »Muss man nicht sowieso in fünf Jahren fertig sein?« »Man kann sich theoretisch schon mehr Zeit nehmen«, erklärte ich, »aber das finanzieren sie einem dann nicht mehr. Und – na ja, sie beginnen sich dann schon zu fragen, ob man das mit der Dissertation wirklich durchzieht.« »Und Ihre Hypothese ist was genau?« Ich sah zu Sam hinüber, der mich durch seine randlose Brille betrachtete. Als ich ihn unter der Kategorie »kleiner Büroangestellter« einsortiert hatte, war mir gar nicht aufgefallen, welche Tiefe seine Augen hatten. Sie waren braun und auf den ersten Blick nicht besonders auffällig, aber sie schienen so direkt auf alles zu blicken, als wäre hinter ihnen irgendetwas, was dauernd die Feineinstellung regulierte. »Wollen Sie wirklich wissen, worum es in meiner Doktorarbeit geht«, fragte ich, »oder versuchen Sie nur höflich zu sein?« »Höflich ist nicht gerade das erste Wort, das mir in den Sinn kommt, wenn ich Sam beschreibe«, bemerkte Ellen trocken. »Und außerdem fällt Differenzialrechnung für gewöhnlich nicht unter Small Talk«, erinnerte uns Dr. Wang. »Dann bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als zu sagen, dass mich das wirklich interessiert.« Sam grinste immer noch unbekümmert. »Wenn sie doch bloß ein bisschen mehr Basilikum in diese Soße getan hätten, wäre sie richtig gut«, versuchte Max das Tischgespräch auf unverfänglichere Themen zu lenken. »War ja mal einen Versuch wert, was, Dr. Ironto?«, sagte Sam zu Max. »Aber krieg ich trotzdem eine Antwort auf meine Frage, bevor wir wieder über das Essen reden?« Max sah aus wie ein Gastgeber, dessen elegante Dinnerparty gerade von einer Gruppe Biker gesprengt wird. Er kannte mich schon viel zu lange. »Was haben Sie denn bisher so über algebraische Topologie gehört?«, begann ich. »Wusste gar nicht, dass es so was gibt«, gab Sam vergnügt zu. 11
»Oha, dann muss ich mit Ihnen noch einen Schnellkurs machen. Sind Sie sicher, dass Sie sich das wirklich anhören wollen?« »Klar.« Sam grinste wieder. »Ich bin bestimmt ein Experte der algebraischen Topologie, bevor der Nachtisch gebracht wird.« Ich legte meine Gabel an den Rand meines Tellers und sah Sam direkt in die Augen. »Ich arbeite besonders auf dem Gebiet der K-Theorie; da geht es um Vektorenbündel. Man kann jedem beliebigen Körper einen Vektorraum zuweisen, sodass sich für jeden Punkt des Körpers ein Vektorbündel ergibt. In der K-Theorie befassen wir uns mit diesen Vektorbündeln.« Sams Mundwinkel zuckten. »Ach ja, jetzt ist mir natürlich alles klar. Wie geht’s euch anderen damit?« Er betrachtete seine Tischnachbarn der Reihe nach und grinste wieder. »Meinetwegen können wir da weitermachen«, antwortete Ellen. »Na gut, aber eigentlich will ich ja etwas ganz anderes wissen«, sagte Sam und lehnte sich weit über seinen Brokkoli. »Warum das Ganze? Warum wollen Sie sich überhaupt mit Körpern im Raum abgeben?« »Weil ich es kann«, sagte ich. »Sie hat ein Problem mit ihrem Selbstwert«, bemerkte Max, ohne mit der Wimper zu zucken. »Wir haben alle möglichen Therapien versucht, aber sie kommt an dieser Stelle einfach nicht weiter.« »Das gilt nicht«, lachte ich. »Also gut. Ich mache das, weil es wunderschön ist.« »Mathematik ist wunderschön?«, sagte Stephanie Wang ungläubig. Ellen schüttelte den Kopf. »Nein, Jill. Ein Sonnenuntergang am Meer ist wunderschön. Eine Schwarzwälder Kirschtorte ist wunderschön. Aber Geometrie ist nicht schön. Was sagten Sie noch gerade über das Basilikum, Max?« »Nein, wirklich, tut mir doch alle den Gefallen«, sagte Sam. »Ich möchte das wirklich wissen. Ich finde das spannend.« Er hatte seine Augen immer noch nicht von mir abgewandt. 12
Ich beschloss meinerseits, ihn diesen kleinen Kampf, wer zuerst wegschauen würde, nicht gewinnen zu lassen, Geschirrgeklapper und Geplänkel um uns herum hin oder her. Kein Mann soll mich in diesem Punkt je schlagen. »Also, Sie machen das nur wegen der Schönheit«, nahm Sam den Faden wieder auf. Ich lehnte mich ebenfalls vor. »Das ist ein bisschen arg vereinfacht«, protestierte ich. »Dann erklären Sie’s mir genauer. Ich bin schließlich ein blutiger Anfänger auf dem Gebiet.« »Na ja, es geht mir schon um Regelmäßigkeit und – ja, wirklich – Schönheit. Das, woran ich arbeite, wird helfen, Mathematik insgesamt besser zu verstehen.« »Also versuchen Sie die Mathematik zu verstehen, damit Sie ... die Mathematik besser verstehen.« »Das ist jetzt auch wieder stark vereinfacht. Aber wenn Sie auf einen Praxisbezug so versessen sind ... die K-Theorie lässt sich auch in der Quantenphysik verwenden.« Ich zuckte mit den Achseln. »Aber besonders viel angewandte Mathematik werden Sie hier in Stanford sowieso nicht finden.« »Ja, das wäre dann viel weniger imposant, nicht wahr?«, stimmte er mir zu. »Ich versuche in der philosophischen Fakultät auch immer mal wieder, einen Bezug zur Praxis herzustellen – und die würden mir am liebsten den Schierlingsbecher reichen.« »Und was genau machen Sie da?«, wollte ich wissen. Bis jetzt hatte ich die Augen noch nicht von ihm abgewandt. »Ich lehre.« »Dann sind Sie dort als wissenschaftlicher Mitarbeiter?« »Nein, als Privatdozent. Meinen vollen Professorentitel habe ich aber noch nicht, seien Sie also nicht allzu beeindruckt.« Das hatte ich auch nicht vor. Aber überrascht war ich doch. Ich hatte mich von seinem leichten Dialekt und dem Aussehen täuschen lassen. Und dabei habe ich normalerweise eine gute Menschenkenntnis. »Ah, hier kommt ein neuer Gesprächsstoff«, bemerkte Max 13
in diesem Moment erleichtert. So viel Begeisterung hatte die Schwarzwälder Kirschtorte, die gerade an unseren Tisch gebracht wurde, eigentlich gar nicht verdient. Ich wusste, dass er unbedingt das Thema wechseln wollte, und gab zögernd nach. Wenn ich je Rücksicht auf jemanden nehme, dann meistens auf Max. Er erträgt Misstöne nur, wenn sie in einem Musikstück von Rachmaninoff vorkommen. Gerade beugte er seinen silberdurchzogenen Schopf zu jedem von uns herüber und teilte den Kuchen so sorgsam aus, als hätte er ihn selbst gebacken. Als er mir meinen Teller reichte, bettelten seine warmen braunen Augen mich geradezu an, meiner Mutter diesen besonderen Abend nicht zu verderben. Ich ließ mich bitten und begann, nach besagter Mutter Ausschau zu halten. Sie saß natürlich am vordersten Tisch, gleich neben Dr. Grant, dem alle Laboratorien in Stanford unterstellt sind. Ihr Gesicht war von mir abgewandt und ich sah, wie sie mit ihm redete – oder, was wahrscheinlicher war, ihm ihre Ansichten über irgendetwas mitteilte. Wenn ich irgendetwas sage, meine ich das ganz wörtlich; sie hatte eine Meinung zu allem und jedem und schaffte es für gewöhnlich, diese Meinung so souverän vorzutragen, dass kaum jemand zu widersprechen wagte. Ich konnte sie nicht hören, aber ich war mir ziemlich sicher, dass ihre volltönende tiefe Stimme unüberhörbar an Dr. Grants Ohren drang, dass jedes ihrer Worte gut gewählt und klar artikuliert war und in sein Gehirn drang wie das Skalpell eines Chirurgen. Sie saß wie immer völlig ruhig da, während sie redete. Meine Mutter schien nie das Bedürfnis zu haben, ihre Worte durch Gesten zu unterstreichen, und sie tat nie etwas, was Anlass zu der Annahme gab, sie hätte sich nicht zu jeder Zeit vollständig im Griff. Das ist jetzt bestimmt der Moment, an dem sich Dr. Grant fragt, ob diese Frau neben ihm eigentlich überhaupt zur Gattung Mensch zu rechnen ist, überlegte ich. Denk bloß nicht, dass du der Erste bist, der sich diese Frage stellt, Kumpel. Ich frag mich das schon mein Leben lang. Die Frage ist doch vielmehr, ob ... Den Gedanken, was die Frage wirklich war, konnte ich gar 14
nicht mehr zu Ende denken. Er blieb einfach in meinem Hirn stecken, als meine Mutter den Kopf wandte, um den Mann im Smoking anzusprechen, der neben ihr saß. Ich konnte ihr Gesicht sehen und mir blieb der letzte Bissen Kuchen im Mund stecken. Hab ich den Wirbelsturm verpasst, in den sie auf dem Weg hierher geraten ist?, fragte ich mich verwirrt. Wenn man bedachte, wie meine Mutter sich normalerweise – immer, um genau zu sein – ausstaffierte, war ein Wirbelsturm eigentlich nicht einmal eine ausreichende Begründung für ihr Aussehen an diesem Tag. Ich hatte erwartet, dass ihre schwere, dunkle, von einigen grauen Strähnen durchzogene Mähne wie üblich in einer makellosen Kurzhaarfrisur zur Ruhe gekommen war, in der jedes Haar genau da lag, wo sie es haben wollte. Dass ihr attraktives, eckiges Gesicht perfekt geschminkt war und dass eine geschmackvoll unauffällige Goldkette auf irgendeiner Bluse aus reiner Seide auflag. Was ich dagegen sah, war eine Frau, die so aussah, als hätte sie sich gerade im Vorbeigehen hastig irgendetwas ins Gesicht geschmiert und ein paar Klamotten übergeworfen, ohne überhaupt noch einmal in den Spiegel zu schauen. Ein Friseurtermin war schon mindestens seit zwei Monaten überfällig. Der knallrote Lippenstift, der den Opernabenden mit Max vorbehalten war, sah aus, als hätte ein Kind seine neuen Wachsmalfarben ausprobiert. Und obwohl sie wirklich eine Seidenbluse trug, standen die Ecken ihres Kragens in einem so ungünstigen rechten Winkel zueinander, dass die zwei – nein, drei – Ketten gar nicht richtig zur Geltung kamen. Zwei silberne, eine goldene. Es schien kaum vorstellbar, aber im Vergleich zu ihr sah sogar ich aus wie von einer Topstylistin aufgebrezelt. Max lehnte sich gerade in Ellens Richtung und hing an ihren Lippen, damit ihm nur keines ihrer Worte entging, aber ich stieß ihn trotzdem sanft in die Rippen. »Warum sieht Mom eigentlich aus, als würde sie sich vor der Modepolizei verstecken?«, raunte ich ihm zu. Max sah hinüber zum vordersten Tisch und sein Ich-schaue15
gerade-Liz-an-Blick zauberte ein sanftes Lächeln auf seine Lippen. »Ist sie nicht wunderschön? Deine Mutter ist einfach so wunderschön!« »Nicht wenn sie es darauf anlegt, so herumzulaufen wie heute«, wandte ich ein. »Schau sie dir doch mal an, Max!« Er schaute genauer hin und nickte dann zustimmend. »Du hast recht. Sie hätte die Diamantohrringe anziehen sollen. Ich hab ihr noch gesagt: ›Trag die Diamanten. Du darfst an diesem Abend funkeln und glitzern, dass es jeder sieht!‹« Ich gab auf. Max trug wie üblich eine italienische Krawatte und ein Samtjackett und wie immer war sein Haar noch verwuschelter als meins. Wer selbst aussieht, als habe er gerade Tschaikowskis Ouvertüre 1812 dirigiert, kann in Modefragen vermutlich nicht wirklich mitreden. Ich überlegte, ob ich Stephanie Wang ansprechen sollte. Sie sah zwar auch nicht gerade aus, als würde sie es je auf das Deckblatt einer Illustrierten schaffen, aber sie hatte im letzten halben Jahr vermutlich mehr Zeit mit meiner Mutter verbracht als ich. Aber dafür kann ich schließlich nichts, erinnerte ich mich. Was soll ich denn machen, wenn sie einfach nicht zurückruft, obwohl ich ihr ständig Nachrichten zukommen lasse? Was natürlich nur die halbe Wahrheit war. In Wirklichkeit war ich erleichtert gewesen, mir nicht ständig ihre Bemerkungen über die Art und Weise anzuhören, wie ich mein Leben lebte. Aber darum ging es gerade gar nicht. Es ging darum, dass Elizabeth McGavock im Moment nicht so aussah, wie es dem Anlass – ihrem Jubiläum immerhin! – angemessen gewesen wäre. Ich sah hinüber zu Stephanie, aber offensichtlich waren sowohl sie als auch Dr. Wang vollauf damit beschäftigt, einem kleinen Schlagabtausch zwischen Ellen und Sam zu folgen. Stephanie sah aus, als sei sie von Sams Augenbrauen hypnotisiert worden. »Also frag ich einmal andersherum«, erklärte Sam gerade. »Mir ist schon klar, dass ihr schon längst in der Lage seid, viele Krankheiten bei einem Baby zu diagnostizieren, bevor es über16
haupt geboren ist. Aber meine Frage ist die, ob das heute schon allgemein üblich ist.« »›Allgemein üblich‹ wäre ein bisschen zu viel gesagt«, erwiderte Ellen. »Aber wir können das machen, wenn es einen Grund zu der Annahme gibt, dass der Fetus ein erhöhtes Risiko hat zu erkranken. Du weißt schon, Erbkrankheiten in der Familie und so etwas.« »Du hast das Wort Fetus benutzt«, bemerkte Sam. »Lässt das Rückschlüsse auf deine Einstellung zu vorgeburtlichem Leben zu?« Stephanie Wang kicherte nervös. »Vielleicht kommen wir doch besser auf das Basilikum zurück, Max«, sagte sie. Ich muss zugeben, dass ich das exzentrische Aussehen meiner Mutter glatt vergaß. Das hier war einfach zu spannend, als dass ich es hätte versäumen wollen. »Und lässt die Tatsache, dass Sie Ellen auf ihren Gebrauch des Wortes Fetus ansprechen, vielleicht Rückschlüsse auf Ihre Einstellung zu?«, mischte ich mich ein. Sam erwiderte meinen Blick geradeheraus. »Wo wir schon mal dabei sind – ja, das tut es. Und warum wollen Sie das wissen?« »Wird das jetzt hier religiös?«, erkundigte ich mich. »Ich frage nur lieber gleich, denn wenn das hier auf einen religiösen Überfall hinausläuft, suche ich mir besser einen anderen Tisch.« »Ich bin unbewaffnet.« Sam hob beide Hände in die Höhe. »Aber ich hätte doch gerne das Recht, meinen Standpunkt zu vertreten.« »Dann lassen Sie sich warnen. Ich fürchte, an diesem Tisch wird es keine Vermischung von Wissenschaft und Religion geben.« Ich sah zu den Wangs hinüber. »Oder irre ich mich da?« Stephanie sah aus, als wäre ihr eine Wurzelbehandlung lieber als eine Diskussion über Religion. Dr. Wang hingegen arrangierte seine Hände sorgfältig auf dem Tisch und meinte: »Och, ich hätte nichts gegen eine lebhafte Diskussion.« Max stöhnte auf: »Wie lebhaft darf ’s denn sein?« 17
»Gibt das jetzt einen verbalen Ringkampf?«, fragte Ellen mit gespielter Aufregung. »Soll ich die Teller vom Tisch räumen?« Sam sah mich weiter ungerührt an. »Ich muss hier nicht mit unfairen Mitteln kämpfen, wenn Sie es auch nicht tun.« Ich zwang mich, seinem Blick standzuhalten. »Wie Sie wollen«, sagte ich. »Und was kommt jetzt?« »Ich glaube, ich war gerade dabei, Ihnen zu widersprechen«, sagte Sam und schaute noch konzentrierter aus als vorher. Offenbar konnte er einem solchen Schlagaustausch genauso viel abgewinnen wie ich. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass ihm auch so viel daran lag zu gewinnen wie mir. »Sie sagen, dass sich Wissenschaft und Religion gegenseitig ausschließen, wenn ich das richtig verstanden habe.« »Genau, wenn man alles konsequent zu Ende denkt.« »Sie sind schließlich Mathematikerin.« »Und eine unglaublich begabte!«, warf Max an dieser Stelle ein. »Dann ist Ihnen Pascal sicher ein Begriff. Blaise Pascal, der Vater der Geometrie?« »Ich bin mit ihm nicht gerade verwandt, aber ja, natürlich ist mir Pascal ein Begriff.« »Mein Gedächtnis ist ein bisschen eingerostet«, warf Ellen ein. »Kann mir mal jemand auf die Sprünge helfen?« »Mathematiker aus dem siebzehnten Jahrhundert«, erklärte ich knapp. »Er hat sich mit dem Vakuum beschäftigt. Und er soll die erste Rechenmaschine erfunden haben.« »Sie haben diese Computersprache nach ihm benannt, nicht wahr?«, fiel Dr. Wang ein. »Das war doch der Pascal oder täusche ich mich da?« »Genau«, bestätigte Sam. Er schien gerade erst richtig in Fahrt zu kommen. »Physik, Mathe – er war ein Wissenschaftler, wie er im Buche steht. Stand total auf Rationalität. Für ihn gab’s nichts anderes. Aber nach seiner Hinwendung zum Christentum ...« »Von was hat er sich abgewandt?«, hakte ich nach. »Von etwas, das man wahrscheinlich als oberflächliche Frömmigkeit bezeichnen würde«, erläuterte Sam. »Er machte einfach 18
immer mit, was religiös so anstand, aber er war davon nicht wirklich überzeugt. Na ja, jedenfalls ging er danach erst recht dazu über, seine gesamte Energie in die Wissenschaft zu stecken. Die bedeutendsten Ergebnisse seiner Forschung lagen zu diesem Zeitpunkt übrigens noch vor ihm. Aber was ich sagen wollte, ist eigentlich Folgendes: Er wollte seine Kenntnis der menschlichen Natur erweitern – und dafür ist er im Endeffekt dann bekannt geworden.« »Also hat er Psychologie studiert«, bemerkte ich unbeeindruckt. »Das gilt auch als Wissenschaft.« »Hmm, darüber ließe sich auch eine Diskussion anzetteln«, lachte Dr. Wang. »Und das hat er ja auch nicht gemacht«, sagte Sam. »Er hat sich mit dem Glauben beschäftigt.« »Dem Glauben an was?« »An Gott.« Ich wandte meinen Blick gerade lang genug von seinen Augen ab, um meine eigenen entnervt rollen zu lassen. Seine Augenbrauen schossen in die Höhe. »Sie glauben offensichtlich nicht an Gott«, stellte er fest. »Hmm, wenn ich mir’s genau überlege – nein, eigentlich nicht.« Ich merkte, dass sich eine gewisse Schärfe in meine Stimme eingeschlichen hatte, aber das lag nur daran, dass ich einfach etwas enttäuscht war. Ich hatte wirklich auf eine interessantere Diskussion spekuliert. »Sie werden mich nie überzeugen können, dass es irgendwo eine geistliche Macht gibt, die über allem steht.« »Und warum nicht?« »Weil es sich nicht beweisen lässt.« »Sie glauben also nur Dinge, für die sich handfeste Beweise finden lassen?« »Genau.« Ich zuckte abschätzig mit den Achseln. »Ich bin schließlich Mathematikerin.« »Haben Sie in Ihrem Forschungsbereich nicht mit der Unendlichkeit zu tun?« »Bäh, das erinnert mich an meine Zeit im College«, sagte El19
len. »Mathe gab’s bei Dr. Rosenberg, immer dienstags und donnerstags um acht Uhr früh.« Sie schauderte. »Ich glaube, auf diesen Schreck brauche ich noch ein Stück Torte.« Max, der erleichtert aussah, kam ihrem Wunsch nur zu gerne nach. Er winkte einem Mitarbeiter vom Cateringservice zu. Ich wandte mich wieder Sams durchdringenden Augen zu. »Stimmt«, gab ich zu. »In der Mathematik gibt es unendlich viele Unendlichkeiten an Lehrsätzen, die nach einer Erklärung suchen. Und die Prinzipien, die sich aus ihnen ableiten lassen, sind außerdem unendlich in ihren Feinheiten und ihrer Vielfalt. Die, die eigentlich hinter allem stehen und die Grundlage bilden müssten, stehen auch wieder nicht allein da – sie sind von anderen abhängig, die wieder von anderen abhängig sind, und so weiter; insofern lässt sich eine Endlichkeit auch nie erreichen.« Ich musste bei dem Gedanken lächeln. »Was denken Sie denn, woher Mathe-Doktoranden ihre Themen nehmen? Die Unendlichkeit bietet genug Stoff ... Na ja, das war’s jedenfalls zum Thema Unendlichkeit.« »Ich hab Kopfschmerzen«, jammerte Max. »Mehr Wein, bitte!« »Unendlichkeit«, bemerkte Sam, »klingt mir irgendwie verdächtig nach Gott.« »Ihnen vielleicht. Mir klingt das nur nach einem Konzept.« »Das Sie nie beweisen können, es sei denn, Sie finden eines Tages ein Ende ... Dass Sie keine endgültigen Aussagen machen können, heißt ja nicht, dass es sie nicht gäbe – es heißt nur, dass Sie sie noch nicht gefunden haben.« »Und worauf genau wollen Sie damit hinaus?« »Ich will darauf hinaus, dass die Tatsache, dass Sie Gott noch nicht gefunden haben, nicht bedeuten muss, dass es ihn nicht gibt.« Dr. Wang schlug mit einem Löffel an sein Weinglas. »Ich glaube, die Runde geht an Sam.« »Nein«, protestierte ich, »die Runde ist noch nicht zu Ende.« Ich wandte mich Sam wieder zu. »Was macht es praktisch schon für einen Unterschied, ob man an einen Gott glaubt oder nicht? 20
Ich glaube nicht an ihn, Sie glauben an ihn, aber am Ende müssen wir doch beide sterben. Also was soll das Ganze?« »Das berührt dann schon die Frage nach dem Wesen Gottes. Wenn Sie natürlich nach einem Gott suchen, der Sie ewig auf der Erde leben lässt, finden Sie diesen Gott nicht, weil es ihn schlicht nicht gibt.« »Und außerdem«, meldete sich Ellen wieder, »denke ich, dass es um mehr geht als darum, wie man hier seine Zeit irgendwie rumkriegt, bis man stirbt.« »Darauf trinke ich«, rief Max und hob sein Glas. »Auf all das Schöne dazwischen. Gute Musik, gute Freunde ...« »Gute Gespräche«, warf Sam ein und prostete mir mit seinem Wasserglas zu. Ich musste gegen die Versuchung ankämpfen, erneut die Augen zu verdrehen. Sam hatte in meinen Augen längst den Bogen überspannt. Ich war enttäuscht. Eigentlich war er ja nicht unattraktiv. Seine Tiefe – nein, sein sorgloser Umgang mit dieser Tiefe ... Nein, das auch nicht. Vielleicht gefiel mir einfach nur sein Kinn. Hör sofort auf!, schalt ich mich. Er ist ein blöder, arroganter Wichtigtuer und für solche Typen hast du schließlich noch nie etwas übrig gehabt. »Will noch jemand Kaffee?«, rief Stephanie in diesem Moment. »Das ist die letzte Chance, bevor die Reden anfangen.« Ich nickte dem Erstsemesterstudenten zu, der sich neben ihrem Ellbogen aufgebaut hatte. Ich würde garantiert noch einen Schub Koffein brauchen, um diesen Abend zu überstehen. Ich griff gerade nach der Tasse, als Sam seine Hand plötzlich über meine legte. Ich starrte darauf, aber das schien nicht den Effekt zu haben, den mein Starren für gewöhnlich bei den Typen hat, die allen Ernstes versuchen, bei mir handgreiflich zu werden. »Was ist denn?«, fragte ich genervt. »Hören Sie sich nur noch das eine Argument an und danach höre ich sofort auf.« »Geben Sie mir Ihre Unterschrift drauf?«, fragte ich. 21
Er griff in die Innenseite seines Jacketts und förderte einen Stift zutage. »Ich meinte das mehr metaphorisch«, sagte ich. Aber er schrieb bereits seinen Namen auf eine Papierserviette. Mir fiel auf, dass die Haut auf seiner Hand ganz weich aussah und irgendwie olivfarben. Obwohl mir das ja wirklich egal sein konnte. Er schob die Serviette zu mir hinüber und ich warf einen gelangweilten Blick darauf. Irgendwie schaffte er es, dass nicht nur seine Augen, sondern sogar seine Augenbrauen erwartungsvoll dreinblickten. »Na gut«, gab ich nach. »Also, welches Argument wollen Sie noch loswerden?« »Eigentlich ist es gar kein Argument – mehr eine Art Wette. Und sie stammt nicht einmal von mir, sondern von Pascal.« Dr. Wang schnippte mit den Fingern. »Die Wette des Pascal!« »Sie haben davon gehört?«, fragte Sam. »Ja, aber helfen Sie meinem Gedächtnis wieder auf die Sprünge«, sagte Dr. Wang und lächelte zu mir herüber. Sam lehnte sich in seinem Stuhl zurück und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Meine Mutter wäre, wenn sie an unserem Tisch gesessen hätte, angewidert gewesen: Der hat seine Manieren wohl in einer Billardkneipe gelernt. »Die Wette geht so«, begann Sam. Er konzentrierte sich auf den Kronleuchter schräg über seinem Kopf, als bekäme er von dort Regieanweisungen, und doch sahen seine Augen weit darüber hinaus. Ich fand das ein bisschen theatralisch, aber ich hörte ihm zu – genau wie alle anderen an unserem Tisch. Sogar Max sah ganz verzaubert aus. »Am äußersten Ende dessen, was wir Unendlichkeit nennen«, fuhr Sam fort, »wird eine Münze geworfen. Sie kommt mit Kopf oder Zahl zum Liegen. Wie sie landet, zeigt Ihnen, ob es Gott gibt – Kopf – oder ob es ihn nicht gibt – Zahl. Sie müssen auf eines von beiden setzen. Wir alle müssen das. Wir müssen uns entscheiden, auf was wir setzen.« 22
»Ich habe meine Entscheidung schon getroffen«, sagte ich leichthin. »Aufgrund von was denn?« »Aufgrund meiner Vernunft.« Sam wühlte in seiner Hosentasche herum und beförderte eine Zehn-Cent-Münze hervor, die er auf seinem Daumennagel balancierte. »Kann Ihre Vernunft mir sagen, wie die Münze aufkommen wird, wenn ich sie jetzt in die Luft werfe?« Ich schüttelte den Kopf. »Und genauso kann unsere Vernunft über diese metaphorische Münze keine Aussage machen. Wir haben doch schon gesehen, dass die Vernunft weder das eine noch das andere beweisen kann. Die Wette geht also so: Wenn Sie darauf setzen, dass es Gott gibt, und Ihr Leben so leben, als gäbe es ihn, verlieren Sie überhaupt nichts, wenn die Münze doch die Zahl zeigt. Und wenn sie Kopf zeigt und es Gott wirklich gibt, haben Sie alles gewonnen.« Die Augen, die ich während des ganzen Essens über im Blick behalten hatte, glänzten regelrecht, als wären sie von irgendeiner tiefen Leidenschaft mitgerissen worden. Ich griff nach der Kaffeesahne und rührte in meiner Tasse herum. »Jetzt erinnere ich mich auch wieder«, fiel Stephanie Wang ein. »Ich habe davon gelesen – es ist diese Wette, um die man nicht herumkommt.« »Wenn man auf Kopf setzt, ist man jedenfalls auf der sicheren Seite«, wiederholte Sam. »Soll mir recht sein«, sagte ich gleichgültig. Ich nickte hinüber zum Podium, wo ein Mitarbeiter sich am Mikrofon zu schaffen machte. »Es scheint loszugehen.« Alle anderen begannen ihre Stühle zurechtzurücken und es sich auf ihren Sitzen bequem zu machen. Doch Sam sah einfach nur mich an. Ich wartete auf die Frage, ob wir die Diskussion vielleicht ein andermal bei einer Tasse Kaffee fortsetzen sollten, aber sie kam nicht. Ich musste den Wettkampf, wer wem länger in die Augen schauen konnte, diesmal abbrechen, um mich auf das konzentrieren zu können, was sich vorne abzuspielen begann. 23
Die einführenden Worte zu Elizabeth McGavock und dem, was sie geleistet hatte, gingen gerade zu Ende. »Wir werden Dr. McGavock nun selbst das Wort erteilen. Ich bin überzeugt, dass Ihnen allen dann klar werden wird, warum nicht nur die Tatsache, dass sie fünfundzwanzig Jahre an der Klinik in Stanford gearbeitet hat, heute gewürdigt wird, sondern auch die Qualität der Arbeit, die sie in dieser Zeit geleistet hat. Begrüßen Sie bitte mit mir Dr. Elizabeth McGavock!« Applaus brach los, als meine Mutter sich von ihrem Sitz erhob. In den wenigen Momenten, die sie brauchte, um von ihrem Platz zum Podium zu kommen, schloss ich eine private Wette ab, von der ich todsicher war, dass ich sie gewinnen würde. Ich hätte meine Dissertation darauf verwettet: Dr. Elizabeth McGavock war betrunken.
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