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Karen Witemeyer

Ein Cowboy für die Ewigkeit


Prolog St. Louis, Missouri 1895 Unsichtbare Menschen erhielten nur selten Korrespondenz. Das war eine Tatsache, die Damaris Baxter schon vor langer Zeit akzeptiert hatte. Als die Haushälterin nun also das Wohnzimmer betrat und ihr einen Brief entgegenstreckte, der ihren Namen statt dem ihrer Tante in der Adresszeile trug, brauchte sie einen Augenblick, um dieses unerwartete Ereignis zu begreifen. Als Jüngste von acht Kindern – ohne nennenswerte Eigenschaften, was Aussehen oder Begabung betraf, mit denen sie die Aufmerksamkeit auf sich hätte ziehen können – hatte Damaris sich daran gewöhnt, übersehen zu werden. Tatsächlich hielt sie mit beachtlichen fünf Mal sogar den Rekord, wenn es darum ging, auf Familienausflügen der Baxters vergessen zu werden. Ihr Bruder Joseph hatte dies zweimal geschafft, da er derjenige war, der sich am häufigsten irgendwo herumtrieb, nachdem durchgezählt worden war. Doch er war niemals wirklich vergessen worden; man hatte ihn allerhöchstens kurzzeitig aus den Augen verloren. Im Gegensatz dazu hatten ihre Eltern Damaris einmal einen ganzen Nachmittag lang vergessen und sie erst vermisst, als sie beim Abendessen nicht erschienen war. Mutter hatte mit Damaris geschimpft, weil sie zu zurückhaltend sei, und ihr vorgeworfen, sich hinter Büchern zu verstecken, anstatt an den Familienaktivitäten teilzunehmen. Außerdem hatte sie Damaris befohlen, in Zukunft besser aufzupassen, um nicht wieder zurückgelassen zu werden. Natürlich hatte Mutter während des gesamten Gespräches geweint, dann hatte sie Damaris 7


lange umarmt und ihr versichert, dass sie geliebt wurde – auch wenn man sich nicht an sie erinnerte. Unsichtbar zu sein, hatte allerdings auch seine Vorteile. Mädchen, die übersehen wurden, wurden nur selten vom Lehrer an die Tafel gerufen, um vor versammelter Klasse Aufgaben zu lösen. Oder zum Tanzen aufgefordert, wenn sie in ein Buch vertieft waren. Doch wenn man das heiratsfähige Alter erreichte, wurde Unsichtbarkeit zu einem erheblichen Nachteil. Es gab immer Mädchen, die hübscher, witziger oder interessanter waren und das Augenmerk potenzieller Verehrer auf sich lenkten. Deshalb war Damaris mit dreiundzwanzig Jahren zur Gesellschafterin ihrer Großtante Bertha geworden. Damaris war nicht nur ein Ladenhüter; nein, sie stand im Regal auch ganz hinten, dort, wo niemand hinschaute, und setzte Staub an. Bei Tante Bertha hatte sie wenigstens eine Möglichkeit gefunden, sich nützlich zu machen. Damaris sammelte ihre Gedanken, legte ihre Nadelarbeit beiseite und griff nach dem Brief. »Danke, Anna.« Sie gab ihr Bestes, nicht so verblüfft zu klingen, wie sie war, doch trotz allem klang ihre Stimme atemlos. Anna bemerkte das natürlich und lächelte. »Der Brief ist aus Texas, Miss.« »Texas?« Von Douglas? Doch die Handschrift auf dem Umschlag war nicht die seine. Nicht, dass Damaris wirklich mit der Schrift ihres Bruders vertraut gewesen wäre. Er war fünfzehn Jahre älter als sie und den größten Teil ihres Lebens abwesend gewesen. Gleich nach der Geburt seines Sohnes war er nach Texas gezogen und seitdem nur ein einziges Mal nach Missouri zurückgekehrt – an dem Weihnachtsfest, nachdem seine Frau gestorben war. Der siebenjährige Nathaniel hatte während dieses Besuches unglaublich verloren gewirkt, vollkommen zurückgezogen und in sich gekehrt. Mit ihren damals sechzehn Jahren hatte Damaris genug verstanden, um zu erkennen, dass es keine Worte gab, die seine Schmerzen hätten lindern können, also hatte sie es gar 8


nicht erst mit Reden versucht. Sie hatte einfach nur dafür gesorgt, dass ihr Neffe niemals allein war. Sie hatte neben ihm auf dem Boden gesessen, wenn er gespielt hatte. Hatte ihm Plätzchen aus der Küche gebracht. Hatte angeboten, ihm Geschichten vorzulesen. Als er schließlich bereit gewesen war, um auf ihren Schoß zu krabbeln, und ihr geholfen hatte, die Seiten umzublättern, hatte er ihr Herz im Sturm erobert. Seitdem hatte Damaris ihm Briefe geschrieben und jedes Jahr zum Geburtstag und zu Weihnachten kleine Geschenke geschickt. Sie hatte sich nie darum gekümmert, dass Nathaniel nicht antwortete. Von kleinen Jungs konnte man nicht erwarten, dass sie exzentrischen Tanten schrieben, an die sie sich vielleicht gar nicht mehr erinnerten. Sie war nur zehn Tage lang in seinem Leben gewesen, kaum mehr als ein Tropfen im Ozean seiner jungen Existenz. Douglas schrieb ein paar Mal im Jahr an seine Mutter, also blieb Damaris, was Nathaniel betraf, auf diesem Umweg auf dem Laufenden. »Ich hoffe, es sind keine schlechten Nachrichten«, sagte Anna, als Damaris keine Anstalten machte, den Umschlag zu öffnen. Damaris’ Herz klopfte. Was konnte es sonst sein, wo der Brief doch offensichtlich von einem Fremden zu stammen schien? Es sei denn … konnte er vielleicht von Nathaniel selbst sein? Wie alt war er jetzt? Vierzehn? Vielleicht war es ja seine Handschrift. Bitte, Herr, lass diese Nachricht von Nathaniel sein, nicht von einem Fremden, der mir eine schlimme Botschaft schickt. Damaris legte den Umschlag mit Vorsicht auf ihren Schoß. Sie strich mit der Hand über das Papier und wappnete sich für das, was sie auf der Innenseite erwarten würde. Ihre Hand zitterte leicht, als sie das Briefpapier herauszog und entfaltete. Miss Damaris Baxter, es tut mir sehr leid, Sie über den viel zu frühen Tod Ihres Bruders informieren zu müssen. Douglas Baxter wurde am siebten März dieses Jahres ertrunken im Lake Madison aufgefunden. 9


Ein kleiner Schrei entfuhr Damaris’ Mund. Ihr Bruder? Ertrunken? Das konnte nicht wahr sein! Douglas war ein athletischer und starker Mann, gut in fast jeder Sportart, Schwimmen mit eingeschlossen. Wie lebhaft sie sich noch an den Sommer erinnern konnte, als sie fünf Jahre alt war und er es sich zur Aufgabe gemacht hatte, den jüngsten Baxter-Geschwistern das Schwimmen beizubringen! Damaris war so klein gewesen, dass sie kaum mehr tun konnte, als sich schreiend an ihren großen Bruder zu klammern, doch am Ende des Sommers hatte er seine Geschwister alle so weit gebracht, dass sie ohne seine Hilfe durch den Teich schwimmen konnten – auch Damaris. Wie hatte er bloß ertrinken können? »Geht es Ihnen gut, Miss?« Anna wandte sich vom Schaukelstuhl am Fenster ab, wo sie gerade die Wolldecke über Tante Berthas Knien zurechtgezupft hatte, die dort leise vor sich hin schnarchte. »Es geht um meinen Bruder Douglas. Er ist … Sie haben ihn gefunden …« Damaris konnte es nicht aussprechen, konnte es nicht wahr werden lassen. Annas Augen füllten sich mit Mitleid. »Das tut mir leid. Soll ich die Missus aufwecken?« Damaris schüttelte den Kopf. »Nein. Noch nicht.« Sie brauchte Zeit, um sich zu fangen, um ihre Gefühle in den Griff zu bekommen, bevor sie ihrer Tante diese schreckliche Nachricht überbrachte. Und was war mit ihrer Mutter? War sie informiert worden? Einen solchen Brief sandte man doch eher an die Eltern des Verstorbenen. Warum also war diese Nachricht hier bei ihr gelandet? Sie blinzelte die Tränen in ihren Augen zurück und konzentrierte sich wieder auf den Brief. Die Todesursache scheint ein Unfall gewesen zu sein. Eine wahre Tragödie, die das Leben eines hervorragenden Mannes beendet. Seien Sie meines aufrichtigsten Beileids versichert. 10


Damaris richtete ihren Blick auf die Unterschrift – Ronald P. Mullins, Rechtsanwalt und Notar. Ein Anwalt? Sie hätte eine solche Benachrichtigung von einem Pastor oder Freund erwartet. Noch nie hatte sie den Namen Ronald Mullins gehört und sie erinnerte sich auch nicht daran, dass Douglas ihn in seinen Briefen an Mutter erwähnt hatte. Mr Douglas Baxter hat Sie, Miss Damaris Baxter, als Vormund seines Sohnes Nathaniel eingesetzt. Sie wurden auch als Verwalterin des Erbes des Jungen eingesetzt, einschließlich aller finanziellen Mittel und des Grundbesitzes, den Mr Baxter hinterlässt. Ich werde Ihnen Abschriften aller relevanten Dokumente aushändigen, wenn Sie hier eintreffen, um das Kind zu sich zu nehmen. In dieser schweren Zeit stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung, verehrte Miss Baxter, und leiste Ihnen den Beistand, den Sie brauchen. Hochachtungsvoll Ronald P. Mullins, Rechtsanwalt und Notar Douglas hatte sie zum Vormund bestimmt? Damaris war so schockiert, dass sie kaum blinzeln konnte. Er hatte der kleinen Schwester, die er kaum kannte, Nathaniels Wohlergehen anvertraut? Warum nicht ihren Eltern oder ihrem Bruder Bartholomew? Bart war nur ein Jahr jünger als Douglas und hatte selbst Kinder in Nathaniels Alter. Er wäre die logische Wahl gewesen. Doch Douglas hatte sich für seine jüngste Schwester entschieden. Vielleicht, weil sie keine Verpflichtungen hatte, die sie hindern oder ablenken konnten. Von allen Geschwistern war Damaris die Einzige ohne eigene Familie, die sie in St. Louis festhalten konnte. Sie konnte jederzeit von hier weggehen, war frei, sich voll und ganz um Nathaniel zu kümmern. 11


Oder vielleicht … Damaris stockte der Atem. Vielleicht hatte Nathaniel diese Wahl getroffen. Der Gedanke ließ ihr Herz plötzlich galoppieren. Was, wenn sich Nathaniel doch an seine Tante Maris erinnerte und sich gewünscht hatte, dass sie sein Vormund würde? Um ihrer selbst willen gewählt zu werden – das war der geheimste Wunsch ihres Herzens. Jemandem wichtig zu sein. Mehr als nur eine Gesellschafterin zu sein, die nach der Pfeife ihrer Tante tanzte. Nichts wünschte sie sich mehr, als gesehen zu werden, anstatt unsichtbar zu sein – wertgeschätzt statt nur geduldet. »Ich muss packen.« Damaris sprang so schnell vom Sofa auf, dass ihr in Vergessenheit geratener Handarbeitskorb umstürzte und dessen Inhalt sich zusammen mit dem Stickrahmen auf dem Boden verteilte. Ein Schnaufen erklang vom Fenster her, als Tante Bertha sich regte. »Damaris? Was soll dieser Tumult? Du weißt, dass ich es nicht mag, während meines Mittagsschlafes gestört zu werden. Ungeschicktes Kind«, schalt sie, während ihr Blick über den umgekippten Korb und die Stickutensilien wanderte, die auf dem Teppich verstreut lagen. »Räum diese Unordnung auf und bring mir dann mein Stärkungsmittel. Meine armen Nerven!« Anna beeilte sich, zu Hilfe zu kommen. Damaris lächelte die Haushälterin dankbar an, machte jedoch keine Anstalten, ebenfalls mit aufzuräumen. Sie hatte ihre Koffer zu packen, die Zugfahrpläne zu studieren und eine Reise zu planen. Sie hatte einen Neffen, der sie brauchte. »Es tut mir leid, Tante Bertha. Ich habe keine Zeit, dir dein Stärkungsmittel zu holen. Ich ziehe nach Texas.«

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Kapitel 1 Madisonville, Texas Sechs Wochen später »Nathaniel? Bist du das?« Damaris blickte von dem misslungenen Laib Brot auf, den sie gerade aus dem Ofen geholt hatte. Stampfende Schritte dröhnten durch den Flur, doch es antwortete niemand auf ihre Frage. Nicht, dass sie das erwartet hätte. Ihr Neffe bevorzugte es, so zu tun, als existierte sie nicht, und sprach deshalb kaum mit ihr. Mürrische Blicke und übertriebenes Augenrollen waren seine bevorzugte Art der Kommunikation. Nachdem Damaris in Texas angekommen war, hatte es weniger als einen Tag gedauert, bis ihre hochfliegenden Tagträume, einem traurigen, sensiblen Jungen mit mütterlicher Nähe Trost zu spenden, vollkommen zerstört gewesen waren. Mit vierzehn war Nathaniel eher ein Mann als ein Junge, zumindest was seine Statur und die Dickköpfigkeit anging. Er war ebenso groß wie seine Tante und übertraf sie an Gerissenheit, fand immer wieder neue Wege, sie zu quälen. Damaris war schon von Hühnern geweckt worden, die auf ihrer Bettdecke herumpickten; eine Schlange war aus ihrem Nachthemd gekrochen und Frösche quakend über ihr Gesicht gehüpft. Sie hatte mehr Kraft aufwenden müssen, um nicht schreiend zurück zu Tante Bertha zu laufen, als sie sich selbst zugetraut hätte. Doch hinter all den Streichen, dem Sarkasmus und der Wut existierte noch der kleine Junge, den sie kannte. Ein Junge, der die Stütze seines Lebens verloren hatte – seinen Vater. War es ein Wunder, dass er außer Kontrolle geriet? Er hatte niemanden mehr, der ihm Halt gab. Niemanden außer ihr, einer Tante, die er kaum kannte und der er noch weniger vertraute. 13


Nachdem sie sich in der ersten Woche jede Nacht in den Schlaf geweint hatte, aus Trauer um ihren Bruder ebenso wie über den Verlust ihrer naiven Vorstellung von Heimat und Zugehörigkeit, entschied Damaris, sich der Herausforderung ihres Neffen zu stellen. Mit Selbstmitleid hatte noch niemals jemand etwas erreicht. Wenn sie eine echte Beziehung zu Nathaniel aufbauen wollte, würde sie darum kämpfen müssen. Dickköpfigkeit gegen Dickköpfigkeit. Egal, wie sehr er sie auch herausfordern würde – sie würde sich als verlässlich beweisen, würde ihn mit Ausdauer und Fürsorge gewinnen. Wenn er wütend um sich schlug, würde sie mit Geduld reagieren. Wenn er sie zurückwies, würde sie ihm ihre Hand reichen. Wenn er sie ignorierte, würde sie beharrlich mit ihren einseitigen Gesprächen weitermachen. »Wie war es in der Schule?«, rief sie so laut, dass Nathaniel sie in seinem Zimmer am anderen Ende des Flures hören konnte. »Hast du viele Hausaufgaben? Ich kann dir nach dem Essen helfen, wenn du willst.« Miss Tatum war vergangene Woche bei Damaris gewesen, um ihr zu berichten, dass Nathaniels Noten im letzten Monat deutlich schlechter geworden waren. Er nahm nicht mehr regelmäßig am Unterricht teil, und wenn er anwesend war, beteiligte er sich kaum. Schlimmer noch – er brach in den Pausen immer wieder Streit vom Zaun und war in Schlägereien verwickelt. Er braucht dich, Herr, aber ich glaube, er stößt dich von sich, genau wie er es mit mir tut. Zeig mir, wie ich ihm helfen kann. Damaris wusste, dass nur himmlisches Eingreifen sie zum Herzen dieses Jungen durchdringen lassen würde. So überzeugt sie davon war, dass sie ihn mit ihrer Liebe und Zuneigung überschütten konnte; so sicher war sie leider auch, dass sie ihm keine Disziplin einimpfen konnte. Sie hatte es mit Schimpfen und Bestrafungen versucht, doch das führte nur zu mehr Rebellion und Aufmüpfigkeit, deshalb war sie in letzter Zeit schrecklich nachlässig geworden. Sie wusste, dass Nathaniel Grenzen brauchte, doch die waren schwer zu ziehen, wenn er ihre Autorität nicht anerkannte. 14


»Es gibt heute Abend Wursteintopf mit Brot.« Eines der wenigen Gerichte, von denen er freiwillig einen Nachschlag genommen hatte. Damaris’ magere Küchenkünste beschränkten sich auf den Herd. Sie konnte einigermaßen erfolgreich braten und kochen, doch es wurde zum Desaster, wenn sie versuchte, zu backen oder einen Braten im Ofen zu garen. Auf dem Herd konnte sie den Topf im Notfall vom Feuer nehmen, doch die ausgeklügelte Balance zwischen Brennholz, Hitze und Kaminschieber im Backofen hatte sie noch nicht durchschaut. Daher auch das misslungene Brot vor ihr. Sie legte es trotz allem zum Abkühlen auf den Rost. Immerhin war es nicht verbrannt, sondern nur an einer Seite ziemlich eingesunken. Nicht alles konnte schön sein. Diese Wahrheit hatte Damaris erkannt, als sich ihr eigenes Aussehen nicht über ein schlichtes Unscheinbar hinaus entwickelt hatte. Doch den wahren Wert einer Sache erkannte man eben nicht am Äußeren. Der Wert eines Brotes lag darin, den Magen zu füllen, nicht darin, wie sehr es das Auge erfreute. Sie würde den missgestalteten Laib nicht wegwerfen, nur weil er nicht so aussah wie beim Bäcker. »Können wir zum Nachtisch noch mal die gebackenen Äpfel haben, die du letzte Woche gemacht hast?« Damaris quietschte erschrocken auf und fuhr herum. »Nathaniel! Du hast mich erschreckt.« Ihr Neffe lehnte mit verschränkten Armen im Türrahmen, das zu lange braune Haar hing ihm in die Augen. Doch die kratzbürstige Haltung und die zerzauste Mähne täuschten nicht über den zufriedenen Ausdruck in seinen Augen hinweg. Er war stolz darauf, sie erschreckt zu haben. Dafür, dass er vor wenigen Minuten noch wie ein wilder Büffel durchs Haus gestapft war, konnte er sich erstaunlich leise fortbewegen. »Also, können wir? Die Äpfel haben?« Damaris lächelte und ihr Ärger schmolz dahin. Nathaniel bat sie sonst nie um etwas. Außerdem war sie stolz darauf, dass sie 15


bei diesem Gericht die Tücken des Backofens überlistet hatte. »Natürlich.« Sie hatten noch einen halben Eimer grüner Äpfel im Rübenkeller. Vielleicht konnte sie sogar ein paar Streusel aus Brot, Zucker und Zimt machen. »Danke, Tante Maris.« Warnglocken ertönten in Damaris’ Hinterkopf. Ihr Neffe hatte sich noch nie bei ihr bedankt. Er aß nur das Essen, das sie ihm vorsetzte, und verschwand dann ohne ein weiteres Wort wieder in seinem Zimmer. Nathaniel drückte sich vom Türrahmen weg. »Ich bin pünktlich zum Abendessen zurück.« Damaris schüttelte ihr Misstrauen ab, bevor er etwas bemerken konnte, und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. »Sei vorsichtig.« Er zuckte mit den Schultern, als wolle er sie beruhigen, dann verschwand er. Wenige Sekunden später schlug die Haustür zu. Damaris seufzte. Eines Tages würde er ihre Zuneigung akzeptieren, vielleicht sogar erwidern. Immerhin war die Liebe die stärkste Kraft auf Erden. Weil sie eben nicht irdisch war. Sie war göttlich. Die wahre Natur Gottes. Eines Tages würde die Liebe gewinnen, wenn Damaris sich nicht beirren ließ. Sie musste sich auf diese Hoffnung konzentrieren, nicht auf ihre Erfahrungen mit Salz im Tee und Fröschen im Gesicht. Die unfreiwillige Erinnerung an die schleimigen Amphibien auf ihren Lippen und die kleinen klebrigen Füßchen, die auf ihrer Haut entlanggetapst waren, ließ sie erschaudern. Ein Frosch war ihr sogar in den Mund gefallen, als sie aufgewacht und vor Schreck geschrien hatte. Damaris schüttelte sich. An jenem Morgen hatte sie ein halbes Päckchen Zahnputzpulver gebraucht, um den widerlichen Geschmack aus ihrem Mund zu entfernen. Zum Glück hatte Nathaniel bisher niemals den gleichen Streich zweimal gespielt. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass sie einen zweiten Froschangriff überleben würde. 16


Doch das alles war jetzt egal. Damaris musste die Äpfel holen. Sie würde ihren Neffen bei der ersten Bitte überhaupt, die er an sie richtete, bestimmt nicht enttäuschen. Sie überließ das Brot sich selbst und ging zur Falltür, die in die Mitte des Küchenbodens eingelassen war und zum Rübenkeller führte. Damaris bückte sich und hievte die Tür auf, dann raffte sie ihre Röcke, damit sie sehen konnte, wohin sie ihre Füße setzte, und stieg in den kühlen, feuchten Keller hinab. Sie durchquerte den kleinen, in die Erde gegrabenen Raum und näherte sich dem Regal, in dem neben dem Eimer mit den Äpfeln auch eingemachte Lebensmittel standen. Damaris griff den obersten Apfel und untersuchte ihn auf Druckstellen. Sie wollte nur die besten Früchte verwenden. Da dieser hier an einer Seite schon weich war, legte sie ihn zurück und nahm einen zweiten. Noch während sich ihre Finger um die Frucht legten, fiel ein Schatten in den Keller. Bumm! Die Kellertür schlug zu. Plötzlich war es stockdunkel. »Nathaniel!« Damaris ließ den Apfel fallen und wandte sich in Richtung Leiter. Bestimmt würde er sie hier unten nicht einsperren. Er war frech, doch keinesfalls bösartig. Es sei denn … war das vielleicht die Rache für sein Fenster? Nathaniel war nachts immer wieder hinausgeklettert, obwohl sie es ihm verboten hatte. Natürlich hatte er ihrer Warnung, dass es nach Anbruch der Dunkelheit draußen nicht sicher war, kein Gehör geschenkt. Mit ihm zu diskutieren, hatte nichts gebracht, doch als verantwortungsbewusste Erziehungsberechtigte hatte Damaris irgendetwas tun müssen, um ihn aufzuhalten. Also hatte sie gestern seinen Fensterladen von außen zugenagelt in der Hoffnung, dass ihn dieses Hindernis zumindest innehalten und nachdenken lassen würde, bevor er sich wieder mitten in der Nacht davonmachte. Heute Morgen beim Frühstück hatte er nichts dazu gesagt und war wie immer wortlos in die Schule gegangen. Sie hatte gedacht, er hätte vielleicht noch nicht entdeckt, was sie getan hatte. 17


Offensichtlich hatte sie sich geirrt. »Also gut, Nathaniel. Du hast deinen Standpunkt klargemacht«, rief sie, während sie sich durchs Dunkel tastete und nach der Leiter suchte. »Du kannst mich jetzt wieder rauslassen.« Über ihr schabte etwas. Es hörte sich an wie Tischbeine auf Bodendielen. Dann ein Schlag direkt über ihr. »Lass uns einen Deal machen, Tante Maris.« Nathaniels Stimme klang gedämpft durch den Fußboden zu ihr. »Wenn du es bis zum Abendessen schaffst, dich zu befreien, höre ich auf, mein Fenster als Tür zu benutzen. Aber wenn du immer noch da unten gefangen sein solltest, bis ich zurückkomme, lässt du mich von jetzt an gehen, wohin ich will und wann immer ich will.« Sie schüttelte den Kopf, auch wenn Nathaniel das nicht sehen konnte. »Diesen Deal kann ich nicht mit dir machen. Es ist meine Aufgabe, dich zu beschützen.« »Nein, ist es nicht. Das ist die Aufgabe meines Vaters, aber der ist nicht mehr hier, also kümmere ich mich um mich selbst.« Energische Schritte entfernten sich. »Nathaniel!« Eine Tür schlug zu. Er hatte sie hier eingesperrt. Gefangen. Im Dunkeln. Die alte, ängstliche Damaris hätte sich auf den Erdboden gesetzt und geweint. Doch die Texas-Damaris hatte mehr Mumm in den Knochen. Weinen würde sie nicht aus diesem Keller bringen; Anstrengung und Ideenreichtum allerdings schon. Damaris nutzte den schmalen Lichtschimmer, der durch den schmalen Spalt neben der Falltür in den Keller fiel, um sich zu orientieren. Sie stellte sich unter die Tür, dann streckte sie die Hände aus und ertastete die Leiter. Sie umfasste die Holme und setzte vorsichtig einen Fuß auf die unterste Sprosse, dann stieg sie langsam hinauf, bis sie über sich den Türgriff ertastete und drückte. Nichts bewegte sich. Sie kletterte höher und beugte sich vor, bis ihre Schultern die Falltür von unten berührten. Bitte, Herr, schenk mir Kraft. 18


Mit zusammengebissenen Zähnen streckte sie die Beine durch und stemmte sich nach oben, so kräftig sie konnte. Die Tür bewegte sich. Nicht viel, aber sie bewegte sich. Noch einmal versuchte sie es und stöhnte vor Anstrengung. Vergeblich. Die Tür bewegte sich einen Zentimeter, vielleicht weniger. Der Tisch, der darauf stand, war einfach zu schwer. Also gut. Anstrengung und Körperkraft reichten nicht aus, wenn man die Muskeln einer Frau besaß, die eher daran gewöhnt waren, feine Handarbeiten zu fertigen, als Tische zu stemmen. Also musste sie es mit Plan B versuchen: Geduld. Ihr wahrer Kampf richtete sich nicht gegen Holz und Türangeln. Ihr Gegenspieler war ein dickköpfiger, wütender, trauriger Junge, gegen den sie nicht verlieren durfte. Nicht, wenn es um Nathaniels Wohlergehen ging. Sie mochte scheitern, wenn es darum ging, aus diesem Loch zu kommen; doch sie konnte entscheiden, wie ihr Neffe sie hier vorfand, wenn sie sich das nächste Mal sahen. Tante Maris würde nicht weinen und verzweifelt sein. Sie würde sich auch nicht geschlagen geben und eingeschnappt sein, nicht einmal wütend sein oder ihrem Ärger Luft machen. Nein, Nathaniel würde sie ruhig, gelassen und lächelnd vorfinden; immer noch dazu bereit, ihm die köstlichsten Äpfel zu servieren, die er jemals gegessen hatte. Die andere Wange hinhalten. Der Herr hatte diese Strategie vorgeschlagen; also musste sie funktionieren. Das Einzige, wofür sie sorgen musste, war der Umstand, dass sie in der Zwischenzeit nicht verrückt wurde, wenn sie sich die krabbeligen Kreaturen vorstellte, die sich in solchen Kellern herumtrieben. Tiere, die aus ihren Löchern krochen, wenn es dunkel war. Damaris ließ sich auf der untersten Sprosse nieder und schlang ihren Rock um die Beine, dann verschränkte sie die Arme vor der Brust. Es wäre ja nur für ein, zwei Stunden. Das würde sie schaffen. Ein Quietschen erklang aus der Ecke. Ihr Blick fuhr in diese 19


Richtung, doch im Dunklen konnte sie natürlich nichts erkennen. Leise, tapsende Geräusche erklangen hinter ihr. Damaris zog die Beine so nahe wie möglich an den Körper und fing an zu summen. Sie konnte das schaffen. Es waren nur Geräusche, die in der Dunkelheit lauter klangen, als sie eigentlich waren. Etwas berührte sie am Kopf. Sie schüttelte ihn und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar, ertastete nichts als ihre Haarnadeln. Sie konnte das schaffen. Etwas kitzelte in ihrem Nacken. Sie sprang von der Leiter und klopfte sich von Kopf bis Fuß ab. Vielleicht war Geduld doch nicht die allerbeste Idee. Damaris rieb sich ihren juckenden Nacken und fing fieberhaft an, für einen Plan C zu beten.

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Kapitel 2 Luke Davenport ritt auf das Haupthaus der Ranch zu, wobei er Titan nur im Schritt gehen ließ, damit er die Umgebung beobachten konnte, während er sich näherte. Er sah einen Nachbarn im Westen, ein paar Farmhäuser im Norden, näher an Madisonville gelegen, doch nichts Auffälliges im Süden. Von dort sollten die Viehdiebe von Zeit zu Zeit angreifen. Die Ohren seines Pferdes zuckten und Luke lehnte sich nach vorne, um den Hals seines Reittieres zu tätscheln. »Jepp«, murmelte er. »Ich habe ihn gesehen.« Ein Mann stand im Schatten der Veranda, ein Gewehr in der Hand. Luke bedeutete Titan stehen zu bleiben. Der große Rotfuchs gehorchte sofort, ja er schien den Gedanken seines Reiters schon erahnt zu haben, bevor der überhaupt die Zügel angezogen hatte. Titan war eines der ersten Tiere gewesen, das Luke auf Gringolet eingeritten hatte, nachdem sein früherer Hauptmann die große Pferdezuchtfarm seines Schwiegervaters übernommen hatte. Als Matthew Hanger geheiratet und die Hangers Reiter damit offiziell in den Ruhestand geschickt hatte, hatte er den drei anderen Reitern Arbeit auf der Farm angeboten. Sie trainierten Pferde für die Armee und andere Interessenten. Luke mochte diese Arbeit, vor allem, weil Matt ihm häufig die wildesten Tiere zuteilte. Je ungezähmter, desto besser, wenn es nach Luke ging. Er liebte es, sich einem ebenbürtigen Kontrahenten zu stellen. Das passte zu seiner eigenen Ungezähmtheit. Um ehrlich zu sein, hatte er es vermisst, diese wilde Seite von sich ausleben zu können, seit er der Kavallerie den Rücken gekehrt hatte. Die Hangers Reiter hatten Luke geholfen, diesen Teil seines Charakters zu bändigen. Banditen zu jagen, Kugeln aus21


zuweichen und Gesetzlose hinter Gitter zu bringen – eine solche Tätigkeit erhielt den Scharfsinn und die Reflexe eines Mannes. Hielt ihn in Bestform. Das Militär hatte Lukes Ruhelosigkeit kanalisiert und ihm einen Sinn für sein Leben aufgezeigt. Dann hatte Matt mit den Reitern diese Bestimmung noch veredelt, indem sie Leib und Leben unbescholtener Menschen vor den Angriffen von Übeltätern beschützten. Doch in letzter Zeit war Luke diese Befriedigung, sich mit vollem Einsatz ganz und gar einer guten Sache widmen zu können, mehr und mehr abhandengekommen. Wie ein Degen, den man nicht länger für den Kampf benutzte, schien seine Daseinsberechtigung zu schwinden. Matt und die anderen mochten zufrieden damit sein, die Waffen an die Wand zu hängen und sie nur noch als Erinnerung an vergangene Tage zu betrachten. Doch Luke hatte nichts anderes im Leben. Was war er, wenn er kein Kämpfer war? Aus Furcht, das Furcht einflößende Territorium zu erforschen, das sich dunkel und einsam hinter dieser Frage erstreckte, hatte Luke die erstbeste Gelegenheit ergriffen, die sich ihm bot, um wieder aktiv zu werden. Wilson Grimes, ein Soldat, der damals in Kavalleriezeiten zusammen mit ihm unter dem Hauptmann gedient hatte, hatte Matt geschrieben und die Reiter im Namen seines Bruders um Hilfe gebeten. Jener Bruder hatte in Madison County immer wieder Auseinandersetzungen mit einer Bande Viehdiebe. Luke hatte sich freiwillig gemeldet, noch bevor Matt den Brief auch nur zu Ende vorgelesen hatte. Er wusste, dass er dieses Mal auf sich allein gestellt war. Kein anderer Reiter begleitete ihn, um ihm den Rücken freizuhalten, doch er war auch früher in einsamer Mission unterwegs gewesen. Und er hatte überlebt. Seine Freunde hatten mittlerweile wichtigere Aufgaben. Matts Frau war mit dem ersten Kind schwanger und stand wenige Wochen vor der Entbindung. Jonah musste sich um seine frisch angetraute Ehefrau kümmern und seine neu erworbene Ranch bewirtschaften. Und Wallace trug mittlerweile das Abzeichen eines Deputys und sorgte in Kingsland für Recht 22


und Ordnung. Keiner von ihnen konnte so einfach alles stehen und liegen lassen und sich dieser Sache annehmen. Keiner außer Luke. »Hallo? Sie dort beim Haus!«, rief er. »Mein Name ist Luke Davenport. Ich bin hier, um mich mit Mr Grimes zu treffen. Matthew Hanger schickt mich.« Der Mann auf der Veranda trat aus dem Schatten heraus und auf seinem Gesicht erschien ein breites Lächeln, während er den Lauf des Gewehrs auf den Boden sinken ließ. »Mr Davenport! Willkommen!« Er sprang die Stufen hinab und kam auf Luke zu. »Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie froh ich bin, dass Sie da sind. Bitte, kommen Sie doch rein. Einer meiner Männer kann sich um Ihr Pferd kümmern.« Er stieß einen Pfiff aus, woraufhin ein älterer Mann aus dem Stall kam. Sein Gang war so breitbeinig, dass gut und gerne ein Kalb durch seine Beine gepasst hätte. »Quincy, du kümmerst dich um Mr Davenports Pferd.« »Klar, Boss.« Der Ältere schlenderte herbei, als Luke abstieg. »Ein wunderschönes Tier. Wie heißt es?« »Titan.« Luke tätschelte den Hals des Wallachs, dann reichte er dem alten Viehtreiber, dessen Augen vor Bewunderung leuchteten, die Zügel. »Wie passend«, murmelte Quincy, während sein prüfender Blick das Tier musterte. »Er muss ein Stockmaß von – warten Sie – eins siebzig haben?« Luke grinste. »Eins fünfundsiebzig.« Da Luke selbst knapp zwei Meter groß war, brauchte er ein Pferd, das zu ihm passte. Quincy pfiff anerkennend durch die Zähne. »Woohee! Da brauche ich ja einen Tritt, um ihn abzusatteln.« »Lockern Sie erst mal nur den Sattelgurt und geben ihm Wasser«, sagte Luke. »Wenn ich mit Ihrem Boss gesprochen und in Erfahrung gebracht habe, was in letzter Zeit hier vorgefallen ist, will ich gleich die Grundstücksgrenzen abreiten, um mir einen genauen Überblick zu verschaffen.« Quincy nickte. »Wird gemacht.« Sein Lächeln wich einem 23


ernsten Gesichtsausdruck, als er seinem Boss in die Augen sah. Er nickte beiden Männern zu. »Titan wird bereit sein, wenn Sie ihn brauchen.« Luke tippte sich an die Hutkrempe. »Danke.« »Kommen Sie doch rein.« Grimes ging vor Luke die Verandastufen hinauf und hielt ihm die Tür auf. Luke folgte ihm und nahm seinen Hut ab, als er über die Schwelle trat. »Wilson hat mir erzählt, dass er Hauptmann Hanger um Hilfe gebeten hat«, sagte Grimes, während er die Tür hinter ihnen schloss und Luke durch das Wohnzimmer in ein kleines Büro führte, »aber ich wusste, dass die Reiter ihre Arbeit aufgegeben haben. Deshalb hatte ich nicht erwartet, dass sein Brief Erfolg haben würde. Und doch sind Sie hier.« Und doch war Luke hier. So versessen darauf, diesen Job anzunehmen – jeden Job! –, dass er nicht einmal daran gedacht hatte, seinem potenziellen Auftraggeber ein Telegramm zu schicken. Er tauchte einfach auf seiner Türschwelle auf wie ein streunender Hund auf der Suche nach einem Knochen. Grimes grinste, als er beiseitetrat und Luke den Vortritt ins Büro ließ. Sobald er jedoch die Tür hinter sich geschlossen hatte, bröckelte seine Haltung. Es war, als diene das Büro als Lager all seiner Sorgen und Ängste, dachte Luke. Die drückende Atmosphäre wollte sich auch auf ihn legen. Luke kreiste die Schultern, wie um die Sorgen von sich abzuschütteln. Grimes bedeutete ihm, sich auf einem Stuhl niederzulassen, dann nahm er selbst hinter dem schweren Eichenschreibtisch Platz, der das Zimmer dominierte. Grimes stützte sich mit den Unterarmen auf der Arbeitsplatte ab und seufzte tief. »Laut gestrigen Berechnungen fehlen mir zehn Tiere, aber es ist nicht die übliche Vorgehensweise, wie man es von Viehdieben kennt. Ich habe das Gefühl, die Mistkerle spielen mit mir.« Luke stellte seine Stiefel fest auf den Boden und beugte sich vor. »Wie meinen Sie das?« 24


»Sie stehlen meine Mastrinder, aber immer nur eines oder zwei auf einmal. Keine Spuren von Pferdehufen. Sie sind so leise, dass sie die restliche Herde nicht in Aufruhr versetzen. Sie kommen in der Nacht, wählen ein Tier aus und bringen es weg. Ich habe schon Nachtwachen aufgestellt, aber ich führe nur einen kleinen Betrieb. Ich bin keiner dieser Großgrundbesitzer, die Tausende Rinder ihr Eigen nennen und Dutzende Männer auf der Gehaltsliste haben. Meine Herde besteht gerade einmal aus zweihundert Tieren und ich habe drei Männer angestellt. Zehn gestohlene Longhorns bedeuten für mich einen Verlust von fünf Prozent. Wenn ich es nicht schaffe, diese Diebstähle zu beenden, muss ich in einem Monat mit einem Verlust von fünfundzwanzig Prozent rechnen. In drei Monaten könnte ich pleite sein.« Nach Lukes Ermessen war es sehr gefährlich für die Viehdiebe, immer und immer wieder an den gleichen Tatort zurückzukehren. Doch vielleicht waren es gar keine Diebe – Mehrzahl –, sondern nur ein einziger. »Haben Sie durchtrennte Weidezäune entdeckt?« Grimes trommelte mit dem Daumen auf seinen Schreibtisch. »Nein. Wir haben die Zäune jedes Mal untersucht, wenn wieder ein Tier gefehlt hat. Keine durchtrennten Drähte oder Stellen, an denen der Zaun niedergedrückt wurde.« Er ballte seine Hand zur Faust. »Ich habe keine Ahnung, wie die Diebe es anstellen.« »Hört sich an, als stammten sie aus der Nähe, wenn sie immer wieder an der gleichen Stelle zuschlagen. Vielleicht eine arme Familie, die ihre Kinder ernähren muss?« Grimes blickte finster drein. »Das würde ich denken, wenn nur ein Rind verschwunden wäre. Aber zehn? Da geht es nicht ums Essen. Das ist persönlich.« An diesem Punkt hakte Luke ein. »Könnte jemand ein Hühnchen mit Ihnen zu rupfen haben?« Dass dies ein Akt der Rache oder Boshaftigkeit war, erschien ihm glaubhaft. Viehdieben ging es ums Geld und die einzige Möglichkeit, dass sich das hohe Risiko eines Diebstahls lohnte, war, so viele Tiere wie möglich zu 25


schnappen und sich aus dem Staub zu machen. Anschließend mussten die Brandzeichen abgeändert und ein Käufer gefunden werden, der nicht allzu genau hinschaute. Doch wenn das Motiv nicht Geld war, eröffnete das einen ganz neuen Blickwinkel. »Das ist das Problem.« Grimes ließ sich in seinen Stuhl zurückfallen und schlug frustriert auf die Armlehnen. »Ich habe keinen blassen Schimmer, wer ein Interesse daran haben könnte, mich zu ruinieren. Vor einigen Jahren musste ich mal einen Arbeiter entlassen, weil er nicht ehrlich war. Aber soweit ich weiß, ist der längst nach Colorado weitergezogen. Und ich habe auch mit niemandem in der Stadt Streit.« »Was ist mit Ihren Männern?« Luke klopfte sich mit der Hutkrempe auf den Oberschenkel. »Vielleicht hat einer ein paar zu viel über den Durst getrunken und mit jemandem Streit angefangen?« Grimes schüttelte den Kopf. »Buck und Randall sind absolut verlässlich. Außerdem sind sie eher am Kartenspiel interessiert als am Alkohol. Und bevor Sie fragen – nein, sie schulden niemandem Geld. Joe ist noch jung und hat ab und an Flausen im Kopf, aber er ist so charmant, dass ihm niemand lange böse sein kann.« Luke brummte unverbindlich. Ein guter Boss kannte seine Männer, doch niemand konnte wirklich hinter die Fassade eines anderen Menschen blicken. Jeder hatte Geheimnisse. Trotz des Vertrauens, das der Besitzer der Ranch in seine Arbeiter setzte, war es möglich, dass einer von ihnen in dieser Sache mit drinsteckte. Wer sonst kannte das Land gut genug, um ein Longhorn von der Weide zu stehlen, ohne einen Zaun zu durchtrennen und Spuren zu hinterlassen? »Was ist mit Menschen aus Ihrer Vergangenheit? Irgendwelche unzufriedenen Geschäftspartner oder Frauen, die sich nach Rache sehnen könnten?« »Nein. Ich habe dieses Land vor einem Jahrzehnt vollkommen legal erworben. Meine erste Herde konnte ich mir nach fünf Jahren als Viehtreiber leisten. Von meinem vorherigen Boss habe ich mich 26


im Guten getrennt.« Grimes fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. »Und was Frauen angeht, habe ich in den letzten Jahren nur mit einer Handvoll Kontakt gehabt und mit keiner so lange, dass daraus von einer Seite her irgendwelche Hoffnungen hätten entstehen können.« Er umklammerte die Kante des Schreibtisches und sah Luke fest in die Augen. »Ich bin Rinderzüchter, Mr Davenport. Meine Ranch ist mein Leben. Ich habe keine Zeit für Politik oder Brautwerbung oder dafür, meine Nase in anderer Leute Angelegenheiten zu stecken. Der einzige Mann, mit dem ich in letzter Zeit Auseinandersetzungen hatte, war Doug Baxter, aber der ist tot, also kann er wohl kaum etwas mit diesen Diebstählen zu tun haben.« Lukes Instinkte waren mit einem Schlag hellwach. »Was für Auseinandersetzungen hatten Sie mit diesem Baxter?« Grimes zuckte mit den Schultern. »Die üblichen.« Er zeigte mit dem Daumen über die Schulter. »Ihm gehörte das Nachbarland. Sehr fruchtbarer Boden mit optimalen Voraussetzungen, um dort Vieh zu weiden. Ich wollte es ihm abkaufen. Baxter hat abgelehnt. Aber wie ich schon sagte, der Mann ist verstorben. Das ist jetzt schon zwei Monate her.« »Hat er Familie hinterlassen, die einen Groll gegen Sie hegen könnte?« Tiefe Trauer verleitete manche Menschen dazu, nach einem Schuldigen zu suchen, auf den sie ihre Wut und Verzweiflung richten konnten. »Nur einen Jungen. Nate. Aber ich glaube nicht …« Ein nachdenklicher Ausdruck trat auf das Gesicht des Ranchers. »Nein. Der Junge ist gerade mal dreizehn oder vierzehn. Manchmal ist er vielleicht ein Hitzkopf, aber vollkommen harmlos. Obwohl … jetzt, wo Sie mich nach Nate fragen … das könnte erklären …« Er presste die Lippen fest aufeinander. »Was?« »Das gestohlene Vieh ist nicht das Einzige, womit ich mich in letzter Zeit herumschlagen musste.« Luke hob eine Augenbraue und wartete, dass Grimes weitersprach. 27


»Es gab auch Vandalismus.« »Welcher Art?« »Mein halber Gemüsegarten wurde verwüstet. Ich habe bestimmt einen Monat an Wintervorrat verloren. Und die Pferde sind aus der Koppel ausgebrochen. Eins hat danach gelahmt. Ist vielleicht in ein Fuchsloch getreten, als jemand die Tiere erschreckt hat. Dann gab es auch noch andere, kleinere Vorfälle: ein Stinktier, das sich in die Schlafbaracke der Männer verirrt hat. Stinkbomben auf der Veranda. Das alles passierte in der Nacht, genau wie die Diebstähle. Und es fing zur gleichen Zeit an. Den anderen Ranchern in der Gegend ist nichts dergleichen passiert, also hat es wohl jemand gezielt auf mich abgesehen. Ich wusste bisher nur nicht, warum das so sein sollte. Aber wenn es doch etwas mit Baxter zu tun hat …« »Lassen Sie mich bitte erst Nachforschungen anstellen, bevor Sie irgendwelche voreiligen Schlüsse ziehen.« Luke hatte als Junge ebenfalls den einen oder anderen Streich gespielt und war mehr als einmal in Schwierigkeiten geraten. Es konnte durchaus der Nachbarsjunge sein, der für all diese Vorfälle verantwortlich war. Aber Viehdiebstahl? Das ging weit über Dumme-Jungen-Streiche hinaus. Das war eine echte Straftat. Luke schlug sich mit der Hand auf den Oberschenkel und erhob sich. Grimes stand ebenfalls auf. »Das bedeutet, dass Sie den Job übernehmen?« Luke drückte sich den Hut auf den Kopf und nickte. »Jepp.« »Das freut mich zu hören.« Grimes zog einen Schlüssel aus seiner Tasche, schloss eine Schublade auf und griff hinein. »Ich weiß, dass Sie die Hälfte des Honorars im Vorhinein benötigen. Ich kann Ihnen gerne einen Bankwechsel ausstellen …« Luke winkte ab. »Darum können wir uns heute Abend kümmern. Ich will mit meinen Recherchen beginnen, solange es noch hell ist.« Ein Ausdruck des Respekts trat in Grimes’ Augen, als er Luke 28


zunickte. »Ich sage Quincy, dass er Ihr Pferd fertig machen soll. Fangen Sie am besten mit dem östlichen Zaun an. Die Rinder standen in den letzten Wochen dort auf der südöstlichen Weide.« Luke nahm diese wichtige Information auf, doch er würde heute nicht mehr die Zäune abreiten. »Die Zäune sehe ich mir gleich morgen früh an«, erwiderte er. »Zuerst aber statte ich Ihrem Nachbarn einen Besuch ab.« Er wollte sich Nate Baxter ansehen. Der Junge mochte nur noch ein Kind sein, doch im Augenblick war er Lukes einziger Verdächtiger. Und wenn Luke eins aus seiner trüben Jugend wusste, dann die Tatsache, dass wütende Jungs dazu in der Lage waren, großen Schaden anzurichten. Und je größer das Leid war, das sie anderen zufügten, desto größer war auch das, das sie sich selbst zufügten. Ein Leid, das sie oft nicht erkannten, bis es zu spät war.

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