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Cathy Marie Hake

Wie mit Gold verwoben


Kapitel 1 Eaststead, Massachusetts 1846 Ein Schrei zerschnitt das laute Dröhnen der Dampfmaschinen und das Klappern und Quietschen der Webstühle. Isabel Shaw fuhr sofort herum und zog die fünfundzwanzig Zentimeter lange Schere aus der Stoffscheide, die sie an ihre Taille gebunden hatte. Vier schnelle, verzweifelte Schnitte befreiten Marys braunen Baumwollrock aus der Aufwärtsbewegung der Maschine. Kathleen zog eilig den abgeschnittenen 5


Stofffetzen heraus, bevor er den Webstuhl zum Anhalten zwang oder einen inakzeptablen Fehler in dem gewebten Baumwollstoff verursachen konnte. »Puh!« Isabel umarmte Mary schnell und rief ihr ins Ohr: »Du hast dich gut geschlagen! Jetzt bist du endgültig eine von uns.« Sie schaute auf das zerfranste Loch in Marys Kleid hinab und warf dann einen vielsagenden Blick auf ihren Haarknoten. »Bist du nicht froh, dass du dein Haar hochgesteckt hast?« Mary nickte und nahm die Spule, die Kathleen aus einer Kiste neben ihren Füßen holte und ihr in die Hände drückte. »Mach weiter so, Liebes. Wir helfen dir.« Jedes Wort musste fast geschrien werden, damit man es verstehen konnte. Isabel führte Marys zitternde Hände und beruhigte sie, während sie die alte Spule aus dem fast leeren Schiffchen holten und die neue hineindrückten. Mary hielt das Schiffchen aus Erlenholz, das wie ein Kanu ohne Boden geformt war, an ihre Lippen und sog den losen Faden durch das kleine Loch an ei6


nem der Enden mit Kupferspitze. Nachdem sie das Schiffchen an der äußersten rechten Seite angebracht hatte, lächelte sie Isabel zitternd an. »Du lernst schnell!« Isabel drückte ihren eigenen tiefblauen Rock aus einfachem Nesselstoff eng an sich und drehte sich wieder zu ihren eigenen Maschinen herum. Da die Webstühle so eng nebeneinanderstanden, hatte sie gelernt, bei jeder Bewegung auf ihre Röcke zu achten, damit sie sich nicht in den Maschinen verfingen. Gemeinsam nahmen die drei Frauen die Arbeit an dem neunzig Zentimeter breiten Webstuhl in der Steadman-Textilfabrik wieder auf. Die Maschinen dröhnten unablässig weiter und verbreiteten den beißenden Geruch von Schmieröl, der sich mit dem starken Geruch des Fadens vermischte. Da sich unbehandelte Fäden leicht verhakten und rissen, wurden die Baumwollfäden mit Kartoffelstärke umhüllt, um sie fester zu machen. Der markante Geruch durchdrang die Backsteinmauern und den Holzboden und 7


Isabel sehnte sich nach einem Atemzug schneefrischer Luft. Unter ihrem Rock und ihrem dünnen Flanellunterrock fühlte sie, wie ihr Strumpf nach unten rutschte. Dafür kann ich mir jetzt keine Zeit nehmen. Ich bekomme ohnehin Probleme, weil ich Mary geholfen habe. Isabel war dankbar, dass sie überhaupt Strümpfe hatte. Als sie am letzten Sonntag nach dem Gottesdienst den Mädchen im Waisenhaus beim Nähen geholfen hatte, hatte die Heimleiterin, Amy Ross, ihr unauffällig ein Paar schwarze Strümpfe, das in Papier gewickelt war, zugesteckt. Amy hatte erklärt, dass eine reiche Frau einige Körbe mit großzügigen Kleiderspenden gebracht hatte. Isabel wusste, dass die extralangen Strümpfe weder der zierlichen Amy noch einem der älteren Mädchen passen würden. Da Isabel groß war und ihr letztes Paar Strümpfe nicht mehr zu retten gewesen war, erinnerten die neuen Strümpfe sie daran, wie gut Gott sie mit dem versorgte, was sie brauchte. Sie wünschte nur, sie hätte ihre Strumpfbänder enger gebunden! 8


Mit tauben Fingern ersetzte Isabel ihre eigenen Spulen und achtete darauf, die Haken an dem Lederriemen, der mit einem glockenförmigen Metallstück beschwert war, einzustellen. Die Rahmenhaken sorgten dafür, dass das Gewebe ihres Stoffes gestrafft blieb. Sie arbeitete die Reihe ab, um sofort wieder von vorne zu beginnen, sobald sie mit dem letzten Haken fertig war. Eine Spule reichte nur für fünf Minuten. Sie brauchte einen festen Rhythmus, um mit der Geschwindigkeit der Maschinen Schritt zu halten, und die Zeit, die sie durch die Unterbrechung verloren hatten, war schwer aufzuholen. Elfjährige schleppten Körbe mit neuen Fäden an und leere Spulen kamen in eine Tonne, die von noch jüngeren Mädchen weggetragen wurden. Isabel musste aufpassen, um auf keines der Kinder zu treten, die an ihr vorbeikrochen und die schweren Behälter wegzogen. Der warme, sättigende Haferbrei vom Frühstück lag ihr schwer im Magen. Obwohl Ebenezer Steadman als knausriger Geizhals bekannt gewesen war, hatte er 9


es für eine sinnvolle Geschäftsinvestition erachtet, seine Arbeiter anständig zu ernähren. Er hatte veranlasst, dass sich die Tische in der Pension unter dem guten Essen für seine Arbeiterinnen fast gebogen hatten. Als Isabel vor zwei Jahren angefangen hatte, in der Fabrik zu arbeiten, hatte sie hier das gleiche herzhafte Frühstück genossen, das es zu Hause gegeben hatte: Eier, Speck oder Wurst, frisch gebackenes Brot und reichlich sahnige Milch. Seit Mr Steadman gestorben war – vermutlich, um endlich bei seinem Herrn zu sein –, hatte der Verwalter der Fabrik einschneidende Veränderungen vorgenommen. Köstliche Mahlzeiten und Extras waren über Nacht von den Esstischen verschwunden. Klebriger Haferbrei, Eintopf aus knorpeligem Fleisch, billiges Pökelfleisch und alter Fisch beherrschten jetzt den Speiseplan. Auch wenn Isabel nichts von Tratsch hielt, fragte sie sich unwillkürlich, ob Mr Jefford das eingesparte Geld in die Taschen seines teuren, neuen, doppelreihigen Mantels steckte. Sie schüttelte den Kopf, um diesen 10


lieblosen Gedanken zu verdrängen. Stattdessen konzentrierte sie sich auf die Bedienung ihrer Webstühle und betete für Mama und jedes ihrer Geschwister. Ursprünglich hatte Isabel die Farm ihrer Familie in New Hampshire verlassen und angefangen, in der Steadman-Textilfabrik zu arbeiten, um Geld für die Ausbildung ihres Bruders beiseitelegen zu können. David hatte gehofft, eines Tages Arzt werden zu können. Er war ein kluger Junge und zeigte gute Anzeichen, mit der nötigen Ausbildung etwas aus sich machen zu können. Doch dann war ihr Vater gestorben und ihre Pläne hatten sich geändert. Isabel schickte fast ihren gesamten Lohn nach Hause, damit Mama ein Essen auf den Tisch stellen konnte, und David hatte seine Träume begraben und ging jetzt bei einem Fassbinder in die Lehre. Das rhythmische Klappern der Maschinen unterstrich ihr Gebet. Herr, sei bei ihnen. Zeig ihnen, dass ich sie liebe. W 11


Carter Steadman schlenderte über den langen Laufgang. Er spürte, dass sein Schneckentempo Harlan Jeffords Geduld stark strapazierte. Obwohl Carter wusste, dass sein Verwalter ein viel beschäftigter Mann war, fand er, dass eine gründliche Bestandsaufnahme nicht zu viel verlangt sei. Er hatte im Vorfeld einen Termin für die Besichtigung der Fabrik vereinbart und wollte nicht von einem Raum zum nächsten hetzen. Nach den Verbesserungen und Modernisierungen, die er in England gesehen hatte, wollte er in der Fabrik seiner Familie mehrere Veränderungen vornehmen. Er müsste sich entscheiden, mit welchen er beginnen wollte. Veränderungen, hatte er herausgefunden, wurden am besten akzeptiert, wenn sie schrittweise eingeführt wurden. Aus Jeffords finsterem Stirnrunzeln schloss Carter, dass er seine Vorstellungen vom Betrieb der Fabrik mit enorm viel Feingefühl vorbringen musste. Die Webstühle in der Halle unter ihm liefen in einer faszinierenden Synchronität und produzierten in atemberauben12


der Geschwindigkeit Stoffe. Carter runzelte die Stirn. Er blieb stehen und zählte die Schaftgeschwindigkeit. Er tippte mit der Spitze seines auf Hochglanz polierten Stiefels im Takt der Maschinen. Walöllampen warfen von der Decke ein schwaches Licht auf den Arbeitsraum. Aus Angst, dass eine Lampe ein Feuer entfachen könnte, standen Wassereimer griffbereit neben den Fenstern. Die Kettfäden an den Rückseiten der hundert Webstühle aus Metall und Holz wirkten wie eine Million Harfensaiten. Sie protestierten jedes Mal laut, wenn die Schäfte auf- und niedergingen. Schiffchen mit den Schussfäden wurden durch die Kettfäden geschossen und die Weberblätter drückten die Fäden des fertigen Gewebes aneinander. Der fertige Stoff wurde auf die Warenbäume der Maschinen zu fünfzig Meter langen Ballen gewickelt. Hier und da hatten Weber Zettel an ihre Webstühle oder die Fenster gesteckt oder geklebt, damit sie während der Arbeit kurz etwas lesen konnten. Da die Webstühle in Höchstgeschwindigkeit 13


liefen, hatte jedoch niemand eine Chance zu lesen. Diese Seiten hingen hier also nur als Erinnerung an verstaubte, vergessene Träume. Jefford stützte seine Unterarme auf das Metallgeländer und deutete mit dem Kopf nach unten. »Ich halte alles am Laufen, wie Ihr Vater angeordnet hat.« »Auch mit dieser Geschwindigkeit?« »Ja. Eine Erhöhung der Geschwindigkeit ergibt täglich zusätzliche dreihundert Ballen Stoff aus Garn Nr. 14.« Er klopfte stolz mit den Handflächen auf das Geländer. »Ich erziele an jedem Webstuhl zweihundertfünfzig Meter Stoff pro Woche.« Carter hatte Mühe, seine Gefühle zu beherrschen, während er sich an das Geländer lehnte und beobachtete, wie die Frauen die Webstühle bedienten. Die Geschwindigkeit der Maschinen zu erhöhen, war einfach, dazu mussten nur einige Hebel verändert werden; aber die Geschwindigkeit der Arbeiterinnen zu erhöhen, erforderte mehr Fingerspitzengefühl. Wenn der Verwalter gelegentlich die Anweisung erteilte, die Arbeitsge14


schwindigkeit zu erhöhen, um einen bestimmten Auftrag fertigzustellen, konnte das Carter vielleicht akzeptieren, aber er hielt es für eine Gefährdung der Sicherheit, die Arbeiterinnen täglich zu einem solchen Tempo anzutreiben. »Sie lassen die Webstühle also ständig auf höchster Kapazität laufen?« »Wenn ich das nicht machen würde, wäre ich ein schlechter Verwalter.« Carter zwang sich, seine Gefühle nicht zu zeigen, und rief sich ins Gedächtnis, dass Jefford schon ziemlich lange für die Fabrik arbeitete. In diesen Jahren hatte er die Anweisungen, die ihm gegeben worden waren, zuverlässig befolgt – aber diese Anweisungen waren von einem Fabrikbesitzer gekommen, der sich selten Gedanken um die Bedürfnisse von anderen gemacht hatte. Wenn Jefford Carters Pläne genauso loyal unterstützte, würde die Fabrik davon profitieren. Ich gebe ihm eine Chance. Während Carter das hektische Treiben unter sich beobachtete, stellte er fest, dass die Arbeiterinnen bei ihren Bewe15


gungen offenbar eine beträchtliche Entfernung zurücklegten. Er kniff die Augen zusammen. »Wie viele Webstühle pro Arbeiterin?« »Meistens drei. Einige schaffen vier.« Carter knirschte mit den Zähnen. »Drei bis vier?« Jefford warf ihm einen gelangweilten Blick zu, dann schob er nach: »Anfängerinnen arbeiten in der ersten Woche nur mit zwei. Wenn sie in der zweiten Woche keine drei schaffen, fliegen sie.« Einige Veränderungen können definitiv nicht aufgeschoben werden. Carter beobachtete, dass die Frauen Mühe hatten, mit den Maschinen Schritt zu halten, und beschloss, nach Beendigung seiner Besichtigungstour zu verlangen, dass die Geschwindigkeit und die Zuteilung der Webstühle angepasst wurden. Als sie gerade weitergehen wollten, ertönte ein Schrei. Ein schneller Blick nach unten in die Halle zeigte die hektische Aktivität von drei Frauen, die sich aber schnell wieder trennten und an ihre Webstühle zurückkehrten. Carter vermu16


tete, dass die mittlere von der Maschine erfasst worden war und dass ihre Freundinnen sie eilig befreit hatten. Jefford kniff die Augen zusammen und las laut: »Reihe sechzehn.« Sein Tonfall verriet, dass es Konsequenzen geben würde. Er schaute Carter an. »Mr Steadman – das heißt Ihr Vater – hat die Regel aufgestellt, dass keine Arbeiterin ohne Erlaubnis ihren Webstuhl verlassen darf. Egal aus welchem Grund.« »Bei trivialen Gründen stimme ich dem zu. In diesem Fall haben die Frauen jedoch eine Arbeiterin gerettet. Ich erachte das für einen sehr triftigen Grund.« »Entschuldigen Sie bitte, Mr Steadman, aber Sie können nicht erwarten, dass diese Frauen rational denken. Wenn wir zulassen, dass sie selbst entscheiden, wann sie die Arbeit unterbrechen können, bricht Chaos aus!« »Reihe sechzehn hat der mittleren Arbeiterin geholfen und dann sofort ihre Arbeit wieder aufgenommen. Da ich dieses Handeln befürworte, besteht für Sie kein Anlass, diese Frauen zu maßregeln.« 17


Der Verwalter nickte kurz. Aber seine Miene verriet deutlich, dass er anderer Meinung war. Carter verschränkte die Arme vor seiner Brust und musterte ihn einen langen Moment. »Sie arbeiten schon sehr lange für die Steadman-Textilfabrik, nicht wahr?« »Seit sieben Jahren.« Mit stolzgeschwellter Brust fügte Jefford hinzu: »Die Profite haben sich jedes Jahr gesteigert!« Carter setzte seinen Weg über den Laufgang fort. »Wenn Sie die Weberinnen drei Webstühle am Stück bedienen lassen, müssen wir weniger Arbeiterinnen beschäftigen und die Pensionen haben zwangsläufig leere Zimmer.« »Nein, Sir. Während Sie fort waren, hat Ihr Vater die alten Webstühle durch moderne ersetzt. Eine schnellere, bessere Technik – das bringt höhere Gewinne. Er hat die Webstühle ein wenig enger nebeneinandergeschoben und sechs weitere Reihen eingefügt. Ich sorge dafür, dass jede Maschine läuft. Die Pensionen sind also voll.« 18


Kein Wunder, dass diese Frau von der Maschine erfasst wurde! Carter blieb stehen. Seine Hände verkrampften sich um das Metallgeländer. »Wie oft geraten die Frauen bei der Arbeit in die Maschinen oder verletzen sich?« »Das habe ich nicht gezählt.« Der Verwalter zuckte gleichgültig die Achseln. Carter hatte genug gehört. Noch bevor dieser Tag zu Ende ging, würde er Jefford mitteilen, dass er einige Veränderungen erwartete. Sie ließen sich nicht aufschieben.

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Kapitel 2 Carter hatte genug gesehen: eine rücksichtslose Missachtung der Sicherheit der Arbeiterinnen, angefangen in dem Raum, in dem die Rohbaumwolle gereinigt wurde, über die Spinnerei, die Weberei und weiter bis zur Fertigstellung der Stoffe. Er erwartete nicht, dass die Arbeit in der Fabrik ein Sonntagsspaziergang wäre, aber er weigerte sich, die gegenwärtigen Verhältnisse noch länger zu tolerieren. Er stand im Türrahmen der Küche einer der Pensionen und schaute zu, wie die Frauen ihr Mittagessen verschlangen. Da er es gewohnt war, gepflegt zu spei20


sen, wollte er seinen Augen kaum trauen. Diese Frauen führten kein freundliches Gespräch, sondern verschlangen ihr Essen, ohne zwischen den einzelnen Bissen eine Pause einzulegen. Das Essen aus Pökelfleisch, Kohl und Brot war schlicht, aber reichlich. Sie würden nicht hungrig an ihre Arbeit zurückkehren. Trotzdem konnte er sich des Gedankens nicht erwehren, dass es zu Verdauungsproblemen führen musste, wenn man so schnell aß. Der Kontrast zwischen diesem Essen und dem Festmahl, das Jefford und er erst vor einer Stunde genossen hatten, ließ ihm keine Ruhe. Zugegeben, für so viele Frauen Entenbrust zu braten, wäre vielleicht zu aufwendig und Jefford hatte wahrscheinlich ein besonders gutes Essen bestellt, um den neuen Chef zu beeindrucken … Die Glocke läutete und riss ihn aus seinen Gedanken. Alle Frauen standen auf und trugen ihre Teller zu Holzkisten am Ende jedes Tisches. Wie eine Reihe Postulantinnen in einem Kloster gehorchten 21


sie den Glocken, die ihr Leben bestimmten. Carter zog eine goldene Taschenuhr aus seiner Seidenweste im Paisleymuster und warf einen Blick darauf. Fünfundzwanzig Minuten. Er schaute Jefford mit hochgezogener Braue an, dann warf er einen vielsagenden Blick auf seine Uhr. »Wenn wir sie beim Essen trödeln lassen, würden wir nur kostbares Tageslicht vergeuden.« In diesem Moment ging eine hochgewachsene, brünette Frau an ihnen vorbei, die Carters Aufmerksamkeit erregte. Sie war schlank und anmutig und bewegte sich wie eine Königin. Sie trug ihren eigenen Teller und noch einen zweiten. Er lächelte. Ihr Anblick war das erste angenehme Erlebnis an diesem Tag. Mit einem leichten Singsang in der Stimme versprach sie dem blassen Mädchen, das neben ihr ging: »Morgen werden deine Finger nicht mehr so steif sein und weniger wehtun. Du schaffst das.« Die Jugendliche, die Carter nicht bemerkte, zupfte an einem großen, ausge22


fransten Loch an ihrem braunen Rock. »Aber mein Rock! Ich kann mir keinen neuen leisten, denn ich habe Tante Amy versprochen, dass ich ihr den größten Teil meines Lohnes gebe!« »Unter unseren Schürzen haben viele von uns zerrissene Röcke«, versicherte ihr die erste Frau. »Du bist damit nicht allein. Kathleen und ich helfen dir, das Loch zu flicken, bevor du nach Hause gehst.« »Das machen wir«, schaltete sich die dritte Frau ein. »Und Amy erwartet bestimmt nicht, dass du ihr all dein Geld gibst.« Jefford lehnte am Türrahmen und erklärte: »Die Arbeiterinnen können sich nicht beklagen. Es gibt so gut wie keine Unruhestifter hier in der Fabrik.« Seine Einstellung strapazierte Carters Nerven schon den ganzen Vormittag. Selbst wenn Jefford nicht das geringste Mitgefühl aufbrachte, müsste er doch verstehen, dass diese Frauen eine bessere Arbeit ablieferten, wenn sie gut behandelt wurden! Allein auf rein wirtschaftlicher Ebene war es sinnvoll, in glückliche 23


Arbeitskräfte zu investieren. Selbst wenn Habgier Jeffords einzige Motivation war, sollte er das einsehen. Carter weigerte sich, eine solche Einstellung hinzunehmen. Er würde diesem eingebildeten Mann zeigen, wie sehr sich die Dinge ändern würden. Er ging einige Schritte und hielt die drei Frauen an. »Einen Moment bitte.« Die jüngste schaute ihn entsetzt an und platzte eilig heraus: »Das war meine Schuld, Sir. Bitte bestrafen Sie die anderen nicht dafür, dass sie mir geholfen haben!« Die anderen beiden traten instinktiv beschützend näher und blickten zu ihm hinauf. Ihre ernsten Mienen versetzten ihm einen Stich. Er hatte das Mädchen erschreckt. Carter fragte die hübsche Brünette: »Sind Sie von Reihe sechzehn?« »Ja, Sir.« »Ihre Namen bitte?« Sie blinzelte und er bemerkte, dass ihre großen braunen Augen feucht glänzten. Die anderen beiden drückten sich noch näher an sie. Diese Frauen sind alle völlig 24


verängstigt. Sie sind strenge Maßregelungen gewohnt und rechnen damit, dass ich sie bestrafe. Aber sie haben nichts getan, was ich selbst nicht auch getan hätte. »Ich bin Isabel Shaw, Sir.« Die Teller in den Händen der dunkelhaarigen Schönheit klapperten leicht, als sie mit dem Kopf nach rechts deutete: »Mary Tottard«, dann nach links: »Kathleen McKenna.« »Glaubt ja nicht, ich hätte nicht gesehen, was heute Morgen passiert ist!« Jefford stemmte die Hände in die Hüften und schaute die Frauen finster an. Andere Frauen huschten eilig an ihnen vorbei und verließen schnell den Speisesaal. Isabel benetzte ihre Lippen. »Sir, es war Marys erster Tag allein an einem Webstuhl.« »Sie kennt die Regeln. Außerdem weiß sie, wie die Strafen aussehen. Genauso wie ihr beide«, knurrte Jefford. »Aber in diesem Fall«, schaltete sich Carter ruhig ein, »war es richtig, dass Sie so schnell reagiert haben.« Er warf einen Blick auf Marys ruinierten Rock. »Sie tragen keine Schürze. Nehmen Sie sich auf 25


dem Rückweg zu Ihrem Webstuhl etwas von den Stoffresten.« Alle drei Frauen reagierten mit einem erleichterten Lächeln, aber Isabel warf einen vorsichtigen Blick auf Jefford. Carter bedachte den Verwalter mit einem kühlen Blick, dann wandte er sich wieder an die Frauen. »Sie beide können sich gerne auch Stoff für eine Schürze nehmen.« Isabel blinzelte erstaunt. »Sir, ich bin mit meiner Schürze zufrieden. Aber wenn Sie nichts dagegen haben, nehme ich einen Stoffrest, um daraus Puppen für die Mädchen im Waisenhaus zu nähen.« Ihre großzügige Reaktion überraschte Carter. Er legte den Kopf schief und schaute sie einen Moment lang an. »Miss Shaw, Sie können gerne etwas für sich und zusätzlich Stoff für die Waisenkinder nehmen. Wie viele Puppen wollen Sie nähen?« Eine reizvolle Röte trat auf ihre Wangen. »Mrs Ross hat sechzehn Mädchen, Sir. Ein bis zwei Meter Baumwolle würden reichen, damit jedes der Mädchen zu Weihnachten eine Puppe bekommt.« 26


»Nehmen Sie noch ein paar zusätzliche Meter und nicht nur die schlichten Stoffe. Suchen Sie bunte Druckstoffe aus. Dann können die Mädchen lernen, kleine Kleider und Decken für die Puppen zu nähen. Und«, betonte er, »vergessen Sie nicht, auch für sich selbst etwas zu nehmen.« Sie ließ beinahe die Teller fallen. »Oh, Sir, Sie sind sehr großzügig, aber ich möchte Sie nicht in Schwierigkeiten bringen.« Carter hätte am liebsten geschmunzelt. Offensichtlich wusste Miss Shaw nicht, wer er war. Das überraschte ihn, da die Steadman-Männer sehr viel Ähnlichkeit miteinander hatten. Wie sein Vater war er groß, breitschultrig und hatte ein eckiges Kinn; der einzige Unterschied war, dass er noch dunkle Haare ohne graue Strähnen besaß. Hatte sie seinen Vater nie gesehen? Jedenfalls fand er ihre Sorge um ihn liebenswert. Genauso wie ihre Selbstlosigkeit. Er wollte sie nicht in Verlegenheit bringen und wandte sich deshalb an den Verwalter. »Mr Jefford hat bestimmt nichts dagegen.« 27


»Oh, Gott segne Sie, Sir!« »Ja, Gott segne Sie!«, wiederholten die beiden anderen wie aus einem Munde. Sobald sie außer Hörweite waren, stieß Jefford ein tiefes Seufzen aus. »Mr Steadman, das war ein schwerer Fehler. Sie waren im Ausland und verstehen nicht, wie es hier läuft. Jetzt wird jede Frau ein Geschenk wollen. Das hier ist ein Wirtschaftsbetrieb und kein Wohltätigkeitsverein!« Carter zügelte seinen Ärger und bemühte sich, seinem Verwalter mit einem Mindestmaß an Höflichkeit zu begegnen. Diesen Mann dazu zu bringen, Veränderungen einzuführen, würde wahrscheinlich schwierig werden, und ihn zur Kooperation zu bewegen, erforderte viel Diplomatie. »Sie haben mir heute Morgen die Fabrik gezeigt, Jefford. Die Produktivität der Steadman-Textilfabrik ist erstaunlich. Einige Meter an Stoffresten wird niemand vermissen, und da damit Waisenkindern geholfen wird, ist es eine lohnenswerte Tat.« »Ihr Vater vertrat den Standpunkt, dass 28


Wohltätigkeit zu Hause beginnt.« Jeffords dünne Lippen unterstrichen, dass er dieser Theorie zustimmte. »Im Alten Testament liest man, dass die Bauern früher einen Rest Getreide auf den Feldern stehen ließen, damit es die Witwen und Waisen ernten konnten. Gott hat sie dafür gesegnet. Meiner Ansicht nach bringt uns der Segen des Herrn viel weiter als das Horten von Stoffresten.« Jefford zuckte mit der linken Schulter. Diese Geste hätte als Gleichgültigkeit verstanden werden können, wenn sie nicht so angespannt gewesen wäre. »Wie Sie wollen, Sir. Sie sind jetzt der Eigentümer, da Ihr Vater nicht mehr unter uns weilt.« W »Ein so feiner, weißer Musselinstoff, Kathleen! Schau nur!« Isabel hielt einen zwei Meter langen Stoff von dem regenbogenfarbenen Stoß auf ihrem Bett in der Pension hoch. Die anderen Stoffe breiteten sich fröhlich auf der bunten neunteiligen Quiltdecke aus, die das Doppelbett bedeckte, 29


das sie miteinander teilten. »Die Mädchen werden außer sich vor Freude sein.« Kathleen lachte. »Amy wird sich noch mehr freuen als ihre Mädchen.« »Ich weiß. Wir sagen Amy, dass wir die Puppen nähen, und geben ihr drei Meter Stoff, damit sie und die älteren Mädchen für die kleineren Kinder Puppenkleider nähen können. Auf diese Weise ist es ein Gemeinschaftsgeschenk.« Kathleen setzte sich mit überkreuzten Beinen auf die andere Bettseite und zog die Nadeln aus ihrem gedrehten Haarknoten, um ihre üppigen schwarzen Locken zu befreien, die ungezähmt über ihren Rücken fielen und sich dann geschmeidig um ihre Schultern legten. In Momenten wie diesem wusste Isabel, dass ihre schottische Freundin eine große Schar an Verehrern zurückgelassen haben musste, als ihr Vater beschlossen hatte, sein Bauernhaus in New England zu verkaufen und mit der Familie nach Indiana zu ziehen, wo er Kathleen in die Fabrik geschickt hatte, damit sie der Familie finanziell helfen konnte, bis sie sich 30


in ihrem neuen Zuhause eingerichtet hatten. Ohne Isabels bewundernden Blick zu bemerken, starrte Kathleen den Stoff an und fragte sich laut: »Was ist mit den älteren Mädchen? Einige sind schon zu alt für Puppen.« »Wir nähen ihnen aus den Stoffen Schürzen. Ginger kann uns bei der Entscheidung helfen, welchem Mädchen welcher Stoff am besten gefallen könnte.« »Ja, und mit den Resten können wir den kleinen Mädchen zeigen, wie man Quiltdecken für Puppen näht«, sagte Pegeen und ließ sich auf ihr Bett fallen. Sie gähnte herzhaft. »Ich verstehe wirklich nicht, woher ihr beide die Energie nehmt, um abends im Lampenlicht zu arbeiten. Ich bin nach einem Arbeitstag hundemüde.« Grace hatte den Deckel ihres Schreibkastens zugeklappt und blies jetzt über ihren Brief, damit die Tinte trocknete. Ihre finstere Miene kündigte eine beißende Bemerkung an. »Habt ihr denn am Sonntag bei der Predigt nicht zugehört? Christen sind verpflichtet, gute Werke zu tun.« 31


»Ach! Ich sitze in der Kirche und träume die meiste Zeit. Meine Mama würde sich in ihrem Grab umdrehen, wenn sie wüsste, dass ihre Tochter den Fuß in eine Kirche setzt, die nicht nach der Jungfrau Maria oder einem Heiligen benannt ist. Wenn der Drachen, der diese Pension leitet, uns nicht alle in ihre eigene Kirche treiben würde, würde ich nicht hingehen, und das wisst ihr ganz genau.« Pegeen rümpfte die Nase. Alle Fabrikarbeiterinnen mussten am Gottesdienst teilnehmen, wenn sie ihren Arbeitsplatz nicht verlieren wollten. »Ich brauche jeden Cent, damit ich meine Schwester nachholen kann.« Isabel und Kathleen wechselten einen schnellen Blick. Sie machten aus ihrem Glauben kein Geheimnis und sie hatten vereinbart, für ihre zwei Mitbewohnerinnen zu beten, da keine von ihnen ernsthaft am Glauben interessiert war. Statt sich auf eine Diskussion einzulassen, sagte Isabel nur: »Es ist eine sehr gute Idee, dass die Mädchen Decken nähen könnten, Peg.« 32


»Sie hilft nur im Waisenhaus, damit sie ihre kleinen Schwestern weniger vermisst.« Grace faltete mit einer schwungvollen Handbewegung ihren Brief. »Seien wir ehrlich: Wir sind alle hier, weil unsere Familien Geld brauchen. Es gibt doch nichts Schöneres, als sich wie ein Lastesel abzurackern, damit jemand anderes ein besseres Leben hat.« Als die Pensionen, die für die irischen Mädchen bestimmt waren, aus den Nähten geplatzt waren, hatten Isabel und Kathleen angeboten, Pegeen in ihrem Zimmer aufzunehmen. Grace war ein Jahr später dazugekommen und hatte sich furchtbar aufgeregt, als sie gehört hatte, dass sie nicht nur das Zimmer, sondern sogar das Bett mit einer Einwanderin teilen sollte. Missmutig, weil ihr Stiefvater sie zum Arbeiten in die Fabrik schickte, um Geld für die Ausbildung seines Sohnes zu verdienen, war sie abwechselnd aggressiv und deprimiert. Andere betrachteten es als Glück, diesen Arbeitsplatz zu haben, aber Grace murrte ständig. Der beengte Raum 33


und die Unterschiedlichkeit seiner vier Bewohnerinnen sorgten für einige herausfordernde Momente. Als Grace das Zimmer verlassen hatte, beugte sich Kathleen vor. »Wir lassen uns von ihren bissigen Bemerkungen nicht beeinflussen, Isabel.« »Bis jetzt noch nicht«, flüsterte Isabel. Kathleen nahm ein Stück malvenfarbenen Baumwollstoff, der mit zarten grünen Ranken verziert war. »Wer fällt dir dazu ein?« »Malve? Amy! Eindeutig Amy.« Isabel seufzte. »Der Stoff reicht nicht für eine Schürze, es sei denn, wir setzen die Träger aus mehreren Stücken zusammen.« Kathleen faltete den Stoff und legte ihn vorsichtig beiseite. »Das machen wir. Wenn ich mich nicht sehr täusche, gibt Amy jeden Cent für die Mädchen aus. Es wird höchste Zeit, dass sie selbst auch etwas Neues bekommt.« »Ich habe meinen Schwestern letztes Weihnachten Puppen genäht. Ich habe die Vorlagen noch, die ich als Muster benutzt habe.« Isabel kniete neben der 34


kleinen Eichenkommode, die sie zu viert teilten, und suchte die Muster, die sie angefertigt hatte. Einen kurzen Moment sehnte sich ihr Herz danach, ihre Schwestern wieder an sich zu drücken. Zwei lange Jahre waren vergangen, seit sie ihre Schwestern das letzte Mal gesehen hatte, aber sie konnte sich den Dollar, den die Fahrt nach Hause und wieder zurück zur Fabrik kosten würde, nicht leisten. Das dicke Bündel an Briefen in der Schublade zeigte deutlich, wie viel Zeit vergangen war, und erinnerte sie daran, dass Mama sie liebte und auf ihre Hilfe angewiesen war. Ein glitzerndes goldenes Band hielt die Briefe zusammen. Oma hatte dieses Band um ihren Brautstrauß getragen und Mama ebenfalls. Eigentlich hätte Isabels ältere Schwester das Band bekommen sollen; aber Hannah und Abe waren zur Überraschung der ganzen Gemeinde eines Tages einfach in der Kirche aufgestanden und hatten den Pfarrer gebeten, sie zu trauen. Hannah hatte keinen Blumenstrauß gehabt, der mit dem gol35


denen Band hätte zusammengebunden werden können. Sie hatte glücklich ihr Eheversprechen abgelegt und war dann in das kleine Cottage am Rand des Dorfes gezogen, in dem ihr Mann als Pächter lebte. Letztes Weihnachten hatte Mama Isabel das kostbare Band mit einem lieben Brief geschickt – sie hatte sich entschuldigt, dass sie nicht einmal ein paar Cents für ein Geschenk zusammenkratzen konnte, aber das Porto würde die Kosten, die sie sich nicht leisten konnte, noch zusätzlich erhöhen. Stattdessen hatte sie ihr geliebtes goldenes Band in den Brief gesteckt und versprochen, jedes Mal, wenn die ersten Sonnenstrahlen den Morgenhimmel berührten, für Isabel zu beten. Sooft Isabel dieses Band berührte, fühlte sie sich ihrer Familie nahe. Ihre drei kleinen Schwestern und Mama wären noch viele Jahre darauf angewiesen, dass sie Geld nach Hause schickte. Isabels Herz wurde schwer, als ihr bewusst wurde, dass dieses Band wahrscheinlich 36


nie ihren eigenen Brautstrauß halten würde.

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