Jody Hedlund
Kapitel 1 Colorado Territory August 1862 »Stehen bleiben oder wir schießen!« Wenige Meter vor dem Gipfel des Kenosha-Passes blockierten ihnen drei Räuber, die Mehlsäcke über ihre Köpfe gezogen hatten, den Weg und zielten mit ihren Revolvern auf sie. Greta Nilsson, die neben der Postkutsche herging, brauchte keine zweite Aufforderung. Sie erstarrte am ganzen Körper – abgesehen von ihrem Puls, der in einem polternden Galopp zu rasen begann. Die Concord-Kutsche neben ihr blieb abrupt stehen. »Aussteigen und die Hände so heben, dass wir sie sehen können!«, rief der schlaksige Räuber in der Mitte und schaute sie durch ungleich geschnittene Augenlöcher in seiner Maske an. Greta hob die Hände in ihren Handschuhen und hoffte, sie zitterten nicht. Die zwei Männer, die neben ihr gingen, kamen der Aufforderung ebenfalls gehorsam nach. Vor ihrer Abreise in Illinois hatte jeder sie vor den Schwierigkeiten gewarnt, denen sie auf dem Weg in den Westen begegnen könnte, unter anderem vor dem immer mehr um sich greifenden Problem von Raubüberfällen auf Postkutschen. In den acht Wochen, seit sie unterwegs waren, hatte sie versucht, sich für diese Gefahr zu wappnen. Sie hatte im Geiste eine solche Begegnung durchgespielt und überlegt, wie sie sich verhalten würde. Aber heute, am letzten Tag ihrer Reise, hatte sie sich endlich erlaubt, sich zu entspannen und zu glauben, dass sie ausnahmsweise einmal Glück haben könnte und dass es kein Fehler war, nach Colorado zu ziehen. 7
Offensichtlich hatte sie sich zu früh gefreut. Mehrere Männer hatten die Postkutsche das letzte Stück zum Pass hinaufgeschoben. Jetzt kamen sie mit erhobenen Händen hinter der Kutsche hervor. Der Fahrer, der auf dem Kutschbock saß, legte die Bremse ein, dann ließ er die Zügel los, mit denen er die zwei Pferdegespanne lenkte, die sie unter großer Anstrengung auf den Pass gezogen hatten. Er hob ebenfalls vorsichtig die Hände. Vermutlich kannten die anderen Fahrgäste die Geschichten von Morden und Gräueltaten auf den Wegen durch die Wildnis genauso gut wie Greta und wollten auch kein Risiko eingehen. Wenigstens war Astrid in der Kutsche. Nachdem sich das Mädchen die erste Stunde zu Fuß bergauf geschleppt hatte, hatte Astrids schwache Lunge diese Anstrengung nicht länger ausgehalten. So ungern sie auch wieder in das schaukelnde Gefährt gestiegen war, hatte sie jetzt wenigstens den ganzen Platz für sich, da alle anderen ausgestiegen waren, um das Gewicht zu verringern. Als Greta das letzte Mal einen Blick durch das offene Fenster in die Kutsche geworfen hatte, hatte ihre Schwester geschlafen. Greta hoffte, das altkluge Mädchen würde nicht ausgerechnet jetzt aufwachen. Der mittlere Räuber trat langsam auf sie zu und fuchtelte mit seinem Revolver durch die Luft. Seine wettergegerbten Hände und seine schmutzigen Fingernägel hoben sich stark vom elfenbeinfarbenen Griff seines Revolvers ab. »Keiner bewegt sich!« Die Strahlen der Morgensonne fielen durch die Espen, deren weiße Rinde und grüngoldene Blätter den Weg offener und freier erscheinen ließen als andere Abschnitte der steil ansteigenden Straße. Die Blätter raschelten im kühlen, trockenen Wind wie Damenröcke, die über hohes Gras streifen. Noch vor wenigen Minuten hatte Greta darüber gestaunt, wie sehr sich das trockene, kühlere Klima hier in den Rocky Mountains von dem in Nordillinois unterschied, wo eine erdrückende Feuchtigkeit die Sommer unerträglich machte und jede Arbeit zu 8
einer schweren Last wurde. Sie gäbe jedoch viel dafür, wenn sie in diesem Moment wieder dort sein und schweißgebadet Mais oder Bohnen schälen könnte. »Ist noch jemand in der Kutsche?«, fragte einer der anderen Räuber. »Nein«, antwortete Greta schnell. »Alle sind draußen.« Doch genau in diesem Moment wurde die Kutschentür von innen ein Stück aufgeschoben. Der schlaksige Räuber mit den ungleichmäßigen Augenschlitzen richtete seinen Revolver schnell auf die Tür und löste den Hahn. »Nein!« Greta warf sich zwischen den Räuber und die Postkutschentür, die Astrid öffnen wollte. Gleich hinter den Bäumen gab der Gebirgspass den Blick frei auf die ausgedehnten Wiesen des South Park, der zwischen der Front Range im Osten und der Mosquito Range im Westen lag. Das Ziel ihrer Reise war bereits in Sichtweite. Wenn es nur auch in Hörweite wäre, dann könnten sie um Hilfe rufen! Der Bandit zielte mit dem Lauf seines Revolvers auf Greta. Sein Arm war steif, seine Finger waren angespannt. »Frau, wenn Sie sich keine Kugel einfangen wollen, treten Sie sofort zur Seite und lassen diese Person aussteigen.« Im Inneren der Postkutsche protestierte Astrid lautstark und versuchte erneut, die Tür zu öffnen. Aber Greta stemmte sich mit ihrem ganzen Körpergewicht dagegen. »Aus dem Weg, Frau!«, rief der Räuber jetzt lauter und gereizter. »In der Kutsche ist ihre kleine Schwester.« Einer der anderen Fahrgäste trat neben Greta, ein Mann mittleren Alters, der gestern in Denver in die Postkutsche gestiegen war und sich als Landry Steele vorgestellt hatte. Den größten Teil der Fahrt hatte er sich mit den anderen Männern unterhalten. Doch bei den wenigen kurzen Gesprächen, die sie mit ihm geführt hatte, war er immer freundlich gewesen. 9
»Das Mädchen ist krank und ist für Sie nicht von Belang.« Mr Steele warf Greta unter der Krempe seiner Melone einen entschuldigenden Blick zu, da ihm offenbar bewusst war, dass sie Astrid gern aus dem Konflikt heraushalten wollte. »Tatsächlich?« Der Revolver des Räubers blieb unverändert auf Greta gerichtet. »Wenn das so ist, soll sie aussteigen.« Greta stemmte sich noch vehementer gegen die Tür. Sie hatte Astrid nicht diesen weiten Weg hergebracht, um sie jetzt unter der Hand eines Räubers sterben zu lassen. »Sie ist erst acht und …« »Ich bin neun!«, kam Astrids entrüsteter Protest. »Lassen Sie sie bitte aussteigen«, forderte Mr Steele Greta mit großer Dringlichkeit in der Stimme leise auf. »Sie wollen doch nicht, dass sie als Waise endet, nicht wahr?« Astrid als Waise? Greta hätte nie im Leben damit gerechnet, dass sie vor Astrid sterben würde. Tatsache war, dass Astrids Tage gezählt waren. Greta hoffte, diese Zeit verlängern und so schmerzfrei wie möglich gestalten zu können. Aber wenn sie sich jetzt von diesem Räuber erschießen ließ, könnte sie das nicht mehr umsetzen. Sie schluckte und trat von der Postkutsche weg. Die Tür flog mit einem lauten Krachen auf und Astrid purzelte heraus. Sie landete mit einem dumpfen Aufprall im Gras, sprang aber im nächsten Moment genauso geschmeidig auf wie eine Stallkatze. Die Schwindsucht zehrte zwar an den Kräften des Mädchens und sie war deshalb dünn und zierlich für ihr Alter, aber sie besaß ein frisches, lebendiges Temperament, das ihre körperliche Zerbrechlichkeit wettmachte. Ihre großen, silberblauen Augen, die so viel Ähnlichkeit mit Gretas Augen hatten, betrachteten die Szene auf dem Pass: die Räuber, ihre Waffen und die Fahrgäste, die mit erhobenen Händen regungslos auf dem Weg standen. Astrids Haar hatte die gleiche goldbraune Farbe wie Gretas und nach so vielen Tagen, in denen sie ihren Hut nur selten aufgesetzt hatte, hatte die Sonne helle Strähnen darin hinterlassen. Astrid hatte sich geweigert, sich von Greta die Haare flechten zu lassen, als sie heute Morgen 10
um halb fünf in der Postkutschenstation aufgestanden waren, da die Kutsche kurz darauf losgefahren war, und jetzt hingen sie in zerzausten Locken um ihren Kopf. Trotzdem sah Astrid hinreißend aus. Sie hatte zarte, schöne Gesichtszüge, die überall bewundernde Blicke auf sich zogen. Im Gegensatz zu den anderen jungen Frauen in ihrem Heimatort und auch im Gegensatz zu Astrid hatte sich Greta selbst nie als Schönheit betrachtet. Aber während ihrer Fahrt in den Westen hatte sie immer wieder Bemerkungen gehört, wie ähnlich Astrid und sie sich sahen. Die bewundernden Blicke und schmeichelnden Worte waren ungewohnt, aber nicht unangenehm gewesen. Hin und wieder fragte sie sich, ob sie vielleicht hübscher war, als ihr bewusst war, und ob es vielleicht voreilig gewesen war, den ersten Heiratsantrag, den sie per Post bekommen hatte, anzunehmen. Astrid trat mehrere Schritte auf den Räuber, der ihr am nächsten stand, zu. »Warum haben Sie einen Sack über dem Kopf?« »Astrid, komm sofort hierher!«, flüsterte Greta in ihrem strengsten Tonfall. Der Blick des Banditen wanderte über die Fahrgäste und zeigte ein schielendes Auge. »Das machen Räuber so, Kleine.« »Na ja.« Astrid zog das Wort in die Länge und legte den Kopf schief. »Mit dem Sack sehen Sie aber irgendwie albern aus. Wie eine Vogelscheuche.« Greta machte einen schnellen Satz auf Astrid zu, aber das Mädchen wich ihr geschickt aus und sprang einen Schritt näher auf den Räuber zu. Seine Waffe zuckte, als spiele er mit dem Gedanken, sie auf Astrid zu richten. »Astrid!« Gretas Kehle war vor Entsetzen wie zugeschnürt. »Wage es ja nicht, noch näher zu gehen.« Astrid blieb stehen und hielt dem Mann die Hand hin. »Hier ist etwas Geld, Mister. Es gehört mir, aber Sie können es haben, da Sie es offensichtlich nötiger brauchen als ich.« 11
Das schielende Auge des Mannes richtete sich wieder auf Astrid. »Wirf es auf die Erde.« Astrid ließ einen verknitterten Geldschein und einige Münzen fallen. Sie landeten vor den Füßen des Räubers im Gras. »Meine Schwester hat noch mehr.« »Nein!« Greta durfte nicht zulassen, dass diese Banditen ihr Geheimversteck entdeckten. Sie hatte sich so viel Mühe gegeben, das Geld im Saum ihres Mantels einzunähen, da die Fahrgäste gewarnt worden waren, keine Wertsachen bei sich zu tragen. Es war ihr Marmeladengeld. Das Geld, das sie damit verdient hatte, die wilden Beeren, die auf der Farm wuchsen, zu pflücken und einzukochen. Der Lohn für zwei Jahre Arbeit, in denen sie jede freie Minute genutzt hatte, um Marmelade zu machen. Astrid richtete ihre schönen Augen auf Greta. »Die Männer müssen Mehlsäcke statt Hüte tragen. Das bedeutet doch, dass sie das Geld nötiger brauchen als wir. Ist es nicht so, Mister?« »So ist es, Kind.« Dieses Mal schwang in der Stimme des Räubers eine unüberhörbare Belustigung mit. Die Diebe gingen schnell ans Werk, leerten die Truhe neben dem Kutscher und raubten anschließend den Fahrgästen alles, was von Wert war. Wenige Minuten später verschwanden sie mit ihrer Beute im Wald. Greta stand bei den anderen Fahrgästen und ließ den Blick über ihre Sachen wandern, die um die Postkutsche herum im Gras verstreut waren. Astrid hatte das Interesse an den Räubern verloren und konzentrierte sich jetzt darauf, einen Blumenstrauß zu pflücken. »Wir hatten Glück«, brach der Kutscher mit zitternder Stimme das Schweigen, während er die jetzt leere Truhe neben sich wieder zuklappte. »Als die Schielaugen-Bande das letzte Mal zuschlug, haben sie drei Männer getötet und …« Mr Steele brachte den Kutscher mit einem strengen Blick und einem kurzen Nicken in Astrids Richtung zum Schweigen. Der Kutscher verstummte und alle gingen daran, ihre Taschen und Truhen wieder einzupacken. 12
Greta berührte ihren aufgerissenen Mantelsaum. Obwohl Phineas Hallock, ihr Verlobter, geschrieben hatte, dass er viel Geld besaß, da er Miteigentümer einer Goldmine war, befiel sie eine tiefe Niedergeschlagenheit. Phineas und Greta hatten sich im letzten Jahr mehrere Briefe geschrieben und sie hatte aus seinen Worten eine echte Freundlichkeit herausgehört, besonders da er sofort bereit gewesen war, auch Astrid bei sich aufzunehmen. Außerdem hatte er alle Vorkehrungen für ihre Reise getroffen und auch die Kosten für die Fahrt übernommen. Aus der kleinen Daguerreotyp-Aufnahme, die er in seinem letzten Brief im Herbst mitgeschickt hatte, war zwar ersichtlich geworden, dass er ein eher schlichtes Aussehen besaß und schon etwas älter war, aber sein Gesicht hatte Anstand und Ehrlichkeit ausgestrahlt. Es spielte keine Rolle, dass er nicht besonders attraktiv und auch nicht mehr ganz jung war. Sie brauchte einen Mann, der zuverlässig und treu war und für sie und Astrid sorgen konnte. Außerdem hatte Greta, nachdem sie ihre Entscheidung getroffen hatte, den Umzug so schnell wie möglich in die Wege leiten wollen, um Astrid in die gesunde Luft in den Rocky Mountains zu bringen. Warum hätte sie wertvolle Zeit verlieren sollen, um Briefkontakte zu anderen Männern aufzubauen, da ihr Phineas bereitwillig helfen wollte? Vielleicht hatte sie überstürzt gehandelt. Aber das ließ sich jetzt nicht mehr ändern. Sie war unterwegs, um Phineas zu heiraten. Genau genommen, würde sie ihn noch an diesem Tag heiraten. Trotzdem blinzelte sie ihre Tränen zurück. Ihre ganzen Ersparnisse waren fort. Wenn Astrid ihr nur besser gehorchen würde! Wenn das Mädchen nur eine Mutter und einen Vater hätte, die sie erziehen könnten! Doch stattdessen hatte sie nur eine Halbschwester, die offensichtlich damit überfordert war, sie in Schach zu halten. Greta schaute das Mädchen mit einer Mischung aus Frustration und Hilflosigkeit an. 13
»Seien Sie nicht zu streng zu ihr.« Mr Steele bückte sich neben Greta und hob einen polierten Lederschuh auf. »Sie kann anstrengend sein.« »Sie hat uns heute davor bewahrt, vor unseren Schöpfer zu treten.« »Wirklich?« Der Mann nahm seine Melone ab und strich sein dunkles Haar zurück, das an den langen Koteletten an seinen Schläfen grau durchzogen war, ebenso wie sein Schnurrbart. »Der Anführer der Bande hat sie gemocht und war deshalb gnädig.« Gnädig? Jeder der Fahrgäste hatte alles verloren, was von Wert war. Aber vermutlich war das besser, als ihr Leben zu lassen. »Ich habe einen Sohn, der ungefähr in Astrids Alter ist.« Mr Steele setzte seinen Hut wieder auf und betrachtete Astrid wehmütig. »Sie freuen sich bestimmt schon sehr, ihn wiederzusehen, wenn wir in Fairplay ankommen.« Er beobachtete das Mädchen noch einen Moment länger und seine Miene wurde traurig. »Leider werde ich ihn nicht so bald sehen. Er lebt mit seiner Mutter in New York.« »Das tut mir leid.« Greta wusste nicht, was sie sonst sagen sollte. Mr Steele schüttelte den Kopf, als könne er damit seine trüben Gedanken von sich abschütteln. »Erzählen Sie mir bitte noch einmal, warum Sie nach Fairplay ziehen.« Greta hatte es ihm noch gar nicht erzählt, da er nicht gefragt hatte. Aber sie war nicht so unhöflich, ihn darauf hinzuweisen. Stattdessen antwortete sie ihm mit dem eingeübten Satz, den sie für jeden parat hatte, der ihr diese Frage stellte. »Mein Verlobter lebt in Fairplay und ich fahre hin, um ihn zu heiraten.« »Ihr Verlobter? Tatsächlich?« Mr Steeles Augen leuchteten interessiert auf. »Darf ich fragen, wer der Glückliche ist? Ich bin Bürgermeister und kenne viele Männer in der Gegend.« Die Bedenken, die sie hatte, seit sie eingewilligt hatte, Phineas 14
zu heiraten, meldeten sich lautstark. War es ein Fehler gewesen, in den Westen zu kommen und sich darauf einzulassen, einen Fremden zu heiraten? Und wenn er ganz anders war, als er vorgegeben hatte? Wenn er Astrid misshandelte? Genauso schnell, wie die Zweifel sie bestürmten, verwarf sie sie wieder. Wenn Phineas nicht der Mann war, als den er sich in seinen Briefen beschrieben hatte, wäre sie nicht verpflichtet, bei ihm zu bleiben. Vielleicht könnte ihr Mr Steele in Bezug auf Phineas’ wahren Charakter weiterhelfen. Falls ihr Verlobter irgendwelche schlimmen Makel hatte, wäre sie dann wenigstens besser darauf vorbereitet. Sie warf einen Seitenblick auf die anderen Fahrgäste, die ihre Sachen fast alle wieder eingepackt hatten und von ihrem Gespräch nichts bemerkten. »Ich habe meinen Verlobten noch nicht persönlich getroffen.« Mr Steele, der gerade einen weiteren Schuh aufhob, hielt inne. »Wir haben uns geschrieben.« Er richtete sich auf und schenkte ihr jetzt seine ganze Aufmerksamkeit. »Sie sind nicht zufällig Phineas Hallocks Braut, die er durch eine Kontaktanzeige kennengelernt hat, oder?« Etwas an seinem Tonfall jagte ihr eine Gänsehaut über den Rücken. »Doch. Mr Hallock ist mein Verlobter. Kennen Sie ihn?« Der Mann schüttelte traurig den Kopf und runzelte die Stirn. »Ich kannte ihn gut. Er war ein guter Mann.« Ihr Herz begann zu hämmern. »Sie kannten ihn?« »Es tut mir leid, Miss Nilsson, aber Phineas Hallock ist tot.« »Der Minenbesitzer Phineas Hallock, der ursprünglich aus Connecticut stammt?« »Ja, er brach im letzten Oktober nach Kalifornien auf. Er wollte dort einiges für seine künftige Frau kaufen und plante, im Frühling zurück zu sein. Als die Schneeschmelze kam und er nicht zurückkehrte, dachten wir alle, er wäre aufgehalten worden und käme später zurück. Doch dann wurde auf dem Hoosier-Pass ein Toter gefunden.« 15
»Phineas?« »Soweit man das nach so vielen Monaten, in denen er den Elementen ausgesetzt war, sagen kann …« Sie starrte Mr Steele an, aber irgendwie verblasste sein Gesicht vor ihren Augen. Alles, was sie sehen konnte, war das SchwarzWeiß-Foto von Phineas. In seinem letzten Brief hatte er seine geplante Fahrt nach Kalifornien erwähnt und geschrieben, dass er sich freue, zusätzliche Möbel und Einrichtungsgegenstände für sein Haus zu kaufen. Er hatte geplant, das neu gebaute Haus vor ihrer Ankunft gemütlich einzurichten und schön auszustatten. Sie hatte seitdem nichts mehr von ihm gehört und hatte angenommen, dass er keine Gelegenheit mehr gehabt hatte, ihr Post zu schicken. Und selbst wenn er geschrieben hätte, so war die Postzustellung über den Pony Express und die Postkutschen unzuverlässig. Briefe gingen manchmal verloren oder wurden gestohlen. Außerdem war sie mit den Reisevorbereitungen beschäftigt gewesen. Sie hatte für Astrid und für sich Kleider genäht, ihre Sachen gepackt und sich verabschiedet. Selbst in ihren kühnsten Träumen hätte sie nicht damit gerechnet, dass Phineas Hallock nicht mehr geschrieben hatte, weil er tot war. Er war tot. Sie schwankte und vor ihren Augen verschwamm alles. Mr Steele hielt sie am Ellbogen fest, um sie auf den Beinen zu halten. »Das tut mir wirklich sehr leid, Miss Nilsson.« Sie atmete tief ein und versuchte, wieder klar zu sehen. Das Sonnenlicht, das durch die Espenzweige über ihr drang, fiel in ihr Gesicht, als wolle es sie aus diesem Albtraum wecken. Der Mann, den sie im Westen hatte heiraten wollen, war tot. Jeder Cent ihrer Ersparnisse war soeben gestohlen worden. Was sollte sie jetzt machen? Wie konnte sie, eine alleinstehende Frau mit einem kranken Kind, in der Wildnis überleben, wo sie niemanden kannte und nichts besaß?
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Kapitel 2 Der kalte Lauf eines Revolvers bohrte sich in Wyatt McQuaids Nacken und brachte ihn mitten auf der staubigen Hauptstraße von Fairplay zum Stehen. »Hör auf, mir meine Geschäfte zu stehlen!« Die Stimme und der säuerliche Körpergeruch hinter Wyatt konnten nur von einem Mann stammen: von Roper Brawley. »Ich stehle dir deine Geschäfte nicht.« »Jansens Ochsen gehörten mir.« Brawley bohrte den stählernen Lauf tiefer in Wyatts Haut. Dabei stieß er ihm den Hut vom Kopf und er rollte auf die Straße. Von dem schwarzen Filz im Inneren stach die weiße Linie aus getrocknetem Schweiß deutlich ab und entlang der Krempe war er mit Staub, Fett und Schmutzflecken bedeckt. In der Mitte war die Krempe eingedrückt, da ein Kuhkalb kürzlich daraufgetrampelt war. Außerdem war das Hutband aus geflochtenem Pferdehaar locker. Aber auch wenn Wyatts Hut nicht mehr schön war, war er trotzdem sein Stolz und seine Freude. Und es gefiel ihm überhaupt nicht, dass er in den Schmutz geworfen wurde. Mit einem kräftigen Stoß nach hinten traf Wyatts Ellbogen Brawley in den Magen und der Mann krümmte sich vor Schmerzen. Sobald der Druck des Revolverlaufs fort war, fuhr Wyatt herum, packte Brawleys Arm mit der Waffe und schlug ihn schwungvoll auf sein Knie. Brawley blieb keine andere Wahl, als den Revolver loszulassen. Die Waffe flog durch die Luft und landete auf der staubigen Straße, so weit entfernt, dass Brawley sie nicht erreichen konnte. »Wir leben in einem freien Land.« Wyatt hob schwungvoll seinen Hut von der Straße auf und setzte ihn wieder auf. Obwohl 17
sich die Sonne bereits dem Abend entgegenneigte und langsam über dem Sheep und dem Horseshoe Mountain niedersank, waren ihre Strahlen immer noch stark und heiß. »Die Goldgräber können ihre Ochsen verkaufen, an wen sie wollen.« Brawley hielt sich den Bauch und richtete sich mühsam auf. Eine schwarze Augenklappe bedeckte die Stelle, an der ihm ein Auge fehlte, sie konnte aber die dünnen, weißen Narben, die über seine Wange zogen, nicht verbergen – Wunden, die er sich im Kampf gegen die Indianer zugezogen hatte. »Meine Männer und ich waren zuerst hier in South Park.« Darüber konnte man streiten. Wyatt war im Sommer 1860 hier angekommen und hatte wie Tausende andere Goldschürfer versucht, Gold zu finden. Da er sich nur mühsam über Wasser gehalten hatte und nur so viele Nuggets und Goldstaub gefunden hatte, wie in seine Hosentaschen passten, versuchte er sein Glück jetzt mit etwas anderem: mit Rinderzucht. Nach dem Inkrafttreten des Homestead Act, des Heimstättengesetzes in diesem Jahr war er einer der Ersten gewesen, der beim Katasteramt in Denver einen Antrag ausgefüllt und die Registrierungsgebühr bezahlt hatte. Jetzt gehörten ihm fünfundsechzig Hektar Land, genau wie es Präsident Lincolns neues Gesetz erlaubte. Seine Weiden erstreckten sich im Südosten von Fairplay. Wyatt hatte den ganzen Frühling und Sommer von frühmorgens bis spätabends geschuftet, um auf seinem Land ein Haus und einen Stall zu bauen. Judd und er hatten alles getan, um das Land sowohl für Mensch als auch für Tier bewohnbar zu machen. In den letzten Wochen hatte er angefangen, seine kleine Herde um weitere Rinder zu erweitern. Aber leider hatte sich Roper Brawley in den Kopf gesetzt, Wyatt das Leben schwer zu machen. Brawley verschränkte die Arme vor seiner Brust und nickte zwei Cowboys zu, die vor der Cabinet Billiard Hall herumlungerten. Auf das Signal ihres Anführers hin schritten die Männer 18
bedrohlich auf Wyatt zu. Ihre Sporen klirrten und ihre Hände lagen auf den Griffen der Revolver, die in ihren Revolvergürteln steckten. Wyatt wechselte einen Blick mit Judd, der neben dem Mietstall stand und die zwei knöchrigen Ochsen bewachte, die Wyatt soeben gekauft hatte. Der weißhaarige Mann kam humpelnd näher. Er griff nicht nach seinen Colts. Das war nicht nötig. Judd war der schnellste Schütze in den ganzen Rockies. Er konnte schneller schießen, als eine Kuh mit ihrem Schwanz ausschlagen konnte. Zum Glück wussten Brawley und seine Männer das. Ein Dutzend Schritte entfernt blieben sie breitbeinig und schussbereit stehen. Brawley spuckte einen Schwall Kautabak auf die Straße, dann wischte er mit dem Ärmel über seinen Mund. »Diese Stadt ist zu klein für uns beide, McQuaid.« »Wenn du es so siehst, solltest du wohl weiterziehen.« »Du bist derjenige, der verschwinden muss.« Brawleys Unterlippe beulte sich durch den Kautabak aus, den er im Mund hatte, und sein dünner, ungepflegter Bart und Schnurrbart waren davon ganz verklebt. Brawley war wahrscheinlich nicht viel älter als Wyatt mit seinen dreiundzwanzig Jahren, aber sein hageres, ledriges Gesicht und seine finsteren Augen erzählten von einem schweren Leben, das ihn zu schnell hatte altern lassen. »Komm schon, Brawley.« Wyatt versuchte, etwas Mitgefühl für den Mann aufzubringen. Immerhin hatte er selbst auch kein leichtes Leben hinter sich. »Das Land hier in South Park verkraftet mehr als eine Ranch. Wir sollten versuchen, in Frieden miteinander zu leben.« »Frieden?«, schnaubte Brawley. »Wenn du das ganze Vieh aufkaufst und mir nichts übrig lässt, hat das nichts mit Frieden zu tun.« Wyatt hätte beinahe laut geknurrt, aber er beherrschte sich. Brawley verdrehte die Fakten. Er war doch derjenige, der die 19
schwachen und ausgemergelten Ochsen aufkaufte, sobald die Goldgräber und Fuhrleute über die Pässe kamen. Das laute Klappern von Wagenrädern und das Poltern von Pferdehufen am nordöstlichen Ortsrand unterbrachen ihre Diskussion. Aber Diskussion war ein zu freundliches Wort für Brawleys Versuch, Wyatt einzuschüchtern und zum Aufgeben zu zwingen. Es war nicht das erste Mal, dass der Rancher Drohungen aussprach, und wahrscheinlich war es auch nicht das letzte Mal. Je näher die Postkutsche kam, umso lauter wurde der Lärm und umso mehr Staub wurde aufgewirbelt. Brawley bückte sich, um seinen Revolver aufzuheben, und steuerte dann auf seine Männer zu. Von der anderen Straßenseite aus verfolgte Judd aufmerksam das Geschehen. Er sah den Männern nach, bis sie im Billardsaloon verschwunden waren. Sein Blick wirkte ernst unter den zusammengezogenen, buschigen weißen Augenbrauen und die Lippen unter seinem weißen Schnurrbart waren geschürzt. Als die Männer nicht mehr zu sehen waren, schaute Judd Wyatt an, tippte zum Gruß an seine Hutkrempe und schlurfte dann zu den neu gekauften Rindern zurück. Wyatt lockerte die Schultern und versuchte, die Spannung aus seinen Muskeln zu vertreiben. Bei der Geschwindigkeit, mit der er vorankam, würde er nie genug verdienen, um seine Mutter und seine Geschwister nachkommen zu lassen. Aber selbst wenn er einen Teil ihrer Fahrtkosten nach Colorado übernehmen könnte, wusste er nicht, wie er seine Familie versorgen sollte, wenn sie hier waren. Er würde gern eine Herde reinrassiger Shorthorns von dem Züchter kaufen, den er damals kennengelernt hatte, als er für Russell, Majors & Waddell als Viehtreiber gearbeitet hatte. Solche Rinder würden auf seinem mit Büffelgras, Weizengras und Prärie-Salbei bestandenen Land gut gedeihen. Sein Blick wanderte hinter die Gebäude, die die Straße säumten und hinter denen sich die grasbestandenen Ebenen bis zu den 20
fernen Tarryall-Bergen im Osten erstreckten. Da das Gras endlos und kostenlos war, hatte er genug Futter für die Rinder, bis sie schlachtreif waren. Die Goldgräber lechzten immer nach Rindfleisch und waren der Fische, die sie in den Bächen angelten, und der Dosennahrung, für die sie exorbitante Preise zahlten, bald müde. Wenn Wyatt eine größere Herde Shorthorns kaufen und anfangen könnte, diese Rasse zu züchten, könnte er sogar die Märkte im Osten mit Rindfleisch beliefern. Irgendwann könnte er mit seinen Verkäufen so viel Gewinn machen, dass er mehr von dem umliegenden Land aufkaufen und seine Ranch erweitern könnte. Das Problem war jedoch, dass er keinen Cent übrig hatte, da er seine ganzen Ersparnisse ausgegeben hatte, um seine Ranch zum Laufen zu bringen. Er konnte sich kaum die ausgemergelten Ochsen leisten, die von den Neuankömmlingen fast verschenkt wurden. Außerdem konnte er sich nicht darauf verlassen, dass dieser Nachschub immer so zuverlässig zur Verfügung stehen würde, besonders wenn sich Brawley jedes Mal so aufspielte, sobald Wyatt Rinder kaufte. Während die Postkutsche vor dem Fairplay-Hotel ruckelnd zum Stehen kam, atmete Wyatt schwer aus. Was er brauchte, war ein Investor, ein Geschäftspartner, der bereit wäre, ihm beim Aufbau seiner Herde zu helfen. Die Goldminen in den Bergen um South Park hatten zahlreiche Männer zu Millionären gemacht. Wäre einer von ihnen bereit, in seine Ranch zu investieren? Wyatt ließ seinen Blick über die Gebäude wandern, die Fairplay säumten. Die meisten hatten die typischen falschen Vorderfronten, um die Geschäfte größer und bedeutender erscheinen zu lassen und Kunden anzulocken. Fairplay befand sich in der Mitte der flachen Grasebenen am Zusammenfluss des Beaver Creek und des South Platte und hatte seinen Namen von seinen ersten Prospektoren bekommen, die geschworen hatten, dass sich ihr 21
Goldgräberlager von den anderen in der Gegend unterscheiden würde, da hier Anstand und Fairness herrschen sollten. Der Ort hatte zwar seinen Anteil an Kneipen und Tanzsaloons, aber er war eine Nuance zivilisierter als einige der anderen dubiosen Goldgräberorte, die in der Gegend aus dem Boden geschossen waren, Städte wie Buckskin Joe und Tarryall. Wyatt hatte schon viele Goldgräberstädte kennengelernt, doch Fairplay war die beste unter ihnen, vor allem, weil sie von Männern geleitet wurde, die er mochte und respektierte. Männer wie Landry Steele … Steele stieg in seinem gewohnten dunklen Mantel mit Weste und passender Hose aus der Postkutsche. Er drehte sich um und reichte einer Frau an der Tür der Postkutsche die Hand. Die Frau nahm seine Hilfe an und stieg aus. Die Krempe ihres Huts verdeckte ihr Gesicht, aber die Geschmeidigkeit ihrer Bewegungen und ihre jugendliche Figur verrieten, dass es sich nicht um Steeles Frau handeln konnte. Außerdem war sie in ihrem blauen Kleid auch zu schlicht gekleidet, um Steeles elegante Frau aus dem Osten sein zu können. Steele klagte oft darüber, dass sich seine Frau weigerte, im Wilden Westen zu leben. Als die Frau mit beiden Füßen auf dem Boden stand, streckte sich Steele noch einmal zum Türrahmen hinauf und reichte jetzt einem kleinen Mädchen die Hand. Überrascht stieß Wyatt einen leisen Pfiff aus. Vielleicht hatte Steeles Frau doch beschlossen, mit ihrem Kind in den Westen zu kommen, aber hatte Steele nicht von einem Sohn gesprochen statt von einer Tochter? Das Mädchen sprang auf die Erde. Dabei rutschte ihr Hut nach hinten und brachte lange, offene Haare in der Farbe eines neugeborenen Rehkitzes zum Vorschein. Das Kind war zierlich und schön und lächelte Steele dankbar an, bevor es davonhüpfte. »Astrid, bleib in der Nähe!« Die Frau drehte sich schnell zu dem Kind um und zeigte dabei ihr Gesicht. Ihre Haare hatten die 22
gleiche hellbraune Farbe wie die des Kindes und ihre Gesichtszüge waren genauso schön, aber voller und weiblicher. Astrid gehorchte ihrer Mutter nicht und lief von der Postkutsche weg in Richtung von Simpkins Kolonialwarenladen. »Astrid, bitte!« Die Frau raffte ihren Rock und beschleunigte ihre Schritte, dann warf sie einen entschuldigenden Blick hinter sich auf Steele. Steele winkte ihr lächelnd zu. »Gehen Sie ruhig. Sie wissen ja, wo Sie mich finden.« Sie nickte und schaute ihn dankbar an, bevor sie dem Kind eilig folgte. Steele strich über seinen Schnurrbart und blickte der jungen Frau nach, bis sie hinter dem Mädchen im Laden verschwand. Wyatt sollte sie nicht länger anstarren, aber seine Neugier war zu groß. Wenn diese Frau nicht Steeles Frau war, wer war sie dann? Doch bestimmt nicht seine Geliebte, oder? Wyatt hatte Steele nie für einen Mann gehalten, der seine Frau betrog, auch wenn er sich bestimmt nach der Nähe einer Frau sehnte. Als spüre er, dass er beobachtet wurde, richtete Steele seinen Blick auf Wyatt, der immer noch mitten auf der Straße stand. Steele tippte zum Gruß an die Krempe seiner Melone. Wyatt erwiderte den Gruß. »Schauen Sie mich nicht so an, McQuaid«, rief Steele. »Wie schaue ich denn?« Zum Kuckuck! Warum war er nicht einfach weitergegangen, bevor Steele sein neugieriges Starren bemerkt hatte? »Als würde ich etwas machen, das ich nicht tun sollte.« »Sie ist nicht Ihre Frau, oder?« »Nein, natürlich nicht«, schnaubte Steele. »Ich habe Sie für einen gottesfürchtigen Mann gehalten, der sein Eheversprechen ernst nimmt.« »Das bin ich auch.« »Was machen Sie dann mit einer so schönen jungen Frau?« Wyatt warf einen Blick auf das staubige Schaufenster des Kolo23
nialwarenladens, konnte aber wegen der dicken Schmutzschicht die Frau dahinter nicht erkennen. Steele kniff die Lippen zusammen und kam bedächtig auf ihn zu. »Sie finden, die Frau ist schön?« Wyatt hatte sie nur kurz gesehen, aber das hatte genügt, um zu wissen, dass sie eine Schönheit war. »Ein Mann müsste schon blind sein, um das nicht zu sehen.« Steele blieb vor ihm stehen. Der Staub von der Fahrt mit der Postkutsche hatte das Schwarz seines Jacketts in ein dunkles Grau verwandelt. »Gut. Dann will ich, dass Sie diese Frau heiraten.«
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Kapitel 3 Heiraten? Wyatt wollte Luft holen, verschluckte sich aber und begann zu husten. Steele musste sich bei der holprigen Fahrt in der Postkutsche den Kopf zu kräftig angeschlagen haben. Vielleicht hatte ihn Wyatt aber auch nur falsch verstanden. Er räusperte sich. »Wie bitte?« »Ich will, dass Sie Miss Nilsson heiraten.« Dieses Mal klang Steeles Tonfall so entschieden, als wäre das unverrückbar beschlossen. Wyatt öffnete den Mund, fand aber keine Worte, die er darauf erwidern konnte. »Sie ist eine gute Frau, die sich in einer Notlage befindet.« Steele blickte sich vorsichtig auf der Straße um, als wolle er sich vergewissern, dass niemand ihr Gespräch mithörte. So früh am Abend herrschte in der Stadt noch nicht so viel Betrieb wie später, wenn die Goldgräber Feierabend machten und in die Kneipen strömten. »Miss Nilsson ist Hallocks Braut, die er über eine Zeitungsannonce kennengelernt hat.« Wyatt warf wieder einen Blick zum Kolonialwarenladen und hätte die Frau, mit der Phineas Hallock so stolz geprahlt hatte, gern noch einmal genauer betrachtet. Als Hallock im Chicago Daily Tribune eine Suchanzeige für eine Braut aufgegeben hatte, hatte Wyatt seinen Freund aufgezogen. Es hatte nicht lang gedauert, dann hatte Hallock einen Briefwechsel mit einer Frau begonnen. Wyatt war genauso überrascht gewesen wie alle anderen, als die Frau Hallocks Heiratsantrag angenommen hatte. Hallock war zwar ein anständiger Kerl, aber er war scheu und exzentrisch, er hatte eine Glatze und einen Bauch und zu viele Nasenhaare. Dazu kam, dass er alt genug war, um Wyatts Vater sein zu können. 25
»Die Postkutsche wurde oben am Kenosha-Pass von der Schielaugen-Bande ausgeraubt«, fuhr Steele fort. »Miss Nilsson hat bei dem Überfall ihre gesamten Ersparnisse verloren.« Wyatt schüttelte den Kopf. Es war nicht fair, dass einige Kerle meinten, sie könnten auf Kosten ehrlicher, fleißiger Menschen reich werden. Aber hier in der Gegend gab es keinen Sheriff und deshalb griffen die Verbrechen immer weiter um sich. Wenn es zu schlimm wurde, konnten sie bestenfalls eine Bürgerwehr organisieren, die für Recht und Ordnung sorgte. »Jetzt hat Miss Nilsson keinen Mann und kein Geld. Und sie muss sich um ihre kranke kleine Schwester kümmern.« »Das Mädchen ist ihre Schwester?« »Ja. Sie hat sie in den Westen gebracht, da sie hofft, dass die Bergluft ihre Schwindsucht lindert.« »Deshalb hat sie also eingewilligt, Hallock zu heiraten?« Wyatt konnte seinen Ärger nicht verbergen. »Regen Sie sich nicht gleich auf, McQuaid. Viele Ehen beginnen als Partnerschaft.« Ja. Wie die seiner Mutter mit Rusty. Und er wusste, wie diese Ehe geendet hatte. »Was sprang für Hallock dabei heraus?« Steele schaute ihn vielsagend an. »Sie haben die Frau gesehen. Ich denke, die Antwort liegt auf der Hand.« Hallock war nicht so oberflächlich gewesen, dass er eine Frau allein wegen ihres schönen Gesichts und ihrer Figur geheiratet hätte. Wyatt vermutete eher, dass er einsam gewesen war und sich nach Gesellschaft gesehnt hatte. »Sie kannten Hallock besser als jeder andere«, sagte Steele. »Er war ein guter Mann und hatte ein großes Herz. Und er war bestimmt gern bereit, Miss Nilssons Schwester zu helfen, so gut er konnte.« Wyatt nahm seinen Hut ab, fuhr mit den Fingern durch sein zu langes Haar und ließ sich von dem trockenen Abendwind die Stirn kühlen. Steele hatte recht. Hallock war großzügig und freundlich gewesen. 26
»Ich habe Miss Nilsson auf der Fahrt kennengelernt und mich davon überzeugt, dass Hallock eine sehr freundliche Frau ausgewählt hat.« »Das mag sein.« Wyatt setzte seinen Hut wieder auf. »Aber sie ist nicht mein Problem.« »Hallock war Ihr Freund. Was würde er von Ihnen wollen?« »Er würde ganz bestimmt nicht wollen, dass ich sie heirate.« »Da wäre ich mir nicht so sicher.« Wyatts Brustkorb zog sich bei der Erinnerung an die Aufregung in Hallocks Gesicht zusammen, als er sich im letzten Herbst verabschiedet hatte. Er hatte sich so sehr gefreut, weil ihn eine Frau heiraten wollte, dass er beschlossen hatte, nach Kalifornien zu fahren und sein Gold für alle möglichen schönen Sachen auszugeben, die sich eine Frau nur wünschen konnte. Da Hallock bis Ende Mai immer noch nicht zurückgekehrt war, gingen alle davon aus, dass die verweste Leiche, die Goldgräber auf dem Pass in Richtung Overland Trail gefunden hatten, Hallock sein musste. Soweit sie sagen konnten, war Hallock eines grausamen Todes gestorben. Er war zerfleischt und verstümmelt worden – vielleicht von einem wilden Tier. Dass ein so freundlicher und friedliebender Mann eines so gewaltsamen Todes gestorben war, hatte Wyatt schwer getroffen. Er konnte es immer noch nicht fassen. Aber so schlimm Hallocks Tod auch gewesen war, konnte er die Braut seines Freundes trotzdem nicht heiraten. »Sie muss sich einen anderen Mann suchen, Steele.« Er hatte genug Zeit mit diesem verrückten Gespräch vergeudet. Er tippte zum Abschied an seinen Hut und wollte sich gerade von Steele entfernen, als der Mann sich breitbeinig vor ihm aufstellte und die Arme verschränkte. Für ihn war das Thema offensichtlich noch nicht erledigt. Wyatt blieb stehen und verkniff sich ein Seufzen, da ihn die Erziehung seiner Mutter, Ältere zu respektieren, zur Beherrschung zwang. 27
Steele musterte ihn durchdringend. »Ich bin sicher, dass viele Männer in dieser Gegend Miss Nilsson vom Fleck weg heiraten würden. Aber mir fällt keiner ein, den ich auch nur halb so sympathisch finde wie Sie.« »Vielen Dank, Steele, aber ich bin nicht auf der Suche nach einer Frau.« Wyatt hatte Mühe, sich seine Gereiztheit nicht anhören zu lassen. »Ich bräuchte viel eher einen Investor.« »Einen Investor?« Wyatt massierte seinen Nacken. »Ich will damit nur sagen, dass ich nicht das Geld habe, um im Moment eine Frau und ein Kind zu versorgen, denn ich brauche alles, was ich habe, um meine Ranch aufzubauen.« Steeles Augen begannen zu funkeln. »Wofür suchen Sie einen Investor?« Wyatt schluckte die Antwort, die ihm auf der Zunge lag, hinunter. Noch vor wenigen Minuten hatte er überlegt, welcher der reichen Männer im Ort bereit sein könnte, in seine Ranch zu investieren. Aber er hatte nicht damit gerechnet, dass jemand tatsächlich bereit wäre, ein solches Risiko einzugehen. Immerhin hatte bisher noch niemand versucht, so hoch oben in den Bergen Rinder zu züchten, und es gab keine Garantie, dass er Erfolg haben würde. Wyatt wusste im Grunde, dass seine Chancen schlecht standen. Aber ohne einen Investor waren seine Chancen, es zu schaffen, noch geringer. Dann müsste er weiterhin mit Brawley um jeden dürren Ochsen streiten, der es in den Westen schaffte. Und es würde Jahre dauern, bis er eine Herde hätte, die groß genug war, um Profit abzuwerfen. Im Geiste sah er seine Mutter vor sich, bei seinem letzten Besuch zu Hause vor drei Jahren. Sie hatte einen Bluterguss unter dem Auge gehabt. Sie hatte behauptet, ein Fohlen hätte sie getreten, aber er wusste genau, dass sein Stiefvater sie wieder verprügelt hatte. Wyatt gab sein Bestes, um seiner Mutter und seinen vier Ge28
schwistern ein neues Leben zu ermöglichen. Das versuchte er, seit er mit fünfzehn Jahren von zu Hause weggegangen war. Und jetzt stand er so kurz davor, sein Ziel zu erreichen. Er hatte viel Land und viel Wissen. Er musste nur noch an die nötigen Rinder kommen. War Steele die Lösung für sein Problem? Wyatt schaute Landry Steele mit zusammengekniffenen Augen an. Steele war ein geschäftstüchtiger Unternehmer, der kurz nachdem Gold gefunden worden war, nach South Park gekommen war. Nachdem er sich einige Minen in der Gegend angesehen hatte, hatte er in mehrere investiert. Zwei waren profitabel, darunter die in Fairplay. Steele hatte seinen Profit in andere Minen weiter oben bei Leadville und in Geschäfte, die die Goldgräber versorgten, investiert. Würde er den Nutzen sehen, den es brachte, in Rinder zu investieren? Es konnte nicht schaden, ihn zu fragen, oder? Wyatt schluckte nervös und zwang sich, die Worte auszusprechen: »Im nächsten Frühjahr will ich eine Herde Shorthorns kaufen und sie hierhertreiben.« »Und Sie brauchen jemanden, der Ihnen das Geld für den Kauf leiht?« »Ja. Zusätzlich zur Rückzahlung des Kredits würde ich einen prozentualen Anteil am Gewinn anbieten.« »Das versteht sich von selbst.« Steeles Blick wanderte zum Ende der Hauptstraße und weiter zu der baumlosen, grasbestandenen weiten Prärie, die Fairplay umgab. Wyatt hoffte, Steele sähe das Gleiche wie er: Hunderte Rinder, die auf dem fruchtbaren Land grasten, fett und zufrieden, und die mit einem großen Gewinn verkauft werden konnten. »Ich habe zwar erst seit Kurzem eine Ranch«, versuchte Wyatt, seine wachsende Aufregung zu zügeln. »Aber ich habe viel Erfahrung mit Rindern. Mein Vater hat auf unserer Farm Rinder gezüchtet und ich habe von klein auf an seiner Seite gearbeitet. Nach seinem Tod habe ich Rinder von Ohio nach New York ge29
trieben. Und Sie wissen, dass ich für Russell, Majors & Waddell als Viehtreiber gearbeitet habe.« Steele wandte seinen Blick immer noch nicht von dem grenzenlosen Land ab. »Ich zweifle nicht an Ihrer Erfahrung, mein Junge. Und ich zweifle auch nicht an Ihrer Entschlossenheit.« »Aber?« »Aber wenn ich Geld investiere, will ich wissen, dass Sie vorhaben, langfristig in Fairplay zu bleiben.« Wyatts Aufregung sprudelte fast über. »Ich hätte keine Blockhütte und keinen Stall auf meinem Land gebaut, wenn ich nicht vorhätte, auf der Ranch zu bleiben.« Steele schaute Wyatt wieder an und die Traurigkeit in seinen Augen verblüffte Wyatt. »Als ich in Denver war, habe ich meiner Frau telegrafiert. Sie weigert sich nach wie vor, nach Fairplay zu kommen. Sie sagt, sie kommt erst nach, wenn ich in eine größere Stadt ziehe, die mehr zu bieten hat.« Wyatt verstand nicht, was Steeles Privatleben mit der Frage zu tun hatte, ob er in seine Rinderranch investieren wollte. Trotzdem sah er sich zu einer tröstenden Bemerkung genötigt. »Das tut mir leid. Sie vermissen sie bestimmt sehr.« Steeles Kinnmuskeln arbeiteten. »Sie haben schon eine Kirche und ein Theater gebaut«, fuhr Wyatt fort. »Viel mehr können Sie nicht machen.« »Wenn wir mehr Familien hier ansiedeln, wird die Stadt zivilisierter werden und schneller wachsen.« Wyatt nickte zwar, aber er war immer noch unsicher, worauf Steele hinauswollte. »Ja. Das sehe ich auch so.« »Dann sind Sie einverstanden, Miss Nilsson zu heiraten, hier sesshaft zu werden und eine Familie zu gründen?« Als das Gespräch wieder zum Anfangsthema zurückkehrte und Wyatt unerwartet rammte wie ein angriffslustiger Stier, hatte er Mühe, sich zu beherrschen. Protest regte sich in ihm, aber er schluckte ihn hinunter, da Steele seine Reaktion genau beobachtete. 30
»Ich will hier sesshaft werden, Steele, aber das heißt nicht, dass ich heiraten will.« »Sie hat keinen Ort, an den sie gehen könnte. Ich würde sie in Hallocks Haus wohnen lassen, aber ich kann die Mieter nicht hinauswerfen.« »Geben Sie ihr etwas von Hallocks Gold.« »Sie wissen, dass ich das nicht kann. Die beiden waren noch nicht verheiratet. Deshalb hat sie keinen Rechtsanspruch auf sein Vermögen.« Auf der anderen Straßenseite öffnete sich die Tür des Kolonialwarenladens und Miss Nilsson trat auf den hölzernen Gehweg. Ihr Hut hing auf ihrem Rücken und Wyatt konnte die tiefe Sorgenfalte zwischen ihren Brauen sehen. Sie suchte die Straße ab und las jedes der Holzschilder, die über den Geschäften hingen, bevor sie eine Hand hob und nervös mit einer losen Haarsträhne spielte. Wyatt hielt den Atem an und wartete darauf, dass ihr Blick zu ihm und Steele wanderte. Sie würde zweifellos sofort erkennen, dass sie das Gesprächsthema der beiden Männer war. Aber zum Glück ging sie nach einem kurzen Zögern auf das Hotel zu. Als sie darin verschwand, atmete Wyatt erleichtert auf. »Miss Nilsson braucht einen Ehemann«, sagte Steele bestimmt. »Sie brauchen einen Investor. Und ich brauche eine zivilisierte Stadt für meine Frau.« »Ich kann mir nicht vorstellen, wie eine einzige Frau den Ort zivilisierter machen sollte.« »Gute christliche Frauen ziehen andere Frauen an und das führt schließlich zur Eröffnung von Schulen, zu Gemeindeveranstaltungen, Wohltätigkeitseinsätzen und den ganzen anderen Dingen, in die Frauen gern ihre Zeit investieren.« »Das mag schon sein, aber das heißt nicht, dass ich überstürzt heiraten muss.« Steele rückte seinen Hut zurecht und wandte sich zum Gehen. »Wenn Sie Miss Nilsson heute heiraten und sie als Ihre Frau mit 31
nach Hause nehmen, gebe ich Ihnen das Geld, das Sie für den Kauf der Rinder brauchen.« Wyatt kam sich vor, als wäre er von einem wilden Pferd in den Magen getreten worden, während seine Beute davongaloppierte und er sie trotz aller Anstrengungen nicht einholen konnte. Er wollte Steele anflehen, sich dieses Ultimatum noch einmal zu überlegen, aber die harte Linie um den Mund des Mannes verriet, dass er sich von seinem Entschluss nicht abbringen ließe. Aus irgendeinem verrückten Grund hatte er seine Entscheidung unumstößlich getroffen. Warum ausgerechnet Wyatt? Was hatte er nach Steeles Meinung einer Frau zu bieten? »Denken Sie darüber nach.« »Vielleicht.« Er hatte eigentlich seine feste Meinung dazu, aber er verkniff sich, das laut zu sagen. Steele tippte an seinen Hut und steuerte auf die Postkutsche und das Gepäck zu, das der Fahrer auslud. »Wenn Sie bereit sind zu heiraten«, sagte Steele mit einem letzten Blick über seine Schulter, »finden Sie mich im Hotel Windsor beim Abendessen.« Wyatt nickte, dann drehte er sich auf dem Absatz um und marschierte auf Judd zu, der immer noch neben dem Mietstall wartete. Ärger und Frustration tobten in ihm und hallten in jedem seiner Schritte auf der harten Erde wider. Wie konnte er die Gelegenheit, eine Rinderherde zu kaufen und endlich etwas Sinnvolles aus seinem Leben zu machen, ausschlagen? Aber wie konnte er eine völlig fremde Frau heiraten?
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