Anni E. Lindner
Inhalt Wer wir sind................................................... 5 Bevor es losgeht.............................................. 9 Fridays for Future.......................................... 11 Die Bettition Petition..................................... 20 Katastrophe Nummer eins............................. 30 Alarm am Supermarkt................................... 46 Eine bessere Idee........................................... 67 Wo ist Bella?................................................. 77 Das Verbrechen............................................. 86 Der Fremde.................................................. 96 Der Hühnerprinz......................................... 109 Endlich Ferien!............................................ 119 Bellas Geheimnis........................................ 130 Katastrophe Nummer zwei........................... 142 Eine unerwartete Entdeckung....................... 154 Merkwürdige Symbole................................. 164 Der große Streit.......................................... 173 Das verbotene Baumhaus............................. 181 Schüsse im Oberwald.................................. 191
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Der Zahlencode........................................... 211 Heimliches Abenteuer................................. 223 Der Kampf.................................................. 237 Auf Verbrecherjagd...................................... 246 Das Geheimnis kann nicht warten................ 259 Der Wächter................................................ 273 Das Zimmer im Berg.................................... 283 Ein Schatz kommt selten allein..................... 294 Epilog........................................................ 302
Wer wir sind Emmi (das bin ich): Emilia Himmelweit. 12 Jahre alt, Hobbys: träumen und lesen. Lange blonde Haare wie eine Prinzessin … (Spaß. In Wirklichkeit sind sie zwar lang, aber immer verfilzt. Ich habe eine Bürste und ich benutze sie auch. Aber nur im Notfall.) Sommersprossen und leicht wie ein Windhauch.
Sofi: Sofi Himmelweit. Die Älteste in der Geschwisterschar (16) und deshalb sehr gefragt, wenn es um Tipps fürs Leben geht. Sie ist sehr hübsch und hat schon einen Freund namens Paul.
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Sam: Samuel Himmelweit. Nur 17 Monate jünger als Sofi, aber altklüger als sie. Er weiß alles über Fußball und Flugzeuge, und er weiß alles besser als wir.
Jo: Johann Himmelweit. Er kennt sich mit Problemen aus, denn er hat selbst immer welche. Aber er ist auch sehr aufmerksam und kämpft für Gerechtigkeit. Er ist zehn und der Stärkste von uns.
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Hummel: Elias Himmelweit. Siebenjähriger Tierfreund, der sich um jedes Lebewesen kümmert, das ihm über den Weg läuft. Bester großer Bruder für Lany und süßer (trotzdem nerviger) kleiner Bruder für mich. Bella: Unsere Hündin, eine Golden-Retriever-Dame. Sie ist erst zwei Jahre alt und befindet sich immer dort, wo Hummel ist.
Lany: Elana Himmelweit. Wird auch »Lany Turnschuh« genannt, weil sie im Turnverein ist und fast jeden Tag trainiert, obwohl sie erst fünf ist.
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Mama: Ist von Beruf Psychotherapeutin und arbeitet halbtags in einer Praxis in der Nachbarstadt. Den Rest des Tages ist sie zu Hause für uns da, wenn sie nicht gerade Ställe ausmistet, Wäsche wäscht, Böden schrubbt, Essen kocht oder Klamotten näht.
Papa: Bester Papa der Welt. Er ist sportlich und kann Computerspiele programmieren, weil er Medieninformatiker ist. Außerdem kennt er sich mit allem aus, was Mama nicht weiß.
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Bevor es losgeht Hi, ich bin Emmi. Vermutlich kennst du mich, denn der Name Emilia Himmelweit tauchte in letzter Zeit erschreckend oft in den Zeitungen auf. Und in den Gesprächen der Leute im Dorf. Auch im Internet. Aber das alles ist eine große Verwechslung, denn eigentlich war es Hummel, der den Schatz als Erster entdeckt hat. Und überhaupt wird die Geschichte ganz falsch erzählt. Das kommt daher, dass sie einfach so plötzlich und vollkommen ungeplant passiert ist. Willst du sie wirklich hören? Ich meine, du könntest deine Zeit auch sinnvoller nutzen. Du könntest in die Bibliothek gehen und dir ein wirklich wichtiges Buch ausleihen. Eins über Umweltschutz zum Beispiel. Oder über Politik und Geschichte. Das wollten wir eigentlich auch machen. Aber dann sagte Jo, dass Lesen langwei-
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lig sei und wir einfach anfangen sollten, was zu tun. Ich liebe Lesen ja, aber wir dachten, er hätte recht. Es konnte ja keiner ahnen, dass SO WAS passieren würde. Nur weil wir ein bisschen am Winterteich aufräumen wollten. Na ja, und die Welt retten. Das hatten wir schon auch vor. Aber ich bringe dich durcheinander. Du wolltest die wahre Geschichte hören, von Anfang an, oder? Gut, dann erzähle ich sie dir. Aber ich erzähle sie nur ein einziges Mal und du darfst die ganzen peinlichen Details keinem verraten, okay? Vor allem nicht Luca aus der 7b, denn der darf niemals erfahren, welche Rolle Emilia Himmelweit aus der 6a in der ganzen Odyssee um das Bernsteinzimmer wirklich gespielt hat. Sonst wird es mir niemals gelingen, ihn zu bekommen. Zum richtigen, festen Freund, natürlich. Aber pst, das ist erst mal egal. Ich erzähle jetzt. Puh, wie fing es eigentlich an?
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Fridays for Future Du kennst doch bestimmt Greta Thunberg. Das ist eine Umweltaktivistin aus Schweden. Sie sagt laut, was wir alle denken sollten. Nämlich, dass es großer Mist ist, wie wir Menschen unsere Welt behandeln. Ehrlich gesagt hatte ich bis zu diesem Sommer nicht allzu viel darüber nachgedacht. Für mich ist es irgendwie normal, dass alle Leute Auto fahren. Ich träume davon, mal eine Flugreise zu machen. Am besten in die Karibik. Ich war natürlich noch nie da, aber Palmen, Strand und Meer? Klingt doch traumhaft! Na ja, es gibt eine Sache, die mich daran stört. Das sind die Spinnen. Spinnen sind in unseren Breitengraden schon eklig und in der Karibik gibt es angeblich riesengroße … Das stelle ich mir lieber gar nicht erst vor. Aber egal, also: Greta Thunberg macht die Leute darauf aufmerksam, dass sie zu viel Müll produzieren und mit dem vielen CO2-Ausstoß das Klima
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verändern. Soweit ich das kapiert habe, wird es zu warm. Und warm ist ja schön – also, Karibik und so, du weißt schon – aber ZU warm ist irgendwie falsch. Jedenfalls hörte meine große Schwester Sofi von diesem Problem. Sofi ist sechzehn und geht auf die Realschule in unserem Nachbardorf. Normalerweise erzählt sie nichts aus der Schule. Sie ist eher nicht so der Lernfan im Gegensatz zu meinem Streberbruder Sam. Sofi ist mehr der kreative Typ. Ich beneide sie darum, wie gut sie zeichnen kann. Vielleicht wird sie später mal Illustratorin. Das sind die Leute, die Bilder für Bücher machen oder Comics zeichnen. Außerdem ist Sofi schon fast erwachsen und das ist cool. Für mich vor allem deshalb, weil niemand aus meiner Klasse eine Schwester hat, die schon fast erwachsen ist. Und weil sie mir Tipps geben kann, wie man mit Jungs umgeht. Sofi hat nämlich schon einen Freund und das seit fast einem ganzen Jahr. Er ist ein bisschen so wie noch ein großer Bruder für mich. Obwohl ich ja schon von Natur aus genügend Geschwister habe. Aber in diesem Sommer, als die ganze Geschich-
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te mit dem Bernsteinzimmer und so passiert ist, da war Paul – so heißt Sofis Freund – nicht da. Er war für drei Monate in den USA als Austauschschüler. Er war also nicht da und deswegen hatte Sofi Liebeskummer oder Heimweh nach ihm oder so was. Kurz gesagt: Dauerschlechtelaune. Und noch dazu musste sie trotzdem täglich in die Schule gehen. An einem dieser Tage saßen wir abends alle zusammen am Küchentisch, die ganze Familie, alle acht Leute. Wir aßen Brot und Jo meckerte, weil er lieber Nudeln mit Ketchup essen wollte. »Nudeln mit Ketchup sind sowieso Mist«, brummte Sofi genervt. Jo warf ihr seinen überheblichsten Jo-Blick zu und fragte provokant: »Warum?« »Mm«, brummte Sofi nur, die offenbar keine Lust hatte zu antworten. »Weil das alles in Plastik steckt«, schlaumeierte Sam und spießte mit der Gabel eine Essiggurke an. »Die Wurst doch auch«, gab Jo triumphierend zurück.
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»Auch schlecht«, muffelte Sofi. Ich versuchte, nicht hinzuhören. Wenn meine Geschwister anfangen, über solche Sachen zu streiten, höre ich immer weg. Das fällt mir zum Glück nicht schwer, weil ich in meiner Fantasie immer einen Ort finde, an den ich bei solchen Gelegenheiten flüchten kann. Ich hatte gerade »Hallo« zu Fantasie-Luca gesagt, als Papa sich in das echte Gespräch einmischte. »Ihr sollt essen, nicht diskutieren«, hörte ich ihn sagen. Seine Stimme klang nach »Ihr solltet schon seit einer halben Stunde im Bett sein, also hört auf, das Abendbrot mit sinnlosen Streitereien in die Länge zu ziehen«, aber dann stellte er die entscheidende Frage. Er legte sein eigenes Brot aus der Hand und sah Sofi an. »Wie kommt es, dass du dir Gedanken über Plastik machst?«, fragte er sie.
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Ich hätte erwartet, dass Sofi ihn mit einer Handbewegung dazu bringen würde, nicht weiter mit ihr zu reden. Aber zur Überraschung aller blitzten ihre Augen plötzlich auf. »Na, es ist ja wohl nichts Neues, dass diese ganze Plastikverschwendung uns irgendwann auf die Füße fallen wird«, begann sie einen leidenschaftlichen Appell, den niemand ihr zugetraut hätte. »Die Meere sind jetzt schon voll davon und die Tiere sterben. Irgendwann gibt’s keine Traumstrände mehr und wir baden nur noch in Abfall. Übrigens« – sie schaute jetzt Papa direkt ins Gesicht –, »am Freitag gehe ich nicht zur Schule.« Papa guckte überrascht. Ob es an ihrer ungewohnten Redefreudigkeit lag oder an der Ankündigung, Schule zu schwänzen, weiß ich nicht genau. Bevor er nachfragen konnte, warum, kam Mama aus der Küche. Sie hatte die ganze Zeit dort darauf gewartet, dass das Teewasser endlich kochte. Natürlich hatte sie mitgehört. »Willst du zur Klima-Demo gehen?«, wollte sie wissen. Sofi steckte sich noch ein Stück Brot in den Mund und nickte. Jetzt wurde Sam neidisch.
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»Echt? Aber bei uns gibt’s die doch nicht. Dazu müsstest du nach Dresden fahren oder nach Berlin.« Sofi zuckte mit den Schultern und mir war klar, was das hieß. Es hieß: Mache ich ja auch. Und da wurde ich wirklich neidisch. Ich überlegte schon, wie ich es anstellen könnte, dass sie mich mitnahm. Aber Jo lenkte mich ab. »Was ist das, eine Klimade… dings?« »Klima-Demo!«, stöhnte Sam und schlug sich mit der Hand vor die Stirn. Das macht er immer, wenn er uns Kleineren zu verstehen geben will, dass wir einfach mal keine Ahnung vom Leben haben. »Man schwänzt die Schule und steht mit Plakaten vor einem Regierungsgebäude oder auf der Straße. Damit sollen die Politiker dazu bewegt werden, etwas für den Klimaschutz zu tun.« »Ach sooo, eine Demo!«, stellte Jo fest, was Sam dazu bewegte, sich gleich noch mal an die Stirn zu schlagen. Irgendwann holt er sich eine Platzwunde davon. »Meinst du, das lohnt sich?« Mamas Stimme
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klang kritisch, aber nicht ganz abgeneigt. Ich weiß, dass sie sich auch Sorgen um die Umwelt macht. Sie findet aber bei den Ideen, die wir Kinder haben, immer irgendwas, was wir noch nicht bedacht haben. Sofi zuckte wieder mit den Schultern und das war alles, was sie an diesem Abend noch zu dem Thema beitrug. Am Freitag fuhr sie nach Dresden. Von unserem Dorf aus ist das schon eine halbe Weltreise. Sie und ihre Freunde trafen sich an der Schule, weil sie mit dem Schulbus problemlos dort hingelangen konnten. Dann schwänzten sie die ersten beiden Schulstunden, indem sie zum Bahnhof der nächsten Kleinstadt trampten. Mama dachte, sie würden mit dem Bus fahren. Ich musste Sofi versprechen, nichts zu verraten. Den ganzen Morgen saß ich im Unterricht und bemitleidete mich selbst. Meine große Schwester machte einen gewagten, rebellischen Ausflug, um unsere Zukunft zu retten, und ich? Ich saß in der Schule fest und musste das langweilige Gerede von Frau Hammerschmidt über mich ergehen lassen. Der einzi-
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ge Lichtblick war Luca, der mir zum Glück in der großen Pause über den Weg lief. Luca ist dreizehn. Ich bin in ihn verknallt, seit ich ihn am dritten Schultag am Anfang der sechsten Klasse zum ersten Mal gesehen habe. Er stand bei den Fahrrädern am Eingang und lächelte mich an. Da war es um mich geschehen. Das ist allerdings eins der geheimen Details, die du keinem erzählen sollst. Nur Sofi und Mama wissen Bescheid, und das soll auch so bleiben. Jedenfalls rettete Lucas Anblick mich an diesem düsteren Freitag, als Sofi in Dresden war. Am Abend saß ich mit Sofi auf der Wiese hinter unserem Schafstall und sie berichtete mir haarklein von allem, was sie erlebt hatte. Sie und ihre Freunde hatten sich vor einem wichtigen Gebäude auf die Straße gesetzt und ihre Schilder vor sich hingelegt. Dort saßen sie dann zwei Stunden lang in der Sonne und spürten sehr genau, wie das Klima sich erwärmte. Es waren noch eine ganze Menge anderer Schüler da und Sofi meinte, die Demo, dieses sichtbare Statement, hätte sich sehr richtig angefühlt. Aber dann meinte sie auch
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noch, dass sie nicht glaubt, es würde viel bringen. Man müsste selbst was tun können, aber was? Solche Fragen darf man mir nicht stellen. Sie lassen mich nämlich nicht los. Ich grübelte die ganze Nacht darüber nach, was wir machen könnten, um die Welt zu retten.
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Die Bettition Petition Der nächste Tag war selbstverständlich ein Samstag. Das Wochenende vor der letzten vollständigen Schulwoche, die uns noch von den Sommerferien trennte. Ich wachte auf, weil Hummel und Jo sich durch den Flur vor meinem Zimmer jagten und einfach mal null Rücksicht auf langschlafbedürftige Geschwister nahmen. Das war so typisch. Schon bevor ich die Augen öffnen konnte, hatte ich schlechte Laune. Aber weil ich sowieso nicht wieder einschlafen konnte, stand ich eben auf. Ich zog die blau-weiß karierte Gardine vor meinem Fenster einen Spaltbreit auf, durch den die Sommersonne auf die Bodendielen fiel. Ich suchte meine Hausschuhe, und weil ich nur einen fand, ging ich barfuß ins Badezimmer. Dort erwartete mich der nächste Schlechte-Laune-Verursacher: mein Bruder Sam. Er saß auf dem Klo. Natürlich hatte er mal wieder die Tür nicht zugeschlossen und grinste mich nur dumm an.
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»Warte lieber, ich kacke gerade.« Na, super. Missmutig hockte ich mich auf die oberste Treppenstufe. Ich hätte auch in das Bad im Erdgeschoss gehen können, aber mir war gerade wieder eingefallen, was ich mir in dieser Nacht überlegt hatte – eine Petition. Meine Lehrerin für Gesellschaftswissenschaften hatte neulich erklärt, dass man sich auch als kleiner, unbedeutender Bürger in die ganz große Politik einmischen könne. Man musste nur etwas starten, was den für mich toll klingenden Namen »Petition« trug. Gut, ich hatte mir nicht gemerkt, wie dieses Wort geschrieben wird, aber das war jetzt erst mal nicht wichtig. In meinem Gedächtnis war hängen geblieben, dass man einfach eine Sache aufschreiben muss, die man erreichen will. Dann braucht man ungefähr tausend Leute (oder waren es hunderttausend?), die das Ganze unterschreiben. Wenn man das geschafft hat, muss man den Brief nur noch an den Bundeskanzler oder so schicken und: BÄM! Welt verbessert! Ich war mir sicher, dass wir das schaffen konnten. Sam drückte genau in dem Moment die Klospü-
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lung, in dem mir der Titel für meine Petition einfiel: »Sauber!« Am Frühstückstisch saßen nur Sofi und Sam. Papa war auf Arbeit und Mama mit Lany im Stall. Jo und Hummel rannten mit Bella, unserer Hündin, auf dem Hof herum. Weil die Tür offen stand, konnte ich hören, wie sie sich gegenseitig anbrüllten. Aus Spaß, glaube ich, aber das schlägt bei den beiden schnell mal um. Ich hockte mich also zu Sofi an den Tisch. Sam versuchte ich zu ignorieren, aber dann musste ich ihn bitten, mir den Milchkrug zu reichen. »Zähne geputzt?«, fragte er grinsend, nur um mich zu provozieren. Ich streckte ihm die Zunge heraus und kippte zu viel Milch auf mein Müsli. Sofi warf uns beiden einen warnenden Blick zu, sagte aber nichts. Nach zwei Löffeln hielt ich es nicht mehr aus. Ich musste Sofi für meinen Plan gewinnen. »Ich starte heute eine Petition«, legte ich sofort die Karten auf den Tisch. Sam hielt im Essen inne, sodass ihm die Milch vom Löffel auf das T-Shirt tropfte.
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»Eine Petition? Du?«, fragte er spöttisch. Dann merkte er an meinem bösen Blick, dass es mir ernst war. Das mag ich an ihm. Wenn er nicht gerade spinnt, kann er wirklich nett und unterstützend sein. Er legte also seinen Löffel beiseite und sah mich interessiert an. »Was willst du denn erreichen?« »Na ja, Sofi hat mir gestern gesagt, dass sie die Freitagsproteste gegen den Klimawandel nicht ausreichend findet«, antwortete ich und sah Sofi Hilfe suchend an. Ich fühlte mich ein bisschen schüchtern, weil ich doch so große Pläne und so wenig Ahnung hatte. »Deshalb habe ich mir überlegt, dass ich Unterschriften sammle und so.« Sam wiegte bedächtig den Kopf. Dann strich er sich die Haarsträhne aus dem Gesicht, die immer dort hängt (ich glaube, weil es cool aussehen soll), und schlürfte geräuschvoll den Rest Milch aus seiner Schale. »Was sollen die Leute denn unterschreiben?«, hakte er nach. Das war mein wunder Punkt. Ich wusste es
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noch nicht so genau. Ich hatte mir ja gerade erst die Überschrift überlegt. So schnell geht das nicht mit einer Petition! »Wen willst du denn mit deiner Petition erreichen?«, wollte Sofi jetzt auch noch wissen. Ich kratzte mich an der Nase. Meine Antwort klang selbst in meinen Ohren unausgereift: »Die Politiker?« Sam zuckte mit den Schultern und sprang auf. »Ich muss los, Leute. Hab heute ein Spiel. Aber klingt spannend, Emmi, mach mal. Ich lese es mir dann heute Nachmittag durch, okay?« »Unterschreibst du auch?«, rief ich ihm hoffnungsvoll nach, während er schon ins Treppenhaus lief und sich den Beutel mit seinen Fußballsachen schnappte. »Klar!«, gab er zurück. Dann war er draußen und ich saß ganz allein mit Sofi am Küchentisch. »Du könntest mir doch helfen, Sofi, oder?«, bat ich sie. Mir war klar, dass ich ein bisschen Hilfe brauchte. Leider nicht klar genug, wie du noch merken wirst … Sofi hatte leider auch keine Zeit. Sie war mit ih-
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rer Freundin verabredet und musste vorher noch irgendwas schrecklich Wichtiges erledigen. Selfies machen, um sie an Paul zu schicken, wahrscheinlich. Sie verschwand die Treppe hinauf und da hockte ich nun. Ich und meine Idee. Ich futterte mein Müsli, spülte das Schälchen ab und ging auf den Hof. Eigentlich wollte ich Mama suchen, aber dann kam Jo direkt auf mich zugerannt. »Spielst du mit mir, Emmi?«, bettelte er. »Hummel ist mit Bella in den Wald gegangen und jetzt ist mir langweilig.« Ich hatte absolut keine Lust, mit Jo zu spielen. Er will immer entweder irgendwo Löcher graben oder Spiele mit Dinos oder irgendwelchen Krawumm-Helden machen. Aber weil er auch schon zehn ist und sich manchmal für außergewöhnliche Sachen begeistern lässt, dachte ich mir, ich frage ihn, ob er mir hilft. »Voll gute Idee!«, lobte er mich, als ich ihm mein Vorhaben erklärt hatte. »Ich hole mein Schreibzeug.« Und husch, flitzte er in sein Zimmer. Ich wischte rasch mit der Innenseite mei-
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nes T-Shirts den Tisch sauber, der im Hof steht. Mama meckert immer, wenn wir Papiere auf nicht abgewischte Tische legen. Dann setzte ich mich hin und überlegte. Ungefähr eine halbe Stunde später war die erste Fassung unserer Petition fertig. Jo machte eifrig mit einem Lineal ganz viele Striche auf ein weißes Blatt (mein linierter Collegeblock war leer und wir wollten ja gleich anfangen, Unterschriften zu sammeln). Währenddessen korrigierte ich die Beschreibung, worum es ging. Ich bin selber nicht besonders gut in Rechtschreibung, aber ich hatte Jo den Text diktiert und Jo ist noch schlechter als ich in Rechtschreibung. Dafür ist er super gut in Mathe. Auf unserem Blatt stand: Bettition: sauber! Für eine besere Welt. Unterschreiben sie dise Bettition und wir reten die Welt vor Plastig. WIR WOLLEN DAS DIE NUDELN UND KEDSCHUB UND ALES NICHT MER IN PLASTIG STECKT! Ihre Unterschrieft hilft.
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Ich fand, das war ein guter Anfang. Bis heute Mittag konnten wir vielleicht schon so tausend Unterschriften sammeln und dann müsste Sam nur noch einen Extrabrief für den Kanzler dazu schreiben. Er hatte früher schon mal an die Regierung geschrieben, weil er gegen den Waffenhandel ist. Also hatte er Erfahrung. Ich überlegte kurz und schrieb den Text noch einmal ordentlich ab. Dann machte ich einen schönen Rahmen um die Schrift und malte noch eine durchgestrichene Plastiktüte drauf. Jo zeichnete inzwischen immer noch Linien. Er hatte schon fünf Blätter fertig. Mama kam kurz zu uns, aber als ich ihr gerade erklären wollte, was wir machten, schlug Lany sich beim Rennen über den Hof das Knie auf. Mama tröstete sie und holte ein Pflaster. Wir vergaßen völlig, dass sie noch nicht informiert war, weil da Hummel mit Bella aus dem Wald zurückkam. Er wollte natürlich auch wissen, was wir machten. Und weil er die Welt auch verbessern will und vor allem, weil er Tiere liebt und kein Tier sterben soll, weil es Plastik frisst, darum wollte er auch mitmachen.
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»Wenn Jo und ich unten im Dorf anfangen und Lany und du oben, dann schaffen wir bis mittags tausend Unterschriften«, meinte er zuversichtlich. »Aber wir haben nur einen Zettel«, gab ich zu bedenken. Jo winkte ab. »Ist doch egal, wenn ein paar Fehler drin sind«, behauptete er und schnappte sich das Blatt, das er beschrieben hatte. »Ich nehme meinen Text und du deinen.« Ich war immer noch unsicher. »Jo und du, ihr streitet euch bestimmt unterwegs.« Hummel stemmte die Arme in die Seiten und funkelte mich an. »Nicht wenn es um so was Wichtiges geht!« Er beugte sich zu Bella hinunter und streichelte der Golden-Retriever-Dame liebevoll den Kopf. »Stimmt’s Bella, wir wollen ja nicht, dass du einen Plastikbeutel frisst. Da müssen wir uns zusammenreißen und was tun!« Bella leckte ihm zur Zustimmung über die Hand und damit war die Sache beschlossen. Mama kam mit Lany wieder aus dem Haus.
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»Ich muss noch kurz zum Supermarkt fahren«, kündigte sie an. »Will einer von euch mitkommen?« Alle drei schüttelten wir die Köpfe. »Gut, dann nehme ich nur Lany mit. Papa müsste auch jeden Augenblick nach Hause kommen, er wollte heute nur bis zehn arbeiten. Und Sofi ist ja noch da, um auf euch aufzupassen …« »Ich will auch hierbleiben!«, forderte Lany. Sie schob die Unterlippe vor, wie sie es immer macht, wenn sie etwas unbedingt will. Mama seufzte. »Kann ich mich darauf verlassen, dass ihr keinen Unsinn macht?«, fragte sie zweifelnd. Diesmal nickten wir alle vier. »Kein Unsinn! Versprochen!«, versicherte Hummel ihr eifrig. Mama schaute auf ihre Uhr. »Na gut, dann riskieren wir es«, willigte sie zögernd ein. Sie steckte den Kopf in den Hausflur und rief: »Sofi! Ich muss los! Du passt auf die Kleinen auf!« Aus Sofis Zimmerfenster drang ein Klagelaut, aber Mama fasste ihn als Zustimmung auf. Sie stieg ins Auto und rollte vom Hof.
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Katastrophe Nummer eins Sobald der Wagen um die erste Kurve der Dorfstraße gebogen war, machte Hummel einen Luftsprung. »Wir können anfangen!«, rief er begeistert. Jo war schon in den Schuppen gelaufen, um sein Fahrrad zu holen. Ich dagegen kaute unschlüssig auf meiner Unterlippe. Sollten wir tatsächlich Hummels Plan verwirklichen? Ich kannte meine Brüder. Spätestens auf halber Strecke würden sie anfangen zu streiten und dann konnte alles Mögliche passieren. Andererseits wären wir wirklich schneller mit dem Unterschriftensammeln fertig, wenn wir uns aufteilten. Blieben noch zwei Fragen offen: Wie überzeugten wir Sofi, dass sie uns gehen ließ – und wie stellte ich es am besten an, Lany mitzunehmen? Sie war zwar sportlich, aber lange Strecken lief sie definitiv nicht gern und ihr
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Fahrrad hatte leider einen platten Reifen. Bis ins Oberdorf, wo ich mit der Aktion beginnen wollte, waren es aber mindestens drei Kilometer. »Tschüss, Emmi!«, hörte ich Hummel gerade noch rufen, während ich ganz in Gedanken versunken an einer Haarsträhne knabberte. »Viel Glück!« Jo und er brausten, eine Staubwolke hinter sich aufwirbelnd, vom Hof. »Wartet …!«, versuchte ich, sie noch aufzuhalten, aber da waren sie schon außer Hörweite. Toll, jetzt hatten wir nicht einmal die Details besprochen. Wer weiß, ob Hummel wirklich kapiert hatte, um was es geht. In meinem Kopf entstand sofort ein Horrorszenario, in dem die beiden Jungen den armen Leuten im Niederdorf völlig uninformierte Vorträge über Umweltverschmutzung und Klimawandel hielten, statt sie einfach um ihre Unterschrift zu bitten. Und dann auch noch Jos Rechtschreibung auf diesem Blatt! Na ja, egal. Lany zerrte schon an meiner Hose. »Wann gehen wir endlich los, Emmi?«, wollte sie wissen.
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»Ich muss erst noch Sofi …« Sofi kam genau in diesem Moment aus dem Haus. Sie starrte auf ihr Handy, während sie die beiden Stufen vor der Haustür herunterging. »Paul fotografiert sich mit irgendwelchen Mädchen!«, schimpfte sie und hielt mir das Display unter die Nase. »Was denkt er sich eigentlich?« Ich war von der Situation überfordert. Lany hingegen grabschte nach dem Handy und zog es auf ihre Augenhöhe herab. »Du bist viel schöner als die«, stellte sie fest und Sofi musste beinahe ein bisschen lächeln. Ich überlegte kurz und fügte dann hinzu: »Das sind bestimmt nur Leute aus seiner Schule. Mach dir keine Sorgen.« »Pah«, machte Sofi und steckte das Telefon in ihre Hosentasche. »Ich hab jetzt keine Zeit, mir darüber den Kopf zu zerbrechen. Lea wartet auf mich.« Dann fiel ihr ein, dass Mama ihr die Aufsicht über uns aufgetragen hatte. Sie holte noch einmal ihr Handy aus der Tasche und sah nach der Zeit. »Hat Mama nicht gesagt, dass Papa nur bis zehn arbeiten wollte?«, maulte sie. »Wo bleibt er denn?«
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Es war kurz vor elf und Papa brauchte normalerweise ungefähr fünfzehn Minuten vom Büro bis zu unserem Hof. »Ihr bleibt hier und wartet auf ihn!«, befahl Sofi streng. Von meiner protestierenden Stirnfalte ließ sie sich leider nicht beeindrucken. »Wo sind eigentlich Hummel und Jo?« »Mit dem Fahrrad unterwegs«, antwortete ich schnippisch. Warum hatte ich mich nur nicht rechtzeitig aus dem Staub gemacht? Aber dann hätte Sofi mich am Ende bei Mama verpetzt und ich hätte Ärger bekommen. Typisch, dass die Jungs mal wieder mit ihrem Übereifer durchkamen, während ich dafür sorgen musste, dass der Haussegen nicht schief hing. »Hätten ruhig mal Bescheid sagen können«, meckerte Sofi. Dann steckte sie sich Kopfhörer in die Ohren und klopfte mir auf die Schulter. »Pass auf, dass Lany keinen Mist macht, und grüß Papa von mir.« Damit trabte auch sie vom Hof. Ich beneidete sie um ihren Hüftschwung und um ihre Freiheit. Zum Glück wusste ich nicht, was
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dieser Tag noch alles für mich bereithielt, sonst wäre ich vermutlich gleich wieder ins Bett gegangen. Während ich genervt auf der alten Kuhtränke neben dem Stalltor saß und auf Papa wartete, versuchten Hummel und Jo sich im Unterschriftensammeln. Ich ahnte ja nicht, welche Lawine sie in Gang setzten! Aber eins nach dem anderen. Ich erzähle es dir einfach so, als wäre ich dabei gewesen. Du weißt ja, wie das ist. Man kennt seine Pappenheimer. Deshalb kann ich mir bildlich vorstellen, wie die ganze Sache ablief. Die beiden Jungen waren bis zum ersten Haus unserer Ortschaft geradelt. Du solltest vielleicht wissen, dass unser Dorf sich, wie die meisten Erzgebirgsdörfer, über sieben Kilometer lang in einem Tal erstreckt. Die Häuser sind rechts und links eines Baches erbaut, der durch das Tal fließt. Der untere Teil der Ortschaft wird »Niederdorf« genannt, der obere »Oberdorf«. Wir wohnen auf dem Bauernhof, der ziemlich genau in der Mitte des Ortes liegt. Er heißt »Himmelhof«, weil er schon seit mehreren Generationen der Familie
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Himmelweit gehört. Meine Großeltern haben allerdings nicht lange hier gewohnt, sondern sind, kurz nachdem meine Uroma gestorben war, in die Stadt gezogen. Papa hat den Hof dann übernommen und so lebt immer noch eine Generation Himmelweits hier. Allerdings haben wir nur noch ein paar Schafe, dreizehn Hühner und eine einzige Kuh, Hummels Haustiere und Bella nicht mitgezählt. Früher gab es viel mehr Tiere auf dem Hof. Weil Papa und Mama keine Landwirte sind, mussten die anderen Kühe und die Pferde nach und nach verkauft werden. Auch die Felder, die früher zu unserem Gehöft gehörten, werden jetzt von anderen Bauern bewirtschaftet. Aber darum geht es jetzt ja gar nicht. Ich wollte erzählen, was Hummel und Jo anstellten. Entgegen meiner Erwartung schafften sie es – das behaupten sie zumindest – ohne Streit bis zum ersten Haus des Dorfes. Dort wohnt ein altes Ehepaar. Ich glaube, die beiden sind mindestens neunzig Jahre alt und wohnen dort schon immer. Ich kenne sie nur vom Sehen, weil sie sonntags immer in der ersten Bankreihe in der Kirche sit-
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zen und Mama von mir verlangt, dass ich höflich und leise »Guten Morgen!« sage, wenn ich an ihnen vorbeigehe. Ich schätze, Hummel begrüßte den Hofhund und spazierte durch das Gartentor auf die Linde zu, in deren Schatten das Ehepaar gerade saß. Jo blieb mit Sicherheit immer einen Schritt hinter ihm und hielt das Blatt mit der Petition fest in der Hand. »Hallo, Frau … äh … hallo!« Hummel strahlte die alten Herrschaften an. Er hatte sich leider ihren Nachnamen nicht gemerkt. Namen vergisst Hummel grundsätzlich. Zum Glück hat er so ein herzliches Lächeln, dass das nicht weiter auffiel. Mit ein paar leidenschaftlichen Worten überzeugte er die beiden, unsere Forderung zu unterschreiben. Sie hatten wohl ein paar Probleme mit Jos Füller, aber schließlich war es geschafft. Hummel und Jo verabschiedeten sich – Hummel begeistert und Jo erleichtert – und fuhren zum nächsten Haus. Leider lief es von da an nicht mehr ganz so gut. Auf dem Meyerhof trafen sie niemanden an. Vor dem Haus von Familie Schmidt parkte gerade ein
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Krankentransportfahrzeug, sodass sie sich nicht trauten zu klingeln. Herr Hornschuh drohte den beiden, sie bei unseren Eltern zu verpetzen, wenn sie ihn nicht sofort mit ihrer »schwachsinnigen Sache« in Ruhe ließen. Und dann standen Hummel und Jo auch schon vor der Neubausiedlung, die vor ein paar Jahren neben dem Bahnhof errichtet wurde. »Wir können doch nicht an jeder einzelnen Haustür klingeln!«, murrte Jo und sah missmutig auf die einzigen beiden Unterschriften auf dem Blatt. Dann maulte er: »Ich glaube, das mit der Petition war eine blöde Idee. Tausend Unterschriften? Das klappt doch nie! Lass uns nach Hause fahren.« Hummel hatte auch keine Lust die vielen Klingelknöpfe abzuarbeiten. Aber aufgeben wollte er ebenso wenig. Er kniff die Augen zusammen, wie er es immer tut, wenn er scharf nachdenkt. Und dann hatte er plötzlich eine Idee. ***
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Ich hockte derweil auf unserem Hof und wurde immer kribbeliger. Lany hatte es aufgegeben, mich zu fragen, wann wir gehen würden. Sie kniete auf der Erde und spielte mit den Kätzchen, die die Nachbarskatze vor ein paar Wochen in unserer Scheune geworfen hatte. Wo blieb Papa nur? Ich kickte wütend gegen ein Steinchen. Nein, so konnte ich den Tag nicht an mir vorbeiziehen lassen. Es war schon fast Mittag und ich würde ganz bestimmt nicht zulassen, dass Hummel und Jo mit ihren fünfhundert Unterschriften hier auf den Hof radelten, bevor ich auch nur eine einzige bekommen hatte! Also ging ich ins Haus und schnappte mir einen Zettel. Bin mit Lany unterwegs. Komme gegen eins zurück, schrieb ich. Mama oder Papa würden es schon lesen und sie wussten ja, dass auf mich Verlass ist. Hoffte ich. Ich war sogar richtig verantwortungsvoll. Ich zwang Lany, ihren Radhelm aufzusetzen, obwohl sie sich mit aller Kraft dagegen wehrte. Sie gab erst nach, als ich ihr versprach, ihr die Hälfte der Schokolade abzugeben, die ich in meiner Schreibtisch-
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schublade vor meinen Brüdern versteckte. Dann packte ich meine Zettel und zwei Kugelschreiber in meine Umhängetasche und holte mein Fahrrad. Lany musste sich auf den Gepäckträger setzen. Das erlaubt Mama außerhalb unseres Hofes zwar nicht, aber ich hatte vor, für die lange Strecke ins Oberdorf nur die Nebenstraßen zu benutzen. Dort fuhren kaum Autos – höchstens mal ein Traktor –, also konnte ja wohl nichts passieren. Weil sie eine Turnerin ist, hat Lany viel Übung darin, sich gut festzuhalten. Dadurch konnte ich ordentlich in die Pedale treten und wir schafften die paar Kilometer in recht kurzer Zeit.
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Das allerletzte Haus unseres Ortes ist eine Gaststätte. Dort saßen zwar eine Menge Touristen im Biergarten, aber ich traute mich nicht, sie anzusprechen. »Bitte, Emmi, die machen bestimmt alle mit«, drängte Lany mich. Ich schüttelte den Kopf und hielt mir den Finger an die Lippen. »Lass mich mal«, gab ich zurück. »Ich muss erst mal Mut sammeln. Wir fangen da drüben an.« Da drüben stand ein kleines altes Häuschen in einem Garten voller wilder Blumen. Ich kannte im Oberdorf so gut wie keinen Menschen, deshalb hatte ich keine Ahnung, wer dort wohnte. Aber das Haus sah so nett und friedlich aus, dass dort nur eine freundliche alte Dame mit ihrer Katze leben konnte. Während ich zweimal vor dem Gartentor auf und ab ging, um Mut zu sammeln, prägte ich mir ihren Namen ein. Weinert, stand an dem selbst gemalten Klingelschild, von dem die Farbe schon ein wenig abplatzte. »Na, los!«, quengelte Lany und zog an meinem
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Shirt. Schon drückte sie die Klinke des Gartentürchens. Aus dem Augenwinkel registrierte ich ein Fahrrad, das in die Hecke gelehnt war. Es kam mir merkwürdig bekannt vor. Allerdings ließ Lany mir keine Zeit zu überlegen, denn sobald wir im Garten waren, stürmte sie zur Haustür und schellte. »Lany!«, zischte ich wütend. Mein Herz wummerte vor Aufregung. Wie war ich nur auf die dumme Idee gekommen, fremde Menschen um ihre Unterschrift auf meiner Petition zu bitten? Schon hörten wir Schritte hinter der Tür und sie öffnete sich. »Guten Tag Frau Wei…« Ich schaute von meinen nervös um das Blatt verkrampften Händen auf und mir gefror das Blut in den Adern. »Luca!«, stammelte ich und glaubte, gleich in Ohnmacht zu fallen. Was um alles in der Welt machte der Held meiner schlaflosen Nächte im Garten einer alten Frau in meinem Heimatort?! Ich wusste genau, dass er zwei Dörfer weiter wohnte. Vielleicht war mein Hirn vor lauter Aufregung übergeschnappt und das hier war eine Halluzination? Zum Glück gab meine kleine Schwester mir
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eine Sekunde Zeit, die Sache halbwegs zu verarbeiten. »Hallo«, zwitscherte sie. »Wir wollen, dass du da was draufschreibst.« Sie tippte mir auf den Arm. »Zeig es ihm schon, Emmi!« Ich zwinkerte dreimal übertrieben und versuchte, meine Sprache wiederzufinden. »Ja, also, äh … hallo«, brachte ich heiser hervor. »Ich … äh … bin Emmi.« Lucas grashüpfergrüne Augen funkelten belustigt. »Hi«, gab er zurück und lächelte. »Ich glaube, ich hab dich schon mal in der Schule gesehen.« Er hatte mich gesehen! Ich meine, wow! Er hatte mich tatsächlich wahrgenommen und er erinnerte sich an mich! Meine Knie wurden weich und ich merkte gar nicht, dass eine peinliche Stille entstand. »Emmi?« Lany holte mich mit ihrem piksenden Finger in die Wirklichkeit zurück. Allerdings war es mir jetzt, da ich meinem Traummann Auge in Auge gegenüberstand, unmöglich, einen zusammenhängenden Satz zu formulieren.
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»Wir … Petition …«, stotterte ich und biss mir auf die Lippe. »Du sollst da deinen Namen draufschreiben«, kam meine fünfjährige Schwester mir professionell zu Hilfe. Sie nahm mir die Zettel aus der Hand und hielt sie Luca hin. »Damit rettest du die Welt.« »Vor Müll«, ergänzte ich hilfreich und grinste dümmlich. Luca besah sich das Schreiben mit einem interessierten Blick. »Oh«, machte er dann. »Ja, also, das ist echt eine gute Idee. Ein bisschen abenteuerlich in der Rechtschreibung, aber die Idee finde ich gut.« Mir schoss das Blut ins Gesicht. Wie oberpeinlich! Luca war ein Deutschkenner und ich hatte versagt. Das konnte ich so nicht stehen lassen. »Ja, das hat mein kleiner Bruder geschrieben«, log ich rasch, um meine Ehre zu retten. »Er will so gern was für die Umwelt tun und ich dachte, ich helfe ihm mal ein bisschen.« »Nett von dir«, sagte Luca anerkennend und ich fühlte mich augenblicklich wie der schlechteste Mensch der Welt.
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»Ich wünsche euch viel Erfolg! Allerdings zählt meine Unterschrift da wohl nicht. Für eine Petition muss man achtzehn sein, genauso wie bei den Wahlen.« Oh Mann, klug war er also auch. Ich konnte ihn so was von vergessen. Jetzt, nachdem ich so stotterisch und blöd vor ihm gestanden hatte, würde er mich in der Schule nie wieder eines Blickes würdigen. Ich strich unbeholfen meine langen blonden Haare zurück und zog die Nase kraus. Aber Luca war noch nicht fertig. »Wartet mal kurz, ich frage meine Oma, ob sie unterschreiben will.« Er verschwand im Haus und mein Gehirn begann langsam, seinen Dienst wieder aufzunehmen. Als Luca zurückkam, wedelte er zufrieden mit dem Zettel. »Hier, eure erste Unterschrift!« Ich nahm all meinen Mut und den verbleibenden Rest meiner Würde zusammen und sagte: »Ich finde, jede Unterschrift zählt. Wir können es doch nicht den Erwachsenen überlassen, die Umwelt zu verbessern. Bitte trag dich auch ein.« Luca sah mir in die Augen und strahlte. »Du
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hast recht«, erwiderte er fröhlich. »Warum eigentlich nicht.« Er legte das Blatt in den Türrahmen und schrieb schwungvoll seinen Namen auf Jos krumm gezogene Linie. »Du aber auch«, forderte er mich auf, sobald er fertig war. Und das war das erste Mal, dass unsere beiden Namen ganz eng beieinander auf einem Zettel standen. Jo hatte die dritte Linie nämlich sehr dicht unter der zweiten gezeichnet. Währenddessen kamen Hummel und Jo im Unterdorf so richtig in Schwung ...
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