Dirk Klute
Der Gott, der mich sieht Die Geschichte von Hagar in Reimen
Liebe Leserin , lieber Leser ! Die Jahreslosung 2023, das sind nicht die Worte von jemandem mit Erfolgsbiografie, der Gott Dank sagt für eine ununterbrochene Folge von Segen und Bewahrung. Sondern es sind die Worte von Hagar, der Sklavin, der Zuwanderin, der Ausgenutzten, die viel Schlimmes erfährt – ausgerechnet durch Menschen, die es doch so sehr mit Gott haben. Nicht gerade eine Einladung zum Glauben. Trotzdem findet Hagar – mitten in der Wüste – ihren Gott. Sie kann es dann sagen: »Du bist ein Gott, der mich sieht!« Hagars Geschichte steht dafür, dass Gott die Verliererinnen und Verlierer im Rad der Weltgeschichte nicht verloren gibt. Nachzulesen ist sie in Genesis 16 und Genesis 21,1-21.
Ihr
Dirk Klute
Ach, wie sie hofften, wie sie flehten, doch half kein Bitten, half kein Beten: Die Sara mit dem Abraham, der einst hierher nach Kanaan kam, sie konnten nicht auf Brechen, Biegen das so ersehnte Kind noch kriegen. Obwohl Gott selbst dies Kind versprochen. Hatt’ Gott denn wohl sein Wort gebrochen? Da kommt der Sara dieser Plan: »Wenn es mit mir nicht klappt, na, dann gibt’s ja die Hagar, meine Sklavin, und du, mein Guter, könntest darin mir geben recht, dass sie statt meiner das Kind bekommt. Sie ist zwar kleiner, doch auch recht hübsch wohl anzusehn. Meinst du nicht auch, das könnte gehn?« Die Sara hat das so gesagt. Und Hagar? Wurde nicht gefragt, da sie ja nur die Sklavin war. Die hat’s zu machen, ist doch klar! Auch wenn sie das womöglich stört. Weil sie ja nicht sich selbst gehört.
Der Plan war Abraham sehr recht. Genau genommen: Gar nicht schlecht! Denn für ein Kind, vor allen Dingen, würd’ er sehr gern dies Opfer bringen. So kam es, dass der Abraham in mancher Nacht zu Hagar kam. Sie – Sklavin. Und er, Chef, vermögend, der fand die Treffen sehr erregend. Und Hagar? Hat’s wohl still erduldet, was ihrer Rolle ist geschuldet. Sie hatte nichts dabei zu lachen. Mit ihr, da konnte man’s ja machen.
Dann! Eines Tages war es klar, dass Hagar wirklich schwanger war. Die, um die sonst sich niemand schert, die hat jetzt plötzlich großen Wert! Auch Abraham sieht anders an die Hagar, die sein Kind bekam. Es wächst nicht nur das Kind im Bauch, der Mut im Herzen wächst jetzt auch! Sie spricht nun mehr, in festem Ton. Jedoch: Für Sara klingt’s nach Hohn. Sie wird durch das, was da anfängt, gefühlt sehr an den Rand gedrängt. Voll Wut läuft sie zu Abram hin: »Mein Lieber, hör! Ich glaub, ich spinn! Erst lege ich in deine Arme dies Früchtchen, diese feine Dame. Trifft sie mich jetzt – die Nase hoch! Und kaum ein Blick – ja, geht’s denn noch!?«
»Ach Sara, sie gehört doch dir! Was sie da tut – kann nichts dafür! Ist sie so fies – ganz ungelogen, dann hast du sie wohl schlecht erzogen! Sei hart, sodass sie nicht vergisst, wer von euch zwei’n die Chefin ist!« So kommt es in der Folgezeit: Die Hagar hat viel Schmerz und Leid. Sie wird gestraft, wird schikaniert, was nach ’ner Weile dazu führt, dass sie, als sie grad’ keiner sieht, bei Nacht und Nebel einfach flieht.
Sie weiß nicht aus, sie weiß nicht ein, rennt blindlings in die Wüste rein. So hat sie’s Unglück raufbeschworen, denn hier, hier geht sie ganz verloren. Sieht keinen Weg, will nicht zurück. Die Schwangerschaft? Ach, dieses »Glück« hat sich gekehrt in bittre Nacht, hat ihr nur Leid und Qual gebracht, wahrscheinlich demnächst noch den Tod als Schlusspunkt dieser Wüstennot. Doch da – ’ne Quelle! Kann’s das geben? Hier in der Wüste? Sie wird leben! Sie rennt drauf zu, sie kniet sich nieder, sie trinkt und trinkt, es kehren wieder die Lebensgeister, grad’ verschwunden. Und: Jemand hat sie hier gefunden: Ein Bote Gottes! – Nähert sich: »Du, heb den Blick und sieh auf mich! Wo kommst du her, wo willst du hin? Was hast du hier denn bloß im Sinn?«
»Bin auf der Flucht ’ne Weile schon. Es war der Herrin übler Ton. Auch anders griff sie übel an. Dabei hab ich ihr nichts getan!« Darauf der Engel: »Kehr zurück! Du hast ja recht, dass dein Geschick voll Unrecht ist und voller Qual. Doch wird’s dir wenden Gott einmal. Und deine Kindeskinder: Viele! So wird’s geschehn, ’s ist Gottes Wille!
Noch ist’s dir elend, bist verstört, doch sei gewiss, dass Gott dich hört! Dein Kind soll heißen: Ismael. Du kannst Hebräisch, du weißt schnell, dass das ganz einfach »Gott-hört« meint. Gott hört dich an, die jetzt noch weint. Der Name sagt, dass Gott dich hört! Du bist ihm alle Achtung wert!« Kaum hat der Fremde das gesprochen, ist er urplötzlich aufgebrochen. Ist einfach weit und breit nicht da, wo sie ihn grad’ noch deutlich sah. Die Frau bedenkt, was sie da hörte und sie zunächst auch sehr verstörte. Doch dabei wird ihr jetzt sehr klar, dass sicherlich Gott selbst es war, der mit ihr sprach und der sie hörte – hier, wo so vieles sie entbehrte. Deshalb: Den Fremden nannte sie auch auf Hebräisch: El Ro’i. Zu Deutsch ist das: »Gott, der mich sieht«.
Womit sie gleichzeitig verriet, was ihr an Gott so tröstlich war: Gott sah sie an! Gott war ihr nah! Der Weg zurück, der fiel ihr schwer, der Weg wohl selbst, die Angst noch mehr. Und kaum war sie dann angekommen, da wurd’ sie frostig aufgenommen von Sara, immer noch voll Grimm. Die Hagar wehrlos – es war schlimm!
Und dann gebar sie ihren Sohn. Der kleine Mensch, das war ihr Lohn! »Gott hört«, so sprach sie – »Jischmael. Auf Gott ich meine Hoffnung stell! Und Gott, er sieht mich – El Ro’i, in meiner Angst und Pein und Müh!« Und da: Ein Wunder ist geschehn! Nun, bald schon kann es jeder sehn: Die alte Sara – runder Bauch! Ja, endlich ist sie schwanger auch! Nicht lange drauf: Ihr Sohn ist da! Die Eltern rufen laut: Hurra! So hatte Gott es lang versprochen. Jetzt zeigt sich: Gott hat’s nicht gebrochen! Der Name? Noch am ersten Tag steht’s fest: Der Sohn heißt Isaak. Der Abraham, ganz ohne Frage, hat nun auf seine alten Tage von Sara seinen zweiten Sohn.
Denn den von Hagar gab’s ja schon. Wie heißt der noch? Nun sag mal schnell! Ach ja, das war der Ismael. Dem Abraham ist’s durchaus recht. Doch seine Sara findet’s schlecht: »Mensch, Abraham, einst musst du sterben! Und wer wird dann das alles erben? Auch Ismael würd’ Erbe sein! Doch außer Isaak soll kein Mensch davon was noch kriegen. Das müssen wir noch passend biegen!
Drum jag die Hagar fort von hier – mit ihrem Balg! Und glaube mir: Ich will die beiden nie mehr sehn! Ich hoffe, du kannst das verstehn!« Da grollt der Abram seiner Frau. Und trotzdem denkt er: »Nun, ich trau auf meinen Gott! Der hat bedacht, dass er aus jedem Sohne macht jeweils ein Volk, das groß an Zahl. Na ja, egal, ich mach dann mal, was meine Frau mir da gebietet, weil’s so den Ehefrieden rettet!« Am nächsten Morgen steht er auf, lädt Hagar ihren Jungen auf, dazu mit Wasser einen Schlauch, und Fladenbrot, das gibt er auch. So schickt er beide einfach weg. Ihr Bitten, Weinen – keinen Zweck! Ein kurzer Gruß und noch viel Glück, dann geht er in sein Zelt zurück.
Und wieder zieht die Hagar fort von ihrem angestammten Ort, von harten Menschen, die ihr schlecht so oft getan – es war nicht recht. Die Wüstensonne setzt schwer zu, das Wasser ist verbraucht im Nu. Den Jungen legt sie unter’n Strauch. Der stirbt wohl bald, sie selbst dann auch.
Sie setzt sich nieder, klagt und weint, weil alles so verzweifelt scheint. Dazu dann auch der Junge wimmert, derweil kein bisschen Hoffnung schimmert. Der riesengroße Durst, der quält. Nur Wasser, Wasser! Sonst nichts zählt. Der Junge: Ismael – »Gott hört«; ob Gott wohl hört, was widerfährt der armen Frau und diesem Kind, die dort in Todesnöten sind? Der Engel Gottes, noch bekannt davon, wie früher er einst stand der schwangren Hagar bei in Not, der findet sie an diesem Ort und sagt der Hagar ins Gesicht: »Du, Hagar, fürchte dich nun nicht! Gott hat das Weinen wohl vernommen von deinem Kind, seit ihr gekommen und es dort liegt, wohl unter’m Strauch. Und deine Klage – hört er auch!
Drum steh jetzt auf! Was ich versprach, soll euch geschehen noch. Und ach: Ein Brunnen dort! Die Augen auf! So nimm das Kind, na, und dann lauf!« Sie rennen, trinken, gar nicht wenig. Grad fast noch tot, jetzt wie ein König! Und weil das Wasser reichlich quillt, wird auch der Schlauch noch aufgefüllt.
Ihr Weg, der kann jetzt weitergehn, weil beide neue Hoffnung sehn und weil das Wasser sie erquickt. »Auf, auf, mein Junge!« – Und der nickt. Nachdem sie sich so herrlich laben, ist Gott auch weiter mit dem Knaben. Und bald schon siedeln sie sich an in einem Land, das heißt Parán. Der Junge wächst und er gedeiht in kargem Land und Einsamkeit. Er ist geschickt mit seinem Bogen und wird berühmt, ganz ungelogen, als Bogenschütze. – Der trifft gut! Voll Tatendrang und Lebensmut. Wobei – na ja, in Frauendingen, da will es ihm nicht recht gelingen. Die Mutter sagt: »Mach dir nichts draus! Ich such dir einfach eine aus!« Und Hagar findet dann für ihn wie sie ’ne Frau: Ägypterin!
Und in Arabien heißt’s bis heute: Aus dieser Gegend sind die Leute die Kindskinder von Ismael. Drum sag ich gern an dieser Stell: Die Hagar ihre Mutter ist, obwohl man das zu oft vergisst. Damit ist die Geschichte aus. Nimmst du vielleicht was mit daraus? Vielleicht kannst Hagar du verstehn, weil es dir ähnlich auch geschehn:
Benutzt, missachtet und geschlagen und manches mehr, was kaum zu sagen. Nur weg von dort! – Du bist geflohn vor Niedertracht und bittrem Hohn. Vielleicht wurd’st du auch rausgeschmissen, und niemand würd’ dich dort vermissen. Wenn du so in der Wüste bist und meinst, dass jeder dich vergisst, dann denk an Hagar! Lang zuvor wurd’ Gott ihr dort zum Hoffnungstor: Ja, Jischma’El: Es hört dich Gott in deiner schlimmen Wüstennot. Und El Ro’i sieht auch dich an. Vielleicht ein Wort an dich, und dann ist da ein Brunnen: Wasser! Leben! So kann er dir die Kraft dann geben für deinen allernächsten Schritt. Gott sei dabei und gehe mit!
Ihre Meinung ist uns wichtig
Hat Ihnen die Geschichte von Hagar in Reimen gefallen?
Wir freuen uns über Feedback an: info@francke-buch.de
ISBN 978-3-96362-293-9 · Alle Rechte vorbehalten © 2022 by Francke-Buch GmbH · 35037 Marburg an der Lahn Gesamtgestaltung & Satz: Francke-Buch GmbH Bilder: © iStockphoto.com: Cover: 35007; S. 15 egal; S. 19 Zzvet Pixabay: S. 5, 7, 9, 11, 13, 17, 21 www.francke-buch.de