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Melissa C. Feurer


Kapitel 1 – Michelle »Brauchst du Hilfe mit dem störrischen Stück Stoff?« Meine Schwester heiratet und ich kann nicht zu ihrer Hochzeit gehen. Für Armin und Michelle steht in goldener Glitterschrift auf der Einladung. Aber »Armin und Michelle« gibt es nicht mehr. Meine kleine Schwester heiratet und ich bin eine fünfundzwanzigjährige Witwe. Ich stehe inmitten meines begehbaren Kleiderschranks, der eigentlich nur eine aufgemotzte Abstellkammer ist, und befinde mich zum dritten Mal an diesem Morgen in einem erbitterten Kampf mit den Tränen. Sie sind zwei zu null in Führung. Was um alles in der Welt soll ich auf einer Hochzeit? Ich kann versichern, dass ein wandelnder Springbrunnen wie ich kein besonders angenehmer Gast für so eine Feierlichkeit ist. Der einzige Grund, warum ich mich heute Morgen trotzdem aus dem viel zu großen Doppelbett gequält habe, ist unsere Verwandtschaft, die aus halb Deutschland angereist ist. Ich weigere mich, ihnen den Gefallen zu tun, zu Hause zu bleiben, nur damit sie sich keine Gedanken machen müssen, wie sie der armen, trauernden Michelle begegnen sollen. Nein, das gönne ich ihnen nicht. Lieber vermiese ich ihnen die Gelegenheit, ihre schicken Ballkleider und Smokings auszuführen, mit meiner unglücklichen Miene und den unvermeidlichen Tränenausbrüchen. Na ja, und dann ist da noch Beatrice, der ich versprochen habe zu kommen. Meine kleine, verliebte, überglückliche Schwester. Sie hat mich geradezu angefleht, an ihrem großen Tag dabei zu sein. Als käme es ihr gar nicht in den Sinn, dass eine Hochzeitsfeier der letzte Ort ist, an dem eine frisch verwitwete Frau einen 5


ganzen Tag zubringen will. Sich liebevoll gewisperte Trauversprechen anzuhören, bis dass der Tod euch scheide – und wer weiß schon, wann das ist –, beim Sektempfang munter mit all den Tanten und Onkeln, Cousinen und Cousins und nicht zu vergessen meinem Bruder und seiner wunderbaren Gattin über den neusten Klatsch zu plaudern und dann bis spät in die Nacht ausgelassen zu tanzen? Aber es ist Beatrice’ großer Tag und ich bin ihre Schwester. Natürlich will sie mich dabeihaben und wahrscheinlich ist ihr auch gar nicht klar, wie schwer es mir fällt, ihr diese Bitte zu erfüllen. Es ist Folter. Ich bin erst seit einer guten Stunde wach und schon jetzt ist dieser Tag eine Qual. Ich will nicht mit fromm gefalteten Händen in der ersten Kirchenbank sitzen und rührselig lächeln, ich will nicht hundertunddreiundvierzig Leuten begegnen, die zwar ganz genau wissen, dass Armin tot ist, aber sich nicht sicher sind, ob es besser wäre, mich an diesem Tag nicht darauf anzusprechen, nicht daran zu erinnern, dass er mit mir hier sein sollte – als würde ich es auch nur für eine Sekunde vergessen. Ich will nicht von der Hochzeitstorte essen, bis mir schlecht wird, ich will nicht von vermeintlich mitfühlenden Cousins zum Tanzen aufgefordert werden und ich will nicht mein Glas auf die große Liebe von Beatrice und ihrem Erik heben. Alles, was ich will, ist, Armin wiederzuhaben. Es steht drei zu null für die Tränen, noch ehe ich es geschafft habe, mir die alberne hauchdünne Strumpfhose anzuziehen, die schon vom bloßen Angucken Laufmaschen bekommt. Ich beschließe, dass es mir egal ist. Wer sieht das schon unter einem bodenlangen Abendkleid? Und selbst wenn, dann denken die Leute ja doch nur: »Arme Michelle. So verwirrt, dass sie gar nicht bemerkt, wie sie herumläuft.« Ich merke es wohl und gebe mir ehrlich Mühe. Ich trage sogar Kajal und Wimperntusche auf, als wäre es nicht völlig nutzlos. Ja, ich binde mir auch noch das dunkle Haar mit einer farblich zu meinem Outfit passenden Satinschleife zurück: schwarz. An das 6


türkisfarbene Kleid, das ich eigentlich für diesen Anlass vorgesehen hatte und das in einem Kleidersack in meinem begehbaren Kleiderschrank hängt, will ich gar nicht denken. Während ich vor dem Badezimmerspiegel stehe und versuche, die Spuren von fast vier Wochen Trauer aus meinem Gesicht verschwinden zu lassen, stelle ich mir vor, wie ich Armin im Schlafzimmer nebenan mit seiner Krawatte reden höre – wie immer, wenn er eine tragen muss. »Nun komm schon, du störrisches Stück Stoff!«, ruft er frustriert aus, als alles gute Zureden nichts gebracht hat. »Störrisches Stück Stoff«, wiederhole ich amüsiert und so laut, dass er es hören kann. »Das ist eine Alliteration«, brummt Armin nebenan. Literarisch kann ihm keiner was vormachen, aber was Krawattenknoten angeht, ist er ein Laie. Mein Mann ist durch und durch Autor. Tags, nachts, bei der Arbeit, am Frühstückstisch, im Bett und sogar dann, wenn er mit seiner Krawatte streitet. »Michelle!«, ruft er verzweifelt aus dem Schlafzimmer. »Meine Krawatte, das störrische Ding, will nicht so, wie ich gern will!« Ich pruste und rutsche prompt mit der Mascarabürste ab. Sie kollidiert mit dem Spiegel und hinterlässt einen dicken schwarzen Streifen auf dem Glas. Noch während ich notdürftig mit einem Stück Klopapier daran herumwische, werde ich aber wieder ernst. Früher hätte ich an dieser Stelle eines solchen Krawattengesprächs alles stehen und liegen gelassen – die offene Wimperntusche und den Fleck auf dem Spiegel –, wäre hinüber zu Armin gegangen und hätte ihm die Krawatte gebunden. Aber heute kann ich nicht. Ich will genauso gerne wie sonst auch. Mein heillos überforderter, rührend verzweifelter Mann im Kampf mit schicker Kleidung, die er nicht leiden kann. Nichts würde ich lieber tun, als ihm zur Hand zu gehen und mir dafür einen Kuss abzuholen. »Du bist unersetzlich, Michelle!« 7


»Ja, wie praktisch. Haushälterin und Köchin in einem.« »Und Geliebte.« »Hey, lass das sein! Das Kleid habe ich eben erst angezogen!« »Ja, anziehen kannst du gut. Abendkleider, Krawatten ... ich kümmere mich dann um das Ausziehen, ja?« »Ein andermal.« »Heute Abend?« »Jedenfalls nicht jetzt!« Ich rubble mit dem ausgefransten Papiertuch über das Glas, als hinge mein Leben davon ab. Meine Brust wird so eng, dass ich kaum atmen kann, wenn ich daran denke, dass ich dieses Mal nicht nach nebenan gehen und Armin helfen kann, sein störrisches Stück Stoff zu binden. Denn anders als in meiner Erinnerung ist Armin heute nur eine Stimme in meinem Kopf. Wie die zahlreichen Figuren seiner Romane, deren Stimmen er immer behauptet hat zu hören. Ob er wohl auch jemals diese erstickende Angst gespürt hat, sich umzudrehen und festzustellen, dass sie nicht wirklich da sind?

W Genau wie bei meiner Hochzeit damals macht meine Mutter ein riesengroßes Tamtam aus Beatrice’ glücklicher Vereinigung mit Erik Kipfmüller. Er arbeitet zwar nur im Einzelhandel, aber da verdient er nicht schlecht, und das Beste ist, dass er das Geschäft seines Vaters erben und Beatrice deshalb bestimmt nie irgendwohin – weit weg von Ansbach und ihrer Familie – entführen wird. Nicht wie der andere Schwiegersohn, der die bedauernswerte Michelle dazu überredet hat, mit ihm fast zwanzig Kilometer entfernt ins ländliche Nirgendwo von Mittelfranken zu ziehen. Wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, muss ich gestehen, dass ich auch immer vorhatte, in meiner Heimatstadt Ansbach zu bleiben. Aber Armin zuliebe und um meiner Familie zumindest ein biss8


chen zu entkommen, habe ich mich eben darauf eingelassen. Und so schlecht ist es nicht. »Michelle, du sitzt auf der falschen Seite!« Meine Mutter drückt mich kurz und kräftig an sich, ehe sie mich über den Mittelgang bugsiert, damit ich mich zu unseren Verwandten setze. »Eriks Familie sitzt links. Die Familie der Braut immer rechts. Das hier ist immerhin eine evangelische Trauung. Setz dich einfach und mach dir keine Gedanken. Ich habe alles im Griff.« Bis eben habe ich relativ erfolgreich versucht, mir keine Gedanken zu machen. Ich habe es eigentlich recht gut geschafft, überhaupt nicht zu denken. Aber jetzt hat Großtante Adelheid mich in ihren Klauen. »Michelle, Kindchen«, begrüßt sie mich mit sehr gewichtiger Miene. »Wie geht es dir?« Ich bin mir nicht sicher, ob sie ein beschwichtigendes »Fabelhaft!« oder doch lieber ein mit den Tränen ringendes »Man lebt!« erwartet. Also nicke ich nur. »Ach Kindchen«, seufzt Großtante Adelheid, als hätte ich ihr soeben mein Herz ausgeschüttet. »Ich verstehe dich. Es ist so grausam. Wie lange ist es jetzt her?« Aber sie wartet keine Antwort ab. »Ach, ich weiß noch, als damals mein lieber Reiner – Gott hab ihn selig – so überraschend und viel zu früh starb, da dachte ich, ich könnte niemals weiterleben. Aber«, fährt sie ohne Punkt und Komma fort, »es ging. Die Zeit heilt bekanntlich alle Wunden. Auch bei dir, Kindchen, auch bei dir. Du wirst sehen.« Ich zähle in meinem Kopf bis zehn. Zuerst auf Deutsch, dann auf Französisch und schließlich versuche ich es noch auf Finnisch, doch das bekomme ich nicht mehr hin. Die Sieben fehlt. Es bringt aber auch nichts, denn ich bin danach noch genauso kurz vor einer Mischung aus Wut- und Tränenausbruch wie zuvor. »Du entschuldigst mich«, presse ich hervor und springe auf, während ich mich nach einer Fluchtmöglichkeit umsehe. Nur weg, ehe ich Großtante Adelheid an den Kopf werfe, dass Onkel Reiner zweiundachtzig Jahre alt und seit Jahren krank gewesen 9


ist, als er starb. Von überraschend und viel zu früh kann gar nicht die Rede sein. Armin dagegen war siebenundzwanzig, verflixt noch mal. Das ist kein angemessenes Alter, um zu sterben. Am liebsten würde ich Großtante Adelheid erzählen, wie er am Morgen das Haus für einen Besuch bei einem Bibelforscher, den er für Recherchen interviewen wollte, verließ und nicht wiederkam. Wie stattdessen der furchtbare Anruf kam. Aus irgendeinem Krankenhaus in Nürnberg, obwohl ich doch genau wusste, dass Armin eigentlich in ein Kaff in der Nähe von Weißenburg hatte fahren wollen. Wie ich eine Nachbarin bitten musste, mich dorthin zu bringen, weil wir nur ein Auto haben, und wie wir ohne Navi wertvolle Minuten durch zwei versehentliche Umwege verloren haben. Wie ich mich beeilte, um schnell bei Armin zu sein, und wie man mir dort nur noch seine persönlichen Dinge aushändigen und mir einen Krankenhausseelenklempner schicken konnte. Das ist überraschend und grausam und was sonst noch alles Großtante Adelheid so über den Tod zu sagen hat. Am Morgen noch Ehefrau und am Abend Witwe. Wenn ich wenigstens rechtzeitig bei ihm gewesen wäre. Ich sehe Erik vor dem Altar stehen und nervös sein Einstecktuch richten und gehe, ohne großartig darüber nachzudenken, auf ihn zu. »Brauchst du Hilfe mit dem störrischen Stück Stoff?«, frage ich und der wartende Bräutigam zuckt vor Schreck zusammen. »Oh, nein, nein.« Fahrig stopft er das Tuch tiefer in seine Jacketttasche und zerknautscht dabei den Reversanstecker ein wenig. »Bist du nervös?« Blöde Frage, die Nervosität steht ihm ins Gesicht geschrieben. »Oh ja ... schon ein bisschen«, meint Erik. »Wie ge... ähm ... wie ist es für dich? Glaubst du, du schaffst das?« Ebenfalls eine blöde Frage. Ich habe keine Ahnung, wie ich den Traugottesdienst durchhalten soll. Wahrscheinlich steht mir das auch ins Gesicht geschrieben. 10


Also schweigen wir. Ich sehe Erik zu, wie er immer ein paar Schritte vor und dann wieder zurück tippelt und dabei zum Eingang schielt, vielleicht in der Hoffnung, jetzt schon einen klitzekleinen Blick auf seine schöne Braut zu erhaschen. Unwillkürlich frage ich mich, ob Armin an unserer Hochzeit auch so aufgeregt gewesen ist. Eigentlich habe ich es mir strengstens verboten, heute zu viel über ihn nachzudenken, aber kaum hat mich dieser Gedanke auch nur gestreift, tue ich die ganze Zeremonie über nichts anderes mehr. Als es losgeht, schiebe ich mich hastig zurück neben Großtante Adelheid in die Bank und dann sitze ich eine Stunde lang in Gedanken versunken da wie ein Roboter, der nur eine einzige Funktion kennt: heulen. Die Erinnerung an Armins und meine Hochzeit ist noch so frisch, als wäre es gestern gewesen. Verflixt, es ist ja auch erst knapp drei Jahre her. Wenn es nach meiner Mutter gegangen wäre, hätten wir natürlich länger gewartet, aber Geduld ist noch nie meine Stärke gewesen. Nach der Verlobung hat es ganz schnell gehen müssen. Vier Monate später standen wir vor dem Traualtar und leider haben es die meisten meiner Verwandten trotzdem spontan nach Ansbach geschafft. Doch damit konnte ich leben. An diesem Tag hatte ich sowieso nur Augen für meinen gut aussehenden Bräutigam mit seinem tiefschwarzen Anzug und einem weinroten störrischen Stück Stoff um den Hals. Ich frage mich bis heute, wer es ihm an diesem Morgen wohl gebunden hat. Der Pfarrer fragt Erik und Beatrice, ob sie einander in guten wie in schlechten Tagen treu sein wollen, bis dass der Tod sie scheide, und sie antworten beide, was man von ihnen erwartet: Ja, mit Gottes Hilfe. Armin und ich haben unsere eigenen Trauversprechen geschrieben. Natürlich ist das Armins Idee gewesen – ganz der Autor. Meines ist mir ein bisschen blass vorgekommen neben seinem literarischen Wunderwerk von einem Gelübde, das selbst 11


meine hoheitsvolle Mutter zu Tränen gerührt hat. Das habe ich genau gesehen. »Ist ja gut, Kindchen«, tröstet Großtante Adelheid mich und reicht mir zum wiederholten Mal ein Taschentuch. Wahrscheinlich wünscht sie sich, ich würde endlich still sein. Zu meinem gelegentlichen Schniefen ist seit einigen Minuten ein Schluckauf hinzugekommen. »Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht trennen«, verkündet der Pfarrer feierlich, und als er die Gemeinde anstrahlt, nutzen Beatrice und ihr frischgebackener Ehemann den Moment für einen schnellen Hochzeitskuss. »Der Mensch nicht«, denke ich bitter. Als wäre es Armin und mir – trotz gelegentlicher Streitereien – je in den Sinn gekommen, einander zu verlassen. Es sollte besser heißen: Was Gott zusammengefügt hat, das soll niemand trennen. Auch er selbst nicht.

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Kapitel 2 – Michelle »Schon okay. Ich denke sowieso daran.« »Michelle, nein, wie chic!« Meine reizende Schwägerin Lara kommt gleich nach dem Traugottesdienst angeschwirrt, um einen Blick auf mein Kleid zu werfen. Ich bin noch damit beschäftigt, an meiner verlaufenen Mascara herumzuwischen. »Sehr chic!« Sie schnalzt mit der Zunge und zupft an meinem Kleid. »Schwarz macht ja bekanntlich schlank. Nicht dass du es nötig hättest, aber ... sehr chic.« Schwarze Kleider sind kein bisschen chic. Bestenfalls schicklich – jedenfalls für eine Witwe. Ich denke zum zweiten Mal an diesem Tag widerwillig an mein türkisfarbenes Seidenkleid, das sie eigentlich zu sehen bekommen hätte. Armin hat im Geschäft gemeint, ich sähe damit aus wie Scheherazade, die persische Schönheit aus den Geschichten von Tausendundeine Nacht, deshalb habe ich es gekauft, obwohl es unverschämt teuer war. Dieses Kleid ist chic. Aber für eine frisch verwitwete Frau eindeutig zu bunt und kein bisschen schicklich. Armin hat schon im Geschäft vorhergesagt, dass ich mir dafür einen blöden Kommentar von Lara würde gefallen lassen müssen. Aber das ist mir egal gewesen. Mit Armin an meiner Seite hätte Lara so viele geschmacklose Bemerkungen abgeben können, wie ihr nur eingefallen wären. »Michelle, nein, so ein edles türkises Kleid! Wer hätte gedacht, dass man sich von einem Autorengehalt so etwas leisten kann!« Dann hätte Armin den Arm um meine bloßen Schultern gelegt und etwas gesagt wie: »Aber nicht doch. Von meinem Autorenhungerlohn könnten wir uns das doch nicht leisten. Aber die Fränkische Landeszeitung hat Michelle erst kürzlich eine ordent13


liche Gehaltserhöhung zugestanden. Journalismus ist die wahre Goldgrube, nicht die Schriftstellerei.« Ich muss schon beim Gedanken daran an mich halten, um nicht laut loszuprusten. Die Wahrheit ist, dass ich als Redakteurin in Teilzeit bestenfalls ein Taschengeld verdiene – jedenfalls verglichen mit Armins Einkünften. »Brauchst du ein Taschentuch?«, fragt Lara, die mein unterdrücktes Lachen offenbar falsch gedeutet hat. »Deine Mascara ist auch ganz verschmiert.« »Das kommt vom Heulen«, erwidere ich ungerührt. »Deswegen trage ich sonst auch keine Wimperntusche.« »Oh, aber das solltest du!« Lara mustert mich. »Du siehst ohnehin so blass aus. Richtig kränklich. Und deine Augenringe fallen mit ein wenig Mascara auch viel weniger auf. Du willst deine Kollegen bei der Zeitung doch nicht erschrecken.« »Ich arbeite momentan nicht.« »Tatsächlich? Das ist nett von deinem Chef.« »Ich habe unbezahlten Urlaub genommen.« Ich tue Lara nicht den Gefallen, das Kunstwerk unter meinen Augen noch mehr zu verwischen. Ich sehe vermutlich ohnehin schon aus wie ein verirrter Pandabär. Offenbar, um eine weitere dumme Bemerkung verlegen, legt Lara eine thematische Hundertachtziggradwende hin: »Der Traugottesdienst war sehr schön, findest du nicht? Richtig anrührend. Ganz besonders das Schriftwort zur Ehe. Was der Pfarrer über das göttliche Verständnis von ... aber damit kannst du immer noch nicht viel anfangen, nicht wahr?« »Bitte?« »Na ja, mit ... du weißt schon ...« Sie senkt die Stimme zu einem Flüstern, als habe sie vor, etwas Unanständiges zu sagen. »... mit frommen Dingen. Du und Armin, ihr wart euch in dieser Sache nie wirklich einig.« Es fühlt sich an, als hätte sie mir einen Boxhieb in die Magengrube verpasst. Alle Luft weicht aus meinem Körper und ich kann 14


Lara nur anstarren. Armins Namen so unvermittelt und ohne Vorwarnung entgegengeworfen zu bekommen, bringt mich so aus der Fassung, dass ich ausnahmsweise nichts zu erwidern weiß. »Ich meine, er war ein sehr gläubiger Mensch«, fährt Lara fort. »Und du ...« »... ich bin ein vollkommen gottloser Mensch«, finde ich endlich meine Stimme wieder. »Schande über mich. Oder über Armins Gott, der ihm auch nicht geholfen hat. Was meinst du, Lara? Du bist doch im Gegensatz zu mir so fromm. Konnte oder wollte er meinen Mann nicht retten?« Einige Umstehende drehen sich nach uns um, weil ich versehentlich meine Stimme ein wenig mehr als geplant erhoben habe. Lara sieht einen Moment pikiert aus, doch dann holt sie tief Luft – vermutlich um meine zynische Frage auch noch zu beantworten. Oder um mich für das gotteslästerliche Gerede zu tadeln. Oder beides. Aber ich raffe den Rock meines schwarzen Kleides und wende mich ab, ehe ich ausgerechnet vor Lara in Tränen ausbreche. Die Genugtuung gönne ich ihr nicht. Dafür passiert es dann gleich darauf, als ich Beatrice zum Gratulieren in die Arme schließe. Eigentlich schon vorher. Allein ihr Anblick im blütenweißen Prinzessinnenkleid ist zu viel. Noch schlimmer, wie sie an Eriks Arm hängt, als wäre sie dort festgewachsen, und wie er strahlt, als wäre dieses breit grinsende, überemotionale Anhängsel das Beste, was ihm je passiert ist. Das ist sie auch. Erik hat mit Beatrice das große Los gezogen. Sie wird ihn glücklich machen. Und er sie. Die beiden sind so ein Paar, das einfach füreinander geschaffen ist. Sie sind beide so unglaublich naiv und blauäugig und sanftmütig, dass es kaum auszuhalten ist. Ihre ganze kleine Welt dreht sich nur um sie beide und das ist ihnen vollkommen genug. Was werde ich heute anziehen? Was soll ich morgen kochen? Laden wir Tante Sophie lieber zum Kaffeetrinken oder doch zum Abendessen ein? Einfache, kleine Welt. 15


»Michelle!« Beatrice schlingt ihre bis zu den Ellbogen behandschuhten Arme um mich und drückt mich so fest, dass ich Angst habe, ihre sorgfältige Frisur zu ruinieren oder Mascaraflecken auf ihrem weißen Kleid zu hinterlassen. »Ich bin so froh, dass du hier bist.« Wie ein Kind wiegt sie mich hin und her, tätschelt mir den Rücken und lässt all die anderen Gratulanten warten. Als ich mich schließlich aus ihrer Umarmung herauskämpfe und sie ansehe, schwimmen auch Beatrice’ Augen in Tränen. Wenn jemand aus meiner Familie Armin ins Herz geschlossen hat, dann ist das Beatrice. Sie ist ganz vernarrt in seine Bücher und damals an unserer Hochzeit war sie so herrlich überdreht. »Michelle, ein Autor!«, hat sie gequietscht, als sie mich nach der Zeremonie umarmt hat. »Ein richtiger Schriftsteller! Und jetzt ist er mein Schwager.« Als hätte ich das extra für sie gemacht, damit sie neben all den Bankiers, Landtagsabgeordneten, Opernsängern und Richtern auch noch einen waschechten Autor in ihrem Verwandtenkreis begrüßen durfte. Beatrice ist aber auch die einzige meiner Verwandten, die das für einen Beruf hält, der glorreich genug für den Ehemann einer Tochter aus dem Hause Fontaine ist. »Es bedeutet mir die Welt, dass du hier bist«, flüstert Beatrice und ich nicke schnell und lasse den Ansturm an Freunden und Verwandten zu meiner Schwester und ihrem Angetrauten durch, ehe ich irgendetwas Peinliches tun kann. Peinlicher, als wie ein Wasserfall zu heulen und meine Schminke zu ruinieren, meine ich. Manchmal habe ich Angst, es könnte über mich kommen, mich wie eine Dreijährige auf den Boden zu werfen und mich brüllend zu weigern, wieder aufzustehen, ehe ich bekomme, was ich will. Armin. Ich will meinen Mann wiederhaben. Statt so eine Szene hinzulegen, bringe ich im Auto meine Mascara in Ordnung und sehe schließlich beinahe wieder wie ein Mensch aus, als ich das aufwendig geschmückte Restaurant betrete. Blumen in allen Rosaschattierungen flankieren schon die Eingangstür und ergießen sich in üppigen Gestecken über 16


die langen Tafeln mit ihren makellosen Tischtüchern und hohen dreiarmigen Kerzenständern. Dazwischen thronen die Menükarten und an jedem Platz mitten auf den weißen Porzellantellern ein winziges Schatzkistchen mit rosafarbenen Keksen, die Beatrice selbst gebacken hat. Nebst einer weiteren Rose, versteht sich. Die restliche Festgesellschaft ist schon versammelt und der Lärm zahlreicher Stimmen ohrenbetäubend. Beatrice und Erik sind gerade dabei, die Hochzeitstorte anzuschneiden, was bedeutet, dass ich Eriks Rede verpasst haben muss. Gott sei Dank. Sonst hätte ich sicher daran denken müssen, wie Armin damals in seiner Ansprache eine Märchenversion unserer Liebesgeschichte zum Besten gegeben hat. Mit allem Drum und Dran von »Es war einmal ...« bis zu »Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage«. Eine mächtige Welle von Tränen steigt in mir hoch und ich bin heilfroh, dass in diesem Moment mein Cousin Jakob zu meiner Rettung eilt, denn er spricht mich genau zum richtigen Zeitpunkt an, um die erneute Flut zu verhindern. Auch wenn er natürlich nicht ahnt, dass er mich rettet. »Michelle, meine Lieblingscousine!«, ruft er und hakt sich sogleich bei mir unter. Ob ich auch den Sektempfang verpasst habe? Jakob scheint jedenfalls schon das ein oder andere Schlückchen über den Durst getrunken zu haben. »Lass das nicht die Braut hören«, mahne ich gespielt vorwurfsvoll. In Wahrheit ist Jakob allerdings auch mein Lieblingscousin. Obwohl er drei Brüder hat und der Enkel von Großtante Adelheid ist. Das merkt man ihm aber zum Glück nicht an. »Gott, haben wir uns lange nicht gesehen«, sprudelt Jakob drauflos. »Es müssen Jahre gewesen sein. Das letzte Mal war, glaube ich ...« Weil er schlagartig verstummt, vollende ich: »... zu meiner Hochzeit.« Jakob fingert nervös an seinem Krawattenknoten herum. »Wie bescheuert von mir. Eigentlich wollte ich nicht ... Es tut mir echt 17


leid. Du willst wahrscheinlich nicht auch noch daran erinnert werden.« »Schon okay. Ich denke sowieso daran.« Die ganze Zeit. Jede Minute. Aber was versteht Jakob schon davon? Er ist ein paar Jahre jünger als ich und hat es irgendwie nie aus seiner wilden Phase herausgeschafft. Im Vorfeld von Armins und meiner Hochzeit haben wir das Tischkärtchen für Jakobs Begleitung zweimal umschreiben müssen. Erschienen ist er letzten Endes dann allein. Ich gebe mein Bestes, nicht daran zu denken, dass irgendwo bei Beatrice zu Hause ein Tischkärtchen mit Armins Namen stehen muss. Fein säuberlich beschriftet und dann aussortiert. Ich sehe es vor mir und am liebsten würde ich Beatrice fragen, ob ich es haben kann. »Ich mochte Armin«, sagt Jakob befangen. »Er war ein netter Kerl.« »Ja«, sage ich und lächle Jakob an. So schmerzhaft es ist, über Armin zu sprechen, so gierig saugt mein Herz doch jedes freundliche Wort über ihn auf. »Das war er.« Und so viel mehr als das. Armin war der beste Mensch, den man sich vorstellen kann. Er war weiß Gott nicht perfekt – wenn man meine Mutter fragt, sogar alles andere als das. Aber er hatte ein riesengroßes Herz und er verstand es, die Leute zum Lachen zu bringen. Wie ich seine Witze und Albernheiten jetzt vermisse, kann ich nicht in Worte fassen. Jakob macht einen ziemlich überforderten Eindruck. Vermutlich sieht er mir an, dass ich jeden Moment in Tränen ausbreche. Schnell fragt er: »Tanzt du? Also ... ich meine, haben Armin und du ... wenn du magst, können wir später miteinander tanzen. Dann sitzen wir beide nicht so alleine herum.« Der Gedanke, mit jemand anderem als Armin zu tanzen, versetzt mir einen Stich. Aber die Vorstellung, den ganzen Abend allein an meinem Platz herumzusitzen, ist so furchtbar, dass ich gerade dankbar bejahen will, als meine Mutter auf ihren hohen Absätzen angeklappert kommt. 18


»Jakob, um Himmels willen, du kannst eine Witwe doch nicht einfach so zum Tanzen auffordern!« Sie legt mütterlich einen Arm um seine Schultern, was ziemlich albern aussieht, weil er mehr als einen Kopf größer ist als sie. »Du verstehst das vielleicht nicht, aber wenn man einen Menschen geliebt hat – nun, was sage ich? –, immer noch liebt, trifft es natürlich besser. Denn weißt du, die Liebe ist stärker als der Tod und ...« Doch ich höre nicht mehr zu. Ich will keine Ausführungen über die unsterbliche, den Tod überdauernde Liebe hören. Und auch keine Geschichten über meinen Vater, die sicher zu diesen Ausführungen gehören. Sein Tod liegt beinahe neun Jahre zurück, und wenn ich den Gedanken an ihn jetzt auch noch zulasse, dann ist der Kampf gegen die Tränen endgültig verloren. Ich darf nicht daran denken, dass mein Vater Armin nicht einmal kennengelernt hat, dass er weder mich noch Beatrice zum Altar führen konnte und auch jetzt nicht der Fels in der Brandung sein kann, der er früher für uns war. Ich hoffe, Jakob nimmt es mir nicht übel, dass ich ihn in der Umklammerung meiner Mutter zurücklasse und mich davonstehle. Er wird es überleben und vielleicht tanze ich später trotzdem mit ihm, um es wiedergutzumachen. Soll meine Mutter es doch so unpassend finden, wie sie mag. Fast wünsche ich mir, ich hätte mein Scheherazade-Kleid doch angezogen. Was sagt schon die Farbe meines Kleides über meine Trauer aus oder darüber, wie sehr ich Armin vermisse? »Kindchen, willst du denn gar nicht von der Hochzeitstorte kosten?« Ich zucke zusammen. Vom Regen in die Traufe. Eben meiner Mutter entkommen und nun schon wieder in Großtante Adelheids Fängen. Will dieser Albtraum denn nie enden? Ich wünschte, sie würden mich alle in Frieden lassen. Alle jedenfalls außer der winzigen Handvoll Leute, die mich nicht in den Wahnsinn treiben. Beatrice gehört dazu und wahrscheinlich auch Erik. Jakob eindeutig. Und vielleicht noch Onkel Kevin, der schon allein 19


wegen seines Namens und zusätzlich wegen seines gewöhnungsbedürftigen Humors ein Geächteter in unserer Familie und gerade deshalb mein Lieblingsonkel ist. Mein Blick fällt auf meine Nichte Caroline, die allein auf ihrem Platz sitzt, die kurzen Beine unter der Sitzfläche vor- und zurückbaumeln lässt und in einem Malbuch herumkritzelt. Eventuell kann ich sie noch zu denjenigen Verwandten rechnen, die es nicht verdienen, auf den Mond geschossen zu werden. Obwohl sie die Tochter meines Bruders und seiner schrecklichen Frau ist. »Ich wollte mich eigentlich gerade ein wenig zu Caroline setzen.« Ich lächle Großtante Adelheid an. Zumindest hoffe ich, dass die schmerzhafte Grimasse wie ein Lächeln aussieht und nicht wie ein aggressives Zähneblecken. »Tu das, Kindchen, tu das! Aber die Torte! Hier, nimm doch einfach mein Stückchen.« Energisch hält sie mir ihren Teller entgegen. »Ich sollte ja ohnehin nicht. Der Zucker, weißt du?« Ich hebe beide Hände, um den Teller abzuweisen. Allein beim Gedanken an Sahnetorte wird mir ganz flau im Bauch. »Du musst etwas essen«, beharrt Großtante Adelheid. »Du bist so entsetzlich blass und schmal. Bestimmt isst du nicht genug. Ich weiß noch, als damals mein lieber Reiner – Gott hab ihn selig ...« Schnell nehme ich den Teller entgegen. »Danke, Großtantchen, das ist sehr fürsorglich von dir.« Sie sieht mich erstaunt an. »Jetzt setze ich mich zu Caroline, in Ordnung? Und ich esse den Kuchen, versprochen.« Ehe sie noch ein Wort über Großonkel Reiner verlieren kann, schiebe ich mich an zwei in Zartrosa gewandeten Cousinen vorbei zu meinem Platz schräg gegenüber von Caroline. Die lässt hastig den Buntstift sinken und klappt ihr Malbuch zu, um mir dabei zuzusehen, wie ich das Schatzkistchen mit Keksen und die Rose beiseiteschiebe und meinen Kuchenteller abstelle. Warum Großtante Adelheid sich so ein enormes Stück Sahnetorte geholt hat, wenn sie doch wegen ihres Blutzuckers aufpassen muss, ist 20


mir ein Rätsel. Gleich zwei grellpinke Marzipanrosen haben darauf Platz und dazwischen eine dicke Haube mit Goldglitter bestreute Sahne auf einer zentimeterdicken Schicht von noch mehr Sahne. Die Füllung ist rosafarben und riecht nach Himbeeren. »Möchtest du keinen Kuchen?«, frage ich Caroline, die mich immer noch über ihr geschlossenes Malbuch hinweg beäugt. Sie schüttelt den Kopf, knetet ihre Hände, zieht sie dann hastig von der Tischfläche und setzt sich darauf. »Ich mag keinen Kuchen«, erklärt sie. »Der ist sowieso ungesund.« Ein Kind, das keinen Kuchen mag. Zu so etwas kann auch nur mein Bruder kommen. Ich möchte wetten, Carolines Lieblingsessen ist Blattspinat mit Kartoffeln und Ei. Ohne Leberkäse natürlich – der ist sowieso ungesund. Ich weiß nicht, was ich auf ihre Feststellung erwidern soll. Armin konnte gut mit Kindern. Er hat mit ihnen herumgealbert und sie nach der Schule gefragt. Ich bin mir allerdings nicht mal sicher, ob Caroline schon in die Schule geht oder noch in den Kindergarten. Seit mein Bruder Louis mit Lara verheiratet ist, beschränkt sich unser Kontakt zueinander auf Familienfeiern. Die finden bei einer Familie dieser Größe auch noch häufig genug statt, um eine Überdosis von Laras blödem Gerede zu bekommen. Dass ich meine Nichte so selten sehe, ist allerdings schade. Sie ist eigentlich ein niedliches kleines Ding mit ihren blonden Locken und der Zahnlücke. »Schmeckt der Kuchen nach Erdbeeren?« Caroline wendet den Blick nicht von mir und meinem Kuchen ab. Ha, so viel zum Thema, sie würde keinen Kuchen mögen! »Magst du einfach einen Bissen probieren?«, biete ich an. »So ungesund ist ein kleines Stückchen Torte bestimmt nicht. Außer man hat Diabetes wie Großtante Adelheid. Diabetes bedeutet ...«, setze ich schnell an, doch Caroline vollendet meinen Satz wie aus der Pistole geschossen: »... Zuckerkrankheit. Das bekommt man, wenn man zu viele Süßigkeiten isst.« 21


»Äh ... wirklich?« Unschlüssig drehe ich mein Kuchengäbelchen in den Händen. »Ich dachte immer, das sei eine erbliche Krankheit.« »Caroline!«, tönt es da quer durch den Saal. »Belästigst du etwa Michelle? Wir haben doch darüber gesprochen, dass die anderen Gäste beim Essen gerne ihre Ruhe haben wollen!« Mein Bruder Louis balanciert eine volle Kaffeetasse zu seinem Platz und sieht seine Tochter von oben mit hochgezogenen Augenbrauen an. Ich betrachte die beiden und stelle fest, dass Caroline ihm zum Glück viel ähnlicher sieht als ihrer Mutter. Sie hat zwar Laras blonde Haare, aber Nase und Kinnpartie eindeutig von ihm. Und die Locken. Louis hatte als Kind wunderschöne Ringellöckchen, die ihn als Engel hätten durchgehen lassen, wenn sie blond statt schwarz gewesen wären. Jetzt trägt er allerdings einen so radikal kurzen Haarschnitt, dass man davon nichts mehr sehen kann. Vermutlich ist das auch Sinn der Sache, denn Louis hat seine Locken schon immer gehasst. »Sie belästigt mich doch nicht.« Ich bedenke meinen Bruder mit einem Blick, der ihm hoffentlich deutlich macht, wie albern sein Vorwurf ist. »Wir unterhalten uns ausgezeichnet. Nicht wahr, Caroline?« Caroline sieht ihren Vater fragend an. »Sie kann reden wie ein Buch«, seufzt dieser an mich gewandt. »Wenn ein Kind sprachlich so überaus weit für sein Alter ist wie Caroline, ist es schwer, das zu unterbinden.« Er sieht wieder zu seiner Tochter. »Aber dieses Malbuch ... Caroline, das ist doch nun wirklich für Babys. Willst du nicht lieber ein bisschen dein Hörbuch anhören?« Erklärend fügt er für mich hinzu: »Englisch für Vorschulkinder, weißt du? Sprachlich begabte Kinder muss man eben fördern.« Um Louis nicht fassungslos anzustarren, wende ich mich hastig meinem Tortenstück zu und steche mit der Gabel beherzt die Spitze ab. »Was ist jetzt? Magst du probieren, Caroline?« »Oh, Caroline isst keinen Kuchen!«, geht Louis jedoch so22


fort dazwischen. »Wir haben alle unseren Zuckerkonsum überdacht und eingeschränkt. Den Kaffee« – er deutet zu seiner Tasse – »trinke ich natürlich auch schwarz. Du wirst nicht glauben, wie viel Zucker der durchschnittliche Deutsche am Tag zu sich nimmt. Es ist ...« Er verstummt, als ich mir den ersten Bissen Sahnetorte in den Mund schiebe. Sein Gesicht, während ich das gesamte Stück Kuchen von Großtante Adelheid innerhalb kürzester Zeit verputze, ist unbezahlbar. Es ist sogar fast so gut, dass es die Übelkeit wert ist, die ich als Quittung bekomme. Während im Saal die Hochzeitssuppe in großen Terrinen aufgetragen wird, hänge ich in der Damentoilette über der Kloschüssel und erreiche den absoluten Tiefpunkt des Tages. Heulend und zittrig und immer noch mit dem Gefühl, mein mittlerweile leerer Magen wolle sich jeden Moment nach außen stülpen, rufe ich mir schließlich ein Taxi, das mich zurück nach Wolframs-Eschenbach bringt.

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Kapitel 3 – Michelle »Wir brauchen das Exposé.« Ich beschließe, dass der nächste Tag auf der Liste von wirklich miesen Tagen keinen Top-30-Platz einnehmen darf. Was bedeutet, er muss besser werden als die gesamten vier Wochen, seit Armin am Morgen das Haus verlassen hat und nicht wiedergekommen ist. Damit zu beginnen, zu einer beinahe anständigen Uhrzeit unter der schützenden Decke hervorzukriechen, halte ich für eine gute Idee. Mein zweiter Schritt zu einem fast normalen Tag ist, ausgiebig zu duschen, und das einzige Zugeständnis, das ich mir dabei erlaube, ist, ein weiteres Gedankengespräch mit Armin zu führen, während das heiße Wasser über meinen zitternden Körper strömt. Wir reden über Alltäglichkeiten oder jedenfalls über Dinge, die alltäglich sind, wenn man mit einem Autor verheiratet ist. »Esmé hat mir verraten, dass sie mit Alan streiten wird.« »Ich wünschte, sie hätte es dir nicht mitten in der Nacht verraten.« »Habe ich dich aufgeweckt?« »Als du plötzlich hochgefahren bist, das Licht angeschaltet hast und aus dem Bett gesprungen bist? Nein, nein, davon wacht man doch nicht auf.« »Das tut mir leid, Liebling.« »Tut es nicht. Spätestens übermorgen Nacht machst du wieder das Gleiche. Ich kenn doch meinen verrückten Mann. Erzählst du mir, worüber Esmé und Alan streiten?« »Bestimmt nicht darüber, dass Alan sie versehentlich aufgeweckt hat ...« 24


Weil ich unter einem Strahl fließenden Wassers stehe, muss ich mir nicht einmal die Mühe machen, mir die Tränen aus dem Gesicht zu wischen. Sie werden einfach fortgespült. In der Realität hätte ich es mir mit Armin auf dem Sofa gemütlich gemacht, den Kopf in seinem Schoß, und hätte mir von Esmés und Alans Streit erzählen lassen. Vielleicht nicht einmal unbedingt, weil das an sich so spannend gewesen wäre. Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht einmal, ob ich Armins erfolgreiche Buchreihe Neema, deren Hauptfigur besagte Esmé ist, jemals gelesen hätte. Sie ist eigentlich nicht mein Ding. Aber ich habe es schon immer geliebt, Armin über seine Bücher reden zu hören. Er hat stets von seinen Figuren erzählt, als wären sie in Wahrheit gute Freunde von ihm. Esmé hat dies gesagt, Alan hat sich wieder jenes erlaubt, stell dir vor. Unwillkürlich frage ich mich, ob ich ihn ausreichend unterstützt habe. Ja, ich habe immer zugehört, war neugierig auf seine Ideen. Ich habe mir am Abend die neuen Kapitel vorlesen lassen und war stets top darüber informiert, woran er gerade arbeitete. Doch ich fürchte, ich habe mich dabei vor allem für ihn interessiert und nur deshalb auch für seine Bücher. Ich fand die Geschichten, die er sich ausdachte, wunderschön, keine Frage. Aber vermutlich war ich ein wenig voreingenommen, denn am allerschönsten war Armins Begeisterung für sie. Das Problem mit Armins Büchern ist nämlich, dass sie religiös sind. Ich meine, sie sind keine von diesen christlichen Moralromanen, in denen ein armer, abgeirrter Mensch auf den rechten Weg zurückgeführt wird. Sie haben auch nichts mit Kirche zu tun. Armin hat, was die christliche Botschaft angeht, immer eher auf die symbolische Ebene gesetzt. Esmé, die Braut, die auf ihren Bräutigam wartet, der sich für sie geopfert hat und das Land verlassen musste. Sie ist der festen Überzeugung, dass er wiederkommen wird, aber um ehrlich zu sein, sieht es nicht so aus. Eli ist weg, er hat sie zurückgelassen. Doch sie klammert sich an sein Versprechen. 25


Meine Familie ist unheimlich religiös und entsprechend wurde ich auch erzogen. Aber in diese Handlung hätte ich nun nicht unbedingt irgendetwas Christliches hineininterpretiert, wenn Armin mir nicht erklärt hätte, dass die Braut in der Bibel ein Bild für die Gemeinde ist, die darauf wartet, dass ihr Bräutigam – Jesus – wiederkommt. Stutzig geworden wäre ich – religiöse Erziehung hin oder her – wahrscheinlich erst, als Elis bester Kumpel Alan ihn eiskalt dreimal verleugnet und danach eine unerklärliche Phobie vor Federvieh entwickelt. Als ich schließlich widerwillig das heiße Wasser abstelle und tropfnass auf den Badvorleger steige, habe ich eine Nachricht von Armin. Einen Moment lang fühlt es sich so an, als wäre ich verrückt geworden. Verrückt vor Schmerz, als die Erinnerung über mich hereinbricht, während ich den Spiegel anstarre, der nach meiner übertrieben heißen Dusche gründlich beschlagen ist. Lüften nicht vergessen! Ich liebe dich, Armin, steht deutlich sichtbar darauf. Mit dem Finger auf das beschlagene Glas gemalt, abgekühlt, unsichtbar geworden und jetzt wieder aufgetaucht, als hätte er es eben erst geschrieben. Wie kann ich es bisher übersehen haben? Aber wahrscheinlich habe ich einfach nie lange genug geduscht, um die Nachricht zum Erscheinen zu bringen. Weil sich vor Hitze und Schock das Badezimmer um mich herum zu drehen beginnt, lasse ich mich auf den Badewannenrand sinken und starre den Spiegel an, bis die Schrift verblasst. Das Abtrocknen kann ich mir anschließend sparen. Allerdings ist mir so kalt, dass ich auch dann noch wie Espenlaub zittere, als ich einen meiner dicksten Winterpullover und eine Jogginghose übergezogen und meine angetrockneten Haare heiß geföhnt habe. Jetzt muss ich mich zusammenreißen, sonst ist auch dieser Tag wieder hoffnungslos verloren. Ich zwinge mich, die knarrende Holztreppe hinunterzugehen. Unser Haus ist klein und hat schon einige Jahre auf dem Buckel. Aber genau das war der Grund, wa26


rum wir es gekauft haben. Armin hat immer gesagt, in einem Neubau könne kein Mensch ernsthaft Romane schreiben. Die alten, geschichtsträchtigen Räume eines hundert Jahre alten Hauses seien die beste Inspiration der Welt, weil man dort die Stimmen aus vergangenen Jahrzehnten flüstern hören könne. Ich habe ihn damit aufgezogen, indem ich gefragt habe, ob er nicht schon genug Stimmen höre, wenn seine Romanfiguren sich wieder einmal mit ihm unterhielten. Aber in das Haus habe ich mich auch auf den ersten Blick verliebt. Es ist perfekt. Verbaut nennt es meine Mutter, gemütlich und verwinkelt fanden Armin und ich es. Das Erdgeschoss besteht größtenteils aus dem Wohnzimmer. Nur dass irgendjemand durch das ausgeklügelte Ziehen von Wänden eine Garderobennische, ein nur einen halben Meter breites Gästebadezimmer und eine aus irgendeinem Grund L-förmige Küche davon abgeschnitten hat. Die Form des Wohnzimmers ist deshalb nicht wirklich zu beschreiben. Es hat jedenfalls ziemlich viele Ecken. Und in einer davon führt die steile Holztreppe ins Obergeschoss, die ich jetzt frisch geduscht und luftgetrocknet herunterklettere. Die Küche versinkt im Chaos. Obwohl ich dachte, ich hätte seit Armins Tod so gut wie nie etwas zu essen zu mir genommen, stapeln sich schmutzige Teller und Schüsseln auf der Anrichte und im Schrank finde ich nur eine einzige saubere Tasse. Ich stecke den Wasserkocher aus und die Kaffeemaschine ein – eine lästige Notwendigkeit, weil wir nur eine einzige Steckdose für die beiden Geräte haben, die sie sich auch noch mit dem Toaster teilen müssen. Während die Kaffeemaschine ihre Arbeit macht, unternehme ich einen kläglichen Versuch aufzuräumen. Das Ergebnis ist ein schmaler Streifen leere, mehr oder weniger saubere Arbeitsfläche und ein Spülbecken, das so voll ist, dass ich einen waschechten Springbrunnen in der Küche hätte, wenn ich jetzt den Wasserhahn aufdrehen würde. Ich bin trotzdem sehr stolz auf mich. Es muss am beruhigenden Gluckern und Brodeln der Kaffeemaschine liegen – ich habe 27


mich fünf Minuten mit etwas durchaus Sinnvollem beschäftigt und dabei nicht einmal geheult, obwohl allein der Geruch des Kaffeepulvers Armins Namen zu schreien scheint. Eigentlich ist er der Kaffeetrinker von uns beiden. Ich liebe nur die Geräusche und Düfte, die damit verbunden sind. Und an Armins voller Tasse zu nippen, obwohl ich von mir aus nie auf die Idee kommen würde, die schwarze Brühe so ganz ohne Milch oder Zucker zu trinken. Die Milch im Kühlschrank macht keinen besonders vertrauenserweckenden Eindruck. Ich kann mich nicht mal erinnern, wann ich sie gekauft und geöffnet habe. Also schütte ich sie lieber nicht in meinen Kaffee und kompensiere diesen Mangel mit einigen Extralöffeln Zucker, während ich mir noch einmal Louis’ entsetztes Gesicht in Erinnerung rufe, mit dem er zugesehen hat, wie ich die Sahnetorte verspeist habe. Mein Magen macht bei diesem Gedanken allerdings so etwas wie einen Salto mortale und ich befasse mich lieber nicht länger mit Erinnerungen an Sahnetorte. Als ich gerade den ersten Schluck Kaffee nehmen will, klingelt das Telefon. Ich hätte das Ding wirklich ausstecken sollen. Schade, dass es im Gegensatz zur Kaffeemaschine seine höchsteigene Steckdose zur Verfügung hat. Gleich nach dem Anruf aus dem Krankenhaus hätte ich es vom Netz nehmen sollen. Seit Armins Tod klingelt es ununterbrochen und jedes Mal überkommt mich der kaum unterdrückbare Drang, mir die Ohren zuzuhalten. Noch mehr Beileidsbekundungen will ich nicht hören – dazu hatte jeder, der es nicht lassen konnte, auf der Beerdigung oder spätestens zu Beatrice’ Hochzeit Gelegenheit. Aber noch schlimmer wäre es, ein ahnungsloser Anrufer würde nach Armin fragen. »Guten Tag, Frau Prinz, ich möchte gerne Armin sprechen.« Ich weiß nicht, was ich dann antworten und erst recht nicht, was ich anschließend tun würde. Ich lasse meine volle Kaffeetasse in der Küche stehen, wild entschlossen, den Stecker des blöden Telefons zu ziehen. Das 28


Ding steht im Wohnzimmer. Armin hat es gekauft und sich, wer weiß aus welchem Grund, für eines dieser altmodischen Exemplare mit einer geringelten Schnur zwischen Station und Hörer entschieden. Dank des Kabels muss man am Fuß unserer steilen Holztreppe telefonieren, ob man will oder nicht, und kann dabei höchstens äußerst unbequem auf der Armlehne des Sofas sitzen, während das gespannte Telefonkabel eine lebensgefährliche Falle wird. Und das im 21. Jahrhundert. Vielleicht werfe ich das Teil auch einfach in den Müll. Kaum habe ich das zu Ende gedacht, zieht sich etwas in mir schmerzhaft zusammen. Mir ist klar, dass ich das fürchterliche altmodische Telefon niemals wegwerfen werde, und wenn ich es noch so sehr hasse. Armin hat es gekauft. Zärtlich streiche ich über das glatte Plastik des gebogenen Hörers, gebe mir mit aller Kraft, die ich aufbringen kann, einen Ruck und hebe ab. »Michelle Prinz?« Es klingt mehr wie eine Frage als wie eine Vorstellung. »Wunderbar!« Schon bereue ich meinen plötzlichen Mut. Egal, wer das ist, jemanden, der sich mit so einem Wort am Telefon meldet, kann ich gerade wirklich nicht gebrauchen. »Josef Heppenheimer hier«, setzt die Stimme am anderen Ende jedoch bereits zu einem gewaltigen Redeschwall an. »Frau Prinz ... Michelle. Die Nachricht vom tragischen Tod Ihres Mannes hat uns in der Agentur sehr erschreckt. Grauenhaft. Er war ja noch so jung und so vielversprechend. Sicher haben Sie den kleinen Nachruf gesehen, den wir uns in die Zeitung zu setzen erlaubt haben. Armin, der Große – was für ein Verlust!« Die verflixte finnische Sieben. Ich muss sie nachschlagen. Zählen auf Deutsch und Französisch reicht einfach nicht aus, um mich zu beruhigen und davon abzuhalten, etwas ganz schrecklich Grässliches zu sagen. Ich klappe gerade den Mund auf, da sprudelt Heppenheimer 29


schon weiter: »Nun, jedenfalls möchte ich Ihnen im Namen der gesamten Literaturagentur mein herzliches Beileid aussprechen. Es muss schwer für Sie sein.« Das ist das erste halbwegs Einfühlsame, das er sagt. Deshalb verzichte ich auch darauf, ihm zu erklären, dass es geeignetere Wörter als schwer gibt und dass er als Literaturagent doch eine ganze Bandbreite davon kennen sollte. Unerträglich wäre so ein Wort. Vernichtend. Zerschmetternd. Heppenheimer räuspert sich. »Als Agent Ihres Mannes kommt mir darüber hinaus aber auch die undankbare Aufgabe zu, mit Ihnen über das weitere Vorgehen zu sprechen.« Er beginnt, irgendetwas von Verlagsangelegenheiten zu reden, wirft mir ein paar eindrucksvoll klingende Zahlen an den Kopf und verliert mich schon nach dem ersten halben Bandwurmsatz. Meine Aufmerksamkeitsspanne ist momentan nicht die längste und ich denke sehnsüchtig an meinen Kaffee, der in der Küche steht. Hätte ich ihn nur nicht dort gelassen. Hätte das Telefon doch nur nicht diese Schnur. Wäre ich doch nur so dreist, Heppenheimers Stimme im Hörer einfach hier liegen zu lassen und meinen Kaffee zu holen, ehe er auch nur merkt, dass ich weg bin. Gerade überlege ich, ob ich das tun soll, da dringen doch ein paar Satzfetzen zu mir durch und ich werde stutzig. »Was haben Sie gerade gesagt?« Es folgt ein kurzes Schweigen. »Bezüglich der Jahresabrechnung?« »Nein.« Ich umklammere den Hörer fester. »Das andere. Das mit dem Vorschuss. Sagten Sie, der Verlag will, dass ich den Vorschuss, den Armin für sein Buch bekommen hat, zurückzahle?« Heppenheimer seufzt. »Ah ja, das. Nun, ja, ich fürchte ... Es war immerhin ein sehr großzügiger Vorschuss für ein noch nicht fertiggestelltes Manuskript.« »Die ersten beiden Bände waren Bestseller. Der Vorschuss für den dritten Band war durchaus angemessen.« Ich weiß noch genau, wie Armin aus dem Häuschen gewesen 30


ist, als er mir die Summe genannt hat. Seine regelmäßigen Einkünfte aus Honoraren für vorhergehende Bücher, Lesungen und Konferenzen haben immer gereicht, um uns gut über die Runden zu bringen. Aber wir haben nie viel übrig gehabt – nicht genug jedenfalls, um uns eine Erstausgabe von Goethes Faust davon zu kaufen, wie Armin immer gesagt hat. Bis zum überraschenden Durchbruch dieser Buchreihe. Da offenbar alle Erstausgaben von Goethes »Faust« vergriffen waren oder das Buch doch nicht so hoch auf Armins Wunschliste stand, war unsere erste Investition mein Kleid für Beatrice’ Hochzeit. Das Scheherazade-Kleid, das traurig und missachtet oben im Schrank hängt. Die zweite war eine Woche Urlaub. Der erste seit unseren Flitterwochen. Wir sind nach Finnland geflogen und haben vergeblich auf die Nordlichter gewartet, aber dafür Grillimakkara über dem Lagerfeuer geröstet, uns in einem enorm großen Wald verlaufen, in einem alten Leuchtturm übernachtet und ... »Frau Prinz«, reißt Heppenheimer mich aus den Erinnerungen. »Das Problem mit dem Vorschuss ist, dass der Verlag das Manuskript, für das er gedacht war, noch nicht erhalten hat. Der Abgabetermin war erst für Anfang Mai vorgesehen. Und da ich nicht annehme, dass Ihr Mann den Entwurf bereits beendet hat ... oder hat er?« Ein unverkennbarer Funken Hoffnung schwingt in der Stimme des Agenten mit. Wenn es nicht alles so traurig wäre, würde mich das überzeugte Nein, das ich ihm entgegenwerfe, mit Genugtuung erfüllen. Wenigstens fällt damit auch seine Welt ein bisschen in sich zusammen. Was ist schon eine Bestseller-Trilogie ohne ihren finalen Band? »Sehen Sie, genau da liegt der Hund begraben. Und ...« Wieder räuspert er sich. »Das ist auch eine weitere Angelegenheit, die ich mit Ihnen besprechen muss. Wir brauchen das Exposé.« »Was?« »Das Exposé, den Plot. Das angefangene Manuskript und alle Notizen zur Handlung. Alles, was Sie auftreiben können. Ihr 31


Mann hat doch sicher eine Skizze dessen niedergeschrieben, was im dritten Band passieren sollte.« »Nein«, sage ich schlicht. »Nei... aber es muss eine Skizze geben!« Nun liegt eindeutig Panik in Heppenheimers Stimme. »Er muss doch bereits geplant haben, wie es weitergehen sollte.« »Natürlich hat er das.« »Na, sehen Sie. Und diese Notizen ...« »Er hatte es alles im Kopf. Armin hat solche Dinge nie aufgeschrieben.« Es rauscht in der Leitung und ich bilde mir ein, Heppenheimer mehrmals leise ausatmen zu hören. Vielleicht zählt jetzt er im Kopf bis zehn. Auf Chinesisch meinetwegen. »Hat er Ihnen denn nie eine Handlungsskizze oder so etwas gegeben?«, nutze ich sein Schweigen, um den Spieß umzudrehen. »Immerhin haben Sie doch von Anfang an mit ihm an diesem Projekt gearbeitet. Sie sind sein Agent!« »Wir haben darüber gesprochen«, stöhnt mein Gesprächspartner verzweifelt in die Leitung. »Aber ich habe nie … Er hat nicht … Das ist eine Katastrophe! Wie soll ein Ghostwriter denn das Buch fertigstellen, wenn es keine Notizen zum Fortlauf der Handlung gibt?« »Ein was?« »Ein Ghostwriter ist jemand, der etwas anstelle eines anderen niederschreibt«, erklärt Heppenheimer ungeduldig. »Und es unter dessen berühmtem Namen veröffentlicht, um ...« »Ich weiß, was Ghostwriting ist. Armin hat nichts davon gehalten. Und ich auch nicht.« »Hören Sie!« Ich kann mir richtig vorstellen, wie Heppenheimer sich mittlerweile die Haare rauft. »Uns fehlt der dritte Band, der die Reihe abschließt. Der Showdown. Das große Finale. Wenn wir schnell handeln, können wir jemanden darauf ansetzen, das fehlende Ende zu schreiben, und es immer noch so aussehen lassen, als hätte Armin das Manuskript wunderbarerweise 32


vor seinem Tod fertiggestellt. Am Tag vor dem Unfall den letzten Schlusspunkt gesetzt. Was für ein Autor, seinen Geschichten verpflichtet bis zum Ende.« In mir brennt eine Sicherung durch. Heppenheimers Stimme hört sich weit, weit entfernt an. Vielleicht habe ich den Hörer sinken lassen oder vielleicht rauscht mir nur das Blut in den Ohren. Armin hat für seine Bücher gelebt. Die Magie der Worte hat ihn angetrieben, ihn am Morgen – oder manchmal mitten in der Nacht – aus dem Bett und an den Schreibtisch geholt. Mit dem, was er sich ausdenken konnte, hat er die Menschen verzaubert. Mich. Und so viele andere. Diese Geschichte war mehr für ihn als eine Bestseller-Trilogie, mehr als sein großer Durchbruch. In ihr fließt und pulsiert das, was ihn bewegt hat, was ihn ausgemacht und ihn zu dem gemacht hat, der er war. Der Gedanke, jemand anders könnte sie mit seinen lieblos dahingetippten Worten entstellen, ist unerträglich. »Ein Ghostwriter würde nie ... Was denken Sie sich eigentlich ... Niemand könnte so wie Armin ...« Mir fehlen schlichtweg die Worte. »Sie können doch nicht einfach … Sie dürfen auch gar nicht …« Ich packe den Hörer fester, krame alle Wörter und Sätze zusammen, die in meinem rauschenden Hirn gerade noch zu finden sind, und werfe sie Heppenheimer an den Kopf. Das Netteste davon ist noch der Hinweis, dass er kein Recht hat, einfach so über Armins Gedankengut zu verfügen. Ich weiß nicht, was er darauf erwidert, denn noch ehe er dazu kommt, wünsche ich ihm einen wunderbaren restlichen Tag und werfe den Hörer auf die Gabel. Das schwarze Kabel schnurrt zu einer Spirale zusammen und baumelt wild von der Tischkante. Dieser furchtbare Kerl. Es ist mir egal, dass Armin große Stücke auf ihn gehalten hat. Dass es Heppenheimers Vertrauen war, das Armins Buchreihe zu dem Erfolg gemacht hat, der sie geworden ist. Er hat Armin gekannt und trotzdem denkt er nur an die Menge an verkauften Büchern, an die Summe verlorenen Geldes 33


und vielleicht ein bisschen an all die Werke, die Armin nun niemals schreiben und veröffentlichen wird. Diese unumstößliche Tatsache fährt wie ein Stich durch meine Eingeweide. All die Geschichten, die er mir schon anvertraut, aber nie zu Papier gebracht hat. All die Ideen, die er noch nicht einmal auszusprechen gewagt hat, und all die Einfälle, die ihm vielleicht erst eines Tages gekommen wären ... sie sind weg. Mit Armin verschwunden. Der Gedanke treibt mir die Tränen in die Augen. Nicht weil ich wie Heppenheimer an verlorene Einnahmen und Ränge auf Bestsellerlisten denke. Sondern weil jede dieser ungeschriebenen Geschichten ein weiteres Stück von Armin ist, das ich nicht festhalten und nie wieder zurückbekommen kann. Während das Kabel unseres hässlichen Telefons weiter vor sich hin baumelt, stürme ich in die Küche und schütte den Inhalt meiner Tasse in den Abfluss. Armin war der Kaffeetrinker, nicht ich.

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Kapitel 4 – Michelle »Das wäre doch nicht nötig gewesen. Aber ich komme gerne.« Den restlichen Tag verbringe ich auf dem Sofa. Zwei- oder dreimal klingelt das Telefon noch, aber ich mache mir nicht die Mühe aufzustehen. Es ist mir egal, ob es Heppenheimer ist oder vielleicht Beatrice, oder noch schlimmer: meine Mutter, die sich nach meinem Befinden erkundigen will. Ich bleibe in meiner Fleecedecke gewickelt, starre in unser unordentliches Wohnzimmer und stelle mir vor, Armin hantiere hinter meinem Rücken in der Küche. In einem so alten Haus wie unserem knackt und knarzt es immer irgendwo. Deshalb ist es gar nicht schwer, mir einzureden, ich wäre nicht allein. Mit ein bisschen Fantasie höre ich sogar das leise Zischen eines Topfs mit aufkochender Milch auf unserem Gasherd. Armin macht heiße Schokolade. Mit Minimarshmallows. Seit er das einmal in einem Buch gelesen hat, liebt er das klebrige Heißgetränk und serviert es als Heilmittel gegen fast alles. Kalte Wintertage, schlechte Nachrichten, Schreibblockaden, Menstruationsbeschwerden oder miese Laune im Allgemeinen. »Mag Esmé eigentlich heiße Schokolade?«, rufe ich ihm vom Sofa aus zu. In der Küche klappert es. »Ich weiß nicht. Vielleicht sollte ich sie fragen. Nach dem Streit mit Alan könnte sie sicher eine gebrauchen.« »Ja, frag sie«, stimme ich zu und ziehe mir die Fleecedecke bis zum Hals. »Andererseits ... gibt es in Neema überhaupt Schokolade? Das Land kommt mir ziemlich historisch vor.« »Na hör mal, Trinkschokolade kannten schon die alten Azteken! Sie haben sie mit Chili gewürzt und nannten sie Xocoatl.« 35


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