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Rachel Dylan

NETZ DES VERRATS


Kapitel 1 Das unaufhörliche Klopfen an der Tür ihrer Wohnung entlockte Layla Karam ein Stöhnen, während sie die Bettdecke zurückschlug. Sie hatte keine Ahnung, wer da so hartnäckig sein könnte – vor allem um zwei Uhr morgens. Fünf Jahre im Dienst der CIA hatten sie gelehrt, vorsichtig zu sein, deshalb nahm sie ihre Pistole vom Nachttisch, bevor sie zur Tür ging, und bereitete sich auf alles vor. Sie spähte durch den Spion in der Wohnungstür und stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Dann schaltete sie die Alarmanlage aus, um Cassandra Ruiz hereinzulassen. »Was ist denn los, Cass?« Die dunkelbraunen Augen der DEA-Agentin waren gerötet und sie zitterte. »Ich hätte ihn erschießen sollen.« »Wen hättest du erschießen sollen?« Die Angst, die Layla verspürt hatte, als Cass an ihre Tür gehämmert hatte, kehrte zurück. »Ein Mann war in meinem Haus. Ich habe gezögert, anstatt abzudrücken, und er konnte fliehen.« »Hast du die Polizei gerufen?« Cass schüttelte den Kopf. »Nein, weil ich glaube, dass er etwas mit unserem aktuellen Einsatz zu tun hat.« Wie konnte das sein? »Komm und setz dich, dann reden wir darüber.« Layla zog Cass ins Wohnzimmer und drückte sie aufs Sofa. Sie hatte noch nie erlebt, dass ihre Kollegin die Nerven verlor, aber jetzt war die Agentin fix und fertig. »Und jetzt erzähl mal von vorne«, sagte Layla ruhig, aber bestimmt. »Die ganze Geschichte. Lass dir Zeit.« Cass holte tief Luft. »Ich habe lange gearbeitet. Als ich nach Hause kam, habe ich sofort bemerkt, dass jemand mein Haus 3


durchwühlt hatte. Und als ich mir einen Eindruck davon verschaffen wollte, was der Eindringling angerichtet hatte, hat ein Mann mich von hinten angegriffen. Ich konnte ihn abwehren und habe einen Warnschuss abgegeben, da ist er weggelaufen. Ich hätte ihn umlegen sollen, aber das habe ich nicht getan.« »Hast du ihn erkannt?« Layla hatte ihre Schläfrigkeit inzwischen abgeschüttelt und war jetzt hellwach. »Nein.« Cass’ Hände zitterten, als sie sie auf dem Schoß faltete. »Aber er hatte Mejía-Tattoos auf den Armen.« Das Mejía-Kartell war das gefährlichste und brutalste Drogenkartell in Honduras. Die DEA – die Drogenvollzugsbehörde, für die Cass arbeitete – war seit einiger Zeit in Honduras im Einsatz. Layla war in das Team geholt worden, um mehr Praxiserfahrung zu bekommen – etwas, was ihrem Arbeitgeber sehr wichtig war. »Das kann unmöglich ein Zufall sein.« »Genau. Es tut mir leid, dass ich dich mitten in der Nacht überfalle, aber da du nur ein paar Minuten entfernt wohnst, dachte ich, ich sollte dich so schnell wie möglich warnen – nur für den Fall, dass der Typ beschließt, hier aufzutauchen.« »Das hast du gut gemacht. Hast du schon früher irgendetwas bemerkt? Irgendwas Ungewöhnliches?« Layla hatte selbst etwas bemerkt, aber sie fand nicht, dass dies der geeignete Zeitpunkt war, um davon zu sprechen. Cass war nach den bedrohlichen Ereignissen dieser Nacht sowieso schon fix und fertig. »Nein. Seit wir wieder im Land sind, geht alles seinen gewohnten Gang. Alle bei der DEA waren mit dem Ergebnis zufrieden, auch wenn wir nicht ganz bis zur Spitze des Kartells vordringen konnten.« »Du nimmst wahrscheinlich keine dienstlichen Unterlagen mit nach Hause, oder?« Layla musste diese Frage stellen. »Niemals, das weißt du doch. Es wäre gegen alle Sicherheitsvorschriften.« »Ist es möglich, dass du dich irrst, was die Tätowierung betrifft? Könnte es einfach irgendein Dieb gewesen sein?« 4


»Nichts von meinem Schmuck fehlt.« »Elektronische Geräte?«, fragte Layla. »Er hat mein Tablet genommen, aber da ist nichts Dienstliches drauf. In Bezug auf das Tattoo bin ich ziemlich sicher.« »Wir haben bei unserem Einsatz eine ganze Schiffsladung Geld konfisziert. Vielleicht dachte er, du hättest was davon.« Cass stöhnte. »Wenn er nach dem Geld gesucht hat, muss er mich für eine korrupte Agentin halten.« Layla hob die Hände. »Ich gehe nur die Möglichkeiten durch. Das sagt ja nichts über dich aus. Aber ich frage mich, ob das Kartell einen Grund haben könnte, so etwas zu glauben.« »Tut mir leid, dass ich so empfindlich bin. Aber nein, ich halte mich an die Regeln.« Cass’ Stimme klang jetzt fester. Layla kannte Cass nicht so gut, aber sie hatte keinen Grund anzunehmen, dass ihre Kollegin für beide Seiten spielte. Obwohl Layla Gerüchte gehört hatte, nach denen es auch bei der DEA korrupte Beamte gab. »Hast du deinem Boss Bescheid gesagt?« »Noch nicht, aber das mache ich natürlich. Ich wollte mich nur zuerst davon überzeugen, dass du in Sicherheit bist. Zane und Diaz habe ich auch eine Nachricht geschickt, um sie zu warnen, nur für den Fall.« Zane und Diaz waren die anderen beiden Mitglieder des Teams, dem Layla zugeteilt worden war. »Wenn ich irgendwas für dich tun kann, brauchst du es nur zu sagen.« »Kann ich ein paar Stunden auf deiner Couch schlafen? Ich will lieber nicht im Dunkeln nach Hause.« »Natürlich.« »Danke.« Cass zögerte. »Irgendwie habe ich das Gefühl, dass wir aus Honduras Ärger mitgebracht haben.«

*** Am nächsten Morgen war Layla früh aufgewacht und hatte eine Nachricht von Cass auf dem Tisch gefunden. Sie musste schon 5


bei Tagesanbruch gegangen sein. Danach hatten sie ein paar Textnachrichten hin und her geschickt. Cass hatte beteuert, dass sie ihre Behörde anrufen würde, was Layla für richtig hielt. Jetzt schob Layla sich durch die Menschenmenge, die sich an diesem Samstag zum herbstlichen Straßenfest in der Altstadt von Alexandria eingefunden hatte. Vielleicht war sie paranoid, aber sie wurde das Gefühl nicht los, dass jemand ihr folgte. Nicht zum ersten Mal. Diese Tatsache hatte sie am Abend zuvor für sich behalten. Cass war zu erschüttert gewesen. Aber Layla fragte sich, ob die Ereignisse wirklich mit ihrem jüngsten Einsatz zu tun hatten. Konnte es tatsächlich sein, dass die Person, die ihr zu folgen schien, mit Cass’ Einbrecher von gestern in Zusammenhang stand? Layla warf einen Blick über die Schulter nach hinten, sah aber niemanden. Trotzdem bewegte sie sich vorwärts, so schnell sie konnte, ohne zu rennen. Hatte ihre Arbeit für die CIA sie so schreckhaft gemacht? Als sie schließlich das lächelnde Gesicht von Vivian Steele, einer ihrer besten Freundinnen, sah, seufzte sie erleichtert. »Warum bist du so außer Atem?«, fragte Viv. »Komm, wir gehen weiter.« Layla zog ihre Freundin am Arm. »Was ist denn?« »Ich habe das Gefühl, dass mir jemand folgt.« Viv runzelte die Stirn. »Bist du gerade im Dienst?« Layla schüttelte den Kopf. »Kann sein, dass ich grundlos nervös bin, aber alle meine Instinkte sagen mir etwas anderes.« Viv war einer der wenigen Menschen, die wussten, dass Layla CIA-Agentin war. Für den Rest der Welt arbeitete Layla als Analystin im Außenministerium. Viv legte eine Hand auf Laylas Schulter. »Ich vertraue völlig auf deinen Instinkt. Sollen wir gehen?« Layla schüttelte wieder den Kopf. »Es gibt keinen Grund überzureagieren.« 6


»Glaubst du, dass jemand dich beobachtet?« Viv sah sie erschrocken an. Layla war sich nicht sicher. »Kann sein.« »Hast du denn schon mal so was bemerkt?« Genau das war das Problem. Das hatte sie. »In letzter Zeit habe ich häufiger das Gefühl, dass ich beobachtet werde, aber ich kann nichts Konkretes sagen. Es ist wirklich nur so ein Gefühl. Und dann, als ich vorhin aus der U-Bahn gestiegen und hierhergelaufen bin, hatte ich den Eindruck, dass mir jemand folgt.« Viv blieb stehen und ließ den Blick über ihre Umgebung schweifen. »Ich sehe nichts Ungewöhnliches, aber es ist heute ziemlich voll hier.« Layla seufzte. »Tut mir leid. Vergiss einfach, was ich gesagt habe. Essen wir was. Izzy wollte auch noch zu uns stoßen, aber sie kommt etwas später. Sie hat gesagt, wir sollen schon mal für sie mitbestellen.« Wenn ihr Kalender es zuließ, trafen sie sich samstags zum Mittagessen in ihrem Lieblingsrestaurant, dem Old Town Grille – Layla, Vivian und die Dritte im Bunde, die FBIAgentin Bailey Ryan. Vor einiger Zeit hatten die drei Freundinnen zudem noch Izzy Cole, eine Agentin beim NCIS, kennengelernt und sie gerne in ihre Runde aufgenommen. »Du weißt doch, dass du dich bei mir nicht entschuldigen musst«, sagte Viv. »Wenn man bedenkt, wie du deinen Lebensunterhalt verdienst, hast du allen Grund, dir Sorgen zu machen. Hast du bei der Arbeit jemandem davon erzählt?« »Nein.« Und das würde sie auch nicht. Sie wollte sich nicht in die Karten schauen lassen. Viv kannte einen Teil von Laylas Arbeit, weil sie gemeinsam in einer Taskforce gewesen waren, aber es gab vieles, von dem Viv keine Ahnung hatte. Sie betraten das Lokal und winkten Ginny zu, der freundlichen Inhaberin des Restaurants, die sie jede Woche begrüßte. Die ältere, untersetzte Frau mit den braunen Haaren lächelte ihnen zu. »Tut mir leid, Mädels, ich weiß, dass ihr am liebsten ganz hinten am Fenster sitzt, aber eine Gruppe Touristen hat darauf bestan7


den, sich an den Tisch zu setzen. Aber ich habe einen schönen Tisch auf der anderen Seite für euch, wenn das okay ist?« Viv erwiderte Ginnys Lächeln herzlich. »Natürlich. Wir wissen doch, dass du den Tisch nicht für uns reservieren kannst. Wir werden trotzdem unseren Spaß haben.« »Stimmt«, nickte Layla. »Ihr habt heute ja alle mehr zu tun als sonst.« Ginny führte sie zu einem Tisch auf der linken Seite des Restaurants. »Das liegt an dem Herbstfest, aber ich werde nicht über zusätzliche Arbeit jammern. Ihr braucht vermutlich keine Speisekarte, aber sagt Bescheid, wenn ihr eine wollt.« Layla lachte. »Da hast du allerdings recht, für Speisekarten sind wir viel zu berechenbar.« »Ich schicke euch jemanden rüber.« Nachdem sie ihre Bestellungen aufgegeben hatten, sah Viv Layla an. »Ich kenne dich zu gut. Irgendwas stimmt ganz eindeutig nicht. Erzählst du mir, was wirklich los ist?« »Das ist es ja, Viv. Ich weiß es nicht. Wirklich nicht. Ich habe nur das mulmige Gefühl, dass mir jemand folgt.« »Vielleicht ist das für dich ja völlig klar, aber kann es sein, dass es was mit der Arbeit zu tun hat, die du gerade machst?« Layla hatte sich dasselbe gefragt. »Ich bin nicht sicher.« »Du kannst mir keine Einzelheiten erzählen, das weiß ich, aber gibt es etwas, worüber du reden kannst?« Layla überlegte. Viv war als Anwältin für das Außenministerium tätig und sie hatten in der Vergangenheit schon an extrem geheimen Fällen zusammengearbeitet. Sie wusste, dass sie Viv sogar ihr Leben anvertrauen konnte, also beschloss sie, ungewöhnlich offen zu sein. »Letzten Monat habe ich für die DEA an einem Einsatz mitgewirkt. Eine Kollegin von dort kam gestern mitten in der Nacht zu mir. Ein Mann hat ihr Haus durchwühlt.« Viv drehte den Strohhalm in ihrer Limonade. »Das heißt, es könnte sein, dass die beiden Dinge zusammenhängen.« Layla nickte. »Genau. Aber es kann auch genauso gut sein, dass 8


ich unter Verfolgungswahn leide oder dass es zwei voneinander unabhängige Dinge sind.« »Auf jeden Fall musst du vorsichtig sein.« Viv klang ernst. »Das werde ich, versprochen, aber jetzt lass uns von was anderem reden und unser Essen genießen.« Viv lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück. »Kann ich dann ungestraft unser Wiedersehenstreffen ansprechen – und deine Ausrede in letzter Sekunde, doch nicht mitzukommen?« Dieses Thema war fast noch schlimmer als das andere. »Meine Ausrede war echt. Gestern gab es im Dienst tatsächlich einen Notfall.« »Jedenfalls haben Bailey und ich daraufhin beschlossen, auch nicht hinzufahren.« »Ihr hättet aber nicht meinetwegen darauf verzichten müssen.« Viv beugte sich vor. »Du bist vielleicht dem Treffen aus dem Weg gegangen, aber das ändert nichts an deinen Problemen mit Hunter.« Layla stöhnte, als der Name ihres Ex-Freundes fiel. »Vielleicht wäre es eine gute Idee, wenn du mit ihm redest und endlich mit der Sache abschließt.« »Abschließen«, murmelte Layla. »Wie gut lässt es sich denn damit abschließen, wenn die Liebe deines Lebens dich mit einer anderen betrügt?« Im dritten Jahr ihres Jurastudiums war ihr Herz in eine Million Stücke zerbrochen, als sie erfahren hatte, dass Hunter McCoy ihr untreu gewesen war. »Es ist nicht nur die Tatsache, dass er dich betrogen hat. Es geht auch darum, wie das alles gelaufen ist.« »Meinst du, dass er sich eine Studentin ausgesucht hat, die mir nicht unähnlicher hätte sein können? Oder dass er es mir erzählt hat, als ich gerade meine Vorstellungsgespräche bei der CIA hatte?« »Beides«, erwiderte Viv trocken. »Selbst fünf Jahre später höre ich noch die Verletzung in deiner Stimme. Wenn du mit ihm redest, kannst du hoffentlich endlich das Vergangene hinter dir las9


sen und nach vorne blicken. Du kannst ihm nicht ewig nachweinen. Es wird Zeit, dass du dich für neue Möglichkeiten öffnest.« Wenn es doch nur so einfach wäre! Layla war davon überzeugt gewesen, dass Hunter der Richtige war. Sie hatte Gott unzählige Male gefragt, warum ihre Beziehung auf so schreckliche Weise auseinandergebrochen war. Warum hatte sie sich so getäuscht? Und wie hatte Hunter so grausam sein können? »Ich verstehe, was du sagst, aber der Umgang mit Gefühlen ist nicht immer eine rationale Sache.« Viv tätschelte ihre Hand. »Ich werde dich unterstützen. Du brauchst das nicht allein durchzustehen. Du weißt, dass Bailey und ich immer für dich da sein werden.« »Wo wir gerade von Bailey sprechen: Marco und sie sind in letzter Zeit ja unzertrennlich. Ich glaube, das ist was auf Dauer.« Viv lachte. »So kann man es auch formulieren.« Layla war froh darüber, dass Bailey jemanden gefunden hatte. Auch wenn es bedeutete, dass sie ihre Freundin jetzt mit Marco teilen mussten. Doch ihre Freundschaft hielt das aus. »Danke, dass du mir hilfst, mich abzulenken«, sagte Layla. »Auch wenn du dazu ein ähnlich schwieriges Thema benutzt.« Sie lachte. »Für dich tue ich alles.« Viv lächelte. Sie hatten schon eine Menge zusammen erlebt und Viv war für Layla wie eine Schwester geworden. »Aber jetzt genug von mir. Wie war deine Woche?« Bevor Viv antworten konnte, erschütterte eine laute Explosion das Restaurant und warf Layla rücklings zu Boden. Sie holte tief Luft, aber plötzlich war überall beißender Rauch und dann wurde ihr schwarz vor Augen.

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Kapitel 2 Izzy Cole war nicht mehr weit vom Old Town Grille entfernt, als die Detonation geschah. Ohne zu zögern, rannte sie, so schnell sie konnte, auf die schwarze Rauchwolke zu, während ihr das Herz bis zum Hals schlug. »Rufen Sie den Notarzt, schnell!«, schrie sie einigen Passanten zu, denen sie im Vorbeilaufen ihre Dienstmarke zeigte. Als sie zur Vorderseite des Gebäudes lief, sah sie Flammen, aber sie rannte trotzdem weiter. Sie musste ihre Freundinnen finden. Diese Frauen hatten sie erst vor wenigen Monaten mit offenen Armen in ihr Leben eingeladen. Izzy hatte nie richtige Freundinnen gehabt, aber jetzt wusste sie nicht, was sie ohne die drei anderen machen sollte. Sie stieg durch die Trümmer und sah mehrere verletzte Personen auf dem Boden liegen. Bei einer jungen Frau blieb sie kurz stehen, um ihr den Puls zu fühlen, doch als sie nichts spürte, ging sie weiter. Ein Mann mit einem stark blutenden Arm war bei Bewusstsein. Izzy hockte sich neben ihn. Von irgendwoher griff sie nach einem Stapel Geschirrtücher, die sie ihm reichte. »Drücken Sie fest drauf. Gleich sind die Krankenwagen da.« Er nickte und tat, was sie ihm geraten hatte. Izzy sah sich um und entdeckte zwei Frauen unter einem Haufen Trümmer zu ihrer Linken. Ihr Herz stockte, als ihre schlimmsten Befürchtungen plötzlich wahr zu werden schienen. Sie fing an, Holz und Steine wegzuzerren, bis sie Vivs Gesicht sehen konnte. Die braunen Augen ihrer Freundin öffneten sich. »Kannst du mich hören, Viv?«, rief Izzy. Viv nickte. 11


»Bist du verletzt? Kannst du alles bewegen?« Viv sagte immer noch nichts, aber gleich darauf bewegte sie Arme und Beine und versuchte langsam, sich aufzusetzen. »Ja, ich glaube schon. Layla! Wo ist Layla?« Ihr Blick war voller Panik. Izzy fürchtete, dass Vivian unter Schock stand. »Lass mich nachsehen. Ich glaube, sie ist hier drüben.« Ihr Herz klopfte heftig und unregelmäßig, als sie auf die Person zuging, die sie für Layla hielt. Der Trümmerhaufen, der sich über ihr auftürmte, war noch größer und ein Holzbalken ragte daraus hervor, der aussah, als wäre er von der Decke gestürzt. Izzy zerrte, so gut es ging, das Geröll zur Seite und sah, dass Laylas Augen geschlossen waren. Klebriges rotes Blut hing in ihren langen dunklen Haaren. Ihr olivfarbener Teint hatte eine erschreckend blasse Farbe angenommen. Als Izzy den Puls ihrer Freundin fühlte, atmete sie erleichtert aus. Layla war bewusstlos, aber sie lebte. Viv hockte sich neben sie. »Oh nein!« »Sie lebt. Aber wir sollten sie nicht bewegen, bis der Rettungsdienst da ist. Ich weiß nicht, ob sie irgendwelche Kopf- oder Halsverletzungen hat.« Izzy wandte sich zu Viv um. Die Pupillen ihrer Freundin waren schreckgeweitet und sie zitterte heftig. »Bleib einfach sitzen, Viv. Du bewegst dich besser auch nicht.« Zum Glück drangen jetzt Sirenengeräusche an ihre Ohren. Es dauerte keine Minute, bis es im Inneren des zerstörten Restaurants vor Polizei und Sanitätern nur so wimmelte. »Hier drüben! Wir brauchen Hilfe«, rief Izzy. Ein paar Sanitäter kamen angelaufen. »Sie ist nicht bei Bewusstsein. Mögliche Kopfverletzung, aber sicher bin ich nicht.« Dann wandte Izzy sich an einen anderen Rettungssanitäter. »Und sehen Sie sich bitte auch meine andere Freundin an. Ich glaube, sie hat einen Schock erlitten.« Izzy trat einen Schritt zurück, damit die Sanitäter ungehindert arbeiten konnten. Mit einem Mal wurde ihr bewusst, dass auch ihre Beine heftig zitterten und sie kaum noch tragen konnten. 12


Ein stämmiger junger Beamter vom Polizeirevier Alexandria trat zu ihr. »Ma’am, ich bin Officer Baker. Kann ich Ihnen ein paar Fragen stellen?« Sie nickte. »Ich bin Special Agent Cole, NCIS.« »Ich wusste nicht, dass die Ermittler von der Navy den Fall bearbeiten.« »Tun wir auch nicht. Ich bin hergekommen, weil ich mit meinen Freundinnen zum Mittagessen verabredet war.« Sie zeigte auf Layla und Viv. »Ach so. Können Sie mir erzählen, was Sie gesehen haben?« »Ich war unterwegs hierher, etwa einen Häuserblock entfernt, als ich die Explosion gehört habe. Ich wusste, dass meine Freundinnen hier waren, also bin ich gleich hergerannt. Bevor ich hier in den hinteren Teil kam, habe ich ein paar Leuten geholfen.« »Haben Sie jemanden gesehen, der vom Ort der Detonation weggelaufen ist? Oder sonst irgendetwas Verdächtiges?« Izzy schüttelte den Kopf. »Nein, Sir. Nichts in der Art. Ich vermute, die Sprengstoffexperten werden kommen und sich das Ganze ansehen?« »Sie sind schon auf dem Weg. Haben Sie sonst noch etwas gesehen, was Sie für wichtig halten würden?« »Nein. Aber Sie sollten wissen, dass diese Frauen beide für das Außenministerium arbeiten.« Officer Baker notierte etwas. »Danke. Vielen Dank für Ihre Hilfe.« »Ist doch klar.« Izzy wandte ihre Aufmerksamkeit wieder ihren beiden Freundinnen zu. Der Rettungsdienst half Viv auf eine Liege. Inzwischen war alle Farbe aus ihrem Gesicht gewichen. »Wir bringen beide ins Krankenhaus«, erklärte einer der Sanitäter. »Kann ich mitfahren?« »Nein, aber Sie können hinter uns herfahren«, erwiderte der Mann. 13


Sie zog ihre Dienstmarke heraus. »Bitte.« »Warum haben Sie nicht gleich gesagt, dass Sie bei einer Bundesbehörde arbeiten?« Der Sanitäter lächelte. Izzy sah zu, wie Layla zum Krankenwagen geschoben wurde, immer noch bewusstlos. Dann zog sie ihr Telefon heraus und schickte eine Nachricht an Bailey. Herr, mach, dass Layla nichts Schlimmes passiert ist.

*** Als Layla erwachte, fühlte ihr Kopf sich an, als wäre er in einen Schraubstock gezwängt. Ihr Mund war furchtbar trocken und sie hatte keine Ahnung, wo sie war. Sie holte Luft, aber das tiefe Einatmen tat weh. »Du bist wach«, sagte eine leise Stimme. Laylas Blick war zunächst getrübt, aber nach einem Moment konnte sie wieder scharf sehen. Izzy stand an ihrem Bett. Wo war sie? Sie hatte Mühe, einen klaren Gedanken zu fassen. »Was ist passiert?«, krächzte sie. Izzy nahm ihre Hand. »Es gab eine Explosion im Restaurant. Du hast das Bewusstsein verloren.« Layla sog scharf die Luft ein, was erneut einen stechenden Schmerz unter ihren Rippen verursachte, während die Erinnerung wie ein Güterzug auf sie zugerast kam. »Wo ist Viv?« »Sie ist in Ordnung. Sie hat einen Schock, aber sonst ist alles gut. Bailey ist gerade bei ihr.« Layla schloss einen Moment lang die Augen, aber schon jetzt hatte sie unendlich viele Fragen. »Was hat denn die Explosion verursacht, weiß man das schon?« »Die Polizisten hatten erst auf ein Gasleck getippt, aber das Bombenentschärfungskommando hat tatsächlich einen Sprengsatz gefunden. Jetzt suchen sie nach einem Motiv. Die Besitzer und Angestellten werden gerade überprüft.« Layla fiel sofort eine viel ernstere Erklärung ein, aber Izzy wuss14


te nicht, dass Layla in Wirklichkeit für die CIA arbeitete. Und sie durfte es ihr nicht sagen. Also hielt sie den Mund. In diesem Moment kam Bailey Ryan hereingestürzt. »Du bist wach!« Eine ihrer besten Freundinnen zu sehen, war beinahe zu viel für Layla. Ihr kamen die Tränen. »Ich werde nach Viv sehen, dann könnt ihr ungestört reden.« Izzy ließ Layla und Bailey zu zweit zurück. »Bin ich froh, dich zu sehen«, sagte Layla. »Und ich erst!« »Wie geht es Viv?« »Besser. Der Arzt macht ein paar Tests, um sich zu vergewissern, dass sie keine inneren Verletzungen hat.« Layla sah ihre Freundin erschrocken an. »Oh nein!« »Es ist nur eine Vorsichtsmaßnahme. Der Arzt geht nicht davon aus. Dich haben sie schon geröntgt, als du bewusstlos warst. Sie sagen, du hast eine Gehirnerschütterung. Keine Brüche, nur geprellte Rippen.« »Fühlt sich auch so an.« Layla zögerte. »Bevor Izzy zurückkommt, muss ich dir was sagen.« »Was denn?« Bailey warf einen Blick in Richtung Tür. »Ich glaube, die Exposition könnte mir gegolten haben.« Bailey riss ihre grünen Augen erschrocken auf. »Was Dienstliches?« »Ja. In letzter Zeit hatte ich häufig das Gefühl, dass jemand mich beobachtet.« Bailey zog einen Stuhl näher und setzte sich. »Du glaubst also, du wurdest beschattet, und dann fliegt das Restaurant in die Luft. Das klingt nicht gut.« Layla nickte und bei dieser Bewegung strahlte der Schmerz bis in den Rücken aus. »Ich wollte, dass du von meinem Verdacht weißt – nur für den Fall, dass mir irgendwas zustößt. Du solltest auch wissen, dass wir heute nicht an unserem üblichen Tisch gesessen haben. Kannst du herausfinden, ob die Leute an unserem 15


Stammtisch unter den Opfern sind?« Außerdem musste sie mit Cass und den anderen aus dem Honduras-Team sprechen, um sich zu vergewissern, dass ihnen nichts passiert war. Bailey drückte ihre Hand. »Wir werden die Sache aufklären. Du hast mir geholfen, als ich dich brauchte, und ich tue das Gleiche für dich. Und ich werde keine Fragen stellen. Aber im Moment bestehe ich darauf, dass du dich ausruhst. In der Zwischenzeit werde ich so viel wie möglich über dieses Bombenattentat herausfinden.« »Wir gehen jede Woche dort essen.« »Ich weiß«, sagte Bailey leise. »Dadurch sind wir leicht zu treffen.« Sie stand auf. »Aber im Moment kannst du nichts tun. Versuch, ein bisschen zu schlafen, und wir klären die Angelegenheit auf. Versprochen.« Layla schloss die Augen, aber sie fand keine Ruhe. Sie wurde den Verdacht nicht los, dass jemand sie ausschalten wollte.

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