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Michelle Shocklee

Ich gebe dir

eine Stimme


In liebevoller Erinnerung an meine Eltern, Albert und Annabelle Chaparro. Danke, Daddy und Mom. Für alles. Offenbarung 21,4


»Ich spüre nun, dass die Zeit gekommen ist, in der sogar eine Frau oder ein Kind, die ein Wort für die Freiheit und Menschlichkeit sprechen können, verpflichtet sind, es zu sprechen … Ich hoffe, dass jede Frau, die schreiben kann, sich gegen das Schweigen entscheidet.« Harriet Beecher Stowe, 1851


Prolog WNYC Rundfunkstudio New York City Dienstag, 29. Oktober 1929 15 Uhr »Auf den Straßen von New York City sind Tumulte ausgebrochen. Wütende Menschenmassen versammeln sich schon den ganzen Tag über und verlangen von den Verantwortlichen der New Yorker Börse Antworten. In derselben Straße hat die National City Bank ihre Türen frühzeitig geschlossen und damit einen Aufruhr ausgelöst. Schwer bewaffnete Polizisten bewachen die Bank und sind auf das Schlimmste vorbereitet. Die Börse ist jetzt geschlossen. Wir erwarten jeden Moment endgültige Zahlen. Es gibt Berichte, dass es vor Banken sowie Spar- und Kreditanstalten im ganzen Land zu Aufruhr kommt. Kunden wollen ihr Geld – und dieser Wunsch ist berechtigt. Es scheint … Was ist das? Schüsse? Wir hören Schüsse in der Wall Street! Meine lieben amerikanischen Mitbürger, ich fürchte, der Tag der Wahrheit ist gekommen. Trotz Präsident Hoovers Verlautbarung letzten Freitag, in der er versicherte, dass die Wirtschaft des Landes auf einer stabilen und gewinnbringenden Basis stehe, sagen die heutigen Geschehnisse etwas anderes. Zu viele Männer in Machtpositionen haben ohne tragfähiges finanzielles Fundament Imperien aufgebaut, die auf Krediten und Darlehen basieren und nicht auf einer soliden Kapitalgrundlage. Habgier und der ständige Wunsch nach mehr haben die Wirtschaft irreversibel geschwächt und diesen traurigen Tag herbeigeführt. Wir können 5


nur beten, dass sich der Markt morgen genauso erholen wird wie letzten Donnerstag, aber das werden die Zahlen zeigen. Ich bekomme soeben den offiziellen Bericht … Es ist schlimmer, als wir befürchtet haben. Die Ticker laufen zwar noch und versuchen, das Rekordgeschehen festzuhalten, aber ich kann Ihnen jetzt schon sagen, dass heute über 16 Millionen Aktien gehandelt wurden. Der Dow Jones Industrial Average schloss mit 230 Dollar, das sind 23 Prozent weniger als bei Handelsbeginn. Liebe Mitbürger, es ist meine traurige Pflicht, Ihnen mitzuteilen, … dass wir einen Börsencrash haben.«

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Kapitel 1 Nashville, Tennessee Dienstag, 29. Oktober 1929 Acht Stunden früher Einen perfekteren Tag konnte es nicht geben. Ich machte es mir auf meinem Lieblingsstuhl auf der Veranda bequem und bestaunte den rosavioletten Sonnenaufgang am Himmel von Tennessee. Bei dem schwachen Geruch von Holzrauch in der kühlen Morgenluft und dem Zwitschern der Vögel von den fast kahlen Bäumen war es, als habe selbst die Natur beschlossen, meinen besonderen Tag mit mir zu feiern. Sechzehn! Ich schrieb das Wort auf eine leere Seite in das Tagebuch mit Ledereinband, das mir Grandma Lorena zu Weihnachten geschenkt hatte. Das perfekte Geschenk für eine angehende Schriftstellerin, hatte sie erklärt. Und wie immer hatte sie recht gehabt. Mein letzter Eintrag, eine lange Tirade, in der ich beklagte, dass ich die Wahl zur Klassensprecherin an Sally Wortham verloren hatte, war kaum zu entziffern. Meine jugendliche Wut sprach aus jedem Wort, das ich zu Papier gebracht hatte. Wer hätte geahnt, dass die Bestechung mit selbst gemachten Karamellbonbons so erfolgreich sein könnte? Mit ordentlicherer Handschrift hielt ich meine Geburtstagsgedanken fest:

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Endlich habe ich dieses wunderbare Alter erreicht. Wenigstens hielt ich es für wunderbar, als Mary und ihre Freundinnen sechzehn wurden. Plötzlich wurden sie wie Erwachsene behandelt und durften Dinge tun, die mir, der zwei Jahre jüngeren Schwester, verwehrt blieben. Heute stehe ich am Tor zu einem neuen und viel interessanteren Leben. Der Debütantinnenball im nächsten Monat wird mich offiziell in die Gesellschaft von Nashville einführen, und auch wenn ich mir nicht viel aus Tratsch und den Menschen, die ihn in Umlauf bringen, mache, habe ich vor, meinen Platz in den besten Kreisen der Stadt einzunehmen und jeden Vorteil, den diese Position mit sich bringt, zu genießen. Ich las den Eintrag noch einmal und grinste. So viel Glück verlangt nach einem Freudenschrei. Vielleicht sogar nach zwei Freudenschreien. Mit einem befriedigten Gefühl klappte ich das kleine Buch zu und dachte an den Tag, der vor mir lag. Ich musste heute nicht zur Schule gehen. Mama erlaubte mir zu schwänzen, damit ich ihr und Mary helfen konnte, den Saal zu dekorieren, den wir für meine Feier heute Abend gemietet hatten. Gut hundert Leute waren eingeladen. Da Daddys Bank eine der größten in ganz Tennessee war, befanden sich auf der Gästeliste sehr viele seiner Stammkunden. Ihre Frauen waren Mamas Freundinnen, die sich in Clubs und wohltätigen Organisationen engagierten, obwohl sie sich meiner Einschätzung nach mehr für ihre gesellschaftliche Stellung interessierten, als dass ihr Antrieb wirklich altruistische Motive gewesen wären. Ich stand auf, streckte mich und schlenderte ins Haus. Mama war in der Küche damit beschäftigt, das Frühstück zuzubereiten. Ihr Haar war perfekt frisiert und eine Perlenkette glitzerte über dem Kragen ihres zweiteiligen Tageskostüms. Die gepunktete 8


Rüschenschürze, die sie sich umgebunden hatte, betonte ihre ein wenig rundliche Taille, aber darauf würde ich sie bestimmt nicht hinweisen. »Wo ist Dovie? Sie macht zu meinem Geburtstag doch immer ihre Spezialpfannkuchen.« Es war zwar nicht ungewöhnlich, dass Mama an den Wochenenden das Frühstück übernahm, aber dienstagmorgens stand normalerweise Dovie, unsere Haushälterin und Köchin, am Herd, besonders an einem Tag wie heute. Eine Schüssel mit frisch gewaschenen Brombeeren stand auf der Arbeitsplatte. Ich steckte mir eine in den Mund, bevor ich den neuen Kühlschrank aufmachte, der letzte Woche geliefert worden war. Der Werbeslogan des Herstellers General Electric – »In Ihrer Küche ist immer Sommer« – hatte Mama Angst um unsere Lebensmittel eingejagt und sowohl dem Werbeteam als auch dem Katalog von Sears, Roebuck und Co. Erfolg beschert. Wie versprochen war die Glaskaraffe mit Orangensaft schön kalt und gut vor den Bakterien der warmen Küche geschützt. Mama gab mir keine Antwort. Ich drehte mich um, um zu sehen, ob sie meine Frage überhaupt gehört hatte, und bemerkte den sonderbaren Ausdruck auf ihrem Gesicht. »Mama? Wo ist Dovie?« Sie lächelte knapp. »Ich habe ihr den Tag freigegeben. Ich wusste, dass es wegen deiner Feier und der ganzen Vorbereitungen heute im Haus rundgehen würde. Da hielt ich es für besser, sie nicht im Weg zu haben.« Meine Kinnlade fiel herunter. Dovie war schon unsere Haushälterin gewesen, als ich noch nicht geboren war. Sie kannte jeden Zentimeter unseres Zuhauses und kam jedem von Mamas Sonderwünschen nach, ohne mit der Wimper zu zucken. An einem so hektischen Tag wie heute könnten wir Dovies Hilfe dringend brauchen. »Wann stand sie dir je im Weg? Außerdem weißt du, dass sie und Gus das Geld brauchen. Ich hoffe, du bezahlst sie wenigstens.« 9


Mama kniff die Lippen zusammen, ein untrügliches Zeichen, dass ich zu weit gegangen war. »Lorena Ann, nur weil du jetzt sechzehn bist, bedeutet das nicht, dass du deiner Mutter vorschreiben könntest, wie sie mit den Dienstboten umzugehen hat.« Ich zuckte entschuldigend die Achseln. Mir konnte es egal sein, ob Dovie arbeitete oder nicht. Eine Cateringfirma war beauftragt, das Essen zu liefern und nach dem Fest aufzuräumen. Tische und Stühle wurden am Vormittag gestellt. Mama, Mary und ich würden nach dem Mittagessen hinüberfahren, um den Saal mit rosafarbenen und weißen Bändern, Rosen, Nelken und sogar Ballons zu schmücken. Ein Blick aus dem Fenster verriet, dass die Auffahrt leer war. Dabei hätte dort eigentlich Daddys »dollargrüne« Cadillac-Stadtlimousine Baujahr 1929 stehen müssen. »Daddy wollte heute doch zu Hause bleiben. Wir essen zusammen im Maxwell House Hotel zu Mittag.« Das kindische Schmollen in meiner Stimme war eine schlechte Angewohnheit, die ich jetzt, da ich sechzehn war, würde ablegen müssen, aber Daddy hatte nun mal versprochen, den Tag mit der Familie zu verbringen. »Er muss sich um dringende geschäftliche Angelegenheiten kümmern. Er hat bestimmt später Zeit, uns Gesellschaft zu leisten.« Sie klang nicht besonders überzeugend. Wir wussten schon lange, dass für Daddy die Bank an erster Stelle kam. Er würde sich entschuldigen und Mama oder Mary und mir Geschenke kaufen, um unsere Enttäuschung zu besänftigen, aber manchmal wollten wir einfach ihn und keine Geschenke. Ich steckte mir noch eine Brombeere in den Mund und verzog bei dem sauren Geschmack das Gesicht. Vermutlich spiegelte diese Miene meine Gefühle wider, weil Daddy zu meinem Geburtstagsfrühstück fehlte. Ich hoffte, das, was in der Bank so wichtig war, würde unsere Pläne für den Rest des Tages nicht verderben. Gestern Abend war er erst lange nach dem Abendessen 10


nach Hause gekommen und dann sofort in seinem Arbeitszimmer verschwunden. Mama sagte, er sei nach einem anstrengenden Arbeitstag müde gewesen und wir sollten uns keine Sorgen machen, aber ich konnte nicht anders. Seit Präsident Hoover letzte Woche im Radio irgendetwas im Zusammenhang mit der New Yorker Börse gesagt hatte, wirkte Daddy nervös und geistesabwesend. Mary kam gähnend in die Küche. »Morgen. Alles Gute zum Geburtstag, Lulu.« Ich schmunzelte. »Danke, Schwesterherz.« »Deine Schwester ist jetzt eine junge Dame, Mary«, erklärte Mama in missbilligendem Ton. »Du hast sie Lulu genannt, als sie ein Baby war, weil du ihren Namen nicht aussprechen konntest. Vielleicht ist es an der Zeit, diesen kindischen Spitznamen abzulegen.« Sobald uns Mama den Rücken zukehrte, verdrehte Mary die Augen. Ich hielt mir den Mund zu, um nicht laut zu lachen, und ging mit meinem Saft zum Frühstückstisch. Hatte Mama vergessen, dass die meisten, sogar sie selbst, Rena zu mir sagten? Besonders dann, wenn ihre Mutter, Grandma Lorena, und ich im selben Raum waren? »Um wie viel Uhr fahren wir zum Saal?« Mary schenkte sich eine Tasse Kaffee ein und setzte sich zu mir an den Tisch. »Roy hat angeboten, beim Dekorieren zu helfen.« Jetzt verdrehte ich die Augen. Roy Staton, der Sohn von Daddys wichtigstem Geschäftskunden, war meiner Meinung nach unerträglich langweilig. Mary studierte das erste Jahr am Ward-Belmont College und hatte grenzenlose Möglichkeiten. Warum sie sich auf eine Beziehung zu Roy eingelassen hatte, war mir unbegreiflich. »Wir dürften spätestens um zwei Uhr dort sein.« Mama warf einen Blick auf die Wanduhr. »Wir müssen früh genug fertig werden, um noch genügend Zeit zum Baden und Ankleiden zu haben. Die Gäste kommen um sieben.« 11


Sie stellte eine Schüssel mit klumpig aussehendem Haferbrei und einen Teller mit leicht angebranntem Toast auf den Tisch. Als sie sich wieder in Richtung Küche wandte, rümpfte ich die Nase. Meine Geschmacksknospen hatten sich auf Dovies berühmte Brombeerpfannkuchen und ihren kross angebratenen Speck eingestellt, das traditionelle Frühstück an meinem Geburtstag, solange ich zurückdenken konnte. Mama hielt inne und schaute aus dem Fenster über der Spüle. Sie wirkte geistesabwesend. Sogar besorgt. Das war ungewöhnlich, da sich Mama selten den Luxus erlaubte, ihre wahren Gefühle zu zeigen. Manchmal fragte ich mich, was sie wirklich dachte, zum Beispiel in dem Moment, als Daddy sie letzten Sonntag nach dem Gottesdienst in Verlegenheit gebracht hatte. Eine Gruppe von Gemeindegliedern hatte sich im Sonnenschein versammelt und über das Bauprojekt gesprochen, das der wachsenden Gemeinde mehr Raum geben würde. Daddy hatte damit geprahlt, wie viel Geld er gespendet hatte, damit der neue Unterrichtsflügel Leland Hall genannt wurde. Mamas Gesicht war knallrot angelaufen, aber sie hatte ein Lächeln aufgesetzt und gescherzt, Daddy wolle sich den Weg in den Himmel erkaufen. »Roy hat gesagt, sein Freund Homer will dich nach dem Debütantinnenball besuchen.« Mary sah mich erwartungsvoll an. Mama brachte einen Teller mit Rührei zum Tisch, das von allem, was sie gekocht hatte, am essbarsten aussah, und setzte sich zu uns. »Homer? Wie heißt er weiter? Kenne ich seine Eltern?« Ich stöhnte. »Das ist egal. Meinetwegen könnte er ein Rockefeller sein. Ich würde trotzdem nicht mit ihm ausgehen wollen.« »Du bist so ein Snob, Lulu.« »Was ist falsch an dem Jungen?«, wollte Mama wissen. »Nichts«, antworteten Mary und ich gleichzeitig. Mama zog die Brauen hoch und ihre blauen Augen musterten mich forschend. Ich zuckte mit einer Schulter. »Ich kann mir einfach nicht vor12


stellen, mit jemandem verheiratet zu sein, der Homer heißt. Es hat also keinen Sinn, ihn zu ermutigen.« Mary schüttelte verständnislos den Kopf und begann zu essen. Mama widmete diesem Thema mehr Aufmerksamkeit, als meiner Meinung nach nötig war. Ich war noch Jahre davon entfernt, zu heiraten und eine Familie zu gründen, und sie sollte eigentlich erleichtert sein, dass ich nicht so verrückt nach Jungs war wie meine Schwester. »Wenn ich nicht mit Roy zusammen wäre, fände ich Homer sehr interessant«, verkündete Mary, als würden Mama oder ich uns etwas aus ihren Schwärmereien machen. »Er ist attraktiv, klug und kommt aus einer sehr guten Familie in Memphis. Roy sagt, Homers Mutter stamme von altem Geldadel ab.« Ich gab ein spöttisches Schnauben von mir. »Vielleicht haben sie an den Ufern des Mississippi einen vergrabenen Schatz aus Piratenzeiten gefunden.« Mary bedachte mich mit einem finsteren Blick und öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, aber Mama war mit ihrer Geduld am Ende. »Mädchen«, sagte sie in dem strengen Tonfall, den sie anschlug, wenn sie sauer auf uns war. »Man macht keine Witze über einen Mann, der aus einer guten Familie kommt. Ihr seid beide alt genug, um mögliche Heiratskandidaten zu prüfen.« Sie richtete ihren Blick auf mich. »Ich erwarte von dir, dass du dich beim Ball von deiner besten Seite zeigst, und du …« – sie wandte sich Mary zu – »… solltest Roy gegenüber nicht vortäuschen, du würdest dir mehr aus ihm machen, als du es anscheinend tust.« Ihre ernste Zurechtweisung erzielte genau die gegenteilige Wirkung der von ihr beabsichtigten und ich hätte am liebsten laut losgekichert. Ich konnte Mary nicht ansehen, sonst wäre es sofort aus mir herausgeplatzt. Wir frühstückten zu Ende und dann schickte mich Mama weg, da ich an meinem Geburtstag nicht beim Geschirrspülen helfen musste. Mary streckte mir die Zunge heraus, als sie ein Geschirr13


tuch nahm, doch dann zwinkerte sie mir zu. Ich ging nach oben in mein Zimmer. Das Kleid, das Mamas Lieblingsschneiderin für den Ball entworfen hatte, hing an einer Schneiderpuppe neben dem Fenster. Zugegeben, ich liebte den weißen Seidenstoff und die Spitze über dem Rock. Mama hatte darauf bestanden, dass der Saum bis zu meinen Knöcheln reichen sollte statt des zurzeit modernen kürzeren Stils, aber das störte mich nicht. Bei der letzten Anprobe hatte ich kaum glauben können, wie elegant und erwachsen ich in dem Kleid aussah. Ein kurzer Blick in den Spiegel über der Kommode auf mein zerzaustes Haar und meinen zerknautschten rosafarbenen Bademantel holte mich in die Wirklichkeit zurück. Ich hatte Mary schon immer für die Schönere von uns beiden gehalten. Mit ihren blauen Augen und blonden Locken war sie durch und durch Mamas Tochter. Ich hingegen hatte Daddys langweiliges braunes Haar und seine braunen Augen geerbt, die im richtigen Licht zwar auch ganz hübsch waren, aber bei den Jungen nicht so viel Aufmerksamkeit erregten wie Marys. Vielleicht war es mir deshalb noch nie besonders wichtig gewesen, von ihnen beachtet zu werden. Der Mann, den ich eines Tages heiratete, würde mich so lieben, wie ich war. Ein einzelnes gedrucktes Blatt Papier lag auf meinem Schreibtisch. Ich nahm es und streckte mich grinsend auf dem Bett aus. Mein Beitrag in der Schülerzeitung freute mich immer noch. Mr Snyder, mein Englischlehrer und der Redakteur besagter Zeitung, meinte, ich hätte ein Talent dafür, Geschichten zu erzählen. Er hatte mich in meinem zweiten Schuljahr an der Highschool ermutigt, mich der kleinen Reportergruppe anzuschließen, und hatte mich in diesem Jahr zur Redaktionsassistentin befördert. Ich träumte davon, nach dem Studium fürs Life, Collier’s oder eine der anderen großen Zeitschriften in New York City zu schreiben, aber für den Moment musste mein Artikel über den Diebstahl des ausgestopften Adlermaskottchens der Schule genügen. Zu meiner großen Enttäuschung kam Daddy auch zum Mit14


tagessen nicht nach Hause. Mama wollte nicht in die Stadt fahren, deshalb gab es Wurstbrote zu Hause statt Shrimps und Hummer im Maxwell House Hotel. Wie Mary angekündigt hatte, kam Roy später zu uns in den Saal. Er war so damit beschäftigt, sie zu begrüßen, dass er vollkommen vergaß, mir zum Geburtstag zu gratulieren. Wir kamen mit dem Dekorieren schnell voran und waren fast fertig, als der Lieferwagen des Cateringservices vorfuhr. Mama passte den rundlichen Mann – seinen Namen hatte ich vergessen – ab und erteilte seinen beiden Helfern Anweisungen, wohin sie die Essensplatten und eine hübsche fünfstöckige Torte, die mit frischen Blumen geschmückt war, bringen sollten. Irgendwann später wanderte mein Blick durch den Saal und ich bemerkte, dass Mama in ein eindringliches, geflüstertes Gespräch mit dem Mann vertieft war. Das war irgendwie sonderbar. Mama war nicht der Typ Frau, der mit fremden Männern flirtete, und obwohl ich ihr heimliches Gespräch nicht unbedingt so gedeutet hätte, weckte es in mir ein starkes Unbehagen. Ich trat ins Freie und beobachtete, dass die zwei Helfer ebenfalls aufgeregt miteinander tuschelten. Als sie mich bemerkten, machten sie sich wieder an die Arbeit, aber ich bekam eine Gänsehaut und hatte die Ahnung, da war irgendetwas, was ich wissen sollte. Auf der Heimfahrt schwieg Mama. Das bemerkte selbst Mary, die nicht immer sensibel für die Gefühle und das entsprechende Verhalten anderer war, und sah mich fragend an. Ich gab ihr mit einem Schulterzucken zu verstehen, dass ich keine Ahnung hatte, was los war, und beließ es dabei. Zu Hause badete ich und zog mich für den Abend an. Bei den winzigen Perlenknöpfen am Rücken meines apricotfarbenen Partykleids hätte ich Dovies Hilfe wirklich gut gebrauchen können. Ich seufzte dankbar auf, als Mary in einem grünen Seidenkleid, in dem ihre Haut cremefarben wirkte, an der Tür erschien. »Roy hat mir etwas im Vertrauen gesagt«, flüsterte sie, während sie hinter mich trat, um die Knöpfe zuzumachen. 15


»Das heißt normalerweise, dass du das, was du von ihm erfahren hast, nicht weitersagen sollst.« Sie kniff mich in den Arm und ich schrie empört auf. »Das weiß ich, aber ich muss mit jemandem darüber sprechen. Mama kommt nicht infrage.« Mein Interesse war sofort geweckt. »Schieß los.« Sie war jetzt mit meinen Knöpfen fertig und setzte sich auf die Bettkante. So ernst wie in diesem Moment hatte ich sie noch nie zuvor gesehen. Ich runzelte die Stirn. »Hat Roy dir einen Heiratsantrag gemacht?« Falls er das getan hatte, wäre ich ziemlich sauer, denn schließlich war heute mein Geburtstag. Ich wollte nicht, dass mir irgendjemand die Show stahl, die mir nur einmal im Jahr vergönnt war. Mary schüttelte den Kopf und ihre goldenen Locken hüpften. »Er hat mir etwas Beängstigendes erzählt.« Ich wartete, obwohl meine Fantasie bereits mit mir durchging. Sie stand auf und schob die Tür so weit zu, dass sie nur noch einen Spaltbreit offen stand. »Roys Vater hat seiner Mutter erzählt, dass Daddys Bank in Schwierigkeiten steckt. Es geht irgendwie um die Börse in New York.« Sie zuckte mit ihren schmalen Schultern. »Er hat gesagt, sein Vater sei sehr aufgebracht.« »Was für Schwierigkeiten?« Aber ich wusste schon, dass diese Frage dumm war, als ich sie stellte. Wir hatten beide keine Ahnung von der Finanzwelt, in der unser Vater arbeitete, um nicht zu sagen: lebte. »Roy behauptet, Daddy könnte alles verlieren.« Marys Flüstern und ihre weit aufgerissenen Augen jagten mir einen Schauder über den Rücken. War das gemeint gewesen, als letzten Donnerstag im Radio von einer Rezession gesprochen worden war? »Und da Roys Vater so viel in Daddys Bank investiert hat, könnte seine Familie auch Probleme bekommen.« Ich stand wie angewurzelt in meinem Zimmer und starrte 16


in Marys blasses Gesicht. »Das ist nicht möglich.« Ich versuchte, mich zu erinnern, was ich im Wirtschaftsunterricht über die Börse gelernt hatte, aber mir fiel nichts ein. »Daddys Bankfilialen sind hier in Tennessee. Sie haben mit dem, was in New York passiert, nichts zu tun.« »Warum macht sich Roys Vater dann Sorgen?« Darauf wusste ich keine Antwort. Kurze Zeit später klingelte unten das Telefon. Ich warf einen Blick auf die Uhr auf meiner Kommode. Es war halb vier. Ich hielt den Atem an und hörte zu, wie Mama das Gespräch eilig annahm. Ihre Worte waren nicht zu verstehen, aber ich konnte mich nicht überwinden, zur Tür zu schleichen und zu lauschen. Ich betete, dass am Telefon nur Grandma Lorena war und fragte, ob sie mit uns zur Feier fahren könne, oder Dovie, die mir zum Geburtstag gratulieren wollte. Der durchdringende Schrei, der einen Moment später die Luft zerriss, sagte mir, dass es keine der beiden war.

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Kapitel 2 Nashville, Tennessee 14. September 1936 Das alte Tagebuch war auf der Seite mit dem Eintrag aufgeschlagen, den ich nie vollendet hatte. Niemand ist zur Feier meines sechzehnten Geburtstags gekommen. Es ist egoistisch, deshalb traurig zu sein, weil so viele Menschen, einschließlich meiner eigenen Familie, von den Ereignissen betroffen sind. Aber ich frage mich trotzdem, ob mein ganzes Leben unwichtig geworden ist, als sich die Welt an diesem Tag verändert hat. Als spiele angesichts von so schweren Verlusten und so viel Kummer meine Anwesenheit auf diesem Planeten keine Rolle mehr. Die Erkenntnis, dass Geld, Status und Privilegien den Platz eingenommen haben, den ich sechzehn Jahre lang in meiner Familie innehatte, hat in mir einen Schmerz ausgelöst, der womöglich nie verheilen wird. Wie auch, wenn ich in jeder wachen Minute damit konfrontiert werde? »Gehst du heute zu Mr Armistead?« Mamas Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Von meinem Platz auf den Stufen der hinteren Veranda drehte ich mich um und entdeckte sie. Sie war im Haus und sprach durch die Mückengittertür. Angesichts ihres Stirnrunzelns fragte ich mich, wie lange sie schon da stand und mich beobachtete. Ich hätte das Ta18


gebuch verstecken können, aber was hätte das gebracht? Sie hatte es bereits gesehen. Ich zuckte die Achseln. »Wahrscheinlich, aber ich weiß, wie seine Antwort lauten wird.« George Armistead, Redakteur des Nashville Banner. Vor einem halben Jahr war er noch mein Chef gewesen. Ich konnte immer noch nicht verstehen, warum man mir gekündigt hatte – »auf mich verzichten musste«, wie es Mr Armistead gern formulierte. Obwohl ich seit meinem Highschool-Abschluss eine zuverlässige Angestellte gewesen war, die in der Poststelle angefangen und später in der Nachrichtenredaktion als Lokalreporterin gearbeitet hatte, war ich eines Montags entlassen worden. Deshalb marschierte ich nun schon seit einem halben Jahr jeden Montag in Mr Armisteads verrauchtes Büro und bat ihn, mich wieder einzustellen. Und jeden Montag antwortete er, dass er das nicht könne. »Ich verstehe nicht, warum du dich jede Woche dieser Demütigung aussetzt. Wenn der Mann dich bis jetzt nicht wieder eingestellt hat, wird er es auch in Zukunft nicht tun. Es wird sich etwas anderes ergeben. Etwas, was besser zu dir passt.« Ihre Worte, die als Ermutigung gedacht waren, ärgerten mich. Ich wünschte, Mama würde wenigstens einmal genauso toben und schreien und jammern wie alle anderen. Ich wusste nicht, was schlimmer war: dass meine Mutter ständig so tat, als wäre alles in Ordnung, oder dass sich mein Vater mit Whiskey betäubte. Ich klemmte mir das Buch unter den Arm und stand auf. »Mrs Davis hat mich gebeten, ihr nächste Woche beim Tapezieren zu helfen. Sie will mir dafür zehn Dollar zahlen.« Mamas Augen weiteten sich. »Sissy Davis? Oh, Rena, ich hoffe, du hast ihr gesagt, dass du das Geld nicht brauchst.« »Warum sollte ich das tun? Ich brauche es. Wir brauchen es. Viele sind arbeitslos, Mama. Es ist keine Schande, Hilfe anzunehmen, wenn sie einem angeboten wird.« Mein Tonfall war alles andere als respektvoll, wenn man bedenkt, mit wem ich hier sprach, aber das war mir egal. Ich hatte es satt, die Augen davor zu verschlie19


ßen, dass unsere Familie pleite und gebrochen war. Mama fand, Mr Armistead um Arbeit zu bitten, wäre demütigend? Hatte sie vergessen, wie demütigend es gewesen war, erfahren zu müssen, dass mein eigener Vater zigtausend Dollar, die seinen Bankkunden gehört hatten, veruntreut hatte? Als er am Tag des Börsencrashs nicht zur gewohnten Zeit nach Hause gekommen war, hatten wir das Schlimmste befürchtet. Es war das einzige Mal gewesen, dass Mama sich der Verzweiflung hingegeben hatte. Schließlich hatte er um drei Uhr morgens an die Haustür gehämmert. Mama, Mary und ich hatten schweigend zugesehen, wie er ins Haus getorkelt war, ohne ein Wort über den Crash, das Schicksal der Bank oder darüber, wo er den ganzen Abend gewesen war, zu verlieren – obwohl der Geruch nach Alkohol und Zigarettenrauch uns diese Frage beantwortet hatte. Er hatte sich mit einer Flasche Bourbon in seinem Arbeitszimmer eingesperrt und dort hatte er dann auch den größten Teil der letzten sieben Jahre verbracht. »Sissy Davis ist eine meiner besten Freundinnen. Ich lasse nicht zu, dass meine Tochter für sie arbeitet.« Mir lagen einige scharfe Worte auf der Zunge, doch ich schluckte sie alle hinunter. Ich war vor einiger Zeit zu dem Schluss gekommen, dass Mamas psychische Gesundheit von ihrer Entschlossenheit abhing, so zu tun, als wäre im Hause Leland alles gut. Natürlich wussten die meisten in Nashville, dass dem nicht so war. Leute, die wir früher für Freunde gehalten hatten, kehrten uns den Rücken zu und steckten die Köpfe zusammen, sobald wir uns aus dem Haus wagten. Damit wir über die Runden kamen, hatte Mama eine Stelle in einer Näherei in einem Stadtteil angenommen, in dem ihre Freundinnen sie bestimmt nie sehen würden. Falls man die Frauen, mit denen sie früher verkehrt hatte, immer noch als ihre Freundinnen bezeichnen konnte. Die Männer der meisten dieser Frauen hatten beim Konkurs der Bank meines Vaters Geld verloren, und auch wenn sie Mama keine Schuld daran gaben, begegneten sie ihr trotzdem nachtragend. »Mrs Davis braucht einfach Hilfe, Mama. Sie gestaltet die In20


neneinrichtung ihres Hauses gern selbst.« Ich stapfte die restlichen Stufen hinauf und schaute sie durch das Mückengitter an. »Ich bin auf eine solche Arbeit auch nicht besonders erpicht, aber mir bleibt kaum eine andere Wahl, oder?« »Vermutlich schadet es dir nicht, einer Freundin bei der Gestaltung ihres Hauses zu helfen«, gab sie einen Augenblick später nach. »Sissy hat einen ausgezeichneten Geschmack. Du kannst von ihr einiges über die neuesten Wohntrends lernen.« Es war wieder einmal typisch für meine Mutter, dass sie dem Tapezieren etwas Positives abzugewinnen versuchte. Ich ging zu ihr ins Haus. Ein Blick zum Büro – die Tür war zu. Ich hatte Dad seit drei Tagen nicht mehr gesehen. Wenn Mama abends von der Arbeit nach Hause kam, brachte sie ihm Essen, aber obwohl er und ich fast den ganzen Tag zu Hause waren, sprachen wir kaum ein Wort miteinander. Nicht, weil ich ihm nicht viel zu sagen gehabt hätte, sondern weil ich bald nach meinem sechzehnten Geburtstag erkannt hatte, dass er mich irgendwie mit dem Börsencrash in Verbindung brachte. Als wäre das Datum auf meiner Geburtsurkunde eine schmerzliche Erinnerung an den Tag, an dem er alles verloren hatte. Er zog sich aus meiner Welt zurück, sperrte mich aus seiner aus und zwischen uns stand eine Whiskeyflasche. »Wenn ich mit Mr Armistead gesprochen habe, gehe ich zur Bibliothek. Vielleicht sind übers Wochenende ein paar neue Stellenangebote hereingekommen.« Das war zwar unwahrscheinlich, aber ich ging gern in das kühle, stille Gebäude, um in Ruhe nachzudenken, ohne von der Neugier meiner Mutter oder der Gleichgültigkeit meines Vaters erdrückt zu werden. Mama öffnete einen Hängeschrank und holte eine Suppendose heraus. Sie drehte sie um und entfernte den falschen Boden. In der Dose steckte ein zusammengeknülltes Taschentuch. Sie faltete es auseinander und brachte eine Handvoll Münzen und einige Dollarscheine zum Vorschein. Dabei hatte ich sie in den letzten sieben Jahren hundertmal oder öfter beobachtet, trotz21


dem machte mich dieser Anblick immer noch zutiefst traurig. Eine Bankiersfrau, die in einer Suppendose Geld vor ihrem Mann verstecken musste. Sie reichte mir zwei Fünfcentmünzen für die Straßenbahn. »Ich werde erst spät nach Hause kommen. Mrs Watkins braucht bei der Inventur meine Hilfe.« Ich nickte, wenn auch nur, um das Unbehagen zu überspielen, das jedes Mal im Raum hing, wenn sie ihre Arbeit erwähnte. Mir fiel es immer noch schwer zu akzeptieren, dass meine Mutter in einer Näherei arbeitete. Vor dem Börsencrash – daran maß ich die Zeit: vor und nach dem Börsencrash – hatte ich meine Mutter nie nähen gesehen. Sie hatte nicht einmal einen Knopf angenäht. Ich wusste nicht, wie es ihr gelungen war, diese Stelle zu bekommen, aber sie arbeitete nun bereits seit über vier Jahren dort. Ihr mageres Gehalt sorgte dafür, dass wir Essen auf dem Tisch hatten, auch wenn sie das Geld verstecken musste, damit Dad es nicht für Schnaps ausgab. Irgendwie gelang es ihm aber trotzdem, sich Alkohol zu beschaffen. Selbst während der Prohibition war er an illegale Schnapsflaschen herangekommen. Der Morgen war sonnig und kühl, was den Fußweg zur Straßenbahn drei Straßen weiter angenehm machte. Die Zeiten, in denen meine Eltern die neuesten Autos gefahren hatten, waren lange vorbei. Ein alter Ford Baujahr 1925 stand in der Garage hinter dem Haus, von einer dicken Staubschicht bedeckt und ohne Luft in den Reifen. Benzin war zu teuer, genauso wie Reparaturen und Instandhaltung. Ich war nicht sicher, ob das Ding überhaupt noch fuhr. Grandma Lorena hatte einen Wagen und fuhr hin und wieder damit, aber ich wollte ihr keine Umstände bereiten, solange ich die Straßenbahn nehmen konnte. Die Redaktion des Nashville Banner befand sich in der Printers Alley, einer Straße mit vielen Verlagen und den Redaktionsräumen der zwei größten Zeitungen der Stadt. Ich vermisste es, jeden Tag in die Innenstadt zu kommen und mich als Teil des pulsierenden Lebens Nashvilles zu fühlen. 22


Im Geschäftsviertel herrschte viel Betrieb, wobei mir auffiel, dass die Anzüge der Männer abgetragener waren als in früheren Zeiten und auch die meisten Autos auf den Straßen ihre besten Tage hinter sich hatten. Unsere Stadt spürte genauso wie der Rest des Landes die Folgen der Weltwirtschaftskrise. Trotzdem packten die Leute jeden Tag beherzt an, fest entschlossen, alles zu tun, um zur Normalität zurückzukehren. Jedes Mal, wenn ich diese Formulierung hörte, fragte ich mich im Stillen, ob wir das je erleben würden. Was war überhaupt normal? Seit dem Börsencrash waren sieben Jahre vergangen, aber das Leben, das ich davor geführt hatte, schien das einer Fremden zu sein. Mr Armisteads Büro befand sich im hinteren Teil eines lauten Großraumbüros voller Schreibtische. Mehrere Reporter blickten von ihren Schreibmaschinen auf, als ich eintrat, grüßten mich mit einem Nicken und wandten sich wieder ihrer Arbeit zu. Sie ahnten zweifellos schon die ganze Zeit den Grund für meine wöchentlichen Besuche, aber ich vertraute darauf, dass Mr Armistead die Details meiner Bittgesuche, wie ich sie inzwischen insgeheim nannte, nicht preisgab. Er war zwar vielleicht nicht der mitfühlendste Mensch der Stadt, aber er tratschte nicht. Durch die Glasscheibe, die sein Büro vom größeren Redaktionsraum trennte, sah er mich kommen. Seine dichten, grau gesprenkelten Brauen zogen sich über seinem schwarzen Brillenrand zusammen. »Leland.« Seine knappe Begrüßung änderte sich nie. Rauch stieg von einem Aschenbecher auf seinem chaotischen Schreibtisch auf, in dem ein Zigarrenstummel lag. »Guten Morgen, Mr Armistead. Wie geht es Ihnen?« Ich setzte mein strahlendstes Lächeln auf, auch wenn ich wusste, dass ich ihm nichts vormachen konnte. Er war zwar so alt wie die meisten Großväter, aber niemand, den man so schnell einwickeln konnte. »Genauso wie jeden Montag. Ich stehe unter Termindruck und bin auf der Suche nach einer Titelstory.« Er kramte weiterhin in 23


seinen Papieren, wohl auch, um fürchterlich beschäftigt zu wirken. Ich trat ein. »Sie wissen, dass ich Ihnen dabei gern helfen würde.« Er nickte, jedoch ohne aufzublicken. »Und Sie wissen, warum das nicht geht.« Mein Lächeln verschwand. Ja, das wusste ich. Der Börsencrash. Die Wirtschaftskrise. Geld. Geld. Geld. Die Fehler anderer Leute diktierten meine Zukunft schon viel zu lange, aber blieb mir eine andere Wahl? Nach einem langen Moment kam mir die Frage, die ich in den letzten sechs Monaten verdrängt hatte, wieder in den Sinn. Ich hatte Angst vor Mr Armisteads Antwort, deshalb hatte ich sie bisher nie ausgesprochen, aber vielleicht war es an der Zeit, mich der Wahrheit zu stellen und möglicherweise dieses Kapitel meines Lebens abzuschließen. Ich holte tief Luft und wagte es: »Mr Armistead, wenn die Dinge anders wären und Sie wieder Mitarbeiter einstellen könnten, würden Sie mich dann zurückkommen lassen?« Seine Hände hielten auf seinem chaotischen Schreibtisch inne. Mein Magen zog sich zusammen. Jetzt hatte ich es getan und ihm die perfekte Vorlage geliefert, mich ein für alle Mal loszuwerden. Als er endlich aufblickte, tat er dies mit einer Miene, die ich noch nie zuvor an ihm gesehen hatte. Mitfühlend, würde ich sagen, ein Ausdruck, den man bei einem Mann wie ihm niemals erwarten würde. »Das würde ich, Mädchen.« Vier knappe Worte, aber mir wurde plötzlich viel leichter ums Herz. Ich lächelte zufrieden. »Danke, Mr Armistead.« Ich wandte mich zum Gehen. »Warten Sie.« Neue Hoffnung keimte in meinem Herzen auf. Hatte ihn meine Kühnheit vielleicht umgestimmt? 24


Er kramte in einem seiner Papierstapel, bis er fand, wonach er gesucht hatte, und reichte es mir. »Das ist neulich gekommen. Vielleicht interessiert es Sie.« Ein schneller Blick verriet mir, dass es der Briefkopf einer staatlichen Behörde war, die sich Works Progress Administration nannte. Ich schaute Mr Armistead fragend an. »Was ist das?« Er deutete mit seinem dicken Zeigefinger auf das Papier in meiner Hand. »Lesen Sie es, Leland. Es ist ein Job. Ein Reporterjob.« Ein Reporterjob? Meine Neugier war sofort geweckt. Aber je mehr ich las, umso verwirrter wurde ich. Als ich das Ende des kurzen Briefes erreichte, schaute ich ihn an. »Ich verstehe nicht, was das heißen soll.« Er schnaubte. »Die WPA ist Roosevelts Baby. Er will damit für Leute, die keine Arbeit haben, Stellen schaffen. Reporter und Schriftsteller sind, wie Sie selbst genau wissen, ebenfalls arbeitslos. Unter dem Schirm der WPA wurde etwas geschaffen, das sich Federal Writers’ Project nennt. In diesem Brief steht, dass sie hier in Nashville Leute suchen, die Interviews durchführen. Sie sind Reporterin mit Berufserfahrung. Ich sehe keinen Grund, warum Sie nicht geeignet sein sollten.« Ich warf einen zweiten Blick auf die mit Schreibmaschine getippten Worte. »Aber hier steht etwas von früheren Sklaven.« »Ja, die sollen interviewt werden. Um ihre Geschichte zu bewahren oder etwas in der Art.« Offenbar verriet mich mein Gesichtsausdruck, denn Mr Armistead lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und blickte mich mit zusammengekniffenen Augen an. »Ich hätte Sie nie für jemanden gehalten, der Menschen nach ihrer Hautfarbe beurteilt, Leland.« »Das tue ich auch nicht.« Dovie hatte zu den liebsten Menschen in meiner Welt gehört, bevor diese auseinandergebrochen war. »Warum wollen Sie sich dann nicht bewerben?« Er deutete wieder auf den Brief. »Sie zahlen zwanzig Dollar die Woche. 25


Dafür brauchen Sie nur eine oder zwei Stunden mit jedem Interviewpartner sprechen, Ihre Notizen abtippen und sie beim WPA-Büro einreichen. Das klingt für mich nach leicht verdientem Geld.« Es klang tatsächlich nach leicht verdientem Geld, und doch … »Ich werde es mir überlegen«, sagte ich schließlich. Mr Armistead zuckte die Achseln und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf das Chaos auf seinem Schreibtisch. »Wie Sie wollen, aber lassen Sie sich nicht zu viel Zeit. Wenn Sie diese Arbeit nicht machen wollen, gibt es genug andere Journalisten, die diese Chance liebend gern nutzen.« Mit dem Brief in meiner Handtasche verließ ich frustriert sein Büro. Ich brauchte einen Job – aber frühere Sklaven interviewen? Meine Vorfahren hatten Sklaven besessen. Disqualifizierte mich das nicht für diese Aufgabe? Am Schwarzen Brett mit den Stellenanzeigen in der Bibliothek hingen einige neue handgeschriebene Zettel, aber für alle offenen Stellen waren Kenntnisse erforderlich, die ich nicht hatte. Bei meiner inneren Unruhe reizte es mich heute nicht, mich in die angenehme Stille des großen Gebäudes zu setzen. Ich musste mich bewegen. Und nachdenken. Ich verließ die Bibliothek und machte mich zu Fuß auf den Heimweg. Viele Fragen gingen mir durch den Kopf: Warum wollte die Regierung die Geschichten von früheren Sklaven bewahren? Hatte nicht sie selbst die Gesetze erlassen, die Menschen über zweihundert Jahre lang versklavt hatten? Es gab doch bestimmt wichtigere Themen, über die man schreiben konnte. Da heutzutage so viele Menschen litten, machte sich niemand mehr Gedanken über die Sklaverei. Der Sezessionskrieg hatte stattgefunden, als Grandma Lorena ein kleines Kind gewesen war, vor über siebzig Jahren. Aber zwanzig Dollar in der Woche waren mehr Geld, als ich bei den Aushilfsjobs, die ich im letzten Jahr übernommen hatte, verdient hatte. Selbst mit gelegentlicher Hilfe von Grandma Lorena, die den Börsencrash überraschend gut überstanden hatte, wusste 26


ich, dass unsere finanzielle Situation wirklich alles andere als rosig aussah. Mama sprach nie aus, wie arm wir tatsächlich waren, aber ich hatte die Konkurspapiere kurz nach dem Crash gesehen, die sie in ihrer Schlafzimmerkommode versteckt hatte. Ich hatte Wäsche aufgeräumt und sie dabei unabsichtlich entdeckt. Meine Füße wurden in den hohen Schuhen müde, deshalb setzte ich mich bei der nächsten Straßenbahnhaltestelle auf eine Bank und wartete. Nach einer Weile näherte sich ein älterer, gut gekleideter Schwarzer. Als sich unsere Blicke trafen, nickte er höflich, blieb aber stehen, während er ebenfalls auf die Straßenbahn wartete. Obwohl wir die einzigen zwei Personen an der Haltestelle waren und auf der Bank viel Platz war, kannte ich die unausgesprochene Regel genauso gut wie er. Ein farbiger Mann konnte sich nicht neben eine weiße Frau setzen. Da kam mir ein unerwarteter Gedanke: Was würde dieser Mann vom Federal Writers’ Project und den geplanten Interviews halten? Interessierten ihn die Geschichten früherer Sklaven? Das konnte ich mir nicht vorstellen, wo sie doch an ein so unerfreuliches Kapitel in der Geschichte unseres Landes erinnerten. Die Problematik der Sklaverei war vorbei und diese hässliche Zeit gehörte der Vergangenheit an. Das Bild von neun jugendlichen Schwarzen auf der Titelseite einer Zeitung fiel mir ein – die Scottsboro Boys. Sie waren dafür verurteilt worden, zwei weiße Frauen in Alabama vergewaltigt zu haben, obwohl es erdrückende Beweise für ihre Unschuld gegeben hatte. Als die Straßenbahn kam, nutzte ich die Tür vorn, während der Mann hinten einstieg. Ich setzte mich neben eine junge weiße Frau, die ein Kleinkind auf dem Schoß hatte. Die beiden waren zu sehr mit sich beschäftigt, um mich zu beachten. Als die Bahn anfuhr, warf ich einen Blick nach hinten. Von seinem Platz im hinteren Teil schaute mich der ältere Mann, der mit mir eingestiegen war, direkt an. 27


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