Daisy Gräfin von Arnim
Zu Hause bei der Apfelgräfin
Vorwort
An meine Leserinnen und Leser Da bin ich wieder!
P
latsch! 42 Eier, 34 Päckchen Butter, 4 Kilo Zucker, 12 Kilo Mehl knallen auf die Arbeitsplatte. Vermischt in einem riesigen Teigklops. Ich starre das Ungetüm an. Alles ist still. Nur das Klingeln des Paketdienstes unterbricht die Szene. Und ich fange unwillkürlich an, mit Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, zu sprechen und Ihnen von mir zu erzählen. Papier und Stift müssen her. Die fertigen Plätzchen vor meinen inneren Augen, in der Hand eine schnelle Tasse Kaffee, auf dem Weg zum Computer noch einen Blick in die Tageszeitung werfen – und dann schleiche ich zurück in die Backstube und um meinen Teig herum. Obwohl ich Dringlicheres zu erledigen hätte, stelle ich ernüchtert fest: Es muss sein, und zwar jetzt! Kann mir diesen 9
banalen Klops nicht jemand abnehmen? Aber »jemand« ist nicht da. Ich mache mich unfroh ans Werk und bitte Gott, den Teigberg schmelzen zu lassen. Ich schneide einen Teil davon ab, doch der Klops sieht immer noch nicht kleiner aus. Aber je mehr ich von den akkurat ausgestochenen Plätzchen vor mir habe, scheint Leichtigkeit in die mechanische Arbeit zu kommen. Fein säuberlich reihe ich jeweils 48 Stück auf den großen Blechen auf, die sich nach und nach in der Backstube stapeln. So arbeite ich eine Weile vor mich hin. Innerlich widerspreche ich meiner Mutter, die immer gesagt hat, dass jeder Beruf seine Längen habe, und denke über Gott nach. Alles, was wir tun, soll mit Hingabe für ihn geschehen, heißt es in der Bibel (Kolosser 3,23). Also auch das Bewältigen dieser riesigen Teigmasse. Gott bleibt nicht verborgen, was ich tue, genauso wie er mein Herz sieht, in dem langsam die Geduld den Unmut verdrängt. Ein Lied steigt in meinem Inneren auf, na endlich! Bei der Arbeit zu singen – das ist etwas, was ich von den Amischen (einer täuferisch-protestantischen Glaubensgemeinschaft) gelernt habe. Eine meiner Freundinnen pfeift immer vor sich hin, während sie arbeitet. Eine Zeit lang hat es mich gestört, bis ich begriffen habe, dass sie ein Lied für Gott pfeift! Ich denke, dadurch kommt ganz sicher etwas in Bewegung und wird freigesetzt. Also singe auch ich und fange an zu reden, denn mich hört ja niemand, ich bin ganz allein. Wirklich? Nein, Gott ist ja da. Ich danke ihm für seine Gegenwart und dafür, dass er mir Kraft gibt. Dann sage ich ihm, wie sehr ich ihn liebe, denn das liebt er! Ich spreche den Namen Jesus aus. Das stärkt mich. Ja, wir – also Sie und ich – haben schon lange nichts mehr voneinander gehört. Sie haben mir so schöne, liebe Briefe ge10
schrieben, in denen Sie wissen wollten, ob ich denn mal wieder ein neues Buch schreiben würde. Auf meine Frage, ob Sie denn schon alle anderen gelesen hätten, kam in letzter Zeit oft ein »Ja« und der Ball lag wieder in meinem Spielfeld. Wir kennen uns durch Vorträge, Besuche, Busgruppen und Bestellungen. Ich will Sie gerne wieder teilhaben lassen an unserem Leben. Denn viele von Ihnen wollten wissen, wie es seit Erscheinen meines ersten Buches »Die Apfelgräfin« im Jahr 2010 weitergegangen ist. Und auch, wie es meinem Mann geht, von dem ich so oft in den Büchern und Vorträgen berichtet habe. Ich werde Ihnen von so mancher lustigen Begebenheit erzählen, aber auch von herausfordernden Ereignissen. An Erfolgen und glücklichen Momenten lasse ich Sie genauso teilhaben wie an Misserfolgen und eher traurigen Momenten und auch an meinen Hoffnungen und Träumen für die Zukunft – eben an all dem, was uns in Haus Lichtenhain bewegt. Ich möchte Ihnen einen ehrlichen Einblick geben in meinen Alltag, meine Beziehungen und nicht zuletzt meine Freundschaft mit Gott. Vielleicht stellen Sie sich einfach vor, wir säßen währenddessen zusammen in meinem Apfel-Café bei einer Tasse Cappuccino und einem frischen Apfelkuchen …
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Kapitel 1
Wie ein Apfel mein Leben veränderte Ein Blick zurück: Bescheidene Anfänge …
A
m 1. Juni 2000 habe ich einen Gewerbeschein beantragt – eines der wichtigsten Dokumente für einen Unternehmer, das man immer wieder braucht; dazu einen Gewerbeschein für Handlungsreisende, der dem Jagdschein meines Mannes ähnelt. Was war ich stolz! Auf der Gewerbeanmeldung stand u. a. »Handel mit Bastelartikeln«. Ich sehe mich noch auf der Treppe sitzen, wie ich im Juni Engel aus Sperrholz anmale – meine ersten unternehmerischen Gehversuche. »Gott, was willst du mit meinem Leben?« Vierzig Jahre alt war ich damals und fragte mich, was ich in meinem Leben bisher erreicht hatte. Keine Kinder, keine richtige Aufgabe, im Grunde auch fast arbeitslos wie alle anderen um mich herum. Graues Haus, graue Schuppen und 13
Ställe. Staubige, sandige, holperige Wege. Ich schloss mich damals in der Kirche ein und habe zu Gott geschrien, wie es in den Psalmen vorgemacht wird. Doch nichts passierte. Mein Mann hatte ja seinen Beruf und unsere Buchhalterin arbeitete ihm (inzwischen seit über 25 Jahren) treuer und sachlicher zu, als ich es je könnte. Also was tun? Zwei Monate später fielen die ersten Augustäpfel von den Bäumen und etwas später plumpste eine so unfassbar reiche Apfelernte auf den Apfelweg hinter unserem Haus, dass es mir wie »Schuppen von den Augen« fiel. Das Zitat gehört vom Ursprung her zwar zu Saulus (Apg. 9,18), der zu Paulus wurde, aber auch ich war blind gewesen. Blind für all die Gelegenheiten und Chancen, die es um mich herum gab und besonders auch in mir selbst. Ich glaube im Nachhinein, dass das alles auch mit unserer persönlichen geistlichen Öde und Leere zu diesem Zeitpunkt zu tun gehabt hatte. Wir hatten keinen Bibel- oder Hauskreis, keine Menschen, die uns hätten anreizen und herausfordern können, in der Bibel zu lesen und nach Gottes Vision für unser Leben zu fragen. Wir hatten keine Menschen, an denen wir uns hätten »schärfen« können, wie es im Buch der Sprüche heißt: »Eisen wird an Eisen geschliffen; so schleift einer den Charakter des andern.« (Sprüche 27,17) Meine in der kommenden Zeit folgenden Versuche, ein Geschäftsmodell rund um den Apfel aufzubauen, beginnend mit ersten Apfelmostversuchen, sind peinlichst dokumentiert im Buch »Die Apfelgräfin«. Ich habe noch ein Foto von dem ersten Apfelproduktregal im Flur, daneben ein kleines Gerät zum Trocknen von Äpfeln. Das war alles. Jeder Landmaschinenhändler und jeder Besucher wurde an dem großen Elek14
trozählerkasten für alle neun Parteien im Haus durch den staubigen Flur über den ausgetretenen Dielenboden geführt, der sicherlich noch aus dem Gründungsjahr des Gutshauses um 1880 stammte. Schließlich musste er mir zuliebe bewundernd vor meinem ersten Produkt-Regal stehen bleiben. Wohl eher aus Mitleid denn aus wahrer Begeisterung wurde dann ein Tütchen Apfelstückchen erworben. Trotz dieser wirklich bescheidenen Anfänge war ich total begeistert. Es schien, als könne mich nichts aufhalten. Es folgten erste Versuche von Bestellzetteln für meine Produkte, die mir dann aber wohlmeinende Kundinnen korrigiert zurückschickten mit dem freundlichen Hinweis, es seien doch etwas zu viele Tippfehler darin und ob ich Hilfe bräuchte. Wie recht sie hatten! Ich ging einen weiteren Schritt in die Öffentlichkeit, beginnend mit einem winzigen Klapptischchen mit Produkten und stellte mich an eine zugige Ecke am Beginn der Friedrichstraße in Prenzlau, an der mich ein erfolgreicher Unternehmer mit den Worten »Na, jeder fängt mal klein an« so richtig motivierte. Fast wöchentlich erhielt ich Bewerbungen, meist von Frauen, die jahrelang in Betrieben in der DDR gearbeitet und nach der Wende ihre Arbeit verloren hatten. Fragen danach, ob ich es mir leisten könne, jemanden einzustellen, schob ich damals mit dem Gedanken beiseite: »Das wird schon!« In den ersten Jahren mussten wir unser Haus mit Öfen anheizen, so auch eine erste klitzekleine Küche, die mit Gasöfen auf Arbeitstemperatur gebracht wurde. Die Lebensmittelüberwachung hat sie dann mit viel gutem Willen für un15
sere Produktion genehmigt. Alles, was von einem modernen Unternehmen heute gefordert wird, lag für uns zu dieser Zeit in weiter Ferne und wir mussten viel improvisieren. In dieser Küche haben wir dann zu viert Arnim-Thaler und vieles mehr gebacken, gekocht, getrocknet, geschnitten, gerührt. Ich brauchte ja genug Arbeit, um das ganze Jahr die Mitarbeiterinnen halten zu können.
Neue Schritte wagen Dann kam für mich der nächste Schritt. Die »Internationale Grüne Woche« in Berlin. Dort habe ich Freunde gefunden, die Sanddorn zu zahlreichen Produkten verarbeiteten so wie ich den Apfel. Ihr Rat, ich sollte doch mit Vortragsreisen beginnen, katapultierte mich auf unbekanntes Terrain, heraus aus meiner Komfortzone. Oh Hilfe! Gerade hatte ich doch den ersten Schritt auf den Markt und den zweiten auf das unbekannte Messegelände in Berlin gewagt, damit verbunden den dritten – erste Pressekontakte –, und nun das! Wie sollte das bloß alles gehen?! Ich bat meine neuen Freunde, ob ich einmal mitfahren könnte, um einen ihrer Vorträge zu erleben. Das hat mich sehr inspiriert und ich habe dann selbst angefangen, Vorträge zu halten. Zu all dem kam dann noch die Gründung der Apfelmosterei. Die ersten einfachen »Hobbymaschinen« reichten bald nicht mehr aus. Eigentlich mussten wir bessere Technik anschaffen, aber die Berliner Banken, bei denen ich um einen Kredit bat, waren offenbar nicht so ganz von meinen Fähigkeiten überzeugt. Irgendwie klappte es dann aber doch mit meiner mo16
bilen Mosterei, die so viel im wahrsten Sinne des Wortes ins Rollen brachte. Als der erste riesige Lkw mit Anhänger und insgesamt 56 Paletten Flaschen vor Haus Lichtenhain stand und der Fahrer mit den Lieferpapieren in der Hand fragte, wo alles abgeladen werden könne, drehte sich mir vor Aufregung der Magen um. Würden die Flaschen voll werden? Rechnet sich das alles? Ist das nicht viel zu groß?
Weite Räume Eines Tages bestand mein Mann Michael darauf, mir ein eigenes Zimmer einzurichten – ein absoluter Luxus selbst in unserem großen Haus. Anfangs war ich nicht überzeugt: Hätte dieser Raum nicht sinnvoller als weiterer Produktionsraum genutzt werden können – mit meiner Schokoladenmaschine Jahrgang 1970 oder der Apfeltrockenmaschine? (Die schließlich neben der Holzheizung installiert wurde.) Aber nein. »Du brauchst einen eigenen Raum für dich, das ist ganz wichtig«, beharrte Michael. Er selbst hatte sich diesen Luxus von Anfang an wie selbstverständlich erobert, während ich zunächst mit meinem kleinen Schreibtischeckchen erst vom Schlafzimmer in die Küche, dann ins Wohnzimmer und wieder zurückzog. Als dann dieser eigene Raum für mich da war, fühlte er sich erst einmal erschreckend leer an. Doch mittlerweile ist er so gefüllt, dass wieder Leere nötig wäre. Sie wissen sicher, was ich meine ... In meinem erweiterbaren Regal mit 20 Fächern sind nun die letzten 20 Jahre meines Lebens jahrgangsweise geordnet. Pre17
digtmitschriften, Tagebücher, Kalender, Urlaubserinnerungen, Fotos etc. Und ich frage mich insgeheim: Werde ich meiner Mutter immer ähnlicher, die auch alles gesammelt hat? Ihre Briefe von 1945–2005 besitze ich noch, die mir in bestimmten Zeiten meines Lebens ganz besonders kostbar waren. Nun suche ich in diesen Regalfächern nach einer bestimmten Erinnerung, um sie mit Ihnen, liebe Leser und Leserinnen, zu teilen … Vor Jahren durfte ich einmal auf dem »Kongress Christlicher Führungskräfte« vor vielen Menschen 12 Fragen beantworten, die mir eine Journalistin stellte. Ich war akribisch vorbereitet, hatte Sätze auswendig gelernt und lauter Zettel bei mir, die ich verkrampft in der Hand hielt. Auf dem Weg zu der kleinen Sitzgruppe, in der man wie bei einer Talkshow saß, meinte die Journalistin: »Die Zettel nehmen Sie aber nicht mit, das geht nicht!« Schnell ließ ich die Zettel in meiner Handtasche verschwinden und wählte innerlich die 50-15, die »Telefonnummer Gottes« aus Psalm 50,15, wo es heißt: »Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten.« Ja, das brauchte ich wirklich, dass mir jemand beisteht, denn das Who’s who der christlichen Führungskräfte Deutschlands saß vor mir. Nach der Veranstaltung kamen dann die Programmleiterin und der Marketingleiter des Francke-Verlages in Marburg auf mich zu mit der Frage, ob ich ein Buch schreiben wolle. So entstand »Die Apfelgräfin«. »Dein erstes Buch!«, sagte eine meiner Mitarbeiterinnen begeistert, als wir es auspackten. Es war für mich etwas ganz Besonderes genauso wie all die Vorträge und Lesereisen, die daraufhin folgten. Ich wollte jede Gelegenheit zum Reden nutzen, 18
die sich mir bot. Es fing mit den Busgruppen an, denen ich dann gegen Ende der Saison zum x-ten Mal die Geschichte von Haus Lichtenhain so spannend wie möglich zu erzählen versuchte. Dann wiederum sprach ich vor drei Zuhörerinnen in München oder vor sechshundert in Stendal. Oder auf einem süddeutschen christlichen Kongress, auf dem ich leider das Thema verfehlte und voll danebenlag, und das vor all den Predigtprofis im Publikum! Egal, wie kritisch oder wohlwollend meine Hörer waren, aus welchem gesellschaftlichen oder politischen Hintergrund sie kamen oder welcher Konfession sie angehörten – ich sah alles als eine Übung an, die den Charakter formt, und versuchte mich auf meine Hörer einzustellen, ohne mich zu verbiegen. Es folgten weitere Bücher wie »Himmlische Köstlichkeiten«, »Von Herzen, Ihre Daisy von Arnim«, »Mit der Apfelgräfin durch das Jahr«, »Wunder in meinem Leben« und ein Buch mit inspirierenden Porträts von Unternehmerinnen, »Einfach anfangen!«.
Herausforderungen und ihre Chancen Besonders gefreut habe ich mich immer, wenn ich mit meinen Produkten und Büchern auf großen Messen unterwegs sein konnte. Ich erinnere mich noch an einen meiner Einsätze auf der Nürnberger Messe. Ich hatte Michael gebeten mitzukommen und war dankbar über seine Zusage. Er braucht alles übersichtlich geordnet und so hatte ich den Aufbau gut vorbereitet – Teppich, Lampen, Elektrik, dann die Plakate und zum Schluss die Regale zusammenschrauben. Danach erst die 19
Ware einfüllen. Dennoch war unser zugiger Messestand zunächst ein einziges Durcheinander, das sich nach und nach zu etwas Schönem entfaltete. Für den Aufbau haben wir dann aber auch neun Stunden gebraucht … Hinterher meinte Michael, das sei das letzte Mal gewesen, dass er mir geholfen habe. In Zukunft müssten das andere machen. Mir gegenüber war damals der Francke-Verlagsstand aufgebaut. Mein neues Buch über die christlichen Unternehmerinnen sollte vorgestellt werden und es gab einen Sektempfang und Reden. Das behalte ich in guter Erinnerung. Und auch, wenn ich weiß, dass alles seine Zeit hat, hoffe ich, bald wieder auf Messen fahren zu können, was ja zeitweise durch die Corona-Pandemie unmöglich war. Nun gilt es aber, nicht nur bei den schönen (oder zum Teil auch schmerzhaften) Erinnerungen stehen zu bleiben, sondern auch neue Visionen zu entwickeln. In letzter Zeit ist in mir der Traum von einem Verkaufsauto herangewachsen. Die Menschen mögen doch Läden, fahren aber immer weniger raus. Also muss ich zu ihnen fahren. Ach, ich liebe diese Herausforderungen! Ich versuche, darin zugleich die Chancen zu sehen.
Alles hat seine Zeit Mit dem Schreiben von Büchern legte ich erst einmal eine Pause ein, als die Mindestlohnentscheidung der Bundesregierung meinen Betrieb auf den Kopf stellte. Es veränderte sich so viel, dass ich erst einmal im Apfelbetrieb ganz gefordert war. Bis dahin hatten mich meine wunderbaren Mitarbeiterinnen zeitweise freigestellt zum »Tippseln«, wie sie es nann20
ten. »Bist du wieder in der Tippselphase?«, fragten sie, wenn ein neues Buchprojekt auf meinem Schreibtisch lag, und verstanden, dass ich die Prioritäten anders setzen musste. Unsere Landwirte in der Uckermark sagen immer »Nach der Ernte ist vor der Ernte«, und so scheint es mir auch mit dem Bücherschreiben zu sein. Lange habe ich mit mir gerungen, ob ich tatsächlich ein neues Buch beginnen soll. Da waren ja einerseits der geschäftige Betrieb und die anstehende Apfelernte und andererseits Sie, meine lieben Leserinnen und Leser, und der Verlag, der gerne ein »Update« von mir bringen wollte. Als ich mal wieder etwas ratlos an meinem privaten Schreibtisch saß, kam mein Mann kurz ins Zimmer und sagte nur: »Du sollst schreiben.« Das war dann die letzte Bestätigung für mich, wieder loszulegen. Offenbar ist das einzig Beständige im Leben eines Menschen der Wandel. Und so schreibe ich gerade diese Zeilen für Sie, meine lieben Leserinnen und Leser …
Das Leben ist ein Fest Ich wollte schon immer etwas Einfaches machen, etwas Praktisches, etwas, das ich wirklich kann. Vor mir steht eine Postkarte von Lichtenhain aus der Vogelperspektive. Entstanden ist sie im Zusammenhang mit unserem Auftritt in der WDR-Serie »Wunderschön«, in der die herrliche Landschaft der Uckermark gezeigt wurde und auch bei uns alles mit einer Drohne aus der Vogelperspektive aufgenommen wurde. Wenn ich die Postkarte ansehe, denke ich, dass sich mein Wunsch erfüllt hat, aber auch, dass unser Lebenswerk noch unvollendet ist. Im Jahr 2020 konnten wir trotz der Corona21
Pandemie 25 Jahre Haus Lichtenhain feiern, im kleinen Rahmen. Nun sind wir beide, mein Mann und ich, seit 26 Jahren unternehmerisch tätig. »Schön haben Sie es hier« ist oft der erste Satz, den Besucher sagen. An der Apfel-Café-Seite hängen Bilder von früher, wie alles einmal ausgesehen hat. Seitdem ist viel passiert. Ich erinnere mich noch an den ersten von mir weiß gestrichenen Fensterrahmen und den Blumenkasten davor, in dem es gegen all das Grau um uns herum mit aller Wucht anblühte. Jetzt haben wir die Verantwortung für 28 Blumenkästen, die mit Schleifen jahreszeitlich geschmückt werden wollen. Bis meine dekorative Ader eine halbwegs zufriedenstellende Lösung gefunden hatte, musste mir mein Mann mal wieder helfen und Struktur in das kreative Chaos bringen. Ich war schon beinahe am Verzweifeln gewesen bei dem Gedanken daran, wie ich mit unserem kleinen Budget die Außenbereiche am Haus trotzdem ansehnlich gestalten könnte. Kurzerhand umrahmte ich also die Türrahmen der Haustür und des Hofladens mit sogenannten KG-Rohren und versah sie mit Schleifen. Das fand ich clever. Auch an die Blumenkästen band ich Schleifen – im Winter alles in Rot und Grün, im Sommer in Gelb und Weiß. Das Leben ist ein Fest!
Viel Platz für Menschen Unser mittlerweile gelb gestrichenes Haus ist mit seinen sechshundert Quadratmetern für zwei Personen definitiv zu groß und so sind nach und nach vier Ferienwohnungen entstanden, an denen wir permanent arbeiten und die wir schöner 22
zu machen versuchen. Vor einiger Zeit hat ein Profifotograf Fotos von den Wohnungen gemacht. In den Sommermonaten platzen wir vor lauter Buchungen fast aus allen Nähten, während es im Winter sehr still ist. Wir kennen das also schon. In unserem Anbau oder »Gartenflügel« befindet sich unsere Produktion mit Backstube, Kochküche, Kommissionierraum, Packraum, Büro, Mitarbeiterraum, Hofladen – das ganze große Apfelgeschäft auf hundert Quadratmetern. Zunächst hatten wir noch mehr als genug Platz für alle Kisten und Kästen, aber dann entstand über uns eine weitere schöne Ferienwohnung, sodass wir etwas mit unserem Stauraum improvisieren mussten. Besonders am Anfang mussten wir sehr auf uns aufmerksam machen und dafür sorgen, dass die Besucher uns auch finden. Inzwischen gibt es einen teuer bezahlten Straßenabschnitt, für den wir viele Apfelchips und viel Apfelsaft herstellen mussten. Da unsere Mosterei ein Gewerbe ist, hat das Land Brandenburg große Beträge für den Straßenausbau erhalten. Doch nun wirbeln unsere Besucher im Sommer keine riesige Staubwolke mehr hinter sich auf und müssen im Winter auch nicht mehr durch tiefe Matschlöcher fahren. Dass ich mal für eine Straße dankbar sein könnte, hätte ich niemals gedacht. Inzwischen ist sie für alle im Dorf zur Selbstverständlichkeit geworden. Bis hier in Haus Lichtenhain alles so war, wie es sein sollte, haben wir in den Räumlichkeiten viele Umzüge hinter uns gebracht und immer wieder unsere eigene Wohnung für Feriengäste umgeändert. Jetzt ist endlich alles fertig und ich muss nur noch überlegen, ob ich die Gardine rechts- oder linksher23
um aufhänge, und kann mich anderen Dingen zuwenden. Was für ein Luxus, wenn für die Grundbedürfnisse gesorgt ist! Die riesige, 60 Meter lange Scheune, in der einmal Kühe lebten, wartet allerdings noch auf ihren neuen Verwendungszweck. Mein Mann guckt täglich nachdenklich aus seinem Büro darauf und weiß, dass Handlungsbedarf besteht. Sie ist ca. halb so lang wie die Arche Noah! Was machen wir bloß damit? Oft gehe ich hinein und bete: »Herr, wir brauchen eine Vision für dieses Gebäude – was sollen wir damit anfangen?« Wenn die Vision sich erst einmal eingestellt hat, kommt der Rest fast wie von selbst, so habe ich es schon oft erlebt. »Das wäre doch ein tolles Gebäude für Hochzeiten!«, höre ich öfter von Gästen. Ja, natürlich ist das eine gute Idee, aber dann hätte das Dorf und wir auch einiges an Lärm zu ertragen. Wir werden sehen … Hinter der Mosterei befindet sich die neue moderne Getreidehalle. Dort kann ich jedes Jahr anhand der Getreideberge sehen, wie die Ernte war. Mit Gruppen gehe ich gerne hinein und wir singen dort manchmal ein Lied. Rechts vom Haus befindet sich das Apfel-Café und dahinter das Zelt für größere Besuchergruppen. Vor dem Haus liegt das riesige Blumenrosenbeet meines Mannes – er hatte es mit den Worten angelegt: »Du brauchst einen schönen Blick aus der Küche.« Der Vorplatz wartet auch noch auf seine Bestimmung. Rechts vom Vorplatz befinden sich vier große Garagen aus DDR-Zeiten. Die ursprüngliche Scheune, die früher zum Gutshaus gehörte, wurde zu DDR-Zeiten abgerissen. Ein Jammer. Im Grunde sollte damals auch noch der ganze Ort Lichtenhain geschleift werden – was wäre das schade gewesen! Die Uckermark wäre um ein Ausflugsziel ärmer.
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Begehrte Uckermark Die Uckermark hat sich in den letzten Jahren sehr entwickelt. Ich finde, sie gehört zu den schönsten Landschaften Deutschlands. Ich werde nicht müde, sie anzuschauen und zu beschreiben mit ihren schönen Seen und der hügeligen, von den Landwirten gepflegten Kulturlandschaft. Sie ist reich an Feldern und Seen und Wäldern, die gute Luft produzieren und zu einsamen und abwechslungsreichen Spaziergängen oder Radtouren einladen. Im Winter lebt man hier wie auf einer Insel, man erkennt sich schon am Autokennzeichen. Im Sommer hingegen ist die Uckermark zum beliebten Ziel für Ausflügler aus Berlin oder für Urlauber aus Sachsen und Schwaben geworden, denen es hier gut zu gefallen scheint. Letztere lieben besonders die menschenleere Landschaft und ich liebe ihre Sprache. Spätestens seit jenem Tag vor nun über 20 Jahren, als schwäbische Freunde mir mit wissendem Lächeln in einem durchsichtigen Glaskrug mein allererstes Glas gekühlten Apfelmost anboten mit den Worten »Moschten Sie, moschten Sie!«. In diesem Moment breitete sich in mir zugleich mit dem Apfelmost in meinem Mund eine Vision in meinem Sinn aus, die Sie alle kennen. Und was ist nicht alles daraus geworden! An den Wochenenden wächst die Bevölkerung der Uckermark, denn viele Berliner haben sich hier ein Wochenendhaus eingerichtet. Wir sind froh, dass die Häuser in den Dörfern schön renoviert sind und neue Ideen aus Berlin mitgebracht werden. Dennoch blickt der eine oder andere nachdenklich seine Dorfstraße hinunter, zählt die von Berlinern bewohnten Häuser und wünscht sich eine bessere Durchmischung und 25
bezahlbare Häuser für junge Uckermärker Familien. Mittlerweile werden die Bauplätze knapp – eigentlich ein schönes Problem. Die Handwerker in der Uckermark haben übervolle Auftragsbücher. Unzählige Künstler haben mittlerweile die Uckermark für sich entdeckt und sich hier niedergelassen. Die »Hamptons von Berlin« wird die Uckermark oft genannt nach den »Hamptons« in den USA, eine Region, in der wohlhabende New Yorker ihre Wochenend-Domizile aufschlagen. Ganz so ist es hier natürlich noch nicht, aber wenn ich z. B. durch Pinnow fahre, begegnet mir kaum noch ein Einheimischer. »Wir erhalten euch die Infrastruktur«, lächele ich einige der Zugezogenen an, während ich Pakete entgegennehme, Handwerker zuweise, Zeitungen aus überfüllten Briefkästen nehme und darum bitte, dass im Winter doch ein Licht brennen möge, damit es wenigstens etwas bewohnt aussieht. Dieser Bitte wird gerne nachgekommen.
Neuanfänge Es berührt mich besonders, wenn es wieder einer geschafft hat, sich hier eine Existenz quasi aus dem Nichts aufzubauen, sei es z. B. ein Café oder ein touristisches Geschäft. Aber ist das keine Konkurrenz für uns, denken Sie jetzt vielleicht? Nein. Es sind neue Freunde! Alles ist gut, was auch immer hier passiert. Ich freue mich über jede Initiative, die die Uckermark lebendiger und bunter macht und die die sechs Monate lange Winterpause von November bis April durchhält.
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Besonders beeindruckt hat mich die Geschichte des Optikers Burkhard Elter und seiner Frau Irmel aus Lychen. Elters kommen eigentlich aus Bergneustadt in Nordrhein-Westfalen und sind im Juli 2011 in die Uckermark gekommen – sie fühlten sich einfach berufen hierherzuziehen. Wenn man frei ist und Gott fragt, wo er einen haben möchte, bekommt man manchmal ungewöhnliche Antworten. Burkhard Elter ist Augenoptikermeister und Optometrist und seine Frau Irmel gelernte Arzthelferin. Sie gehen in Lychen in eine Kirchengemeinde, die ich auch kenne. Wir begegneten uns zunächst nur durch gelegentliche Optikerbesuche in Prenzlau. Einmal gab ich eine Brille zur Reparatur, doch bevor ich sie abholen konnte, erhielt ich einen Anruf: Man könne die Brille ja auch bei uns vorbeibringen (ein Umweg von fünfzehn Kilometern!). Es entwickelte sich ein nettes Gespräch bei der Brillenübergabe und Burkhard erzählte von seiner Frau, die gerade im Krankenhaus war. »Der Mann braucht Essen«, dachte ich und holte schnell fertigen Wildbraten aus der Tiefkühltruhe. Burkhard erzählte von seinem Traum der Selbstständigkeit und all den damit verbundenen Ängsten und dem Sprung ins kalte Wasser. Michael und ich ermutigten ihn und fragten in der Folge immer mal wieder vorsichtig nach. Es verstrich einige Zeit, doch dann flatterte eine Einladung zu einer Geschäftseröffnung in Lychen in unser Haus. Ehepaar Elter hatte es geschafft! Am Einweihungsdatum selbst waren wir leider verhindert, sind aber kurz darauf für eine Brillenreparatur nach Lychen gefahren, um die beiden zu besuchen. Eine strahlendes, frischgebackenes Geschäftsinhaberpaar begrüßte uns. Die beiden nahmen sich zwei Stunden Zeit für uns, was in der Regel nur mit Termin funktioniert. Während der sorgfältigen Augenüberprüfung meines Mannes und der entsprechenden Empfehlung zur An27
passung der Gläser bekam ich Kaffee mit herrlichen Keksen serviert und Irmel führte mich durch die Räume. Ein Freund habe ihnen als Meisterstück die Ladeneinrichtung angefertigt und viel Material und die Arbeit geschenkt. Sonst hätten sie sich das nie im Leben leisten können. Der Laden ist für eine Flößerstadt wie Lychen passend eingerichtet – vieles aus Holz handgefertigt. Für mich ist allein schon der Laden eine Reise nach Lychen wert. Glücklich berichtete mir Irmel damals von der zentimetergenauen Einpassung des gesamten Ladenmobiliars. Auch dass sie diese Geschäftsräume so zentral in Lychen bekommen haben, sei ein Wunder für sich, erwähnte Irmel begeistert. Ich konnte sie gut verstehen. Denn dass Gott Wunder wirkt, wenn man nach dem fragt, was er mit uns tun möchte, das hatte ich selbst schon erlebt!
Kraft genug Immer wieder werde ich gefragt, wie ich das alles schaffe. »Oft schaffe ich es auch nicht«, antworte ich dann mitunter. Je älter ich werde, desto mehr merke ich: Ob ich genug Kraft habe oder nicht, das hängt mit meiner Beziehung zu meinem Schöpfer zusammen: »Gedenke an den Herrn, deinen Gott; denn er ist’s, der dir Kräfte gibt«, so lese ich es in der Bibel (5. Mose 8,18). Dass ich jeden Morgen Kraft für den neuen Tag habe, das ist ein Gottesgeschenk genau wie die Freude. Ich möchte mich immer wieder mit Gottes Kraft füllen lassen, denn von allein geht einfach gar nichts. So hänge ich mich den ganzen Tag über an Gott und bitte um Hilfe und Rat für möglichst jede Situation. Über die Jahre kamen von Kunden auch Fragen wie: »Haben Sie diesen Schritt in die Uckermark nie28
mals bereut?«, »Macht es Ihnen noch Freude, so hinter dem Ladentisch zu stehen?«. Dazu kann ich nur sagen: Ich bereue nicht einen einzigen Tag dieser Entscheidung!
Es ist noch nicht vorbei! Dennoch ist es nicht immer einfach. Ich erinnere mich an eine Situation, in der ich ziemlich verzweifelt war und mir einen Fernsehgottesdienst aus den USA ansah. Der Prediger sang und der Chor im Hintergrund antwortete mit »Halleluja«. Mir liefen die Tränen und ich stimmte bewegt in das Halleluja mit ein. Danach predigte der Pastor und berichtete von konkreten Beispielen, was Gott an guten Dingen im Leben anderer Menschen getan hatte. Das sei im Leben eines jeden Menschen möglich, sagte er. Ich horchte auf. Denn zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht mehr, wie ich meinen Betrieb überhaupt noch weiterführen sollte. Vier meiner Mitarbeiterinnen hatten aufgehört – zwei wegen Krankheit und zwei hatten eine andere Stelle angenommen, da überall in der Uckermark Fachkräfte gesucht wurden. Grundsätzlich ist das eine sehr gute Entwicklung, aber es trifft einen doch sehr, wenn Mitarbeiter gehen, in die man viel investiert hat. Ich war noch in diese Gedanken versunken, als der Pastor plötzlich innehielt, direkt in die Kamera blickte und sagte: »Da gibt es eine Geschäftsfrau, der ich in diesem Moment zusprechen möchte: Der Herr sagt dir: Es ist noch nicht vorbei!« In diesem Moment gab es nur Gott, diesen Prediger und mich, die ich wie gebannt vor dem Bildschirm saß. Das musste für mich gewesen sein. Ich war gemeint! Ich nahm diesen Zu29
spruch damals für mich in Anspruch. Noch heute tragen mich diese Worte immer wieder durch den Alltag – wenn die Plätzchen angebrannt sind, die Arbeit nicht zu schaffen ist oder keine Aufträge da sind, wenn ich mal wieder eine Busgruppe nicht in den Kalender eingetragen habe und mein armer Mann allein mit fünfzig Menschen am Sonntagnachmittag ohne Kaffee und Kuchen klarkommen muss … Wie diese Episode wohl ausging, fragen Sie sich jetzt vielleicht? Das erzähle ich Ihnen an anderer Stelle. Bis heute ist da jedenfalls dieser kleine Zettel an meinem Schreibtisch, am Spiegel und in meiner Geldbörse: »Der Herr sagt dir: Es ist noch nicht vorbei!« Danke, Jesus!
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