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Annette Spratte


1 Altenkirchen, 9. Juni 1649 »He, aus dem Weg!« Der laute Ruf des Knechts unterbrach das Gespräch der beiden Frauen in der Kutsche. »Weg da!« Er fuchtelte mit den Armen, doch der Soldat stand weiter ungerührt mitten auf der Straße vor dem Erker des Schlosses und starrte mit halb offenem Mund an den dicken Steinmauern empor zu dem Fachwerk des Obergeschosses. Erst als das Pferd schon fast mit den Nüstern seine Schulter berührte, stolperte er erschrocken rückwärts, verlor das Gleichgewicht und landete unsanft auf dem Hosenboden. Sophie schlug sich die Hand vor den Mund. Der Mann schaffte es gerade rechtzeitig, seine Füße unter den Hufen des Pferdes wegzuziehen. Brüllendes Gelächter erscholl von drei weiteren Soldaten. Sie kamen näher und bedachten den am Boden Liegenden mit Fußtritten, während sie ihn lauthals verspotteten. Der junge Mann versuchte, sich mit halbherzigen Schlägen zu wehren, was seine Peiniger nur noch mehr zu erheitern schien. Sophie konnte es kaum fassen. »Was tut Ihr denn da?«, rief sie vom Wagen herunter. Vor Schreck war sie halb aufgestanden, spürte aber, wie ihre Freundin Elßgen sie am Arm zurück auf den Sitz zog. Die Soldaten hielten inne und sahen sie überrascht an. Das gab dem am Boden Liegenden genug Zeit, sich aufzurappeln. Sein Blick traf sich kurz mit Sophies, dann wandte er sich ab. Wut und Verzweiflung waren deutlich auf seinem Gesicht zu lesen. Die anderen fingen erneut an zu lachen und machten allerlei 5


obszöne Gesten in Sophies Richtung. Zum Glück folgten sie dem Wagen nicht. »Du bist doch völlig verrückt!«, schimpfte Elßgen. »Wie kannst du dich da einmischen?« Sophie hatte sich mit klopfendem Herzen wieder hingesetzt, die Wangen vor Aufregung gerötet. Sie atmete einmal tief durch. »Das ist mir so rausgerutscht«, sagte sie entschuldigend. Den schiefen Blick des Knechts hatte sie wohl bemerkt und war froh, dass die Situation glimpflich ausgegangen war. Ob der Mann einen Finger gerührt hätte, um sie zu beschützen, wagte sie zu bezweifeln. Der Wagen rumpelte weiter das Kopfsteinpflaster der abschüssigen Hauptstraße des Städtchens Altenkirchen entlang. Sie ließen das Schloss und die Kirche hinter sich, passierten das Wirtshaus Zum Falken und hatten kurz darauf den Marktplatz erreicht, der neben dem Schlosshof die einzige Freifläche in der am Hang gebauten Stadt bot, die nicht schräg war. Er lag links von der Hauptstraße und war von Häusern umringt. Der Knecht hielt das Pferd an. »Soll ich hier auf Euch warten, Fräulein Dormann?«, fragte er an Elßgen gewandt. »Natürlich. Ich werde alle Besorgungen aufladen lassen, also sei achtsam.« Elßgen ließ sich vom Wagen helfen. Auch Sophie erhielt Unterstützung beim Absteigen, allerdings mit deutlich weniger Ehrerbietung. Sie zuckte mit den Schultern. Warum sollte es anders sein? Sie war ja schließlich nur die Müllerin, keine reiche Bauerstochter wie Elßgen. Sie konnte sich glücklich schätzen, eine so gute Freundin zu haben, die nichts auf Standesunterschiede gab. Unter dem langen Krieg, der letztes Jahr endlich geendet hatte, hatten alle gleichermaßen gelitten, da waren die Menschen enger zusammengerückt. Elßgen hakte sich bei ihr ein und steuerte auf die ersten Marktstände zu. »Denkst du, wir werden Graf Christian zu Gesicht bekommen?«, nahm sie das zuvor unterbrochene Gespräch wieder auf. 6


Sophie lachte. Die Anspannung von vorhin war verflogen. »Ich glaube kaum, dass der hier über den Markt spaziert.« »Vielleicht reitet er aus und wir sehen ihn, wenn er aus dem Schloss kommt. Er sieht so schneidig aus«, schwärmte Elßgen. »Das findet seine hochschwangere Frau bestimmt auch«, warf Sophie mit einem Augenzwinkern ein. Elßgens Schwärmereien für diesen oder jenen Mann amüsierten sie immer wieder. Daran merkte sie, dass ihre Freundin fast zehn Jahre jünger war als sie. Mit beinahe dreißig schickten sich solche Albernheiten nicht, schon gar nicht, wenn man verheiratet war. »Ach Sophie, du bist immer so schrecklich pragmatisch. Darf ein Mädchen nicht mal träumen?« Sie umrundeten eine Gruppe schwatzender Frauen und hielten an einem Stand an, wo verschiedene Metallwaren feilgeboten wurden. Sophie suchte die Auslage mit den Augen ab, konnte aber nicht finden, was sie brauchte. »Habt ihr keine Stopfnadeln?«, fragte sie den Händler, der daraufhin in eine Kiste griff und eine Schachtel voller Nadeln herauszog. »Welche Größe benötigt Ihr, werte Dame?«, fragte er. Sophie wählte eine Nadel aus und kaufte auch gleich noch zwei lange Stricknadeln, die in ihren Korb wanderten. Sie hatte kaum bezahlt, da zog Elßgen sie schon zum nächsten Stand weiter. »Sieh nur, ist das nicht ein Traum?« Staunend betrachteten sie die kunstvoll getöpferten Kannen und Becher, die ein Töpfer um seinen Wagen aufgebaut hatte. »Bestes Geschirr, Kannen, Einmachtöpfe, greift zu, meine Damen! Feinstes Steingut aus dem Hause Knütgen, robust und edel zugleich«, pries der Mann seine Waren an. Sophie nahm eine Kanne in die Hand, die mit wunderschönen blauen Blumenmustern bemalt war. »Was soll die kosten?«, fragte sie, obwohl sie keine Kanne brauchte. Bei dem genannten Preis stellte sie sie schweren Herzens zurück. »Aber meine Dame, selbst der Graf von Isenburg hat solche 7


Kannen auf seinem Tisch stehen. Das könnt Ihr Euch doch nicht entgehen lassen!«, versuchte der Töpfer sie zu überreden. Sophie winkte lächelnd ab. »Ich nehme drei von den Einmachtöpfen«, sagte Elßgen und zog damit die Aufmerksamkeit des Verkäufers auf sich. Mit größtem Vergnügen kaufte sie zusätzlich etwas Geschirr und die Kanne, die Sophie bewundert hatte, und wies den Töpfer an, alles zum Wagen bringen zu lassen. Sie schlenderten weiter, wobei Sophie versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr sie Elßgen um die Kanne beneidete. Ob sie sich jemals solch einen Luxus würde leisten können? Sie waren kaum vorangekommen, da wurde Elßgen von einer alten Frau aufgehalten, die keine Zähne mehr im Mund zu haben schien. »Fräulein Dormann!«, rief sie, wagte jedoch kaum, den Blick auf Elßgen zu richten. Dennoch hielt sie sie mit beiden Händen am Arm fest und redete heiser auf die junge Frau ein. Sophie verstand über das allgemeine Stimmengewirr um sie herum kein Wort. Elßgen hörte geduldig zu, griff dann in ihre Rocktasche und zog einen kleinen Beutel hervor, aus dem sie einen Albus holte. Sie drückte ihn der alten Frau in die Hand. »Hier, Immel, kauf dir ein Brot, behüte dich Gott«, sagte sie. »Gott segne Euch!«, krächzte die Alte und bedankte sich so überschwänglich, dass sich mehrere Leute im Umkreis zu ihnen umdrehten. Mit etwas Mühe gelang es Elßgen, die Bettlerin abzuschütteln. Sophie wäre auch gern so großzügig gewesen wie ihre Freundin, konnte allerdings nichts entbehren. Dadurch, dass die Menschen kaum Getreide mahlen lassen konnten, weil die Soldaten alles weggeräubert hatten, waren auch die Taschen des Müllers leer. Sie kamen gerade so über die Runden und konnten froh sein, nicht selbst betteln gehen zu müssen. Sie genoss die vielen Begegnungen auf dem Markt, auch wenn 8


meist Elßgen diejenige war, die angesprochen wurde. Mit ihrem sonnigen Gemüt, den rosigen Wangen und der beneidenswerten Fähigkeit, alle Menschen mit Namen zu kennen, die ihr je begegnet waren, nahm sie jeden für sich ein. Die armen Leute wussten um ihre Mildtätigkeit und scheuten sich nicht, um Almosen zu bitten, während alle anderen einfach gern einen Plausch mit ihr halten wollten. Sophie war längst nicht so herzlich und viel pragmatischer, da hatte Elßgen schon recht, doch auch sie war vielen bekannt, die aus den umliegenden Dörfern nach Altenkirchen zum Markt kamen. Ihr Vater hatte sich einen Namen als ehrlicher Müller gemacht, was in diesen Zeiten Gold wert war. Manch einer ließ sein Korn lieber in Michelbach mahlen als in seiner Bannmühle, obwohl das eigentlich nicht gestattet war. Am unteren Ende des Marktes machten sie beim Wollhändler halt, wo Sophie eine Weile warten musste, ehe sie zwei Ballen erstehen konnte. Es war der Grund, warum sie mit Elßgen hatte fahren wollen. Sie konnte unmöglich die schweren Wollballen zu Fuß den ganzen Weg nach Hause schleppen. Ihr eigener Karren, das Pferd und die Schafe waren den plündernden Soldaten zum Opfer gefallen und bisher hatte ihr Vater sie noch nicht ersetzen können. Wenigstens die Schweine und Kühe hatten sie rechtzeitig auf eine entlegene Weide treiben können, sodass sie nicht ganz ohne Lebensgrundlage dastanden. Die abseits gelegene Mühle war Gott sei Dank bei den meisten Raubzügen übersehen worden, aber eben nicht immer. Sophie erklärte dem Wollhändler gerade, wo der Wagen stand, als einer der drei Soldaten von vorhin hinter ihr auftauchte. »Ach sieh an, da ist das hübsche Fräulein ja wieder«, sagte er mit einem anzüglichen Grinsen und streckte die Hand nach Sophie aus. Die zog geistesgegenwärtig eine Stricknadel aus dem Korb und verpasste ihm damit einen kräftigen Hieb auf die Finger. Blitzartig zog er die Hand zurück. »Wag es ja nicht, mich anzurühren, du ungehobelter Flegel!«, 9


stieß Sophie mit mehr Nachdruck hervor, als sie innerlich empfand. Sie spürte, wie Elßgen nervös ihren Arm packte. Die Stricknadel hielt sie wie ein Schwert umklammert und hoffte inständig, dass der Kerl sich trollen würde. Der schien ihre Wehrhaftigkeit allerdings recht reizvoll zu finden, bis sich eine Hand auf seine Schulter legte. Er fuhr herum und sah direkt in das finstere Gesicht des Marktaufsehers. »Ihr werdet diese Dame doch nicht belästigt haben, oder?«, fragte der drohend. Sofort hob der Soldat beide Hände und setzte seine unschuldigste Miene auf. »Nur ein freundliches Gespräch …«, sagte er lächelnd und machte, dass er wegkam. Sophie stieß einen erleichterten Seufzer aus und legte die Stricknadel wieder in den Korb. »Vielen Dank, das war sehr freundlich von Euch, Herr Brinck«, bedankte sie sich. »Nicht der Rede wert«, antwortete der Marktaufseher, der eigentlich Rentmeister war, an Markttagen jedoch zusätzlich die Marktaufsicht übernahm. »Soll ich Euch ein Stück begleiten?«, bot er jetzt an. »Ach Herr Brinck, wenn Ihr uns sicher zum Wagen zurückbringen würdet, wären wir Euch sehr dankbar«, seufzte Elßgen mit einem Seitenblick zu Sophie, die zustimmend nickte. Eigentlich hatten sie noch etwas länger über den Markt streifen wollen, auch wenn sie alle Besorgungen erledigt hatten, aber Sophie hatte so langsam genug von dem ganzen Trubel. Herrn Brinck schien diese Bitte sehr zu freuen. Er reichte Elßgen seinen Arm, die verstohlen in Sophies Richtung die Augen verdrehte, sich aber trotzdem bei ihm einhakte. Sophie musste ein Kichern unterdrücken. Der Rentmeister überschlug sich fast vor Höflichkeit und bedachte Elßgen mit so vielen Komplimenten, dass es kaum auszuhalten war. Dabei wirkte er etwas unbeholfen und gleichzeitig so hoffnungsvoll, dass sein Anliegen mehr als deutlich wurde. Wäre er nicht gerufen worden, hätten sie vermutlich ewig neben dem Wagen stehen 10


und sich seinen Wortschwall anhören müssen. So verabschiedete er sich mit einer tiefen Verbeugung und eilte mit einem bedauernden Blick auf Elßgen davon. »Himmel, der hatte mir gerade noch gefehlt!«, stöhnte Elßgen, während sie auf den Wagen stieg. »Ich weiß gar nicht, was du hast. Du willst doch einen Mann, warum nicht den Rentmeister?«, gab Sophie zurück. »Der legt dir garantiert die Welt zu Füßen.« Elßgen schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. »Sophie, ich bitte dich! Der Mann ist so trocken wie ein Sack voll Sägemehl. Der langweilt mich zu Tode, bevor ich dreißig werde.« Sophie prustete los und auch Elßgen legte ihre theatralische Leidensmiene ab und lachte. »Immerhin hat er mich gerettet, das rechne ich ihm hoch an«, sagte Sophie, als sie sich einigermaßen beruhigt hatten. »Das ist ja schließlich seine Aufgabe und der – wie hast du ihn genannt? Ach ja – der ungehobelte Flegel hat ja auch direkt klein beigegeben. Zum Glück.« Elßgen und Sophie sahen beide zurück zum Marktplatz, während sich das Pferd in die Riemen stemmte, um den Wagen den Berg hinaufzuziehen. Tatsächlich sahen sie die drei Raufbolde am Rand des Marktes stehen und hinter ihnen herglotzen. Überraschenderweise stand auch der vierte Soldat bei ihnen, der, den sie getreten hatten. Mit einem Schaudern wandte Sophie sich wieder nach vorn. Sie fragte sich, ob die Männer Söldner waren, die jetzt nach Ende des Krieges die Armee verlassen hatten. Sicher waren sie auf dem Heimweg in ihre Dörfer, wo auch immer die sein mochten. Ob auch Dietrich auf dem Heimweg war? Seit vier Jahren hatte sie nichts mehr von ihrem Mann gehört. Er hatte sich den kaiserlichen Truppen angeschlossen, nachdem sie … Unwillkürlich schüttelte sie den Kopf. Nein, daran wollte sie nun wirklich nicht denken. Die Junisonne lachte vom Himmel, und sobald sie das Stadttor 11


hinter sich gelassen hatten und den Weg hinunter nach Michelbach einschlugen, füllten die Lerchen die Luft mit ihrem fröhlichen Lied. Kein Grund, Trübsal zu blasen.

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2 Michelbacher Mühle, 9. Juni 1649 Der Wagen ließ das kleine Örtchen Michelbach hinter sich und bog von der Straße ab, um zur Mühle zu gelangen. Er tauchte in den Schatten der Weiden ein, die am Ufer des Flüsschens Wied wuchsen. Sophie atmete die kühlere, belebende Luft tief ein und genoss das Spiel der Sonnenstrahlen auf dem eilig fließenden Wasser zu ihrer Rechten. Der Fluss übte immer eine beruhigende Wirkung auf sie aus und sie hätte Stunden damit zubringen können, an seinem Ufer zu sitzen und auf die Wellen zu starren. Leider hatte sie selten Zeit dazu. Sie sah Elßgen an, die sie schweigend beobachtet hatte. »Du liebst diesen abgeschiedenen Ort wirklich, nicht wahr?«, fragte ihre Freundin überraschend nachdenklich. Verschwunden war der übliche Plauderton. »Ja, das tue ich. Trotz allem.« Elßgen nickte still, fing dann an zu lachen, nahm Sophies Arm und drückte ihn an sich. »Ich würde wahnsinnig werden, wenn ich den ganzen Tag nichts anderes hören würde als Entengeschnatter und plätscherndes Wasser.« Sophie stimmte in ihr Gelächter ein. »Du hast den Krach der Mühle und meinen hustenden Vater vergessen.« »Oh, stimmt! Die pure Abwechslung!« »Außerdem kommen ständig Leute, um ihr Korn mahlen zu lassen. Ich glaube fast, bei uns ist mehr los als bei euch.« Das stimmte natürlich nicht, denn der große Hof der Fami13


lie Dormann beschäftigte eine stattliche Anzahl von Mägden, Knechten und Helfern aller Art, besonders um die Erntezeit. Zusätzlich hatten die Bauern der Umgebung immer etwas zu besprechen, sodass dort ein ständiges Kommen und Gehen herrschte. Der Knecht hielt den Wagen mit einem lauten Ruf an. Die beiden Frauen bemühten sich, ernst zu werden, denn vor der Mühle saß der alte Hauprich mit seinen zwei Hunden, die vor einen kleinen Karren gespannt waren. Die Tiere lagen in ihrem Geschirr zu seinen Füßen und rührten kaum ein Ohr, während er genüsslich einen Bierkrug leerte. Er hob zum Gruß die Hand und Sophie nickte ihm zu. Durch das offene Tor der Mühle drang gleichmäßiges Klappern. Jetzt linste Konrad, der Müllerlehrling, zum Tor heraus. Sobald er den Wagen erblickte, kam er angelaufen. »Guten Tag, Fräulein Dormann«, sagte er so artig, dass Elßgen und Sophie doch wieder losprusten mussten. »Bring die Wollballen in die Stube, Konrad«, wies Sophie den Jungen an und sprang vom Wagen. »Ja, Frau Sophie.« »Warte, Sophie«, rief Elßgen ihr nach und kramte in ihren Einkäufen herum, während Konrad die Ballen von der Ladefläche zog, ohne seinen Blick von ihr zu wenden. Neugierig kam Sophie näher. »Hier, die ist für dich.« Elßgen hielt ihr die Kanne entgegen, wobei sie Konrad gekonnt ignorierte. »Ach, Elßgen, das ist lieb, aber ich brauche wirklich …« »Keine Widerrede! Du findest sie schön und das ist Grund genug, sie dir zu schenken. Freu dich dran und denk an mich, wenn du sie benutzt.« Elßgen zwinkerte ihr zu und Sophie konnte nicht anders, als ihr zu danken und die Kanne anzunehmen. »Sie bekommt einen Ehrenplatz.« »Nicht als Blumenvase!«, warf Elßgen sofort ein und brachte Sophie damit schon wieder zum Lachen. »Du kennst mich einfach viel zu gut«, erwiderte sie und legte 14


die Kanne vorsichtig in ihren Korb. »Worauf wartest du, Konrad? Dass die Ballen ins Haus fliegen? Nun mach schon.« Der Junge verzog das Gesicht, gehorchte jedoch. Sophie sah ihm kopfschüttelnd nach. Der Knecht wendete den Wagen, sodass sie Elßgens Miene nicht sehen konnte. Sie war sich ziemlich sicher, dass die junge Frau sich köstlich amüsierte. »Bis bald und nochmals vielen Dank!«, rief Sophie ihr nach und wartete, bis der Wagen im Schatten der Bäume verschwunden war.

»Ach, Sophie, du bist zurück. Das ist gut. Noch ein Bier, Hauprich?« Sophies Vater ließ den Mehlsack von seiner Schulter auf den Karren des Alten gleiten und richtete sich stöhnend auf. »Nee, heute nicht. Die Frau wartet daheim auf das Mehl.« Der alte Mann stellte den Bierkrug ab, stemmte sich mithilfe seines Gehstocks von der Bank hoch und brachte seine Hunde mit nicht gerade sanften Tritten ebenfalls auf die Beine. »Auf, ihr faulen Säcke. Los, hee, los!« Widerwillig setzten die Hunde den Karren in Bewegung, während der Alte ohne Abschiedsgruß neben ihnen herschlurfte und sie mit gelegentlichen Hieben seines Stocks vorantrieb. »Vielleicht sollte er es mal mit Futter statt mit Schlägen versuchen«, brummte Sophies Vater kopfschüttelnd. Sophie verkniff sich einen Kommentar. Der alte Hauprich war ihr unangenehm und sie war froh, dass sie ihn diesmal fast verpasst hatte. Sonst hielt er sie immer von der Arbeit ab, ließ sich von ihr mit Bier versorgen und verwickelte sie in ein Gespräch, das meist nach kurzer Zeit in anzüglichen Bemerkungen mündete. Eigentlich genoss sie es, mit den Mühlengästen zu plaudern, die sie gegen einen kleinen Obolus mit Getränken versorgte, während sie auf ihr Mehl warteten. So erfuhr sie immer den neuesten Dorftratsch, obwohl sie so abgelegen lebte. Doch manche Gäste waren weniger willkommen als andere. 15


Ihr Vater war bereits in der Mühle verschwunden und Sophie ging ins Wohnhaus, um zu sehen, ob Martha sich schon ans Abendessen gemacht hatte. Die alte Magd war verwitwet und half im Haus aus, seit Sophies Mutter vor vielen Jahren gestorben war. Wie Sophie befürchtet hatte, war Martha nirgends zu sehen. Konrad wollte sich gerade nach draußen verdrücken, aber Sophie hielt ihn zurück. »Mein lieber Konrad, was soll ich denn wohl mit den Wollballen dort mitten auf dem Boden?«, fragte sie und verschränkte die Arme. Der Vierzehnjährige zuckte nur mit den Schultern. »Schieb sie da hinten in die Ecke neben das Spinnrad, wo ich nicht drüberspringen muss, wenn ich den Raum durchqueren will«, wies Sophie ihn energisch an. Dann machte sie sich auf die Suche nach Martha. Sie fand sie im Gemüsegarten hinter dem Haus, wo sie gemütlich auf einer Bank saß und eine ihrer furchtbaren Pfeifen rauchte. Wenigstens zeugte ein Korb voller Unkraut davon, dass sie das nicht den ganzen Tag getan hatte. Ein Krachen, gefolgt vom Abebben des Lärms der Mühle, sagte Sophie, dass ihr Vater das Wehr geschlossen hatte. Angenehme Stille breitete sich aus. »Ich kümmere mich gleich um das Essen«, nahm Martha Sophie ihr Ansinnen vorweg und klopfte ihre Tonpfeife an der Seite der Bank aus. Dort hatte sich bereits ein kleines Häufchen würzig duftender Asche gebildet, die längst nicht so unangenehm roch wie das frisch verbrannte Kraut. »Gut. Sind die Tiere versorgt?«, fragte Sophie. »Bis aufs Melken«, erwiderte Martha knapp, steckte die Pfeife in eine ihrer Rocktaschen und stand gemächlich auf. Sophie wusste genau, dass es nichts nützte, die alte Frau anzutreiben, auch wenn es sie manchmal zur Weißglut brachte. Martha tat die Dinge in ihrem Tempo, so wie sie es für richtig hielt. Da konnte Sophie wenig ausrichten, auch wenn sie eigentlich die Herrin in der Mühle war. Also atmete sie nur einmal tief durch und lief hinunter zu den Ställen, um dort nach dem 16


Rechten zu sehen. Zufrieden, dass Konrad beim Ausmisten nicht geschludert hatte, sammelte sie alle Eier in ihre Schürze, die sie finden konnte, und kehrte in die Küche zurück. Sie legte die Eier in den Vorratsschrank und räumte ihre Einkäufe weg. Die neue Kanne stellte sie mit einem Lächeln mitten auf den Tisch in der Stube. Sie war sich nicht ganz sicher, ob sie ihr nicht doch als Blumenvase dienen würde.

Der nächste Tag brachte gleich mehrere Gäste zur Mühle. Zwei Karren, einer von einem Pferd, der andere von einem Ochsengespann gezogen, rumpelten am frühen Nachmittag den Weg herauf. Das Schwatzen und Lachen der Michelbacher war schon von Ferne zur Mühle herübergedrungen. Mit fröhlichem Hallo wurden die Müller begrüßt und Sophie war froh, dass sie schon einen großen Teil ihrer Arbeit am Morgen erledigt hatte, denn die nächsten zwei Stunden würde sie sicherlich zu nichts kommen. Sie versorgte die Mühlengäste mit Getränken, während Konrad sich daranmachte, das Korn vor dem Mahlen abzumessen und zu sieben. Er wurde dabei von den Bauern genau beobachtet, obwohl sie den Anschein gaben, mehr an ihrer geselligen Runde als am Mahlvorgang interessiert zu sein. Auch Henrich Neuhoff, Sophies Vater, ließ den Jungen nicht aus den Augen. Erst seit Kurzem erlaubte er ihm, diese wichtige Aufgabe auszuführen, und es schlichen sich häufig Fehler ein. Wenn das der Fall war, griff Henrich sofort ein. »Halte alles sauber getrennt«, bläute er ihm erneut ein, denn Konrad wollte schon wieder zwei Säcke von verschiedenen Gästen zusammenschütten. Sophie schüttelte den Kopf. Dieser Junge war mit seinen Gedanken sonst wo, aber nicht bei der Arbeit. Ob aus ihm einmal ein anständiger Müller werden würde, wagte sie zu bezweifeln. 17


Es gab Jungs, die mit vierzehn schon deutlich reifer und verantwortungsbewusster waren als Konrad. Er hingegen benahm sich wie ein zehnjähriger Bengel, der nichts als Flausen im Kopf hatte. Vielleicht lag es daran, dass er verwaist war und so lange hatte hungern müssen, ehe Henrich sich seiner angenommen hatte. »Sophie, machst du das Wehr auf?«, rief ihr Vater ihr über das Gelächter der Gäste zu. Sie stieg den Hang zu der Wehranlage hinauf, die das Wasser des Mühlengrabens staute. Mit einer langen Stange stemmte sie den Schütz nach oben und beobachtete mit Genugtuung, wie das Wasser durch die Öffnung gegen die Schaufeln des Mühlrades strömte und es in Bewegung setzte; erst drehte es sich ganz langsam, dann immer schneller. Sofort begann innen das Klappern des Mühlengetriebes, gefolgt vom Rumpeln des Läufersteins. Als sie zu den Gästen zurückkehrte, stellte Sophie verwundert fest, dass die Gespräche verstummt waren. Alle schauten den Weg entlang, wo gerade vier Gestalten aus dem Schatten der Bäume traten. »Was wollen die denn hier?«, fragte Johann, ein Michelbacher Bursche. »Wer ist das?«, wollte Sophie wissen. Die Männer kamen ihr nicht bekannt vor. »Soldaten auf der Suche nach Arbeit«, erklärte Johann. »Die haben heute schon den ganzen Morgen im Dorf rumgefragt. Geh besser ins Haus, Sophie. Ich trau den Kerlen nicht.« Sophie blieb, wo sie war. Der Krieg war vorbei und mit so vielen Menschen auf dem Hof, die ihr wohlgesonnen waren, fühlte sie sich sicher. Als die Männer näher kamen, wünschte sie sich allerdings, sie wäre doch hineingegangen. Es waren die Flegel, die sie gestern auf dem Markt gesehen hatte. Der eine erkannte sie auch sofort und zog mit einer übertriebenen Verbeugung seinen Hut vom Kopf. »Guten Tag, hübsches Fräulein, wie nett, Euch wiederzusehen.« »Schert euch fort, hier gibt es keine Arbeit für euch«, fuhr 18


Johann ihn an, ehe Sophie etwas erwidern konnte. Er war aufgesprungen und auch die anderen richteten sich auf und warfen den Männern feindselige Blicke zu. Keiner hier war gut auf Soldaten zu sprechen. »Nur die Ruhe, wir hegen keine bösen Absichten.« Der Mann hob beschwichtigend die Hände und trat einen Schritt zurück. »Wenn wir hier etwas Köstliches zu trinken bekämen, wären wir nicht abgeneigt. Arbeitssuche macht durstig.« So ganz überzeugten seine Worte sie nicht, doch sie war durchaus bereit, an ihm zu verdienen. »Zwei Albus für den Krug Bier. Wenn Ihr nicht zahlen könnt, gibt es nichts.« Überraschenderweise ließen die Männer sich darauf ein, was bei den Dörflern für einige Erheiterung sorgte. Keiner klärte die vier darüber auf, dass sie alle weniger bezahlten. Da die Bänke besetzt waren, mussten die Soldaten ihr Bier im Stehen trinken, was sie nicht zu stören schien. Sie sahen sich neugierig um und einer fragte, wo die Straße hinführte, von der sie abgebogen waren. »Da kommt Ihr nach Widderstein. Vielleicht hat der Dormann Arbeit für Euch, es geht ja jetzt in die Heuernte.« Das Gespräch verstummte. Einer der Soldaten begann, herumzuwandern und sich alles genau anzusehen. Erst warf er einen Blick durch das offene Tor der Mühle, bis Sophies Vater mit einem Sack Mehl auf der Schulter herauskam, den er auf dem Ochsenkarren ablud. Danach wanderte der Soldat hinauf zum Wehr, wo er sich gefährlich nahe an die Lücke zwischen Mühlenwand und Geländer stellte. Es war der Mann, den die anderen gestern getreten hatten. »He, kommt da weg!«, rief Sophie, doch der Kerl reagierte nicht. Seine drei Kumpanen fingen an zu lachen. »Da könnt Ihr rufen, so laut Ihr wollt, hübsches Fräulein, der hört Euch nicht. Taub wie ein Stockfisch.« Sophie schluckte. Sie wollte auf keinen Fall, dass der Soldat in 19


den Mühlengraben fiel und vom Mühlrad zermalmt wurde. Er musste nur auf dem feuchten Boden ausrutschen … Sie hastete zu ihm und zog ihn am Ärmel von der Stelle weg. Der junge Mann sah sie überrascht an. Erst hatte sie Angst, er würde zurückweichen, doch dann folgte er ihr vom Abgrund weg. »Geht da lieber nicht hin«, warnte sie, merkte allerdings im gleichen Moment, wie sinnlos das war. Wenn er taub war, konnte er natürlich nicht verstehen, was sie sagte. Jetzt wurde ihr auch klar, warum er gestern nicht auf die warnenden Rufe des Knechts reagiert hatte. Sie sah ihm in die Augen und las darin eine so tiefe Verzweiflung, dass es ihr die Kehle zuschnürte. Schnell wandte sie den Blick ab und bedeutete ihm mit einer Handbewegung, zu den anderen zurückzugehen. Die empfingen ihn mit rauem Gelächter, stießen ihn zwischen sich hin und her und schlugen ihm wiederholt die Mütze vom Kopf, bis Sophie der Kragen platzte. »Hört sofort auf damit!«, schimpfte sie. »Wenn Ihr Euch nicht anständig benehmen könnt, verschwindet!« Sie spürte, wie Johann sich an ihre Seite stellte, die Arme drohend verschränkt. Auch zwei der anderen Michelbacher waren aufgestanden. Die Soldaten zeigten sich wenig beeindruckt, stellten jedoch die leeren Bierkrüge auf den Boden und verabschiedeten sich mit theatralisch tiefen Verbeugungen und höhnischem Gelächter. Ihren tauben Kameraden trieben sie mit weiteren Stößen und Schlägen vor sich her. »Dass der sich das gefallen lässt«, murmelte Johann. Etwas Ähnliches hatte Sophie auch gedacht. Der Mann sah kräftig aus und war sicher in der Lage, sich zu wehren. Ob er allerdings gleichzeitig gegen drei ankam, war fraglich. Sobald die Soldaten außer Sichtweite waren, löste sich die Anspannung und die Gespräche wurden wieder aufgenommen. »Habt ihr schon gehört, dass der Ölschlägers Sepp krank sein soll?« 20


»Was hat er denn?« »Sie wissen es nicht genau. Fieber hat er und redet wirr, aber Beulen sind keine aufgetaucht, also ist es nicht die Pest, Gott sei Dank. Seine arme Mutter weiß sich nicht mehr zu helfen. Die Wadenwickel nützen kaum. Kann Martha nicht mal nach ihm schauen?« Der Bauer sah Sophie fragend an. »Nach wem soll ich schauen?« Martha, die gerade mit einem Eimer Milch um die Stallecke kam, bedachte den Bauern mit einem kritischen Blick. »Nach dem Ölschlägers Sepp. Der könnte die Hilfe einer Kräuterhexe gut brauchen, glaube ich.« »Nenn mich nicht so, du Esel. Willst du mich auf den Scheiterhaufen bringen?«, keifte Martha ihn an. »Schon gut, schon gut! Weise Frau, die in der Kräuterkunde bewandert ist«, verbesserte er sich unter dem Gekicher der anderen. Auch Sophie musste schmunzeln, verbarg es jedoch geschickt, indem sie die Bierkrüge einsammelte und im Waschtrog neben dem Haus ausspülte. Martha murmelte etwas vor sich hin und spuckte auf den Boden. »Vielleicht schaue ich morgen mal nach ihm. Heute laufe ich nicht mehr nach Widderstein. Hab schon genug geschuftet.« Damit verschwand sie im Haus. »Kaum nach Mittag und sie hat schon genug geschuftet? Arme Sophie, nachmittags bleibt alle Arbeit an dir hängen«, feixte Johann. »Ja, bemitleide mich ruhig. Anstatt hier herumzusitzen, könntest du mir Mist in den Gemüsegarten bringen, das wäre mal eine Hilfe.« Sophie sah ihn herausfordernd an. »Nur, wenn ich eine Belohnung bekomme«, erwiderte Johann grinsend. Sophie ahnte, an was für eine Belohnung Johann dabei dachte. Der Bursche machte ihr schon länger schöne Augen, obwohl sie verheiratet war. Bisher war es bei harmlosem Geplänkel ge21


blieben; nur einmal hatte er sie ernsthaft gefragt, ob sie wirklich glaubte, dass Dietrich eines Tages zurückkommen würde. Vielleicht war sie verrückt, daran festzuhalten, konnte die Hoffnung allerdings nicht aufgeben. Bevor sie nicht sicher wusste, dass er tot war, würde sie weiter auf ihn warten. »Du kriegst ein Bier umsonst«, versprach sie Johann jetzt und lachte genauso wie die anderen über sein enttäuschtes Gesicht. Dass er trotzdem aufstand, eine Schubkarre mit Mist volllud und unter dem Spott der Gruppe in den Gemüsegarten schob, hatte sie nicht erwartet.

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