Lynn Austin
Wenn die Schatten einmal weichen
Prolog Die Niederlande Mai 1945 Lena lag wach im Bett und wartete. Es schien, als seien die Geräusche in der rabenschwarzen Nacht viel lauter als sonst. Sie hörte das leise Rascheln der Schattenmenschen, die unten im Bauernhaus durch die Dunkelheit krochen. Das Knarren des Scheunentors und das Flüstern des Heus, als sie in dieser mondlosen Nacht über die Tenne schlichen. Die Schattenmenschen warteten auch. War ihnen dieses Warten genauso verhasst wie ihr? Der Krieg hatte Lena de Vries vieles zu tun gelehrt. Schwierige, unmögliche Dinge. Sie hatte gelernt, mutig zu sein, angetrieben von Angst und Glauben. Sie hatte gelernt, dem Tod ins Auge zu sehen und dabei die Hand des Heilands fest zu umklammern. Aber das Warten war die schwierigste Lektion von allen. Jede einzelne Minute kam ihr vor wie eine Stunde. Jede Stunde zog sich endlos hin. Am Tag stand die Sonne am Himmel still und nach jeder endlosen Nacht – wie dieser – ließ sie sich alle Zeit der Welt, wieder aufzugehen. Lena hoffte wider alle Vernunft, dass ihr Mann Pieter noch am Leben war, dass er nach Hause kommen und sie ihn irgendwann in die Arme schließen könnte. Oder dass ihre Tochter Ans und ihr Sohn Wim immer noch lebten und wohlbehalten zurückkommen würden. Sie wusste, wenn einer von ihnen durch die Tür kam, würde ihre Freude die langen Monate des Wartens wettmachen. Falls sie jemals zurückkehrten. Die vergangenen sieben Tage waren die längsten in Lenas fünfundvierzig Lebensjahren gewesen. Eigentlich sollte der Frühling eine Zeit der Wiedergeburt und der Hoffnung sein, aber heute Nacht machte sich ihre Angst selbständig und presste alles Leben aus ihrem Herzen, sodass jede Hoffnung verlosch. Lena atmete seufzend aus und drehte sich im Bett um, während sie ein lei7
ses Gebet für Pieter und Ans und Wim flüsterte. Und für all die Schattenmenschen, die im Dunkeln mit ihr warteten. An Schlaf war nicht zu denken. Lena hatte schon lange nicht mehr tief und fest geschlafen, eigentlich seit dem Tag vor fünf Jahren, als die Nazis einmarschiert waren. Sie stand auf, wobei sie sich Mühe gab, ihre beiden Töchter Maaike und Bep nicht zu wecken, die neben ihr im Bett schliefen, wo eigentlich Pieter liegen sollte. Ihre Mädchen hatte Lena in Zeiten wie diesen immer in ihrer Nähe. Sie zog einen Pullover über ihr Nachthemd und tastete sich hinunter, vertraut mit jeder schmalen Stufe der steilen Winkeltreppe. Am Fuß der Treppe blieb sie stehen. Ein Schatten huschte durch ihre Küche, als suchte er etwas. Ihr Herz machte einen Satz. »Pieter?«, flüsterte sie. Der Schatten drehte sich um. Es war Wolf, ihr Kontaktmann beim niederländischen Widerstand. Seinen richtigen Namen kannte sie nicht. So war es sicherer. »Habe ich dich geweckt?«, flüsterte er. »Das tut mir leid. Ich habe einen Bleistift gesucht. Ich wollte dir eine Nachricht schreiben.« »Hast du Neuigkeiten von meinem Mann?« »Nein. Aber ich habe gute Nachrichten. Alliierte Truppen sind in Holland gelandet. Kanadische Panzer haben viele unserer Städte befreit. Hier ist die neueste Zeitung.« Er zog das dünne Untergrundblatt aus seiner Tasche und reichte es Lena. Sie warf einen Blick darauf und rollte es instinktiv zusammen, damit es in ihr Fahrradgestell passte. Dort würde sie es vor den Nazis verstecken, wenn sie es ihrer Cousine im Dorf brachte. »Aber bis zu uns sind die Alliierten noch nicht gekommen?«, fragte sie. »Bald. Ich bin hier, um dir und den anderen zu sagen, dass es nicht mehr lange dauern wird. Vielleicht sogar schon morgen.« Zwei weitere Schatten schlüpften in die Küche, während Lena und Wolf miteinander sprachen. Sie verließen ihr Versteck nur nachts und verschwanden vor Tagesanbruch wieder. Wie mussten sie sich danach sehnen, die Sonne wieder im Gesicht zu spüren. 8
»Und es ist diesmal kein falscher Alarm wie im letzten Herbst?«, flüsterte einer der Schatten. Lena erinnerte sich an den »verrückten Dienstag«, als Gerüchte von einer Befreiung das Land mitgerissen hatten. Unter den deutschen Soldaten war Panik ausgebrochen und unter den Niederländern Jubel. Viele Nazis und ihre Kollaborateure waren nach Osten geflohen. Als das Gerücht sich als Fehlalarm erwies, kamen sie zurück. Und die Hoffnung erstarb. »Diesmal stimmt es«, sagte Wolf. »Ich habe die kanadischen Panzer mit eigenen Augen gesehen.« Lena schloss einen Moment lang die Augen. Würde das Warten wirklich ein Ende haben? »Woher wissen wir, wann es ungefährlich ist herauszukommen?«, fragte der andere Schatten. »Wenn sie die Kirchenglocken in der Stadt läuten. Ich muss los«, sagte Wolf und schob sich zur Tür. »Ich muss den anderen Bescheid sagen.« »Warte«, sagte Lena. »Hast du Hunger? Hast du etwas gegessen?« Wolf war dünn wie ein Schatten. Seine eingefallenen Wangen ließen ihn im Dunkeln wie ein Skelett aussehen. Tausende Menschen, die in den Städten festsaßen, verhungerten jeden Tag. Städte wie Leiden, wo Lenas Tochter Ans wohnte. »Du musst schon genügend Personen durchfüttern«, widersprach Wolf. »Dann macht einer mehr auch nichts aus.« Sie öffnete die Backröhre über dem Herd und zog eine gebackene Kartoffel heraus, schlug sie in ein Tuch, um sie warm zu halten, und drückte sie ihm in die Hand. »Ich wünschte nur, ich könnte dir mehr geben.« Die Kartoffel war klein und verschrumpelt, eine der letzten aus ihrem fast leeren Rübenkeller. »Danke, dass du gekommen bist, Wolf. Ich werde die Neuigkeiten weitergeben.« Er hatte Lena Hoffnung geschenkt. Und durch die Hoffnung würde das Warten nur noch schwieriger werden. Nachdem Wolf gegangen war, setzte Lena sich zusammen mit den Schattenmenschen an den Küchentisch und las ihnen die Zeitung vor, während sie jeder eine Kartoffel und etwas gekoch9
ten Kohl aßen. Sie kannte nur ihre Decknamen – Max und seine Frau Ina – und sie wusste, dass die beiden Juden waren. Max fälschte nachts in Lenas Keller Ausweise für den Widerstand. Als es hell wurde, half Lena ihnen, wieder in ihr Versteck hinter dem Klavier zu kriechen. Pieter hatte die Tür so verkleidet, als hätte es sie nie gegeben, und dann im unteren Teil ihres Klaviers einen geheimen Eingang in den kleinen Raum nebenan eingebaut. Die tiefen Töne des Instruments funktionierten nicht mehr, aber die anderen Tasten schon. Nur wenige Menschen wussten von diesem Versteck, nicht einmal Lenas jüngere Töchter. Sie hatten auch keine Ahnung, dass Max und Ina seit über einem Jahr hinter dem Klavier lebten. Nachdem sie sich angezogen hatte, legte Lena die restlichen Kartoffeln und einen Brotkanten, den sie aufgehoben hatte, in einen Korb und ging damit durch die Tür, die von der Küche in die Scheune führte. Sie wusste nie, wie viele Schatten sich in ihrer Scheune versteckt hielten oder wie lange sie bleiben würden. Einige von ihnen verbargen sich auch ganz oben in der alten Windmühle, die Wasser auf die Felder pumpte. Die Männer und Frauen des Widerstands verstellten die Windmühlenflügel, um anzuzeigen, wann es für die Schattenmenschen sicher war, sich auf ihrem Hof zu verstecken. Auch hier war es besser, wenn Lena nicht zu viel wusste. Sie kochte nur, was an Lebensmitteln da war, und brachte es ihnen, während sie Gott bat, es zu vermehren, wie er es bei den fünf Broten und zwei Fischen getan hatte. Mehrere Männer kamen aus ihren Verstecken in der Scheune, als Lena den Choral sang, der ihnen als Zeichen diente. Während sie aßen, las sie ihnen Wolfs neueste Ausgabe der Zeitung vor. Vier der Männer waren noch keine zwanzig Jahre alt – wie ihr Sohn Wim. Andere sahen aus wie onderduikers, ganz normale Ehemänner und Väter, die gezwungen gewesen waren »unterzutauchen«, damit sie nicht in deutsche Arbeitslager deportiert wurden. Oder vielleicht waren sie auch Bahnarbeiter, denen die niederländische Exilregierung befohlen hatte zu streiken, um die Nazis zu behindern. Einer der jungen Männer war schlank, hatte dunkelbraunes Haar und eine Brille auf der Nase. Ob er Jude war? 10
»Was werden Sie als Erstes tun, wenn die Alliierten kommen und die Niederlande befreien?«, fragte sie. »Nach Hause gehen«, lautete ihre einstimmige Antwort. Die Schattenmenschen sprachen über Dinge, die sie vermissten, und das Essen, auf das sie sich freuten, während sie Brot und Kartoffeln aufaßen. »Ich habe gehört, die Alliierten verschenken Zigaretten«, sagte einer der Männer. »Für was zu rauchen würde ich alles geben.« Bei Tagesanbruch bot sich einer von ihnen an, für Lena die Kühe zu melken. »Ich bin auf einem Bauernhof in Friesland aufgewachsen«, sagte er. »Das Melken erinnert mich an zu Hause.« Er strich der Kuh über die Flanke, als begrüßte er einen alten Freund, dann nahm er auf dem Melkschemel Platz. »Soll ich sie zum Grasen rauslassen, wenn ich fertig bin?« »Nein, sie müssen heute noch mal in der Scheune bleiben. In einem nahe gelegenen Dorf sind neulich drei Kühe von Schrapnellen einer Nazirakete getötet worden.« »Außerdem könnte jemand sie stehlen, weil er Hunger hat.« »Das auch.« Lenas Töchter tranken etwas von der noch warmen Milch zum Frühstück. Auch sie sahen dünn und schattenhaft aus. Ihre beiden großen Kinder, Wim und Ans, waren in dem Alter kräftig und rundlich gewesen und hatten rosige Wangen gehabt. Vor dem Krieg. Als das Leben freundlich und gut gewesen war. Als sie jede Menge zu essen gehabt hatten. »Ich glaube, wir nehmen die restliche Milch heute Morgen mit ins Dorf«, sagte sie zu den Mädchen, »und tauschen sie gegen etwas anderes ein.« Bei der Aussicht, in den Ort zu gehen, hüpfte Bep vor Aufregung. Mit ihren vier Jahren war sie voller Leben und Energie. »Darf ich eine Schleife im Haar tragen?«, fragte sie. »Es ist doch nicht Sonntag«, antwortete Maaike. »Ich weiß, aber darf ich, Mama?« »Ja, warum nicht?« Nach dem Frühstück bürstete Lena Beps langes dunkles Haar und band eine Schleife hinein. Es fiel ihr in dicken Naturwellen über die Schultern. »Möchtest du auch eine?«, fragte sie Maaike. Doch die schüttelte den Kopf. Als Elf11
jährige war sie nicht mehr an mädchenhaften Schleifen interessiert. Lena flocht Maaikes strohblonde Mähne – sie selbst war auch blond – zu einem dicken Zopf, der ihr fast bis zur Taille reichte. Dann holte Lena ihr kaputtes Fahrrad aus der Scheune. In Friedenszeiten würde ihr Rad als Schrottkiste gelten – und das war es auch –, aber wenigstens machten die Nazis sich so nicht die Mühe, es zu konfiszieren. Sie setzte Bep auf die Lenkstange und Maaike kletterte auf das Brett, das Pieter am Gepäckträger befestigt hatte. Lena band die beiden Behälter mit Milch unter ihrem Pullover und ihrer Schürze fest, dann machten sie sich auf den fünf Kilometer langen Weg ins Dorf. Die Weiden zwischen ihrem Hof und dem Dorf sahen an diesem Morgen blass und müde aus wie ein Kranker, der zu lange im Bett gelegen hat. Wieder fehlten einige Zaunpfähle und mehrere Bäume waren verschwunden, weil jemand sie im vergangenen Winter zu Brennholz zerhackt hatte. In diesem langen, endlosen Hungerwinter. Weil die Bahnarbeiter streikten, waren Lebensmittel in den Städten so rar geworden, dass halb verhungerte Menschen von Leiden und Den Haag zu Lenas Bauernhof gewankt waren, um sich Essen zu erbetteln. Ihr kleines Volk würde viel wieder aufbauen müssen, wenn der Krieg endlich zu Ende war. Aber Lena hatte den Verdacht, dass die schwierigste Aufgabe darin bestehen würde, die Zwietracht und das Misstrauen zu beenden, das unter Nachbarn herrschte und sogar ganze Familien zerriss. In den vergangenen fünf Jahren hatte niemand gewusst, wem er vertrauen konnte oder wer ein Geheimnis an die Nazis verkaufen würde, um die eigenen hungernden Kinder zu ernähren. Als Pieter und sie sich bereit erklärt hatten, Juden und onderduikers zu verstecken, hatten sie gewusst, dass man sie verhaften würde, wenn sie entdeckt wurden. Lena war schon fast im Ort, als sie den herrlichen Missklang der Kirchenglocken in der Ferne hörte. Sie wurde langsamer, als Freude in ihrem Herzen aufstieg. »Hört mal, Mädchen! Hört ihr die Glocken?« »Aber heute ist doch gar nicht Sonntag, Mama«, sagte Bep. »Ich weiß. Es bedeutet, dass unser Land frei ist! Wir sind frei!« 12
Sie hatte die Worte ausgesprochen, konnte aber kaum begreifen, dass es die Wahrheit war. »Bedeutet das, dass die Nazis jetzt gehen?«, fragte Maaike. »Ja, jetzt gehen sie für immer weg. Die Niederlande werden wieder frei sein!« Sie konnte es sich gar nicht vorstellen. Lena fragte sich, ob Maaike sich überhaupt an eine Zeit erinnerte, in der Soldaten auf knatternden Motorrädern nicht zum normalen Straßenbild gehörten. Sie war erst sechs Jahre alt gewesen, als die Nationalsozialisten in die Niederlande einmarschiert waren. Und die kleine Bep hatte die Freiheit noch gar nicht kennengelernt. Auf dem letzten Kilometer in die Stadt fuhr Lena schneller. Auf dem Dorfplatz und auf der Straße vor der Kirche ihres Vaters drängten sich die Menschen, als wäre Ostersonntag. Die Kirchenglocken tönten so laut, dass man sie wahrscheinlich bis zum Hof hörte. Lenas Freunde und Nachbarn lachten und umarmten einander, während ihnen die Tränen übers Gesicht liefen. Lenas Cousine Truus schob sich durch die Menge und umarmte Lena ganz fest und die Milchkannen schlugen gegeneinander, als die beiden Frauen sich auf der Stelle hin und her wiegten. »Ist es nicht herrlich, Lena? Wir sind frei! Endlich sind die Nazis fort!« »Und sieh dir nur all diese Menschen an, die in Verstecken gewesen sein müssen«, sagte Lena, als Truus sie wieder losließ. Zwischen den Dorfbewohnern liefen Fremde umher, die Lena noch nie gesehen hatte. Ihre kreideweiße Haut und die verängstigten Mienen verrieten ihr, dass es sich um Schattenmenschen handelte. »Ich hatte keine Ahnung, dass so viele von ihnen hier im Ort versteckt waren!« »Und merkst du auch, wer nicht hier ist?«, fragte ihre Cousine. »Die dreckigen Kollaborateure sind alle abgehauen.« »Was für eine Erleichterung.« Lena fragte sich, ob diese Leute für das, was sie getan hatten, zur Rechenschaft gezogen werden würden. Sie hatten viel zu verantworten. Lena kannte die Menschen in diesem Dorf schon ihr ganzes Leben lang, sie hatte jeden Sonntag in der Kirchenbank neben ihnen gesessen und wusste, dass der Krieg über jedes Leben, jede Familie Tragödien hatte hereinbrechen lassen. Jetzt sah sie zu, wie diese Menschen jubelten 13
und sich umarmten und fragten: »Ist es wirklich vorbei? Sind sie endlich fort?« Einer der Ältesten der Gemeinde fing an zu singen und alle stimmten in die Worte des Psalms ein: »Gott, der du uns geholfen hast, bist Hoffnung alle Zeit, du bist die Zuflucht vor dem Sturm und auch in Ewigkeit.« Lena nahm Beps Hand und wischte sich die Tränen von den Wangen, während sie sang. Wenn doch Pieter und Papa nur hier wären und dies sehen könnten. Sie musste schnell nach Hause fahren und ihren eigenen Schattenmenschen die frohe Botschaft bringen. Max und Ina konnten hinter dem Klavier hervorkommen. Die onderduikers konnten zu ihren Familien zurück. Vielleicht waren Pieter und Ans und Wim ja schon auf dem Weg nach Hause. Sie tauschte die Milch gegen etwas Käse und einen Laib Brot ein. »Ihr könnt die Sachen auf dem Heimweg tragen«, sagte sie zu ihren Töchtern. »Jetzt brauchen wir sie nicht mehr zu verstecken.« Freude und Hoffnung wärmten Lena wie die Frühlingssonne, während sie in die Pedale trat. Die Felder sahen jetzt grüner aus als auf dem Weg in die Stadt. »Ihr könnt herauskommen! Es ist nicht mehr gefährlich!«, rief sie, während sie ihr Fahrrad in der Scheune abstellte. »Die Niederlande sind frei!« »Ist es sicher?«, rief eine Stimme. »Ganz sicher! Schnell! Lauft zur Windmühle hinauf und sagt es den anderen.« Lenas Töchter klebten an ihr, als die Schattenmenschen aus allen Ecken der Scheune hervorkamen. Maaike und Bep hatten keine Ahnung, wer diese Männer waren. Lena lachte, als sie die erstaunten Mienen der Mädchen sah, und gab ihnen ein Zeichen, damit sie ihr zur Küche folgten und dann ins Wohnzimmer. Sie bückte sich und klopfte an die untere Rückwand des Klaviers. »Ihr könnt jetzt herauskommen! Die Niederlande sind frei! Wir sind frei!« Mit großen Augen beobachteten die Mädchen, wie die Platte zurückgeschoben wurde und Max und Ina herauskamen. Lena riss die Haustür weit auf und 14
sagte: »Seht nur! Es ist ein herrlicher Tag! Endlich könnt ihr hinaus!« Die beiden bewegten sich wie im Traum, als sie sich zu den anderen Schattenmenschen vor der Scheune gesellten. Wie die Dorfbewohner sahen sie sich staunend um und lachten und jubelten. Ina sank auf die Knie, schlug die Hände vors Gesicht und weinte. Jenseits des Gartens standen mehrere Männer auf dem oberen Boden der Mühle und jubelten und streckten ihr Gesicht der Sonne entgegen. Lena winkte ihnen von der Haustür aus zu. Maaike stand neben ihr. »Wer sind denn alle diese Leute, Mama? Und was machen sie hier?« »Sie haben sich vor den Nazis versteckt. Dein Papa hat gesagt, dass sie hier bei uns bleiben können, wo sie in Sicherheit sind. Aber jetzt müssen sie sich nicht mehr verstecken.« Sie sah sich nach Bep um und entdeckte, wie ihre Tochter vor dem Klavier hockte und hineinschaute. »Sieh mal, Maaike!«, sagte Bep. »Da ist ein kleiner Raum im Klavier mit Decken und einem Bücherregal und allem. Komm und guck mal!« Als Maaike zu ihrer kleinen Schwester ging, nahm Lena die Fotografie, die sie bei einem Fotografen von ihrer Familie hatte machen lassen, vom Klavier. Das Bild war 1939 während einer Reise nach Leiden entstanden, ein Jahr vor dem Einmarsch der Nazis, bevor einer von ihnen geglaubt hatte, der Krieg könnte auch nach Holland kommen. Lenas älteste Tochter Ans war damals achtzehn gewesen – wunderschön mit ihren hellblonden Haaren und ihrer schlanken Gestalt. Ihr offenes Lächeln und ihre selbstbewusste Haltung ließen einen starken Willen vermuten. Wim stand neben seiner Schwester, schon genauso groß wie sie, das blonde Haar von der Sonne fast weiß. Vor der Invasion war er ein neugieriger Elfjähriger gewesen, der gerne im Kanal schwamm und seine Schwestern ärgerte. Der Krieg hatte Wim gezwungen, zu früh ein Mann zu werden. Die fünfjährige Maaike saß auf Lenas Schoß, ihr Überraschungsbaby, geboren, als Lena vierunddreißig war. Lena hatte ihren Vater überredet, mit ihnen für das Bild zu posieren. Groß gewachsen und würdevoll, das 15
weiße Haar in der Stirn und mit weißem Spitzbart, stand er hinter Wim und Ans, ganz und gar der strenge Pastor. Papas graue Augen wirkten hinter dem Drahtgestell seiner Brille verkniffen, so als hätte er Schmerzen oder zu lange in die Sonne geblickt. Er hatte damals noch immer um Lenas Mutter getrauert, die einige Monate zuvor gestorben war. Pieter, Lenas große Liebe, stand hinter ihr und hatte die Hände auf ihre Schultern gelegt. Wie sie seine starken, schwieligen, sonnengebräunten Hände liebte. Würde sie diese Hände jemals wieder ergreifen? Von den sechs Menschen auf dieser Fotografie waren nur Lena und Maaike zu Hause und in Sicherheit. Jesus hatte zu seinen Jüngern gesagt: »Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert.« Das war eine harte, eine sehr harte Wahrheit und das Feuer des Krieges hatte sie auf die Probe gestellt. Lena spürte, dass jemand sie am Rock zog. Bep blickte mit besorgter Miene zu ihr auf. »Kommt Papa jetzt nach Hause?«, fragte sie. »Und Wim und Ans auch?«, fügte Maaike hinzu. Lena antwortete nicht. Sie wusste es nicht. Die Angst legte sich wie ein eiserner Ring um ihr Herz, der sich immer mehr zusammenzog, und sie wusste, wenn sie das zuließ, würde sie ihren Glauben verlieren. Früher hatte sie geglaubt, der Feind des Glaubens sei der Zweifel, aber inzwischen hatte sie gelernt, dass die Angst es war, die den Glauben zerstörte. »Lass dich von deiner Angst in Gottes Arme treiben«, hatte ihr Vater gesagt. »Wir werden hoffen und beten, dass sie nach Hause kommen«, erwiderte Lena schließlich. »Ich vermisse Opa«, sagte Maaike. Als sie das sagte, betrachtete sie ebenfalls die Fotografie. Lena strich ihrer Tochter über das blonde Haar und den dicken Zopf. »Ich auch.« »Weinst du, Mama?«, fragte Bep. Lena wischte ihre Tränen fort. »Manchmal weinen wir, weil wir glücklich sind.« 16
»Ich bin auch glücklich.« Bep schlang die dünnen Ärmchen um Lenas Beine und drückte sie fest. Dieses Kind hatte einen besonderen Platz in Lenas Herzen. Sie hätte Bep auch nicht mehr lieben können, wenn sie das Mädchen selbst zur Welt gebracht hätte. Aber das hatte sie nicht. Und jetzt, durch die Befreiung, würde auch diese Wahrheit aus ihrem Versteck kommen so wie die Schattenmenschen.
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1. Kapitel Sechs Jahre zuvor Juni 1939 Lena wollte nicht die Beherrschung verlieren, aber ihre Tochter hatte sie mal wieder bis an den Rand ihrer Geduld gebracht. »Du kannst nicht einfach mit dem Zug in eine fremde Stadt fahren und dort wohnen, Ans. Das ist absurd!« »Aber ich bin es leid, hier in diesem Kaff festzustecken, in dem jeder alles über jeden weiß. Das halte ich keine Minute länger aus!« Ans wusch das Geschirr ab und knallte die Teller auf das Abtropfgitter, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen. »Vielleicht wenn du und ein paar deiner Freundinnen …« »Die anderen sind ja alle zufrieden hier! Rietje und Corrie haben einen Freund.« Sie sagte es, als wäre es ein Schimpfwort. »Ich werde lieber eine alte Jungfer, bevor ich einen der Jungs von hier heirate. Am Ende wäre ich nämlich nur sein Dienstmädchen und würde für ihn kochen und putzen und seine Kühe melken und jede Menge Kinder kriegen.« Lena, die den Tisch abwischte, hielt inne und sah ihre Tochter an. »Siehst du mein Leben etwa so? Glaubst du, ich wäre nichts als ein Dienstmädchen, das kein eigenes Leben hat? Dass ich nichts tue, außer zu arbeiten und Kinder zu bekommen?« »Du wolltest dieses Leben. Ich nicht! Ich bin es leid, bei jedem Atemzug Kuhfladen zu riechen und in einer Küche zu essen, die direkt neben dem Stall ist.« Und die Kirche ist sie auch leid. Das war auch ein Teil ihrer Unzufriedenheit. Lena wusste, dass Ans gleich anfangen würde, sich über die Gemeinde zu beklagen. Und so war es auch. »Der Gottesdienst ist nichts weiter als ein Haufen langweiliger Rituale. Glauben die Leute überhaupt, was sie jede Woche sprechen und singen? Was die Kirche uns vorschreibt, ist doch völ18
lig altmodisch! Wie die Regel, die sagt: ›Gehorche deinem Ehemann.‹ Die Welt ist ein moderner Ort und …« »Ich liebe deinen Vater. Es ist kein Opfer, an seiner Seite zu arbeiten und Dinge zu tun, die ihn glücklich machen.« Lena konnte sich nichts Besseres vorstellen, als von Feldern umgeben zu sein, den Duft von frisch gemachtem Heu einzuatmen und den Rhythmus der Jahreszeiten zu genießen. Sie wischte noch ein letztes Mal über den Tisch und warf den Lappen dann in die Spüle. »Ich fühle mich jedenfalls wie eine Gefangene hier«, sagte Ans. »Ich will in Leiden leben.« Sie hätten an dem Tag, als das Foto gemacht wurde, nicht nach Leiden fahren dürfen. Ans hatte die Stadt auf Anhieb geliebt. Lena hatte sie gehasst. Sie war zu laut und hektisch, mit Autos und Fahrrädern und Zügen, die an einem vorbeirasten. Angesichts der verzweigten Straßen und der sich windenden Flüsse und Grachten hatte Lena sich ganz verloren und orientierungslos gefühlt. Die Häuser standen dicht gedrängt wie Maiskörner an einem Kolben ohne jeden Raum zwischen ihnen. Ans war von der Stadt begeistert gewesen. Und seitdem ließ sie nicht locker. »Du kannst mich nicht zwingen hierzubleiben. Ich bin fast neunzehn!« Lena wandte sich ab, damit sie nichts sagte, was sie später bereuen würde. Und damit Ans ihre Tränen nicht sah. Sie ging durch die Tür in die Scheune und dann nach draußen, wo Pieter einen Fahrradschlauch flickte. »Ich habe gehört, dass du wieder mit Ans gestritten hast«, sagte er. »Sie beleidigt mich und unser Leben, Pieter. Ich weiß nicht, wie ich mich ihr verständlich machen soll.« Pieter nahm seine Mütze ab und wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn. »Das kannst du nicht, Lena. Sie ist eigensinnig und will unbedingt ihren Willen haben, seit sie geboren wurde, weißt du noch?« Oh ja. Lena erinnerte sich. Ans war nie ein ruhiges, zufriedenes Kind gewesen wie Wim oder Maaike. »Sie ist so stur!«, sagte Lena. »Warum kann man mit ihr nicht vernünftig reden?« 19
»Ihr Starrsinn könnte irgendwann vielleicht ihre größte Stärke sein.« »Oder ihr Untergang.« Pieter zog die Kappe wieder über seine verschwitzten Haare. »Ans hat im letzten Jahr dabei zusehen müssen, wie ihre Großmutter langsam gestorben ist. Lass sie los, Lena. Wenn du versuchst, sie festzuhalten, ist das, als wolltest du Sand festhalten. Je fester du zupackst, desto schneller rinnt er dir zwischen den Fingern hindurch.« Unmöglich. Lena war der Leim, der den Hof und die Familie zusammenhielt. Wenn sie losließ, würde alles auseinanderbrechen. Pieter schlang seine Arme um sie und sie genoss seine Kraft und Zuverlässigkeit, ein Baum mit tiefen Wurzeln und starken Ästen. Lena und er hatten geheiratet, als sie achtzehn Jahre alt gewesen war – so alt wie Ans jetzt –, und es nicht einen einzigen Augenblick bereut. »Was ist mit ihrer Seele, Pieter? Sie lehnt die Kirche ab und alles, was wir sie gelehrt haben.« »Ich weiß nicht, wie ich darauf antworten soll«, sagte er seufzend. »Sprich mit deinem Vater. Hör dir an, was er zu sagen hat.« Sie küsste ihn und ließ ihn dann weiterarbeiten, während sie selbst langsam zum Haus zurückging. Sie hatte auch zu tun, aber sie war zu beunruhigt, um sich auf irgendeine Arbeit zu konzentrieren. Deshalb suchte sie Maaike und Wim und fand die beiden im hohen Gras am Rand des Kanals, die blonden Köpfe zusammengesteckt, während sie einen Frosch oder ein Insekt oder irgendeinen anderen Schatz dieser Art untersuchten. »Ich fahre ins Dorf«, rief sie den beiden zu. »Wollt ihr mitkommen?« Sie wollten lieber zu Hause bleiben und spielen, also fuhr Lena mit dem Fahrrad allein in den Ort. Ihr Vater saß im Pfarrhaus an seinem Küchentisch und schrieb einen Brief. Als sie hereinkam, legte er den Stift zur Seite und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. »Das ist aber eine schöne Überraschung, Engelena Everdina. Was führt dich denn her?« Er lächelte immer, wenn er ihren vollständigen Namen sagte. Seit Mamas Tod schien er weicher geworden zu sein, so als hät20
ten Trauer und Schmerz etwas von seiner Schärfe und Gewissheit weggefeilt. Er war geduldiger mit seinen Gemeindemitgliedern und nachsichtiger, was ihre Fehler betraf. Er zeigte auf einen freien Stuhl am Tisch und hörte zu, während Lena ihm von ihren immer heftiger werdenden Meinungsverschiedenheiten mit Ans erzählte und davon, was ihre Tochter über die Kirche gesagt hatte. Ans hatte in den letzten Monaten der Oberschule im Pfarrhaus gelebt und sich um ihre Großmutter gekümmert, bis diese gestorben war. Die Trauer fraß noch immer ein tiefes Loch in Lenas Seele, aus dem sie noch nicht herausgeklettert war. Gelegentlich wurde sie wieder zurück in die Dunkelheit gezogen, wenn sie am wenigsten damit rechnete – schon der Anblick eines freien Stuhls am Tisch oder ein Korb mit halb fertigem Strickzeug genügte. Lena durfte nicht auch noch ihre Tochter verlieren. Ihr Vater überlegte einen Moment lang, bevor er antwortete, nahm seine Brille ab und putzte sie mit dem Saum seines Pullovers. »Der Glaube von Ans muss ihr eigener Glaube werden, Lena. Sie kann nicht deinen oder meinen erben, egal, wie sehr wir uns das auch wünschen. Sie muss Gott durch das finden, was sie sieht und mit ihm erlebt.« Sein Rat überraschte Lena. »Aber … was ist, wenn sie nicht wieder zur Gemeinde zurückfindet? Was, wenn sie sich weiter davon entfernt – und von uns?« »Ans gehört Gott, nicht uns. Er wird ihr nachgehen. In der Bibel steht, dass niemand sie aus der Hand des Vaters reißen kann.« Dessen schien er sich ganz sicher zu sein. »Aber was ist mit ihrem Ruf – und deinem? Die Leute fragen schon, warum sie nicht mehr mit uns in den Gottesdienst geht.« »Du schuldest niemandem eine Erklärung.« Seine Worte hätten Lena beruhigen sollen, aber das taten sie nicht. Sie wurde einfach das Gefühl nicht los, dass sie selbst schuld war am Aufbegehren ihrer Tochter. »Ans will ganz allein von zu Hause fortgehen und nach Leiden ziehen. Offenbar habe ich als Mutter etwas falsch gemacht, wenn sie so empfindet.« Ihr Vater lachte leise und schüttelte den Kopf. »Nein, Engelena. 21
Mach dir keine Vorwürfe. Adam und Eva hatten vollkommene Eltern und haben trotzdem rebelliert.« »Was soll ich denn tun?« »Wenn du sie liebst – und ich weiß, dass du das tust –, dann musst du sie loslassen.« Lena spürte, wie ihr die Tränen kamen. »Soll ich sie einfach gehen lassen? Ganz allein? Sie hat überhaupt keinen Plan für die Zukunft, außer dass sie nach Leiden ziehen will.« »Gott hat Gründe gehabt, als er Ans so geschaffen hat. Er kann ihren starken Willen und ihren unabhängigen Geist gebrauchen. Vielleicht ist es gar keine Rebellion, sondern das Bedürfnis, sie selbst zu sein.« »Sie ist doch noch ein Kind, Papa.« Lenas Kehle war wie zugeschnürt und sie versuchte, den Kloß aus Kummer hinunterzuschlucken – oder vielleicht war es auch Angst. »Sie weiß doch nichts von der Welt, sondern kennt nur unseren Hof und unser Dorf.« Ihr Vater stand auf. Er ging um den Tisch herum und legte Lena die Hände auf die Schultern. »Hör zu. Ich werde mit einem meiner Kollegen an der Pieterskerk in Leiden sprechen. Ich frage ihn, ob er bei einer Familie aus seiner Gemeinde eine Stellung für Ans finden kann. Vielleicht hilft es ihr, sich über den nächsten Schritt klar zu werden, wenn sie eine Zeit lang von zu Hause fort ist.« Das war nicht die Antwort, die Lena gern hören wollte. Auf dem Heimweg musste sie anhalten und sich unter einen Baum setzen, weil die Tränen ihr die Sicht trübten. Lena hatte sich die Zukunft für ihre Älteste anders vorgestellt. Ja, sie wusste, dass Kinder irgendwann erwachsen wurden und ihr Elternhaus verließen, aber sie hatte sich immer vorgestellt, dass sie in der Nähe wohnen und ihr jede Menge Enkel schenken würden. Jede Woche würden sie gemeinsam im Gottesdienst sitzen und an ihrem Küchentisch das Sonntagsessen einnehmen. Vielleicht könnte Ans sogar einen Prediger wie ihren Großvater heiraten und im Pfarrhaus neben der Kirche wohnen. Nie hätte Lena gedacht, dass sie ihre Tochter in einer Universitätsstadt wie Leiden aussetzen 22
würde. Wenn sie Ans losließ, musste Lena sich auch von all den Träumen für ihre Tochter verabschieden. Ein Traktor hustete, als er ein Stück entfernt übers Feld fuhr und ordentliche Furchen zog. Eine Ameisenkolonie wimmelte auf ihrem Hügel zu Lenas Füßen vor sich hin. Lena fand Ordnung und Sicherheit und Sinn im Rhythmus der Natur. In Ans Flucht von zu Hause dagegen konnte sie keinen Sinn erkennen. »Wenn du sie liebst …« Ach, wie sehr sie ihre Tochter doch liebte! Ans war ihr erstes Kind und in vielerlei Hinsicht etwas ganz Besonderes für sie. Sie besaß eine äußerliche Schönheit, die Lena Angst machte, weil Ans noch nicht wusste, welche Macht diese Schönheit hatte. Lena ballte die Hände zu Fäusten, als wollte sie das Mädchen festhalten. »Wenn du sie liebst, lass sie los.« Sie musste ihre Tochter Gott anbefehlen. Lena wusste, dass ihr Glaube dafür nicht stark genug war. Deshalb neigte sie den Kopf und bat Gott, ihr zu zeigen, wie sie loslassen konnte.
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2. Kapitel Köln, Deutschland Miriam Jacobs hielt sich die Ohren zu, um die Zankerei nicht mit anhören zu müssen. Ihre Verwandten hatten mal wieder eine Meinungsverschiedenheit. Abba stritt mit Onkel David. Onkel David stritt mit Onkel Nathan. Und Onkel Nathan stritt mit Abba. Tante Shoshanna und Tante Louisa waren sich uneins und zankten sich beide mit Mutter. Und Mutter widersprach Abba. Miriam wollte nichts mehr hören. Sie schob ihren Stuhl zurück und stand auf, bevor sie die feinen Porzellanteller nahm und in die Küche trug, um dem Lärm zu entgehen. Energisch zog sie die Tür zwischen Küche und Esszimmer zu. Trotzdem konnte sie die anderen noch streiten hören. Miriam wünschte sehnlichst, die Mahlzeiten in ihrer Familie wären wie früher, als sie miteinander gelacht hatten, anstatt zu streiten, und als reich gefüllte Teller auf dem weißen Tischtuch gestanden hatten. Damals, als die Kerzen in den silbernen Leuchtern angezündet worden waren, weil es feierlich war, und nicht deshalb, weil man Geld für den elektrischen Strom sparen musste. Mutter hatte sich nach dem Essen ans Klavier gesetzt, Miriam und Onkel David hatten ihre Geigen herausgeholt und dann hatten sie gemeinsam herrlich musiziert. Wenn ihr Cousin Saul vom Konservatorium nach Hause gekommen war, hatte er sie auf seinem Cello begleitet. Manchmal hatte Tante Louisa mit ihrer schönen Sopranstimme eine Mozart-Arie gesungen. Dabei hatte Miriam jedes Mal eine Gänsehaut bekommen. »Unser Leben wird nie mehr so sein wie früher«, schrie Abba. »Es ist dumm, das zu erwarten.« »Dieser Wahnsinn wird vorübergehen«, antwortete Onkel Nathan. »Wir müssen nur Geduld haben und die Sache aussit24
zen. Irgendwann nehmen die Leute wieder Vernunft an, du wirst schon sehen.« »Wir sollten Visa beantragen und nach Palästina auswandern«, beharrte Cousin Saul. »Sei doch nicht albern! In Palästina ist das Leben völlig rückwärtsgewandt und trostlos!« »Wir sollten nach Amerika gehen!«, schlug ein anderer Cousin vor. »Dort hassen sie die Juden nicht.« »Nein? Wenn das stimmt, warum stellen sie dann nicht mehr Visa aus, sodass wir auswandern können? Sie haben doch all die verzweifelten Menschen auf dem Schiff abgewiesen, oder nicht?« Niemand konnte die St. Louis vergessen, die vor einem Monat in Deutschland aufgebrochen war – an Bord mehr als neunhundert Juden, die in Kuba um Asyl ersucht hatten. Die Visa, die das kubanische Konsulat den Passagieren ausgestellt hatte, waren für ungültig erklärt worden, als das Schiff Havanna erreichte, und man hatte die Passagiere nicht von Bord gelassen. Dringliche Appelle an die Regierungen von Amerika und Kanada, die Menschen aufzunehmen, waren abgelehnt worden. So blieb den verzweifelten Flüchtlingen nichts anderes übrig, als nach Europa zurückzukehren, wo man ihnen mit blankem Hass begegnete. »Wir bleiben hier«, verkündete Onkel Nathan. Er war der ältere von Mutters beiden Brüdern und früher der wohlhabendste von ihnen gewesen. »Aber sie treiben uns in die Enge«, wandte Abba ein und nahm seine Brille ab. »Unser Leben ist unerträglich geworden. Man will uns hier nicht. Wir müssen gehen.« »Es wird auch wieder besser.« »Im Gegenteil, es wird eher noch schlimmer.« Teller und Töpfe türmten sich in der Spüle. Miriam würde morgen beim Abwasch helfen. Sie konnte den lieben langen Tag ohnehin nicht viel mehr tun, als Geige zu üben, und außerdem war es jetzt in der Küche zu dunkel, um sich nützlich zu machen. Sie wartete, bis sich der Streit nebenan etwas beruhigt hatte, dann ging sie ins Esszimmer zurück, um den anderen eine gute Nacht zu wünschen. 25
»Wenn doch Saul nicht ausgegangen wäre«, hörte sie Tante Louisa sagen. »Um diese Zeit ist doch Ausgangssperre.« »Ich habe ihm gesagt, er soll nicht gehen«, erklärte Onkel David. »Es ist zu gefährlich.« »Ihm passiert schon nichts«, gab Onkel Nathan zurück. »Er kann auf sich aufpassen.« »Wo sollen wir denn hin, wenn wir von hier weggehen?«, fragte Mutter. Sie war immer noch schön und zerbrechlich und so zart wie die Musik, die sie früher aufgeführt hatte. Zum ersten Mal ließ sie erkennen, dass sie Abbas Argumenten zugehört hatte. »In die Niederlande, das habe ich doch gesagt. Die lassen jüdische Flüchtlinge über die Grenze einreisen. Einige Leute, die ich von der Universität kenne, sind schon dorthin gegangen.« »Wie sollen wir denn all unser Hab und Gut in die Niederlande bringen?«, fragte Mutter. »Das geht doch nicht.« »Wenn wir gehen, müssen wir alles zurücklassen«, erwiderte Abba. »Unser Leben ist wertvoller als all unser Besitz.« »Und wie würdest du dorthin reisen?«, fragte Onkel Nathan. »Ich habe gehört, dass es Fluchthelfer gibt, die uns an unbewachten Stellen über die Grenze bringen können«, erklärte Abba. »Wenn es sein muss, gehe ich auch zu Fuß.« »Und du glaubst, die Holländer werden Juden eher akzeptieren als unsere deutschen Mitbürger hier in Köln?« »In Amsterdam gibt es seit dem siebzehnten Jahrhundert eine Synagoge«, antwortete Abba. »Die Niederländer hassen uns nicht. Sie haben keine Propagandaplakate an jeder Mauer, die uns verteufeln, oder Schilder in ihren Geschäften, auf denen steht, dass Juden nicht erlaubt sind.« »Wovon sollen wir denn dann leben?«, fragte Mutter. »Es gibt dort einige sehr gute Universitäten. Juden dürfen dort lehren. Ich habe mich schon erkundigt …« »Allmählich mache ich mir Sorgen! Ich wünschte, Saul würde nach Hause kommen.« Tante Louisa war vom Tisch aufgestanden und ging zwischen Flur und Esszimmer auf und ab, wobei sie ab und zu die Vorhänge beiseitezog, um auf die verdunkelte Straße hinauszusehen. 26
»Jetzt nach Beginn der Ausgangssperre«, sagte Onkel David, »hat Saul vielleicht beschlossen, dort zu bleiben, wo er gerade ist, anstatt draußen auf der Straße erwischt zu werden.« Miriams Sorge um ihren Cousin wuchs mit jeder Minute. Sie alle hatten Horrorgeschichten über Juden gehört, die ohne jeglichen Grund angegriffen und zusammengeschlagen worden waren. Jüdischen Männern hatte man den Bart angezündet, Frauen wurden belästigt. Aber sie verstand auch die Rastlosigkeit ihres Cousins und seine Sehnsucht nach Freiheit trotz der Gefahr. Sie hätte es nicht laut ausgesprochen, aber die Aussicht, den Rest ihres Lebens in diesem freudlosen Haus zu verbringen, war unvorstellbar. Abbas Argumente brachten sie ins Nachdenken. »Ich gehe schlafen«, sagte Miriam. Sie küsste ihre Mutter auf die Wange und umarmte Abba, dann zündete sie sich an der Kerze, die auf dem Tisch stand, eine eigene an und trug sie ins Obergeschoss. Von oben konnte sie die anderen immer noch streiten hören, obwohl ihre Zimmertür geschlossen war. Ein dunkler Vorhang der Angst legte sich über Miriam, wickelte sie ein und raubte ihr den Atem, sodass ihr schwindelig wurde. Ihr Kampf mit dieser plötzlichen, namenlosen Furcht hatte in der Nacht begonnen, als sie mit ihren Eltern in der verdunkelten Wohnung unweit der Universität gesessen hatte und das wütende Schreien und das zerberstende Glas unten auf der Straße gehört hatte, während der Himmel vom Schein der Flammen erhellt wurde. Jetzt bemühte sie sich, die Panikattacke unter Kontrolle zu bekommen, weil sie wusste, dass die Angst unkontrollierbare Ausmaße annehmen würde, bis sie keuchend nach Luft schnappte, als wäre sie einen steilen Berg hinaufgelaufen. Am besten konnte sie die Anfälle in den Griff bekommen, wenn sie sich in ihrer Musik verlor, das hatte sie gelernt. Miriams Hände zitterten, als sie ihre Geige aus dem Kasten nahm. Ihre Lunge war wie zusammengepresst, aber sie begann, aus dem Gedächtnis Tschaikowskys Violinkonzert zu spielen, weil sie bei Kerzenschein die Noten nicht lesen konnte. Sie brachte ihre Musik als ein Flehen um Sauls Sicherheit dar und als ein Gebet, dass Gott die Zankerei beenden und ihrer Familie zeigen 27
möge, was sie tun sollte. Langsam, ganz langsam ließ ihre Übelkeit nach und sie konnte wieder atmen.
W »Es reicht«, sagte Abba. »Wir gehen.« Er sprach ruhig und mit großer Gewissheit. Zwei jüdische Nachbarn hatten auf ihrem Weg zum Morgengebet wenige Häuserblocks entfernt Miriams Cousin gefunden. Saul war von einer Gruppe der Hitlerjugend so zusammengeschlagen worden, dass sie ihn für tot gehalten hatten. Die Nachbarn hatten ihn nach Hause getragen. Er würde es überleben, sagte der Arzt, aber es würde lange dauern, bis seine Verletzungen geheilt waren. Miriam fragte sich, ob seine Seele jemals heilen würde. Und ob seine zermalmten Finger jemals wieder Cello spielen konnten. Die ganze Familie hatte sich in Sauls Zimmer versammelt und versuchte zu verarbeiten, was geschehen war und warum. Es wurde ganz still im Raum, als Abba verkündete, dass sie gehen würden. »Wer von euch mitkommen will, ist herzlich willkommen. Aber ich nehme meine Frau und meine Tochter und verlasse Deutschland für immer.« Bei seinen Worten stockte Miriam das Herz und flatterte wie ein Blatt, das der Wind die Straße entlangtreibt. Der Schleier der Angst umgab sie und drohte sie ganz einzuhüllen. Sie konnte sich nicht vorstellen, Köln zu verlassen. Aber zu bleiben, war auch keine Option. Wer konnte an einem Ort leben, an dem solche Dinge geschahen? »Wann, Abba?«, fragte sie. »Spätestens Ende dieser Woche, wenn nicht noch früher. Ich brauche ein paar Tage, um alles Nötige zu regeln, aber dann gehen wir. Wir müssen fliehen.« Er forderte Miriam und ihre Mutter auf, nur einen Koffer pro Person mitzunehmen. Sie würden ihr Gepäck selbst tragen müssen und vielleicht mussten sie auch einen Teil des Weges zu Fuß zurücklegen. Natürlich würde Miriam ihre Geige nicht zurücklassen. In den nächsten hektischen Tagen packte sie ihren Koffer unzählige Male neu, weil sie sich nicht entscheiden konnte, was 28
mitkam und worauf sie verzichten musste. Im allerletzten Augenblick nahm sie noch einige Kleidungsstücke heraus und packte stattdessen ihr Fotoalbum und die silbernen Kerzenleuchter ihrer Großmutter ein. Ihr früheres Leben mochte enden, aber das bedeutete nicht, dass es nie geschehen war. Miriam wollte sich an das Lachen und an die Ferien am Bodensee erinnern, damit die Hoffnung auf eine bessere Zeit in der Zukunft nicht verblasste. In der Nacht, bevor sie aufbrechen wollten, lud Abba ihre Koffer, Miriams Geige und einen zusätzlichen Koffer mit einigen seiner Bücher und wissenschaftlichen Forschungsunterlagen in sein Auto, das in den vergangenen Monaten im Kutscherhaus ganz eingestaubt war. Rolf, einer seiner ehemaligen Physikstudenten, holte den Wagen ab und fuhr damit zu seiner Wohnung in einem anderen Stadtteil. Sich am kommenden Morgen von ihren Verwandten und ihrem Zuhause zu verabschieden, war mit das Schwerste, was Miriam jemals getan hatte. Nur das Wissen, dass ihre Eltern bei ihr sein würden, machte den Gedanken erträglich. Aber als der letzte Augenblick kam und sie im Mantel im Foyer standen, sank Mutter auf einen von Großmutters antiken Stühlen und sagte: »Ich kann nicht von hier fort. Es tut mir leid, aber ich kann einfach nicht.« Es war, als könne sie sich unmöglich von ihrem schönen Haus und ihrer Art zu leben trennen. »Geh du schon und bereite alles vor. Miriam und ich können später nachkommen. Dann kannst du uns auch sagen, welche Möbel und anderen Haushaltsgegenstände wir mitbringen können.« »Meine Liebe, verstehst du denn nicht? Die Nazis werden uns nicht erlauben, irgendetwas mitzunehmen.« Er sprach so sanft, als würde er es einem Kind erklären. »Sobald sie sehen, dass wir unsere Sachen packen, werden sie uns verhaften. Weißt du noch, wie sie alles aus Nathans Laden konfisziert haben? Die Nazis ziehen schon jetzt in jüdische Häuser und nehmen sich, was sie wollen. Es wird nicht mehr lange dauern, bis sie sich auch dieses Haus unter den Nagel reißen.« Mutter wandte den Blick ab, so als könnte sie ihm und der unbegreiflichen Wahrheit nicht ins Auge sehen. Genauso hatte 29
Miriam zuerst den Blick abgewandt, als sie den zusammengeschlagenen Körper ihres Cousins gesehen hatte. »Ich kann mein Zuhause nicht verlassen«, sagte sie leise. »Ich schaffe das nicht.« »Und was ist mit dir, Liebes?« Abba griff nach Miriams Hand. »Wirst du mich begleiten?« »Ich … ich …« Sie blickte zwischen ihren Eltern hin und her und ihr Magen war verkrampft wie eine Faust. Sie hörte ein leises Geräusch, wie ein Stöhnen. Ihr Cousin Saul versuchte zu sprechen. Aus geschwollenen Augen sah er Miriam an. »Geh …«, krächzte er. »Geh, Miriam!« Sie sah ihre Mutter an. »Ja«, nickte Mutter und schloss die Augen. »Ja, du solltest mitgehen.« Miriam kniete neben Mutters Stuhl nieder und drückte sie ganz fest. Ihre Mutter erwiderte die Umarmung und schob sie dann sanft von sich. Miriam stand auf und ging zu Abba. »Wisch dir die Tränen ab, Miriam«, sagte Abba, »damit die Nachbarn nicht ahnen, was wir vorhaben.« Miriam fuhr sich mit dem Mantelärmel über die Augen und trat mit ihrem Vater durch die Haustür ins Freie. Hinter sich hörte sie Weinen, aber sie brachte es nicht über sich, noch einmal zurückzublicken, als die Tür sich schloss. »Weißt du noch, was wir tun müssen?«, fragte ihr Vater, als sie auf dem Gehweg standen. »Ja, Abba.« Sie gingen zusammen die Straße entlang zum Marktviertel, in der Hand leere Einkaufstaschen. Im Gedränge der Käufer um sie herum rissen Miriam und Abba schnell die gelben Sterne ab, die sie als Juden auswiesen, und steckten sie in die Tasche. Wenn sie ohne den Stern erwischt wurden, drohte ihnen Gefängnis. Aber es schien niemand etwas zu bemerken. Eilig gingen sie weiter und blieben bei einem Verkäufer stehen, um Obst zu kaufen, das sie sich in ihre Einkaufstaschen füllten, so als wären sie ganz normale Menschen an einem ganz normalen Markttag. Miriam war sich sicher, dass der Verkäufer das Zittern ihrer Hände bemerkt hatte, als sie für ihre Einkäufe bezahlte, oder ihren keuchenden Atem. Und die Soldaten, die an der Straßenecke standen – konnten sie erkennen, dass Abba und sie Juden waren? Was war, wenn sie angehalten und nach ihren Ausweisen 30
gefragt wurden? Miriam war ganz schlecht und sie hatte Mühe zu atmen, während sie gegen die Angst ankämpfte. Und gegen den Kummer. Sie durfte auf keinen Fall weinen. Abba füllte ihre Taschen. Dann gingen Miriam und er weiter über den Marktplatz und verließen zum ersten Mal seit Monaten das jüdische Viertel. Groteske Plakate in Schaufenstern und an Plakatwänden zeichneten Juden mit übertriebenen Gesichtszügen und verunglimpften sie als minderwertige Rasse. Was, wenn Rolf Abba hinters Licht geführt hatte und die Nazis in seiner Wohnung schon darauf warteten, sie zu verhaften? »Alles wird gut gehen, Miriam«, sagte Abba, als ihr Atem immer flacher ging. »Gleich sind wir da.« Abba betätigte die Klingel zu Rolfs Wohnung. Kurz darauf öffnete der junge Mann und ließ sie ein. Miriam musste sich setzen, als die Angst sie zu überwältigen drohte. Rolf brachte ihr ein Glas Wasser. »Wo ist denn Ihre Frau, Professor Jacobs?«, fragte er. »Sie kommt nicht mit.« Miriam sah den Schmerz in Abbas Blick, als er seine Brille absetzte und sich dann die Augen rieb. Er hatte sich entscheiden müssen, ob er bei der Frau blieb, mit der er seit fünfundzwanzig Jahren verheiratet war, oder mit seiner Tochter floh. Miriam fragte sich, ob Abba geblieben wäre, wenn sie es getan hätte. »Sollen wir aufbrechen, Professor?«, fragte Rolf, nachdem sie sich einen Moment ausgeruht und ihre Fassung wiedergewonnen hatten. Abba nickte. Sie gingen durch die Hintertür hinaus und eine steile Treppe hinunter zu der Stelle, an der das Auto hinter dem Gebäude geparkt war. Auf dem Weg nach unten umklammerte Miriam das Geländer, weil ihre Knie so zitterten. Sie waren drei gewöhnliche Menschen, die Köln in Richtung Western verließen, um auf dem Land Urlaub zu machen, so wie sie es getan hatten, als Miriam noch klein gewesen war. Sie fuhren sehr lange mit Rolf am Steuer. Es wurde schon dunkel, als sie an einem Haus in einem kleinen deutschen Dorf in der Nähe der niederländischen Grenze haltmachten. Das Haus gehörte dem Helfer, der sie über die Grenze bringen würde. Die Frau des Mannes lud sie ein, am Tisch Platz zu nehmen, und bot 31
ihnen Kaffee und Butterbrote an. Sie sprachen kaum, während sie bis Mitternacht warteten. Alles erschien Miriam wie im Traum und sie wäre gerne in ihrem Bett zu Hause in der Nähe der Universität aufgewacht. Aber es war kein Traum. Sie dachte an Saul und wünschte, sie wären alle zusammen schon vor Wochen geflohen, als Abba sie angefleht hatte. »Wir müssen los«, sagte der Fluchthelfer schließlich. Sie traten in den kalten Wind hinaus und überquerten eine Wiese. Hinter dem Dorf gingen sie in den Wald, ihre Koffer und die Geige in der Hand. Der Boden war feucht und durchnässte Miriams Schuhe und die Nacht war dunkel und eisig. Nachdem sie monatelang nur drinnen gelebt hatten, war es ein merkwürdiges Gefühl, den Wind zu spüren, der Miriam die Haare ins Gesicht wehte. Einige Minuten später tauchten sie wieder aus dem Wald auf, und nachdem sie noch eine Weide überquert hatten, kamen sie an einen Fluss, wo ein Mann mit einem Ruderboot schon auf sie wartete. Das Boot schaukelte, als der Mann ihr und Abba hineinhalf und dann ihre Koffer hinterherwarf. Miriam fröstelte, als würde sie nie wieder warm werden, während sie den Fluss überquerten und der Wind unmittelbar von der Nordsee herüberblies. Als das Boot am anderen Ufer anlegte, half der Mann Abba, die Koffer herauszuheben und die Böschung hinaufzutragen. »Gehen Sie genau in westlicher Richtung über das Feld dort, dann kommen Sie an eine Straße«, erklärte der Mann ihnen. »Gehen Sie nach rechts und folgen Sie der Straße in Richtung Norden, bis Sie zu einem kleinen Dorf kommen. Die Niederländer dort werden Ihnen dann weiterhelfen. Sie sind gute Menschen.« Der Weg über das nasse Feld und die ungepflasterte Straße hinunter bis zum Dorf dauerte mehr als drei Stunden. Abba musste mehrmals stehen bleiben, um den schweren Koffer abzustellen und sich auszuruhen. Jedes Mal war Miriam dankbar. Ihre Füße waren von der Kälte ganz taub, ihre Hände hatten Blasen von den Griffen ihrer Tasche und des Geigenkastens. In ihrer Lunge fühlte sie ein Stechen und überall um sie herum hörte sie merkwürdige Geräusche. 32
Als sie endlich bei einem Bauernhof am Dorfrand ankamen, dämmerte es schon. Es sah so aus, als würde ein Rollladen langsam hochgezogen. Der Bauer kam gerade mit seinem Hund aus dem Stall und das Tier sprang laut bellend auf sie zu. Mit einem Ruf brachte der Mann das Tier zum Schweigen und ging auf Miriam und Abba zu, um sie zu begrüßen. »Aus Deutschland?«, fragte er. Abba nickte. »Viele, viele kommen«, sagte er in unbeholfenem Deutsch. »Ich zeige Ihnen den Zug. Der bringt Sie nach Westerbork, zum Lager für Flüchtlinge.«
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3. Kapitel
Leiden, Niederlande Ans de Vries kam mit all ihren Habseligkeiten in zwei Stofftaschen und einem Pappkoffer am Leidener Bahnhof an. Sie ging eine geschäftige Straße entlang und war voller Freude darüber, dass sie an einem so lebhaften Ort wohnen würde. Hier roch die Luft nicht nach Mist und Gülle, sondern nach Kaffee, und aus den Grachten stieg der Geruch von Fisch auf. Auf den Straßen herrschte dichter Verkehr. Fahrräder schossen an ihr vorbei oder lehnten durcheinander an Geschäften und Häusern. Kirchtürme und die Kuppel einer Sternwarte ragten in der Ferne über die Bäume hinaus. Ans folgte der Wegbeschreibung, die Opa ihr gegeben hatte, um zu ihrem möglichen Arbeitgeber zu gelangen, Professor Herman Huizenga. Am liebsten wäre sie den ganzen Weg dorthin wie ein Schulmädchen gehüpft, so sehr freute sie sich auf ihr neues Leben, aber das schwere Gepäck hinderte sie daran. Eine Viertelstunde später hatte sie das Büro des Professors in der Universität erreicht, ein ehrwürdiges altes Gebäude aus altem Backstein und poliertem Holz, reich an jahrhundertealter Geschichte. Sie ging die Treppe zum zweiten Stock hoch. Die Tür stand offen. Ans stellte den Koffer ab, zupfte ihre Bluse zurecht und strich sich über das blonde Haar, bevor sie an den Türrahmen klopfte. Sie hoffte, dass sie nicht nach Kühen roch. »Herein.« Sie trat ein, auf den Lippen ein – wie sie hoffte – selbstbewusstes Lächeln, und streckte dem Herrn, der hinter seinem Schreibtisch saß, die Hand entgegen. »Guten Tag, Professor Huizenga. Ich bin Ans de Vries und ich bin hier wegen der Stellung als Gesellschafterin.« 34
Er stand auf und gab ihr die Hand. »Freut mich sehr, Sie kennenzulernen. Bitte setzen Sie sich doch.« Sie hatte noch nie ein Büro wie seines gesehen mit Bücherregalen an den Wänden, auf denen in Leder gebundene Bände standen, die auf allen verfügbaren freien Flächen und manche sogar auf dem Fußboden verteilt waren. Wissenschaftliche Gegenstände und Apparate, die Ans sich nicht einmal ansatzweise erklären konnte, schmückten jeden Papierstapel und Tisch und Stühle. Was für ein interessanter Mensch er sein musste, wenn er ein solches Büro hatte. »Danke, dass Sie gekommen sind, Fräulein de Vries«, sagte er, als sie beide Platz genommen hatten. »Sie wissen bereits, was Ihre Aufgabe sein wird?« »Sie wünschen sich eine Gefährtin für Ihre Frau.« Ans war angenehm überrascht gewesen, dass Kochen und Putzen nicht zu ihren Aufgaben gehören würde. Das schien ihr zu schön, um wahr zu sein. »Ja, eine Art Assistentin, die Eloise Gesellschaft leistet, wenn ich bei der Arbeit oder zu Tagungen unterwegs bin. Sie werden sie begleiten, wenn sie ausgeht, und ihr helfen, den Tag angenehm zu verbringen, und eine Freundin sein, die ihr zur Seite steht. Manchmal wird meine Frau Sie morgens um Hilfe beim Ankleiden bitten oder darum, dass Sie ihr abends beim Zubettgehen behilflich sind.« »Darf ich fragen, warum sie meine Hilfe benötigt, Professor Huizenga? Ist sie krank?« Der Professor war nicht alt, vielleicht Anfang fünfzig. Gewiss hatte seine Frau doch Freundinnen und Verwandte, die sie begleiten konnten. Er zögerte einen Augenblick, bevor er antwortete, so als überlege er, wo er beginnen sollte, während er sich mit der Hand durch das rotblonde Haar fuhr und über seinen kurzen Spitzbart strich. »Man merkt es nicht, wenn man Eloise kennenlernt, aber sie ist eine sehr zerbrechliche Frau, die von Zeit zu Zeit mit Schwermut zu kämpfen hat.« Er sprach so, als bereite es ihm Kummer, sie auf diese Weise herabzusetzen. »Sie wurden mir als intelligente, fröhliche junge Dame empfohlen, die ihr hoffentlich guttun wird. Kennen Sie jemanden mit Schwermut?« 35
»Nein, tut mir leid.« Ans fragte sich, ob die Wahrheit sie die Stellung kosten würde. »Eloise hat Tage, Wochen oder sogar Monate, in denen alles gut ist, und dann würde niemand vermuten, dass irgendetwas nicht stimmt. Aber dann löst etwas ihre Traurigkeit aus und sie fällt in eine Grube, aus der sie nicht so einfach wieder herausklettern kann. Es ist nicht Ihre Aufgabe, ihr die Schwermut zu nehmen, sondern mit ihr durch die Dunkelheit zu gehen und dafür zu sorgen, dass sie nicht …« Er blickte lange auf seine Schreibtischplatte, bevor er den Blick wieder hob. »Dass sie sich nichts antut.« Seine Worte fielen sacht wie Schneeflocken. »Macht diese Möglichkeit Ihnen Angst, Fräulein de Vries?« »Um ehrlich zu sein, ja. Aber ich habe in den letzten Monaten ihres Lebens für meine Großmutter gesorgt und das war auch oft schwierig.« Ans zögerte und beschloss dann, ein Risiko einzugehen. »Darf ich fragen, warum Ihre Frau sich vielleicht etwas antun will?« »Ja, natürlich. Es ist wichtig, dass Sie ihren Hintergrund kennen.« Er holte tief Luft und fuhr dann fort. »Eloise ist in Belgien aufgewachsen. Sie war eine junge Frau wie Sie, als die umliegenden Nationen beschlossen, mitten in ihrem Land Krieg zu führen. Sie hat durch den Krieg ihr Zuhause und ihre Eltern verloren und dann auch noch ihren einzigen Bruder, der ihr sehr nahestand. Er ist mit Giftgas in Berührung gekommen und hat furchtbar gelitten, bevor er starb. Ich bin nicht sicher, ob man sich von solch tragischen Verlusten jemals erholen kann, aber Eloise versucht es schon ihr Leben lang. Tapfer.« Ans hatte Berichte über den Großen Krieg im benachbarten Belgien gelesen – den höllischen Grabenkrieg, die Giftgasangriffe, die endlose Zerstörung. »Das tut mir sehr leid, Professor. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie man einen so schrecklichen Krieg überstehen kann. Was kann ich tun, um Ihrer Frau zu helfen?« »Es gibt bestimmte Dinge … Geräusche … sogar Gerüche, die ihre Gedanken von der Gegenwart ablenken und sie in die Vergangenheit reißen. In diese Grube, von der ich eben sprach. Mit 36
der Zeit werden Sie diese Stolperdrähte kennenlernen. Sie müssen für meine Frau wie ein Rettungsanker sein, ihr Haltegurt, der sie mit der Gegenwart verbindet. Sie dienen als Erinnerung daran, was wirklich ist und was nicht. Ich wünsche mir, dass Sie eine Gefährtin und eine Freundin sind, ohne ihr das Gefühl zu geben, Sie seien eine Gefängniswärterin.« »Ich verstehe.« In ihrem Magen rührte sich ein Anflug von Angst. Die Arbeit würde eine Herausforderung sein, aber hatte sie nicht eine Veränderung gewollt? »In den letzten Monaten hat die Dunkelheit sie häufiger heimgesucht«, fuhr der Professor fort, »ausgelöst durch die drohende Gefahr eines neuen Krieges. Es ist unmöglich, sie vor allen Nachrichten abzuschirmen. Sie hat von dem Einmarsch der Deutschen in die Tschechoslowakei gelesen und im Radio davon gehört und sie ist sich im Klaren darüber, was dort geschehen wird, weil sie weiß, was sich in ihrem eigenen Heimatland zugetragen hat. Ich kann nicht immer bei ihr sein, Fräulein de Vries.« »Ich hoffe, Sie beide werden Ans zu mir sagen.« »Ja, natürlich. Wenn ich bei meiner Frau sein kann, wirst du viel Zeit für dich haben, Ans. Wir werden dir ein wöchentliches Gehalt zahlen zusätzlich zu Kost und Logis. Möchtest du nach allem, was ich dir erzählt habe, diese Stelle immer noch antreten?« Ans holte tief Luft. »Das möchte ich. Es klingt so, als sei Ihre Frau eine bemerkenswerte Person. Es wäre mir eine Ehre, an ihrer Seite zu sein.« »Danke … danke.« Die Erleichterung in der Miene des Professors war anrührend. Tränen glänzten in seinen Augen. Er musste seine Frau sehr lieben. Der Professor räusperte sich und schob einige Papiere auf seinem Schreibtisch zurecht, so als müsse er sich sammeln. »Wenn du mir einen Augenblick Zeit gibst, bringe ich meine Arbeit hier zu Ende und bringe dich zu ihr. Unser Haus ist nicht weit entfernt.« Die Huizengas lebten in einem hohen dreistöckigen Haus in einer von Bäumen gesäumten Straße am Kanal Witte Singel. Eloise Huizenga begrüßte Ans, als wäre sie eine Verwandte, die zu Besuch gekommen sei. »Willkommen in unserem Haus. Kommen 37
Sie, kommen Sie! Was für eine hübsche junge Frau Sie sind! Ich hoffe, Sie werden sich bei uns wie zu Hause fühlen.« Eloise Huizenga war eine gut aussehende, elegante Frau in den Vierzigern mit hellem Teint und dunklem Haar, das zu einem modischen Bob frisiert war. Eine auffällige weiße Strähne zog sich durch den zur Seite gekämmten Pony. Sie machte den Eindruck, als hätte sie unbändige Energie, doch zugleich wirkte sie zerbrechlich und zart wie das feine Meissner Porzellan, das ihr Haus schmückte. »Ich freue mich sehr, hier zu sein, Frau Huizenga. Bitte nennen Sie mich Ans.« »Und du musst Eloise zu mir sagen. Komm rein und lass uns zusammen einen Tee trinken.« »Dann gebe ich euch Damen die Gelegenheit, einander kennenzulernen«, sagte Professor Huizenga und gab seiner Frau einen Kuss auf die Wange. »Sag der Köchin, dass ich gegen sechs zurück bin.« Das Stadthaus war mit Antiquitäten, Kunstwerken und weichen Teppichen so herrlich eingerichtet, dass Ans beinahe Angst hatte, das Wohnzimmer zu betreten. Sie wusste, dass sie wie ein Landei mit offenem Mund alles anstarrte, aber sie war noch nie zuvor in einem solchen Haus gewesen. Eloise schenkte Tee aus einer silbernen Teekanne ein, während sie an einem winzigen Tisch saßen mit Blick auf die Straße und den Kanal. »Was gefällt dir an Leiden bis jetzt?«, fragte Eloise. »Es ist herrlich. Ich bin ja so froh, hier zu sein. Um ehrlich zu sein, konnte ich es kaum erwarten, das kleine Dorf und den Bauernhof hinter mir zu lassen, auf dem ich aufgewachsen bin.« »Ach ja? Warum denn das?« »Ich liebe meine Eltern sehr und sie sind wunderbare Menschen, aber ich möchte neue Dinge sehen und tun. Nachdem ich im letzten Frühjahr die Oberschule beendet hatte, war ich nicht sicher, was ich mit meiner Zukunft anfangen sollte. Ich hoffe, meine Zeit hier wird mir helfen, es herauszufinden.« Eloise klatschte vergnügt in die Hände. »Was für eine wunderbare Situation, Ans! Du bist eine reizende junge Frau, die ihre ganze Zukunft noch vor sich hat, und es gibt endlose Möglichkei38
ten zu entdecken. Ich hoffe, wir werden Freundinnen! Ich kann dir all die Dinge zeigen, die ich an dieser Stadt so liebe. Das wird für uns beide aufregend sein.« »Das ist sehr freundlich und großzügig …« »Wir werden Leiden erkunden und dann mit dem Zug nach Amsterdam und Den Haag fahren. Wir werden Konzerte besuchen und Kunstausstellungen besuchen – die größten Künstler der Welt kommen aus den Niederlanden, musst du wissen. Ich glaube, du wirst die erlesene Schönheit deines Landlebens auf neue Weise sehen, wenn du sie mit den Augen der Maler betrachtest. Kennst du die Impressionisten?« Ihre blasse Haut rötete sich, während sie sprach, und ihre Stimme klang atemlos. Sie wartete Ans Antwort gar nicht erst ab, sondern sprach hastig weiter. »Du musst die Werke der Impressionisten sehen. Ich könnte mich in ihrer Vision von der Welt verlieren. Und es gibt unzählige Vorträge über eine wunderbare Vielfalt von Ideen. Zum Beispiel über Phrenologie! Bist du mit der Phrenologie vertraut?« »Nein, ich …« »Ich finde sie unglaublich faszinierend! Ach, es gibt so viele erstaunliche Ideen, die man ergründen kann. Du wirst mein Lehrling und meine jugendliche Mitreisende bei diesen Entdeckungen sein!« »Das wäre schön.« »Du isst ja gar nichts, Ans. Hier, du musst von diesem Gebäck kosten. Es kommt von meinem Lieblingscafé in der Nähe der Universität, und auch wenn es nicht ganz so gut ist wie früher zu Hause, müssen wir uns im Exil doch begnügen, nicht wahr? Niemand macht Croissants wie die Franzosen – nicht einmal die Belgier, muss ich sagen. Bitte versuche eins.« Ans war von allem überwältigt – von Eloises Haus, ihrem Lebenshunger und ihrer herzlichen Art, alles zu teilen. Aber etwas an ihrer funkelnden Begeisterung wirkte angesichts ihrer gerade erst beginnenden Freundschaft übertrieben. Nachdem sie von Eloises brüchigem Gemütszustand erfahren hatte, kam es Ans vor, als würde sie versuchen, aus einer Teetasse zu trinken, die gefährlich voll war. 39
Nach dem Tee gingen sie durchs Haus und Ans fragte sich, wie lange es wohl dauern würde, bis sie sich hier zu Hause fühlte. Sie trug ihre Taschen und den Koffer selbst zu ihrem Zimmer im ersten Stock hinauf, einem Raum, der ebenso üppig und elegant war wie der Rest des Hauses, eine Gästesuite, keine Dienstbotenkammer. Sie würde ein eigenes Bett für sich allein haben und es nicht mit ihrer kleinen Schwester teilen müssen – was für ein Luxus! In kalten Winternächten würde sie Maaikes Wärme vermissen, aber ganz sicher nicht ihre spitzen Ellenbogen und Knie. Ans’ Zimmer war im selben Stockwerk wie die Schlafzimmersuite der Huizengas, obwohl es im zweiten Stock noch mehr leer stehende Schlafzimmer und ein weiteres Bad gab. Das schien ihr eigentümlich, doch dann erinnerte Ans sich daran, dass der Professor gesagt hatte, sie solle in Eloises Nähe sein, wenn er nicht da war. »Bitte pack ganz in Ruhe aus und richte dich erst einmal ein«, sagte Eloise, bevor sie ging. »Es ist gar nicht eilig. Ich muss unten noch ein wenig Korrespondenz erledigen.« Sie schloss die Tür hinter sich. Ans war sich nicht sicher, was sie tun sollte. Sollte sie Frau Huizenga wie ein Schoßhund folgen und ständig nach ihr sehen? War es in Ordnung, wenn sie Eloise einige Minuten allein ließ? Der Professor hatte gesagt, sie solle eine Freundin sein und keine Wärterin, aber bedeutete dies, dass es kein Problem war, seine Frau hin und wieder allein zu lassen? Und wenn ja, wie lange? Ans öffnete ihren Koffer und begann, den Kleiderschrank und die Kommode mit ihren Sachen zu füllen. Die überschwängliche Begeisterung, die sie empfunden hatte, als sie an diesem Morgen aus dem Zug gestiegen war, verblasste bei dem Gedanken, welch riesige Verantwortung sie übernommen hatte. Ans fragte sich, ob sie dem wirklich gewachsen war.
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4. Kapitel
Das Flüchtlingslager in Westerbork war noch nicht fertiggestellt, als Miriam und Abba dort eintrafen. Es befand sich auf einem trostlosen Streifen Heideland mehr als zehn Kilometer von Assen entfernt, der nächsten Stadt. Sie hatten einen kleinen Bereich in einer langen Holzbaracke zugeteilt bekommen, ausgestattet mit zwei Betten und zwei Decken und durch einen Vorhang von dem Rest der anderen Flüchtlingsfamilien abgetrennt. Nach oben hin war dieses Abteil offen und zwischen den Dachbalken waren kreuz und quer Leinen gespannt, an denen Wäsche trocknete. Ein feuchter Geruch nasser Wolle lag in der Luft und blieb in Miriams Kehle stecken. Dass sie die Toilette mit den anderen Frauen in ihrer Baracke teilen musste, raubte ihr den letzten Rest Würde. Mit nackten Wänden, Fußböden und Decken aus Holz waren diese Gebäude so, wie Miriam sich ein Gefängnis vorstellte. Aber sie würde nicht weinen. Schließlich war ihr Haus in Köln nicht weniger ein Gefängnis gewesen. Mit ihren wenigen Habseligkeiten hatten sie sich schnell eingerichtet. Abba bastelte aus einer weggeworfenen Gemüsekiste ein provisorisches Regal für seine Bücher und benutzte seinen Koffer als Schreibtisch, an dem er den Großteil des Tages saß und zahllose Briefe schrieb. Der Regen machte die Luftfeuchtigkeit im Lager noch drückender. »Schreibst du an Mutter?«, fragte Miriam, während er schrieb. »Ja. Sie wird sehr froh sein, wenn sie erfährt, dass wir gut angekommen und in Sicherheit sind.« »Sie hätte es hier schrecklich gefunden. Es ist wirklich primitiv und der Mangel an Privatsphäre hätte ihr zu schaffen gemacht.« Vor allem die Toiletten. Mutter wäre entsetzt gewesen. Die ungewohnten Geräusche der Tierwelt in diesem öden Landstrich hätten ihr den Schlaf geraubt, so wie es Miriam auch erging. Der 41
Baulärm hätte an ihren Nerven gezehrt. Miriam hatte keinen Luxus erwartet, aber sie fand alles an dem Lager trüb und trostlos, auch das geschmacklose Essen. Trotzdem wusste sie, dass sie dankbar sein sollte, weil sie hier war. Und frei. Abba hörte auf zu schreiben und sah zu ihr auf. »Deine Mutter kommt nach, wenn wir uns eingelebt und ich eine Arbeit und eine Wohnung gefunden habe. Dann machen sich die anderen auch auf den Weg, du wirst schon sehen.« Miriam erinnerte sich an ihre panische Angst, als sie die deutsche Grenze überquert hatten, durch die nassen Felder gestapft waren, bis ihre Füße ganz durchnässt und eiskalt waren, und sich einen Weg durch den düsteren angsteinflößenden Wald gebahnt hatten. Wenn Mutter wüsste, was sie erwartete, würde sie niemals nachkommen. »Glaubst du, es ist in Ordnung, wenn ich Geige übe?«, fragte sie am dritten Tag im Lager. In ihrem winzigen abgetrennten Bereich hatte Miriam vom ersten Tag an mit Panikattacken zu kämpfen gehabt und jetzt hoffte sie darauf, dass es ihr besser ging, wenn sie spielen konnte. »Das fände ich wunderbar. Dieser Ort könnte etwas Musik gebrauchen, um die Stimmung aufzuhellen, meinst du nicht?« Der Regen hatte aufgehört und so suchte Miriam sich einen abgelegenen Platz hinter den Baracken, abseits des Spielplatzes, auf dem die Kinder kreischten und in den Pfützen herumsprangen. Der Druck auf ihrer Brust ließ nach, als sie die Geige aus dem Kasten nahm. Sie spielte die Melodie aus Tschaikowskys Violinkonzert in D-Dur aus dem Gedächtnis und ließ das Instrument an ihrer Stelle weinen. Miriam schloss die Augen und packte all ihre Angst und den Kummer in ihre Musik. Das Hämmern und Sägen verklang im Hintergrund. Als sie einige Minuten später das Ende einer Passage erreicht hatte, fühlte sie sich leichter. Dann ließ ein Rascheln hinter ihr sie herumfahren. Ein junger Mann in den Zwanzigern stand in der Nähe der Baracken, als versuchte er, nicht aufzufallen. »Stört Sie mein Spielen?«, fragte sie. »Ich kann gern aufhören.« »Überhaupt nicht! Bitte spielen Sie weiter. Das klingt so schön.« 42
Sein Lächeln erhellte seine Augen und das ganze Gesicht. Hatte sie an diesem Ort schon einmal jemanden lächeln sehen? »Es ist nur … hier ist so wenig Platz … Ich will niemanden stören.« »Nein, bitte spielen Sie weiter.« Miriam nahm die Geige wieder ans Kinn, wusste aber nicht mehr, an welcher Stelle im Stück sie aufgehört hatte. Mit einem Mal war sie verlegen. »Soll ich lieber gehen?«, fragte der junge Mann. Sie warf ihm noch einen Blick zu. »Nein, das ist nicht nötig … aber ich muss üben, wenn ich in Form bleiben will. Abba glaubt, ich könnte mich bei einem Konservatorium bewerben, wenn wir uns irgendwo niedergelassen haben.« Er kam näher und streckte ihr seine Hand entgegen. »Ich heiße übrigens Avraham Leopold – Avi.« Er hatte dichtes schwarzes Haar und einen Bart und seine Augen hatten die Farbe von starkem Kaffee. Seine hohe Stirn und die Brille mit Drahtgestell verliehen ihm einen gelehrten Anstrich. Er war vielleicht zwei oder drei Jahre älter als Miriam und hatte die Figur eines Langläufers. Sein Lächeln erwärmte sie und sie erwiderte es. »Ich heiße Miriam Jacobs. Mein Vater und ich sind erst vor ein paar Tagen aus Köln gekommen. Woher stammst du?« »Ich habe mein ganzes Leben in Berlin verbracht – bis jetzt.« »Bist du schon lange hier?« Er seufzte so schwer, dass Miriam ihre Frage bereute. »Fast vier Monate. Meine Baracke war noch nicht mal fertig. Und diesen Bart hatte ich auch nicht!« Er grinste und fuhr sich mit den Händen über die Wangen. »Ich versuche, ein Visum für Palästina zu bekommen. Man sagte mir, dass es lange dauern würde. Die Briten haben alle Hände voll zu tun, Hitler zu besänftigen. Sie wollen keinen Ärger in Palästina auslösen, indem sie Juden in ihre Heimat gehen lassen. Was habt ihr vor?« »Ich glaube, mein Vater will hierbleiben in den Niederlanden.« Er schüttelte den Kopf. »Das werden sie nicht erlauben. Dieses Lager wurde für jüdische Flüchtlinge gebaut, aber nur, bis wir einen dauerhaften Platz woanders finden. Deshalb sind wir auch 43
hier draußen, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen. Wir sollen uns nicht unter die Holländer mischen. Die Niederlande sind klein und wir sind so viele, Hunderte. Sie wollen, dass wir weiterziehen.« »Mein Vater hat an seine Professorenkollegen in verschiedenen Ländern geschrieben und versucht, eine Stelle an einer der Universitäten zu finden.« »Ich hoffe, er hat Erfolg. Ich habe Ingenieurwesen studiert, bis sie den Juden das Universitätsstudium verboten haben.« »Bist du mit deinen Eltern hier?« Wieder seufzte er. »Nein, meine Eltern haben das Menetekel nicht erkannt.« »Was meinst du damit?« »Kennst du die Geschichte nicht? Sie steht im Buch des Propheten Daniel.« »Wir sind nicht religiös.« »Das ist meine Familie auch nicht«, erwiderte er lachend. »Das kannst du mir glauben! Aber ich hatte hier viel Zeit, also habe ich in der Bibel gelesen. Die Thora habe ich sogar schon dreimal gelesen. Jetzt bin ich bei den Propheten.« »Papa findet es absurd, dass wir verfolgt werden, weil wir Juden sind, obwohl wir gar nicht religiös sind. Wir feiern nur ganz selten das Passahfest oder die anderen Feiertage. Manchmal haben wir mit Mutters Familie am Freitagabend zusammen gegessen, aber wir essen nicht koscher oder so.« »Das verstehe ich. Meine Familie ist genauso.« Er setzte sich auf die Stufen zur Unterkunft und lud Miriam mit einer Geste ein, sich zu ihm zu gesellen. Sie zögerte, doch dann setzte sie sich, die Geige auf dem Schoß. Avi machte einen netten Eindruck. Und einen Freund konnte sie gebrauchen. »Jedenfalls standen in der Geschichte von Daniel alle Warnungen vor der kommenden Katastrophe glasklar an der Wand, geschrieben wie von Geisterhand. Aber die Leute haben sie nicht verstanden. Und meine Eltern konnten nicht akzeptieren, dass man uns in Deutschland nicht haben will. Dass man uns sogar hasst. Wir haben dort keine Zukunft. Die Verfolgung wird nur 44
noch schlimmer werden, bis … hm, wer weiß, was sie mit uns machen werden. Also bin ich allein geflohen. Wenn ich erst einmal in Jerusalem bin, kann ich den Rest meiner Familie vielleicht davon überzeugen, dass sie nachkommen.« »Mein Cousin Saul will auch nach Palästina auswandern, sobald er wieder gesund ist. Er wurde von ein paar Leuten aus der Hitlerjugend so schlimm zusammengeschlagen, dass sie dachten, er wäre tot. Er sagt, nichts, was ihn in Jerusalem erwartet, kann so schlimm sein wie das, was die Nazis ihm angetan haben. Er wird nicht auf offizielle Einwanderungspapiere warten, sondern will irgendwie auf eigene Faust nach Palästina.« »Vielleicht sollte ich das auch versuchen.« Avi nahm eine Handvoll Kiesel und ließ sie, während sie sich unterhielten, geistesabwesend auf den Boden fallen. »Wie beschäftigen sich die Leute denn sonst hier, während sie auf ein Visum warten oder überlegen, wohin sie gehen sollen – außer mit dem Lesen der Thora?« »Sie haben uns ein Stück Garten gegeben, in dem wir unser eigenes Essen anbauen können. Und wir können dabei helfen, für die Regierung Bäume zu pflanzen. Wie du siehst, sind nicht besonders viele Leute hier.« Miriam blickte auf ihre Hände, in denen sie die Geige hielt. »Ich glaube, das ist beides nichts für mich.« »Ich habe mich freiwillig gemeldet, um Mathematik zu unterrichten, weil sie hier eine Schule aufbauen. Bestimmt wären sie froh, wenn du Musikunterricht geben würdest.« »Das kann ich gerne tun. Was immer mich davon abhält …« Sie zögerte, während sie krampfhaft versuchte, das Bild von ihrer Familie und dem Leben, das es nicht mehr gab, zu verdrängen. »… an andere Dinge zu denken«, beendete sie den Satz. »Ich weiß. Es tut weh, an die Vergangenheit zu denken, oder? Und an alles, was wir verloren haben.« Miriam nickte und Tränen brannten in ihren Augen. Avi lächelte entschuldigend und stand auf. »Ich gehe jetzt und lasse dich üben. Es war schön, mit dir zu reden, Miriam.« Erst nachdem er gegangen war, wurde ihr bewusst, dass die 45
Faust in ihrer Brust sich entspannt hatte, während sie mit ihm gesprochen hatte. Sie konnte wieder atmen.
W Am Ende der ersten Woche, die Miriam im Flüchtlingslager verbrachte, war Avi eine feste Größe bei ihrem täglichen Geigenspiel. Er saß still am Rand und schloss manchmal die Augen, während sie übte. Selbst wenn sie sich in der Musik verlor, war Miriam bewusst, dass er in der Nähe war und ihr zuhörte. Seine stille Heiterkeit ließ sie ruhiger werden. Er und viele andere Flüchtlinge sagten ihr, wie sehr sie ihre Musik genossen, und dankten ihr dafür, dass sie ein wenig Schönheit nach Westerbork brachte. Einmal hatte sie gerade ihr Spiel beendet und packte ihre Geige ein, als Avi sich von seinem angestammten Platz auf der Treppe erhob und auf sie zukam. »Miriam? Ich habe die ganze Woche überlegt, wie ich dir für deine Musik danken kann und für die schönen Stunden, die sie mir beschert hat, und dann ist mir etwas eingefallen.« Er schwenkte ein Buch. »Wenn du nichts dagegen hast, würde ich dir gerne einen Psalm vorlesen.« Er zeigte auf die Stelle, an der er sonst immer saß, und lud sie ein, sich zu setzen. Sein vertrautes warmherziges Lächeln erschien, dann begann er zu lesen: »Herr, höre meine Worte, merke auf mein Seufzen! Vernimm mein Schreien, mein König und mein Gott; denn ich will zu dir beten. Herr, frühe wollest du meine Stimme hören, frühe will ich mich zu dir wenden und aufmerken. Lasse sich freuen alle, die auf dich trauen; ewiglich lass sie rühmen, denn du beschirmest sie. Fröhlich lass sein in dir, die deinen Namen lieben!
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Dieser Psalm handelt von uns, Miriam«, sagte er, als er zu Ende gelesen hatte. »Wir sind Flüchtlinge hier, aber Gott beschirmt uns, beschützt uns.« »Liest du es bitte noch mal?« Das tat er. Die Worte waren eine Zusammenfassung von Miriams unausgesprochenen Gebeten und gaben ihr das Gefühl, dass ihre Tränen bemerkt wurden. Von da an las Avi ihr jeden Nachmittag einen Psalm vor. Miriam freute sich darauf ebenso sehr wie darauf, sich in ihrer Musik zu verlieren. Langsam, trotz all ihrer Verluste, trotz ihrer trostlosen Umgebung, wurden Miriams Panikattacken immer seltener und sie begann, wieder Hoffnung zu schöpfen. Die Psalmisten kannten das Leid und wussten, was es bedeutete, in zuversichtlicher Hoffnung zu warten. Mit unzähligen Fragen, die unbeantwortet blieben, einfach im Warten zu verharren. Sie war in ihrer Einsamkeit nicht allein. Avi war ihr ein treuer Freund geworden.
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5. Kapitel Ans wählte einen Tisch draußen vor dem kleinen Café am Kanal, obwohl am Himmel schwere Wolken hingen. Sie war froh über ein paar ungestörte Minuten, die sie nicht in dem schicken Stadthaus verbrachte und in denen sie nicht der atemlosen, anstrengenden Persönlichkeit ihrer Arbeitgeberin ausgesetzt war. Eloise war nicht in die Schwermut verfallen, vor der Professor Huizenga Ans gewarnt hatte, aber seine Frau lebte in einem so hektischen, unruhigen Rhythmus, dass Ans fürchtete, sie könnte bald mit ihren Kräften am Ende sein. Eloise und sie gingen oft in dieses Café und Jansje, die freundliche junge Bedienung, mit der sie schon häufiger gesprochen hatte, lächelte, als sie zu Ans an den Tisch kam. »Ist deine Mutter heute nicht mitgekommen?« »Entschuldigung? … Ach so … nein, Eloise ist nicht meine Mutter. Ich bin ihre Gesellschafterin. Sie ist heute mit ihrem Mann Kaffee trinken gegangen.« »Tut mir leid, ich hatte angenommen …« »Macht nichts.« »Ihr scheint euch sehr nahezustehen, so wie Mutter und Tochter oder zumindest gute Freundinnen, immer zusammen unterwegs.« »Na ja … wir sind wohl Freundinnen. Manchmal vergesse ich ganz, dass ich eigentlich für sie arbeite. Sie ist sehr gut zu mir und hat mir so viele interessante Dinge gezeigt, dass es sich kaum wie Arbeit anfühlt.« »Darf ich dir das Übliche bringen?«, fragte Jansje. »Ja, danke.« Ans sah der jungen Frau nach, als sie ins Café ging, und mit einem Mal wurde ihr bewusst, wie sehr sie sich nach einer Freundin in ihrem Alter sehnte; nach jemandem, mit dem sie träumen und über alberne, unwichtige Dinge reden konnte, der unkompliziert war, sodass Ans nicht ständig auf der Hut sein 48
musste. »Hast du Zeit, dich einen Moment zu setzen?«, fragte sie, als Jansje mit ihrem Kaffee und dem Gebäck zurückkam. »Ich würde dich gerne etwas fragen.« Jansje warf einen Blick auf die anderen Tische im Freien. »Klar. Nachmittags ist hier nie viel los.« Sie zog sich einen der Metallstühle heran und setzte sich, aber sie rückte automatisch die Zuckerdose und den Aschenbecher und andere Gegenstände auf dem Tisch zurecht, während sie redeten. »Was wolltest du denn fragen?« »Am Samstagabend habe ich frei, da sind meine Arbeitgeber irgendwo eingeladen und ich habe mich gefragt, was man hier so unternehmen kann.« »Willst du Jungs kennenlernen?« »Nicht unbedingt.« Ans lächelte, als sie Jansjes überraschten Blick sah. »Ich meine, ich bin nicht auf etwas Ernstes aus – ich möchte nur Kontakt zu ein paar Leuten in meinem Alter bekommen und mich amüsieren. Ich bin in einem furchtbar öden Dorf auf dem Land groß geworden, wo nie etwas los war. Es ist so klein, dass man einen Jungen nur zweimal anzusehen braucht und schon fängt der ganze Ort an, die Hochzeit zu planen.« Jansje lachte. »Und du mochtest keinen dieser Jungen?« »Sie waren so interessant wie Holzschuhe. Die können doch nur über Kühe und Getreide reden. Aber Leiden ist eine Universitätsstadt. Da muss es doch irgendwo einen Ort geben, wo sich Studenten treffen.« »Tanzt du gerne? Mein Freund Bram und ich gehen manchmal tanzen.« »Du hast einen Freund? Von dem musst du mir erzählen!« Jansje sah zu ihren anderen Gästen hinüber, um sich zu vergewissern, dass sie nicht woanders gebraucht wurde. Sie war ein unscheinbares Mädchen, aber ihr Lächeln, als sie von ihrem Freund sprach, ließ sie hübsch wirken. »Bram und ich wollen heiraten, wenn er mit der Polizeiakademie fertig ist. Ich arbeite hier, um schon mal etwas zu verdienen, damit wir dann ein bisschen Geld haben.« »Wie aufregend!« 49
»Ich kann es kaum erwarten, seine Frau zu werden! Warst du schon mal verliebt?« Ans schüttelte den Kopf. »Das ist herrlich! Wir gehen fast jedes Wochenende tanzen oder aber in einen anderen Klub, um Musik zu hören. Du kannst gerne mal mitkommen.« »Ach, ich will nicht das fünfte Rad am Wagen sein.« Jansje legte den Kopf schief und dachte einen Augenblick nach. »Brams Mitbewohner ist ganz süß. Ich glaube nicht, dass er eine feste Freundin hat. Wie wäre es mit einem Blind Date? Dann könnten wir zu viert ausgehen.« »Wie ist der Mitbewohner denn so?« »Erik ist schon mit der Ausbildung fertig und Polizist hier in Leiden. Er ist eher ruhig und ernst, musst du wissen. Aber du bist so lebhaft und freundlich, dass du ihm bestimmt guttun würdest. Und Erik sieht auch gut aus – obwohl er nicht so attraktiv ist wie Bram«, fügte sie lachend hinzu. Das Angebot machte Ans neugierig. Sie verspürte ein aufregendes Kribbeln, aber vielleicht war es auch ein schlechtes Gewissen. Sollte sie fragen, zu welcher Gemeinde Erik gehörte? Ihre Eltern würden ihr verbieten, mit einem Mann auszugehen, der nicht denselben Glauben hatte – oder, noch schlimmer, der gar nicht in die Kirche ging. Sie trank einen Schluck Kaffee und beschloss, dass es ihr egal war. »Also gut, ich habe nichts dagegen, wenn Erik sich mit mir treffen will.« »Fantastisch! Was soll ich ihm denn von dir erzählen? Abgesehen davon, dass du toll aussiehst.« Dieses Kompliment überraschte Ans und sie merkte, dass ihre Wangen glühten. Sie hatte gelernt, dass man eitel und stolz war, wenn man die eigene äußerliche Schönheit betonte. »Sag ihm einfach, dass ich noch nicht lange in Leiden bin und als Gesellschafterin bei einem Universitätsprofessor und seiner Frau arbeite. Bitte erzähl ihm nicht, dass ich vom Land komme.« Als ein Gast an einem anderen Tisch Jansje zu sich winkte, stand sie auf. »Ich rede heute Abend mit Bram und Erik. Komm morgen wieder vorbei, dann sage ich dir Bescheid, was sie gesagt haben.« 50
Alles wurde schnell arrangiert. Ans sollte Jansje am Samstagabend beim Café treffen, dann würden sie gemeinsam zum Tanzsaal gehen, wo die Männer auf sie warten wollten. Erik Browers erste Worte, als Jansje ihm Ans vorstellte, waren: »Du hast nicht übertrieben, als du gesagt hast, dass deine Freundin toll aussieht! Ich freue mich sehr, dich kennenzulernen, Ans – bevor ein anderer der Glückliche ist!« »Du kannst dich aber auch sehen lassen«, erwiderte sie lachend. »Bist du sicher, dass du nicht schon eine Freundin hast?« Erik war kräftig und gut gebaut, mit breiten Schultern und einem eckigen, attraktiven Gesicht. Sein dichtes welliges Haar war sandfarben und wirkte so faszinierend zerzaust, dass Ans am liebsten mit den Fingern hindurchgefahren wäre. »Nein, ich hatte noch nie eine Freundin.« »Erik ist mit seiner Arbeit verheiratet«, sagte Jansje. »Aber jetzt kommt, wir gehen tanzen.« Sie zog ihren Freund auf die Tanzfläche. Die Wände bebten von der Musik – Swingklänge, wie Ans sie schon im Radio gehört hatte, aber noch nie von einer echten Band. »Möchtest du tanzen?«, fragte Erik sie. »Können wir erst mal ein bisschen zugucken? Um ehrlich zu sein, weiß ich gar nicht, wie das geht, und da möchte ich es mir erst einmal ansehen.« »Kein Problem. Wenn du so weit bist, bringe ich es dir gerne bei.« Erik führte sie zu einem Tisch und bestellte zwei Gläser Amstel. Er hatte etwas Exotisches an sich. Die Bauernjungen zu Hause waren im Vergleich zu ihm langweilig und ungeschickt. Sie meinte einen leichten Akzent in seiner Sprache zu entdecken, konnte ihn aber nicht einordnen. »Bist du in Leiden aufgewachsen?«, fragte sie. »Nein, ich bin erst seit fünf Jahren hier. Geboren bin ich in Bandung auf Java, in Niederländisch-Ostindien.« »Das ist ja spannend! Wie ist es dort?« »Vor allem sehr heiß.« Er hatte ein schüchternes, niedliches Lächeln. »Aber unglaublich grün und schön. Mein Vater war als Beamter der niederländischen Regierung dort, aber vor fünf Jah51
ren ist er gestorben. Er wollte, dass ich in die Niederlande zurückgehe, wo er und meine Mutter geboren wurden.« »Vermisst du Java?« »In mancher Hinsicht schon. Vor allem das Essen. Aber jetzt bin ich in Leiden zu Hause.« »Wieso hast du beschlossen, zur Polizei zu gehen?« »Ich weiß nicht … vielleicht liegt es mir im Blut, dafür zu sorgen, dass alles glattläuft und seine Ordnung hat. Mein Vater war genauso. Es gibt Teile von Ostindien, die im Vergleich zu hier noch sehr ungezähmt sind.« »Willst du irgendwann wieder dorthin zurückgehen und helfen, sie zu zähmen?« »Vielleicht … irgendwann. Aber im Moment gefällt es mir hier sehr gut.« Ans entspannte sich, während sie plauderten, und genoss die Freiheit von ihrer Arbeit, ihr Leben in einer neuen Stadt und die Gesellschaft eines interessanten, attraktiven Mannes. Erik war höflich und einnehmend, aber mit der Zeit fiel Ans auf, dass er sich nie ganz zu entspannen schien. Er wirkte immer aufmerksam und nahm beständig seine Umgebung wahr. Er suchte den Raum mit Blicken ab, so als halte er nach Gefahren Ausschau, und beobachtete andere Leute. »Bist du heute Abend im Dienst?«, fragte sie schließlich. »Oder suchst du jemanden Bestimmtes?« »Ich? … Nein, ich habe heute frei. Warum?« »Du scheinst dich immerzu umzusehen, so als würdest du erwarten, dass irgendetwas passiert.« Er grinste verlegen. »Tut mir leid. Es ist mein Beruf, immer wachsam zu sein und Dinge zu bemerken. Manchmal fällt es mir schwer abzuschalten. Macht dir das etwas aus?« »Eigentlich nicht. Ich war nur neugierig. Bei meiner Arbeit für die Huizengas ist auch ein gewisses Maß an Wachsamkeit notwendig, aber ich bin froh, wenn ich die Gelegenheit habe, meine Pflichten ein paar Stunden lang zu vergessen. Ich wette, du bist ein guter Polizist.« Die Musik wechselte zu einem langsameren Tempo und Erik griff nach ihrer Hand. »Sollen wir es mit dem Tanzen mal ver52
suchen? Jetzt wo die Band ein ruhigeres Lied spielt, ist es einfacher.« »Gerne! Ich werde es probieren.« Erik war ein geduldiger Lehrer und Ans machte das Tanzen Spaß, nachdem sie die Schritte gelernt hatte. Von Erik im Arm gehalten zu werden, war das Beste daran. Er roch herrlich nach geheimnisvollen Gewürzen aus fernen Ländern. Sie hoffte, dass er wieder mit ihr ausgehen würde, und fragte sich, ob es zu gewagt wäre, wenn sie vorschlug, irgendwann einmal gemeinsam ins Kino zu gehen. Sie nahm gerade all ihren Mut zusammen, um es zu versuchen, als zwei Männer an einem Tisch in der Nähe in eine hitzige Debatte gerieten. Erik wurde sofort aufmerksam, als die Stimmen der beiden lauter wurden, und als einer der Männer den anderen wegstieß, ging Erik hinüber, um einzugreifen. »Hey, das hier ist nicht der Ort für Handgreiflichkeiten. Schließlich sind Frauen anwesend. Am besten, ihr geht nach draußen und kühlt euch ab.« Einen Moment lang sah es so aus, als würde einer der Streithähne Erik einen Faustschlag verpassen. Ans hielt die Luft an. Aber angesichts Eriks kräftiger Gestalt und kampfbereiter Haltung überlegte der Mann es sich dann offenbar anders. Schließlich drehte er sich um und stürmte hinaus. »Das hast du sehr gut gemacht«, sagte Ans und atmete jetzt wieder. »Kennst du ihn?« »Ich habe ihn schon ein paarmal hier gesehen. Er trinkt immer zu viel.« »Ich habe dir doch gesagt, dass Erik mit seiner Arbeit verheiratet ist«, sagte Jansje lachend, als sie zu ihnen an den Tisch kam. »Aber ich finde, er hat das wunderbar gemacht«, erwiderte Ans. »Ich wette, irgendwann wird er Polizeichef.« Als der Abend zu Ende ging, nahm Ans Eriks Angebot an, sie nach Hause zu bringen. »Das war schön heute Abend«, sagte er zu ihr. »Würdest du vielleicht noch mal mit mir ausgehen?« »Ich hatte gehofft, dass du das fragen würdest.« »Wie wäre es mit einem Picknick morgen Mittag im Park bei der Burcht?« »Die Burcht? Ich glaube nicht, dass ich dort schon mal war.« 53
»Sie steht in einem der ältesten Teile von Leiden, genau dort, wo zwei Arme des Rheins aufeinandertreffen. Die Burcht war in der Antike eine Festung. Von dort hat man einen herrlichen Blick auf die Stadt.« »Das wäre schön, aber … äh … morgens muss ich mit den Huizengas in die Kirche gehen. Das gehört zu meinen Aufgaben. Können wir uns auch anschließend treffen?« »Natürlich.« Am nächsten Tag aßen sie zusammen Brot und Käse, ausgebreitet auf einer Decke am Kanal. Schwäne und Enten schwammen auf dem Wasser, unbeeindruckt von den Ausflugsbooten, die an diesem friedlichen Sonntagnachmittag vorbeitrieben.
W In den folgenden Wochen war es für Ans und Erik nicht so einfach, Zeiten zu finden, in denen sie sich sehen konnten, aber wenn, dann waren sie immer zusammen. Neben den Tanzveranstaltungen und Picknicks im Park beobachteten sie die Boote auf den Grachten, gingen in kleine Cafés am Rhein und fuhren mit den Fahrrädern über die holprigen Kopfsteinpflasterstraßen von Leiden. Ans führte Erik durch das Gewächshaus im Botanischen Garten und stöberte mit ihm in Leidens Buchhandlungen, wo sie ein Buch mit Fotografien von Eriks Geburtsland Java fanden. Ans stellte Erik Eloise Huizenga vor, als er sie eines Abends abholte, und Eloise erklärte, er sei »ein anständiger und charmanter junger Mann«. An einem schönen Sonntagmorgen bat Ans darum, den Gottesdienst ausfallen lassen zu dürfen, weil Erik und sie mit den Fahrrädern zum Strand bei Katwijk fahren wollten. Erik nahm ihre Hand, als sie durch den Sand am Ufer entlangliefen und den alten Leuchtturm bewunderten. Sie genoss es, seine Hand in ihrer zu fühlen. »Ist das mit dir und Erik was Ernstes?«, fragte Jansje eines Tages, als Ans allein zum Kaffeetrinken ins Café gekommen war. »Ihr seid jetzt schließlich die ganze Zeit zusammen.« »Wir sind nur gute Freunde. So gefällt es uns beiden im Mo54
ment. Wir genießen einfach die Zeit.« Aber Ans konnte nicht leugnen, dass sie ein aufgeregtes Kribbeln verspürte, wann immer sie darauf wartete, dass Erik erschien. Oder dass sie eine tiefe Zufriedenheit empfand, wenn sie neben ihm ging und seine Hand hielt. Sie fing an, sich zu wünschen, er würde sie küssen, und als er es schließlich tat und dabei ihr Gesicht mit seinen starken Händen umfasste und sie seine Finger in ihren Haaren spürte, war es das herrlichste Gefühl, das Ans jemals erlebt hatte. »Das wollte ich schon ziemlich lange tun«, murmelte er und sein Atem kitzelte sie im Gesicht. »Ich auch …« Sie standen im Schatten am Kanal Witte Singel, dessen Wasser sanft ans Ufer schlug, während die Lichter der Stadt sich darin spiegelten. Erik zog sie näher und küsste sie noch einmal und Ans hätte sich am liebsten nie wieder aus seiner Umarmung befreit. Fühlte sich so die Liebe an? Hatte sie sich verliebt? Was auch immer es war – Ans hatte sich noch nie so frei und glücklich gefühlt.
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